Hertha BSC – Werder Bremen 2:2

Werder holt zum Saisonauftakt einen glücklichen Punkt in Berlin. Nach einer schwachen ersten Halbzeit entschließt sich Dutt zu einer riskanten Umstellung, die am Ende Erfolg hat.

Wolf patzt, Hertha dominiert

Die im Pokal verletzten Obraniak und Di Santo standen Dutt wieder zu Verfügung, während Prödl nicht rechtzeitig fit wurde. Die Leidtragenden waren die Nachwuchsspieler Aycicek und Kobylanski, die nicht im 18er-Kader standen. An seiner Startelf nahm Dutt einige Änderungen vor. So durfte der gegen Illertissen schmerzlich vermisste Di Santo im Angriff neben Elia ran. Hajrovic startete dafür auf der 10er-Position, Junuzovic halbrechts in der Raute. Vor der unveränderten Viererkette wurde Kroos der Vorzug vor Gàlvez gegeben. Bei Hertha startete Neuzugang Schieber an der Spitze eines 4-2-3-1.

In der Anfangsphase schaffte es Werder meist, das Spiel der Gastgeber schon auf Höhe der Mittellinie zu zerstören. Das Mittelfeldpressing griff gut und es entstand ein Spiel ohne große Torszenen. Dies änderte sich, als Raphael Wolf sich bei einem Pass auf Beerens verschätzte und anschließend beim abgefälschten Kopfball von Schieber chancenlos war. Den Steilpass muss ein Torwart heutzutage abfangen, Wolf entschied sich für die vorsichtige Variante und wurde dafür bestraft. Nach der Führung kontrollierte Hertha das Spiel bis zur Pause und hatte etliche weitere Torchancen. Werders Defensive zeigte sich mehrfach schlecht organisiert. Auch in Unterzahl fand Hertha häufig den Weg durch die Mitte an den Strafraum. Werder hatte Glück, nach 45 Minuten nicht höher zurückzuliegen, was auch einigen starken Aktionen des ansonsten guten Wolf zu verdanken war. In der Offensive blieb Werder harmlos, konnte nach dem Rückstand kaum noch Bälle in hohen Positionen erobern und versuchte sich erfolglos an hohen Bällen hinter die Berliner Viererkette.

Dutts volles Risiko

Zur Pause entschied sich Dutt zu einer riskanten Umstellung. Er brachte mit Selke eine zweite echte Spitze und nahm mit Kroos seinen einzigen Sechser heraus. Werder spielte nun gegen den Ball ein flaches 4-4-2 mit Hajrovic und Elia auf den Außenpositionen. Bei eigenem Ballbesitz gab Makiadi den Aufbauspieler, der sich häufig zwischen die Innenverteidiger fallen ließ, während Junuzovic im Zentrum einen enorm großen Raum beackern musste. Die sehr offensive Ausrichtung schien angesichts der Defensivprobleme in der ersten Halbzeit unnötig riskant, doch bereits kurz nach dem Wiederanpfiff erzielte Hertha das zweite Tor und Werder brauchte nun einen offensiven Kraftakt.

Es deutete nichts darauf hin, dass Werder noch einmal in das Spiel zurückkommen würde, bis der ansonsten schwache Lukimya eine Freistoß von Junuzovic (dessen Standards für meinen Geschmack nicht genug gewürdigt werden) ins Tor köpfte. Kurz zuvor hatte Werder Glück, dass Kinhöfer Garcias Aktion gegen Hasebe nicht als Tätlichkeit wertete und es bei einer gelben Karte beließ. Diese Phase zeigte gleich mehrfach, dass es im Fußball auch ein Stück weit auf Glück ankommt: Direkt nach Werders Tor hatte Hertha eine Großchance nach einem hervorragenden Konter, die durch einen schlechten Torabschluss zunichte gemacht wurde. Stattdessen dauerte es nur weitere zwei Minuten bis Werder das Spiel ausgeglichen hatte. Garcia eroberte im Gegenpressing den Ball, steckte durch auf Elia, der in dieser Situation das zeigte, was man zu selten von ihm sieht: Eine gute Übersicht. Seine Hereingabe verwertete Di Santo im zweiten Versuch per Kopf.

Fazit: Noch viel zu tun

Nach dem Ausgleich entwickelte sich ein offenes Spiel. Zwar bekam Werder Herthas Angriffe und insbesondere den starken Hasebe nie richtig in den Griff, weil vor der Abwehr oft große Lücken klafften, die die Innenverteidiger mit höchst riskantem Herausrücken schließen mussten, doch konnte Werder nun seinerseits auch die Berliner unter Druck setzen. In dieser Phase verdiente sich Werder das Unentschieden mit großem Kampf und einigen guten Angriffszügen. Über die gesamten 90 Minuten gesehen war Hertha jedoch die deutlich bessere Mannschaft und so sind es aus Sicht der Gastgeber zwei verlorene Punkte, während Werder sich über einen schon nicht mehr für möglich gehaltenen Punkt freuen kann.

Der Punktgewinn sollte die Mannschaft beflügeln und sein Zustandekommen für gute Stimmung sorgen. Dutt hat nun eine Woche Zeit, um weiter an seinem Team herumzubasteln. Es bleibt die Hoffnung, dass er sein Team bald findet und sich innerhalb der nächsten Wochen Automatismen im Offensivspiel bilden, welche man letzte Saison bis in die Schlussphase der Saison vergeblich suchte. Auch defensiv ist man noch ein gutes Stück weg von den konzentrierten Leistungen, die in der Vorsaison zu zehn Spielen ohne Gegentor führten (die Gründe für die insgesamt 66 Gegentore waren hingegen gut zu erkennen). Alles in allem fällt es nach den ersten beiden Pflichtspielen jedoch schwer zu glauben, dass Werder spielerisch im Mittelfeld der Liga einzuordnen sein soll. Der anhaltende Verzicht auf spielstarke Akteure wie Obraniak und Aycicek spricht nicht unbedingt dafür, dass der Schwerpunkt derzeit im spielerischen Bereich liegt. Wichtigste Waffe werden also weiterhin die Standards, das Gegenpressing sowie die Überladungen des linken Flügels sein. Defensiv wird man sich hingegen zwingend verbessern müssen, sonst droht eine weitere Saison im Abstiegskampf.

Ernüchterung trotz Runde 2

FV Illertissen – Werder Bremen 2:3 n.V. (1:1, 1:1)

Werder gewinnt etwas glücklich nach Verlängerung gegen den Regionalligisten FV Illertissen. Dabei enttäuschte das Team eine Woche vor dem Bundesligastart spielerisch auf ganzer Linie. Der erstmalige Einzug in die zweite Pokalrunde seit vier Jahren kann nur ein wenig darüber hinweg trösten.

Robin Dutt wartete mit einer etwas größeren Überraschung auf und ließ Petersen trotz Di Santos Verletzung nur auf der Bank. Werder begann somit ohne klassische Sturmspitze und dafür mit Hajrovic und Elia im Angriff. Das restliche Team begann wie erwartet, wobei Makiadi und Bartels die Halbpositionen im Mittelfeld besetzten und Lukimya für den verletzten Prödl in der Innenverteidigung ran durfte. Illertissen spielte ein 4-5-1, das in der Raumaufteilung zwischen 4-2-3-1 und 4-1-4-1 pendelte.

Problemzone Zehnerraum

Werders Pressing im 4-1-3-2 funktionierte in der Anfangsphase recht gut und man kam zu einigen gefährlichen Aktionen, aus denen auch der Freistoß vor dem Elfmeter zum Führungstor resultierte (Gratulation an dieser Stelle an Hajrovic zu diesem Elfmeter. Von dieser Schusstechnik können sich die meisten seiner Teamkollegen etwas abschauen). Mit zunehmender Spieldauer griff Werders Offensivansatz jedoch immer weniger. Das Gegenpressing ging zu oft ins Leere, insbesondere im Zentrum gelangen kaum einmal Überzahlsituationen durch hohe Ballgewinne. Im Gegenteil waren es oft die Bremer die im Zehnerraum isoliert wurden. Bei vertikalen Anspielen in diesen Bereich fand sich der Passempfänger fast immer gegen 3-4 Gegenspieler wieder, ohne eigene Anspielstation in der Nähe. So hatte Werder keinen Zugriff auf das Zentrum und kam meist nur über hohe Bälle oder Flügelangriffe nach vorne.

Auf der linken Seite lief sich Elia dabei häufig fest und zeigte einmal mehr, dass er kein Freund des Torabschlusses ist. Linksverteidiger Garcia erwischte leider einen seiner schwächeren Tage und konnte trotz einiger guter Flügelläufe wenig in der Offensive bewirken. Rechts zeigte Bartels ein paar gute Ansätze im Dribbling (bei denen er allerdings nicht durchsetzungsstark genug war), war jedoch mit seinen Kernaufgaben auf der Halbposition überfordert. Er stand auch häufig zu hoch, wodurch der defensiv nicht sattelfeste Fritz hinten rechts Probleme bekam. Hajrovic hatte etwas Probleme seine Rolle zu finden und kam selten in Positionen an den Ball, von denen er seine Abschlusstärke einsetzen konnte. Das Aufbauspiel aus der Abwehr war gewohnt langsam und kam im Kombinationsspiel nur selten über die Mittellinie hinaus. Daran konnte auch Gàlvez nichts ändern, der zwar vieles mitbringt, was ein Rauten-Sechser haben sollte, doch letztlich kein ausgemachter Kreativspieler ist. Dass er seine Rolle noch finden muss, zeigte seine durchgängig sehr tiefe Positionierung bei Ballbesitz seine Teams. Die Ballverteilung war ebenfalls verbesserungswürdig. Ihm fehlten allerdings auch Anspielstationen im Zentrum, oft blieb nur der Querpass oder der lange Ball als Option.

Die Standards entscheiden das Spiel

Auch defensiv wirkte Werder nicht wirklich sattelfest. Sinnbildlich war dafür eine Szene kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit, als Wolf und Lukimya sich nach Garcias Querschläger nicht einig waren und Illertissen so eine Großchance ermöglichten. Aus dem Spiel heraus hatte zwar auch Illertissen wenige Torchancen, doch ihre Standardsituationen nutzten die Gastgeber gut und bereiteten Werders Abwehr damit große Schwierigkeiten. Überhaupt waren es die Standards, die in diesem Spiel die größte Offensivgefahr ausmachten. Auch Werder konnte bei eigenen Ecken und Freistößen überzeugen und letztlich machten diese auch den Unterschied aus. Alle drei Bremer Tore fielen nach ruhenden Bällen.

Für meinen Geschmack hielt Dutt etwas zu lange an seiner Linie fest, bevor er die offensichtlichsten Probleme auf dem Feld mit seinen ersten beiden Wechseln anging: Busch kam für Bartels und sorgte für mehr Stabilität auf der rechten Seite, wodurch Clemens Fritz zurück in die Spur fand (abgesehen von seinem schlechten Zweikampfverhalten vor dem 2:3, das leider inzwischen typisch für sein Spiel ist). Im Angriff kam Selke für Makiadi, sodass es im Angriff zumindest einen Zielspieler für hohe Bälle gab. Vorher erinnerte die Offensive an die Versuche mit der Raute im letzten Herbst, als Werder ebenfalls ohne wirkliche Stürmer spielte. In die Loblieder auf Selke kann ich allerdings nicht einstimmen, er hat noch sehr viele wichtige Dinge falsch gemacht. Allerdings hat er unermüdlich versucht etwas zu bewegen, suchte insbesondere auf dem rechten Flügel nach Räumen und wurde mit seinem ersten Treffer für die Profis belohnt. Ob das schon für die Bundesliga reicht, wird man in den nächsten Wochen sehen. Schade fand ich, dass Dutt nicht auf mehr Spielstärke gesetzt hat und Aycicek (trotz Hajrovics Abtauchen auf der Zehnerposition) oder Kobylanski (trotz Elias Harmlosigkeit) keine Chance gegeben hat.

Das Gerede vom Pokalfluch hört nun endlich auf. Zum Feiern war bei Werder jedoch nur wenigen zumute. Letztlich war es nur ein Spiel und es bleibt die Hoffnung, dass Werder in Ulm nur einen schlechten Tag erwischt hat. Jedoch sollte nun klar sein, dass Werder ohne Prödl, Di Santo, Bargfrede und Selassie noch ein gutes Stück entfernt ist von der Form des letzten Frühlings. Nennenswerte Automatismen in der Offensive sind nicht zu erkennen, die Neuzugänge können noch nicht überzeugen und es fehlte gegen Illertissen auch die unbedingte Kampfbereitschaft, mit der Werder einen Großteil der letzten Saison über agiert hat. Die in dieser Saison angestrebte Entwicklung ist nach wie vor möglich, aber Werder wird sie sich hart erarbeiten (und eventuell auch noch mal auf dem Transfermarkt nachlegen) müssen.

Saisonvorschau – Der Trainer

Robin Dutt geht in seine zweite Saison als Werders Cheftrainer und die Vorzeichen sehen besser aus als noch vor einem Jahr. Werder hinterlässt in diesem Sommer nicht mehr den Eindruck eines Vereins, der alles auf den Kopf stellen muss, um die Negativentwicklung der letzten Jahre umzukehren. Es hat sich langsam ein Fundament herausgebildet, auf dem nun aufgebaut werden soll. Vieles wirkt eingespielter, auf und neben dem Rasen. Dementsprechend werden langsam auch die Ziele offensiver formuliert. Daran ändert auch der schwer zu kompensierende Abgang von Aaron Hunt nichts. Nicht mehr der Kampf ums reine Überleben steht im Mittelpunkt, sondern der nächste Entwicklungsschritt, der gemacht werden und an dessen Ende möglichst ein einstelliger Tabellenplatz stehen soll.

Vom Basisarbeiter zum Entwickler

Durch diese veränderte Maßgabe ändert sich auch die Rolle des Trainers. In der letzten Saison wurde immer wieder betont, dass vor allem an den “Basics” gearbeitet werden müsse. Das Team war zwischenzeitlich so verunsichert, dass selbst einfache fußballerische Abläufe nicht mehr funktioniert haben. Der Aufbau einer eigenen spielerischen Identität war zu dieser Zeit noch sehr weit weg. Dies änderte sich im letzten Saisondrittel, als Werder dem Klassenerhalt immer näher kam und Dutt sowohl eine feste Formation als auch eine mehr oder weniger feste Startelf gefunden hatte. Auch wenn in jener Phase nur in Ansätzen schöner Fußball von Werder zu sehen war, konnte man immerhin einen Plan erkennen, wie Werder das eigene Spiel aufziehen wollte. Man könnte auch sagen: Spieler und Trainer haben zusammengefunden.

In dieser Saison stellt sich die Situation anders dar. Dutt und seine Co-Trainer haben sich inzwischen gut im Verein akklimatisiert, kennen die Stärken und Schwächen der Spieler besser und können auf ein etabliertes Mannschaftsgerüst zurückgreifen. Ist also damit zu rechnen, dass Werder in der kommenden Saison vielleicht nicht nur einen sondern sogar zwei Schritte vorwärts (sprich: in Richtung Europa League) macht? Ausschließen muss man diese Möglichkeit nicht, doch es wäre vermessen darauf zu setzen. Zu viele Faktoren müssten dazu zusammenkommen, die sich vor der Saison schlecht prognostizieren lassen.

Unwägbarkeiten und Kadertiefe

Werders Kader ist auf den ersten Blick breit aufgestellt, auf den zweiten Blick lassen sich einige Positionen erkennen, auf denen es mit der Kaderdichte nicht allzu weit her ist, bzw. in denen Werder auf deutliche Leistungssteigerungen der Protagonisten angewiesen ist. Zu nennen wären hier die Außenverteidiger-Positionen, auf denen nur zwei Spieler mit Bundesligaerfahrung zur Verfügung stehen und mit Marnon Busch und Luca Zander zwei hoffnungsvolle Talente dahinter warten. Nicht ganz so eng sieht es im offensiven Mittelfeld  und im Angriff aus, doch auch dort ist die Personaldecke an gestandenen Bundesligaprofis noch dünn. Es braucht wohl nicht viele Verletzungen und Werders Ersatzbank besteht zu 50% aus Nachwuchsspielern. Das muss selbstredend kein Nachteil sein, kann sich im Gegenteil sogar als Glücksfall für den Verein erweisen, wenn Spieler wie Aycicek oder Kobylanski den nächsten Entwicklungsschritt machen. Wenn dieser jedoch ausbleibt – diese Gefahr besteht bei jungen Spielern nun einmal – hätte dies vermutlich größere Auswirkungen auf Werders Saison als bei anderen Vereinen.

Die Stärke der Konkurrenz ist ebenfalls ein Punkt, der eine allzu optimistische Prognose verhindert. Die Teams, die sich mit Werder beim Kampf um die gesicherten Mittelfeldplätze auf Augenhöhe befinden sollten, haben fast alle mehr Geld in ihren Kader investiert als Werder. Bleibt zu hoffen, dass Werder cleverer investiert hat als viele von ihnen und somit dennoch konkurrenzfähig bleibt. Hinter den 5-6 großen Teams, die die internationalen Plätze wohl unter sich ausspielen werden, gibt es eine große Gruppe an Vereinen, die sich um die Plätze 7-16 streiten. Klare Abstiegskandidaten lassen sich diese Saison kaum festmachen. Es dürfte also wieder mal auf Kleinigkeiten ankommen, die den Unterschied zwischen einem gesicherten Mittelfeldplatz und einer Saison in latenter Abstiegsgefahr ausmachen. Um eine realistische Chance auf Platz 9 zu haben, wird Werder ungefähr 45 Punkte benötigen. Das mag nicht wie ein großer Schritt erscheinen, ist in einer Liga mit hoher Leistungsdichte in den unteren zwei Dritteln jedoch auch kein Katzensprung. Voraussetzung dafür ist es, die taktische und spielerische Lücke zu Vereinen wie Mainz oder Augsburg zu schließen.

Defensive und offensive Problemfelder

Die Sorgen um die Defensive sind trotz der erneut viel zu großen Anzahl an Gegentoren etwas geringer geworden. Das liegt zum einen an der geänderten Verteilung der Gegentore: Ein knappes Drittel aller Spiele ging “zu Null” aus, was für Werder in der letzten Saison essentiell für den Klassenerhalt war: In diesen Spielen holte Werder 24 Punkte. Zum anderen liegt es daran, dass Werder den Gegentorschnitt im Verlaufe der Saison deutlich senken konnte. An den letzten 14 Spieltagen gab es 21 Gegentore, also nur noch 1,5 pro Spiel, während Werder an den 20 Spieltagen davor 45 Gegentore kassierte (2,25 pro Spiel).* Der Trend zeigt zumindest in die richtige Richtung und man darf davon ausgehen, dass Werder in der kommenden Saison die Zahl der Gegentore deutlich unter 60 senken kann.

Auch wenn Robin Dutt die Anzahl der Gegentore als Hauptproblem ausgemacht hat, war auch die Anzahl der geschossenen Tore nicht zufriedenstellend: 1,24 Tore schoss Werder pro Spiel, nur vier Teams erzielten weniger – zwei davon stiegen ab. So war man sehr davon abhängig, die Null zu halten. Schaffte man dies nicht, war die Siegwahrscheinlichkeit sehr gering (lediglich drei Spiele mit Gegentor wurden gewonnen). Zwar wurde Werder im letzten Saisondrittel langsam torgefährlicher, doch ist man hier noch nicht auf einem Niveau angelangt, das ausreicht, um einen einstelligen Tabellenplatz anpeilen zu können. Deshalb gilt es nicht nur, die Entwicklung fortzusetzen (was durch Hunts Abgang ohnehin nur begrenzt möglich ist), sondern neue spielerische Elemente in Werders Spiel zu integrieren. Es ist zu begrüßen, dass weiterhin viel Wert auf das Gegenpressing gelegt wird, doch auch das eigene Passspiel sollte verbessert werden. Die extreme Linkslastigkeit und die vielen hohen Bälle in der Spieleröffnung dürften nach und nach weniger werden, wenn Werders Ballrotation im Mittelfeld sicherer wird. Ganz entscheidend wird zudem sein, wie das Team die eigene Torgefahr erhöhen kann. Der Kader ist nicht unbedingt gespickt mit Spielern, denen man eine zweistellige Torausbeute zutraut (der einzige Spieler im Kader, der dies überhaupt je geschafft hat, ist meines Wissens Nils Petersen).

Zwischen Nachwuchsförderung und Mannschaftsentwicklung

Die Torgefahr muss somit auf mehrere Schultern verteilt werden, bzw. die vorhandenen Waffen der Spieler gilt es besser auszunutzen. Wie bringt man besipielsweise Hajrovic möglichst oft in gute Schusspositionen in Strafraumnähe, aus denen er mit seinem starken linken Fuß abschließen kann? Wie nutzt man die Kopfballstärke von Prödl, Galvez, Caldirola und Garcia bei Standards geschickt aus? Kann Di Santo neben einem spielstarken zweiten Stürmer noch ein Goalgetter werden? Diese und einige andere Fragen wird sich Dutt im Sommer gestellt haben. Die Testspiele deuten schon an, dass sich Werders Spielanlage etwas geändert hat und weniger reaktiv ist als letzte Saison. Die ersten Pflichtspiele werden zeigen, ob sie auch unter Druck funktioniert oder der Coach erneut umdenken muss. Dutt ist bekanntlich ein sehr pragmatischer Trainer, was in der letzten Saison ein klarer Vorteil war. In dieser Saison muss er zeigen, dass er die Entwicklung seiner Mannschaft vorantreiben kann.

Von vielen wird Dutt daran gemessen, ob er es schafft, möglichst viele Nachwuchsspieler ins Team zu integrieren. Für mich ist dieses Thema nicht unwichtig, aber im Vergleich zu anderen Aufgaben doch etwas nachrangig. Werders Jugendarbeit krankt(e?) an vielen Stellen und nur der letzte Schritt davon ist die Integration von Talenten in die Profimannschaft. Dutt kann letztlich nur integrieren, was er aus dem Jugendbereich geliefert bekommt und hier klafft gelegentlich eine größere Lücke zwischen der allgemeinen Begeisterung für einen talentierten Jungspieler und dessen tatsächlicher Leistungsstärke. Der Trainer muss seinen gesamten Kader im Blick behalten und die Spieler individuell wie mannschaftlich weiterentwickeln. Die Viererkette kann hier als Beispiel dienen, wie dies aussehen kann: Durch eine veränderte Taktik wurde zunächst der Druck von den spielerisch nicht überragenden Akteuren genommen, so dass diese sich voll auf ihre Stärken konzentrieren konnten. Dies dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, dass sich Prödl und auch Lukimya im letzten Jahr so sehr steigern konnten. Und ohne Spieler wie Luca Caldirola von außen hinzuzukaufen und in Bremen zu entwickeln wird es auch zukünftig nicht gehen, denn ich kann mich an keinen Innenverteidiger von vergleichbarer Qualität erinnern, den Werders Nachwuchs in diesem Jahrtausend hervorgebracht hätte.

In diesem Jahr steht Dutt in der Offensive vor einer ähnlichen Aufgabe. Auf der Suche nach einer spielerischen Identität muss er die richtige Zusammensetzung seiner Offensivabteilung finden, dabei Spieler wie Obraniak und Hajrovic (und eventuell Ruiz) integrieren und gleichzeitig das Leistungsvermögen der Nachwuchsleute richtig einschätzen. Dabei geht er bislang ebenfalls den pragmatischen Weg: Ein Nachwuchsspieler muss besser sein als sein Konkurrent, nur dann spielt er. Nach Talentförderung ihrer selbst Willen klingt das nicht unbedingt. Dieser Punkt unterstreicht, dass Werder noch nicht auf dem Status etwa eines SC Freiburg angekommen ist, der notfalls auch mal ein Jahr in die zweite Liga gehen kann, um mit einer neuen Generation Talente zurückzukehren. Dutt steht unter größerem Ergebnisdruck und muss im Einzelfall abwägen, ob es sich lohnt, einem Nachwuchsspieler längere Einsatzzeiten zu geben, wenn dafür ein aktuell besserer Profi draußen bleibt. Denn nicht ohne Grund wird im Verein immer wieder betont, dass es ein Ziel ist, zukünftig ein Drittel des Kaders aus dem eigenen Nachwuchs zu beziehen. Das dürfte jedoch weniger Dutts Maßgabe für die aktuelle Saison sein als ein langfristiges Ziel für den gesamten Verein. Die jüngsten Entwicklungen der U23 wecken Hoffnung, dass der Verein sich langsam in die Richtung bewegt.

* Der Vergleichszeitraum ist natürlich etwas willkürlich, doch ich habe den Schnitt bewusst zu der Zeit gemacht, da Dutts taktische Marschroute in der Rückrunde langsam zu greifen begann.

Saisonvorschau – Der Kader

Nach den Gedanken zum System nun eine Einschätzung zu Werders Bundesligakader und meinen Erwartungen an die Spieler.

Tor:

Raphael Wolf #1 - Geht nach seiner starken Rückrunde als klare Nummer 1 in die Saison. Es hat mich beeindruckt, wie er trotz fehlender Bundesligaerfahrung zu Werke ging. Wolf ist kein Torwart, der große Phantasie weckt, was die Zukunft angeht, doch seine Unauffälligkeit war in der letzten Saison auch seine Stärke: Er ist ein ruhiger Torwart ohne große Schwächen, auch wenn seine Ballverteilung noch nicht gut ist. Anders als der talentiertere Mielitz hat er keine größeren Leistungsschwankungen und macht somit auch weniger große Fehler. Unterm Strich war das die beste Halbserie eines Werdertorwarts seit vier Jahren und die gilt es nun in der neuen Saison zu bestätigen.

Richard Strebinger #30 - Ins zweite Glied aufgerückt, könnte Strebinger in der kommenden Saison seine ersten Spuren in der Bundesliga hinterlassen. Seine Situation ist dennoch etwas unvorteilhaft: Spielzeit dürfte er nur bei einer Verletzung oder Sperre von Wolf erhalten. Ansonsten kann er sich nur noch im Training und nicht mehr in den Spielen der U23 empfehlen. Von hinten rückt ihm mit Husic ein großes Talent auf die Pelle. Ist Strebinger nur Platzhalter, bis Husic weit genug ist, in den Bundesligakader aufzurücken? Dafür ist er eigentlich zu gut und mit 21 hat er noch seine gesamte Torwartkarriere vor sich. Gut möglich daher, dass er den Abstand auf Wolf in dieser Saison verkürzt und 2015 selbst einen Angriff auf die Position im Bundesligator startet.

Raif Husic #40 - Bislang Eichins Königstransfer in diesem Sommer – zumindest was die Ablösesumme von stattlichen 100.000 Euro angeht (an dieser Stelle bitte beliebigen Fluch gegen Klaus Allofs einfügen). Keine Frage, Husic gehört zu den größten Torwarttalenten seines Jahrgangs, hat bislang alle DFB-Juniorenteams durchlaufen und kurz nach seinem 18. Geburtstag den Sprung in die Startelf von Bayerns Regionalligateam geschafft (ein Torwart, der weiß, wie man gegen Illertissen die Null hält). Schwer vorstellbar, dass Husic sich in den nächsten Jahren gemütlich in der Regionalliga einrichtet und darauf wartet, dass irgendwann einer der Torhüter vor ihm geht. Husic wurde ganz sicher für die Bundesliga geholt und dürfte nach einem Jahr der Akklimatisierung in der U23 am Bundesligakader anklopfen.

Abwehr:

Sebastian Prödl #15 - Vor einem Jahr für viele überraschend zum Abwehrchef ausgerufen, haben Dutt und vor allem Prödl selbst dem Taten folgen lassen. In Dutts System konnte Prödl viele seiner Schwächen ablegen und erspielte sich so viel Sicherheit, dass er in der Rückrunde Werders bester Abwehrspieler wurde. Eigentlich ist er aus Werders Abwehr derzeit nicht wegzudenken, doch es ist nicht unmöglich, dass er am Ende der Transferperiode kein Werderaner mehr ist. Das wäre schade, könnte jedoch angesichts seiner Vertragssituation und Werders knapper Kassen für beide Seiten sinnvoll sein. Mit Gálvez hat Werder den Konkurrenzkampf in der Abwehr erhöht und könnte den Abgang etwas besser kompensieren als vor einem Jahr. Es wäre dennoch sehr schade, Prödl nun, nachdem er endlich bei Werder überzeugt hat, gleich wieder zu verlieren. Wahrscheinlicher ist ohnehin, dass er bleibt und noch ein weiteres Jahr Zeit hat, sich mit guten Leistungen für einen neuen Vertrag zu empfehlen – bei welchem Verein auch immer.

Luca Caldirola #3 - Ein solcher Spieler kann nur Publikumsliebling sein. Kam zu Werder und hat von Beginn an auf und außerhalb des Spielfelds überzeugt. Seine taktischen Fähigkeiten und sein Spielverständnis waren für Werder ungemein wichtig. Er ergänzt sich sowohl mit Prödl als auch mit Garcia sehr gut, hat ein tolles Stellungsspiel und macht für sein Alter erstaunlich wenige Fehler. Größtes Manko war (neben der mangelnden Schnelligkeit) in der vergangenen Saison noch die Spieleröffnung, die er meistens Prödl überließ, obwohl sie doch zu seinen Stärken gehören sollte. In diesem Bereich muss er sich in der kommenden Saison noch steigern, erst recht wenn Werder wieder kombinationsstärker werden will. Ansonsten ist er auf dem Weg, ein sehr kompletter Innenverteidiger zu werden.

Alejandro Gálvez #4 - Wie kann Werder solch einen Spieler ablösefrei verpflichten? Das war die erste Frage, die sich mir im Winter stellte, als durchsickerte, dass der Transfer nur noch Formsache sei. Gálvez ist ein Verteidiger, der nahezu alles beherrscht, was ein Defensivspieler können muss: Gutes Stellungsspiel, gepaart mit großer Zweikampf- und Kopfballstärke, guter Grundtechnik, starkem Passspiel und einer super Übersicht. Wenn man eine Schwäche sucht, dann am ehesten sein manchmal etwas zu hartes Einsteigen, das ihm zu viele gelbe Karten einbringt. Er hat sich aber trotzdem ganz gut im Griff und wandelt nur selten an der Schwelle zum Platzverweis. Seine Verpflichtung macht es Dutt schwer, einen der drei Innenverteidiger draußen zu lassen – und öffnet taktisch ganz neue Möglichkeiten, etwa ein 3-5-2 oder eine Raute mit Galvez als tiefem Sechser. Wenn Gálvez bei Werder das abruft, was er in Spanien gezeigt hat, werden wir viel Freude mit ihm haben.

Assani Lukimya #5 - Er ist der Leidtragende der Gálvez-Verpflichtung. Anders als erwartet steht er jedoch nicht kurz vor dem Absprung, sondern nimmt die verschärfte Konkurrenzsituation an. Sollte Gálvez tatsächlich im Mittelfeld auflaufen (wonach es aussieht), wäre Lukimya nicht weiter von einem Einsatz entfernt als in der letzten Saison. Gleiches gilt für eine mögliche Umstellung auf eine Dreierkette. Lukimya selbst konnte im letzten halben Jahr seinen Status als Fehlerteufel ein wenig ablegen und zeigte einige wirklich starke Leistungen. Fußballerisch bleibt er beschränkt, doch wenn er sich auf seine Stärken besinnt, die im direkten Spiel gegen den Mann liegen, ist er allemal ein adäquater Ersatzmann für die Viererkette.

Oliver Hüsing #25 - Was kann man dem 21-Jährigen Nachwuchsmann zutrauen, der nun fest in den Profikader aufrückt? Nominell ist er Innenverteidiger Nummer 5 und somit weit von Bundesligaeinsätzen entfernt. Er dürfte daher überwiegend in der U23 auflaufen. Doch im Fußball kann es auch sehr schnell gehen, Hüsing wäre letzte Saison bestimmt schon Thema für den Spieltagskader gewesen, hätte ihn nicht ein Mittelfußbruch den Großteil der Hinrunde gekostet. Hüsing ist zudem taktisch flexibel einsetzbar und könnte im Notfall auch auf den nicht gerade üppig besetzten Außenbahnen zum Einsatz kommen. Mit Gálvez im Mittelfeld wäre er auch nicht weit von einem regelmäßigen Kaderplatz entfernt.

Clemens Fritz #8 - Der Kapitän geht wohl in seine letzte Saison, auch wenn schon wieder über eine Fortsetzung seines Vertrags über 2015 hinaus diskutiert wird. Für viele Fans ein Horrorszenario. Im Trainerteam und dem Vernehmen nach auch in der Mannschaft ist Fritz jedoch weiterhin hoch angesehen. Seine Rolle als Integrationsfigur und Bindeglied zwischen Trainer und Spielern stehen öffentlich weniger zur Diskussion als seine Leistungen auf dem Platz, wo Fritz schon seit längerem nicht mehr so überzeugt, dass man ihn als Führungsspieler bezeichnen könnte. Spielt wie gewohnt eine starke Saisonvorbereitung. In den letzten beiden Jahren zeigte die Leistungskurve nach ein paar Spieltagen dann jedoch nach unten. Am Ball hat Fritz immer noch seine Stärken, defensiv ist er der Schwachpunkt der Bremer Viererkette. Umso wichtiger für Werder, dass man in dieser Saison den Übergang schafft und Luca Zander oder Marnon Busch als Nachfolger aufbaut.

Luca-Milan Zander #19 - Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird Zander durch eine Verletzung beim Angriff auf den Profikader gestoppt. Eigentlich sollte er innerhalb der nächsten sechs Monate soweit sein, dass er sich den Stammplatz hinten rechts sichern könnte. Seine Bewegungsabläufe sind schon sehr schick und er scheint weitaus mehr zu sein, als eines der vielen Talente, die einzig wegen ihrer Jugend ins Team gewünscht werden. Problem scheint vor allem die Physis zu sein, die für ihn bislang zum Stolperstein wurde. Hat seine Position als Backup hinter Fritz dadurch erstmal an Marnon Busch verloren, ist aber der talentiertere der Beiden.

Marnon Busch #38 - Gegen Chelsea spielte er sich zum ersten Mal ins Rampenlicht. Mit seiner Schnelligkeit ist Busch ein Spieler, der sofort ins Auge fällt. Kann dadurch auch die eine oder andere Schwäche im Stellungsspiel ausgleichen, was langfristig aber kein Vorteil ist. Physisch für einen Spieler seines Alters schon sehr weit. Leider sehr “einfüßig”, ansonsten aber ein Spieler mit guten Anlagen, der Fritz in dieser Saison Druck machen kann.

Santiago Garcia #2 - Die Linksverteidigerposition ist die einzige, die rein formell nicht doppelt besetzt ist (Caldirola dürfte hier wohl der Ersatzmann sein, wenn Garcia verletzt ist). Garcia spielt also ohne wirkliche Konkurrenz, wenngleich auch der abgewanderte Lukas Schmitz letzte Saison nur ein inadäquater Ersatz und keine Konkurrenz war. Garcias Leistungen stimmen jedenfalls und an seiner Disziplin hat er ebenfalls gearbeitet. Nach seiner ärgerlichen Sperre letzten Winter kassierte er nur noch zwei gelbe Karten. Knüpft er an diese Leistungen an, wird es auch in der kommenden Saison kein Gerede mehr über Werders Probleme bei der Verpflichtung von Linksverteidigern geben.

Mittelfeld:

Philipp Bargfrede #44 - Hat sich in der letzten Saison nach seiner Verletzung als Stamm-Sechser in der Raute etabliert. Setzte damit das fort, was er vor drei Jahren schon einmal geschafft hatte, bis ihm eine Verletzung einen Strich durch die Rechnung machte. Nun geht er erneut verletzt in die Saison, weshalb es schwierig ist, seine Rolle zu bewerten. Früher oder später wird er sich zurück in die Startelf kämpfen, wenn er fit ist und bleibt. Ist nicht der ganz große Stratege, aber dennoch ein sehr brauchbarer Sechser, auch in einer Raute. Könnte auch auf der rechten Halbposition spielen, falls Gálvez sich als Sechser festspielt. In einer Doppelsechs sowieso. Bei ihm alles nur eine Frage der Fitness.

Felix Kroos #18 - Der Vertrag mit ihm wurde verlängert und er hat in der letzten Saison angedeutet, dass er ein guter Ballverteiler vor der Abwehr sein kann. Das heißt aber auch: Er ist es noch nicht. Kroos muss weiter an seinem Passspiel und seiner Übersicht feilen, denn er hat alle Anlagen dazu. Körperlich muss er noch etwas robuster werden und vor allem seinen Körper cleverer einsetzen. Im Zweikampfverhalten stellt er sich noch zu ungeschickt an, begeht zu viele unnötige Fouls. Das hängt auch mit seinem Stellungsspiel zusammen. Wenn er dazulernt, kann er in ein bis zwei Jahren mit 50% weniger Zweikämpfen auskommen und dennoch mehr Bälle erobern. Wird regelmäßig seine Chancen bekommen.

Cedrick Makiadi #6 - Ganz so verkorkst, wie häufig dargestellt, war seine Saison nicht. Die Rolle, die ihm zugedacht war, konnte er jedoch nicht erfüllen. Das lag auch daran, dass Makiadi zu oft in die Position des Ballverteilers gedrängt wurde, die ihm nicht liegt. Der Sprung von Freiburg, wo er in einem etablierten und perfekt eingespielten System in der Rolle als Box-to-Box-Spieler glänzen konnte, zu Werder, das sich in der Findungsphase befand, war für ein nicht leicht. Ein Führungsspieler war er daher nicht, könnte dies aber ein Jahr später noch werden. Seine Tendenz ging im letzten Saisondrittel klar aufwärts, als er Bargfrede hinter sich hatte. Muss sich aber weiter steigern, um seinen Platz im Team zu behaupten. Als Achter in der Raute gut aufgehoben.

Theodor Gebre Selassie #23 - War vor einem halben Jahr schon abgeschrieben. Als Außenverteidiger mit zu vielen Fehlern in der Defensive, insbesondere im Stellungsspiel. Eine Reihe weiter vorne lief es dann besser, zunächst als Einwechseloption im 4-2-3-1, dann als Stammkraft in der Raute. Nach vorne hat er viele gute Ideen und kann diese aus dem Mittelfeld besser einbringen. Defensiv auch dort nicht ganz sattelfest, obwohl er sich gut mit Clemens Fritz ergänzt. Ist ein Kandidat für die Startelf, zumindest aber für die ersten 14.

Julian von Haacke #26 - Ein weiterer Nachwuchsmann mit Verletzungsproblemen. Ein Kreuzbandriss stoppte von Haacke auf dem Weg in den Profikader und wird ihn noch mindestens bis zum Herbst aus dem Spiel nehmen. Ein Thema für die Profis wird er daher frühestens wieder zur Rückrunde, wenn er bis zum Wintertrainingslager wieder voll auf der Höhe ist. Wäre dann ein passsicherer Kandidat fürs defensive Mittelfeld oder die Halbpositionen der Raute.

Zlatko Junuzovic #16 - An ihm scheiden sich die Geister. Viele reduzieren ihn auf seine Lauf- und Kampfbereitschaft, doch er ist auch immer noch ein offensiv denkender und technisch starker Mittelfeldspieler. Als 10er in Werders Raute gefällt er mir dennoch nicht so richtig, dafür fehlt es ihm an Präsenz und Laufwegen im letzten Drittel. Als Sechser ist er mir wiederum zu ungestüm und verfügt über zu wenig Raumgefühl. Bleibt also eigentlich nur die ungeliebte Halbposition in der Raute, wo er einen verkappten Spielmacher geben kann, aber dessen Last nicht alleine auf seinen Schultern trägt – ein wenig wie Krisztian Lisztes ab 2002. Solange Obraniak auf der 10 nicht überzeugt, wird er aber auch immer ein Kandidat für die Position hinter den Spitzen bleiben.

Ludovic Obraniak #7 - Bislang war er eine Enttäuschung, doch sein Einstieg bei Werder war vom Zeitpunkt her alles andere als optimal. Wirklich beurteilen kann man ihn erst nach Ende seiner ersten richtigen Vorbereitung mit dem Team. Die Wasserstandsmeldungen lesen sich nicht unbedingt positiv. Er scheint weiterhin unzufrieden zu sein und dürfte auf einen Wechsel drängen, wenn er sich in den nächsten Monaten keinen Stammplatz erspielt. Muss dafür hart an sich arbeiten, denn eigentlich kann Werder auf seine technischen Qualitäten nicht verzichten. Im aktuellen System wäre er als 10er oder als offensiverer der beiden 8er denkbar. Für letztere Rolle müsste er noch mehr an seinem Defensivverhalten arbeiten. Kann immer noch ein großer Gewinn für Werder werden.

Fin Bartels #22 - Ein vielseitiger Spieler, der auf mehreren Positionen gut eingesetzt werden kann: Linksaußen, hängende Spitze, auch als 10er in einer Kontertaktik – auf der Halbposition der Raute hätte ich ihn allerdings nicht gesehen. Dort kam er jedoch gegen Bilbao und Chelsea zum Einsatz und machte seine Sache nicht schlecht, zeigte aber auch, dass es ihm dafür noch etwas an defensivem Geschick mangelt. Bislang sehe ich Bartels eher in der Rolle des flexiblen Ergänzungsspielers, doch er dürfte nicht nur bei Verletzungen von Kollegen zu regelmäßigen Einsätzen kommen.

Levent Aycicek #21 - Endlich ist er mal längere Zeit verletzungsfrei und kann seinen Sturm auf die Bundesliga beginnen. Bis dahin ist es aber trotz allem Talent noch ein weiter Weg, schon allein, weil man einen Spieler mit Ayciceks Verletzungshistorie nur schrittweise an den Profifußball heranführen sollte. Er hat quasi die gesamte A-Jugend verpasst und die Zweifel, dass sein Körper die Strapazen des Bundesligafußballs mitmacht, sind noch nicht ausgeräumt.  Verständlich daher, dass man ihn letzte Saison über die U23 aufgebaut hat. Macht sein Körper mit, wird sich seine Qualität durchsetzen. Dann ist er nicht nur Kandidat für den 18er-Kader sondern bis Ende der Saison auch für die Startelf. Ob als 10er, Außenspieler, hängende Spitze oder offensiver Achter wird sich zeigen.

Mehmet Ekici #10 - Er steht ganz oben auf der Liste mit Spielern, die Werder gerne verkaufen möchte. An einen Durchbruch Ekicis möchte nach drei enttäuschenden Jahren niemand mehr glauben und es wäre im Interesse beider Seiten, wenn eine Trennung bis zum 31.8. noch erfolgen sollte. Ansonsten wird er Werders teuerster Tribünengast.

Angriff:

Franco Di Santo #9 - Hat sich im Laufe der letzten Saison deutlich gesteigert. Durfte allerdings auch erst im Laufe der Rückrunde wirklich in der Spitze ran. Bringt vieles mit, was ein Stürmer haben sollte und kann als einziger aus dem derzeitigen Kader ganz vorne Bälle behaupten. Zu einem wirklich guten Mittelstürmer fehlt ihm noch ein wenig, doch wenn er die Entwicklung der letzten Rückrunde fortsetzt, kommt er dort bald hin. Dann wäre auch ein System mit nur einer Spitze wieder eine echte Alternative für Dutt.

Nils Petersen #24 - Bei kaum einem Spieler bin ich so zwiegespalten. Petersen hat durchaus seine Qualitäten im Torabschluss und ist aufgrund seiner Torgefahr für Werder nicht unwichtig. Gegen den Ball ist er gut, er setzt sich voll für das Team ein und ist ein äußerst positiver Typ. Doch ich kann mich mit seiner Spielweise weiterhin nicht anfreunden, er ist einfach kein moderner Stürmertyp. Mit dem Rücken zum Tor ist er schwach, er behauptet zu wenig Bälle, hat selten gute Laufwege und technisch ist er recht limitiert. Als alleinige Spitze daher unbrauchbar, aber auch in einem Angriffsduo nur in Kombination mit einem spielstarken Partner wirklich zu gebrauchen. Für eine klare Nummer 2 hinter Di Santo eigentlich zu teuer.

Davie Selke #27 - Ist durch die U19-EM momentan in aller Munde. Seine Leistung sollte man eher anhand der Saison in der Regionalliga beurteilen als anhand eines Turniers gegen Gleichaltrige. Dort muss man zu dem Schluss kommen, dass es für Selke noch nicht ganz reicht, um zum neuen Shooting Star der Profis zu werden. Dennoch hat Selke großes Potenzial, muss sein Spiel allerdings etwas umstellen, weniger auf physische Vorteile setzen, die er im Herrenfußball nicht mehr hat. Er geht viele Wege und erwischt dabei auch immer mal wieder den Richtigen. Etwas mehr Cleverness kann er sich dabei noch aneignen. Seine mangelnde Grundtechnik könnte zum Stolperstein werden, aber die muss er durch andere Qualitäten ausgleichen. Ein weiteres Jahr in der U23 mit Training bei den Profis wird ihm guttun und Aufschluss über seine tatsächliche Leistungsfähigkeit geben.

Martin Kobylanski #20 - Er ist schon einen Schritt weiter als Selke, daher ist es schade, dass er wohl verliehen werden soll. In der letzten Saison machte er einen riesigen Fortschritt, den ihm viele nicht zugetraut hätten. Ist technisch gut und hat vor allem einen starken Abschluss aus vielen Positionen, der ihn von den anderen Stürmern abhebt. Eine Saison in der zweiten Liga wäre für seine Entwicklung aber sicherlich besser, als weiter in der Regionalliga zu spielen. Solange mit Di Santo, Elia, Hajrovic und Petersen vier Stürmer vor ihm stehen, ist der Weg ins Profiteam zu lang, um dort regelmäßig eingesetzt zu werden.

Joseph Akpala #35 - Steht ebenfalls weit oben auf der Verkaufsliste. Ohne seine Verletzung wäre er wohl kaum noch bei Werder. Nimmt seine Situation sehr professionell an und kann sich hoffentlich noch bis Ende des Transferfensters für einen anderen Club empfehlen. Bei Werder spielt er keine Rolle mehr.

Eljero Elia #11 – War letzte Saison die Notlösung als hängende Spitze, weil Dutt keinen spielstarken Stürmer in den eigenen Reihen hatte. Zeigte dann einige ansprechende Leistungen und kann auch in der kommenden Saison ein Gewinn für Werder sein. Eine weitere Steigerung muss allerdings her, nicht nur um das eigene Preis-Leistungsverhältnis auszugleichen. Im Rautensystem ist sein Konkurrent um den zweiten Stürmerplatz Izet Hajrovic, den Werder sicher nicht für die Bank verpflichtet hat. Doch wenn Elia den Konkurrenzkampf annimmt, wonach es derzeit aussieht, dann hat er durchaus Chancen auf einen Stammplatz.

Izet Hajrovic #14 - Ein großer Coup von Thomas Eichin, den jungen Bosnier ablösefrei zu verpflichten. Um Hajrovics Stärken zu beschreiben, werden gerne Vergleiche mit Arjen Robben, Marco Reus und Kevin De Bruyne angestellt. Diese Namen wecken hohe Erwartungen, doch man wird ihn bei Werder realistischer einschätzen können. Unübersehbar ist seine große Stärke beim Dribbling von der Außenbahn in die Mitte und beim Torabschluss mit dem linken Fuß. Wie gut er diese Qualitäten einbringen kann, wird auch von seinen Mitspielern abhängen. Einen torgefährlichen Außenstürmer hatte Werder jedenfalls schon lange nicht mehr. Im Rautensystem wird sein Spiel ohne Ball auf der Position des zweiten Stürmers noch mehr gefordert sein als auf dem Flügel. Unter normalen Bedingungen für Werder eine große Bereicherung, sobald er seinen Fitnessrückstand aufgeholt hat.

Özkan Yildirim #17 - Ein gebrauchtes Jahr liegt hinter ihm, sein Körper spielt einfach nicht mit. Für mich wäre Yildirim ein klarer Kandidat für eine Leihe, denn ich sehe derzeit keinen Weg für ihn ins Team. Rückblickend betrachtet machen selbst seine Leistungen in der Rückrunde der Saison 2012/13 nicht wirklich große Hoffnung, dass er sich bald in der Bundesliga etabliert. Seiner Dribbelstärke und Schnelligkeit stehen taktische Defizite und Langsamkeit im Passspiel gegenüber. In ein Rautenmittelfeld passt er so nicht und um die Position als zweiter Stürmer streiten sich mindestens drei bessere Spieler als er.

Gedanken zu Werders System 2014/15

Wohin geht die Reise bei Werder in dieser Saison? Im Verein gibt man sich betont optimistischer als in der letzten Saison. Ein Mittelfeldplatz soll her, möglichst ein Einstelliger. Die Zeichen dafür sehen trotz des Abgangs von Aaron Hunt nicht schlecht aus. Mit Galvez und Hajrovic hat Eichin zwei starke Transfers zum Nulltarif eingetütet und dazu mit Bartels eine brauchbare Alternative verpflichtet. Das Gerüst des Kaders steht, auch wenn es noch Positionen gibt, auf denen Werder etwas dünn besetzt ist. In der zweiten Reihe wird es daher auch darauf ankommen, dass zwei bis drei Spieler aus dem Nachwuchs den Anschluss schaffen. Aussichtsreichste Kandidaten hierfür sind Zander und Aycicek, aber auch dem bei der U19-EM auftrumpfenden Selke kann man Chancen einräumen.

Eine sehr wichtige Frage ist auch, wie Robin Dutt in der kommenden Saison das Team taktisch weiterentwickeln möchte. In der letzten Saison war viel Basisarbeit gefragt, deren Erfolg erst gegen Ende der Saison sichtbar wurde. Darauf gilt es nun aufzubauen. Präferiertes System scheint dabei weiterhin die im letzten Saisondrittel gut funktionierende Raute zu sein. In der Vorbereitung wurde auch schon mit einer Dreierkette getestet, die spätestens seit der WM wieder im Mainstream angekommen ist. Möglich ist auch, dass Dutt ohne Hunt auch noch einmal sein früher präferiertes 4-3-3/4-3-2-1 auspackt. Ein 4-2-3-1 scheint hingegen eher unwahrscheinlich.

Dutts Raute

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Es ist noch nicht lange her, dass die Raute als Auslaufmodell galt, vor allem in Bremen. Das lag natürlich vor allem an Werders Defiziten in den letzten Jahren unter Schaaf, die allerdings nicht nur im Rautensystem, sondern auch im 4-2-3-1 und 4-1-4-1 zum Vorschein kamen. In der letzten Saison zeigte sich dann auch in Bremen, dass Raute nicht gleich Raute ist. Vor allem im Spiel gegen den Ball wurde dies deutlich, namentlich im Pressing und Gegenpressing. Die Raute wird nun ähnlich wie bei Tuchels Mainzern dazu verwendet, den Gegner früh auf eine Seite zu locken und dort anzupressen. Die Überzahl im Zentrum (bspw. gegen ein 4-2-3-1) wird für mehr Kompaktheit genutzt. Das von mir in der Vergangenheit gerne kritisierte Loch vor der Viererkette taucht nur noch selten auf.

Dennoch lässt die Raute der letzten Saison noch Wünsche offen. Das Flügelspiel war bestenfalls durchschnittlich, wobei die Stürmer gegen Ende der Saison hier klar aufsteigende Tendenz zeigten und häufiger im richtigen Moment den Weg auf die Flügel suchten. Hier steht Dutt nun vor der Frage, ob er die Außenverteidiger noch offensiver agieren lassen will (wie vor einem Jahr versucht) oder lieber auf eine konservativere Ausrichtung setzt. Letzte Saison spielte Garcia häufig offensiver als Fritz auf der anderen Seite, sodass eine Asymmetrie entstand, die sich mit Werders linkslastiger Ausrichtung deckte. Luca Zander böte auf der rechten Seite sicherlich andere Möglichkeiten, was das Offensivspiel angeht.

In Ballbesitz lässt sich der Sechser häufig zwischen die Innenverteidiger fallen, so dass im Aufbau ein 3-4-1-2 entsteht. Spielen beide Außenverteidiger offensiv, kommt es nicht nur auf die Abstimmung mit den außen absichernden Innenverteidigern an – die links mit Caldirola und Garcia schon sehr gut funktioniert – sondern auch auf die Rolle der beiden Achter. Ihnen kommt in dieser Auslegung der Raute die wohl wichtigste Funktion im Team zu. Sie müssen sowohl die Flügel als auch den Sechser absichern, situativ in die Spitze vorstoßen, die richtige Balance beim Pressing finden und zum Überladen die Seiten wechseln. Für Dutt besteht die Herausforderung darin, die richtige Mischung aus kreativen und destruktiven Spielern zu finden. Wohl auf keiner Position hat er soviel Auswahl: Mit Bargfrede, Makiadi, Selassie, Obraniak, Aycicek, Junuzovic und Bartels kommen gleich sieben Spieler für zwei Positionen in Frage.

Das Aufbauspiel, das letzte Saison zwar gute Ansätze zeigte, jedoch kaum weiterentwickelt wurde, ist eine weitere Baustelle. Spielerisch war das Mittelfeld zu schwach, um per Kombinationsspiel ins Angriffsdrittel zu gelangen. Die langen Bälle auf den linken Flügel erwiesen sich als probates Mittel, waren jedoch eher aus der Not geboren und machten Werder sehr ausrechenbar. Das soll in der neuen Saison anders werden. Der Schlüssel hierzu ist in der Raute der Sechser, der von ganz hinten die Bälle verteilt und somit das Aufbauspiel dirigiert. Hier steht mit Kroos ein talentierter, aber noch kein richtig guter Ballverteiler zur Verfügung. Bargfredes Passspiel ist besser als von vielen behauptet, aber er hat seine stärken eher im Kurzpassspiel als in der strategischen Spieleröffnung. Gut möglich daher, dass Dutt hier auf Neuzugang Galvez setzt, der von einem der passsichersten Vereine Europas kommt. Dies wird auch davon abhängen, ob Prödl noch verkauft wird und Glavez in der Innenverteidigung benötigt wird. Seine Ansätze im Testspiel gegen Bilbao waren jedenfalls vielversprechend.

Das Weltmeister-System

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Auch wenn es in nahezu allen deutschen Medien ab dem Viertelfinale falsch dargestellt wurde: Deutschland spielte bis zu Kramers Verletzung im Finale bei der WM durchgängig ein 4-3-3. Nun ist Werder in puncto Passspiel und Pressingresistenz nicht annähernd auf vergleichbarem Niveau wie die Nationalmannschaft und kann sich deren Spielweise nicht als Vorbild nehmen. Dutts 4-3-3/4-3-2-1 System, mit dem er bei Freiburg, Leverkusen und auch zu Beginn in Bremen agieren ließ, weist dennoch einige Parallelen zum deutschen WM-System auf. Hierzu zählen die Asymmetrie auf dem Flügel, die einrückenden Außenspieler und der Fokus auf die Kontrolle des Zentrums. In der letzten Saison konnte Dutt seinen wichtigsten Offensivspieler Aaron Hunt nicht sinnvoll in dieses System einbauen. Zudem verfügte er nicht über einen geeigneten Mittelstürmer für ein Ein-Stürmer-System. Nach Hunts Abgang und Di Santos Formanstieg scheint der Weg für das 4-3-3 in dieser Saison frei zu sein. Gegenüber der Raute hat das System den Vorteil, dass die Flügel in der Offensive besser genutzt sowie Elia und Hajrovic gemeinsam eingebaut werden können.

Das 4-3-3 dürfte wohl vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn in der Raute keiner der Kandidaten für die 10er-Position überzeugen kann und man ein direkteres Spiel über die Flügel bevorzugt. Defensiv ändert sich durch die 4-3-Stellung von Abwehr und Mittelfeld nicht viel, doch das System hat den Vorteil, dass aufrückende Außenverteidiger einen direkten Gegenspieler haben. Anders als in Schaafs 4-1-4-1 vor zwei Jahren gehen die Außenstürmer jedoch nicht mannorientiert jeden Weg mit, sondern es wird insgesamt schmaler gestanden und der Gegner erst dann gestellt, wenn der Ball bereits auf dem Flügel ist (vgl. Pressingfalle). Auch schalten sich die Achter nur selten ins Angriffspressing ein.

Schwachpunkt des Systems ist die Vernachlässigung des 10er-Raums. Hier muss es zwischen Außenstürmern und Achtern eine gute Abstimmung geben, da ansonsten eine Lücke im offensiven Zentrum klafft und der Mittelstürmer isoliert wird. Wie man es richtig macht, zeigte bspw. Atletico Madrid in der letzten Saison, die in einem flachen 4-4-2 trotzdem ständig Anspielstationen im Zehnerraum schufen. Defensiv kann die Formation dann problematisch werden, wenn sich die Außenstürmer unzureichend am Defensivspiel beteiligen und der Gegner das Dreiermittelfeld auseinander ziehen kann.

Experiment Dreierkette

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Der Taktiktrend der WM hinterlässt Spuren im Vereinsfußball: Louis Van Gaal versucht gerade sein 3-5-2-System zu Manchester United zu importieren und Pep Guardiola experimentiert wie vor drei Jahren in Barcelona mit einem 3-4-3. Nicht weiter verwunderlich also, dass auch bei Werder ein System mit Dreierkette diskutiert wird, zumal man mit Galvez einen passstarken Innenverteidiger verpflichtet hat, der eigentlich zu stark für die Ersatzbank ist. Neben der Option, Galvez im defensiven Mittelfeld einzusetzen, bleibt auch die Möglichkeit, ihn zwischen Prödl und Caldirola als dritten Innenverteidiger aufzubieten. Im Spielaufbau dürfte dies auch in den anderen Systemen häufig zu dieser Aufstellung kommen, warum also die Abwehr nicht gleich zu einer Dreierreihe umformieren?

Besonders wichtig ist in diesem System die Rolle der Außenspieler, Wingbacks genannt, die sowohl in der Offensive für die Breite sorgen als auch defensiv die Dreierkette unterstützen müssen. Ihre Rolle ist der in einer Raute nicht unähnlich, nur dass sie noch mehr offensive Verantwortung tragen und defensiv zumindest theoretisch besser durch die Innenverteidiger abgesichert werden können. Garcia liegt diese Spielweise sicherlich eher als Fritz, sodass neben Newcomer Zander auch Gebre Selassie eine Alternative als rechter Wingback wäre. Das Risiko eines solchen Systems besteht darin, dass man von passsicheren Gegnern mit starken Außenstürmern weit nach hinten gedrängt werden kann und dann Probleme bekommt, das 5-3-2 wieder aufzulösen. Im Extremfall werden auch noch die Sechser weit nach hinten gedrängt (wie es etwa den Niederlanden bei der WM gegen Mexiko passierte), sodass bis zu sieben Spieler auf einer Linie stehen.

Eine wichtige Frage wäre dann noch, ob Dutt im Mittelfeld die in Raute und 4-3-3 verwendete “1-2-Stellung” im Mittelfeld bevorzugt (also ein Sechser und zwei Achter) oder ob man lieber mit einer “2-1-Stellung” spielt. Letztere ist die gebräuchlichere Variante, die im Ballbesitz (auch hier eine Parallele zur Raute) zu einem 3-4-1-2 wird. Das 3-3-2-2, das im erstgenannten Fall entsteht, ist risikoreicher, bietet in der Offensive aber mehr Möglichkeiten. Konsequent wäre die 2-1-Variante, weil durch den dritten Innenverteidiger ein Einrücken eines Mittelfeldspielers in die Abwehrkette nicht mehr nötig ist – der Sechser des 1-2-Mittelfelds steht quasi schon eine Reihe weiter hinten. Für die beiden Sechserpositionen kommen dann auch Spieler wie Makiadi und Selassie in Frage, die eigentlich eher Box-to-Box Spieler sind als klassische Sechser. Eine Variante mit nur einem Stürmer (3-3-3-1 bzw. 3-3-1-3) halte ich für äußerst unwahrscheinlich.

Ohnehin dürfte das 3-5-2 zunächst nur eine taktische Alternative sein, nicht jedoch der Plan A des Trainers. Bei Werder hätte das System wohl vor allem den Zweck, die Defensive zu verstärken und nicht (wie etwa bei Bayern oder Chile) mehr Spieler im Mittelfeld zu haben. Man kann es sich nicht leisten, die Wingbacks im Stile von Außenstürmern agieren zu lassen und wäre so noch mehr von der individuellen Stärke der Offensivleute abhängig. Das kann angesichts des Substanzverlusts der letzten Jahre in diesem Bereich nicht das Ziel sein. Eine WM, die nur einen Monat lang andauert und bei der jedes Gegentor das Aus bedeuten kann, ist dann eben doch etwas anderes, als eine Bundesligasaison, in der die Gegner viel Zeit haben, sich auf ihre Gegner einzustellen und in der man ein Defensivsystem im Laufe der Spielrunde. Dennoch: Das 3-5-2 ist eine spannende Option, die Werder mit dem aktuellen Personal gut spielen kann.

Das 4-2-3-1 als Notlösung

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Vorbei die Zeiten, in denen das 4-2-3-1 die automatische Default-Taktik im Weltfußball war. Eine Entwicklung, die vor vier Jahren noch nicht ersichtlich war, die jedoch wieder einmal beweist, dass keine Formation der anderen per se überlegen ist, sondern immer in Abhängigkeit zum jeweiligen Entwicklungsstand des Fußballs steht. Es wäre allerdings falsch zu behaupten, dass das 4-2-3-1 und seine nahen Verwandten, das 4-4-2 und das 4-4-1-1 gegen den Ball, ausgedient haben. Und auch wenn derzeit nichts daraufhin deutet, dass Dutt einer Rückkehr zum 4-2-3-1 plant, sollte man diese Variante nicht ausschließen. Ein paar Vorteile bietet dieses System nämlich schon noch. Es gehört inzwischen zur Grundausbildung des Fußballs und wird von allen Spielern verstanden, sodass es keiner großen Umstellung bedarf, auf ein 4-2-3-1 umzustellen. Daher kann es auch im Laufe der Saison oder auch im Laufe eines Spiels problemlos eingesetzt werden, wenn es die Umstände erfordern. Diese Umstände dürften dann eher im defensiven Bereich oder der Taktik des Gegners begründet sein, denn in der Offensive scheint dieses System auch weiterhin nicht optimal zu Werders Personal zu passen.

Wofür entscheidet sich Dutt?

Derzeit deutet alles darauf hin, dass Dutt sich zum Saisonbeginn für die Raute entscheidet. In den nächsten Wochen kann zwar noch viel passieren, doch es müsste wohl schon einiges schief laufen, damit Dutt von der Taktik abweicht. Weitere Abgänge und/oder Neuverpflichtungen könnten dabei ebenfalls eine Rolle spielen. Das Gerüst des Teams steht jedoch und solange keine tragenden Säulen den Verein verlassen, wird Dutt daran festhalten. Offene Planstellen sind derzeit eigentlich nur im Mittelfeld zu finden, wo die Auswahl groß ist und kein Spieler als gesetzt gilt. Hier bleibt abzuwarten, ob sich bis zum Saisonauftakt eine klare Hackordnung herausbildet oder Dutt in den ersten Pflichtspielen noch puzzelt.

Dutt ist jedoch kein Trainer, der stur an einem System festhält. Es würde mich schon sehr überraschen, wenn die Raute die komplette Saison über verwendet würde. Werders taktische Flexibilität ist mit den Neuverpflichtungen gewachsen und abhängig von Gegner, Spielstand und aktueller Form wird Dutt sicherlich die Formation anpassen. Gut möglich also, dass wir alle vier hier vorgestellten Varianten früher oder später zu sehen bekommen. Wichtig bleibt vor allem, dass Dutt mit seinem System den geeigneten Rahmen schafft, in dem er die taktischen Feinheiten und das Passspiel seiner Mannschaft weiterentwickeln kann. Denn 2014/15 dürfte für Werder eine “Trainersaison” werden, eine Spielzeit, in der es sehr auf die Entwicklung der Mannschaft ankommt, wenn man sich tatsächlich von Anfang an aus dem Abstiegskampf heraushalten möchte.

Nur noch Formsache?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Arroganz und Selbstbewusstsein. Fußballdeutschland* überschreitet ihn allerdings traditionell gerne und ohne zu zögern. So lautet die wichtigste Frage vor dem Finale nicht etwa, wie man Argentinien schlagen kann, sondern ob Deutschland dort nur als großer oder doch als haushoher Favorit ins Spiel geht.

7:1 gegen den Gastgeber – eine Einordnung

Man kann das Ergebnis des ersten Halbfinals auf unterschiedliche Weise bewerten. Aus historischer Sicht gehören das Spiel und vor allem das Ergebnis jetzt schon zu den bedeutsamsten Spielen der WM-Geschichte. Höchster Halbfinalsieg, höchste WM-Niederlage Brasiliens, höchste Niederlage eines WM-Gastgebers, Kloses 16. WM-Tor usw. usf.

Aus taktischer Sicht war das Spiel ebenfalls interessant, weil es eines der wenigen Spiele im Turnier war, in denen sich das eine Team kein bisschen auf das andere eingestellt zu haben schien, das andere jedoch hervorragend auf das eine. Brasilien machte nahezu alles falsch in diesem Spiel und es ist schwer begreiflich, wie unglaublich amateurhaft sich Brasilien in der ersten Halbzeit anstellte. Marcelo, Dante, David Luiz und Maicon haben in den letzten vier Jahren alle die Champions League gewonnen und wurden vorgeführt, wie B-Jugendspieler, die zum ersten Mal beim Erwachsenenfußball reinschnuppern durften. Die linke Abwehrseite war offen wie ein Scheunentor, das defensive Mittelfeld nicht präsent, Fred war die falscheste aller Lösungen im Angriff gegen Deutschlands hohe Abwehrlinie. Auch diese Liste lässt sich lange fortführen.

Wie kann so etwas in einem WM-Halbfinale passieren? Wenn eine Mannschaft taktisch so viel falsch macht, ist es unwahrscheinlich, dass die Taktik das Problem ist. Sie dürfte viel mehr Symptom einer rein auf den psychologischen Aspekt des Spiels beschränkten Vorbereitung gewesen sein. Der Druck war für Brasilien ohnehin schon groß genug. Wenn das Spiel dann auch noch darauf reduziert wird, für den verletzten Neymar unbedingt gewinnen zu wollen, brennt den Spielern irgendwann die Sicherung durch. Brasilien hat sich vor dem Spiel zu viel mit sich selbst beschäftigt und zu wenig mit dem Gegner. So gerne ich Scolari mag, das war eine richtig schlechte Coaching-Leistung.

Deutschland nutzte die Fehler Brasiliens gnadenlos aus und lieferte insgesamt ein tolles Spiel ab. Doch auch wenn man sich die Finalteilnahme mit insgesamt starken Leistungen verdient hat, ist das unglaubliche Ergebnis mehr den oben genannten Problemen Brasiliens geschuldet als einer deutschen Leistungsexplosion im Halbfinale.

Das langweilige Gegenstück

Im zweiten Halbfinale quälten Argentinien und die Niederlande einander und die Zuschauer zu einem wenig ansehnlichen 0:0 nach 120 Minuten. Ein Spiel für Taktiker, in dem keines der Teams einen Fehler machen wollte. Der Fokus lag einzig und allein darin, dem Gegner seine Stärken zu nehmen, auch wenn dies auf Kosten der eigenen Stärken ging. Ein klassischer Fall von “Angst essen Seele auf”. Wie man mit sehr viel Seele, aber auch mit Pauken und Trompeten aus dem Turnier fliegen kann, bekamen die Teams ja am Vortag schon von Brasilien vorgeführt.

Welche Rückschlüsse lässt dieses Spiel auf das Finale zu? Sehr wenige. Argentinien zeigte sich bei dieser WM als sehr unangenehmer Gegner, der jedoch von vielen unterschätzt wird. Die Gleichung “Argentinien = Messi und sonst nix” geht nicht auf. Auch nicht nach der Verletzung von Di Maria. Javier Mascherano zählt sicherlich zu den besten Sechsern des Turniers und auch Ezequiel Garay ist ein Garant dafür, dass Argentiniens Defensive sattelfest ist. Die Mannschaft spielt keinen aufregenden, aber sehr erfolgsorientierten Fußball. Der Trainer ist dabei äußerst pragmatisch. Bis zum Halbfinale war Argentinien das Team mit dem meisten Ballbesitz. Gegen die Niederlande, die ihre Stärken vor allem im Spiel gegen den Ball haben, verzichtete Argentinien jedoch auf viel Ballbesitz und überließ dem Gegner die Aufgabe, das Spiel über weite Strecken selbst zu machen. Dabei stellten sie sich so weit hinten rein wie Costa Rica in der Schlussphase des Viertelfinals, sondern verteidigten eher passiv im Mittelfeld und machten das Spiel nach der Balleroberung langsam – eher eine Rarität im modernen Fußball.

Defense wins Championships

Zugegeben: Schön ist der argentinische Ansatz bei dieser WM nicht und man muss die Prämisse vom Erfolg, der alle Mittel heiligt, sicherlich nicht teilen. Es lohnt sich aber, das argentinische Spiel etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, um zu verstehen, warum dieses Team im Finale steht. Als einzige Mannschaft lag Argentinien im gesamten Turnier noch nicht im Rückstand und hat in der K.O.-Runde in 330 Minuten kein einziges Gegentor kassiert. Auch Deutschland steht bekanntlich nicht nur wegen des 7:1 im Finale, sondern auch, weil es Frankreich am langen Arm verhungern ließ und gegen Algerien trotz mancher Wackler nicht in Rückstand geriet.

Wann ist zuletzt eine Mannschaft mit überwiegend spektakulärem Angriffsfußball Weltmeister geworden? Das ist ein Stück weit natürlich Definitionssache. Die Bedeutung einer sattelfesten Defensive für einen WM-Sieg ist hingegen unbestritten. Spanien hat bei allen drei EM- und WM-Titeln keine Gegentore in der K.O.-Runde kassiert. Italiens einziges Gegentor in der K.O.-Runde 2006 war Zidanes Elfmeter im Finale. Griechenlands drei 1:0-Siege in der K.O-Runde 2004 sind hinlänglich bekannt. Brasilien kassierte 2002 das letzte Gegentor im Achtelfinale. Argentinien verfolgt diesen Ansatz knallhart und nimmt dabei sogar in Kauf, sich der eigenen Offensivstärken zu berauben. Auch, weil man mit Lionel Messi eben einen Spieler hat, der ein solches Spiel auf vielfältige Weise entscheiden kann. Diese Mannschaft wird im Finale sicherlich nicht blind ins Verderben laufen.

Trotz allem glaube ich, dass Deutschland die bessere Mannschaft hat, den besseren (nicht nur schöneren) Fußball spielt und im Finale die besseren Siegchancen besitzt. Die Versetzung Lahms auf den Flügel ab dem Viertelfinale erwies sich als richtig, weil Schweinsteiger als alleiniger Sechser (wer hat sich eigentlich diesen Unsinn ausgedacht, das deutsche System in der K.O.-Runde wieder als 4-2-3-1 darzustellen?) besser spielt, als von mir erwartet. Auch das Festhalten an Khedira in der Startelf hat sich spätestens gegen Brasilien bewährt. Löws bester Zug war allerdings – so leid es mir tut – Boateng statt Mertesacker neben Hummels spielen zu lassen.

In einem einzigen Spiel muss das aber nicht den Unterschied machen. Argentinien hat alle Chancen, das Finale zu einem engen Spiel werden zu lassen, in dem Kleinigkeiten den Unterschied ausmachen. Wenn Mascherano und Biglia das Zentrum dicht halten können und keine individuellen Patzer früh den Matchplan versauen, könnte es ein Spiel werden, das durch eine einzige Aktion entschieden wird. Umso besser, dass Deutschland inzwischen auch bei Standards zu den gefährlichsten Mannschaften gehört.

* Was auch immer das eigentlich genau sein soll. Am ehesten wohl Mainstream-Medien inklusive Experten (via Status, nicht via Fachwissen) und Schland-Patrioten.

Gegen Frankreich: Wo spielt Lahm?

Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich wird in Deutschland viel über Löws Taktik und Aufstellung diskutiert. Die Schwerpunkte der Diskussion gehen mir aber an den eigentlichen Problemen der deutschen Mannschaft vorbei.

Die wichtigste Frage scheint für viele die Position von Philipp Lahm zu sein, was nicht unbedingt falsch ist, aber ich höre nur selten wirklich überzeugende Antworten darauf. Unbestritten ist, dass Lahm einer der besten, wenn nicht der beste Rechtsverteidiger der Welt ist, also eine Verbesserung zu Jerome Boateng darstellen würde. Unbestritten ist allerdings auch, dass Lahm sowohl bei Bayern als auch in der Nationalmannschaft äußerst starke Leistungen als alleiniger Sechser im 4-1-4-1 bzw. 4-3-3 gebracht hat. Es sollte also weniger darum gehen, wie gut Lahm als Rechtsverteidiger ist und mehr darum, wo er der deutschen Mannschaft bei diesem Turnier am meisten weiterhilft. Auf den ersten Blick verfügt Deutschland über eine Vielzahl an hochklassigen Sechsern, wohingegen bislang außer Lahm kein gelernter Außenverteidiger zum Einsatz kommt.

Auf den zweiten Blick fallen aber bei jedem der Alternativen Schwächen auf, die in der Rolle als alleiniger Sechser in einem 4-3-3 zum Problem werden könnten. Sami Khedira ist körperlich robust, aber nicht nur wegen seiner langen Verletzungspause keine Idealbesetzung für die Position. Seine Stärken liegen eher im Box-to-Box Spiel als in der Spiellenkung aus einer tiefen Position. Diese liegt allerdings Toni Kroos sehr gut, der jedoch nicht unbedingt als alleiniger Abfangjäger vor der Abwehr taugt und sich mit seiner Schussstärke auch gelegentlich in Strafraumnähe aufhalten sollte. Christoph Kramer fehlt die internationale Erfahrung, um bei so einem Turnier die wohl wichtigste Position des Teams einnehmen zu können. Bleibt Bastian Schweinsteiger, der im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte sicherlich ein guter Ersatz für Lahm wäre. Leider ist er körperlich jedoch genauso wenig bei 100% wie Khedira. Daher stehe ich auch der anderen Alternative kritisch gegenüber, die von vielen (insbesondere seit dem Sieg über Algerien gefordert wird):

Die Rückkehr zum 4-2-3-1 mit einer Doppelsechs Schweinsteiger/Khedira. Die Systemumstellung vor der WM dürfte nicht zuletzt der Anfälligkeit in der Defensive geschuldet sein. Das 4-2-3-1, das in der Defensive zu einem 4-4-2 wird, hat im Zentrum gegen den Ball “nur” zwei Mittelfeldspieler. Der Dritte im Bunde (normalerweise Mesut Özil) rückt dabei vor neben den Stürmer. Beim 4-3-3 ist das zentrale Mittelfeld dichter besetzt. Die mutmaßlich schlechter gesicherten Flügel können von drei Spielern im Zentrum besser abgesichert werden, als von zwei Spielern. Vor diesem Hintergrund ergibt auch die übervorsichtig anmutende Besetzung der Außenverteidigerpositionen mehr Sinn, denn der Abstand zu den Außenstürmern ist etwas größer als zu den äußeren Mittelfeldspielern im 4-4-2, erst recht wenn diese Positionen mit verkappten Spielmachern wie Özil und Götze besetzt wird.

Man kann nun der Ansicht sein, dass das Spiel gegen Algerien vor allem deshalb gewonnen wurde, weil Löw nach Mustafis Verletzung Lahm zurück auf die Rechtsverteidigerposition versetzte und Khedira im Mittelfeld gemeinsam mit Schweinsteiger für mehr Durchsetzungskraft sorgte – diese Ansicht teile ich sogar (auch wenn die Doppelsechs Kroos/Khedira hieß und Schweinsteiger sich eher in Richtung 10er-Position orientierte). Fraglich ist jedoch, ob diese Aufstellung über die gesamten 120 Minuten besser funktioniert hätte. Die Umstellung wurde nach 70. Minuten vorgenommen, also in einer Phase, in der Deutschland das Spiel langsam in den Griff bekommen hatte und das Risiko in der Offensive langsam erhöhen konnte. Es ist für den Trainer ein Glücksfall, in einem solchen Spiel Khedira oder Schweinsteiger einwechseln zu können. Beide über 90 oder sogar 120 Minuten spielen zu lassen, ist meiner Meinung nach bei dieser WM ein Risiko.

Es gibt somit gute Argumente, dass Philipp Lahm im Mittelfeld mindestens ebenso dringend gebraucht wird, wie auf der Außenposition. Sollte Lahm dennoch auf außen spielen, stellt sich die Frage: Auf welcher Seite? Boateng liegt die Position als Rechtsverteidiger besser, als Höwedes die Position als Linksverteidiger. Er bringt in der mehr Offensivelemente ins Spiel und kann so besser für Breite im Angriffsdrittel sorgen als Höwedes, der zudem als Rechtsfuß invers spielt und was Flankenläufe zusätzlich erschwert. Auf der linken Seite besteht somit größerer Bedarf. Mit Erik Durm steht nur ein international recht unerfahrener Spieler als Alternative zur Verfügung. Wenig verwunderlich kommt daher die Forderung, Lahm zurück auf die Position des Linksverteidigers zu stellen, auf der er in den ersten Jahren seiner Profikarriere (und auch bei der EM 2012) so gut gespielt hat. Höwedes dürfte für Löw jedoch mehr sein, als nur ein Notnagel (dieser wäre eher Durm), denn die Entscheidung, auf vier hauptberufliche Innenverteidiger zu setzen, hatte ihre Gründe.

Man kann darüber streiten, ob der bisherige Plan mit der Viererkette aufgegangen ist. Drei von vier Spielen ohne Gegentor liefern zumindest ein paar Argumente dafür, ebenso die verbesserte Kopfballstärke vorne wie hinten. Es war jedoch auch nicht zu übersehen, dass es im Defensivverbund noch Probleme gibt und ein kleiner, wendiger Spieler wie Lahm als Außenverteidiger in manchen Situationen sicher besser gepasst hätte. Bei allen Defiziten, die Höwedes als Linksverteidiger offenbarte, machte er zumindest nichts wesentliches falsch und ist mit seiner Zweikampfstärke zumindest eine solide Besetzung auf der Position.

Für das Spiel gegen Frankreich gehe ich davon aus, dass Löw nicht die vom Volk geforderten Umstellungen vornehmen wird (erst recht nicht, was Mesut Özil betrifft, aber das ist ein anderes Thema) und Lahm wieder im Mittelfeld auflaufen wird. Gegen die großen und Kopfballstarken Franzosen (Benzema, Varane, Pogba, Koscielny, eventuell Giroud) ergeben die vier Innenverteidiger mehr Sinn, als gegen Algerien. Und Lahm auf der Sechs könnte in dieser Partie sogar spielentscheidend sein. Kroos und Khedira/Schweinsteiger werden sich im Duell mit Pogba und Matuidi aufreiben müssen. Die Spieler dahinter, Lahm und Cabaye, werden hingegen mehr Freiheiten genießen, weil Frankreich kein Angriffspressing spielt und Deutschland in dieser Hinsicht nach den 120 Minuten gegen Algerien auch eher vorsichtig agieren dürfte. Müller traue ich jedoch eher zu, Cabaye ein Stück weit aus dem Spiel zu nehmen als Benzema gegen Lahm. Die Hauptverantwortung im deutschen Ballbesitzspiel (es würde mich wundern, wenn Frankreich mehr als 40% Ballbesitz hätte) wird beim Sechser liegen. Deshalb kann Löw dort noch weniger auf ihn verzichten, als in der Viererkette.

Top 5 individuelle Leistungen im Achtelfinale

Acht Achtelfinals, acht mal setzt sich der Favorit durch. Zum ersten Mal in der WM-Geschichte stehen alle acht Gruppensieger im Viertelfinale. Was nach Langeweile klingt, war allerdings äußerst spektakulär, denn außer Kolbumbien gelang keinem Team ein ungefährdeter Sieg. Fünf Spiele gingen sogar in die Verlängerung.

Dennoch war es am Ende jedes Mal der Favorit, der die Nase vorn behielt – ein deutliches Indiz dafür, dass es sich hierbei nicht (nur) um Glück handelte. Es dürfte vielmehr die individuelle Klasse gewesen sein, die in den meisten Fällen am Ende den Unterschied ausgemacht hat. Somit liegt mein Fokus in der Nachbetrachtung ausnahmsweise mal auf den herausragenden Einzelleistungen des Achtelfinales:

1. Manuel Neuer

Eigentlich ist es unfair, hier nur einen Keeper herauszupicken, denn es gab gleich mehrere außergewöhnlich starke Torhüterleistungen. Tim Howard stellte gegen Belgien einen neuen WM-Rekord auf, was abgewehrte Torschüsse angeht. Am Ende musste er sich jedoch ebenso aus dem Turnier verabschieden, wie Mexikos Ochoa, der nicht nur die Brasilianer in der Vorrunde zur Verzweiflung brachte, sondern auch gegen die Niederlande lange Zeit der Garant dafür war, dass hinten die Null stand. Ebenfalls in der Vordergrund gespielt haben sich Chiles Torwart Claudio Bravo und Algeriens Rais M’Bolhi. Letzterer wehrte gegen Deutschland einige überragende Bälle ab, bevor ihn Schürrles Hackentrick überwinden konnte.

Sie alle wurden jedoch von Manuel Neuers Leistung gegen Algerien in den Schatten gestellt, weil dieser die ganze neue Dimension des Torwartspiels demonstrierte. So konsequent hat nicht mal Rene Higuita den Raum zwischen Mittellinie und Strafraum verteidigt. So beängstigend es auch erschien, wie problemlos Algerien mit langen Bällen hinter Deutschlands Viererkette kam, so bemerkenswert war es, dass nie ein Stürmer mit dem Ball am Fuß frei vor Neuer auftauchte. Weltklasse-Antizipationsspiel!

2. James Rodriguez

Kolumbien überzeugt in Abwesenheit des Superstars Falcao vor allem durch eine starke Mannschaftsleistung und schnellem Kombinationsspiel in der Offensive. Schon in der Vorrunde war erkennbar, dass James Rodriguez dabei zu den wichtigsten Akteuren gehörte. Im Achtelfinale feierte er nun seinen Durchbruch auf internationaler Bühne. Sein erster Treffer hat das Zeug, zum schönsten Tor der WM gewählt zu werden. Mir gefiel das 2:0 allerdings noch besser, weil es die kolumbianischen Stärken perfekt zur Schau stellte. Ein Team-Goal, bei dem selbst Arsène Wenger feuchte Augen bekommen haben dürfte. Wenn es gegen Brasilien um den Einzug ins Halbfinale geht, ist es für Kolumbien jedoch gut zu wissen, dass man einen Spieler wie Rodriguez in den eigenen Reihen hat, der auch im Alleingang eine Partie entscheiden kann – etwas, das den meisten Teams gefehlt hat, die im Achtelfinale ausgeschieden sind.

3. Kevin De Bruyne

In der Vorrunde haben weder Belgien noch De Bruyne den ästhetischen Ansprüchen genügt, die viele an sie stellen. Den Belgiern wird es egal sein, erreichten sie doch trotz des eher mäßigen Spieltempos ungefährdet das Achtelfinale. Gegen die USA zeigten die Belgier nun endlich, was in ihnen steckt. Bei schwierigen Bedingungen gingen sie hohes Tempo und wurden dabei von einem stark aufspielenden Kevin De Bruyne angetrieben. Mit insgesamt 10 vorbereiteten Torchancen war De Bruyne in einem der bislang besten Spieler des Turniers der herausragende Offensivspieler. Am Ende erzielte er das Führungstor und bereitet auch Lukakus Treffer vor. Man mag sich Kommentator Thomas Wark anschließen, dass es nicht gerade für José Mourinho spricht, diesen Spieler nicht an Chelsea gebunden zu haben.

4. Angel Di Maria

Lionel Messi überstrahlt bei Argentinien derzeit alles, auch die eher biederen Auftritte seines Teams bei dieser WM (die aber vor allem Mittel zum Zweck sein dürften). Ähnlich wie bei Real Madrid spielt Di Maria somit ein Stück weit unter dem Radar, zumindest was die ganz große Wertschätzung der Öffentlichkeit angeht. Dabei war Di Maria in dieser Saison bereits im Champions League Finale der entscheidende Spieler auf dem Platz und spielte auch bei der WM eine gute Gruppenphase. Gegen die Schweiz stand er nicht nur wegen seinem Siegtor ausnahmsweise mal komplett im Mittelpunkt. Sein größter Wert für sein Team besteht jedoch eher in den weniger auffälligen Aktionen. Kaum ein Spieler auf der Welt versteht es so gut, sogleich Flügelspieler, als auch zentraler Mittelfeldspieler zu sein.

5. Louis van Gaal

Kurz hatte ich überlegt, an dieser Stelle Arjen Robben zu nennen. Mit seiner Fähigkeit Elfmeter herauszuholen, hat er am Ende das Weiterkommen gegen Mexiko perfekt gemacht. Bislang ist Robben sicher der herausragende Einzelspieler der WM, doch das größte Plus für die Niederlande ist der Trainer. Van Gaal verpasste seinem Team eine unkonventionelle, aber erfolgreiche Taktik und stellte gegen Mexiko zur rechten Zeit um. Warum nun schon wieder viele glauben, das Spiel habe gezeigt, dass Holland nun endlich wieder im 4-3-3 spielen müsse, ist mir schleierhaft. Van Gaal ist mehr Risiko eingegangen, als es für sein Team unvermeidbar war. Insgesamt war jedoch das 3-5-2/5-3-2 System (und seine konkrete Ausführung) der Garant dafür, dass die Niederlande defensiv keine allzu großen Probleme bekommen haben.

Sollte van Gaal mit diesem Team Weltmeister werden, wäre das sein absolutes Meisterstück – als ob er noch eins brauchen würde.

Per Mertesacker durch die Galaxis

Algerien ist auf den ersten Blick ein eher leichter Gegner für ein WM-Achtelfinale. Der Stil der Nordafrikaner könnte Deutschland jedoch größere Probleme bereiten, als man von der Papierform her annehmen würde.

Algerien hat sich bei der WM schon von sehr unterschiedlichen Seiten gezeigt, von sehr defensiv (gegen Belgien) bis sehr offensiv (gegen Südkorea). Dennoch gibt es einige übergreifende Aspekte, die in allen drei Vorrundenspielen zum Tragen kamen. Ein wenig erinnert das Team von Vahid Halilhodzic an das Werder Bremen der abgelaufenen Saison: Sehr linkslastig, bis tief in die gegnerische Hälfte kaum Kurzpässe und dadurch bedingt wenig Ballbesitz und eine schlechte Passstatistik. Kommt einem als Werderfan alles irgendwie bekannt vor. Was die Algerier jedoch deutlich anders machen: Der Ball bleibt auf dem Boden. Von hinten werden lange Flachpässe gespielt, am liebsten diagonal aus der Innenverteidigung auf die Flügel. In dieser Hinsicht ähnelt Algerien also eher Tuchels Mainzern. Im Angriffsdrittel dreht dann jedoch die Kombinationsmaschinerie auf. Häufig heißt es: Alle Mann nach links, mit kurzen Pässen den gegnerischen Außenverteidiger aushebeln und dann die Flanke in die Mitte bringen.

Auf diese Weise ist Algeriens Spiel zwar recht leicht auszurechnen, aber nicht unbedingt einfach zu verteidigen, wenn man in erster Linie sein eigenes Spiel durchsetzen will, wovon wir bei Deutschland und Löw ausgehen dürfen. Kleinere Anpassungen könnten hingegen durchaus sinnvoll sein, wenn auch vielleicht nicht von Beginn an. Gegen Deutschland erwarte ich eine sehr defensiv eingestellte algerische Mannschaft, die zunächst einmal die Null halten will. Das deutsche Ballbesitzspiel ist auf hohem Niveau, es gab aber insbesondere in den ersten beiden Spielen auch schon Unsicherheiten (ausgerechnet bei Lahm) zu beobachten, die es dem Gegner ermöglichten, mit Tempo auf die nicht allzu schnelle Viererkette zuzulaufen. Hier steht Löw nun vor der Entscheidung, das Ballbesitzspiel weiter zu stärken (mit Schweinsteiger als zweitem Achter) oder eher auf bessere Absicherung im Falle eines Ballverlusts zu achten (mit Khedira).

Angesichts der Linkslastigkeit Algeriens stellt sich auch die Frage, ob und in wie weit dies Deutschlands Rechtslastigkeit beeinflusst. Mit Özil, Müller und einem nachrückenden Boateng kann man über die rechte Seite in fast jede Abwehr Löcher reißen. Es birgt jedoch auch das Risiko, dass bei einem Ballverlust zwei bis drei technisch starke, flinke Algerier über diese Seite relativ unbedrängt auf den doch eher langsamen Per Mertesacker zulaufen. Es dürfte eh das Ziel Algeriens sein, mit der Linkslastigkeit den rechten deutschen Innenverteidiger (also Mertesacker) aus dem Strafraum zu ziehen, um so mit Flanken zwischen Hummels und Höwedes für Gefahr zu sorgen. So sattelfest eine Viererkette mit vier gelernten Innenverteidigern bei hohen Bällen auch sein sollte, das Kopfballtor von Ghana zeigte gut auf, dass man mit gutem Timing bei der Flanke trotzdem für Gefahr sorgen kann. Hinzu kommt, dass Algerien zu den kopfballstärkeren Teams des Turniers gehört.

Neben der Personalie Schweinsteiger/Khedira, die – wie in den deutschen Medien üblich – viel zu sehr auf die Frage nach dem Führungsspieler reduziert wird, gibt es für Löw einige weitere Entscheidungen zu treffen. Kehrt er zurück zur offensiven Dreierreihe aus den ersten beiden Partien? Stellt er Özil aufgrund der Linkslastigkeit des Gegners auf die andere Seite? Setzt er mit Schürrle auf eine direktere Variante auf dem Flügel? Erhalten die Außenstürmer mehr Verantwortung in der Bewachung der gegnerischen Außenverteidiger? Ich gehe davon aus, dass Deutschland zunächst auf Ballsicherheit gehen wird, um die Kontrolle über das Spiel zu erlangen. Algerien wird ebenfalls abwartend beginnen und auf Chancen hoffen, die deutschen Schwächen im defensiven Umschalten nutzen zu können.

Unterm Strich muss Deutschland dies Partie ohne Wenn und Aber gewinnen. Das Passspiel wird gegen Algerien jedoch auf eine härtere Probe gestellt, als gegen die aufgrund der besonderen Konstellation doch eher verhaltenen Amerikaner. Es wird viel Geduld erforderlich sein, um auf die Lücken zu warten, die Algerien im Lauf der 90 Minuten aber sicher anbieten wird. Selbst wenn es Algerien gelingen sollte, das deutsche Spiel komplett zu neutralisieren, bliebe immer noch die größere individuelle Klasse und die Möglichkeit, von der Bank neue taktische wie spielerische Elemente in die Partie zu bringen.

Mein Tipp: 4:2 für Deutschland mit mindestens drei Toren in den letzten 20 Minuten.

Vor dem Achtelfinale

Diese Weltmeisterschaft gilt bisher nicht als das Turnier der Europäer. Spanien, Italien, England und Portugal fahren bereits nach der Vorrunde nach Hause. Schaut man sich aber die Zahlen an, sieht das europäische Ergebnis gar nicht so schlecht aus. Sechs Teams stehen im Achtelfinale, davon die Niederlande, Frankreich, Deutschland und Belgien als Gruppensieger. Was gerne vergessen wird: Vor vier Jahr waren es ebenfalls nur sechs europäische Teams, die dann im Achtelfinale alle aufeinander trafen. Die drei Sieger belegten am Ende die ersten drei Plätze. Auch das südamerikanische Ergebnis ist nicht wirklich besser als vor vier Jahren. Damals wie heute erreichten fünf südamerikanische Teams das Achtelfinale. In diesem Jahre werden aber, dem Spielplan geschuldet, nicht vier Mannschaften des Kontinents das Viertelfinale erreichen können, wie es 2010 der Fall war.

Dennoch ist das Turnier nicht arm an Überraschungen. Damit sind gar nicht unbedingt die Favoriten gemeint, die schon in der Vorrunde ausgeschieden sind. Das passiert immer  wieder mal und macht den Charme einer WM mit aus. Auch dass sich der Weltmeister sang- und klanglos in der Gruppenphase verabschiedet, wird langsam zur Tradition. Im Gegensatz zu Italien (2010) und Frankreich (2002) hat Spanien dabei immerhin noch ein Spiel gewonnen und kann sich ein klein wenig damit trösten, gegen zwei der bislang besten Teams des Turniers ausgeschieden zu sein.

Die für mich größte Überraschung im negativen Sinne war die Leistungen der asiatischen Teams. Australien hatte das Pech, in die schwierigste Gruppe gelost zu werden und vom Iran konnte man nicht viel mehr erwarten als totale Defensive (was sie ziemlich gut gemacht haben). Japan und Südkorea hingegen waren von Anfang bis Ende enttäuschend. Beide Mannschaften konnten nicht annähernd die Qualität auf den Platz bringen, die ihre Spieler mitbringen. Südkorea war mit der einen oder anderen Slapstickeinlage in der Defensive nie ein Kandidat fürs Achtelfinale und Japan fand über 270 Minuten keinen Weg, aus den vorhandenen spielerischen Möglichkeiten eine funktionierende Offensivstrategie zu entwickeln. Gegen Griechenland wirkten sie dermaßen hilflos bei ihren Flankenversuchen, dass es beim Zuschauen wehtat – erst recht, wenn man weiß, zu was diese Spieler eigentlich fähig sind.

Sehr viel Spaß hat mir Costa Rica bislang gemacht. Eine Halbzeit lang sahen sie aus wie ein graues Mäuschen, das sich nach drei Spielen brav wieder in den Flieger setzen würde. Dann drehten sie auf. Taktisch ist das sehr hochwertig und auch wenn über die Paarung gelacht wird, ich freue mich sehr auf Costa Rica gegen Griechenland. Eine Kontermannschaft gegen ein reines Defensivbollwerk, da wird mindestens eine Mannschaft ihren Matchplan anpassen müssen. Oder mogeln sich die Griechen am Ende doch wieder durch, ohne auch nur einen Hauch in die Offensive zu investieren?

Ebenfalls begeistert hat mich Kolumbien, auch wenn das keine Überraschung war und sie nicht die stärksten Gegner hatten bislang. Die spielen das mit einer Souveränität und Selbstverständlichkeit, die beeindruckend ist für eine Mannschaft, die seit 16 Jahren nicht für eine WM qualifiziert war und erst einmal das Achtelfinale erreichte. Spielerisch wussten sie bislang mehr zu überzeugen als etwa Belgien, die zwar 9 Punkte holten, aber dabei einen eher pomadigen Eindruck hinterließen. Chiles Leistung war wie erwartet, deshalb löste sie weniger Euphorie bei mir aus, als sie es verdient hätte. Eine Mannschaft, bei der Mesut Özil der mit Abstand größte Feldspieler wäre, pflügt sich mit Kraft, Technik und gnadenlosem Pressing durch die Gegner und muss nur gegen das Umschaltmonster aus den Niederlanden eine Niederlage hinnehmen. Auch den Brasilianern werden sie damit große Probleme bereiten. Die konnten sich noch nicht entscheiden, ob sie bei ihrer Heim-WM die Hauptattraktion sein wollen oder sich mit einer Nebenrolle zufrieden geben. Überzeugt haben mich die Leistungen bislang nicht, taktisch liegt bei Brasilien einiges im argen und vom Niveau des Confed-Cups letztes Jahr sind sie noch ein Stück entfernt. Doch wie für alle Favoriten gilt: Die WM geht erst mit der K.O.-Phase richtig los, wenn sie da nicht schon vorbei ist. Eine Leistungssteigerung ist den Brasilianern ebenso zuzutrauen, wie der argentinischen One-Man-Show.

Wer aber sind die Favoriten? Geht man nach den bisher gezeigten Leistungen, sind hier die Niederlande und Frankreich ganz vorne. Die Franzosen spielen einen tollen Konterfußball, ähnlich wie Deutschland vor vier Jahren. Sie schalten gut um und haben in Benzema einen der Spieler des Turniers in ihren Reihen. Im Mittelfeld machen Pogba, Valbuena, Griezmann und Matuidi einfach Spaß. Noch bin ich allerdings skeptisch, ob das 4-1-4-1 auch defensiv hält, was es verspricht. Der unorthodoxe Stil der Nigerianer wird sicherlich nicht leicht zu bändigen sein. Der erste Gegner auf Augenhöhe kommt aber frühestens im Viertelfinale. Die Niederlande haben sich spätestens mit dem Sieg gegen Chile zum Turnierfavoriten aufgeschwungen. Van Gaal erweist sich als erstaunlich pragmatisch und prägt dabei quasi im Vorbeigehen einen ganz neuen Stil. Von Arjen Robben mag man halten, was man will. In der aktuellen Form ist er kaum zu stoppen und ganz sicher einer der besten Spieler der Welt.

Und dann wäre da noch Deutschland. Eine Vorrunde mit drei sehr unterschiedlichen Spielen ist eine gute Vorbereitung auf das, was in diesem Turnier noch kommen kann. Gegen Portugal kamen Matchglück, ein indisponierter Gegner und eine starke eigene Leistung zusammen. Gegen Ghana gab es in der zweiten Hälfte ein enorm offenes und am Ende auf dem Zahnfleisch absolviertes Spiel, bei dem man auch die eigenen Schwächen aufgezeigt bekam. Gegen die USA gab es ein taktisch geprägtes Spiel gegen eines der spielerisch schwächsten Teams des Turniers. Die Amerikaner überzeugen aber durch Team-Spirit, gute Physis und sehr diszipliniertes Defensivspiel und waren deshalb eine Prüfung, an der sich das deutsche Team lange die Zähne ausbeißen durfte.

Löws System gefällt mir. Das 4-3-3 bietet viele Möglichkeiten, die eigenen Stärken ins Spiel zu bringen und wird sehr flexibel ausgelegt. In allen drei Spielen dominierte man das Mittelfeld und hat mit Lahm, Kroos, Schweinsteiger und Özil eine Ballsicherheit, wie sie Spanien in diesem Turnier vergeblich gesucht hat. Endlich nutzt Löw auch die Stärke seiner Bank und bringt mit Klose, Khedira/Schweinsteiger, Schürrle oder Podolski neue Elemente ins Spiel.

Die Besetzung der Außenverteidigung sehe ich mit gemischten Gefühlen und es würde mich wundern, wenn man so das Turnier erfolgreich bis zu Ende spielen könnte. Boateng macht seine Sache auf rechts gut, ihm liegt diese Position viel eher, als Höwedes auf der anderen Seite. Von ihm kommen auch gefährliche Flanken und er nutzt die Lücken, die Özil und Müller auf dem rechten Flügel reißen. Dadurch ergibt sich jedoch eine Einseitigkeit im deutschen Spiel und man muss kein Taktikexperte sein, um die Anfälligkeit auf der linken Seite zu erkennen. Mit Podolski (ausgerechnet!) gab es dort gegen die USA schon etwas mehr Stabilität, da dieser sich weit mit zurückfallen ließ, um Johnsons Vorstöße zu entschärfen. Dennoch ist das Fehlen eines echten Linksverteidigers bedauerlich. Höwedes ist nach vorne (außer bei Standards) völlig ungefährlich, hinterläuft fast nie und beschränkt sich darauf, im zweiten Spielfelddrittel für Breite zu sorgen.

Aber das ist bald alles Makulatur, denn nun geht es endlich richtig los.