Nur noch Formsache?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Arroganz und Selbstbewusstsein. Fußballdeutschland* überschreitet ihn allerdings traditionell gerne und ohne zu zögern. So lautet die wichtigste Frage vor dem Finale nicht etwa, wie man Argentinien schlagen kann, sondern ob Deutschland dort nur als großer oder doch als haushoher Favorit ins Spiel geht.

7:1 gegen den Gastgeber – eine Einordnung

Man kann das Ergebnis des ersten Halbfinals auf unterschiedliche Weise bewerten. Aus historischer Sicht gehören das Spiel und vor allem das Ergebnis jetzt schon zu den bedeutsamsten Spielen der WM-Geschichte. Höchster Halbfinalsieg, höchste WM-Niederlage Brasiliens, höchste Niederlage eines WM-Gastgebers, Kloses 16. WM-Tor usw. usf.

Aus taktischer Sicht war das Spiel ebenfalls interessant, weil es eines der wenigen Spiele im Turnier war, in denen sich das eine Team kein bisschen auf das andere eingestellt zu haben schien, das andere jedoch hervorragend auf das eine. Brasilien machte nahezu alles falsch in diesem Spiel und es ist schwer begreiflich, wie unglaublich amateurhaft sich Brasilien in der ersten Halbzeit anstellte. Marcelo, Dante, David Luiz und Maicon haben in den letzten vier Jahren alle die Champions League gewonnen und wurden vorgeführt, wie B-Jugendspieler, die zum ersten Mal beim Erwachsenenfußball reinschnuppern durften. Die linke Abwehrseite war offen wie ein Scheunentor, das defensive Mittelfeld nicht präsent, Fred war die falscheste aller Lösungen im Angriff gegen Deutschlands hohe Abwehrlinie. Auch diese Liste lässt sich lange fortführen.

Wie kann so etwas in einem WM-Halbfinale passieren? Wenn eine Mannschaft taktisch so viel falsch macht, ist es unwahrscheinlich, dass die Taktik das Problem ist. Sie dürfte viel mehr Symptom einer rein auf den psychologischen Aspekt des Spiels beschränkten Vorbereitung gewesen sein. Der Druck war für Brasilien ohnehin schon groß genug. Wenn das Spiel dann auch noch darauf reduziert wird, für den verletzten Neymar unbedingt gewinnen zu wollen, brennt den Spielern irgendwann die Sicherung durch. Brasilien hat sich vor dem Spiel zu viel mit sich selbst beschäftigt und zu wenig mit dem Gegner. So gerne ich Scolari mag, das war eine richtig schlechte Coaching-Leistung.

Deutschland nutzte die Fehler Brasiliens gnadenlos aus und lieferte insgesamt ein tolles Spiel ab. Doch auch wenn man sich die Finalteilnahme mit insgesamt starken Leistungen verdient hat, ist das unglaubliche Ergebnis mehr den oben genannten Problemen Brasiliens geschuldet als einer deutschen Leistungsexplosion im Halbfinale.

Das langweilige Gegenstück

Im zweiten Halbfinale quälten Argentinien und die Niederlande einander und die Zuschauer zu einem wenig ansehnlichen 0:0 nach 120 Minuten. Ein Spiel für Taktiker, in dem keines der Teams einen Fehler machen wollte. Der Fokus lag einzig und allein darin, dem Gegner seine Stärken zu nehmen, auch wenn dies auf Kosten der eigenen Stärken ging. Ein klassischer Fall von “Angst essen Seele auf”. Wie man mit sehr viel Seele, aber auch mit Pauken und Trompeten aus dem Turnier fliegen kann, bekamen die Teams ja am Vortag schon von Brasilien vorgeführt.

Welche Rückschlüsse lässt dieses Spiel auf das Finale zu? Sehr wenige. Argentinien zeigte sich bei dieser WM als sehr unangenehmer Gegner, der jedoch von vielen unterschätzt wird. Die Gleichung “Argentinien = Messi und sonst nix” geht nicht auf. Auch nicht nach der Verletzung von Di Maria. Javier Mascherano zählt sicherlich zu den besten Sechsern des Turniers und auch Ezequiel Garay ist ein Garant dafür, dass Argentiniens Defensive sattelfest ist. Die Mannschaft spielt keinen aufregenden, aber sehr erfolgsorientierten Fußball. Der Trainer ist dabei äußerst pragmatisch. Bis zum Halbfinale war Argentinien das Team mit dem meisten Ballbesitz. Gegen die Niederlande, die ihre Stärken vor allem im Spiel gegen den Ball haben, verzichtete Argentinien jedoch auf viel Ballbesitz und überließ dem Gegner die Aufgabe, das Spiel über weite Strecken selbst zu machen. Dabei stellten sie sich so weit hinten rein wie Costa Rica in der Schlussphase des Viertelfinals, sondern verteidigten eher passiv im Mittelfeld und machten das Spiel nach der Balleroberung langsam – eher eine Rarität im modernen Fußball.

Defense wins Championships

Zugegeben: Schön ist der argentinische Ansatz bei dieser WM nicht und man muss die Prämisse vom Erfolg, der alle Mittel heiligt, sicherlich nicht teilen. Es lohnt sich aber, das argentinische Spiel etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, um zu verstehen, warum dieses Team im Finale steht. Als einzige Mannschaft lag Argentinien im gesamten Turnier noch nicht im Rückstand und hat in der K.O.-Runde in 330 Minuten kein einziges Gegentor kassiert. Auch Deutschland steht bekanntlich nicht nur wegen des 7:1 im Finale, sondern auch, weil es Frankreich am langen Arm verhungern ließ und gegen Algerien trotz mancher Wackler nicht in Rückstand geriet.

Wann ist zuletzt eine Mannschaft mit überwiegend spektakulärem Angriffsfußball Weltmeister geworden? Das ist ein Stück weit natürlich Definitionssache. Die Bedeutung einer sattelfesten Defensive für einen WM-Sieg ist hingegen unbestritten. Spanien hat bei allen drei EM- und WM-Titeln keine Gegentore in der K.O.-Runde kassiert. Italiens einziges Gegentor in der K.O.-Runde 2006 war Zidanes Elfmeter im Finale. Griechenlands drei 1:0-Siege in der K.O-Runde 2004 sind hinlänglich bekannt. Brasilien kassierte 2002 das letzte Gegentor im Achtelfinale. Argentinien verfolgt diesen Ansatz knallhart und nimmt dabei sogar in Kauf, sich der eigenen Offensivstärken zu berauben. Auch, weil man mit Lionel Messi eben einen Spieler hat, der ein solches Spiel auf vielfältige Weise entscheiden kann. Diese Mannschaft wird im Finale sicherlich nicht blind ins Verderben laufen.

Trotz allem glaube ich, dass Deutschland die bessere Mannschaft hat, den besseren (nicht nur schöneren) Fußball spielt und im Finale die besseren Siegchancen besitzt. Die Versetzung Lahms auf den Flügel ab dem Viertelfinale erwies sich als richtig, weil Schweinsteiger als alleiniger Sechser (wer hat sich eigentlich diesen Unsinn ausgedacht, das deutsche System in der K.O.-Runde wieder als 4-2-3-1 darzustellen?) besser spielt, als von mir erwartet. Auch das Festhalten an Khedira in der Startelf hat sich spätestens gegen Brasilien bewährt. Löws bester Zug war allerdings – so leid es mir tut – Boateng statt Mertesacker neben Hummels spielen zu lassen.

In einem einzigen Spiel muss das aber nicht den Unterschied machen. Argentinien hat alle Chancen, das Finale zu einem engen Spiel werden zu lassen, in dem Kleinigkeiten den Unterschied ausmachen. Wenn Mascherano und Biglia das Zentrum dicht halten können und keine individuellen Patzer früh den Matchplan versauen, könnte es ein Spiel werden, das durch eine einzige Aktion entschieden wird. Umso besser, dass Deutschland inzwischen auch bei Standards zu den gefährlichsten Mannschaften gehört.

* Was auch immer das eigentlich genau sein soll. Am ehesten wohl Mainstream-Medien inklusive Experten (via Status, nicht via Fachwissen) und Schland-Patrioten.

Gegen Frankreich: Wo spielt Lahm?

Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich wird in Deutschland viel über Löws Taktik und Aufstellung diskutiert. Die Schwerpunkte der Diskussion gehen mir aber an den eigentlichen Problemen der deutschen Mannschaft vorbei.

Die wichtigste Frage scheint für viele die Position von Philipp Lahm zu sein, was nicht unbedingt falsch ist, aber ich höre nur selten wirklich überzeugende Antworten darauf. Unbestritten ist, dass Lahm einer der besten, wenn nicht der beste Rechtsverteidiger der Welt ist, also eine Verbesserung zu Jerome Boateng darstellen würde. Unbestritten ist allerdings auch, dass Lahm sowohl bei Bayern als auch in der Nationalmannschaft äußerst starke Leistungen als alleiniger Sechser im 4-1-4-1 bzw. 4-3-3 gebracht hat. Es sollte also weniger darum gehen, wie gut Lahm als Rechtsverteidiger ist und mehr darum, wo er der deutschen Mannschaft bei diesem Turnier am meisten weiterhilft. Auf den ersten Blick verfügt Deutschland über eine Vielzahl an hochklassigen Sechsern, wohingegen bislang außer Lahm kein gelernter Außenverteidiger zum Einsatz kommt.

Auf den zweiten Blick fallen aber bei jedem der Alternativen Schwächen auf, die in der Rolle als alleiniger Sechser in einem 4-3-3 zum Problem werden könnten. Sami Khedira ist körperlich robust, aber nicht nur wegen seiner langen Verletzungspause keine Idealbesetzung für die Position. Seine Stärken liegen eher im Box-to-Box Spiel als in der Spiellenkung aus einer tiefen Position. Diese liegt allerdings Toni Kroos sehr gut, der jedoch nicht unbedingt als alleiniger Abfangjäger vor der Abwehr taugt und sich mit seiner Schussstärke auch gelegentlich in Strafraumnähe aufhalten sollte. Christoph Kramer fehlt die internationale Erfahrung, um bei so einem Turnier die wohl wichtigste Position des Teams einnehmen zu können. Bleibt Bastian Schweinsteiger, der im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte sicherlich ein guter Ersatz für Lahm wäre. Leider ist er körperlich jedoch genauso wenig bei 100% wie Khedira. Daher stehe ich auch der anderen Alternative kritisch gegenüber, die von vielen (insbesondere seit dem Sieg über Algerien gefordert wird):

Die Rückkehr zum 4-2-3-1 mit einer Doppelsechs Schweinsteiger/Khedira. Die Systemumstellung vor der WM dürfte nicht zuletzt der Anfälligkeit in der Defensive geschuldet sein. Das 4-2-3-1, das in der Defensive zu einem 4-4-2 wird, hat im Zentrum gegen den Ball “nur” zwei Mittelfeldspieler. Der Dritte im Bunde (normalerweise Mesut Özil) rückt dabei vor neben den Stürmer. Beim 4-3-3 ist das zentrale Mittelfeld dichter besetzt. Die mutmaßlich schlechter gesicherten Flügel können von drei Spielern im Zentrum besser abgesichert werden, als von zwei Spielern. Vor diesem Hintergrund ergibt auch die übervorsichtig anmutende Besetzung der Außenverteidigerpositionen mehr Sinn, denn der Abstand zu den Außenstürmern ist etwas größer als zu den äußeren Mittelfeldspielern im 4-4-2, erst recht wenn diese Positionen mit verkappten Spielmachern wie Özil und Götze besetzt wird.

Man kann nun der Ansicht sein, dass das Spiel gegen Algerien vor allem deshalb gewonnen wurde, weil Löw nach Mustafis Verletzung Lahm zurück auf die Rechtsverteidigerposition versetzte und Khedira im Mittelfeld gemeinsam mit Schweinsteiger für mehr Durchsetzungskraft sorgte – diese Ansicht teile ich sogar (auch wenn die Doppelsechs Kroos/Khedira hieß und Schweinsteiger sich eher in Richtung 10er-Position orientierte). Fraglich ist jedoch, ob diese Aufstellung über die gesamten 120 Minuten besser funktioniert hätte. Die Umstellung wurde nach 70. Minuten vorgenommen, also in einer Phase, in der Deutschland das Spiel langsam in den Griff bekommen hatte und das Risiko in der Offensive langsam erhöhen konnte. Es ist für den Trainer ein Glücksfall, in einem solchen Spiel Khedira oder Schweinsteiger einwechseln zu können. Beide über 90 oder sogar 120 Minuten spielen zu lassen, ist meiner Meinung nach bei dieser WM ein Risiko.

Es gibt somit gute Argumente, dass Philipp Lahm im Mittelfeld mindestens ebenso dringend gebraucht wird, wie auf der Außenposition. Sollte Lahm dennoch auf außen spielen, stellt sich die Frage: Auf welcher Seite? Boateng liegt die Position als Rechtsverteidiger besser, als Höwedes die Position als Linksverteidiger. Er bringt in der mehr Offensivelemente ins Spiel und kann so besser für Breite im Angriffsdrittel sorgen als Höwedes, der zudem als Rechtsfuß invers spielt und was Flankenläufe zusätzlich erschwert. Auf der linken Seite besteht somit größerer Bedarf. Mit Erik Durm steht nur ein international recht unerfahrener Spieler als Alternative zur Verfügung. Wenig verwunderlich kommt daher die Forderung, Lahm zurück auf die Position des Linksverteidigers zu stellen, auf der er in den ersten Jahren seiner Profikarriere (und auch bei der EM 2012) so gut gespielt hat. Höwedes dürfte für Löw jedoch mehr sein, als nur ein Notnagel (dieser wäre eher Durm), denn die Entscheidung, auf vier hauptberufliche Innenverteidiger zu setzen, hatte ihre Gründe.

Man kann darüber streiten, ob der bisherige Plan mit der Viererkette aufgegangen ist. Drei von vier Spielen ohne Gegentor liefern zumindest ein paar Argumente dafür, ebenso die verbesserte Kopfballstärke vorne wie hinten. Es war jedoch auch nicht zu übersehen, dass es im Defensivverbund noch Probleme gibt und ein kleiner, wendiger Spieler wie Lahm als Außenverteidiger in manchen Situationen sicher besser gepasst hätte. Bei allen Defiziten, die Höwedes als Linksverteidiger offenbarte, machte er zumindest nichts wesentliches falsch und ist mit seiner Zweikampfstärke zumindest eine solide Besetzung auf der Position.

Für das Spiel gegen Frankreich gehe ich davon aus, dass Löw nicht die vom Volk geforderten Umstellungen vornehmen wird (erst recht nicht, was Mesut Özil betrifft, aber das ist ein anderes Thema) und Lahm wieder im Mittelfeld auflaufen wird. Gegen die großen und Kopfballstarken Franzosen (Benzema, Varane, Pogba, Koscielny, eventuell Giroud) ergeben die vier Innenverteidiger mehr Sinn, als gegen Algerien. Und Lahm auf der Sechs könnte in dieser Partie sogar spielentscheidend sein. Kroos und Khedira/Schweinsteiger werden sich im Duell mit Pogba und Matuidi aufreiben müssen. Die Spieler dahinter, Lahm und Cabaye, werden hingegen mehr Freiheiten genießen, weil Frankreich kein Angriffspressing spielt und Deutschland in dieser Hinsicht nach den 120 Minuten gegen Algerien auch eher vorsichtig agieren dürfte. Müller traue ich jedoch eher zu, Cabaye ein Stück weit aus dem Spiel zu nehmen als Benzema gegen Lahm. Die Hauptverantwortung im deutschen Ballbesitzspiel (es würde mich wundern, wenn Frankreich mehr als 40% Ballbesitz hätte) wird beim Sechser liegen. Deshalb kann Löw dort noch weniger auf ihn verzichten, als in der Viererkette.

Top 5 individuelle Leistungen im Achtelfinale

Acht Achtelfinals, acht mal setzt sich der Favorit durch. Zum ersten Mal in der WM-Geschichte stehen alle acht Gruppensieger im Viertelfinale. Was nach Langeweile klingt, war allerdings äußerst spektakulär, denn außer Kolbumbien gelang keinem Team ein ungefährdeter Sieg. Fünf Spiele gingen sogar in die Verlängerung.

Dennoch war es am Ende jedes Mal der Favorit, der die Nase vorn behielt – ein deutliches Indiz dafür, dass es sich hierbei nicht (nur) um Glück handelte. Es dürfte vielmehr die individuelle Klasse gewesen sein, die in den meisten Fällen am Ende den Unterschied ausgemacht hat. Somit liegt mein Fokus in der Nachbetrachtung ausnahmsweise mal auf den herausragenden Einzelleistungen des Achtelfinales:

1. Manuel Neuer

Eigentlich ist es unfair, hier nur einen Keeper herauszupicken, denn es gab gleich mehrere außergewöhnlich starke Torhüterleistungen. Tim Howard stellte gegen Belgien einen neuen WM-Rekord auf, was abgewehrte Torschüsse angeht. Am Ende musste er sich jedoch ebenso aus dem Turnier verabschieden, wie Mexikos Ochoa, der nicht nur die Brasilianer in der Vorrunde zur Verzweiflung brachte, sondern auch gegen die Niederlande lange Zeit der Garant dafür war, dass hinten die Null stand. Ebenfalls in der Vordergrund gespielt haben sich Chiles Torwart Claudio Bravo und Algeriens Rais M’Bolhi. Letzterer wehrte gegen Deutschland einige überragende Bälle ab, bevor ihn Schürrles Hackentrick überwinden konnte.

Sie alle wurden jedoch von Manuel Neuers Leistung gegen Algerien in den Schatten gestellt, weil dieser die ganze neue Dimension des Torwartspiels demonstrierte. So konsequent hat nicht mal Rene Higuita den Raum zwischen Mittellinie und Strafraum verteidigt. So beängstigend es auch erschien, wie problemlos Algerien mit langen Bällen hinter Deutschlands Viererkette kam, so bemerkenswert war es, dass nie ein Stürmer mit dem Ball am Fuß frei vor Neuer auftauchte. Weltklasse-Antizipationsspiel!

2. James Rodriguez

Kolumbien überzeugt in Abwesenheit des Superstars Falcao vor allem durch eine starke Mannschaftsleistung und schnellem Kombinationsspiel in der Offensive. Schon in der Vorrunde war erkennbar, dass James Rodriguez dabei zu den wichtigsten Akteuren gehörte. Im Achtelfinale feierte er nun seinen Durchbruch auf internationaler Bühne. Sein erster Treffer hat das Zeug, zum schönsten Tor der WM gewählt zu werden. Mir gefiel das 2:0 allerdings noch besser, weil es die kolumbianischen Stärken perfekt zur Schau stellte. Ein Team-Goal, bei dem selbst Arsène Wenger feuchte Augen bekommen haben dürfte. Wenn es gegen Brasilien um den Einzug ins Halbfinale geht, ist es für Kolumbien jedoch gut zu wissen, dass man einen Spieler wie Rodriguez in den eigenen Reihen hat, der auch im Alleingang eine Partie entscheiden kann – etwas, das den meisten Teams gefehlt hat, die im Achtelfinale ausgeschieden sind.

3. Kevin De Bruyne

In der Vorrunde haben weder Belgien noch De Bruyne den ästhetischen Ansprüchen genügt, die viele an sie stellen. Den Belgiern wird es egal sein, erreichten sie doch trotz des eher mäßigen Spieltempos ungefährdet das Achtelfinale. Gegen die USA zeigten die Belgier nun endlich, was in ihnen steckt. Bei schwierigen Bedingungen gingen sie hohes Tempo und wurden dabei von einem stark aufspielenden Kevin De Bruyne angetrieben. Mit insgesamt 10 vorbereiteten Torchancen war De Bruyne in einem der bislang besten Spieler des Turniers der herausragende Offensivspieler. Am Ende erzielte er das Führungstor und bereitet auch Lukakus Treffer vor. Man mag sich Kommentator Thomas Wark anschließen, dass es nicht gerade für José Mourinho spricht, diesen Spieler nicht an Chelsea gebunden zu haben.

4. Angel Di Maria

Lionel Messi überstrahlt bei Argentinien derzeit alles, auch die eher biederen Auftritte seines Teams bei dieser WM (die aber vor allem Mittel zum Zweck sein dürften). Ähnlich wie bei Real Madrid spielt Di Maria somit ein Stück weit unter dem Radar, zumindest was die ganz große Wertschätzung der Öffentlichkeit angeht. Dabei war Di Maria in dieser Saison bereits im Champions League Finale der entscheidende Spieler auf dem Platz und spielte auch bei der WM eine gute Gruppenphase. Gegen die Schweiz stand er nicht nur wegen seinem Siegtor ausnahmsweise mal komplett im Mittelpunkt. Sein größter Wert für sein Team besteht jedoch eher in den weniger auffälligen Aktionen. Kaum ein Spieler auf der Welt versteht es so gut, sogleich Flügelspieler, als auch zentraler Mittelfeldspieler zu sein.

5. Louis van Gaal

Kurz hatte ich überlegt, an dieser Stelle Arjen Robben zu nennen. Mit seiner Fähigkeit Elfmeter herauszuholen, hat er am Ende das Weiterkommen gegen Mexiko perfekt gemacht. Bislang ist Robben sicher der herausragende Einzelspieler der WM, doch das größte Plus für die Niederlande ist der Trainer. Van Gaal verpasste seinem Team eine unkonventionelle, aber erfolgreiche Taktik und stellte gegen Mexiko zur rechten Zeit um. Warum nun schon wieder viele glauben, das Spiel habe gezeigt, dass Holland nun endlich wieder im 4-3-3 spielen müsse, ist mir schleierhaft. Van Gaal ist mehr Risiko eingegangen, als es für sein Team unvermeidbar war. Insgesamt war jedoch das 3-5-2/5-3-2 System (und seine konkrete Ausführung) der Garant dafür, dass die Niederlande defensiv keine allzu großen Probleme bekommen haben.

Sollte van Gaal mit diesem Team Weltmeister werden, wäre das sein absolutes Meisterstück – als ob er noch eins brauchen würde.

Per Mertesacker durch die Galaxis

Algerien ist auf den ersten Blick ein eher leichter Gegner für ein WM-Achtelfinale. Der Stil der Nordafrikaner könnte Deutschland jedoch größere Probleme bereiten, als man von der Papierform her annehmen würde.

Algerien hat sich bei der WM schon von sehr unterschiedlichen Seiten gezeigt, von sehr defensiv (gegen Belgien) bis sehr offensiv (gegen Südkorea). Dennoch gibt es einige übergreifende Aspekte, die in allen drei Vorrundenspielen zum Tragen kamen. Ein wenig erinnert das Team von Vahid Halilhodzic an das Werder Bremen der abgelaufenen Saison: Sehr linkslastig, bis tief in die gegnerische Hälfte kaum Kurzpässe und dadurch bedingt wenig Ballbesitz und eine schlechte Passstatistik. Kommt einem als Werderfan alles irgendwie bekannt vor. Was die Algerier jedoch deutlich anders machen: Der Ball bleibt auf dem Boden. Von hinten werden lange Flachpässe gespielt, am liebsten diagonal aus der Innenverteidigung auf die Flügel. In dieser Hinsicht ähnelt Algerien also eher Tuchels Mainzern. Im Angriffsdrittel dreht dann jedoch die Kombinationsmaschinerie auf. Häufig heißt es: Alle Mann nach links, mit kurzen Pässen den gegnerischen Außenverteidiger aushebeln und dann die Flanke in die Mitte bringen.

Auf diese Weise ist Algeriens Spiel zwar recht leicht auszurechnen, aber nicht unbedingt einfach zu verteidigen, wenn man in erster Linie sein eigenes Spiel durchsetzen will, wovon wir bei Deutschland und Löw ausgehen dürfen. Kleinere Anpassungen könnten hingegen durchaus sinnvoll sein, wenn auch vielleicht nicht von Beginn an. Gegen Deutschland erwarte ich eine sehr defensiv eingestellte algerische Mannschaft, die zunächst einmal die Null halten will. Das deutsche Ballbesitzspiel ist auf hohem Niveau, es gab aber insbesondere in den ersten beiden Spielen auch schon Unsicherheiten (ausgerechnet bei Lahm) zu beobachten, die es dem Gegner ermöglichten, mit Tempo auf die nicht allzu schnelle Viererkette zuzulaufen. Hier steht Löw nun vor der Entscheidung, das Ballbesitzspiel weiter zu stärken (mit Schweinsteiger als zweitem Achter) oder eher auf bessere Absicherung im Falle eines Ballverlusts zu achten (mit Khedira).

Angesichts der Linkslastigkeit Algeriens stellt sich auch die Frage, ob und in wie weit dies Deutschlands Rechtslastigkeit beeinflusst. Mit Özil, Müller und einem nachrückenden Boateng kann man über die rechte Seite in fast jede Abwehr Löcher reißen. Es birgt jedoch auch das Risiko, dass bei einem Ballverlust zwei bis drei technisch starke, flinke Algerier über diese Seite relativ unbedrängt auf den doch eher langsamen Per Mertesacker zulaufen. Es dürfte eh das Ziel Algeriens sein, mit der Linkslastigkeit den rechten deutschen Innenverteidiger (also Mertesacker) aus dem Strafraum zu ziehen, um so mit Flanken zwischen Hummels und Höwedes für Gefahr zu sorgen. So sattelfest eine Viererkette mit vier gelernten Innenverteidigern bei hohen Bällen auch sein sollte, das Kopfballtor von Ghana zeigte gut auf, dass man mit gutem Timing bei der Flanke trotzdem für Gefahr sorgen kann. Hinzu kommt, dass Algerien zu den kopfballstärkeren Teams des Turniers gehört.

Neben der Personalie Schweinsteiger/Khedira, die – wie in den deutschen Medien üblich – viel zu sehr auf die Frage nach dem Führungsspieler reduziert wird, gibt es für Löw einige weitere Entscheidungen zu treffen. Kehrt er zurück zur offensiven Dreierreihe aus den ersten beiden Partien? Stellt er Özil aufgrund der Linkslastigkeit des Gegners auf die andere Seite? Setzt er mit Schürrle auf eine direktere Variante auf dem Flügel? Erhalten die Außenstürmer mehr Verantwortung in der Bewachung der gegnerischen Außenverteidiger? Ich gehe davon aus, dass Deutschland zunächst auf Ballsicherheit gehen wird, um die Kontrolle über das Spiel zu erlangen. Algerien wird ebenfalls abwartend beginnen und auf Chancen hoffen, die deutschen Schwächen im defensiven Umschalten nutzen zu können.

Unterm Strich muss Deutschland dies Partie ohne Wenn und Aber gewinnen. Das Passspiel wird gegen Algerien jedoch auf eine härtere Probe gestellt, als gegen die aufgrund der besonderen Konstellation doch eher verhaltenen Amerikaner. Es wird viel Geduld erforderlich sein, um auf die Lücken zu warten, die Algerien im Lauf der 90 Minuten aber sicher anbieten wird. Selbst wenn es Algerien gelingen sollte, das deutsche Spiel komplett zu neutralisieren, bliebe immer noch die größere individuelle Klasse und die Möglichkeit, von der Bank neue taktische wie spielerische Elemente in die Partie zu bringen.

Mein Tipp: 4:2 für Deutschland mit mindestens drei Toren in den letzten 20 Minuten.

Vor dem Achtelfinale

Diese Weltmeisterschaft gilt bisher nicht als das Turnier der Europäer. Spanien, Italien, England und Portugal fahren bereits nach der Vorrunde nach Hause. Schaut man sich aber die Zahlen an, sieht das europäische Ergebnis gar nicht so schlecht aus. Sechs Teams stehen im Achtelfinale, davon die Niederlande, Frankreich, Deutschland und Belgien als Gruppensieger. Was gerne vergessen wird: Vor vier Jahr waren es ebenfalls nur sechs europäische Teams, die dann im Achtelfinale alle aufeinander trafen. Die drei Sieger belegten am Ende die ersten drei Plätze. Auch das südamerikanische Ergebnis ist nicht wirklich besser als vor vier Jahren. Damals wie heute erreichten fünf südamerikanische Teams das Achtelfinale. In diesem Jahre werden aber, dem Spielplan geschuldet, nicht vier Mannschaften des Kontinents das Viertelfinale erreichen können, wie es 2010 der Fall war.

Dennoch ist das Turnier nicht arm an Überraschungen. Damit sind gar nicht unbedingt die Favoriten gemeint, die schon in der Vorrunde ausgeschieden sind. Das passiert immer  wieder mal und macht den Charme einer WM mit aus. Auch dass sich der Weltmeister sang- und klanglos in der Gruppenphase verabschiedet, wird langsam zur Tradition. Im Gegensatz zu Italien (2010) und Frankreich (2002) hat Spanien dabei immerhin noch ein Spiel gewonnen und kann sich ein klein wenig damit trösten, gegen zwei der bislang besten Teams des Turniers ausgeschieden zu sein.

Die für mich größte Überraschung im negativen Sinne war die Leistungen der asiatischen Teams. Australien hatte das Pech, in die schwierigste Gruppe gelost zu werden und vom Iran konnte man nicht viel mehr erwarten als totale Defensive (was sie ziemlich gut gemacht haben). Japan und Südkorea hingegen waren von Anfang bis Ende enttäuschend. Beide Mannschaften konnten nicht annähernd die Qualität auf den Platz bringen, die ihre Spieler mitbringen. Südkorea war mit der einen oder anderen Slapstickeinlage in der Defensive nie ein Kandidat fürs Achtelfinale und Japan fand über 270 Minuten keinen Weg, aus den vorhandenen spielerischen Möglichkeiten eine funktionierende Offensivstrategie zu entwickeln. Gegen Griechenland wirkten sie dermaßen hilflos bei ihren Flankenversuchen, dass es beim Zuschauen wehtat – erst recht, wenn man weiß, zu was diese Spieler eigentlich fähig sind.

Sehr viel Spaß hat mir Costa Rica bislang gemacht. Eine Halbzeit lang sahen sie aus wie ein graues Mäuschen, das sich nach drei Spielen brav wieder in den Flieger setzen würde. Dann drehten sie auf. Taktisch ist das sehr hochwertig und auch wenn über die Paarung gelacht wird, ich freue mich sehr auf Costa Rica gegen Griechenland. Eine Kontermannschaft gegen ein reines Defensivbollwerk, da wird mindestens eine Mannschaft ihren Matchplan anpassen müssen. Oder mogeln sich die Griechen am Ende doch wieder durch, ohne auch nur einen Hauch in die Offensive zu investieren?

Ebenfalls begeistert hat mich Kolumbien, auch wenn das keine Überraschung war und sie nicht die stärksten Gegner hatten bislang. Die spielen das mit einer Souveränität und Selbstverständlichkeit, die beeindruckend ist für eine Mannschaft, die seit 16 Jahren nicht für eine WM qualifiziert war und erst einmal das Achtelfinale erreichte. Spielerisch wussten sie bislang mehr zu überzeugen als etwa Belgien, die zwar 9 Punkte holten, aber dabei einen eher pomadigen Eindruck hinterließen. Chiles Leistung war wie erwartet, deshalb löste sie weniger Euphorie bei mir aus, als sie es verdient hätte. Eine Mannschaft, bei der Mesut Özil der mit Abstand größte Feldspieler wäre, pflügt sich mit Kraft, Technik und gnadenlosem Pressing durch die Gegner und muss nur gegen das Umschaltmonster aus den Niederlanden eine Niederlage hinnehmen. Auch den Brasilianern werden sie damit große Probleme bereiten. Die konnten sich noch nicht entscheiden, ob sie bei ihrer Heim-WM die Hauptattraktion sein wollen oder sich mit einer Nebenrolle zufrieden geben. Überzeugt haben mich die Leistungen bislang nicht, taktisch liegt bei Brasilien einiges im argen und vom Niveau des Confed-Cups letztes Jahr sind sie noch ein Stück entfernt. Doch wie für alle Favoriten gilt: Die WM geht erst mit der K.O.-Phase richtig los, wenn sie da nicht schon vorbei ist. Eine Leistungssteigerung ist den Brasilianern ebenso zuzutrauen, wie der argentinischen One-Man-Show.

Wer aber sind die Favoriten? Geht man nach den bisher gezeigten Leistungen, sind hier die Niederlande und Frankreich ganz vorne. Die Franzosen spielen einen tollen Konterfußball, ähnlich wie Deutschland vor vier Jahren. Sie schalten gut um und haben in Benzema einen der Spieler des Turniers in ihren Reihen. Im Mittelfeld machen Pogba, Valbuena, Griezmann und Matuidi einfach Spaß. Noch bin ich allerdings skeptisch, ob das 4-1-4-1 auch defensiv hält, was es verspricht. Der unorthodoxe Stil der Nigerianer wird sicherlich nicht leicht zu bändigen sein. Der erste Gegner auf Augenhöhe kommt aber frühestens im Viertelfinale. Die Niederlande haben sich spätestens mit dem Sieg gegen Chile zum Turnierfavoriten aufgeschwungen. Van Gaal erweist sich als erstaunlich pragmatisch und prägt dabei quasi im Vorbeigehen einen ganz neuen Stil. Von Arjen Robben mag man halten, was man will. In der aktuellen Form ist er kaum zu stoppen und ganz sicher einer der besten Spieler der Welt.

Und dann wäre da noch Deutschland. Eine Vorrunde mit drei sehr unterschiedlichen Spielen ist eine gute Vorbereitung auf das, was in diesem Turnier noch kommen kann. Gegen Portugal kamen Matchglück, ein indisponierter Gegner und eine starke eigene Leistung zusammen. Gegen Ghana gab es in der zweiten Hälfte ein enorm offenes und am Ende auf dem Zahnfleisch absolviertes Spiel, bei dem man auch die eigenen Schwächen aufgezeigt bekam. Gegen die USA gab es ein taktisch geprägtes Spiel gegen eines der spielerisch schwächsten Teams des Turniers. Die Amerikaner überzeugen aber durch Team-Spirit, gute Physis und sehr diszipliniertes Defensivspiel und waren deshalb eine Prüfung, an der sich das deutsche Team lange die Zähne ausbeißen durfte.

Löws System gefällt mir. Das 4-3-3 bietet viele Möglichkeiten, die eigenen Stärken ins Spiel zu bringen und wird sehr flexibel ausgelegt. In allen drei Spielen dominierte man das Mittelfeld und hat mit Lahm, Kroos, Schweinsteiger und Özil eine Ballsicherheit, wie sie Spanien in diesem Turnier vergeblich gesucht hat. Endlich nutzt Löw auch die Stärke seiner Bank und bringt mit Klose, Khedira/Schweinsteiger, Schürrle oder Podolski neue Elemente ins Spiel.

Die Besetzung der Außenverteidigung sehe ich mit gemischten Gefühlen und es würde mich wundern, wenn man so das Turnier erfolgreich bis zu Ende spielen könnte. Boateng macht seine Sache auf rechts gut, ihm liegt diese Position viel eher, als Höwedes auf der anderen Seite. Von ihm kommen auch gefährliche Flanken und er nutzt die Lücken, die Özil und Müller auf dem rechten Flügel reißen. Dadurch ergibt sich jedoch eine Einseitigkeit im deutschen Spiel und man muss kein Taktikexperte sein, um die Anfälligkeit auf der linken Seite zu erkennen. Mit Podolski (ausgerechnet!) gab es dort gegen die USA schon etwas mehr Stabilität, da dieser sich weit mit zurückfallen ließ, um Johnsons Vorstöße zu entschärfen. Dennoch ist das Fehlen eines echten Linksverteidigers bedauerlich. Höwedes ist nach vorne (außer bei Standards) völlig ungefährlich, hinterläuft fast nie und beschränkt sich darauf, im zweiten Spielfelddrittel für Breite zu sorgen.

Aber das ist bald alles Makulatur, denn nun geht es endlich richtig los.

Renaissance der Dreierketten

Fünf Mannschaften spielen bei dieser WM bislang mit einer Dreier- bzw. Fünferkette. Alle fünf haben ihre Auftaktspiele gewonnen. Der Trend zurück zu Abwehrformationen mit drei Innenverteidigern ist nicht neu, doch er kommt bei diesem Turnier stärker zum Tragen als bspw. in der Champions League, wo nur wenige Teams ein solches System spielen.

Die Radikalste Variante spielt Chile im 3-4-1-2, bei dem die Wingbacks eher als offensive Mittelfeldspieler agieren, denn als zusätzliche Abwehrspieler. Die Stärken und Schwächen des Systems kamen gegen Australien auch direkt zum Vorschein: Solange Chile aggressiv presst, funktioniert es gut und man kann den Gegner permanent unter Druck setzen. Sobald der Druck nachlässt, bekommt man defensiv Probleme und wird hinten auseinander gerissen. Chile hat das Potenzial bei diesem Turnier richtig weit zu kommen, aber dafür müssen sie eine bessere Balance zwischen ihrem typischen Powerfußball und den in Brasilien nötigen Verschnaufpausen finden.

Das defensive Gegenstück bildet das 5-4-1 Costa Ricas, mit dem man einer harm- und in der zweiten Halbzeit kraftlosen Mannschaft aus Uruguay den Zahn ziehen konnte. Die Kombination aus doppelter Absicherung auf den Flügeln und einem dritten Innenverteidiger ist sehr defensiv, doch Costa Rica spielte bislang keinen Mauerfußball. Offensiv ist solch ein System eigentlich recht bieder, doch das machten die Mittelamerikaner mit ihrer Leidenschaft wieder wett, mit der sie immer wieder Nadelstiche setzten. Es scheint ohnehin der erfolgsversprechendere Matchplan zu sein, das Tempo zu dosieren und nur mit vereinzelten Druckphasen den Gegner zu attackieren. Das machte Costa Rica sehr gut.

Die Niederlande sorgten gegen Spanien für das Schockergebnis dieser WM. Einen amtierenden Weltmeister so abzufertigen ist in der Geschichte der Weltmeisterschaft einmalig. Bei der Einordnung des Ergebnisses muss man sicherlich die Umstände (irreguläres Tor zum 1:3, Matchglück, völlige Indisponiertheit Spaniens in der letzten halben Stunde) berücksichtigen, doch das macht dieses Spiel kaum weniger spektakulär. Van Gaals unkonventionelles 5-3-2/3-5-3 ist nur auf dem Papier ein ultra-defensives System. Die vorderen drei Spieler übten permanenten Druck auf den Spielaufbau der Spanier aus und auch die beiden Sechser verteidigten gegen Xavi und Xabi Alonso munter nach vorne. Den dadurch entstehenden Raum im Zentrum konnte Spanien paradoxerweise jedoch kaum nutzen. Alle drei Mittelfeldspieler ließen sich häufig weit zurückfallen, um dem Druck der Gegenspieler zu umgehen. Davor war man sehr linkslastig, agierte teilweise mit sechs Mann in der linken Spielfeldhälfte und kombinierte sich auch einige Male erfolgreich durch. Wenn dies gelang und der Ball im offensiven Zentrum ankam, wurde es promt gefährlich, denn dann hatten die Niederlande mit fünf Mann auf einer Linie kein Mittel gegen die Schnittstellenpässe von Xavi und Iniesta. Die hätten das Spiel kurz vor der Halbzeit schon fast entschieden, doch Silva vergab frei vor dem Torwart und im Gegenzug erzielte Van Persie den Ausgleich.

Offensiv sind die Niederlande mit ihrem geradlinigen Fußball, den starken Diagonalpässen von Blind und der individuellen Klasse der Dreierreihe ein ernster Titelkandidat. Defensiv wirkten sie auf mich nicht so überzeugend, denn obwohl Spanien auch in der ersten Halbzeit das Spiel nicht dominieren konnte, ließ das niederländische Kollektiv doch recht viele gefährliche Situationen zu. Eigentlich sollten mit einer Fünferkette die Gelegenheiten für Steilpässe durch die Schnittstelle minimiert werden. Aber welcher andere Gegner hat schon die Qualitäten von Spanien, um diese Lücken auszunutzen (auch wenn Xavi bei dieser WM für Spanien zum Problemfall werden könnte, aber das ist ein Thema für sich).

Mexikos 3-5-2 wurde gegen Kamerun kaum getestet. Die Wingbacks konnten gefahrlos mit aufrücken, weil der Gegner den Raum dahinter fast nie zu nutzen wusste und kein Tempo in die eigenen Gegenstöße brachte. Damit spielte Kamerun leider in etwa so, wie ich es erwartet habe. Das ist ganz magere Fußballkost. Dennoch hatte Kamerun ein paar gute Torchancen, denn Mexiko ist trotz verbesserter Offensive noch nicht auf dem Niveau, zu dem das Team fähig sein könnte. Unter Druck wirken Marquez und seine beiden Nebenleute nicht mehr so souverän, wie man das beispielsweise vor vier Jahren noch gesehen hat. Kroatien dürfte mit seinen Tempoangriffen über die Flügel ein sehr schwieriger Gegner werden und meine Tendenz geht momentan eher dahin, dass es fürs Achtelfinale nicht reichen wird.*

Zu guter letzt lief auch Argentinien mit einer Dreierkette auf. Das 3-3-2-2 wirkte auf mich ein wenig übervorsichtig. Der Spielaufbau der Argentinier war über weite Strecke so langsam, dass es den Anschein hatte, die Spieler schonten sich bereits fürs Achtelfinale. Der Sechserblock in der Defensive wurde von Bosnien kaum geprüft, weil keine Angriffe mit Tempo vorgetragen wurden. Ballgewinne gab es fast nur in der eigenen Hälfte und das Umschaltspiel brachte Argentinien nicht in Verlegenheit. Ich würde Argentinien gerne mal gegen eine starke Kontermannschaft sehen. In der schwachen Gruppe wird das eher nicht der Fall sein, im Achtelfinale könnte es dann ein böses Erwachen geben.

In der Offensive gab es nur wenig Struktur, man verließ sich hauptsächlich auf Messis Klasse, die dieser in der ersten Halbzeit weitgehend schuldig blieb. Mit seiner ersten Aktion leitete er jedoch das 1:0 ein und beim 2:0 zeigte er dann noch einmal seine ganze Klasse. Individuell sucht diese Aktion seinesgleichen. Messis Spielweise in den letzten 12 Monaten gefällt mir jedoch nicht. Er nimmt sich lange Schaffenspausen, beteiligt sich kaum am Kombinationsspiel und am Pressing. Zu seinen besten Zeiten war er auch ohne seine Tore der beste Spieler der Welt, weil er im Minutentakt gefährliche Situationen mit einleitete und Bälle zurückeroberte. Heute ist er in 70 von 90 Minuten ein Durchschnittsspieler, der wenig Einsatz zeigt. Auf diese Weise ist Messi zwar immer noch Weltklasse, aber steht nicht mehr über allen anderen – auch wenn genau dieser Status einer der Gründe für den veränderten Stil sein dürfte. Ein anderer ist möglicherweise sein Fitness. Er hat vier Jahre fast am Stück gespielt und hatte im letzten Jahr mit mehreren Verletzungen zu kämpfen.

Schwer zu sagen, ob der Trend zur Dreierkette anhalten wird. In Südamerika und Italien war das 3-5-2 nie so aus der Mode wie hier (wo man sehr lange brauchte, bis die Viererkette überhaupt in Mode kam). Spätestens seit Pep Guardiola beim FC Barcelona mit einem 3-4-3 und einem 3-3-4 experimentierte, wird im Weltfußball wieder vermehrt nach Alternativen zur Viererkette gesucht. Vor vier Jahren spielten bereits einige Teams mit einer Dreier- bzw. Fünferabwehr, darunter Chile und Mexiko. In diesem Jahr wagen sich auch die Schwergewichte Argentinien und die Niederlande daran und es könnte zum ersten Mal seit 1990 dazu kommen, dass ein Team Weltmeister wird, das nicht mit einer Viererkette spielt.

*Und schon macht mir die Aktualität einen Strich durch die Rechnung.

WM-Stöckchen 2014

Mit Stöckchen ist es ja so eine Sache. Aber wenn es einem vom Trainer zugeworfen wird, dann fängt man es einfach – zumindest solange es nicht beinhaltet, in ein öffentliches Gewässer springen zu müssen.

Dein erstes bewusstes WM-Erlebnis war?

WM 1986. Urlaub am Gardasee. Ich war ziemlich krank und musste ein Medikament nehmen, dass so ähnlich wie Ananas geschmeckt hat, nur mit einem unglaublich ekeligen Nachgeschmack. An die Fußballspiele selbst kann ich mich gar nicht mehr richtig erinnern, aber ich weiß, dass wir die Spiele draußen nachgespielt haben und ich immer Belgien sein wollte. Nach dem Turnier war ich auch noch einige Wochen der festen Meinung, dass Belgien Weltmeister geworden wäre.

Mit welcher WM-Legende würdest Du gern einmal Doppelpass spielen?

Mit allen. Bei WM-Legenden bin ich nicht wählerisch. Wenn ich die Wahl hätte, dann Zidane. Oder Pirlo. Oder Xavi.

Welchem TV-Kommentator wirst Du bei der WM gerne zuhören?

Ich bin leider auf die öffentlich-rechtlichen Sender angewiesen, deren Berichterstattung zu den großen Turnieren in den letzten Jahren ziemlich grottig war. Das gilt auch für die meisten Kommentatoren und da es dort quasi keine Durchlässigkeit gibt, kommt der talentierte Nachwuchs nicht mal in die Nähe einer WM. Dafür Poschmann, Rethy und Simon. Am erträglichsten finde ich Schmidt und Gottlob, Wark ist an guten Tagen auch ok.

Aber gut, es ist WM, wer braucht da Kommentatoren?

Die Iren haben sich für die WM am Zuckerhut leider nicht qualifiziert. Welchem weiteren Land drückst Du neben Jogis Jungs als »Zweitteam« die Daumen?

Ein wirkliches Zweitteam habe ich nicht. Es gibt einige Teams, auf die ich mich aus unterschiedlichen Gründen sehr freue. Chile natürlich, Belgien, Italien, Japan. Ich freue mich bei Weltmeisterschaften aber prinzipiell auf alle Mannschaften, gerade weil da auch Länder bei sind, von denen ich in den vier Jahren davor fast gar nichts gesehen habe.

Zum Ausdruck “Jogis Jungs” haben Vert et Blanc bereits alles gesagt.

Zu Jogis Jungs: Nenne Deine beiden Lieblingskicker aus dem deutschen Kader?

Per Mertesacker mag ich sehr gerne. Seit er bei Arsenal ist, mag ich ihn fast noch mehr als zu Werder-Zeiten. Scheint mir einer der wenigen Fußballer mit Humor zu sein, der über die üblichen Pausenclowns hinausgeht.

Rein sportlich müsste ich jetzt Mesut Özil nennen, der einerseits oft zu hart kritisiert wird (kaum ein Spieler hat in der Premier League mehr Chancen vorbereitet als er) und andererseits noch so viel mehr kann, als er 2014 bislang gezeigt hat.

Alternativ nenne ich noch Miroslav Klose. Wer hätte schon gedacht, dass er 2014 noch immer “der” deutsche Mittelstürmer sein würde. Sehr beeindruckend und die beiden Tore, die er noch braucht, um Ronaldo zu überholen, wird er bei diesem Turnier schießen.

Es ist natürlich Zufall, dass alle drei mal bei Werder gespielt haben.

Wie weit kommen Jogis Jungs?

Trotz aller Probleme in der Vorbereitung rechne ich Deutschland gute Chancen zu, ein gutes Turnier zu spielen. Für den Titel wird es eher nicht reichen, da müssten sich schon sämtliche Sorgen um die Fitness von Schlüsselspielern in Luft auflösen. Das Halbfinale ist aber wieder drin.

(Wenn nicht Jogis Jungs:) Wer wird am 13.07.2014 im Maracanã Weltmeister?

Brasilien hat mich im ersten Spiel enttäuscht, aber sie bleiben neben Spanien für mich der Topfavorit. Italien hat auch gute Chancen. Wenn ich mich festlegen muss, sage ich aber Argentinien.

Ist es schon zu spät, das Stöckchen noch weiterzugeben? Falls nicht, reiche ich es an Stephen, der traurig ist, weil ihn nie jemand fragt.

WM-Erwartungen

Die Zeit rennt. Und weil so wenig davon übrig bleibt, gibt es an dieser Stelle ein paar komprimierte Erwartungen an die kommende WM – rein fußballerisch:

Es wird viel über das Klima gesprochen. Die einen halten es für einen der wichtigsten Aspekte bei diesem Turnier, andere meinen, dass es keine große Rolle spielen wird. Ich halte es da mit Joachim Löw: Europäische Mannschaften, die ihr Spiel nicht den klimatischen Bedingungen anpassen, werden in der K.O.-Runde gnadenlos untergehen. 30 Grad im Norden Brasiliens sind nicht vergleichbar mit ähnlichen Temperaturen in Europa. Es hat Gründe, warum der brasilianische Fußball deutlich langsamer ist, als der europäische. Das Motto dieser WM könnte daher eine Zeile der Band “The Horrors” werden: “The moment that you want is coming if you give it time.” Nur wer sich die Kräfte gut einteilt, wird auch die zweite Turnierhälfte erfolgreich spielen. Man erinnere sich an die ausgelaugten Spanier im Finale des Confed-Cups.

Gruppe A

In der Summe aus Qualität des Kaders, Taktik, Klimabedingungen und Heimvorteil ist Gastgeber Brasilien der klare Favorit bei dieser WM. Die Mannschaft ist nicht mit Superstars gespickt, funktioniert aber seit Scolaris Übernahme als hervorragende Einheit. Grund für überschwänglichen Optimismus haben die Brasilianer trotzdem nicht: Sie gingen auch favorisiert in die letzten beiden WM-Turniere und enttäuschten jeweils.
Kroatien hat ein hervorragendes Mittelfeld und mit Mandzukic einen tollen Stürmer. Ob das reicht, um bei der WM groß aufzutrumpfen? Ich glaube nicht, aber für das Achtelfinale sollte es langen.
Mexiko hat eine gruselige Qualifikation gespielt, dürfte aber stärker in das Turnier gehen, als man annehmen könnte. Auf die Dreierkette und das anspruchsvolle System bin ich gespannt.
Kamerun traue ich wenig bis nichts zu, beim 2:2 gegen Deutschland hat mich das Team mal wieder nicht überzeugt. Lediglich Choupo-Moting könnte bei dem Turnier groß herauskommen.

Gruppe B

Die Todesgruppe. Spanien bleibt trotz aller Unkenrufe der zweite große Favorit des Turniers. Den besten Kader hat der Titelverteidiger nach wie vor, doch einige Schlüsselspieler sind außer Form. Ob Xavi vor der Doppelabsicherung Busquets/Alonso noch einmal glänzen kann? Zu gönnen wäre es ihm, es könnte aber auch sein, dass Del Bosques Loyalität seinen Stars gegenüber bestraft wird. Trotzdem: Drei Turniere in Folge gewonnen, ohne Gegentor in den K.O.-Runden. Den Titel holt man auch 2014 nur über Spanien.
Die Niederlande haben sich unter Van Gaal im neuen System zumindest defensiv stabilisiert. Offensiv soll die individuelle Klasse reichen. Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich ein Vorrundenaus für die Niederlande für wahrscheinlich gehalten, inzwischen bin ich mir da nicht mehr sicher und traue dem jungen Team sogar zu, eine der großen Überraschungen zu werden.
Chile ist alles zuzutrauen, positiv wie negativ. Egal, wie weit sie mit ihrem Ultra-Pressing kommen, ihre Spiele werden spektakulär sein. Doch auch sie werden ihren Stil nicht das ganze Turnier über durchziehen können – es sei denn sie scheiden in der Vorrunde schon aus.
Australien hat Pech, in so einer starken Gruppe zu spielen. Mehr als einen hart erkämpften Punktgewinn traue ich ihnen nicht zu.

Gruppe C

Kolumbien ohne Falcao? Immer noch ein Kandidat fürs Viertelfinale. Es gibt sogar Experten, die das Team ohne ihn stärker sehen, wenn seine individuelle Klasse auch fehlen wird.
Griechenland hat wie immer eine Kämpfertruppe zusammen, für das Achtelfinale fehlt mir diesmal aber die Fantasie.
Die Elfenbeinküste hat seit langem mehr mit den eigenen Problemen zu kämpfen, als mit dem Gegner. Vom Potenzial die wohl beste afrikanische Mannschaft, in der Realität meistens nicht.
Japan ist mein Favorit auf Platz 2 und eine der Mannschaften, denen ich am liebsten zuschaue. Technisch und taktisch hochwertig, mit etwas Glück reicht es für das Viertelfinale. Für mehr fehlt wohl leider die individuelle Klasse.

Gruppe D

Uruguay ist über den Zenit hinaus, was etwas schade ist. Die Mannschaft ist überaltert und eigentlich wäre es verwunderlich, wenn man das Niveau von 2010 und 2011 wieder erreichen könnte. Doch in so einem Turnier ist einer erfahrenen Mannschaft alles zuzutrauen, erst recht wenn sie Luis Suarez vorne drin hat.
Costa Rica ist immer dabei, in der zweitstärksten Gruppe aber chancenlos.
England interessiert mich zum ersten Mal seit langem mal wieder wirklich. Junges Team mit großem Potenzial. Aber hat der Trainer den Mut darauf zu setzen oder sehen wir am Ende wieder Gerrard/Lampard im Mittelfeld?
Italien hat sich unter Prandelli toll entwickelt, scheint mir jedoch nicht ganz so toll im Saft zu stehen, wie vor zwei Jahren. Das Viertelfinale sollte es mindestens sein und wenn Pirlo ins Turnier findet kann es auch weiter gehen.

Gruppe E

Die Schweiz unter Hitzfeld ist sehr konstant, deshalb werden sie die Gruppe überstehen, vielleicht sogar vor den Franzosen. Die leichte Quali-Gruppe täuscht aber über die beschränkten Mittel hinweg.
Ecuador ist die einzige südamerikanische Mannschaft, die nie bei den Kandidaten für die letzten acht auftaucht. Ihre Chancen werden wohl von Frankreichs Form abhängen.
Die Franzosen scheinen einigermaßen gestärkt ins Turnier zu gehen. Trotz aller Klasse im Kader, Riberys Ausfall werden sie nicht verkraften können und es würde mich wundern, wenn sie weit kommen. Auch ein erneuter Kollaps in der Vorrunde scheint denkbar.
Von Honduras habe ich sehr wenig gesehen in den letzten Jahren. Ihr Stil wirkt nicht sehr spannend, könnte aber einigen Gegnern offensiv Probleme bereiten.

Gruppe F

Argentinien hinkt seit fast schon Jahrzehnten den Ansprüchen hinterher. Ändert sich das in diesem Jahr? Taktisch wirkt das Team seit dem Maradona-Debakel gereift und die Zusammensetzung aus Di Maria, Messi und Aguero ist äußerst vielversprechend. Das Halbfinale sollte drin sein.
Bosnien und Herzigowina ist endlich bei einem großen Turnier und für mich klarer Favorit auf Platz 2 hinter den Argentiniern. Für Werderfans interessant: Hajrovic in Aktion erleben.
Zum Iran habe ich fast keine Meinung. Gegen mittelmäßige Teams können sie wohl die Null halten, mehr aber auch nicht.
Nigeria wird sich leider in die Riege der enttäuschenden afrikanischen Teams einreihen.

Gruppe G

Wie steht es um Deutschlands WM-Chancen? Im eigenen Land glaubt kaum einer daran. Meine Erwartungshaltung werde ich in einem separaten Artikel erläutern. So viel vorab: Völlig schwarz sehe ich für Löws Team nicht, ganz im Gegenteil, auch wenn es nicht für den Titel reichen wird.
Portugal ist defensiv eines der besten Teams des Turniers. Offensiv ist man sehr abhängig von Ronaldo, aber das muss kein Nachteil sein, wenn er seine Fitness wiedererlangt.
Ghana schätze ich von allem afrikanischen Teams am stärksten ein, doch ich glaube trotzdem nicht an ein Überstehen der Vorrunde.
Auch die USA sind eigentlich gut genug für das Achtelfinale, wenn die starke Gruppe nicht wäre.

Gruppe H

Belgien ist der überhaupt nicht mehr geheime Geheimfavorit. Eine echte Chance auf den Titel räume ich ihnen nicht ein, dafür sind sie a) zu unerfahren und b) ist ihr Spiel zu physisch. Das Viertelfinale würde ich ihnen wünschen, allein schon, um ein paar mehr Spiele von ihnen sehen zu können. Ein toller Kader und endlich mal wieder eine Teilnahme an einem großen Turnier.
Algerien ist ebenfalls ein Team, das ich nicht einschätzen kann und daher möglicherweise gnadenlos unterschätze.
Russland habe ich vor zwei Jahren ein Vorrundenaus prophezeit. Dieses Jahr scheinen sie mir eine bessere Balance zu haben. Das Achtelfinale ist diesmal drin.
Südkorea ist eigentlich ebenfalls ein Mannschaft die ich gerne spielen sehe und hoch einschätze. Seit der WM 2010 sehe ich sie aber nicht unbedingt verbessert. Gegen Russland und Belgien wird es eng mit dem Achtelfinale.

Weitere WM-Berichterstattung wird es hier geben, ich weiß allerdings noch nicht in welchem Umfang. Jetzt freue ich mich erst einmal auf das Auftaktspiel.

32. Spieltag: Überraschend, aber chancenlos

Bayern München – Werder Bremen 5:2 (1:2)

Eine Halbzeit lang konnte Werder den FC Bayern ganz gewaltig ärgern. Danach steigerte sich der Deutsche Meister, konnte das Spiel schnell drehen und konnte sich in der letzten halben Stunde für die Champions League warmschießen.

Eine fast perfekte Kopie

Real Madrid wollte man kopieren, so die Aussagen vor dem Spiel und Werder ließ dem Taten folgen. Statt in der gewohnten Raute spielte Werder im 4-4-1-1/4-4-2 und Dutt beantwortete die Frage “Junuzovic oder Selassie?” mit “Beide!” wodurch etwas überraschend Elia auf die Bank musste. Die Entscheidung erwies sich jedoch schnell als richtig, weil Werder Madrid auch von der Ausrichtung her kopierte. Mit zwei dicht gestaffelten Viererketten sollte der Strafraum abgesichert werden. Davor gab Di Santo den flexiblen Stoßstürmer (Benzema), während Hunt als Verbindungsspieler immer zwischen Mittelfeld und Angriff pendelte (Ronaldo). Trotz erwartet hoher Ballbesitzzahlen konnte Bayern nur selten in gefährliche Zonen vorstoßen. Auf der anderen Seite rückte Werder weit auf, wenn Bayern das Spiel über Manuel Neuer aufbaute und spielte phasenweise ein hohes Angriffspressing, bei dem jeweils einer der Spieler aus dem Mittelfeld (meist Junuzovic) weit vorschob und Druck auf die abkippenden bayerischen Sechser machte.

Das größte Bremer Plus in der ersten Halbzeit war jedoch nicht die – zu keinem Zeitpunkt komplett sattelfeste – Defensive, sondern das schnelle Umschalten nach Ballgewinn. Zum Ende der Saison zeigt Werder hier endlich die erhofften, aber kaum mehr erwarteten Fortschritte. So konnte man Bayern tatsächlich einige Male in unsortierten Phasen erwischen und schnelle Konter in Richtung Manuel Neuers Tor bringen. Das 0:1 war ein Überzahlkonter wie aus dem Lehrbuch. Hunt zieht durch einen geschickten Lauf Dante aus dem Zentrum, Makiadi beweist ein gutes Gespür für den richtigen Moment für den Pass und Selassie schließt gegen Alaba und Neuer kaltschnäuzig ab. Beim 1:2 behauptet Di Santo einen Befreiungsschlag gegen Dante und spielt mit dem Rücken zum Tor ein tollen Pass in den Raum hinter Boateng, der zunächst auf Abseits spielen will und dann von Hunt vernascht wird. Vor allem das zweite Bremer Tor hinterließ Wirkung. Bis zur Pause hatte Werder seine stärkste Phase und konnte das Spiel häufiger in die Münchner Hälfte verlagern. Ein drittes Tor wäre möglich gewesen, doch Garcia stand bei seinem Kopfballtreffer im Abseits und Di Santo verpasste eine Hereingabe in der Mitte knapp.

Keine Chance nach dem Wechsel

So sehr Werder Bayerns Defensivprobleme in der ersten Halbzeit offenlegte, die bayerische Offensive bekamen sie schon in der ersten Halbzeit nicht vollends in den Griff. Nachdem Guardiola zur Pause Lahm für den defensiv schwachen Weiser einwechselte, bekam das Spiel der Bayern einen neuen Impuls. Sie überluden nun häufig die linke Angriffsseite und spielten den Ball dann nach rechts, wo Lahm Platz hatte und nicht rechtzeitig gedoppelt werden konnte. Bereits nach wenigen Sekunden erspielte sich Bayern so die erste Chance der zweiten Halbzeit. Auch beim 4:2 hat Lahm lange Zeit, um seine Flanke zu timen. Ein zweiter Unterschied zur ersten Hälfte bestand darin, dass Bayern nun häufiger in die Halbräume zwischen den Bremer Viererketten kam und von dort gefährliche Kombinationen in den Strafraum spielte.

Innerhalb einer Viertelstunde machte Bayern aus einer drohenden Niederlage so einen komfortablen Sieg. Werder konnte in der zweiten Halbzeit überhaupt nicht mehr für Entlastung sorgen und machte hinten zu viele eigene Fehler, um das Spiel spannend zu halten. Beim 3:2 schaltet Caldirola zu schnell ab, bleibt nahe der Torauslinie stehen und hebt so das Abseits auf. Beim 5:2 prallen Bargfrede und Garcia zusammen, was Robben den Raum verschafft, um ungestört seinen geliebten Lauf parallel vor der Abwehrkette zu starten. Beim 4:2 kommt Schweinsteiger in Prödls Luftraum völlig unbedrängt zum Kopfball. Dass der starke Makiadi kurz nach der Pause durch einen verunsichert wirkenden Ignjovski ersetzt wurde, half ebenfalls nicht. Nach 70 Minuten gab Dutt seinen ursprünglichen Plan auf und nahm die einzige Spitze vom Feld. Da auch Bayern in der Schlussphase nicht mehr mit letztem Willen agierte, blieb es beim 5:2. Ein Sieg, den sich Bayern zunächst hart erarbeiten musste, der dann jedoch auch höher hätte ausfallen können.

Bereit für den letzten Schritt?

Für Werder ist es eine eingeplante Niederlage in einem Spiel, aus dem man viel Positives mitnehmen kann. 45 Minuten lang zeigte Werder eine starke, gut organisierte Leistung, variierte erfolgreich zwischen tiefer Verteidigung und hohem Angriffspressing und schaltete schnell um. Über den defensiven Kollaps der zweiten Halbzeit sollte man dennoch nicht zu großzügig hinwegsehen. Bei aller bayerischen Überlegenheit fehlte Werder nach dem Wechsel die absolute Konzentration. Die Folge waren zu viele einfache Fehler, die man sich nicht nur gegen Bayern nicht erlauben darf.

Der Klassenerhalt ist – stand jetzt – noch nicht gesichert. Im Heimspiel gegen Hertha hätte man (ungeachtet der Ergebnisse des HSV) die Möglichkeit, den letzten Schritt dorthin zu machen. Die Entwicklungen der letzten Wochen legen nahe, dass Werder dazu bereit ist.

31. Spieltag: Fast geschafft

Werder Bremen – TSG 1899 Hoffenheim 3:1 (1:1)

Nachdem es hier beruflich bedingt einige Zeit still war, gibt es heute den vermutlich entscheidenden Schritt zum Klassenerhalt zu feiern. Werder besiegt im vorletzten Heimspiel die TSG Hoffenheim etwas glücklich mit 3:1 und hat drei Spieltag vor Ende neun Punkte Vorsprung auf den HSV.

Kampf und Kompaktheit

Dutt ersetzte den gesperrten Junuzovic durch Selassie und brachte wie erwartet den nicht mehr gesperrten Di Santo für Petersen zurück ins Team. Ansonsten blieb es bei der Rautenformation der letzten Wochen, mit Elia als beweglichem Halbstürmer. Hoffenheim ist die Freak-Mannschaft dieser Saison, mit einem bizarren Torverhältnis und spielerisch sehr starken Ansätzen. Gisdol setzte wie gewohnt auf die Offensivstärke seines Teams und ließ Volland, Firmino, Salihovic und Elyounoussi im formellen 4-2-3-1 System rochieren. Die Bremer Abwehr sollte durch quirlige Spielertypen und schnelle Kombinationen am Boden unter Druck gesetzt werden und nicht etwa mit der physischen Präsenz eines Modeste. Dies gelang in der Anfangsphase sehr gut. Hoffenheim nimmt im Angriffsdrittel keine Gefangenen, spätestens der dritte Pass geht vertikal in die Schnittstelle. Beim 0:1 in der 3. Minute bekommt Werders Mittelfeld trotz Überzahl Firmino nicht in den Griff, der auf Volland durchsteckt – eine symptomatische Szene für die erste Viertelstunde. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Hoffenheim das zweite Tor nachlegen würde.

Zum Glück ist Fußball ein Sport, bei dem sich mit einer einzigen Aktion die Dynamik des Spiels ändern kann. Bargfredes abgefälschter Schuss in den Winkel brachte Werder mit einem Schlag ins Spiel und plötzlich sah man, warum Hoffenheim trotz aller Qualitäten im Ligamittelfeld herumdümpelt. Werder erkämpfte sich im Mittelfeld ein leichtes Übergewicht, Rudy und Polanski kontrollierten das Zentrum nicht mehr und schon war Hoffenheims Offensive vom Spiel abgeschnitten und kam für den Rest der ersten Halbzeit nur noch sporadisch zu guten Situationen. Das technisch feinen Offensivspiel der Anfangsphase kam nicht mehr zum Tragen. Die Partie wurde immer mehr zu einem Kampfspiel zweier sehr eng agierender Teams, was Werder offensichtlich mehr behagte. Nun konnte man wieder die Mechanismen sehen, die schon in den letzten Wochen immer besser griffen. Di Santo behauptet die Bälle in der Spitze inzwischen ganz gut, während Elia auf seiner neuen Position aufblüht und sehr beweglich die Flügel besetzt (wäre er doch bloß etwas effektiver am und im Strafraum). Das Dreiermittelfeld hinter Hunt suchte leidenschaftlich die Zweikämpfe und besonders Torschütze Bargfrede erwies sich wieder einmal als Antreiber.

Großer Wille, glückliches Ende

Auch nach dem Seitenwechsel blieb das Spiel intensiv und kompakt. Nicht selten rückten beide Teams so weit auf die rechte oder linke Seite, dass eine gesamte andere Spielhälfte verwaist war. Dazu machten die Teams auch in der Vertikalen das Spielfeld eng. Längere Passstaffetten waren in dem engen Raum kaum zu sehen, was sich in schwachen Passquoten beiderseits sowie absurden 74 Einwürfen (dürfte ein Ligahöchstwert sein, gibt es dazu Statistiken?) niederschlug. Spannend wurde es folglich immer dann, wenn es einem Team gelang, die Kompaktheit des jeweils anderen zu überwinden. Dies gelang Hoffenheim in der zweiten Halbzeit etwas häufiger als Werder, obwohl die Hausherren insgesamt mehr vom Spiel hatten und auch größeren Aufwand betrieben, um das Spiel noch zu gewinnen. Im Gegensatz zur Anfangsphase war Hoffenheim vor dem Tor nun jedoch nicht mehr so effektiv und vergab seine Kontergelegenheiten fahrlässig. Der größere Siegeswille auf Seiten der Bremer brachte so – gepaart mit einer Portion Glück – die Entscheidung.

Die Geschehnisse der letzten Viertelstunde waren dann wie gemalt für den Jahresrückblick: Garcia bewies sein Gespür für wichtige Tore, Wolf hielt mit seinem abgewehrten Elfmeter gegen Salihovic den Sieg fest und Petersen sorgte nach seinem fürchterlichen Eigentor letzte Woche für das Happy End. Dank der Hamburger Niederlage am Abend dürfte Werder mit diesem Sieg gerettet sein. Mit nun 36 Punkten ist auch das angestrebte Saisonziel von 40 Punkten nicht außer Reichweite.

Auf ein abschließendes Wortspiel mit Ostern, Eiern und/oder Nest wird an dieser Stelle verzichtet.