Macht euer Spiel doch alleine

Die Saison ist genau einen Spieltag und eine Pokalrunde alt, da geht in Werders Umfeld mal wieder eine Diskussion los, die inzwischen zu Bremen gehört, wie der Roland und die Stadtmusikanten. Ein echter Spielmacher fehlt Werder, einer wie (beliebigen Namen eines ehemaligen Bremer Zehners einsetzen).

Die werdernahe Lokalpresse ist sich nicht zu schade, jeden Spieler, der bei Werder ein Spiel auf der Zehnerposition absolviert hat, zu einem neuen Micoudiegözil hochzuschreiben, um dabei in einem Nebensatz nostalgisch festzustellen, dass Werder einen solchen Spielmacher schon lange nicht mehr hat. In diesem Sinne holte gestern auch die SZ zum großen Rundumschlag aus. Der Erkenntnisgewinn hält sich bei solchen Artikeln stark in Grenzen, denn auf nahezu jeder Position ist Werder im Jahr 2015 schwächer besetzt, als zu seligen Champions League Zeiten.

Die fixe Idee mit dem Spielmacher

In gewisser Hinsicht ist Bremen ein Fußballbiotop. Während in der restlichen Fußballwelt der Tod des klassischen Spielmachers schon vor über zehn Jahren besungen wurde, hat Werder dem Trend getrotzt, ist mit Micoud Meister und mit Diego und Özil Pokalsieger geworden. Auch wenn diese drei Spieler eigentlich unterschiedlicher kaum sein konnten: Wenn es irgendwo noch Spielmacher alter Schule gab, dann in Bremen.

Seit Özil den Verein im Sommer 2010 verlassen hat, ist Werder von einem regelmäßigen Champions League Teilnehmer zu einem eher unterdurchschnittlichen Bundesligateam geworden. Nicht wenige Anhänger des Vereins führen dies unmittelbar auf den Umstand zurück, dass man für Özil damals keinen direkten Ersatz verpflichtete und seitdem erfolglos nach dem nächsten großen Spielmacher sucht.

Der kausale Zusammenhang zwischen einem supertollen Spielmacher im Team und spielerischer Exzellenz hat sich so sehr in den Synapsen festgesetzt, das keine noch so offensichtlichen Entwicklungen im deutschen und europäischen Fußball daran etwas ändern können. Die Begriffe “Spielmacher” und “Zehner” werden weiterhin synonym verwendet, auch wenn dies einem Realitätscheck heutzutage kaum noch stand hält.

Ohne Raute geht es nicht

Das liegt natürlich unter anderem an der Raute, die als Spielsystem in die DNA des Vereins gebrannt zu sein scheint. Als eine der wenigen modernen Formationen im Fußball ist in ihr ein “echter” Zehner vorgesehen, während 4-4-2, 4-3-3, 4-1-4-1 und häufig auch 4-2-3-1 auf einen solchen verzichten. Diese Formationen, die in den letzten drei Jahren alle zeitweise auch in Bremen zum Einsatz kamen, konnten jedoch nichts daran ändern, dass weiterhin die Raute mit Spielmacher am höchsten im Kurs steht.

In Bremen, so hört man oft, funktionieren andere Systeme einfach nicht, hier funktioniert nur die Raute. Das überrascht schon insofern, als Werder seine (offensiv-)fußballerisch besten Phasen in diesem Jahrzehnt im 4-1-4-1 (Hinrunde 2012/13) bzw. 4-2-3-1-Verschnitt (Rückrunde 2009/10) hatte. Wenn man dazu noch den in Bremen oft gescheuten Blick über den Tellerrand wagt, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass man sich hier in einer fixe Idee verrannt hat. Welche national und international erfolgreichen Teams spielen noch mit einem klassischen Spielmacher auf der 10? Bayern nicht, Dortmund nicht, Gladbach nicht, Wolfsburg nicht, Leverkusen nicht, Barcelona nicht, Madrid nicht, Juventus (trotz Raute) nicht. Selbst Özil musste in Deutschlands Weltmeisterelf auf den linken Flügel weichen.

Was bedeutet dies aber nun für Werders aktuelle Situation? Viktor Skripnik hat sich auf die Raute als sein präferiertes System festgelegt, durchaus mit Erfolg. Die Ausrichtung des Systems hat er dabei immer wieder variiert, mal mit einem klassischen Spielmacher auf der 10 (Aycicek), mal ohne (Bartels, Öztunali), mal als Variante des 4-3-3-, mal als Variante des 4-3-2-1. Eine feste Besetzung der Position gibt es bis heute nicht, auch wenn im Sommer Maximilian Eggestein nahezu in jedem Spiel dort aufgeboten wurde. Nun, da Skripnik zum Bundesligastart doch nicht auf ihn gesetzt hat, geht die Diskussion um die Besetzung der Position in die nächste Runde.

Bloß nicht zu viel Komplexität

Dabei geht es eigentlich um zwei Fragen, die jedoch vereinfacht in den Medien als eine behandelt werden: “Ist Werder auf der Zehnerposition gut genug besetzt?” und “Was ist der Grund für Werders spielerische Schwäche?”

Die Antwort auf die erste Frage ist derzeit zweifellos nein. Bartels und Aycicek sind außer Form, Eggestein hat noch kein Bundesligaspiel von Anfang an bestritten, Öztunali kommt die Position nicht entgegen und Junuzovic ist auf der Achterposition eigentlich besser aufgehoben. Das wusste man bereits vor der Saison und hat sich bewusst dafür entschieden, auf das vorhandene, junge Personal zu setzen. Das Transferbudget wurde (auch bedingt durch Abgänge) für andere Positionen ausgegeben. Vor der etablierten Achse aus Fritz, Bargfrede und Junuzovic setzt man im offensiven Mittelfeld bewusst darauf, dass sich einer der jungen Kandidaten durchsetzt. Dort nun einen wundersamen Leistungssprung von einem der Spieler zu erwarten, ist völliger Quatsch.

Die zweite Frage ist weitaus schwieriger zu beantworten, macht jedoch deutlich, wie die Erwartungen an einen Zehner in Bremen gesteckt sind. Der Glaube daran, dass ein einziger Spieler das Bremer Mittelfeld in neue spielerische Sphären führen kann, ist spätestens seit Johan Micouds Zeit tief verwurzelt. Schaut man sich jedoch die Zusammenstellung und Ausrichtung des aktuellen Teams an, fällt es schwer, diese Sichtweise nachzuvollziehen. Zu keinem Zeitpunkt in den letzten zweineinhalb Jahren war Werder eine Mannschaft, die Ballbesitzfußball spielen konnte oder wollte. Aufbau mit langen Bällen, Gegenpressing, schnelles Umschaltspiel – das war gerade in der letzten Saison das Credo. Nichts deutete im Sommer darauf hin, an dieser grundsätzlichen Ausrichtung etwas ändern zu wollen oder zu können.

Gegen Schalke musste bzw. durfte Werder überraschend viel Zeit am Ball verbringen. Durch das löchrige Schalker Pressing konnte man das Mittelfeld weitgehend kontrollieren. Das altbekannte Bremer Problem im Spielaufbau verlagerte sich somit eine Reihe weiter nach vorne. In diesem einen Spiel hätte ein klassischer Spielmacher auf der 10er-Position sicherlich geholfen, doch sehr wahrscheinlich ist es nicht, dass sich dieses Szenario oft wiederholt. Die meisten Spiele in der Bundesliga sind deutlich pressinglastiger und erfordern vom gesamten Team ein größeres Maß an Ballsicherheit bei hohem Tempo und Pressingresistenz. Daran würde auch ein verjüngter Micoud im Team nichts ändern.

Der Zeitpunkt der Diskussion überrascht mich ein wenig, auch wenn er sicherlich mit dem näherrückenden Ende des Transferfenster zu tun hat. Das Spiel gegen Schalke gibt für mich jedenfalls wenig Anlass, nach einem neuen Spielmacher zu schreien. Dazu genügt schon ein Blick auf den Gegner: In Schalkes System gab es keinen Zehner, als “Spielmacher” könnte man am ehesten den Sechser Johannes Geis bezeichnen, der bei Ballbesitz oft als letzter Mann agierte und die beiden entscheidenden Tore wurden von einem Innenverteidiger vorbereitet. Man könnte allerdings auch Julian Draxler dafür kritisieren, dass er kein Spielmacher im Stile Johan Micouds ist, doch dafür müsste er wohl erst nach Bremen wechseln.

Zum Abschluss zehn einfache Merksätze

  • Werders spielerische Probleme können nicht durch einen einzelnen Spieler gelöst werden.
  • Werder ist auf der Zehnerposition nicht schlechter besetzt als in der letzten Saison, in der man auch recht erfolgreich mit einer Raute spielte.
  • Ohne einen “Spielmacher” erfolgreichen und schönen Fußball zu spielen, ist heutzutage nicht nur möglich, sondern auch üblich.
  • Würde sich bei einem Verein ohne große finanzielle Möglichkeiten nicht eher eine Diskussion anbieten, ob das System zum vorhandenen Kader passt, als andersherum?
  • Man kann über Werders Spielstil diskutieren, aber nicht, ohne auch über die Eckpfeiler des Teams (Fritz, Junuzovic, Bargfrede) zu diskutieren.
  • Eine solche Diskussion bietet sich nicht unbedingt nach dem 1. Spieltag an.
  • Eine Diskussion bietet sich erst recht nicht nach einem für Werder völlig untypischen Spiel an.
  • Die Namen Herzog, Micoud, Diego und Özil sind wunderschön, aber für eine Diskussion über Werder im Jahr 2015 kein bisschen hilfreich.
  • Jedes Argument, das sich auf einen oder mehrere dieser Namen stützt, läuft zwangsläufig ins Leere.
  • Zum Glück ist heute Abend wieder Fußball.

1. Spieltag: Ernüchterung mit Lichtblicken

Werder Bremen – FC Schalke 04 0:3 (0:1)

Ein 0:3 Heimniederlage zum Auftakt gegen Schalke kann man wohl nur als Fehlstart bezeichnen. Am Ende siegte ein nicht gerade überzeugende Schalker Mannschaft zu deutlich, aber verdient in Bremen.

Werder Bremen vs FC Schalke 04 Aufstellung

Alibi-Pressing und Scheindominanz

Etwas überraschend setzte Skripnik auf Levin Öztunali als zweiten Stürmer neben Ujah und zog Bartels dafür ins Mittelfeld zurück. Eggestein und Grillitsch rutschten dafür aus dem Team. Ansonsten begann Werder so wie erwartet, mit einem 4-4-2, das in Ballbesitz als Raute, gegen den Ball jedoch meistens als flache Vier im Mittelfeld ausgelegt wurde. Bartels gab somit häufig einen zweiten Sechser neben Bargfrede.

Schalke spielte ebenfalls in einem 4-4-2 mit einer Doppelspitze aus Di Santo und Huntelaar sowie einem Flügelfokus mit den offensivstarken Choupo-Moting und Draxler als äußere Mittelfeldspieler. Im Aufbau ließ sich Geis tief zwischen die Innenverteidiger fallen und verteilte von dort die Bälle. Die Außenverteidger rückten weit vor und es ergab sich eine Art 3-5-2/3-3-2-2.

Insgesamt war das Pressing auf beiden Seiten eher alibimäßig. Werder wollte Geis nicht zu viel Zeit am Ball geben und die beiden Stürmer liefen ihn früh an. Dahinter war der Abstand zum Mittelfeld jedoch recht groß weshalb es selten zu Balleroberungen direkt aus dem Angriffspressing kam. Auf der anderen Seite war es noch extremer. Während Geis durch seine tiefe Positionierung meist vor Ujah und Öztunali aufbaute, konnte Bargfrede häufig im Rücken der Schalker Stürmer angespielt werden. Die Bremer Innenverteidiger hatten mit Wiedwald und häufig auch mit dem zurückfallenden Ulisses Garcia genügend Optionen, um das Pressing von Di Santo und Huntelaar zu umspielen.

Dies sorgte für relativ viel Platz für Bargfrede, der häufig einige Schritte am Ball aufs Schalker Mittelfeld zu machen konnte, bevor er das Spiel verlagerte. Mit der Raute hatte Werder im Mittelfeld personelle Überzahl und kontrollierte diesen Raum ganz gut, ohne jedoch offensiv viel daraus zu machen. Häufig wurde der direkte Weg in die Spitze gesucht, indem ein scharfer Vertikalpass in den Rücken der Schalker Abwehr weitergeleitet wurde. Die Außenverteidiger wurden ebenfalls oft eingebunden, vor allem Garcia, der seine Stärke im Kombinationsspiel zeigen konnte.

Starker Matip entscheidet das Spiel

Torchancen sprangen für Werder jedoch kaum heraus, da Schalke im und am Strafraum sehr gut verteidigte und kaum Fehler beging. Dafür hatten die Schalker einige gute Kontergelegenheiten, bei denen Werder erst im letzten Moment klären konnte. Werder beging zu viele Fehler im Aufbau (Fritz!) und hatte daher etwas Glück, nicht früher in Rückstand zu geraten. Auch wenn Schalke in dieser Phase spielerisch keine Bäume ausriss, lag die Führung für die Gäste immer in der Luft.

Das 0:1 war ein Tor aus der Abteilung Slapstick, doch in seiner Entstehung zeigte sich, was an diesem Tag den Unterschied ausmachen sollte. Mit zunehmender Spielzeit waren es immer häufiger die Innenverteidiger, die mit aufrückten, um so Lücken in den gegnerischen Defensivverbund zu reißen. Auf Werders Seite war dies meistens Vestergaard, der einige kluge Verlagerungen spielte. Auf Schalkes Seite war es Joel Matip, der beste Spieler auf dem Platz. Defensiv spielte er nach meiner Erinnerung fehlerfrei und offensiv war er der entscheidende Faktor bei den ersten beiden Toren.

Man kann sich über mangelndes Rückwärtspressing der Stürmer beschweren, doch auch aus dem Mittelfeld fühlte sich niemand berufen, Matip 30 Meter vor dem Tor unter Druck zu setzen, so dass er unbedrängt zwei präzise Pässe in die Spitze spielen konnte, die das Spiel entschieden. Das Kontertor in der Schlussphase machte das Ergebnis für Werder zu einer ekeligen Angelegenheit, obwohl das Spiel eigentlich keinen solchen Leistungsunterschied zwischen den Teams hergab. Schalke siegte insgesamt verdient, weil das Team individuell stärker ist und in den entscheidenden Details besser war.

Da waren sie wieder, meine drei Probleme

Zu Beginn der zweiten Halbzeit hatte Werder die wohl stärkste Phase des Spiels und durch Bartels auch die beste Chance. Ansonsten bemühte man sich, den Ball in Richtung Spitze zu spielen, hatte aber offensiv wenig gute Ideen. Mit Ballbesitz kommt Werder weiterhin nicht gut klar, betreibt sehr viel Aufwand, der die Unzulänglichkeiten nur teilweise kaschieren kann. Auch individuell hatte Werders Offensive keinen guten Tag. Ujah wurde von Matip völlig aus dem Spiel genommen und Öztunali beendete nahezu alle seine Ballaktionen mit überhasteten Abspielen oder Abschlüssen.

Bartels steckt in einer Formkrise, ist für diese Art des Ballbesitzfußballs aber auch nicht gemacht. Seine (und auch Werders) Stärken konnte er kaum einmal ausspielen, denn Konter und Gegenpressing gab es nur vereinzelt zu sehen. Das restliche Mittelfeld zeigte sich gewohnt unkreativ und wenig passsicher. Es geht noch immer (zu) viel über Laufstärke und Kampf. Dabei kann man den Spielern nicht den Einsatz absprechen, mit dem sie sich in die nach dem 0:2 fast unlösbare Aufgabe geworfen haben.

Personell und taktisch muss sich das Trainerteam ein paar Fragen gefallen lassen. Warum mussten Grillitsch und Eggestein auf die Bank, obwohl sie in der Vorbereitung deutlich näher an einem Stammplatz waren, als Öztunali? Eggestein spielte zuletzt nicht überzeugend, doch Bartels war in diesem Spiel ein denkbar ungeeigneter Zehner. Warum wird Grillitsch dort nicht getestet? Warum stellte man taktisch auf ein flaches 4-4-2 gegen den Ball um, was in der Vorbereitung so nicht zu sehen war? Das Pressing wirkte in diesem System schlecht koordiniert. Der große Abstand zwischen Angriff und Mittelfeld war nicht nur hier ein Problem, sondern begünstigte auch die Entstehung der ersten beiden Tore.

Mut oder kalte Füße?

Nach dem ersten Spieltag müssen aber keine (neuen) Grundsatzfragen gestellt werden. Die Probleme sind bekannt, die Abhängigkeit von einzelnen Spielern auch. Sich hinter der der mangelnden Erfahrung des Teams zu verstecken, ist nach diesem Spiel nicht angebracht, da lediglich zwei Spieler unter 23 auf dem Platz standen und Schalkes Team im Schnitt sogar jünger war. Es war jedoch der unerfahrenste Spieler auf dem Platz, der den größten Mut bewies und dessen Leistung Hoffnung auf mehr machte, auch wenn Garcia am Ende für sein hohes Tempo bezahlen musste und in den letzten 15 Minuten deutlich nachließ.

Gegen Hertha wünsche ich mir wieder etwas mehr Mut seitens der Trainer und eine Ausrichtung, die mehr an die Stärken des Teams angepasst ist. Mit Ballbesitzfußball wird Werder nach heutigem Stand und in der aktuellen Besetzung nicht zum Erfolg kommen.

 

Meine Saisonvorschau 2015/16

Am Samstag beginnt für Werder in Würzburg die Pflichtspielsaison. Zeit für eine, nun ja, gar nicht mal so kurze Saisonvorschau. Was hat sich bei Werder im Sommer getan? Wie sind die Spieler drauf? Was ist dem jungen Team und dem jungen Trainer in den nächsten zehn Monaten zuzutrauen?

Tor – Große Auswahl, viele Verletzte

Im Tor hat Werder nach den vielen Wechseln der letzten 12 Monate ein Überangebot an Spielern. Gleich sechs Torhüter zählen zum erweiterten Profikader: Felix Wiedwald, Raphael Wolf, Ed Michael Zetterer, Raif Husic, Eric Oelschlägel und Tom Pachulski. Eigentlich sind nur die ersten drei Genannten für den Profikader vorgesehen, doch die Verletzungen von Wolf und Zetterer sowie Husics Teilnahme an der U19-EM bedeuteten eine Chance für die Nachwuchsleute Oelschlägel und Pachulski, sich im Trainingslager der Profis zu beweisen. Besonders Oelschlägel bekam viel Lob von Torwarttrainer Vander, aber zumindest vorerst müssen er und Pachulski den Weg zurück in die U23 bzw. U19 antreten.

Die klare Nummer 1 ist zum Saisonstart Rückkehrer Felix Wiedwald. Ein Duell mit Wolf fand wegen dessen Verletzung nicht statt, doch es gibt kaum jemanden im Werder-Umfeld, der ernsthaft daran gezweifelt hat, dass Wiedwald den Vorzug erhalten würde. Die Eindrücke aus den Testspielen waren bislang ziemlich gut und es besteht die Hoffnung, mit ihm einen sowohl selbstbewussten als auch relativ kompletten Torwart gefunden zu haben. Er wirkt deutlich aktiver im Strafraum als Wolf, antizipiert gut und traut sich auch den flachen Pass zu.

Raphael Wolf wird sich nach seiner Verletzung neu beweisen müssen, nachdem die letzte Saison ein Rückschritt für ihn war. Ich halte ihn nach wie vor für eine solide Nummer 2 bei einem Verein von Werders derzeitiger Kragenweite. Bei Teilen der Fans ist er aufgrund der Rückrunde allerdings verbrannt und ich glaube auch nicht wirklich, dass er eine Chance hat, Wiedwald im Tor zu verdrängen. Doch auch als Ersatztorwart könnte Wolf nur eine Übergangslösung sein, bis Zetterer, den ich bislang nur wenig einschätzen kann, soweit ist, seinen Platz einzunehmen. Die Frage ist natürlich auch, wie sich Wolf mit seinem neuen Status arrangiert. Da ein möglicher Abgang in diesem Sommer immer mal wieder diskutiert wurde: Mir ist mit Wolf im Kader wesentlich wohler. Fünf Torhüter, von denen keiner mehr als ein Dutzend Bundesligaspiele vorzuweisen hat, sind doch etwas dünn. In einem Jahr sieht die Situation aber eventuell schon ganz anders aus.

Die Hackordnung auf den Plätzen drei bis sieben scheint weit weniger in Stein gemeißelt, weil hier auch noch der erfahrene Tobias Duffner hinzukommt, der fest für die U23 eingeplant ist. Vor einem Jahr galt Raif Husic als die neue Torwarthoffnung für Werders Zukunft, heute muss er um seinen Status als Nummer 4 und damit die Aussicht, in der U23 zumindest auf der Bank zu sitzen, bangen. Es ist spannend, den Dreikampf zwischen ihm, Oelschlägel und Pachulski zu verfolgen, doch große Hoffnungen auf einen baldigen Durchbruch in den Bundesligakader mache ich mir nach den Enttäuschungen der Vorsaison auf dieser Position bei keinem von ihnen.

Eigentlich sind sieben Torhüter für drei Mannschaften (Profis, U23, U19) zu viel, doch das Verletzungspech von Wolf, Zetterer und nun auch Oelschlägel sorgt derzeit dafür, dass es genügend Einsatzmöglichkeiten gibt. Bis zum Ende der Transferperiode könnte sich die Situation allerdings noch ändern und eine Leihe von beispielsweise Husic ein Thema werden.

Innenverteidigung – Zwei Abgänge und doch kein Personalbedarf?

Nachdem die Problemstelle Innenverteidigung bereits im Winter angegangen wurde, ist es im Sommer trotz Prödls Abgang und Caldirolas Leihe sehr ruhig zugegangen. Mit Jannik Vestergaard und Alejandro Gálvez hat man bereits das Duo gefunden, das Werders Hintermannschaft endlich auch mal über einen längeren Zeitraum stabilisieren soll. Assani Lukimya ist nominell die Nummer 3, doch hat Gálvez in der Vorbereitung den Rang abgelaufen. Das dürfte vor allem an der noch etwas wackeligen Form des Spaniers liegen und nur von kurzer Dauer sein – allerdings dachte man das vor einem Jahr auch bei Caldirola. Die Gerüchte, die man über Gálvez Fitnesszustand zum Saisonbeginn hörte, waren jedenfalls nicht gerade ermutigend.

Eigentlich sollte ein fitter Gálvez schon aufgrund seiner guten Spieleröffnung gesetzt sein. Mit ihm und dem defensiv in eigentlich allen Bereichen starken Vestergaard hätte man eine gute Mischung in der Innenverteidigung. Leider konnten die beiden in der letzten Rückrunde nicht oft zusammen spielen. Von allen Innenverteidigerpärchen der letzten Jahre haben sie mir allerdings am besten gefallen. Großen Respekt muss man aber vor Lukimyas Hartnäckigkeit haben. Die Bundesligatauglichkeit wurde ihm oft genug abgesprochen und auch ich habe seinen Stil und seine mangelnde Grundtechnik häufig kritisiert. Dennoch ist er nicht nur immer noch im Kader, sondern macht den in der Hierarchie vor ihm stehenden Spielern ordentlich Druck. Ich werde zwar in diesem Leben kein Fan seiner Spielweise mehr werden, doch als Ergänzungsspieler ist er allein schon durch seine Zweikampfstärke gut zu gebrauchen.

Um die Position als Innenverteidiger Nummer 4 haben sich im Sommer die beiden Rückkehrer Mateo Pavlovic und Oliver Hüsing duelliert, wobei sich Hüsing dem Vernehmen nach durchgesetzt hat. Grundsätzlich finde ich die Option ok, bei nur 35-38 Saisonspielen auf einen Nachwuchsspieler als vierten Innenverteidiger zu setzen. Da Hüsing in seinem Stärken-/Schwächen-Profil aber eine gewisse Ähnlichkeit zu Lukimya aufweist, sehe ich das in diesem konkreten Fall etwas anders. Das Passspiel der Bremer Innenverteidiger ist seit Jahren auf dürftigem Niveau. Gálvez ist hier der einzige Lichtblick, doch schon in der letzten Rückrunde hat man gesehen, dass Werder seinen Ausfall nicht kompensieren konnte. Das Duo Vestergaard/Lukimya hat mir in dieser Hinsicht nicht gut gefallen.

Der Trainer mag das selbstverständig anders sehen, doch mir wäre mit einem weiteren aufbaustarken Innenverteidiger als Nummer 3 oder 4 weitaus wohler. Auch wenn andere Problemzonen dringender nach einer Lösung schreien und Werder knapp bei Kasse ist, wäre es nicht unmöglich, eine solche Lösung zu finden, wenn man sich gleichzeitig von Pavlovic und Hüsing oder Lukimya trennt.

Wie sinnvoll ein solcher Schritt wäre, hängt jedoch auch vom geplanten Stil im Spielaufbau ab. Skripnik wird nicht müde zu betonen, dass er Werder spielerisch wieder stärker machen möchte. Diese allgemeine Aussage lässt viel Interpretationsspielraum, doch bisher deutet die Vorbereitung daraufhin, dass Werder den Fokus auf Pressing und schnelles Umschaltspiel noch weiter verstärken möchte und sich der „spielerische“ Aspekt vor allem auf schnelles Direktpassspiel im letzten Drittel bezieht und weniger auf einen gepflegten Spielaufbau aus den eigenen Reihen. Das Mittel der Wahl dürfte für die Innenverteidiger auch weiterhin der lange, hohe Ball nach vorne sein, der dann im Gegenpressing erobert werden soll. In dieser Hinsicht zählen beim eröffnenden Pass die Positionierung des restlichen Teams sowie der richtige Zeitpunkt mehr, als die Präzision des Passes selbst. Dass Werder sich dessen ungeachtet auch in der Ballzirkulation und der Passgenauigkeit verbessern muss, dürfte allerdings auch klar sein. Ich sehe weder Lukimya noch Hüsing als Spieler, die Werder in dieser Hinsicht voranbringen.

Insgesamt ist Werder in der Innenverteidigung allerdings sehr solide aufgestellt und zumindest Vestergaard und Gálvez genügen auch höheren Ansprüchen. Wie sinnvoll ein Verbleib des inzwischen 25-jährigen Mateo Pavlovics als fünftes Rad am Wagen ist, müssen die Verantwortlichen beantworten. Vermutlich ist hier in erster Linie die fehlende Nachfrage der Grund, weshalb der Kroate noch auf Werders Payroll steht.

Außenverteidigung – Ein Plus an Qualität

Bei den Außenverteidigern entwickelte sich die letzte Saison deutlich anders als erwartet. War man vor einem Jahr auf der rechten Seite mit dem wackeligen Clemens Fritz weitaus anfälliger als links, wurde spätestens in der Rückrunde die linke Seite zum Problemkind. Santiago Garcia hatte mit Formproblemen und Verletzungen zu kämpfen, während Nachwuchsmann Janek Sternberg trotz einiger guter Anlagen letztlich kein Bundesliganiveau nachweisen konnte. Auf der anderen Seite war Theodor Gebre Selassie nach seiner Rückversetzung in die Viererkette die Konstanz in Person. Er profitierte dazu auch von der Tatsache, mit Clemens Fritz einen defensiv kompetenteren Spieler vor sich auf der Halbposition zu haben, als die anderen Beiden mit Zlatko Junuzovic.

Richtig viel getan hat sich im Sommer auf den ersten Blick nicht: Mit Ulisses Garcia wurde lediglich ein Nachwuchsmann für die linke Abwehrseite verpflichtet, dem ein direkter Sprung in die Bundesliga nicht unbedingt zugetraut wurde. Auf den zweiten Blick hat die Situation im Vergleich zur Vorsaison klar verbessert, da Garcia direkt einen starken Eindruck hinterließ und somit trotz der Verletzung seines Namensvetters keine allzu große Not besteht. Auf der anderen Seite ist Luca-Milan Zander endlich wieder fit und hat Marnon Busch wie erwartet den Rang als Nummer zwei bei den Rechtsverteidigern abgelaufen. Durch Clemens Fritz Sperre im Pokal und die Option, Gebre Selassie dafür ins Mittelfeld zu ziehen, besteht sogar die Chance auf einen Startelfeinsatz im ersten Pflichtspiel der Saison. Auffällig ist, dass sowohl U. Garcia als auch Zander klare spielerische Verstärkungen für das Team darstellen und trotz ihres jungen Alters schon sehr zuverlässig ihren Job erledigen.

Es stellt sich aber auch die Frage, wie mit den jeweils Dritten im Bunde Busch und Sternberg weiter verfahren werden soll. Durch den Aufstieg der U23 besteht nicht unbedingt die Notwendigkeit, sie zu verleihen, doch gerade bei Sternberg könnte ich mir vorstellen, dass die 3. Liga nach einem Jahr als erweiterter Stammspieler in einem Bundesligateam nicht mehr den größten Reiz hat. Eine Leihe in die 2. Bundesliga wäre eine sinnvolle Option, eventuell sogar ein Verkauf, falls man nicht mehr daran glaubt, dass er noch zu Bundesligaformat heranreift. Dagegen spricht jedoch ganz klar die Verletzung von S. Garcia, die einen Abgang zu einem großen Risiko werden ließe. Es dürfte sich also frühestens am Ende der Transferperiode noch etwas tun. Bei Marnon Busch hat sich eine mögliche Leihe nach Darmstadt zerschlagen und ich rechne nach Eichins klaren Worten mit seinem Verbleib in der U23.

Alles in allem sieht die Situation bei den Außenverteidigern so gut aus, wie schon lange nicht mehr bei Werder. Garcia und Zander werden noch Lehrgeld bezahlen müssen, doch beide sind von den Anlagen her zukünftige Stammspieler bei einem Club mit internationalen Ambitionen. Selassie ist flexibel genug einsetzbar, um Zander den Einstieg zu erleichtern und Santiago Garcia kann den Konkurrenzkampf hinten links richtig anheizen, wenn er wieder einhundertprozentig fit ist.

Defensives Mittelfeld – die ewige Problemzone

Das defensive Mittelfeld ist inzwischen schon traditionell eine große Problemzone in Werders Kader. Seit Frank Baumanns Karriereende vor sechs Jahren kann man die Neuzugänge auf dieser Position an einer halben Hand abzählen. Cedric Makiadi ist auf der Liste noch der prominenteste Name, doch dass dieser weder ein klassischer Sechser noch ein tiefer Spielgestalter ist, war schon vor seiner Verpflichtung klar. Da Skripnik mit seinen Rautenvarianten und dem als Alternative gehandelten 4-1-4-1 ganz klar auf einen alleinigen Sechser im Mittelfeld setzt, fällt der “Box-to-Box”-Spieler Makiadi für diese Position durchs Raster und kommt lediglich als Notlösung in Frage, ebenso wie der im rechten Mittelfeld zunächst gesetzte Clemens Fritz.

Der unter U23-Beobachtern und Taktikexperten hoch gehandelte Julian von Haacke dürfte nach seiner langen Verletzung noch kein Thema für diese Position sein und zunächst in der U23 eingesetzt werden. Mit seinen tollen spielerischen Anlagen ist er eine spannende Option für die Zukunft, doch schon seine Einsätze in der Vorbereitung zeigen, dass Skripnik ihn derzeit noch weiter vorne im Mittelfeld sieht. Lukas Fröde verkörpert eher den klassischen Sechsertyp und weckt daher nicht die ganz großen Hoffnungen. Auch bei ihm ist noch nicht klar, ob der Sprung in den Profifußball gelingen wird und ich sehe ihn momentan eigentlich nur als Kaderergänzung, die zwischen U23 und Profis pendelt. Angesichts der dünnen Personalsituation könnte er jedoch mehr Bundesligaminuten sammeln und unter Beweis stellen, dass er dort mithalten kann.

Der Platzhirsch auf der Sechserposition ist weiterhin Philipp Bargfrede, in meinen Augen eine gute, wenn auch keine optimale Lösung. Eigentlich würde ich Bargfrede wegen seiner nicht so ausgeprägten strategischen Fähigkeiten lieber in einer Doppelsechs oder rechts in der Raute sehen. Hinter diesen Überlegungen steht jedoch ein großes „Aber“: Bargfredes Verletzungshistorie macht es zu einer höchst fahrlässigen Angelegenheit, weiter mit ihm als Stammspieler für die Bundesliga zu planen. In den letzten drei Jahren kam Bargfrede auf gerade einmal 49 Bundesligaeinsätze, was durchschnittlich nicht einmal die Hälfte aller Saisonspiele bedeutet. Einen Grund, weshalb sich sein körperlicher Zustand in dieser Saison bessern sollte, sehe ich nicht. Es ist ihm zu wünschen, doch darauf bauen sollte der Verein nicht.

Bargfredes Ersatzmann Felix Kroos ist ein komplett anderer Spielertyp, sicherer im Passspiel, aber mit Problemen im Zweikampf und im Stellungsspiel. Seit zwei Jahren ist Kroos nun fest im Profikader eingeplant, ohne die Entwicklung zu nehmen, die man sich von ihm erhofft hat. Das sieht immer mal ganz nett aus, dann wieder ganz fürchterlich, was es den Verantwortlichen nicht einfach macht. Kroos ist weder so schlecht, dass man ihn aussortieren müsste, noch so gut, dass man mit ihm als Stammspieler planen könnte. Schon allein aufgrund Bargfredes Verletzungsanfälligkeit müsste er aber genau das sein: Ein Stammspieler, ein Sechser, der zuverlässig und beständig Leistungen bringt, die zumindest Bundesligamittelmaß bedeuten.

Mich verwundert (vielmehr: irritiert) die Haltung des Vereins zu der Position des Sechsers schon seit langer Zeit. Einerseits setzten die Trainer überwiegend auf Systeme mit einem alleinigen Sechser, was höhere Anforderungen an die Kandidaten stellt. Andererseits wird die Situation auf dieser Position völlig verkannt. Man wird nicht müde, Bargfredes Wichtigkeit zu betonen, während man sehenden Auges in eine weitere Saison ohne vernünftige Alternative geht. Angeblich hat intern inzwischen ein Umdenken stattgefunden, doch solange sich dies nicht personell bemerkbar macht, kann sich Werder davon wenig kaufen. Das Argument des klammen Geldbeutels lasse ich an dieser Stelle nicht gelten, denn für Offensivspieler ist wie in den Jahren zuvor durchaus ein stattliches Transferbudget vorhanden. Es ist vielmehr eine Frage der Prioritäten und die scheinen mir nach wie vor fragwürdig gesetzt.

Halbpositionen – Große Auswahl, schwierige Balance

Zu den Besonderheiten der Raute gehören die Halbpositionen im Mittelfeld, die es in dieser Form in anderen Formationen nicht gibt. Im Laufe der Jahre hat Werder hier höchst unterschiedliche Spielertypen eingesetzt und somit die Ausrichtung des Mittelfelds immer wieder angepasst. Vor allem diese beiden Spieler links und rechts in der Raute sind für deren Balance zuständig. Das Anforderungsprofil ist sehr komplex: Die Kandidaten müssen einerseits zentrale Mittelfeldspieler sein, haben andererseits aber keinen Außenspieler neben oder vor sich. Zu ihrem Aufgabengebiet gehören die defensive Unterstützung des Sechsers und Außenverteidigers, die offensive Unterstützung des Zehners und Stürmers, sowie eine gewisse Verantwortung in der Spielgestaltung. Anders als in einer flachen Vier gibt es im Defensivspiel häufig keinen Nebenmann, an dem man sich orientieren kann, weshalb es besonders auf das Raumgefühl der Spieler ankommt. Kurz: Ein Spieler auf der Halbposition muss eigentlich alles können. Da sich dies in der Praxis kaum vorfindet, kommt der Zusammensetzung der beiden Positionen eine große Bedeutung zu: Können die Schwächen des einen durch die Stärken des anderen kompensiert werden?

Wie passen in dieses Geflecht an Anforderungen nun die beiden Hauptakteure Clemens Fritz und Zlatko Junuzovic? Beide sind einerseits fast schon ideale Rautenspieler, weil sie gute Allrounder sind und sich in vielen Phasen des Spiels gut einbringen können. Zudem sind beide sehr beweglich und laufstark. Andererseits gibt es bei beiden auch gewisse Bedenken, was ihre Spielweise, vor allem in Kombination miteinander, angeht.

Fritz hat nach seinem schon länger andauernden Leistungsabbau als Rechtsverteidiger eine Position gefunden, auf der er Werder doch noch helfen kann. Die Lobgesänge auf den Kapitän hören nicht auf, was mich etwas ratlos zurücklässt. Unverkennbar sind der Einsatz und die Spielfreude, mit denen Fritz zu Werke geht. Szenenapplaus gibt es für gewonnene Dribblings und engagierte Zweikämpfe. Was dabei häufig ausgeblendet wird, sind die Schwächen, die Fritz ebenfalls an den Tag legt, die Fehler im Passspiel, die strategischen Unzulänglichkeiten. Seine in einem Jahrzehnt als Rechtsverteidiger angelernte vertikale Spielweise sieht auch im Mittelfeld gut aus, ist aber nur selten wirklich effektiv. Fritz lässt einfache Dinge kompliziert aussehen und erhält dann Lob dafür, dass er sie trotzdem bewältigt. Der herausgeholte Freistoß fällt also mehr ins Gewicht, als die verpasste Gelegenheit zum Abspiel und der gewonnene Defensivzweikampf mehr als der vorherige Fehlpass.

Damit möchte ich Fritz nicht (mehr) aufs Altengleis schieben. In der derzeitigen Kaderzusammensetzung hat er nicht nur seine Berechtigung sondern auch eine große Wichtigkeit. Der Mangel an Konkurrenz ist jedoch ein Problem, das Werder durch die Saison begleiten wird. Nahezu alle Kandidaten für die Halbpositionen sind offensiver eingestellt als Fritz und kommen daher nur in Kombination mit einer Änderung der oben beschriebenen Balance als Ersatz in Frage. Am ehesten könnte Theodor Gebre Selassie seine Position einnehmen, wenn Zander sich nicht wieder verletzt.

Was für Fritz gilt, gilt auch für Junuzovic – wenn auch ganz anders. Zieht man die gefährlichen Standards inklusive der direkten Freistöße ab, ist er für mich kein Kandidat für den “Spieler des Jahres”. Zieht man sie ab, ist Werder (zumindest auf Grundlage der letzten Saison) aber auch ein sehr eindeutiger Abstiegskandidat. Damit ist über Junuzovics Wichtigkeit eigentlich schon genügend gesagt. Seinen Stammplatz wird er ohne Frage sicher haben, solange er fit bleibt und sich kein anderer Spieler mit ähnlich guten Freistößen und Ecken hervortut.

Die Kritik an Junos angeblich rein aufs Läuferische beschränkte Spielweise kann ich weiterhin nicht nachvollziehen. Technisch zählt er ganz sicher zu den Besseren bei Werder und auch sein Passspiel ist brauchbar – in einem auf Konter ausgerichteten System sogar weit mehr als das. Was ihm leider ebenso fehlt wie Clemens Fritz ist das strategische Geschick. Eine Kluge Positionierung und das durchdachte Einleiten von Angriffszügen über mehrere Stationen sind nicht seine Sache. Gegen den Ball ist er zwar bissig, jedoch häufig auch zu spät dran, wenn es darum geht, sich ins Defensivspiel einzuschalten.

Die Liste der möglichen Alternativen ist lang, doch sie zeigt auch, wie schwierig die Wahl für das Trainergespann ist, wenn es darum geht, einen der Stammspieler zu ersetzen. Cedric Makiadi spielte letzte Saison für die Startelf kaum eine Rolle und es würde mich wundern, wenn er es in der neuen Saison täte. Eigentlich ist er aufgrund seines Gehalts ein klarer Verkaufskandidat, doch auch hier spricht wohl die mangelnde Nachfrage dagegen. Als Einwechseloption ist Makiadi jedoch weiterhin brauchbar und dank seiner Erfahrung auch nicht unwichtig. Julian von Haacke ist (siehe oben) aktuell noch nicht bereit für regelmäßige Einsätze in der Bundesliga und sollte genügend Zeit zur Stabilisierung erhalten. Izet Hajrovic und Levin Öztunali kamen zwar bereits auf den Halbpositionen zum Einsatz, sind jedoch mit den defensiven Aufgaben überfordert und gehören eigentlich weiter nach vorne. Mit Fin Bartels und dem aufstrebenden Florian Grillitsch stehen zwei weitere Spieler parat, die eigentlich weiter vorne anzutreffen sind, ihre Sache in der Raute aber auch gut machen. Hinzu kommen noch die jeweils nicht aufgestellten Kandidaten für die Sechserposition (Kroos, Fröde).

Man kann durchaus den Eindruck bekommen, dass die Halbposition auch ein Auffangbecken für alle Spieler ist, für die sich in Werders System keine rechte Position findet oder die auf ihrer besten Position nur Ersatz sind. Dafür sind die Anforderungen der Positionen – wie oben gezeigt – aber eigentlich zu komplex. Die Zeiten, in denen Werder hier die Wahl zwischen Allroundern wie Fabian Ernst, Tim Borowski, Torsten Frings, Krisztian Lisztes oder Daniel Jensen hatte, sind schon lange vorbei. Für sich genommen sind sowohl Junuzovic als auch mit Abstrichen Fritz gut geeignet für die Halbpositionen. Beide zusammen, noch dazu in Kombination mit einem Sechsertyp wie Bargfrede, sind jedoch auch eine klare Absage an Ballbesitzfußball und eine Verbesserung des Passspiels im Mittelfeld.

Offensives Mittelfeld – Spielwiese für den Nachwuchs

Anders als die Sechserposition ist die Zehnerposition und ihre Besetzung immer Thema in den Werder-nahen Medien. Kaum ein Artikel, in dem nicht Özil, Diego, Micoud und sogar Herzog bemüht werden, um den selbst gesteckten Anspruch an den “Spielmacher” zu betonen. Das Problem: Der einzige wirkliche offensive Spielmacher in Werders Kader heißt Levent Aycicek und ist im Kalenderjahr 2015 bislang das Sorgenkind. Nachdem er in der Rückrunde nicht überzeugen konnte und nur selten eingesetzt wurde, war die Vorbereitung auf die neue Saison ein weiterer Rückschritt. Über die Gründe dafür lässt sich viel spekulieren und diskutieren, aber Tatsache ist, dass Aycicek trotz seines überragenden Talents in der Bundesliga bislang noch nicht überzeugt hat und derzeit in der U23 nach seiner Form sucht.

Wie schon Robin Dutt experimentierte auch sein Nachfolger mit unterschiedlichen Spielertypen auf der Zehnerposition. Die beste Figur machte dabei in der letzten Saison Fin Bartels, der mit seiner Beweglichkeit und seinem guten Gespür für Kontersituationen eine für Werder völlig neue Komponente auf der Position einbrachte. Eher enttäuschend waren Levin Öztunalis Auftritte als Zehner. Bei ihm kann man gut sehen, dass der Übergang zum Profifußball noch nicht komplett vollzogen ist. Er verlässt sich noch zu sehr auf seine individuelle Klasse am Ball und sucht zu selten das Zusammenspiel, was gerade auf dieser Position schwierig ist. In dieser Hinsicht haben Überflieger im Nachwuchsbereich vielleicht auch einen Nachteil, denn bis zur letzten Stufe vor dem Profifußball kommen sie problemlos damit durch. Öztunali sehe ich derzeit eher als Option für einen zweiten Stürmer oder eine Außenposition (wenn das System umgestellt wird). Er wird aber sicherlich auch Chancen auf der Zehn bekommen.

Der Sieger der Vorbereitung heißt im offensiven MiIttelfeld ganz klar Maximilian Eggestein. Auch er ist kein wirklicher Spielmachertyp, aber aus anderen Gründen. Sein Passspiel ist auf hohem Niveau und es macht großen Spaß ihm dabei zuzuschauen. Körperlich hat er noch ein paar Defizite und Schnelligkeit gehört nicht unbedingt zu seinen Stärken, aber dafür ist er ein Spieler, der die Stürmer gut einsetzen kann, eine gute Übersicht hat und in Verbund mit seiner Technik dadurch sehr vertikal spielen kann. Als großer Stratege ist er mir dagegen bislang nicht aufgefallen und an seiner Präsenz muss er arbeiten. Gut gefallen mir jetzt schon seine Bewegungen ohne Ball.

Ein weiterer Kandidat hat sich im Testspiel gegen West Ham herauskristallisiert, wo das Spiel oft an Eggestein vorbei lief und dafür Florian Grillitsch auf der rechten Halbposition mit Spielmacherqualitäten auf sich aufmerksam machen konnte. Ob es ausreicht, um Eggestein dort zu verdrängen, ist schwer zu sagen. Testen kann man ihn dort aber allemal. Bei Özkan Yildirim, der sein einziges Spiel in der letzten Saison ebenfalls auf der Zehn bestritt, bin ich sehr vorsichtig geworden und rechne auch in dieser Saison nicht mit ihm, sondern wünsche ihm vor allem, dass sein Körper irgendwann einmal mitspielt und er überhaupt wieder “richtig” Fußballspielen kann.

Sowohl bei Eggestein als auch weiterhin bei Aycicek habe ich die Phantasie, dass sie in dieser Saison den Durchbruch in der Bundesliga schaffen können. Bartels ist der einzige erfahrene Kandidat und in Werders Kontersystem einer, der die Rolle auf der Zehn zuverlässig ausfüllen kann. Insgesamt kann ich die Sehnsucht nach einem neuen Micoud oder Diego zwar nachvollziehen, doch es war nicht zuletzt die Suche nach einem solchen Spieler, die dazu geführt hat, dass Werder in der Vergangenheit einige taktische Entwicklungen verschlief und mit Spielern wie Ekici oder Wesley auf die Nase gefallen ist. Insgesamt ist Werder hier ordentlich besetzt, mit viel Potenzial für die nächsten Jahre.

Angriff – Alles auf Ujah

Selke verkauft, Di Santo verkauft, Petersen verkauft, Lorenzen mit körperlichen Problemen. Vom Angriff der letzten Saison sind nur noch die “Mehr-oder-weniger-Stürmer” Fin Bartels und Izet Hajrovic übrig. Da Viktor Skripnik jedoch derzeit ein System mit zwei “echten” Spitzen bevorzugt, musste Werder hier im Sommer ordentlich klotzen.

Mit Anthony Ujah wurde ein torgefährlicher Spieler verpflichtet, der sehr gut zu Werders Konterfokus passt. Spielerisch ist Ujah sicherlich kein Überflieger, aber seine Technik genügt, um in den meisten Disziplinen eines Stürmers gut abzuschneiden. Ujah kann Bälle behaupten, auf einigermaßen engem Raum kombinieren, flache wie hohe Zuspiele verarbeiten. Dazu positioniert er sich in Tornähe clever und verfügt über einen guten Torabschluss. In der Vorbereitung wirkte er bereits sehr gut integriert und man braucht wenig Phantasie, um zu dem Schluss zu kommen, dass er auch in der Bundesliga ein Gewinn für Werder sein wird. Schade, dass es nicht zu einem Zusammenspiel mit Di Santo kommen wird, denn die beiden sahen im Gespann wirklich vielversprechend aus.

Kurz vor dem Pflichtspielstart wurde mit Aron Johannsson ein weiterer Stürmer verpflichtet. Da ich die niederländische Liga nicht wirklich verfolge, fällt mir eine Einschätzung schwer. Johannssons Leistungsdaten lesen sich gut, werden sich so aber nicht auf die Bundesliga übertragen lassen. Zumindest scheint er ein umtriebiger und kombinationssicherer Stürmer zu sein, was sicherlich nicht schaden kann. Die kolportierten viereinhalb Millionen Euro Ablöse hätte ich lieber in ins defensive Mittelfeld investiert, aber vielleicht belehrt mich Johannsson hier ja eines besseren.

Die Notwendigkeit einer weiteren Neuverpflichtung im Angriff lag auch darin begründet, dass die zweite Reihe hier derzeit im Vergleich zu anderen Positionen recht weit weg ist. Melvyn Lorenzen traue ich durchaus zu, diese Saison eine Entwicklung wie Selke letztes Jahr hinzulegen. Dagegen sprechen jedoch seine andauernden Verletzungsprobleme, die eine schnelle Rückkehr in den Bundesligakader fraglich erscheinen lassen. Sehr erfreulich ist es daher, dass Ousman Manneh so eine erstaunliche Entwicklung hingelegt und auch die Chance bei den Profis erhalten hat. Das Testspiel gegen West Ham hat hier zwar gezeigt, dass der Weg nach oben für ihn nicht linear verläuft, aber auch hier ist Selkes Werdegang ein gutes Beispiel dafür, dass man sich mit harter Arbeit oben festbeißen kann. Die Erwartungshaltung sollte jedoch nicht in diese Richtung gehen. Sollte Manneh in dieser Saison überwiegend in der U23 zum Einsatz kommen, wäre das ganz sicher kein Rückschritt für den Jungen, der vor etwas mehr als einem Jahr noch in der Wilden Liga gekickt hat.

Ob Johannes Eggestein, Maximilians jüngerer Bruder, in dieser Saison schon ein Thema für die Profis wird, bleibt offen. Dem letzte Saison noch in der U17 angesiedelten Angreifer werden große Taten zugetraut und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis er auch für Skripnik eine ernsthafte Option darstellt. In dieser Saison gehört er zum Stamm der U19, doch es bleibt abzuwarten, ob er dort ausreichend gefordert wird. In der letzten Saison erzielte er in seinem ersten Einsatz in der U19-Bundesliga direkt fünf Tore, von seiner beachtlichen Quote in der U17 ganz zu schweigen. Es würde mich nicht wundern, wenn er in dieser Saison zumindest sporadisch schon im Bundesligakader auftaucht und bei entsprechender Personallage sein Debüt feiert. Sollte dies vor Ende April geschehen, würde er damit übrigens Thomas Schaaf als jüngsten Bremer Bundesligaspieler ablösen.

Auch wenn ich Skripniks Überlegungen in puncto Pressing und Vertikalität nachvollziehen kann, gefällt mir eine Variante mit einer eher hängenden Spitze vor der Raute weiterhin gut, gerade wenn sie gegen den Ball als 4-3-2-1 interpretiert wird,  Der geeignetste Kandidat für diese Position ist Fin Bartels, der mich in der Vorbereitung aber nicht unbedingt überzeugt hat und dem ein wenig die Spritzigkeit zu fehlen scheint. Von Izet Hajrovic erwarte ich nicht mehr viel, obwohl er für eine solche Position natürlich auch in Frage käme. Seine Ansätze wecken in mir wenig Phantasie, dass er sein Spiel so umstellen könnte, um eine wirklich passende Position in Werders System zu finden. Warum man einen eher eindimensionalen Außenstürmer im Kader behalten sollte, erschließt sich mir nicht, daher rechne ich noch mit einem Abgang, sofern Werder ein vernünftiges Angebot bekommt. Weitere Kandidaten für eine hängende Stürmerposition wären Levin Öztunali, Florian Grillitsch und eventuell auch Özkan Yildirim.

Mit Ujah gibt es zunächst eine klare Nummer eins in der Stürmerhierarchie. Je nachdem wie sich Johannsson schlägt, wird es immer wieder Chancen für die Nachwuchsleute geben und auch die Offensivleute, die keine Vollblutstürmer sind, werden dort zum Einsatz kommen. Da im Angriff die Transferausgaben mit Abstand am höchsten waren, ist die Erwartungshaltung entsprechend. Die Fußstapfen von Di Santo und Selke sind nicht die kleinsten, auch wenn sie kein perfekt harmonierendes Duo waren.

Das 4-1-4-1 als Alternative?

Da Skripnik auf die Raute als Grundsystem fixiert ist, kann ich mir eine große Taktikdiskussion sparen. In der Sommerpause wurde allerdings das 4-1-4-1 als Alternativsystem getestet. Ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich, das wir dieses System häufig zu sehen bekommen, aber interessant ist es schon, weil es eine Variante ist, die Spielern wie Hajrovic oder Öztunali zu Gute kommen könnte.

Wie unterschiedlich das 4-1-4-1 interpretiert werden kann, zeigt ein Vergleich des Werdersystems von 2012/13 und dem System, das beispielsweise Portugal bei der Europameisterschaf 2012 spielte. Auf dem Papier ändert sich im Vergleich zur Raute nur die Formation im Angriff, wo nur eine Spitze, kein Zehner, dafür aber zwei Außenstürmer ins Spiel kommen. Im Mittelfeld bleibt es bei einer “1-2-Stellung” mit einem Sechser und zwei Achtern. Die Dynamik ändert sich jedoch auch im Mittelfeld grundlegend. Mindestens einer der Achter muss sich ins Offensivpressing einschalten, will man dem Gegner nicht komplett das Spiel überlassen. Je nachdem wie hoch sich die Flügelstürmer positionieren, wird das System gegen den Ball zu einem 4-3-3, 4-5-1 oder 4-1-3-1-1.

Genug zur Theorie, im Wesentlichen kommen zwei neue Positionen auf den Außenbahnen hinzu, für die Werder nicht allzu viele, aber doch ein paar Kandidaten hat. Hajrovic ist wohl der Spieler, der am offensichtlichsten von diesem System profitieren würde. Als Rechtsaußen kann er seine Stärken am besten einbringen. Die Einsätze im flachen 4-4-2 zeigten allerdings auch, dass er relativ weit vorne eingesetzt werden muss und sich auf Höhe der Mittellinie auch auf dem rechten Flügel häufig verzettelt. Levin Öztunali könnte mit seiner Dribbelstärke auf beiden Seiten eingesetzt werden. Auch Fin Bartels ist die Position nicht fremd, obwohl ich ihn zentral deutlich lieber sehe. Lorenzen bietet sich aufgrund seiner Schnelligkeit ebenfalls an, wenngleich auch er kein prototypischer Flügelspieler ist. Für Spieler wie Aycicek, Grillitsch oder Junuzovic wäre die Position hingegen nicht gut geeignet.

An dieser Stelle zeigt sich auch schon, warum das 4-1-4-1 nur bedingt für den aktuellen Kader geeignet ist. Selbst wenn man den langzeitverletzten Yildirim mit berücksichtigt, hätte man nur 3-4 Spieler für zwei Positionen und müsste zugleich mindestens einen Stammspieler opfern. Von den veränderten Anforderungen an die Achter ganz zu schweigen. Ich denke, wir werden das System eher mal in seiner defensiveren Ausprägung in der Schlussphase einer Partie sehen, in der eine Führung verteidigt werden muss (dann eventuell mit gelernten Außenverteidigern im Mittelfeld). Bei Rückstand kurz vor Schluss kommt eher ein echtes 4-3-3 oder sogar 4-2-4 in Frage.

Trainerbank – Wie gut ist Skripnik wirklich?

Die Frage nach Skripniks wahrer Qualität begleitet nun bereits einen Großteil seiner Zeit als Cheftrainer der Profis. Es gibt große Unterschiede bei der Wahrnehmung seiner bisherigen Amtszeit. Unter Werderfans hat er schnell einen Kultstatus erreicht, der weit über die sportlichen Erfolge hinausgeht. Man könnte den Eindruck bekommen, dass er bereits heute als Trainer für die nächsten zehn Jahre feststeht. Von außerhalb wird Skripnik dagegen teilweise auf die Erfolgsserie im letzten Winter reduziert, die durch die fußballerisch eher dünnen Leistungen in der Schlussphase der Saison konterkariert wird. Beides tut dem Trainer Viktor Skripnik unrecht.

Betrachtet man die Hypothek, mit der er im Herbst bei Werder an den Start gegangen ist, gehörte weitaus mehr als eine kleine Serie dazu, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Diskussionen zu der damaligen Zeit, als die Behauptung en vogue war, Werders Kader reiche kaum für die 2. Bundesliga. Nur vier Mannschaften holten in der restlichen Saison mehr Punkte als Werder unter VIktor Skripnik, selbst Dortmund mit seinem starken Saisonendspurt kam nur auf die gleiche Punktzahl. Dennoch wurde Skripniks Leistung nicht von allen gewürdigt, die in Werder vor neun Monaten einen sicheren Absteiger sahen.

Die Ansicht, dass sich Werder unter Skripnik schon auf Europa League Niveau befindet, ist jedoch ebenso falsch. Die Besonderheiten der letzten Saison erschweren eine Einordnung. Zieht man die großen Ausschläge nach unten (Saisonstart) und oben (Serie im Winter) ab, war Werder zumeist eine recht durchschnittliche Bundesligamannschaft. Das ist im Angesicht der sportlichen Talfahrt ab 2010 und der Kaderentwicklung ein Erfolg, den sich Skripnik und sein Trainerteam zuschreiben können.

In taktischer Hinsicht hat Skripnik seit seiner Amtsübernahme hinzugelernt und sich als pragmatischer Trainer erwiesen, der zwar klare Vorstellungen von dem Fußball hat, den er von seinem Team gerne sehen möchte, aber diese nicht über die Gegebenheiten des Kaders stellt. Von daher könnte es sogar ein Vorteil für ihn gewesen sein, dass er mitten in der Saison anfangen musste und wenig Einfluss auf die Kaderzusammensetzung hatte. Vielleicht wäre er ansonsten mit mehr Idealismus und im schlimmsten Fall Naivität an die Sache herangegangen (selbstverständlich reine Spekulation). Aus dem Nachwuchs war er es gewohnt, dass seine Teams zu den spielerisch besten der jeweiligen Ligen zählten und daher viel dominanter auftreten konnten. Sein Satz vor Beginn der Siegesserie im Winter hängt mir jedenfalls noch immer im Ohr: “Wir haben als Trainerteam nicht so viel Erfahrung gehabt in der Bundesliga, aber jetzt wissen wir, wo es langgeht.”

Für Skripnik und sein Trainerteam wird die zweite Saison ein echter Härtetest. Die Erwartungshaltung ist hoch, das Vertrauen groß, die Mittel überschaubar. Gerade für das junge Bremer Team ist Skripnik meiner Meinung nach der ideale Trainer. Das Bundesligageschäft ist allerdings gnadenlos und auch Skripnik muss weiterhin dazulernen, um dort langfristig bestehen zu können. Solange sein Team nicht in eine richtig tiefe und anhaltende Krise schlittert, hat er jedoch einen der sichersten Trainerstühle der Liga inne.

Fazit

Das Fazit meiner Saisonvorschau lautet vor allem: Ich freue mich wie schon lange nicht mehr auf diese Saison. Werders Kader ist eine Wundertüte, mit der vieles möglich, aber wenig sicher ist. In puncto Bundesligaerfahrung spielt man am unteren Ende mit, hat mit einigem guten Willen 15-16 gestandene Profis in den eigenen Reihen. Trotz der beschriebenen Defizite, die ich im Kader noch sehe, beeindruckt mich die Konsequenz mit der die Verantwortlichen nun auf die Jugend setzen. Es sei dahingestellt, inwieweit sie wirtschaftlich dazu gezwungen sind, doch die Zeiten in denen es zwanzigjährige Debütanten nur in Ausnahmefällen gab, sind erstmal vorbei. Gleich elf Spieler aus dem Profikader sind nicht älter als 21 Jahre. Auf sechs Positionen ist einer der beiden wahrscheinlichsten Kandidaten ein Nachwuchsspieler.

Das größte Problem könnte eine zu hohe Erwartungshaltung im Umfeld sein. Von Talenten wie Zander, von Haacke, Aycicek, den Eggestein-Brüdern, Ulisses Garcia und Manneh darf man sich ohne Zweifel viel versprechen. Für jeden dieser Spieler wäre es jedoch schon ein Erfolg, sich in Werders erster Elf festzusetzen und sich in der Bundesliga zu etablieren. Daher ist für mich absolut nicht gesagt, dass Werder mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird, auch wenn das Thema Klassenerhalt nicht groß thematisiert wird derzeit. Die Schere in der Bundesliga sorgt dafür, dass zwischen Platz 7 und Platz 16 nur Details den Unterschied machen. Um das internationale Geschäft anpeilen zu können, muss Werder wie so viele andere auch, auf einen Ausrutscher von Dortmund, Schalke, Leverkusen, Gladbach oder Wolfsburg hoffen und zugleich Best-of-the-Rest werden. Dass so etwas keine Utopie ist, zeigen die Beispiele Augsburg, Mainz und Freiburg aus den letzten Jahren.

Die drei frühzeitig feststehenden Neuzugänge haben in der Vorbereitung soweit überzeugt, dass sie zum Saisonbeginn einen Stammplatz innehaben. Sollte es Werder noch gelingen, nach Eljero Elia auch den aussortierten Ludovic Obraniak (eventuell auch noch Izet Hajrovic) zu verkaufen und im Gegenzug einen akzeptablen Sechser zu verpflichten, wäre ich mit der Transferperiode unter den gegebenen Voraussetzungen sehr zufrieden.

Betrachtet man Werders Kaderstruktur, wird deutlich, warum die Verantwortlichen so hartnäckig um den Verbleib von Clemens Fritz gekämpft und auch einen rein sportlich sinnvollen Verkauf von Cedric Makiadi nicht forciert haben. Bundesligaerfahrung ist ein knappes Gut geworden in Bremen. Dafür ist die Identifikation mit der Mannschaft nun umso größer, angeführt von einem sehr beliebten Trainerteam, ein paar langjährigen Spielern und vielen jungen Talenten aus dem eigenen Nachwuchs (wobei an dieser Stelle unerheblich ist, ob die Spieler mit 6 oder mit 18 nach Bremen gekommen sind). Wie lange dies im Falle eines sportlichen Absturzes wie zu Beginn der letzten Saison der Fall wäre, werden wir hoffentlich nicht herausfinden.

Und jetzt, nach 5.789 Wörtern, darf es dann auch endlich losgehen.

Letzter Test mit wenig Aussagekraft

West Ham United – Werder Bremen 1:2 (1:2)

Werder bleibt in der Vorbereitung ungeschlagen und geht mit einer Serie von zehn Siegen und einem Unentschieden in die neue Saison. Gegen West Ham wurde das ersatzgeschwächte Team von Viktor Skripnik gut gefordert, auch wenn das Spiel insgesamt auf spielerisch und läuferisch überschauberem Niveau war.

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West Ham dominiert die Anfangsphase

Skripnik formierte sein Team so wie erwartet und stellte die Spieler auf, die – bis auf die eventuellen Rückkehrer Junuzovic und Bargfrede – auch beim Pokalspiel in Würzburg auf dem Platz stehen dürften. Bartels stürmte neben Ujah, unterstützt von einem etwas improvisierten Mittelfeld, in dem Kroos den Sechser gab, Fritz auf die linke Halbposition wechselte und Grillitsch die Rolle von Junuzovic einnehmen sollte. Maximilian Eggestein spielte hinter den Spitzen.

Der Europa League Teilnehmer aus London, der sich bereits mitten in der Saison befindet, lief in einem 4-2-3-1 und mit einer durchaus ernsthaften Startelf auf. Sturmspitze Sakho und sein Hintermann Zarate stellten Werders Defensive in der Anfangsphase vor einige Probleme, doch es war vor allem Außenstürmer Payet, den die Bremer nicht in den Griff bekamen.

Werder stand zunächst tief und agierte abwartend. Bis ca. 35 Meter vor dem Tor konnte West Ham recht problemlos den Raum im Zentrum kontrollieren und das Spiel von dort auf die Flügel leiten. Werder versuchte schnell zu doppeln und dabei kompakt zu verschieben, damit die Raute nicht zu sehr in die Breite gezogen wird. Das gab West Ham wiederum die Gelegenheit zu gefährlichen Seitenverlagerungen, wovon es zwar insgesamt wenige gab, eine jedoch zum Führungstreffer von Sakho reichte. Fritz und Garcia versuchten Payet auch hier zu doppeln, doch letztlich hatte der Franzose genug Zeit, eine präzise Flanke zwischen die Innenverteidiger zu schlagen. Die Führung war folgerichtig, da die Gastgeber in den ersten 20 Minuten die klar bessere Mannschaft waren.

Ujah dreht das Spiel, Neuzugänge überzeugen

Der Ausgleich fiel dennoch direkt im Anschluss, weil der schwache Adrian einen mittig platzierten Fernschuss von Ujah durchrutschen ließ. In der Folge fand sich Werder etwas besser zurecht, wurde defensiv stabiler und im Mittelfeld präsenter. Die insgesamt doch recht instabile und bindungslose Mittelfeldraute wusste zumindest phasenweise zu gefallen. Nun wurde auch deutlich, dass West Ham abgesehen von den individuell starken Payet, Zarate und Sakho eine spielerisch sehr durchschnittliche Mannschaft ist. Mit dem Bremer Pressing kamen sie überhaupt nicht zurecht und begannen zu bolzen, sobald Ujah, Bartels und Eggestein früh drauf schoben. Hohes Angriffspressing gab es dennoch nur wenig zu sehen, wie insgesamt das Spiel nicht das höchste Tempo hatte.

Auch spielerisch war die Partie nichts für Feinschmecker, es waren eher Einzelaktionen von Grillitsch, Ujah, Fritz und dem auffälligen Ulisses Garcia, die überzeugten. Letzterer war es auch, der mit einem Dribbling und einem guten Pass auf Ujah das 2:1 einleitete. Offensiv konnte er einige Akzente setzen und wirkt sehr komplett in seinem Spiel. Defensiv ist er zumindest in den Zweikämpfen deutlich stärker als Konkurrent Sternberg, den er abgehängt zu haben scheint. Ujah wiederum setzte sich im eins gegen eins sehenswert durch und schloss präzise ab. Auch er scheint ein richtiger Gewinn für Werder zu werden und passt sehr gut zum Bremer Stil. Auch der dritte Neuzugang lieferte eine überzeugende Partie ab. Felix Wiedwald hatte wenige richtig brenzlige Situationen im Tor zu überstehen, spielte aber gut mit, war sehr aufmerksam und antizipierte gut.

Grillitsch und Zander nutzen ihre Chance

Von den Nachwuchsleuten überzeugte mich Grillitsch mehr als Eggestein, der entweder einen schlechten Tag hatte oder noch nicht ganz bereit für höhere Aufgaben ist. Körperlich hat er auf dem Niveau noch Defizite und ist auch sonst wohl eher Durchlauferhitzer als Spielgestalter. Seine starke Technik blitzte jedoch immer wieder auf und besser eingebunden könnte er im Bremer Konterspiel ein wichtiger Faktor werden. Luca Zander wusste nach seiner Einwechslung ebenfalls zu Gefallen. Er macht für sein Alter erstaunlich wenige Fehler, spielt auf den ersten Blick unspektakulär, aber immer durchdacht und technisch sauber, womit er bei Werder schon heraussticht. Im Zusammenspiel mit Gebre Selassie könnte er im Pokal durchaus ein Kandidat für die Startelf sein, wo Fritz verletzt gesperrt fehlen wird.

In der zweiten Halbzeit verflachte das Spiel weiter, West Ham wechselte munter durch, bei Werder kamen neben Zander noch Fröde und Manneh ins Spiel. Fröde machte seine Sache im defensiven Mittelfeld ganz gut, fiel im Vergleich zu Kroos nicht sonderlich ab. Manneh war seine Aufregung anzumerken. Viel gelang ihm nicht, auch wenn ihm ein Elfmeter verwehrt wurde. Ihn auf diesem Niveau zu testen ist absolut richtig, gerade weil eine Planstelle im Angriff noch offen ist und andere Offensivspieler wie Aycicek, Hajrovic, Lorenzen und Öztunali nicht überzeugen bzw. verletzt sind.

Die Ergebnisse der Vorbereitung gilt es wie immer mit viel Vorsicht zu genießen. Werder zeigte phasenweise tolle Offensivkombinationen wie gegen Sevilla und Salzburg, hielt die Gegentore in Grenzen und geht mit einer mehr oder weniger klaren ersten Elf in die Saison. Auf der anderen Seite werden die Defizite im Aufbau, im Positionsspiel, in der Ballrotation immer wieder deutlich. Gegen West Ham gab es eine Situation, in der Kroos als hinterster Mittelfeldspieler 25 Meter vor dem gegnerischen Tor mit vollem Risiko in einen Zweikampf geht und den Ball verliert. Solange man etwas Platz hat, der Gegner nicht 100% Tempo geht oder allgemein unterklassig ist, macht das nicht viel aus. Im Pokal gegen die aggressiven Würzburger wird es aber eine andere Nummer. Hier wird Werder mehr Eigeninitiative in der Spielgestaltung zeigen müssen und kann sich weniger auf Pressing und Umschaltspiel verlassen.

Die Professionalisierung des Fußballfans

Zu den unangenehmsten Begleiterscheinungen des Fanseins gehört der Wechsel eines wichtigen eigenen Spielers zu einem Konkurrenzverein. Während man sämtliche sportliche Berg- und Talfahrten mit seinem Selbstbild als treuer und durch Dick und Dünn gehender Fans vereinbaren kann, bringt ein Spielerwechsel selbiges zumindest kurzzeitig zum wanken. Gestern noch hat man dem Spieler zugejubelt, sich über positive Aussagen zum gemeinsamen Verein gefreut. Morgen kickt der Spieler in einem anderen Trikot, küsst ein anderes Wappen und lässt sich von einer anderen Fankurve feiern.

Dilemma zwischen Emotion und Zynismus

Und heute? Hat der Fan die Wahl, sich entweder als naiver Emotionsmensch zu outen und dem Spieler verbal nachzutreten oder aber zum Zyniker zu werden, der schon von vornherein immer vom schlimmsten im Fußballer aus- und erst gar keine emotionale Bindung zu den eigenen Spielern eingeht. Anders ist es kaum möglich, das Gefühlschaos des Vereinsfans zu ordnen und verarbeiten. Natürlich bleibt auch noch die Option, als kühler Realist die Unabdingbarkeit der Vorgänge festzustellen: So ist es halt, das Profigeschäft. Was hättest du denn gemacht? Jeder hätte das Geld genommen. Komm runter von deinem hohen Ross der moralischen Überlegenheit. Für den Spieler ist der Verein nur ein Arbeitgeber.

Es bleibt der schwache, in diesen Momenten aber Mantra-artig beschworene Trost, dass der Verein größer sei, als ein Spieler es jemals sein könnte. Schwach ist er deshalb, weil das Fandasein immer mehr auf einen kaum greifbaren, fast schon metaphysischen Kern reduziert wird. Die Spieler können noch so wenig Bezug zum Verein haben, die sportliche Leitung noch so inkompetent, die Ergebnisse noch so mies, die Sponsoren noch so moralisch bedenklich sein: Über allem steht ein (über die Jahre mehr oder weniger unverändertes) Wappen, das alle Fans vereinen soll, auch wenn niemand weiß, was genau das eigentlich bedeutet.

Professionalisierung als logischer Schritt

Eigentlich erfordern die Vorgänge im modernen Fußball schon lange einen anderen Umgang seitens der Fans. Während sich die Spieler, die Vereine, die Verbände, ja selbst die Balljungen professionalisiert haben, singen die Fans weiterhin ihre alten Lieder und reagieren auf jeden Spielerwechsel so, wie sie es vor zwanzig Jahren auch schon gemacht haben bzw. hätten. Mit Buhrufen, Boykotts und Busblockaden zieht man heutzutage nur noch Spott und Kopfschütteln auf sich. Es muss eine grundlegende Änderung her, eine Professionalisierung der Fußballfans. Das Paradigma der ewigen Treue und bedingungslosen Vereinsliebe ist überholt. Trainer Baade wusste das schon vor vielen Jahren.

Man sollte sich in der heutigen Fußballwelt auch als Fan alle Optionen offen halten. Zumindest während der Transferperiode müssen auch Fans ohne Restriktionen ihren Verein wechseln dürfen. Um die Gefühle anderer Fans nicht zu verletzen, ist dabei generell auf eine neutralere Wortwahl zu achten. Formulierungen wie „lebenslang Grün-Weiß“ oder „echte Liebe“ sind kontraproduktiv und sollten nicht mehr verwendet werden. Ein simples „ich fühle mich in der Ost-/Süd-/West-/Nordkurve sehr wohl“ oder „Verein XY wird immer mein erster Ansprechpartner sein“ genügt völlig. Hier ergeben sich auch für das Merchandising ganz neue Möglichkeiten (von außen und innen mit unterschiedlichen Vereinsfarben bedruckte Trikots sind hier nur eine von vielen guten Ideen), zumal durch wechselwillige Fans auch ein steigender Bedarf an Basisartikeln wie Trikots, Schals und Fahnen entstehen dürfte.

Welche Vereinsfarben kommen zum Vorschein, wenn sich der Rauch gelegt hat?

Den Regeln des Marktes unterwerfen

Um die Professionalisierung voranzutreiben, empfiehlt sich der Einsatz von persönlichen Beratern ebenso wie eine Medienschulung, um unangenehmen Nachfragen zu Vereinswechseln mit möglichst wohlklingenden und inhaltsleeren Floskeln den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Berater könnten außerdem dabei behilflich sein, möglichst gute Konditionen beim neuen Verein des Herzens auszuhandeln. Vereine betonen immer wieder, wie wichtig die Fans doch für den Erfolg sind – nun können sie es beweisen. Ein Begrüßungspaket bestehend aus Fanartikeln, Dauerkarten und Autogrammkarten oder – warum nicht? – ein kleines Handgeld. Es darf keine Denkverbote mehr geben!

Ohnehin ist es an den abgebenden Vereinen, durch ein ausgeklügeltes Bestandskundenmanagement und –marketing dafür zu sorgen, wechselwillige Fans bei der Stange zu halten. Niemand hindert einen Verein daran, ein besseres Angebot für einen verdienten Fan abzugeben und ihn so zu einem Verbleib zu bewegen. Ob langfristige Fanverträge hier ebenfalls ein Weg sein können, muss der Praxistest zeigen. Durch den in der Folge entstehenden Transfermarkt für Fußballfans sollte dies aber eigentlich kein Problem sein. Über die Höhe der Ablösesummen entscheiden wie üblich Angebot und Nachfrage.

Positive Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft

Die genannten Änderungen werden dank der ungebrochen großen Beliebtheit des Fußballs nicht nur ökonomische sondern auch gesundheitliche, soziale und sogar ökologische Vorteile für unsere Gesellschaft mit sich bringen. Kein Fan sollte sich bis zum Magengeschwür ärgern oder bis zum Herzinfarkt aufregen müssen, nur um nicht gegen einen längst überholten Fan-Kodex zu verstoßen. Die Zeiten, in denen das Wort „Erfolgsfan“ als Schimpfwort verwendet wurde, sind dann endgültig vorbei. Streit mit den eigenen Freunden oder der Familie ob der jeweiligen Vereinspräferenz kann ebenso vermieden werden, wenn man sich zur neuen Saison einfach einen gemeinsamen neuen Verein suchen kann. Umweltbewusste Menschen berücksichtigen bei ihrer Vereinswahl die Fahrstrecken zu den Heim- und Auswärtsspielen. Ein für die Entscheidung maßgeblicher Durchschnittswert ist einfach zu ermitteln.

Obwohl es eigentlich selbstverständlich ist, sei noch eine Kleinigkeit angemerkt, bevor die Professionalisierung der Fußballfans beginnen kann: Von emotionsgeladenen Abschiedsbriefen an einen ehemaligen Verein ist abzusehen. Solch kindisches Verhalten wird von den Adressaten schnell durchschaut und sollte eher den Amateuren überlassen werden.

Werder nach Europa – ja, nein, vielleicht?

“Unsere Ambition: Wir wollen zurück nach Europa!”

– Werder Bremen, Unternehmenspräsentation

Nach der turbulenten Hinrunde rechnete bei Werder wohl niemand mehr damit, dass man im Laufe der Saison noch einmal in die Verlegenheit kommen würde, sich mit der Qualifikation für den internationalen Wettbewerb auseinandersetzen zu müssen. Ob Spieler, Trainer oder Manager – allen Beteiligten ist anzumerken, wie schwer es ihnen fällt, die neue Situation anzunehmen und zu bewerten.

Man sollte meinen, dass die unerwartete Chance auf einen Erfolg, der für diese Saison noch nicht vorgesehen war, neue Kräfte freisetzt. Wenn man sich die Aussagen der letzten Wochen anhört, scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Nach dem kräftezehrenden Abstiegskampf werden plötzlich neue Ansprüche an das Team gestellt. War die Entwicklung vom chancenlosen Absteiger zum Team der Stunde im Winter noch eine Befreiung, ist die gestiegene Erwartungshaltung an die Mannschaft mehr Bürde als Belohnung.

“Ich kann das Europa-Geschwafel nicht mehr hören!”

– Thomas Eichin, wütend

Klar ist, dass Werder die Rückkehr ins internationale Geschäft in den nächsten Jahren angepeilt hat. Nach vier schwierigen Jahren, die von Abstiegskampf und Umbrüchen im Kader geprägt waren, liegt es jedoch nahe, dem Braten noch nicht so recht zu trauen. Ein Jahr der Stabilisierung, der Mannschaftsentwicklung hatte man sich gewünscht; mit möglichst wenig Abstiegskampf, einem Platz im gesicherten Mittelfeld und der Tendenz nach oben. Bekommen hat man zunächst ein miserables erstes Saisonviertel, einen Trainerwechsel und einen Machtkampf zwischen Fischer und Lemke. In diesem Jahr gab es dann das Kontrastprogramm: Eine Siegesserie, viel gute Stimmung und den Anschluss an die internationalen Plätze.

Es ist verständlich, dass diese Entwicklung den Verein auf Trab hält und man sich schwer tut, die richtigen Aussagen dazu zu treffen. Soll man sich zurückhalten und auf die Situation vor ein paar Monaten verweisen? Oder soll man sich aus dem Fenster lehnen und Ansprüche formulieren, die einem zum Saisonende auf die Füße fallen können? Zu häufig wurde schließlich in den letzten vier Jahren von einzelnen Akteuren der Anspruch formuliert, schon bald wieder in der Europa League mitzuspielen – hauptsächlich von Spielern (und einem Manager), die inzwischen nicht mehr bei Werder aktiv sind.

“Wir müssen uns damit beschäftigen. Alles andere wäre eine Verarschung den Fans gegenüber.”

– Viktor Skripnik über die Europa League

Das erklärt vielleicht, warum auf jeden Vorstoß eines Akteurs sofort ein der anderer auf die Bremse tritt. Skripnik bremst Eichin, Eichin bremst die Mannschaft, Junuzovic bremst Gálvez. So ist es vermutlich nicht gemeint, aber so kommt es durch das Timing der Aussagen herüber. Deutlich wird jedoch, dass keine Einigkeit herrscht, ob die Europa League nun das neue Saisonziel ist oder nicht. Offensiv formuliert wird es nicht, ein konsequentes Verneinen dieser Frage sieht indes anders aus.

Die Ambivalenz ist durchaus verständlich, auch ungeachtet des Saisonverlaufs. Es fällt schließlich nach wie vor schwer, den Wert einer EL-Qualifikation für den Verein einzuschätzen. Einerseits wären die finanziellen Möglichkeiten und das steigende Renommee durch die Teilnahme gut für den Verein. Andererseits wäre Werder nicht der erste Verein, dem die Mehrfachbelastung in der Liga zum Verhängnis werden könnte. Ein Club, der in den letzten vier Jahren durchschnittlich 35,5 Pflichtspiele zu bestreiten hatte und die Kaderkosten in dieser Zeit deutlich reduzieren musste, müsste schon einen kleinen bis mittleren Richtungswechsel im Sommer durchführen, um sich auf das Abenteuer Europa League vorzubereiten.

“Wir kamen aus der Hölle. Im Herbst waren wir doch schon abgestiegen. Wann haben wir denn die Situation gehabt, dass wir mal frei aufspielen konnten? Erst haben wir gegen den Abstieg gekämpft, dann ging es plötzlich um die Europa League. 26 Punkte in der Rückrunde sind doch super. Wir müssen lernen, das auch mal zu genießen.”

– Zlatko Junuzovic, Freistoßgott

Und dennoch erstaunt es, dass auch die Spieler nicht die ganz große Euphorie ausstrahlen, wenn es um die Chance auf europäischen Fußball geht. Man sollte doch meinen, dass es für einen Fußballer weitaus einfacher wäre, den “Druck”, das Ziel Europa League zu erreichen, in positive Energie umzuwandeln, als den Druck des ständigen Abstiegskampfs. Zlatko Junuzovics Aussagen zeigen jedoch sehr deutlich, dass dem nicht so ist. Der ständige Kampf um den Klassenerhalt führte anscheinend dazu, dass jeglicher Anspruch an die Mannschaft von dieser inzwischen als Belastung wahrgenommen wird.

Widerspricht die Aussicht auf Platz 6 oder 7 wirklich dem Bedürfnis, “frei aufspielen” zu können (im Profigeschäft ohnehin ein frommer Wunsch)? Im Gegensatz zu Schalke oder Dortmund und selbst dem Überraschungsteam aus Augsburg hat Werder in diesem, mitunter an ein Schneckenrennen erinnernden, Endspurt wenig zu verlieren. Niemand wird den Spielern den Kopf abreißen, wenn am Ende ein gesicherter Mittelfeldplatz herauskommt. Sollte Werder hingegen in der kommenden Saison erneut um die Europa League Plätze mitspielen, wird die Erwartungshaltung vermutlich schon eine andere sein.

Werders Spieler und sportliche Leiter täten also gut daran, sich Junuzovics letzten Satz zu Herzen zu nehmen und zu lernen, wie man eine unerwartete Chance genießt. Man kann die aktuelle Situation, in der man ohne großen Druck ums internationale Geschäft mitspielen kann, nämlich auch als großen Glücksfall betrachten. Das gab es schließlich zuletzt in den Anfangsjahren der Ära Thomas Schaaf und die ist bekanntlich schon ein paar Jahre her.

17 Spiele Skripnik – eine Zwischenbilanz

Der späte Ausgleichstreffer der Kölner war ernüchternd, denn ansonsten wäre der 26. ein perfekter Spieltag gewesen. Von Platz 5 bis 8 hat kein Team gewonnen, sodass man sich im Kampf um die Europa League Plätze einen Vorteil hätte erarbeiten können. Dass man überhaupt wieder vom internationalen Wettbewerb sprechen kann, verdankt Werder vor allem einem Mann: Viktor Skripnik.

Platz 4 in der “Skripnik-Tabelle”

Seitdem Skripnik und sein Trainerteam das Kommando übernommen haben, läuft es bei Werder richtig gut. Für diese Erkenntnis genügt bereits ein Blick auf die ominöse “Skripnik-Tabelle”, also der Tabelle ab dem 10. Spieltag. Am Anfang noch eine Spielerei, gibt sie nun Aufschluss über die Erfolge aus Skripniks erster kompletter Halbserie. Nachdem gegen jeden Gegner einmal gespielt wurde, scheiden Faktoren wie “günstiger Spielplan” oder “glückliche Serie” aus. Jeder hat einmal gegen jeden gespielt und Werder hat aus diesen Spielen mehr Punkte geholt, als 14 andere Bundesligisten. Werder hatte – rein punktemäßig – unter Skripnik Champions League Niveau.

Das sollte man, bei allen Diskussionen um aktuelle Themen, nicht vergessen: Ein Trainerteam ohne jede Bundesligaerfahrung holte mit einem Kader, der landauf, landab für nicht bundesligatauglich erklärt wurde, 30 Punkte aus 17 Spielen. 10 mehr als Hoffenheim, 8 mehr als Frankfurt, 4 mehr als Augsburg, 2 mehr als Schalke, 1 mehr als Leverkusen und genauso viele wie Bayern-Bezwinger Gladbach.

Skripniks Trainerlaufbahn – der Bremer Weg?

Wie hat Skripnik diesen Aufschwung geschafft? Diese Frage stellt sich vermutlich die halbe Bundesliga. Die Liste der möglichen Erklärungen ist lang, doch vielerorts begnügt man sich mit der Begründung, dass Skripnik nun mal ein echter Werderaner ist und bemüht die Parallelen zu Thomas Schaaf: Beim Karriereende bereits den Einstieg in den Trainerberuf hinter sich gehabt, viel Erfahrung und Erfolge mit den Jugendteams gesammelt und schließlich in großer Not das Ruder bei den Profis übernommen. Doch es ist keineswegs so, dass dieser Weg bei Werder Tradition hätte, auch wenn man es inzwischen gerne so hinstellt. Vielmehr war Schaafs Werdegang bis vor kurzem ein absoluter Einzelfall. Andere Ex-Spieler, die sich als Trainer im Nachwuchs versuchten, wie etwa Mirko Votava oder Thomas Wolter, hatten weitaus weniger Erfolg und genießen nicht unbedingt die beste Reputation in der Branche.

Skripnik hingegen ragte mit seiner U17 schnell aus der Nachwuchsabteilung heraus, welche in dem Ruf stand, eher die körperlichen Frühentwickler als die fußballerisch vielversprechendsten Talente zu fördern. Skripniks Nachwuchsmannschaften zeichneten sich hingegen durch eine gepflegte Spielkultur und technisch anspruchsvollen Angriffsfußball aus. In der letzten Saison gelang es ihm, seine Spielidee auch mit der U23 in der Regionalliga erfolgreich umzusetzen. Unter Wolters Führung war diese ebenfalls nicht gerade für ansprechenden Fußball oder gar als Talentschmiede für die Profis bekannt. Verständlich also, dass Skripnik und sein Trainerteam als einzige echte Alternativen aus den eigenen Reihen galten, als sich die Trennung von Robin Dutt andeutete. Die Parallelen zu Thomas Schaaf sind ein schöner Nebenaspekt. Ich hoffe trotzdem inständig, dass Skripniks Fähigkeiten als Trainer für die Entscheidung der Vereinsführung maßgeblich waren und nicht sein “Stallgeruch”.

Ganz davon ab ist es natürlich Unsinn, dass man nur als Bremer Urgestein Erfolge auf Werders Trainerbank feiern kann. Wer daran zweifelt, sollte sich Otto Rehhagels Werdegang vielleicht noch mal etwas genauer anschauen.

Skripnik, der Talente-Förderer

Immer wieder betont wird, wie gut Skripnik die Nachwuchsspieler kenne, die für den Aufschwung mitverantwortlich seien. Mit einigen seiner Schützlinge arbeitet Skripnik tatsächlich schon seit vielen Jahren zusammen. Von diesen hat bislang allerdings nur Levent Aycicek sichtbare Spuren in der Bundesliga hinterlassen. Mit Luca Zander und Julian von Haacke sind zwei weitere große Talente durch langwierige Verletzungen vorübergehend gestoppt worden. Marnon Busch spielt seit Skripniks Amtsantritt hingegen wieder in der U 23. Die anderen Spieler, die in dieser Saison ihren Durchbruch im Profiteam schafften (namentlich Davie Selke, Melvyn Lorenzen und Jannek Sternberg), haben hingegen in der Jugend nicht bei Werder gespielt und befinden sich erst seit der letzten Saison in Skripniks Obhut. Selke und Lorenzen wurden zudem bereits unter Dutt an die Profis herangeführt.

Mit dieser Auflistung möchte ich nicht Skripniks Verdienste um Werders Jugendarbeit in Frage stellen. Die Behauptung, Skripnik verfolge eine völlig andere Personalpolitik als sein Vorgänger, ist allerdings sehr fragwürdig. Skripnik geht dabei zweifellos mutiger vor, hat andere personelle Vorlieben (bspw. die Personalien Busch und Aycicek) und auch etwas Glück (Selkes Entwicklung nach Di Santos Verletzung). Der Kern des Teams ist jedoch unter Skripnik der gleich geblieben wie schon unter Dutt. Junuzovics Standards und Di Santos individuelle Klasse sind weiterhin Werders wichtigste Erfolgsfaktoren. Ein Jugendwahn ist bei Werder hingegen nicht ausgebrochen. Mit Selke und Sternberg kommt auch Skripnik “nur” auf 1 1/2 Stammplätze für den eigenen Nachwuchs (der wiederum genau genommen gar nicht der eigene Nachwuchs ist).

Während man Dutt gegen Ende seiner Amtszeit einiges vorwerfen konnte, gehören die Verletzungen von Selassie und Bargfrede nun wirklich nicht dazu. Dennoch werden die Kommentatoren auf Sky nicht müde zu betonen, dass beide unter Dutt kaum noch eine Roll gespielt hätten. Zu dieser Unterstellung gehört schon eine gehörige Portion Frechheit oder Unwissen. Unbestritten ist hingegen, dass Werder als Kollektiv seit Skripniks Amtsantritt ungleich besser funktioniert und viele Spieler auch individuell zugelegt haben. Skripniks initiale Umstellungen tun dem Team bis heute gut. Fritz ist im Mittelfeld noch einmal aufgeblüht (mehr dazu unten) und Gálvez zeigt in der Innenverteidigung starke Leistungen (aber hätte Dutt ihn überhaupt im Mittelfeld aufgestellt, wenn Bargfrede sich nicht verletzt hätte?).

Wie gut ist Werder wirklich?

Werder hat unter Skripnik deutliche spielerische Fortschritte gemacht. Unterhält man sich allerdings mit Kennern der Bremer Nachwuchsabteilungen, wird schnell deutlich, dass Werder derzeit keineswegs so spielt, wie man es von Skripniks U23 oder U17 gewohnt war. Das Ideal, das Skripnik mit seinen Mannschaften anstrebte, war ein dominantes und technisch anspruchsvolles Kurzpassspiel gepaart mit einer offensiven Grundausrichtung und flexiblem Positionsspiel (manche sagen, er habe Schaafs System fit für das aktuelle Jahrzehnt gemacht). Davon ist Werders Profimannschaft eindeutig noch weit entfernt. Zwar ist eine klare spielerische Verbesserung seit letztem Oktober zu erkennen, doch letztlich agiert Werder noch immer sehr vertikal, setzt auf schnelles Umschaltspiel und hat nur selten mehr Ballbesitz als der Gegner. Es ist zweifellos clever, dass Skripnik seinem Team keine komplett neue Marschroute verordnet hat, sondern die unter Dutt gebildeten Strukturen (ja, die gibt es tatsächlich) aufgegriffen und verfeinert hat. Fraglich ist jedoch, wie er sich die weitere Entwicklung seines Teams vorstellt.

Einerseits sprechen die Erfolge dieser Saison durchaus dafür, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Es würde mich trotzdem überraschen, wenn sich Skripnik damit begnügen würde. Bei aller Freude über die 30 Punkte wird er nämlich nicht übersehen haben, dass sein Team noch in vielen Bereichen Nachholbedarf hat. Denn auch, wenn die Mannschaft inzwischen gefestigt wirkt und nur noch selten größere Ausschläge nach unten in der Leistungskurve aufweist, ist Werder in vielen Belangen noch keine Top-Mannschaft. Einen Hinweis darauf, dass die 30 Punkte ein Stück weit über den eigentlichen Fähigkeiten liegen, erhält man beim Blick aufs Torverhältnis: 31:31 Tore stehen dort zu Buche, trotz einem Sieg-Niederlagen-Verhältnis von 9:5. Die Siege werden derzeit eher knapp eingefahren. Den einzigen hohen Sieg feierte man beim 4:0 gegen Paderborn, sechsmal gewann man mit nur einem Tor Vorsprung, während man bei den Niederlagen immer mindestens mit zwei Toren Rückstand verlor. Damit will ich nicht anzweifeln, dass Werder die 30 Punkte verdient hat, aber es wird deutlich, dass sich eine leichte Formschwankung nach unten stärker auswirken würde, als eine leichte Formschwankung nach oben. Mit anderen Worten: Die Punkteausbeute ist besser, als man es bei der Torverteilung erwarten würde.

Das hohe Niveau, das die Punktzahl suggeriert, kann Werder noch nicht konstant auf den Platz bringen. Dies zeigt sich zumeist schon im Laufe einzelner Spiele, in denen Werder selten 90 Minuten auf hohem Niveau durchhält. Auffällig ist, wie häufig Werder einen guten Start hinlegt, insbesondere im Offensivspiel, dann jedoch auf eine ausgeprägte Defensivtaktik umstellen muss, um knappe Führungen über die Zeit zu schaukeln. Manchmal geht dies gut, manchmal nicht. In den meisten Fällen geht es aber sehr zu Lasten der offensiven Schlagfähigkeit. Teilweise verzichtet Werder in der Schlussphase fast vollständig auf das eigene Angriffsspiel und konzentriert sich komplett auf die Verteidigung des eigenen Tores. Dafür gibt es gute Gründe: Die Anzahl der Gegentore hat sich unter Skripnik zwar verringert (von 2,55 auf 1,82 pro Spiel), doch noch immer gehört Werder zu den Teams, die die meisten Treffer kassieren. Auch seit Skripniks Amtsübernahme mussten mit Paderborn und Frankfurt nur zwei Mannschaften mehr Gegentore hinnehmen.

Durchlaufstation auf dem Weg zum “Skripnik-Ball”?

Das alles ist zum aktuellen Zeitpunkt weder schlimm, noch wäre es anders zu erwarten gewesen. Für die neue Saison wird man sich dennoch einige Änderungen vorgenommen haben, auf taktischer wie personeller Ebene. Ob dies tatsächlich in Richtung eines dominanten Ballbesitzfußballs geht, ist allerdings fraglich. Denkbar wäre auch ein weiterhin reaktiver Ansatz mit verbesserten Defensivabläufen. Die bisherige Personalpolitik lässt durchaus beide Vermutungen zu. Dennoch wird jede Personalentscheidung für die Zukunft unter dem Aspekt der Tauglichkeit des Spielers für Skripniks Fußball bewertet. Dies führt häufig zu einer Schwarz-Weiß-Betrachtung, die die weiteren Zusammenhänge im Mannschaftsgefüge außer Acht lässt (Aycicek-Verlängerung und Profivertrag für Maxi Eggestein gut, Junuzovic-Verlängerung und Verhandlungen mit Fritz und Prödl schlecht). Auch mir fällt es schwer, mich davon bei der Bewertung frei zu machen.

Einer sich abzeichnenden Verlängerung mit Clemens Fritz stehe ich beispielsweise trotz des Formanstiegs seit der Rückversetzung ins Mittelfeld kritisch gegenüber. Eine Besetzung der Halbpositionen der Raute mit Fritz und Junuzovic ist aus meiner Sicht nicht geeignet, um dominanten Ballbesitzfußball zu spielen – sie steht einer spielerischen Entwicklung im Mittelfeld sogar entgegen. Doch wenn Skripnik selbst sich so sehr für den Verbleib des Kapitäns einsetzt, wird er seine Gründe dafür haben. Möglicherweise liegen diese nicht im spielerischen Bereich, sondern nur in seinen Führungsqualitäten und der Eigenschaft als Integrationsfigur. Angesichts eines sich ebenfalls abzeichnenden Abgangs Sebastian Prödls wäre diese Überlegung allemal verständlich (wenngleich sie mir persönlich nicht ausreicht).

Neue, alte Rahmenbedingungen

Ein Stück weit wird man sich von der Überlegung lösen müssen, dass Werder im kommenden Herbst schon auf einem Niveau angelangt sein wird, auf dem man mit einem Mittelfeld aus von Haacke, Eggestein, Öztunali und Aycicek die Gegner schwindelig kombinieren kann. An eine (langsamere) spielerische Weiterentwicklung in der kommenden Saison glaube ich aber durchaus. Durch den Selke-Wechsel hat sich die sportliche Leitung die gröbsten finanziellen Nöte vorerst vom Leib geschafft und den Handlungsspielraum für den Sommer vergrößert. Es ist auch ein Signal, dass in Bremen wieder Werte geschaffen und nicht nur vernichtet werden. Man wird aber auch damit leben müssen, dass dies Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen weckt und man vermutlich jedes Jahr Leistungsträger ersetzen muss. Dies sind die Rahmenbedingungen, unter denen Werder schon in der Vergangenheit nach oben und schließlich auch wieder nach unten geklettert ist.

Für Skripnik wird der Umgang damit die größte Herausforderung als Trainer bei Werder Bremen. Thomas Schaaf ist letztlich daran gescheitert, immer neue und unpassendere Spieler das Korsett seines Systems pressen zu wollen und müssen. Damit es Skripnik nicht ähnlich ergeht, wird er sich immer wieder anpassen und flexibel bleiben müssen. Bislang gibt es jedoch keinerlei Grund zum Zweifel daran, dass er für diese Aufgaben genau der richtige Trainer ist.

Survival of the Fittest

Anders als häufig angenommen, bedeutet der aus der Evolutionstheorie stammende Satz in der Überschrift keinesfalls, dass sich in der natürlichen Selektion der Stärkere durchsetzt. Wäre dies der Fall, würden heute noch Dinosaurier die Erde bevölkern, während der Mensch wohl nie bis zu einer Evolutionsstufe vorgedrungen wäre, ab der er in der Lage war, sich gegen seine natürlichen Feinde mit Waffen zu behaupten. Nein, laut der Evolutionslehre überlebt derjenige, der sich am besten auf seine Umwelt einstellt, sich anpasst.

Im Fußball ist es, von einem einzigen, aus grauen Urzeiten übrig gebliebenen Dino abgesehen, ganz ähnlich. Wäre es anders, würde sich im Pokal nie der Underdog durchsetzen – ein Umstand, der die vielbesungene eigene Gesetzesmäßigkeit des Wettbewerbs aus- und letzteren angeblich so attraktiv macht.

Bremer Anpassungsschwierigkeiten

Pokal-Fight auf dem Bielefelder Acker

Ein Umstand, auf den Werder Bremen sich in Bielefeld nicht einstellen konnte, war die Qualität des Rasens, der schon vor Anpfiff eher einem Acker glich und dessen Zustand sich im Laufe des Spiels noch verschlechterte. Bereits vor dem Spiel war viel über den Platz in der Schüco-Arena gesprochen worden, der bereits seit längerer Zeit erhebliche Mängel aufweist. Folglich waren die Gastgeber besser mit dem Geläuf vertraut und wussten, wie sie darauf zu spielen haben. Werder wusste es hingegen nicht, fand es auch im Laufe des Spiels nicht heraus und schied somit sang- und klanglos und zweifelsohne verdient aus dem Pokal aus.

Nach einer unerwarteten Siegesserie und angesichts einer deutlich verbesserten Spielkultur, fällt es schwer, den Trainer zu kritisieren. Viktor Skripnik und sein Team haben seit ihrem Amtsantritt enorm viel richtig gemacht. Die Einstellung des Teams auf die Pokalpartie am Mittwoch gehört hingegen nicht dazu. Das Coaching während des Spiels ebenso wenig. Werder begann das Spiel zwar durchaus ansprechend, wusste mit den abwartenden Bielefeldern aber nicht viel anzufangen. Man setzte auf eine tiefe Ballzirkulation, die Sicherheit bringen sollte und zu viel Ballbesitz führte – ein Umstand, der in Werders Bundesligaspielen nur selten vorkommt. In der Anfangsphase konnte Werder mit gutem und hohem Pressing noch einige Torchancen herausspielen, doch mit der Zeit kam es immer seltener dazu. Bielefeld verzichtete schon bald auf kontrolliertes Aufbauspiel und verlegte sich seinerseits darauf, gegen Werders weit aufgerückte Abwehr zu kontern.

Kopfschmerzen in der Defensive

Ab Mitte der ersten Halbzeit wurden die daraus resultierenden Angriffe immer gefährlicher. Werder geriet defensiv ins Schwimmen und verlor zu viele Bälle im Aufbauspiel. Vorläufiger Höhepunkt war ein abstruser Fehlpass von Prödl, nachdem ihn ein riskantes Anspiel von Casteels unter Druck gesetzt hatte. Den Bielefelder Angriff nach dem Ballverlust verteidigte Werder dann wie in seligen Zeiten unter Thomas Schaaf: Bevor die Situation abgehakt war, blieben Vestergaard und Garcia stehen, hoben den Arm und kamen dann bei der Hereingabe zu spät. Nach der Führung konnte sich Bielefeld noch mehr auf einen Stil der Risikovermeidung mit vielen langen Bällen verlegen. Werder hingegen versuchte es weiterhin mit Kurzpassspiel im Aufbau, initiiert von Kroos, der häufig zwischen die Innenverteidiger kippte. Personell war Werder mit Bartels auf der 10 sowie Fritz und Junuzovic auf den Halbpositionen jedoch nicht unbedingt auf Ballbesitzfußball ausgerichtet. Der schlechter werdende Platz tat sein Übriges, um Werders Offensivspiel nun lahmzulegen.

Defensiv war erneut zu beobachten, dass Prödl und Vestergaard ein unpassendes Paar in der Innenverteidigung abgeben. Das hat auch, aber nicht nur spielerische Gründe. Prödls Selbstverständnis als Abwehrchef macht es schwierig, ihn in die neue Hierarchie in der Bremer Abwehrkette zu integrieren. Vestergaard versuchte in der Anfangsphase häufiger, die Viererkette zu dirigieren. Im Laufe des Spiels nahm dies meiner Einschätzung nach ab. Wie schon gegen Wolfsburg wurde man das Gefühl nicht los, dass die Abstimmung und somit auch die gegenseitige Absicherung bei den Beiden nicht stimmten. Garcia brachte sich mit einer vermeidbaren, frühen gelben Karte dazu selbst in Bedrängnis und zwang Skripnik zu einer ungeplanten Auswechslung. Insgesamt wird die linke Seite wieder mehr zur Problemzone (die schwache Absicherung durch Junuzovic ist hier auch im Vergleich zu Fritz auf der rechten Seite auffällig). Da nun auch die Innenverteidigung schwächelt, ist Werder defensiv wieder das wackelige Gebilde, das man aus den letzten Jahren noch gewohnt ist. Man fragt sich auch, was es über die Trainingsleistungen von Luca Caldirola aussagt, dass er trotzdem keine Einsätze bekommt.

Ein Hoch auf hohe Bälle?

In der Nachbetrachtung des Spiels fällt die Analyse leicht, doch auch während der Partie stellte sich die Frage, warum Werder sich den Gegebenheiten nicht besser anpassen konnte. Spätestens in der zweiten Hälfte hätte man das Kurzpassspiel aufgeben müssen. Mit Selke und Di Santo hatte man Anspielstationen für hohe Bälle. Bartels und Junuzovic hätten sich auf die Sicherung bzw. Eroberung der zweiten Bälle konzentrieren können. Stattdessen spielte Werder nur 17% lange Bälle (Bielefelds Quote lag bei 33%) und gefühlt kamen die meisten davon von Prödl, der auch bei besseren Platzverhältnissen kaum anders spielt. Nicht ganz zufällig fiel Werders einziges Tor jedoch nach einem von Di Santo festgemachten hohen Ball des Österreichers.

Nun bin ich generell kein Freund des Hoch-und-Weit-Fußballs, den Werder unter Skripniks Vorgänger lange Zeit gespielt hat. In diesem Spiel wäre ein einfacher Stil jedoch angebracht gewesen, um die mit dem schlechten Rasen verbundenen Risiken zu minimieren. Einfaches Spiel heißt bei Werder dieser Tage Konterspiel, und das ließ Bielefeld gerade nach der Führung nicht mehr zu. Erst in der Schlussphase des Spiels spielte Werder vermehrt lange Bälle, ohne jedoch die Rückräume adäquat zu besetzen. Auch abgesehen davon stellte sich Werder taktisch nicht gerade schlau an. Fritz und Junuzovic liefen zwar viel, aber oft auch kopflos. Kroos wurde im Zentrum zu häufig allein gelassen und verfügt bekanntlich nicht über die Zweikampfstärke und die weiträumige Präsenz Bargfredes. Dem Bielefelder Konterspiel kam dies sehr entgegen.

In Freiburg gegen die Serie

Auch im vierten Jahr in Folge ist Werder somit gegen ein unterklassiges Team aus dem Pokal ausgeschieden, wenn auch diesmal erst in der dritten Runde (der letzte Sieg gegen einen Bundesligisten im Pokal war vor über fünf Jahren gegen Hoffenheim). Durfte man nach der Niederlage gegen Wolfsburg noch hoffen, dass das Selbstvertrauen der Mannschaft keinen Knacks bekäme, muss man nach dem Pokalaus in Bielefeld ganz sicher befürchten, dass dieser Spuren hinterlässt. In Freiburg steht für Werder nun plötzlich eine ganze Menge auf dem Spiel. Zwar ist das Punktepolster nach unten groß genug, um nicht so schnell wieder in den Abstiegskampf zu rutschen, doch mental pendelt man derzeit irgendwo zwischen „Mannschaft der Stunde“ und „Pokalversager“. Da nach dem Freiburg-Spiel die Bayern zu Besuch kommen, könnte das Pendel schnell in die falsche Richtung schwingen und Werder im blödesten Fall zu einer seit fünf Spielen sieglosen Mannschaft werden.

Freiburg ist in dieser Rückrunde spielerisch so schwach, wie wohl noch nie unter Streichs Regie. Personell ist Werder in dieser Partie eindeutig im Vorteil (zumal Bargfrede wieder fit ist) und die Ausgangslage kommt Werder wieder weitaus besser entgegen als im Pokal. Freiburg braucht die Punkte rein tabellarisch dringender und versucht sich immer noch an einem sehr gepflegten, wenn auch nicht unbedingt auf Ballbesitz ausgelegten Stil. Werder kann reaktiver spielen als gegen Bielefeld, sich mehr auf Pressing und Umschaltspiel verlassen. Bekommt man die Abstimmungsprobleme zwischen den Innenverteidigern und die eigenen Nerven in den Griff, sollte durchaus ein Sieg drin sein. In jedem Fall ist die Zeit des Träumens in Bremen vorerst vorbei. Nach der unerwarteten Hochphase gilt es nun wieder, die Pflichtaufgaben zu erfüllen. Freiburg ist eine davon.

21. Spieltag: Der Guardiola der Ukraine

Werder Bremen – FC Augsburg 3:2 (3:1)

Vor nicht allzu langer Zeit wäre Werder selbst zuhause als Außenseiter in das Spiel gegen den FC Augsburg gegangen. Nach der jüngsten Erfolgsserie durfte sich Werder aber auch gegen das Überraschungsteam (kann man es überhaupt noch so nennen?) der Saison gute Chancen ausrechnen.

Pressing und Umschaltspiel auf hohem Niveau

 

Augsburg spielte zwar auf dem Papier ein 4-1-4-1, das durch Hojbergs tiefe und Altintops hohe Positionierung im Aufbau jedoch eher zum 4-2-3-1 wurde. Werder presste im inzwischen bekannten 4-3-3, wobei sich die beiden Stürmer auf Augsburgs Innenverteidiger und Bartels auf den einrückenden Sechser konzentrierten. Anders als etwa gegen Hertha und Hoffenheim wurde der gegnerische Torwart nicht angelaufen. Manninger wurden lediglich alle Anspielstationen genommen. Die zweite Dreierreihe postierte sich erst ein gutes Stück dahinter auf Höhe der Mittellinie, sodass es zwar einen recht großen Raum hinter zwischen den beiden Linien gab, in den der Torwart jedoch selten per Flachpass kam, sondern lange Bälle schlagen musste, die im Seitenaus oder auf Vestergaards Kopf landeten. So zogen sich die Augsburger Innenverteidiger nach einer Viertelstunde im Aufbau extrem weit zurück und standen nur noch fünf Meter vor der Torauslinie, um Anspielstationen für den sichtlich überforderten Manninger zu schaffen, was nur selten gelang.

Viktor Skripnik wird nicht zuletzt dafür gelobt, dass Werder unter seiner Führung spielerisch enorme Fortschritte gemacht hat. Doch auch im Umschaltspiel hat sein Team in den letzten Monaten eine gute Entwicklung genommen. Nach der Balleroberung geht es häufig mit geradlinigem Passspiel direkt nach vorne. Die vorderen drei Spieler harmonieren dabei enorm gut, unabhängig von der Zusammensetzung. Bartels ist im Aufspüren von Räumen zwischen den Linien herausragend. Mit Selke und Di Santo hatte Werder zudem auch häufig Abnehmer für lange Vertikalpässe in die Schnittstellen der Viererkette. Leider wurden die Konter diesmal nicht so konsequent zu Ende gespielt, wie in den Spielen zuvor, sodass Werder zu weniger klaren Torchancen kam, als im Spielverlauf möglich gewesen wären.

Schwache Augsburger, gute Standards

Der Erfolg kam somit wieder einmal über die eigenen Standardsituationen. Zwei Kopfballtore nach Freistößen von Junuzovic sowie ein Elfmetertor von Di Santo reichten letztlich für den Sieg. Eine Schwächephase der Augsburger nach dem Seitenwechsel nutzte Werder leider nicht zur vorzeitigen Entscheidung, sodass es am Ende sogar noch einmal eng wurde. Aufgrund der Chancenverteilung war dies unnötig. Augsburg brachte offensiv wenig zustande, kam in der ersten Halbzeit aus dem Spiel heraus nur zu einem Fernschuss durch Bobadilla. Werder war spielerisch und auch taktisch überlegen, überzeugte auch jenseits der ersten Pressinglinie in der Arbeit gegen den Ball. Eröffnete Augsburg über die Außen, schob der Spieler auf der ballnahen Halbposition sofort auf den Flügel und das Team rückte konsequent nach. Versuchte es Augsburg durchs Zentrum auf die zurückfallenden Ji oder Altintop, rückten Werders Innenverteidger aggressiv heraus. Dies war zwar etwas riskant, wurde aber selten gefährlich, da Augsburg den Ball nicht in den Raum dahinter bekam – nicht zuletzt, weil Vestergaard und Lukimya mit ihrem Herausrücken häufig den Ball gewannen.

Werder Bremens Pressing im 4-3-3 gegen den FC Augsburg

Kam der Ball tatsächlich einmal in die markierte Zone, spielten Werders Stürmer gutes Rückwärtspressing

So gut Werder taktisch auf den Gegner eingestellt war, so schwach präsentierte sich Augsburg im Weserstadion. Daniel Baier mühte sich in der Zentrale darum, das Spiel seines Teams zu ordnen, doch letztlich war Augsburg auf allen Offensivpositionen unterlegen. Selassie hatte Werner gut im Griff und Garcia war gegen das Kraftpaket Bobadilla die passende Wahl hinten links. Auch sonst erwiesen sich Skripniks Personalentscheidungen als richtig. Gálvez-Vertreter Lukimya machte ein weitgehend fehlerfreies Spiel, brachte seine Stärken gut ein und traf zum 1:0. Felix Kroos lieferte als Sechser ebenfalls eine starke Partie ab, vielleicht sogar seine beste der Saison.

Momentaufnahme mit Potential

Mit dem Sieg gegen Augsburg ist das Thema Klassenerhalt endgültig abgeschlossen. Die Europa League ist nicht mehr nur ein Hirngespinst irgendwelcher Überoptimisten, sondern ein durchaus realistisches – wenn auch nicht das wahrscheinlichste – Szenario. Skripnik und seinem Team gelingt es immer besser, Werders Spieler auf den Gegner einzustellen, Schwachpunkte und Schwächephasen auszunutzen und eigene Spielfreude mit taktischer Disziplin zu verbinden. Die aktuelle Serie von fünf Siegen in Folge muss man zwar realistisch einschätzen (vier Heimspiele, teils formschwache Gegner), doch ist sie kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis akribischer und durchdachter Arbeit.

“Wir haben als Trainerteam nicht so viel Erfahrung gehabt in der Bundesliga, aber jetzt wissen wir, wo es langgeht.”

- Viktor Skripnik, nach der Niederlage in Gladbach, vor fünf Siegen in Folge

In den nächsten Wochen warten nun noch härtere Brocken auf Werder. Auf Schalke hat man die Gelegenheit, ganz dicht an die internationalen Plätze heranzurücken. Die Schalker sind unter Di Matteo nicht unbedingt durch attraktiven oder spielerisch hochwertigen Fußball aufgefallen. In der Defensivorganisation hat die Mannschaft jedoch große Fortschritte gemacht und ist, bis auf die unglückliche Niederlage in Frankfurt, erfolgreich in die Rückrunde gestartet. Für Werder könnte es ungeachtet der phänomenalen Heimbilanz unter Skripnik ein Vorteil sein, gegen Schalke auswärts anzutreten. Zum einen muss Werder nicht das Spiel machen und kann das Risiko minimieren, in Schalker Gegenstöße zu laufen. Zum anderen liegt Schalke die Spielgestaltung nicht unbedingt. Je nach Ausgang des Champions League Spiels gegen Real Madrid könnten auch die nicht für ihre große Geduld bekannten Schalker Fans ein Faktor werden, wenn Werder lange das 0:0 hält oder in Führung geht.

20. Spieltag: Zweckpessimismus

Werder Bremen – Bayer Leverkusen 2:1 (2:1)

Eine Halbzeit toller Fußball, eine Halbzeit großer Kampf – am Ende steht ein recht glückliches 2:1 über Bayer Leverkusen, das den vierten Sieg in Folge für Werder bedeutet. Ist das Kapitel Abstiegskampf damit beendet?

Gefühlter Elfmeter: Zlatko Junuzovic beim Freistoß

Neue Gewohnheit: Starke erste Halbzeit

Zu den größten Unterschieden zwischen Werder unter Skripnik und Werder unter Dutt zählt für mich, dass Werder deutlich bessere erste Halbzeiten spielt. Dutt hatte eine seiner Stärken darin, das laufende Spiel zu analysieren und gute Anpassungen vorzunehmen. Dafür startete sein Team häufig schwach und war vor der Anpassung deutlich unterlegen. Bei Skripnik schien es bislang eher andersrum zu sein. Gegen Hamburg und Hannover wurde ihm von Teilen der Experten schwaches In-Game-Coaching vorgeworfen. Gegen Hertha und Hoffenheim wurden seine Anpassungen hingegen weitgehend gelobt. Der Grundstein für den Erfolg wurde aber stets in der ersten Halbzeit gelegt.

Im dritten Rückrundenspiel kam Werder zum dritten Mal besser ins Spiel als der Gegner. Zwar hatte Leverkusen schnell eine strategische Schwachstelle (den zweikampfschwachen Sternberg hinten links) ausgemacht, konnte diese aber trotz eines starken Rechtsfokus im Angriff zu wenig nutzen. Kroos, Junuzovic und Vestergaard unterstützten Sternberg immer wieder auf seiner Seite gegen Bellarabi und Hilbert. Kroos gab statt eines Halbraumspielers fast einen klassischen linken Mittelfeldspieler. Durch Junuzovics Einrücken wurde die Raute in tiefen Zonen häufig zu einer flachen Vier. Im Angriffsspiel setzte Werder – anders als im Heimspiel gegen Hertha – nicht auf ruhiges Aufbauspiel und Überladungen, was gegen Leverkusen auch nur schwerlich möglich bzw. sehr riskant gewesen wäre. Stattdessen suchte Werder den Erfolg mit direktem Spiel über das Offensivtrio Junuzovic, Bartels und Selke. Hinzu kam die inzwischen gewohnte Stärke nach Standards.

Leverkusen zieht an, Werder hält dagegen

Das Gegentor kurz vor der Pause war ärgerlich, weil Werder die Partie zu diesem Zeitpunkt im Griff zu haben schien. Letztlich war es dann doch ein verlorener Zweikampf zu viel auf der linken Abwehrseite. Ob dies der Hauptgrund für das veränderte Momentum nach dem Seitenwechsel war, ist schwer auszumachen. Die Einwechslung Sons balancierte Leverkusens Spiel jedenfalls etwas und Bellarabi konnte nun auf dem gesamten Platz mit seiner individuellen Klasse Lücken in Werders Defensive reißen. Etwas überraschend ließ Skripnik Sternberg auf dem Feld, musste dann aber ungewollt in der Viererkette umstellen, da Gálvez verletzt raus musste. Nach vorne gelang Werder in dieser Phase überhaupt nichts mehr. Die Passquote sank von 57% auf 44%, auch weil die Mittelfeldspieler kein übermäßiges Risiko eingingen und das Sturmduo wenig unterstützten. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Leverkusen aus der Überlegenheit den Ausgleich machen würde.

Wie schon gegen Hoffenheim schaffte es Werder jedoch, in den letzten 20 Minuten des Spiels die Luft aus den Angriffen des Gegners zu lassen. Hier spielt auch die Fitness eine Rolle, die bei Werder zu stimmen scheint. Sobald der Gegner körperlich etwas nachlässt, kann Werder die Gefahr in unmittelbarer Tornähe auf ein Minimum reduzieren. So konnte die Zahl der gegnerischen Abschlüsse insgesamt gering gehalten werden. Zwar hatte Werder nach Junuzovics Freistoßtor nur noch einen einzigen Torschuss, doch auch Leverkusen wurde nach Kießlings Pfostentreffer kaum noch richtig gefährlich. Mit seinen Wechseln (Öztunali für Selke, Garcia für Junuzovic) lag Skripnik ebenfalls richtig. So kann man den Sieg zwar als glücklich, in der Gesamtbetrachtung der 90 Minuten aber nicht als unverdient bezeichnen.

Zwischen Europacup und Abstiegskampf

Innerhalb von vier Spieltagen hat Werder den Sprung von Platz 18 in die obere Tabellenhälfte geschafft. So schnell hätte ich dem Team diese Entwicklung nicht zugetraut und ich sehe sie immer noch mit einem letzten Rest Skepsis. Dies ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass das Thema Europapokal langsam auch ohne vorgehaltene Hand diskutiert wird. Einerseits ist es nur zu verständlich, die momentane Euphorie bis ins letzte auszukosten, schließlich gab es in den letzten Jahren nur wenig Grund dazu. Andererseits steckt die Abstiegsangst noch in den Knochen und Werders Spiel hat auch in der Rückrunde noch genügend Schwachpunkte offenbart, um einen weiteren Durchmarsch zumindest anzuzweifeln. Wenn von den nächsten fünf Spielen (gegen Augsburg, Schalke, Wolfsburg, Freiburg und Bayern) drei verloren gingen, wäre das keine große Überraschung und für die Entwicklung der Mannschaft – im Gegensatz zu etwaigen Ambitionen auf Platz 6 – auch nicht hinderlich.

Anders sieht es mit dem Thema Abstiegskampf aus. Mit 26 Punkten ist Werder natürlich noch nicht gerettet, doch scheinen einige Teams so große Probleme zu haben, dass Werder schon einen richtig herben Einbruch erleben müsste, um wirklich noch abzusteigen. (Dass man dies nach dem 20. Spieltag bereits schreiben kann, ist schon ein so großer Verdienst des neuen Trainerteams, dass mir der Europapokal erstmal völlig egal ist.) Paderborn und Freiburg haben erhebliche spielerische Probleme, Stuttgart tritt auf der Stelle und Hertha scheint mir ebenfalls zu schwach zu sein, um Werder zu gefährden – wobei man bei einem Trainerwechsel mit anschließendem Auswärtssieg in Mainz ja weiß, wohin das führen kann. Realistisch gesehen braucht Werder noch drei Siege und vielleicht ein bis zwei Unentschieden, um sicher die Klasse zu halten. Bei noch 14 ausstehenden Spielen sollte das machbar sein, solange im Team niemand abhebt und denkt, dass es nun ganz von selbst läuft. Es kann der entspannteste Werder-Frühling seit fünf Jahren werden.