13. Spieltag: Richtige Schlüsse

Werder Bremen – SC Paderborn 4:0 (1:0)

Genau das hat es nach den letzten Wochen gebraucht: Einen deutlichen Werdersieg – es war der höchste seit 25 Monaten – und ein aufmunterndes Zeichen, dass der Nachwuchs auf Bundesliganiveau mithalten kann.

Gute Reaktionen

Nach der Niederlage im Nordderby musste Viktor Skripnik gleich in mehrfacher Hinsicht umstellen. Von vielen wurde insbesondere die defensive Ausrichtung kritisiert. Gegen das Überraschungsteam aus Paderborn wählte Skripnik wie zu erwarten eine offensivere Gangart, kehrte (auch defensiv) zur Raute im Mittelfeld zurück und ließ sein Team schon in der gegnerischen Hälfte ins Pressing gehen. Personell gab es durch die Sperren von Fritz und Garcia zwei offene Planstellen. Skripnik griff nicht zu den etablierten Lösungen Makiadi und Caldirola, sondern setzte auf den Nachwuchs. Janek Sternberg kam zu einem etwas überraschenden Bundesligadebüt und Levent Aycicek durfte als Zehner hinter den Spitzen zum ersten Mal von Beginn an ran. Zusätzlich musste die Frage beantwortet werden, wie der Angriff nach dem schwachen Auftritt in Hamburg aussehen sollte. Skripnik wählte auch hier den jugendlichen Weg, ließ Selke für den enttäuschenden Petersen ran. Hajrovic erhielt eine Bewährungschance, während Elia den Platz im Kader räumen musste.

Der Mut machte sich schnell bezahlt. Gegen Breitenreiters 4-1-4-1 zeigte sich Werders Pressing sehr effektiv. Zum einen wurde Paderborn aus dem Zentrum ferngehalten. Die Ostwestfalen stellten sich zwar keineswegs nur hinten rein, bekamen den Ball aber trotzdem nur selten in gefährliche Zonen im offensiven Mittelfeld. Zum anderen eroberte Werder viel mehr Bälle um die Mittellinie herum und hatte einen kürzeren Weg zum Tor. Das Team spielte defensiv wie offensiv sehr kompakt und aggressiv. Die Räume zwischen den Mannschaftsteilen wurden gering gehalten, sodass bei Balleroberungen meist zwei bis drei Anspielstationen zur Verfügung standen. Dies machte sich in einem verbesserten Passspiel bemerkbar, das durch die offensive Besetzung des Mittelfelds mit Junuzovic, Aycicek und Bartels begünstigt wurde. Insbesondere Aycicek konnte viele seiner Vorschusslorbeeren rechtfertigen. Er ist (noch?) kein dominanter Lenker im Mittelfeld, sondern ein intelligenter und technisch beschlagener Offensivspieler, der mit seiner Handlungsschnelligkeit für plötzliche Rhythmuswechsel sorgen kann. Allein dadurch ist er für Werders Offensive schon ein riesiger Gewinn.

Zlatko Juninhovic und ein Fragezeichen

Bei aller Freude über die spielerischen Verbesserungen waren es zunächst wieder einmal die Standardsituationen, mit denen Werder das Spiel vorentschied. Junuzovics grandioses Freistoßtor hätte sich auch gut in Juninhos Gallerie einreihen können. Später bereitete er mit einer Freistoßflanke auch das 2:0 durch Selke vor. Nachdem seine Standards häufiger kritisiert wurden, muss man spätestens jetzt festhalten, dass sie für Werder in dieser Saison eine der wichtigsten Waffen in der Offensive sind. Auch aus dem Spiel heraus hatte Junuzovic viele gute Aktionen. Gerade er profitiert meiner Meinung nach davon, von der “Last” der Zehnerposition befreit zu sein (auch wenn er diese im Sommer einforderte), weil er seine Stärken so besser ins Spiel einbringen kann. Den Vergleich mit Lisztes habe ich schon einmal verwendet und ich finde ihn nach wie vor sehr passend (ohne Aycicek mit Micoud oder Werders heutige Situation mit der damaligen vergleichen zu wollen).

Abgesehen von der Viertelstunde vor der Halbzeitpause hatte Werder das Spiel weitgehend im Griff. Wenn man Werder einen Vorwurf machen konnte, dann den, dass man zur Pause nur mit einem Tor Vorsprung führte. Genügend Torchancen waren vorhanden (auch aus dem Spiel heraus), doch im Torabschluss war man nicht zwingend genug. Beides lag zu einem nicht unerheblichen Teil an Davie Selke. Selke machte sein bislang wohl bestes Bundesligaspiel, bewegte sich viel, war dadurch häufig anspielbar und hatte auch individuell am Ball gute Szenen. Auch wenn er die Lücke, die Di Santos Ausfall hinterlässt, schon aufgrund seiner vergleichsweise schwächeren Technik nicht auffüllen kann, war er doch wesentlich näher dran, als zuletzt Petersen. Mit seinem unermüdlichen Einsatz kann Selke die eine oder andere Schwäche wettmachen, doch um den nächsten Entwicklungsschritt zu vollziehen, muss er unbedingt seine Schusstechnik verbessern. Der Torriecher ist hingegen vorhanden, wie der Abstauber zum 2:0 unter Beweis stellte. Es hätte jedoch keiner weitaus besseren Leistung bedurft, um in diesem Spiel zwei oder sogar drei Tore zu erzielen – ein besserer Torabschluss hätte ausgereicht. Dann hätte er sich eventuell auch die Eigensinnigkeit in der 67. Minute sparen können, die ein ziemlich sicheres Tor verhinderte. So bleibt trotz der Verbesserung ein Fragezeichen.

Parderboring statt Partyborn?

Zur Einordnung der Bremer Leistung muss auch der Gegner betrachtet werden. Paderborn hat nicht ohne Grund an den ersten zwölf Spieltagen die Bundesliga aufgemischt und zeigte auch gegen Werder in Ansätzen, wie man hätte gefährlich werden können. Hätte – weil es erst beim Stand von 0:3 aus Paderborner Sicht passierte. Es ist bekannt, dass Paderborn erst in den zweiten 45 Minuten offensiv richtig gefährlich wird. Der Doppelschlag kurz nach der Pause war insofern noch wertvoller, als es zwei Tore in einem Fußballspiel ohnehin sind. Die verbesserte Offensive der Gäste führte nie dazu, dass Werder ins Wanken geriet. Auf der anderen Seite bekam Paderborn keinen Rückenwind, wie es bei einem ähnlichen Spielverlauf ab der 60. Minute bei einem Unentschieden oder einer knappen Werderführung der Fall gewesen wäre. Man kann somit einerseits den Bremern Matchglück attestieren, auf der anderen Seite den Spielverlauf aber auch als immanentes Risiko der Paderborner Strategie bezeichnen. Wer eine Halbzeit lang so ungefährlich auftritt, wird damit nicht durchgängig punkten.

Für Werder kam in diesem Spiel einiges zusammen: Eine mutige, offensive Aufstellung und Ausrichtung, ein durchgängig konzentriertes, gut eingestelltes Spiel gegen den Ball, verbesserte Abläufe im Passspiel, die bekannte Stärke nach eigenen Standardsituationen und eben das schon erwähnte Matchglück. So bleibt unterm Strich ein 4:0-Sieg, der auch in der Höhe in Ordnung geht. Noch wichtiger als das Ergebnis ist allerdings die Erkenntnis, dass Werder mit einer mutigen Ausrichtung und einigen Nachwuchsleuten in der Startelf in der Bundesliga mithalten kann. Zum ersten Mal spielte Werder in der Bundesliga so, wie man es von Skripniks Teams bislang kannte, und lief damit nicht etwa ins offene Messer. Deshalb greift auch die Einschränkung “war ja nur gegen Paderborn” ins Leere. Gerade gegen ein solches Team, noch dazu in einem Heimspiel, kann man so mutig aufstellen und spielen lassen. Denn so stark Paderborn taktisch und kämpferisch auch bislang auftrat: Individuell gehören sie ganz sicher zum unteren Drittel der Liga. Das Risiko für einen Spieler wie Janek Sternberg ist somit überschaubar – anders als wenn er beispielsweise gegen Arjen Robben direkt im ersten Spiel drei Gegentore verantworten müsste.

Gegen andere Gegner wird Skripnik wieder Abstriche machen müssen im spielerischen Bereich, eventuell schon in Frankfurt, wo der fürs Aufbauspiel wichtige Galvez fehlen wird. Die Raute dürfte dann wieder eine Spur defensiver besetzt sein, eventuell mit Fritz für Bartels, der für den erneut wenig überzeugenden Hajrovic in die Spitze rücken könnte. Bis dahin darf Skripnik sicherlich noch einige Komplimente entgegen nehmen. Aus der Niederlage im Nordderby zog er in jeder Hinsicht die richtigen Schlüsse und so steht nach vier Spieltagen unter seiner Führung folgende kuriose Bilanz: Das einzige Team, dass in dieser Zeit mehr Punkte geholt hat, war der FC Bayern. Fast wie früher.

Der Kopf des Fischs

Mitgliederversammlungen sind bei Werder Bremen traditionell eine ziemlich dröge Angelegenheit. Bestenfalls werden die eingefahrenen Erfolge beklatscht. Kritische Fragen sind dagegen selbst in finsteren Zeiten die Ausnahme. So kann Geschäftsführer Klaus Filbry vor den versammelten Mitgliedern ein Minus von 9,8 Millionen Euro präsentieren, dies mit einem höchst unglaubwürdigen Verweis auf “Abschreibungen für Spielertransfers der Vergangenheit begründen und muss sich dafür nicht weiter rechtfertigen. Die Werderfamilie feiert lieber das (unbestritten sehr große) Lebenswerk des neuen Ehrenpräsidenten und denkt an vergangene glorreiche Zeiten.

Es ist durchaus möglich, dass die vernichtend schlechten Geschäftszahlen – und als solche muss man sie im Vergleich zur Vergangenheit und zu anderen Bundesligisten bezeichnen – ein Überbleibsel der im nachhinein noch finstereren Jahre 2010 – 2013 sind. Eventuell sind mit dem Jahresabschluss einige Leichen aus dem Keller geholt worden, die sich schon im fortgeschrittenen Verwesungszustand befanden. Hinreichend Anlass dies zu glauben, geben Filbrys Aussagen allerdings nicht. Kommunikativ war die Präsentation der Zahlen ein Debakel. Entweder hat Filbry also bewusst gelogen oder er hat schlicht selbst keinen Überblick über Werders Finanzen. Welches Szenario schlimmer wäre, ist nicht leicht zu sagen. Tragbar wäre Filbry als Geschäftsführer nach meinem Dafürhalten in beiden Fällen nicht mehr.

Nehmen wir dennoch einmal an, dass Filbry in sofern die Wahrheit sagt, als dass im laufenden Geschäftsjahr mit einem deutlich verbesserten Ergebnis gerechnet werden kann (von der vielzitierten “schwarzen Null” möchte ich gar nicht reden). Zurück bleibt die Frage, wodurch Werders Kostenapparat so dermaßen aufgebläht wurde, dass trotz eines um drei Millionen Euro gestiegenen Umsatzes und eines um sechs Millionen Euro reduzierten Spieleretats noch immer der zweithöchste Verlust der Unternehmensgeschichte eingefahren wurde. Wenn die Fehler in der (nicht ganz so nahen) Vergangenheit liegen, müssten doch die Verantwortlichen, die damals schon am Steuer saßen, stärker hinterfragt werden. An vorderster Front stehen hier Fischer und Lemke (Allofs, Born und Müller lassen sich schlecht noch befragen). Stattdessen reicht ein lapidarer Hinweis darauf, dass “wir alle Fehler gemacht haben” und schon ist Ruhe im Karton. Mehr noch: Es kommt zur unerwarteten Versöhnung der zerstrittenen Altvorderen. Die Werder-Familie ist wieder intakt.

Über ihre tatsächlichen finanziellen Verhältnisse wird hingegen der Mantel des Schweigens gehüllt. Man muss wahrlich kein Finanzexperte sein, um Filbrys Nebelkerze als solche zu erkennen. Selbst Kreiszeitung und Weser-Kurier, die nicht für ihre allzu kritische Berichterstattung über Werder Bremen bekannt sind, haben große Zweifel an der offiziellen Begründung. Den mit den Transfers von Sokratis, Arnautovic und Avdic verbundenen Aufwendungen, die Filbry als Grund für die “einmaligen Effekte” nennt, stehen die erzielten Transfererlöse gegenüber. Selbst wenn die Anschaffungskosten dieser Spieler über den angenommenen Werten liegen, dürften die Spieler in Summe kaum mit so hohen Restwerten in den Büchern gestanden haben, dass diese die Transfererlöse übersteigen. Die Transfereinnahmen nun zum operativen Ergebnis zu zählen, die (völlig normalen und bei vielen Transfers anfallenden) buchhalterischen Aufwendungen hingegen als einmalige Effekte zu bezeichnen, ist irreführend und in meinen Augen unredlich.

Die Mitgliederversammlung hinterlässt mehr als nur einen schalen Beigeschmack. Sie zeichnet das Bild eines Vereins, der Probleme weiterhin lieber schönredet als offen anspricht. In der Kommunikation wird der gleiche Weg gegangen, mit dem schon die in einem Beitrag des NDR erhobenen Vorwürfe gegen Klaus-Dieter Fischer gekontert wurden: Was sich noch dementieren lässt, wird dementiert. Was sich nicht mehr leugnen lässt, ist längst bekannt und liegt in der Vergangenheit, also Schwamm drüber. Ein paar Fehler wurden gemacht, von wem ist nicht genau zu sagen und über verschüttete Milch lohnt es sich nicht zu weinen. Der Blick geht voraus in Richtung Zukunft. Der Glaube daran, dass die für Werder positiver wird als die triste Gegenwart, ist bei mir indes nicht mehr vorhanden. Der Verein befindet sich strukturell in einer andauernden Krise, die auch mit den vollzogenen Personalwechseln noch längst nicht überwunden ist.

12. Spieltag: Ernüchterung im Nordderby

Hamburger SV – Werder Bremen 2:0 (0:0)

Eigentlich wollen zwei Artikel geschrieben werden: Einer zum Nordderby und einer zur Mitgliederversammlung. Behalten wir die Chronologie bei und bleiben vorerst beim Nordderby.

Passives Werder, offensivschwacher HSV

Wie schon gegen Stuttgart spielte Werder in einem recht passiven 4-4-1-1 gegen den Ball. Für den verletzten Di Santo und den stets enttäuschenden Elia spielten in der vordersten Reihe Petersen und Hajrovic. Lukimya ersetzte in der Innenverteidigung Prödl. Der HSV setzte wie zu erwarten auf Ballbesitz und eine offensive Ausrichtung mit weit vorgezogenen Außenverteidigern in einem 4-1-4-1. Es entwickelte sich ein einseitiges Spiel auf bescheidenem Niveau. Der HSV kontrollierte den Ball, Werder den Raum vor dem eigenen Sechzehner. Werders mannorientierte Außen ließen sich von Diekmeier und Ostrzolek weit hinten reindrängen. Insbesondere Bartels gab häufig einen zweiten Rechtsverteidiger und konnte somit seine Pendelbewegung auf die Zehnerposition nur selten ausführen.

Werder stand somit bei Ballgewinn selten gut gestaffelt für einen schnellen Konter gegen die aufgerückten Hamburger. Petersens bekannte Schwächen mit dem Rücken zum Tor machten es zudem fast unmöglich, einen langen Ball lange genug abzusichern, bis genügend Mitspieler nachgerückt waren. Hajrovic hatte als hängende Spitze ebenfalls einen rabenschwarzen Tag. Das kontrollierte Passspiel durchs Mittelfeld war ebenfalls zu fehleranfällig, um den HSV vor größere Probleme zu stellen. Folglich war Werder auf Standardsituationen angewiesen, um zu Torchancen zu kommen. Hier zeigte sich Werder erneut gefährlich, verpasste es jedoch, dies in ein Führungstor umzumünzen. Hinten ließ man recht wenig anbrennen, sodass sich der HSV trotz überlegener Werte in Ballbesitz und Passgenauigkeit lange Zeit nicht über das Remis beschweren konnte.

Lukimya und Wolf verhindern die Nullnummer

In der zweiten Halbzeit wurde die körperbetonte Partie noch zerfahrener. Werder verschob nicht mehr so konsequent. Auch die Hamburger bekamen Probleme, den Ball fehlerfrei durchs Mittelfeld laufen zu lassen. Wer vorher nicht wusste, dass hier zwei Abstiegskandidaten gegeneinander spielen, muss es spätestens nun geahnt haben. Beide Trainer reagierten. Beim HSV kam mit Rudnevs ein zweiter Stürmer, bei Werder sollte Makiadi mithelfen, das Mittelfeld zu stabilisieren. Beide Wechsel hatten zunächst wenig Effekt. Das Spiel steuerte auf ein torloses Unentschieden zu, das den Leistungen wohl auch am nächsten gekommen wäre. Letztlich wurde das Spiel aber doch noch entschieden – durch einen Einwurf.

Lukimya sprang unter dem hohen Ball in den Strafraum hindurch. Da Wolf einen Schritt zurück auf die Linie gemacht hatte, konnte er nicht mehr eingreifen und Rudnevs versenkte den Ball aus kurzer Distanz im Netz. Man kann darüber streiten, wen beim Gegentreffer die größere Schuld trifft. Unstrittig ist hingegen, dass ein solch kapitaler Fehler jede Defensivtaktik hinfällig macht. Nach immerhin 260 Minuten kassierte Werder in der Bundesliga wieder ein Gegentor. In der Folge versuchte Werder auf Brechstange umzustellen, doch dies wirkte erwartungsgemäß sehr verzweifelt, zumal man durch einen überflüssigen Platzverweis von Fritz auch noch in Unterzahl geriet. In der Schlussphase hatte der HSV drei dicke Konterchancen, von der eine zur Entscheidung genutzt wurde, auch wenn die abschlussschwachen Hamburger dafür erneut die Mithilfe von Wolf benötigten. Die Niederlage war am Ende zwar unnötig aber aufgrund der groben Patzer durchaus verdient.

Mauerfußball im Abstiegskampf?

Nach dem Spiel wurde viel über Skripniks Taktik diskutiert. Ich halte es auswärts gegen den HSV für mindestens genauso legitim, so zu spielen, wie zuhause gegen Stuttgart (nach dem 2:0 vor zwei Wochen wurde die sehr ähnliche Taktik jedenfalls kaum kritisiert). Zu kritisieren ist hingegen die Umsetzung, die deutlich schwächer war, als gegen den VfB. Dass Werder sich spielerisch unter Skripnik binnen vier Wochen zu einer spielerisch überdurchschnittlichen Mannschaft entwickeln würde, war nicht zu erwarten. Umso bitterer ist es, dass im Umschaltspiel kaum etwas richtig gemacht wurde. Petersen ist in der Rolle als alleinige Spitze weit vom Bundesliganiveau entfernt und Hajrovic bot ihm wenig bis gar keine Unterstützung. Der Ausfall von Di Santo ist für Werder mit dem vorhandenen Personal nicht zu kompensieren. Ähnlich sieht es in der Innenverteidigung mit Prödl aus. Ein 0:0 in Hamburg wäre unter diesen Voraussetzungen kein schlechtes Ergebnis gewesen, zumal durch die Standards durchaus auch die Chance auf einen Sieg bestand. Dass dies nicht Skripniks gewünschte Taktik für die Zukunft ist, dürfte hingegen klar sein.

Auch wenn man es sich nicht eingestehen will, ist Werder momentan zu stark von den Leistungen einiger Spieler abhängig (Di Santo, Prödl, Junuzovic, selbst Bartels und Kroos). Andere Spieler, die das Team spielerisch voran bringen können (Obraniak, Aycicek und Hajrovic) sind aus unterschiedlichen Gründen (noch?) nicht bei 100% ihrer Leistungsfähigkeit. Dadurch kommen Spieler, die ihre Untauglichkeit zur Genüge bewiesen haben (Petersen, Elia, Lukimya), immer wieder zum Einsatz. Sportlicher Fortschritt ist so schwierig zu erreichen. Es bleibt im Winter wohl wirklich nur die Wahl zwischen einem erhöhten Risiko durch 2-3 Neuzugänge und einem Hoffen auf die Rekonvaleszenten Bargfrede, Zander und von Haacke. Ob Werder damit die Klasse halten kann, bleibt fraglich – ganz aussichtslos ist die Lage aber keineswegs. Dennoch hat das Nordderby gezeigt, dass man noch nicht wieder gen oberer Tabellenhälfte schauen darf. Das Hier und Jetzt heißt bis auf Weiteres Abstiegskampf.

11. Spieltag: Details

Werder Bremen – VfB Stuttgart 2:0 (1:0)

Werder bezwingt Stuttgart mit einer engagierten und gut organisierten Leistung. Skripniks taktische Ideen neutralisieren das Stuttgarter Offensivspiel über weite Strecken. Zwei Ecken sorgen für die Entscheidung zugunsten Werders.

Die Rautenevolution geht weiter

Es hatte sich an den Tagen vor dem Spiel bereits angedeutet, dass Skripnik in seiner Heimpremiere ohne Obraniak und Aycicek beginnen würde. Stattdessen kehrte der zuvor aussortierte Elia zurück ins Team (was heißt eigentlich “Fingerspitzengefühl” auf Ukrainisch?). Was so manchem Fan Schweißperlen auf die Stirn trieb, stellte sich als cleverer Schachzug heraus, denn Skripnik setzte taktisch dort an, wo er in der zweiten Halbzeit gegen Mainz aufgehört hatte. Er hob die “Pseudo-Raute”, die Spielverlagerung letzte Woche erkannte, sozusagen auf die nächste Stufe.

Werder Bremen defensiv

Werder im 4-4-1-1 / 4-3-2-1 Zwitter gegen den Stuttgarter Spielaufbau

Gegen den Ball spielte Werder meist ein 4-4-1-1, mit Elia in einer passiven Rolle zwischen Stoßstürmer Di Santo und einer Viererkette aus Bartels, Fritz, Kroos und Junuzovic. Auf Angriffspressing verzichtete Werder über weite Strecken des Spiels, lediglich Di Santo lief ab und zu die gegnerischen Innenverteidiger an. Elia hingegen begnügte sich damit, die Passwege halblinks vor den beiden Viererketten zuzustellen und rückte manchmal sogar weit mit ein. Auf der rechten Seite gab es ein sehr interessantes Wechselspiel zwischen Fritz und Bartels, die häufiger die Positionen tauschten (was unter anderem mit Bartels Offensivrolle zusammenhing, doch dazu später mehr) und abwechselnd aus der Kette herausrückten. So ergaben sich immer wieder 4-3-2-1 Formationen, die schon gegen Mainz zu erkennen waren. Alles in allem war das Defensivspiel darauf ausgelegt, das Zentrum dicht zu machen und den Stuttgarter Aufbau auf den Flügel zu lenken.

Werder offensiv: Die Formation kippt zur Raute

Werder offensiv: Die Formation kippt mit vielen Diagonalbewegungen zur Raute

Bei eigenem Ballbesitz formierte sich Werders Mittelfeld auf recht interessante Weise um. Bartels übernahm die Rolle des Zehners, der in dieser Variante der Raute jedoch keinen Spielgestalter gab, sondern sich als Durchlaufstation hinter den beiden Spitzen postierte, teilweise sogar zu ihnen aufschloss. Elia spielte wie erwartet sehr linkslastig und ging auch offensiv häufig auf den linken Flügel. Junuzovic rückte als linker Rautenspieler ebenfalls weit mit auf. Die unter Dutt zu beobachtenden Linkslastigkeit war also immer noch präsent, wenn auch in etwas anderer Form. Allein durch diese unterschiedliche Positions- und Rollenverteilung in Defensive und Offensive ergaben sich einige interessante Rochaden im Mittelfeld, auf die sich der VfB einstellen musste. Werder bespielte nach Balleroberung im Mittelfeld die Lücken in der Stuttgarter Defensive mit direkten Vertikalpässen und kam einige Male gut durch die Halbräume an den Strafraum (so etwa bei den beiden Chancen durch Junuzovic).

Zwei Ecken entscheiden unterdurchschnittliches Spiel

Insgesamt war Werders Offensivspiel jedoch weiterhin geprägt von vielen Ungenauigkeiten im Passspiel, teils schwacher Ballverarbeitung und individuellen Fehlern bei der Entscheidungsfindung (Elia!). Letztlich war man daher aus dem Spiel heraus kaum gefährlich. Gerade das eigene Aufbauspiel weist noch viele Schwächen auf. Zum Glück für Werder hat der VfB ein massives Problem beim Verteidigen von Freistößen und Eckbällen, das im Duell zweier unterdurchschnittlicher Teams letztlich entscheidend war. Prödls Kopfballtor ist schwer zu verteidigen und fällt für mich in die Kategorie “kann mal passieren” (ein halber Scorerpunkt geht an Di Santo für sein Blockieren). Das Tor von Bartels darf hingegen aus Stuttgarter Sicht niemals fallen, so schön es auch in der Umsetzung war. Wie man als raumdeckendes Team eine flache Ecke an den Elfmeterpunkt zulassen kann, wird wohl ein Geheimnis des VfB bleiben – Armin Veh war jedenfalls sehr verärgert nach dem Spiel.

Der Bremer Sieg ist aufgrund dieser Schwäche des Gegners verdient, wenngleich Werder in der ersten Halbzeit auch etwas Glück hatte, als zunächst Gentner frei vor dem Tor eine Hereingabe mit dem Kopf nicht richtig erwischte und kurz darauf Wolf mit starker Parade gegen Harnik rettete. Nach dem 2:0 schien der Widerstand des VfB jedoch gebrochen. Wie schon in Mainz gelang es Werder mit zunehmendem Selbstvertrauen immer besser, die eigene Ordnung und den Gegner fern vom Tor zu halten. So hatte Stuttgart zwar über die kompletten 90 Minuten mehr vom Ball, verbrachte aber erhebliche Zeit damit, denselbigen durch die Abwehrreihe laufen zu lassen. Gefährliche Zuspiele an den Strafraum waren nur selten zu sehen, auch wenn in der ersten Halbzeit einige gute Diagonalbälle von links in den Strafraum gespielt wurden.

Nordderby und ein Nordlicht

Es lässt sich darüber streiten, ob die Länderspielpause für Werder zur Unzeit oder genau rechtzeitig kommt. Für die erstgenannte Theorie spricht das Momentum, jenes wunderbare Phänomen, das sich seit dem Trainerwechsel zu Werders Gunsten gedreht zu haben scheint. Dagegen sprechen die zahlreichen spielerischen Mängel in Werders Spiel, an denen in den zwei Wochen vor dem Nordderby gearbeitet werden kann. Während sich Skripniks Handschrift bislang nur auf einige wenige, aber durchaus wichtige, Umstellungen sowie eine stark veränderte Ansprache beschränkt, könnte beim Spiel in Hamburg bereits ein größerer Fortschritt im spielerischen Bereich erkennbar sein.

Nachdem Elia erneut nicht überzeugt hat, könnte Dutt Skripnik wieder auf einen seiner beiden Spielmacher in der Startelf setzen. Fin Bartels – dessen Rolle gegen Stuttgart zum Interessantesten gehörte, was Werder in dieser Saison taktisch zu bieten hatte – dürfte dann wieder neben (bzw. hinter) Di Santo rücken. Als intelligenter und konterstarker Spieler ist Bartels für Werder derzeit viel wichtiger, als ihm viele vor der Saison zugetraut hätten. In einer Zeit, in der Werder häufig im Zusammenhang mit verbranntem Kapital und Transferflops genannt wird, ist das eine willkommene Abwechslung.

10. Spieltag: Wackeliger Befreiungsschlag

1. FSV Mainz 05 – Werder Bremen 1:2 (1:1)

Zwanzig Minuten lang führt Mainz den Tabellenletzten am Nasenring durch die Manege – es scheint nur eine Frage der Höhe des Sieges zu sein. Am Ende gelingt aber Werder der erste Saisonsieg, und das nicht mal ganz unverdient.

Mainz überrennt Werder

Selten sieht man vom Anpfiff an solch einen großen Leistungsunterschied in einem Bundesligaspiel. Bei den Mainzern, die auf ihre Fünferkette zugunsten eines konventionellen 4-2-3-1 verzichteten, klappte in der Anfangsphase des Spiels nahezu alles. Das Pressing war gut und führte zu etlichen Ballgewinnen in der Bremer Hälfte. Mit schnellen Verlagerungen auf die Flügel, teils hinter die aufgerückten Außenverteidiger, nahmen sie die vermeintliche Schwachstelle der Bremer Raute ins Visier. Werder hingegen hatte große Probleme, den Ball über mehr als zwei Stationen zu halten. Prödls Befreiungsschläge waren zehn Minuten lang die einzigen erfolgreichen Versuche, den Ball aus der eigenen Hälfte zu klären. Die Befürworter der Dutt’schen Theorie, die spielerische Qualität des Kaders reiche nicht für gepflegten Spielaufbau, durften sich bestätigt fühlen. Lediglich der fehlenden Mainzer Konsequenz vor dem Tor und einer starken Parade von Wolf war es zu verdanken, dass Werder nach der Anfangsphase nicht bereits aussichtlos im Rückstand lag (wenngleich ein sehr guter Torwart das Tor von Okazaki – auch wenn der Schuss verdeckt war – wohl verhindert hätte).

Als Werder kurz vor der Pause einen umstrittenen (meiner Meinung nach aber korrekten) Elfmeter zugesprochen bekam, wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, den folgenden Ausgleich als gerechtes Ergebnis zu bezeichnen. Zu groß war die Mainzer Dominanz, zu gering die Gefahr, die Werder seinerseits vor dem gegnerischen Tor entfachte. Dennoch war bereits ab der 20 Minute eine leichte Veränderung der Spieldynamik erkennbar. Die erste Welle des Mainzer Pressings ebbte ab und Werder gewann langsam etwas Sicherheit im eigenen Ballbesitz. Ein guter Angriff über Obraniak und Di Santo, dessen Hereingabe Bartels knapp verpasste, zeigte zum ersten Mal die Erfolgsformel für Werders Offensivspiel auf: Schnelles und direktes Passspiel durchs Zentrum in die Spitze. Hier zeigte sich der Mainzer Defensivverbund durchaus anfällig, wie Junuzovic mit seinem Schnittstellenpass auf Bartels kurz darauf unter Beweis stellte.

Werder fängt sich und dreht das Spiel

In der zweiten Halbzeit war das Spiel geprägt von der veränderten Ausgangsposition nach Di Santos frühem Führungstor. Skripnik reagierte früh auf die Führung, indem er Obraniak aus dem Spiel nahm und auf ein 4-4-1-1 umstellte. Werder stand fortan defensiv etwas besser, während sich die Mainzer mit dem unglücklichen Spielverlauf haderten und nicht wieder zu ihrer spielerischen Linie der ersten Halbzeit fanden. Hinzu kam die nachlassende Kraft, weshalb das extreme Pressing der ersten 20 Minuten nicht reaktiviert werden konnte. Mit klugen Wechseln sicherte Werder den Sieg in der Schlussphase ab, verpasste es jedoch, die sich ergebenden Kontergelegenheiten zur Entscheidung zu nutzen.

Herausheben muss man die Einzelleistung Di Santos, der sich in den letzten 10 Monaten von einem Ergänzungsspieler zu Werders mit Abstand besten Stürmer gemausert hat. Es kommt ihm meiner Meinung nach zu Gute, wenn er einen spielerisch starken Akteur wie Bartels oder Hajrovic neben sich hat, statt einem zweiten Stoßstürmer. Das zweite Tor war technisch hochwertig erzielt, um es norddeutsch-unterkühlt, wenn nicht sogar maßlos untertrieben, auszudrücken. In der aktuellen Form darf man Di Santo wohl zu den 8-10 besten Mittelstürmern der Liga zählen.

Die Leistung seines Vorlagengebers Felix Kroos ist ebenfalls eine genauere Betrachtung wert, war sie doch eine Art Barometer des Spiels seiner Mannschaft. In den ersten 15 Minuten machte er alles falsch, was ein Rauten-Sechser falsch machen kann. Höhepunkt war sein schlecht getimter Pressingvorstoß, der ihn zu einem eigentlich überflüssigen Foul inklusive gelber Karte zwang. Mit zunehmender Spielzeit fing er sich jedoch und fand mit einfachem, aber sicherem Kurzpassspiel im Mittelfeld langsam in die Partie. Der Pass auf Di Santo war wunderbar gespielt, und zeigte, mit welch einfachen Mitteln die Mainzer Viererkette letztlich zu knacken war.

Traumstart und viel Arbeit

Der Sieg ist insgesamt glücklich für Werder, geht angesichts der Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit aber durchaus in Ordnung. Mainz war zwar insgesamt die bessere Mannschaft, zeigte in der Defensive jedoch auch Schwächen, die Werder ausnutzte, und fand nach dem Rückstand nicht mehr zurück zum druckvollen Spiel der ersten Halbzeit. Zwar bleibt Werder vorerst am Tabellenende, kann sich in den anstehenden direkten Duellen gegen Stuttgart und den HSV jedoch selbst aus den Abstiegsrängen schießen.

Für Viktor Skripnik war es ein optimaler Start. Seine Umstellungen vor dem Spiel und während der Partie waren allesamt nachvollziehbar, ebenso seine Systemumstellungen auf 4-4-1-1 und später 4-5-1. Er hat nicht den (über-)ambitionierten Versuch unternommen, Werders Spiel von Grund auf umzukrempeln, sondern einige naheliegende Umstellungen vorgenommen (Galvez in die Innenverteidigung, Obraniak und Aycicek in den Kader bzw. auf die 10). Leichte Verbesserungen im spielerischen Bereich sind zu erkennen, auch wenn das Aufbauspiel selbstverständlich noch deutliche Mängel aufweist. Hier besteht Skripniks Aufgabe zunächst darin, die Spieler zum Kombinationsspiel zu ermutigen. Ein System vom Reißbrett dürfte derzeit kaum funktionieren. Inhaltlicher Schwerpunkt der Trainingsarbeit sollte dagegen die Defensivorganisation sein, denn die Anfangsphase gegen Mainz zeigte wieder einmal deutlich, dass Werder auf diesem Gebiet massive Probleme hat.

Mutmacher

Chemnitzer FC – Werder Bremen 0:2 (0:1)

Nach neun Spielen ohne Sieg schlägt Werder den Drittligisten aus Chemnitz und sorgt für ein wenig Erleichterung an der Weser. Viktor Skripniks kleinen, aber effizienten Maßnahmen gaben dem Team genügend Sicherheit für einen am Ende verdienten Auswärtssieg.

Nur zwei Tage hatte Skripnik zur Verfügung, um den am Boden liegenden Tabellenletzten der Bundesliga wieder aufzubauen. Die begrenzte Zeit wurde wohl vor allem dafür genutzt, den Spielern etwas Mut zu machen. Selbstvertrauen, das sagte Skripnik nach dem Spiel richtigerweise, bekommt man im Fußball nur durch Siege. Dem Trainer blieb daher nur die Möglichkeit, seine Spieler zu ermutigen, wirklich Fußball zu spielen und an ihre eigene Stärke zu glauben. Manchmal kann es im Fußball so einfach sein. Es war definitiv eine andere Mannschaft, die am Dienstag auf dem Rasen stand, als noch am Freitag gegen Köln, und das lag nicht (primär) an der Aufstellung.

Personell hielten sich Skripniks Umstellungen in Grenzen. Außer dem erkrankten Marnon Busch wurde nur Cedric Makiadi aus dem 18er-Kader des letzten Spiels gestrichen. Dafür rückten die beiden von Dutt verschmähten Zehner Ludovic Obraniak und Levent Aycicek nach. Wer sich vom neuen Coach Tabula Rasa im Team erwartet hat, sah sich getäuscht. Stattdessen stellte Skripnik punktuell um, zog Galvez auf seine angestammte Position in die Innenverteidigung zurück, ließ stattdessen Kroos als Sechser von Beginn an ran und tauschte etwas überraschend die Positionen von Fritz und Gebre Selassie. Das große Thema war jedoch das Startelfdebüt von Aycicek, der den Vorzug gegenüber Obraniak bekam.

Ich war besonders gespannt darauf, wie das Team das “System Skripnik” ohne echte Vorlaufzeit umsetzen würde. Die Vermutung lag schließlich nahe, dass die Mannschaft spielerisch schlicht nicht in der Lage sein würde, quasi auf Knopfdruck vom System der hohen Bälle auf ein gepflegtes Kurzpassspiel umzuschalten. Wie sich herausstellte gelang ihr das – wohlgemerkt gegen einen Drittligisten – recht passabel. Es wirkte fast so, als hätte man einen großen Ballast von den Schultern der Spieler genommen. Die unter Dutt obligatorischen langen Bälle aus der Abwehr und das Überladen der linke Seite waren nicht mehr zu sehen – jedenfalls nicht als geplantes Stilmittel. Stattdessen bildeten sich einige recht ansehnliche, wenn auch improvisierte Flachpassstaffetten im Mittelfeld heraus. Am auffälligsten war ein Spielzug, bei dem zunächst mit 2-3 Pässen die erste gegnerische Pressinglinie im Mittelfeld überspielt wurde und dann ein vertikaler Pass ins Zentrum direkt auf den Flügel abgelegt wurde, wo der jeweilige Außenverteidiger mit Tempo aufrückte.

Auch wenn über die genaue Bewertung der Leistung Ayciceks keine Einigkeit herrschte, hat sich dessen Aufstellung schon alleine deshalb gelohnt, weil er mit seiner guten Ballverarbeitung und Handlungsschnelligkeit das Tempo des Spiels variieren konnte. Nach langen Jahren, in denen man technisch hoch veranlagten Tempoverschleppern und limitierten Außenbahndribblern zuschauen musste, ist es eine wahre Wohltat, Aycicek endlich bei den Profis zu sehen. Er wird in der Bundesliga seine Eingewöhnungszeit brauchen, aber er bringt alles mit, um dort schnell seine Spuren zu hinterlassen. An der Entstehung der beiden Tore gegen Chemnitz war er jedenfalls schon einmal beteiligt (Bonuspunkte für das bogenförmige Anlaufen des gegnerischen Torwarts, bevor dieser den Fehlpass auf Fritz spielte).

Es soll an dieser Stelle nicht der Eindruck entstehen, Werder hätte in Chemnitz ein tolles Spiel hingelegt. Die Defensive wackelte in der starken Anfangsphase der Gäste einige Male und insgesamt wurden noch zu viele einfache Fehlpässe in gefährlichen Zonen gespielt. Auffällig war jedoch, dass die Mannschaft insgesamt kohärenter wirkte und Gefallen daran zu finden schien, dass die Suche nach einer spielerischen Lösung zumindest gewünscht ist. Ob dies in der Bundesliga auch auf Anhieb so funktioniert, wird sich gegen Mainz zeigen. Letztlich erzielte Werder die Tore in wichtigen Phasen (kurz nach dem Chemnitzer Pfostentreffer und nachdem Werder in Halbzeit zwei nicht so richtig ins Spiel fand) und profitierte dann von den entstehenden Dynamiken.

Was bleibt, ist ein gelungenes Debüt des neuen Trainerteams, ein dringend benötigtes Erfolgserlebnis für die Mannschaft und das Überwintern im DFB-Pokal. Das ist doch schon mal was. Ob aus dem Beckham der Ukraine zeitnah der Lobanowskyj von der Weser wird, bleibt hingegen abzuwarten.

Aus. Vorbei.

Werder Bremen – 1. FC Köln 0:1 (0:0)

Ich bin selten nach einem Spiel wortkarg, aber heute ist solch ein Tag. Eine bittere wie verdiente Niederlage gegen Köln beendet in Bremen die Ära Dutt.

Zum Spiel will ich ausnahmsweise mal nicht viel schreiben. Es gab ein paar interessante Ansätze im Spielaufbau, die Rückkehr zur Raute (als 4-1-3-2 mit gelegentlichem Hang zum 4-3-3), einen letzten Akt von Solidarität seitens der Fans. Vor allem aber gab es viel von dem zu sehen, was man als Werderfan schon gewohnt ist. Hohe Bälle, Linksüberladungen, haarsträubende Fehler im Passspiel, merkwürdige Aufbaustrukturen (wozu lässt sich Galvez zwischen die Innenverteidiger fallen, wenn die zentralen Räume zwischen vorderster und letzter Linie teilweise gar nicht besetzt werden?) und zu guter Letzt den Offenbarungseid des Trainers.

In einem Heimspiel gegen einen Aufsteiger, das unbedingt gewonnen werden muss, nach 60 Minuten Lukimya und Gebre Selassie einwechseln zu wollen, ist schon sehr verstörend. Nach dem Gegentor war es dann Petersen statt Lukimya, der eingewechselt wurde, und spätestens nach der Einwechslung Selkes für Makiadi wurde das Mittelfeld komplett aufgegeben. Zwanzig Minuten lang hohe Bälle auf die drei Stürmer. Zwei ernsthafte Torchancen in 90 Minuten, beide durch Fernschüsse. Hinterher die Aussage des Trainers, dass er nicht mehr daran geglaubt habe, dass sein Team es spielerisch schafft. Nach diesem Spiel ist Dutt nicht mehr zu halten (wenn die Geschäftsführung es denn überhaupt wollte).

Die Kritik am Trainer soll keinesfalls die Spieler von ihrer Verantwortung freisprechen.  Die individuellen Leistungen waren fast durch die Bank mäßig bis schwach. Letztlich hat ihr aber wohl auch der Glaube gefehlt, das Spiel nach dem 0:1 noch drehen zu können. Ich habe selten eine so miese Schlussphase gesehen. Gerade deshalb braucht diese Mannschaft aber einen Trainer, der sie wieder aufbaut, der die kargen spielerischen Elemente im Spiel versucht zu verbessern und der ihr ein Stück Vertrauen entgegenbringt.

Vielleicht steigen wir trotzdem ab, aber zumindest nicht so.

Betriebsausflug

Bayern München – Werder Bremen 6:0 (4:0)

Man sollte meinen, dass man als Werderfan nach den letzten Jahren seine Erwartungen und Ansprüche schon genug heruntergeschraubt hätte. Nach der fußballerisch miserablen letzten Hinrunde und dem ebenso schwachen Start ins Jahr 2014 dachte ich, dass wir die Talsohle des Bremer Niedergangs inzwischen durchschritten hätten. Nach acht Spieltagen der neuen Saison muss man festhalten, dass die Leistungssteigerung im Frühling und die damit verbundenen Hoffnungen für 2014/15 wohl nur ein Zwischenhoch waren. Werder steht auf dem letzten Platz der Tabelle und das zu Recht.

Kein Torschuss, kein Offensivkonzept

Ein Spiel in München, gegen den nominell haushoch überlegenen ehemaligen Konkurrenten FC Bayern, taugt nach Meinung vieler nicht als Maßstab für Werders Leistung und ist insofern ein Spiel außer Wertung. Das sehe ich komplett anders. Zwar machte die Mannschaft durchaus den Eindruck, dass dieses Spiel und das Ergebnis für Werder nicht groß von Bedeutung wären, doch gerade das macht es so wichtig: Das letzte Feigenblatt, das Robin Dutt zuletzt als letztes Argument gegen eine Entlassung noch vorgehalten wurde, nämlich die gute Einstellung und Mentalität der Mannschaft, ist nun weggefallen.

Zur Einordnung der Niederlage genügen die nackten Zahlen nicht, obwohl die zweifelhafte Ehre, als erstes Team seit Anbeginn der Datenerhebung 1993 ohne einen einzigen Torschuss ein Spiel bestritten zu haben, bereits für sich spricht. Vor einem Jahr durfte ich das historische 0:7 gegen die Bayern im Stadion verfolgen, doch selbst in jenem Spiel zeigte Werder eine marginal bessere Leistung als an diesem achten Spieltag. Offensiv lässt sich Werders Spiel mit dem Hinweis auf das einzige Stilmittel, das seit Dutts Amtsantritt konsequent zur Anwendung kommt, vollständig beschreiben: Abstöße, Abschläge und lange Pässe an die linke Seitenauslinie bei gleichzeitiger Überladung der linken Spielfeldhälfte. Das Problem ist nicht, dass dieses Stilmittel per se schlecht wäre (auch wenn es freilich gegen Bayern nicht funktionierte), das Problem ist, dass es, wie leider viel zu oft, das einzige erkennbare offensive Stilmittel war. Die Offensive kann daher getrost als nicht existent bezeichnet werden.

Angst fressen Defensive auf

Gegen den Ball, was gegen Bayern fast die gesamte Spielzeit beinhaltet, spielte Werder zu Beginn noch einigermaßen variabel und versuchte bei Gelegenheit, etwas weiter in die gegnerische Hälfte zu verschieben und mutiger den Spielaufbau der Bayern anzulaufen (von Angriffspressing will ich nicht unbedingt sprechen). Spätestens nach dem 0:1 war es damit jedoch vorbei. Werder verteidigte passiv in einem tiefen 4-5-1 mit dennoch absurden Lücken im zentralen Mittelfeld. Soll es Hoffnung machen, dass die Vereinsführung nach dem Ruiz-Transfer in der Winterpause lechzt, während man vor der Abwehr Woche für Woche vor Augen geführt bekommt, dass man den Ausfall von Bargfrede nicht kompensieren kann? Ich kann mir kaum vorstellen, dass Eggestein und Fröde aus Werders U23 in der Bundesliga ein schwächere Leistung auf den Platz bringen könnten, als Kroos und Makiadi es als Doppel-Nicht-Sechs gegen Bayern getan haben. Wie man sich in einer so tief verteidigenden Mannschaft als defensiver Mittelfeldspieler so häufig aus der Position ziehen lassen kann, ist mir ein Rätsel.

Es wäre jedoch unfair, nur die beiden hervorzuheben, denn Normalform erreichten gegen die Bayern höchstens Di Santo und Lukimya – was bei Letzterem bedeutete, dass er sich nahtlos ins Leistungsgefüge einreihte. Fußballclown Elia demonstrierte bis zur Pause einige Male seine Schwächen in der Ballverarbeitung und durfte danach duschen gehen. Die Einwechslung von Busch als zweiten Rechtsverteidiger neben Fritz kann man mit sehr viel gutem Willen als taktischen Kniff bezeichnen, um ein noch schlimmeres Debakel zu verhindern. Ich frage mich vielmehr, wie Dutt auf die wahnsinnige Idee kommen konnte, wieder jeglicher Vernunft die rechte Seite mit Fritz und Bartels zu besetzen, einer Kombination, die schon mehrfach ihre Untauglichkeit bewiesen hat.

In der Defensive – also jenem Mannschaftsteil, der laut Dutts Aussage immer mehr Fortschritte macht – stehen inzwischen alle Spieler neben sich. Garcia spielt eine bislang unterirdische Saison, Prödl knüpft langsam an seine Leistungen aus der Spielzeit 2012/13 an und Lukimya ist nun einmal Lukimya. Fritz ging bei seinem Comeback als Kapitän voran und hob vor dem 0:5 vorbildlich den Arm, nachdem er zuvor selbst das Abseits aufgehoben hatte (Gerüchten zufolge gibt es zwischen ihm und Prödl einen Urheberrechtsstreit um dieses Markenzeichen). Caldirola ist nach seinen schwachen Leistungen zum Saisonstart bei Dutt anscheinend dauerhaft in Ungnade gefallen, während Galvez, dem sein Wechsel zu Werder langsam wie ein böser Traum vorkommen dürfte, weiterhin den Aushilfssechser spielen muss. Ob Wolf wenigstens einen der sechs Schüsse auf sein Tor hätte halten müssen, möchte ich an dieser Stelle gar nicht diskutieren, aber auch er spielt, trotz eines Ausreißers nach oben gegen Freiburg, eine deutlich schlechtere Saison.

Die Krise verschärft sich

Wer angesichts dieser Leistung weiterhin auf die Idee kommt, dass Werder aktuell nicht wie ein Tabellenletzter spiele, sollte mehr Bundesligaspiele schauen. Der vor der Saison als sicherer Absteiger gehandelte SC Paderborn ist in München weitaus besser aufgetreten. Gegen Werder musste Bayern in den 90 Minuten nur selten das eher gemächliche Spieltempo erhöhen und konnte Werder quasi im Vorbeigehen aus dem Stadion passen. Ein einfacheres Spiel werden sie in dieser Saison kaum noch absolvieren dürfen und vermutlich auch keine einfachere Trainingseinheit. Vermutlich hätte man gegen Bayern auch mit einer deutlich besseren Leistung nicht gepunktet, doch das Ergebnis ist für die Bestandsaufnahme tatsächlich zweitrangig.

Es lässt sich immer mehr erkennen, dass Werder einem gefährlichen Trend folgt: Erst hielten sich Stärken und Schwächen noch die Waage, dann verschärften sich die Unzulänglichkeiten, während die Stärken nicht über ein paar Ansätze hinausgingen - gerade noch sichtbar genug, um sich öffentlich darauf zu berufen. Wie zu befürchten war, hinterlassen die ständigen Rückstände langsam Spuren bei der Mannschaft. Werder lag in dieser Saison von 720 Spielminuten ganze 15 in Führung. Das ängstliche Spiel gegen Bayern hat gezeigt, dass der Glaube an die eigene Stärke schwindet, was angesichts der Ergebnisse nicht verwunderlich, trotzdem aber sehr gefährlich ist. Neben der strukturellen Krise, in der sich Werder nach wie vor befindet, steckt man derzeit auch in einer ganz akuten sportlichen Krise, die keineswegs nur eine Ergebniskrise ist. Die Mannschaft mag vom Potenzial her ins Mittelfeld der Liga gehören, von den durchschnittlich gezeigten Leistungen her jedoch nicht.

Dutt muss gehen – doch wann?

Noch scheuen sich die Verantwortlichen die Reißleine zu ziehen. Man will schließlich nicht Werders guten Ruf als langfristig denkender Verein, bei dem einem Trainer Zeit gegeben wird, weiter ramponieren und mit jeder Trainerentlassung wird man mehr zu einem “normalen” Verein. Und wenn man angesichts von 43 Punkten und 88 Gegentoren in 42 Bundesligaspielen unter Dutt auch bei einer weniger kurzfristigen Betrachtung wenige Argumente für den Verbleib des Trainers findet, ist im Fußball manchmal trotzdem kurzfristiges Handeln gefragt. Werder ist nach durchaus vielversprechendem Saisonbeginn in eine Krise geschlittert und kann sich schlichtweg nicht erlauben, bis zur Winterpause auf eine Kehrtwende zu hoffen und dann erst zu reagieren. Anders als die meisten anderen Vereine läuft Werder nicht Gefahr, einen Trainer zu früh oder unüberlegt zu entlassen, sondern, aus oben genannten Gründen, zu lange an ihm festzuhalten. Hinzu kommt, dass Eichin wohl selbst nicht so sicher im Sattel sitzt, dass er mehr als einen Trainerwechsel in dieser Saison überstehen würde, von den finanziellen Implikationen ganz abgesehen. Der Trainerwechsel, egal wann er kommt, muss sitzen.

Das Spiel gegen Köln dürfte dennoch zum Endspiel für Robin Dutt werden. Ich kann diese Entscheidung aus Sicht des Vereins verstehen, halte sie sportlich aber für falsch. Unabhängig vom Ausgang des Spiels gegen Köln braucht Werder einen neuen Trainer. Robin Dutt hat sich durch einige fragwürdige Entscheidungen in eine Sackgasse manövriert. Er hält an einem defensiv anfälligen 4-4-2 ohne eigenen Spielaufbau fest und setzt auf eine Spielweise mit vielen hohen Bällen, bei der man selbst als Fan des Vereins kaum darauf hoffen mag, dass sie Erfolg hat. Moderner Fußball – Gegenpressing hin oder her – sieht anders aus. Hinzu kommen fragwürdige Personalentscheidungen und zunehmende Sturheit, die ich beim Pragmatiker Dutt in der letzten Saison so nicht erlebt habe. Auf der Habenseite stehen Verbesserungen im Gegenpressing und (im Vergleich zur letzten Saison) bei den Abläufen im Angriffsdrittel. Das ist, mit Verlaub, eine ziemlich schlechte Bilanz für einen Trainer.

Es liegt mir eigentlich fern, den Kopf eines Trainers zu fordern, doch meiner Meinung nach führt kein Weg daran vorbei, Robin Dutt zu entlassen – und das möglichst bald.

Robin Dutt und die Suche nach der Balance

Es hat sich nicht unbedingt angedeutet, dass nach nur fünf Spieltage dieser Saison eine Trainerdiskussion beginnt. Nachdem Robin Dutts Team in den bisherigen Spielen mehr Fragen als Antworten aufgegeben hat, scheint es jedoch ohnehin nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Diskussion den Verein erreicht.

Lost in transition

Wirklich schlecht hat Werder bislang kaum gespielt in dieser Saison. Im Pokal war die Leistung über weite Strecken schwach. Gegen Hertha schien sich diese zu bestätigen, doch immer wieder konnte Werder zulegen und war insgesamt spielerisch mit den Gegnern auf Augenhöhe – Leverkusen einmal außen vor. Dennoch hat Werder in dieser Saison wieder etwas sehr Fragiles an sich, das man letzte Saison (trotz der insgesamt 66 Gegentore) überwunden glaubte. Der unverkennbare offensive Fortschritt steht auf tönernen Füßen. Robin Dutt sieht den Grund für die 13 Gegentore nicht in der offensiveren Spielweise und in der Tat war es nur selten so, dass Werder ausgekontert wurde oder sich hinten in Unterzahl befand. Und doch ist Robin Dutt bislang den Beweis schuldig geblieben, dass er mit seiner Mannschaft auch dann erfolgreich sein kann, wenn der Fokus nicht komplett auf der Defensive liegt.

Zu Beginn der letzten Saison und zu Beginn der Rückrunde zeigte Werder jeweils erschreckende fußballerische Mängel, konnte jedoch mit konzentriertem und sehr simplem Defensivfußball genügend Punkte holen, um sich aus dem gröbsten Abstiegssumpf herauszuhalten. Es gab auch zu jener Zeit Spiele, in denen Werder völlig unterging. Schön anzusehen war der Stil ohnehin nicht. Aber er war pragmatisch genug, um trotz spielerischer Unterlegenheit genügend Punkte zu holen. Dazwischen gab es eine Phase, in der Dutt mehr Offensive gewagt hat und damit kräftig auf die Nase gefallen ist. Zwischen dem 10. und dem 16. Spieltag kassierte man 25 Gegentore (3,6 pro Spiel). Gängige Meinung damals: Der Schritt kam zu früh für die Mannschaft, also kehrte man zum Defensivstil zurück. Im letzten Saisondrittel gab es einen erneuten Versucht und diesmal schien der Weg erfolgreicher zu sein. Mit dem Rückenwind des fast sicheren Klassenerhalts steigerte sich Werder spielerisch. Es bildeten sich mehr feste Abläufe in Werders Spiel. Dutt hielt an einem System und einem Kreis von 13-14 Spielern fest. Es war der Anfang einer fußballerische Entwicklung, die man lange Zeit in der Saison vermisst hatte.

Eine Fortführung dieser Entwicklung war für diese Saison erhofft worden und eigentlich kann man nicht bestreiten, dass Werder sich diesbezüglich auf eine recht guten Weg befindet – wenn die alten Defensivschwächen nicht aufgetreten wären. Es wäre falsch, diese ausschließlich auf individuelle Fehler zu schieben, doch es ist schon frappierend, wie häufig Werder in Situationen Gegentore kassiert, in denen das Team eigentlich recht geordnet steht. Das Tor zum 1:1 in Augsburg war ein gutes Beispiel hierfür. 20 Meter vor dem eigenen Tor einen ballführenden gegnerischen Spieler nicht unter Druck zu setzen, kann man sich in der Bundesliga nicht erlauben. Dass Fritz seinen Gegenspieler aus den Augen verliert, nachdem Augsburg von der ersten Minute an versucht hatte, die Bälle in seinen Rücken zu spielen, kommt erschwerend hinzu.

O captain, my captain

Hier wären wir leider auch schon beim nächsten Problem: Der Kapitän hat einen Punkt erreicht, an dem er eigentlich spielerisch nicht mehr tragbar ist für seine Mannschaft. So wichtig er im sozialen Gefüge des Teams sein mag, so sehr trägt er in der Defensive zur Verunsicherung der Mannschaft bei. Bereits im ersten Spiel der Saison in Illertissen verschuldete Fritz auf erschreckende Weise ein Gegentor. Das Tor war exemplarisch für die Schwächen, die sich wie ein roter Faden durch die letzten beiden Jahre ziehen. Selbst im Strafraum wird der aktive Zweikampf gescheut, getreu dem Motto: Lieber den Gegner schießen lassen, als von ihm ausgetanzt zu werden. Das ist Alibifußball, den man sich als Kapitän nicht erlauben darf.

Es ist ohnehin frappierend, wie häufig Fritz offenkundig abschaltet, schon bevor das Gegentor gefallen ist, wie zum Beispiel beim 0:1 gegen Hoffenheim, als Fritz zunächst fragwürdig einrückte und dann an der Strafraumgrenze stehen blieb, statt auf einen eventuellen Abpraller zu spekulieren. In Berlin gab es eine ähnliche Szene beim 0:1. In beiden Fällen hätte Fritz das Gegentor nicht mehr verhindern können, doch dass er dies schon vorher als gegeben sieht und an der Stelle das Mitspielen einstellt, ist ein schlechtes Zeichen an die Mannschaft. Nicht zufällig wird von den meisten Gegnern inzwischen Werders rechte Abwehrseite von den Gegnern gezielt angespielt und auch Dutts Präferenz für einen sehr linkslastigen Angriffsstil dürfte unter anderem darauf abzielen, für ein wenig Entlastung auf den Schultern des Kapitäns zu sorgen.

Die ersten Saisonspiele haben deutlich gemacht, dass der Wechsel hin zu Busch (bzw. Zander) eher früher als später erfolgen muss. Zumindest aber braucht Fritz wie in der letzten Saison viel Unterstützung vom Spieler vor ihm. Ein Konterspieler wie Bartels ist da nicht ideal. Gut denkbar daher, dass Busch zunächst die Rolle von Selassie aus der letzten Saison übernimmt und zusammen mit Fritz die rechte Seite dicht machen soll.

Aufs falsche Pferd gewettet?

Bartels könnte somit auf die andere Seite hinüber wechseln, wo Eljero Elia weiterhin sein bekanntes, phlegmatisches Spiel an den Tag legt. Den immer wieder durchschimmernden starken Aktionen folgen genauso regelmäßig absurde Fehler und zeitweiliges Abtauchen. Dazu kommen die bekannte Abschlussschwäche (die Werder gegen Schalke eines der schönsten Kontertore der letzten Jahre verwehrte) und die mentale Anfälligkeit, die ihn gegen Augsburg und Schalke völlig aus dem Spiel brachte. Für einen Spieler seiner Gehaltsklasse und mit seiner Erfahrung ist das viel zu wenig.

Umso erstaunlicher ist es, dass Dutt den in der U23 groß aufspielenden Aycicek genauso wenig beachtet, wie den in Ungnade gefallenen Obraniak. Aycicek wurde durch die Ausfälle am Dienstag zumindest in den Kader gespült und kam zu seinem ersten Saisoneinsatz. Obraniak scheint nur noch gebraucht zu werden, um den freien Platz auf der Bank auszufüllen. Es müsste wohl schon einiges passieren, damit der Pole noch einmal ins Team rutscht. Da auch Neuzugang Hajrovic noch weit davon entfernt ist, die Mannschaft spielerisch zu beleben, bleibt ein riesiger Berg an Verantwortung auf Zlatko Junuzovics Schultern liegen. Als offensiverer (oder auf vertikaler) Sechser ist er Werders wichtigster Umschaltspieler, der – auch systembedingt durch das Fehlen eines 10ers im 4-4-2 – einen riesigen Raum zwischen Abwehrkette und Sturmspitze beackern muss. Ein wenig erinnert dies an seine Rolle vor zwei Jahren in Schaafs 4-1-4-1- System. Anders als damals hat er heute jedoch einen weiteren Sechser neben bzw. hinter sich. Leider zeigt Gálvez in der Position trotz vielversprechender Ansätze bisher mehr Schatten als Licht. Insbesondere im Zweikampfverhalten tut sich der gelernte Innenverteidiger in der ungewohnten Rolle noch schwer.

Viel Richtiges im Falschen

Die Gefahr der drei Unentschieden zu Beginn war immer, dass sie im Licht der folgenden Ergebnisse gedeutet werden würden. Vor acht Tagen war Werder noch ohne Niederlage, heute ist man fünf Spiele sieglos. Solche Serien haben Auswirkungen auf den mentalen Zustand der Mannschaft. Gegen Schalke hatte Werder zum ersten Mal nach dem Rückstand nichts mehr gegenzusetzen. Die individuellen Fehler von Wolf und Galvez wogen zu schwer, als dass Werder gegen die folglich selbstbewussteren Schalke eine erneute Aufholjagd starten konnten. Die Gewissheit, Rückstände drehen zu können, die sich in den Köpfen der Spieler verfestig zu haben scheint, beginnt spätestens jetzt zu bröckeln. Es war ohnehin klar, dass dies nicht über längere Zeit möglich sein würde – wer ständig in Rückstand gerät, verliert die meisten Spiele.

Nun droht sie die Entwicklung zu verselbstständigen, wie so häufig im Fußball. Ich halte Dutt für einen geeigneten Trainer, um dagegen zu lenken. Seine größte Stärke war bislang sein Pragmatismus, der in Bremen schon für einige Verwirrung gesorgt hat. Vielleicht muss Dutt dazu jedoch erneut von seinem eingeschlagenen Weg abweichen und würde somit zum zweiten Mal eingestehen, dass Werders spielerischer Entwicklung das Fundament fehlte. Eine Rückkehr zum Stil der letzten Saison wünscht sich vermutlich niemand, doch ich glaube nicht, dass Dutt davor zurückschrecken würde, wenn er es für den einzigen Weg aus dem Tabellenkeller hielte. Eine erneute Niederlage heute gegen Wolfsburg könnte den entscheidenden Anstoß dafür liefern, denn dann wird auch Dutt wissen, dass all seine Bemühungen ein Spiel auf Zeit sind, solange Werder im Tabellenkeller steht.

Solange der größte Trumpf des Teams, die immer wieder betonte “Mentalität” der Mannschaft, nicht zu bröckeln beginnt, wird Dutt intern meiner Auffassung nach den nötigen Rückhalt bekommen. Die Mannschaft machte auf mich bislang nicht den Eindruck, dass ihr grundsätzlich etwas fehle, um in der Bundesliga mitzuhalten. Auch gegen Schalke machte man vieles richtig und hätte gegen die taktisch nicht überzeugenden und spielerisch verunsicherten Gäste durchaus gewinnen können. Zum Abschluss ein sinngemäßes Zitat, das ich vor kurzem im Worum aufgeschnappt habe und das ich sehr treffend finde: Es sind schon häufiger Mannschaften aus der Bundesliga abgestiegen, die vieles richtig gemacht haben, in der letzten Saison zum Beispiel Nürnberg. Es kommt vielmehr darauf an, wenig falsch zu machen.

Treffender kann man Werders derzeitige Probleme in zwei Sätzen kaum beschreiben.

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 3:3

Fußball ist ein äußerst merkwürdiges Spiel. Nach 44 Minuten hätte kaum jemand auf einen Bremer Punktgewinn getippt, obwohl es zu diesem Zeitpunkt nur 1:0 für die Gastgeber stand. Zu drückend war die Überlegenheit der Werkself, die Werder kaum Raum und Zeit zum Durchatmen lief. Am Ende dieses ungewöhnlichen und spektakulären Fußballspiels stand dennoch ein nicht unverdientes 3:3 (freilich sehen die Leverkusener das anders).

Gegenpressing und extreme Kompaktheit

Werder ging personell nur mit einer Änderung ins Spiel, die nach dem Spiel gegen Hoffenheim auch zu erwarten war: Fin Bartels gab sein Startelfdebut, während Hajrovic auf die Bank musste. Die taktische Ausrichtung passte Dutt ein wenig an. Die Grundformation blieb zwar ein 4-4-2, doch die beiden Stürmer positionierten sich sehr breit und rückten zeitweise beide auf die Außenbahn, sodass die Neunerposition unbesetzt blieb. Durch Junuzovics gelegentliches Aufrücken ergab sich teilweise eine 4-1-3-2(-0) Stellung. Im Gegensatz zum breit angelegten Offensivspiel zog man sich in der Defensive jedoch horizontal und vertikal sehr kompakt zusammen – bzw. man wurde dazu gezwungen, da Leverkusen seinerseits enorm kompakt und aggressiv verschob. Nicht selten fanden sich alle Feldspieler auf einer Seite des Feldes wieder.

In diesen enorm engen Zonen war an Ballbesitzfußball und ruhiges Aufbauspiel nicht zu denken, was für Werder keine große Umstellung bedeutete, sind dies derzeit doch keine wichtigen Elemente im eigenen Offensivspiel. Das enorm aggressive Gegenpressing der Leverkusener sorgte dennoch für Probleme, denn Werder schaffte es phasenweise überhaupt nicht, sich daraus zu befreien (ich kann mich nicht daran erinnern, dass Werder in der Bundesliga mal eine schlechtere Passquote hatte, als die 51% vom Freitag).

Flügelverlagerungen sorgen für die Tore

Auch wenn Werders erste Halbzeit über weite Strecken schwach war und Leverkusen das Spiel scheinbar nach Belieben dominierte, war schon in der Anfangsphase der offensive Matchplan der Bremer zu erkennen: Die auf die Flügel gezogenen Stürmer sollten gegen den weit eingerückten Gegner durch schnelle Diagonalbälle ins Spiel gebracht werden. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Leverkusens Führungstreffer auf ähnliche Weise fiel. Beide Teams waren fast komplett auf die rechte Bremer Abwehrseite gerückt. Die einzige Ausnahme war Leverkusens Rechtsverteidiger Jedvaj, der mit einem Querpass bedient wurde und von Garcia nicht mehr am Schuss gehindert werden konnte. Kompaktheit hat eben auch ihre Tücken.

Das 1:1 fiel nach einem schnellen Zuspiel auf den linken Bremer Flügel, von wo Garcia den Ball (mit etwas Glück) auf den durchstartenden Bartels auf die andere Seite herüberlegte. Es waren zwei Tore, die zu den generellen Ausrichtungen beider Mannschaften passten, auch wenn sie den Spielverlauf auf den Kopf stellten. Leverkusen hatte bis zum Bremer Ausgleichstreffer genügend Chancen, um das Spiel bereits vor dem Pausenpfiff zu entscheiden.

Werder befreit sich, Dutt wechselt gut

Nach dem Seitenwechsel wurde Werder etwas stärker und konnte sich häufiger aus Bayers Umklammerung befreien. Dies hatte vielleicht auch mit nachlassenden Kräften auf Seiten der Gastgeber zu tun, die trotz eines Plus an Ballbesitz mehr gelaufen waren als ihr Gegner. Auch wenn Leverkusen die spielbestimmende Mannschaft blieb, wurden Werders Gegenstöße zahlreicher und gefährlicher. Dabei nutzten sie die immer wieder auftretenden Räume im Rücken der Leverkusener Gegenpressing-Maschine aus. Vor dem Führungstreffer befreien sich Elia und Bartels aus der Umklammerung und verlagern das Spiel auf den linken Flügel. Bayers verbliebene Abwehr muss weit einrücken, um Selke und Junuzovic den Weg abzuschneiden, und so steht Di Santo rechts völlig blank und kann (trotz suboptimaler Ballmitnahme) frei vor Leno das Tor erzielen.

Bayer drehte das Spiel dank der überlegenen individuellen Klasse jedoch erneut. Calhanoglus Freistoßtor war ein Kunstwerk, perfekt über die Mauer gehoben und unmöglich abzuwehren. Beim Tor von Son reicht eine simple, aber geschickte Drehung, um Lukimya auf dem falschen Fuß zu erwischen. Das Spiel war inzwischen jedoch ziemlich offen und so bekam auch Werder genügend Chancen, um noch einmal zurückzuschlagen. Dutt trug mit guten Auswechslungen erneut dazu bei, dass Werder in der Schlussphase noch einmal zulegen konnte. Selke scheiterte zunächst noch an seiner Übersicht und/oder seinen Nerven. Besser machte es Prödl nach einer von Petersen verlängerten Flanke von Marnon Busch. Völlig frei am zweiten Pfosten verwandelte per Direktabnahme. In der Schlussphase wäre sogar noch ein Sieg möglich gewesen, wenn Hajrovic den Ball besser verarbeitet und dann quer gelegt hätte (das Dribbling, das ihm viele vorwerfen, war dann fast unausweichlich, weil Di Santo in der Zwischenzeit ins Abseits gelaufen war).

Die Gefahren des Rauschs

Am Ende war der Punktgewinn daher nicht mehr ganz unverdient, weil Leverkusen sich den Vorwurf gefallen lassen muss, aus den 30 Minuten drückender Überlegenheit in der ersten Halbzeit zu wenig gemacht zu haben. Defensiv war Bayer anfällig, wenn es Werder gelang, nach Ballgewinn die ersten zwei Wellen des Gegenpressings zu überstehen. Die Räume, die Leverkusen dahinter anbot, werden vermutlich noch mehrere Mannschaften in dieser Saison auszunutzen wissen. Ob Leverkusen dies durch den immensen Offensivdruck nach den hohen Ballgewinnen ausgleichen kann, wird die Zeit zeigen.

Für Werder ist hingegen wichtig, dass Dutt Wort gehalten und die Leverkusener Schwächen richtig gedeutet hat. Der (offensive) Matchplan war diesmal von Beginn an zu erkennen – nicht erst nach Umstellungen, wie in den ersten beiden Spielen – begann jedoch erst in der zweiten Halbzeit zu greifen. Davor legte Bayer die Bremer Schwächen unbarmherzig offen, was angesichts des unerwarteten Punktgewinns nicht vergessen werden sollte. Es könnte gefährlich sein, sich zu sehr an der eigenen Stehaufmännchen-Mentalität zu berauschen, denn es war dem fehlenden Glück bzw. der Abschlussschwäche der Leverkusener zu verdanken, dass Werder überhaupt eine Chance zum Comeback hatte. Unterm Strich ist Werder bislang in jedem Saisonspiel verdient in Rückstand geraten und man wird nicht Woche für Woche einen solchen Kraftakt vollbringen können, um aus diesen Spielen noch Punkte mitzunehmen (man vergleiche etwa die Hinrunde der vorletzten Saison).