Class of ’00

Kaum war der Klassenerhalt fix, wurden die ersten personellen Konsequenzen gezogen. Die Verträge von Claudio Pizarro und Philipp Bargfrede wurden um je ein Jahr verlängert und etwas überraschend, aber letztlich doch nicht ganz unerwartet wurde Thomas Eichin seines Amtes enthoben.

Der Reformer Eichin: Gescheitert oder vollendet?

Thomas Eichin war keine einfache Persönlichkeit und galt als schwer vermittelbar im beschaulichen Bremen. Sein Umgangston war schroff und bisweilen respektlos – das hörte man vielfach von Mitarbeitern aus allen Bereichen. Durch seine harte Linie bei Personalentscheidungen (insbesondere Nachwuchs und Scouting) machte er sich etliche Feinde im Verein.

Dennoch zeigen die vielen negativen Reaktionen auf seinen Rauswurf, dass man Eichin in Werders Umfeld sehr wohl verstand. Seine Transferbilanz ist nicht ohne Makel, doch er hat das schwere Erbe, das er nach einigen Jahren der Misswirtschaft und Transferpleiten antrat, gut bewältigt. Er hat den Konsolidierungskurs mitgetragen und trotzdem einen zuletzt wieder konkurrenzfähigen Kader zusammengestellt. Sein Pragmatismus war nicht immer leicht zu verdauen, doch im Großen und Ganzen hatte er ein gutes Gespür für die richtigen Entscheidungen.

Mich persönlich störte an Eichin vor allem das Fehlen einer klaren Linie bei der Kaderplanung. Es war zu viel Gelegenheitsshopping dabei und zu wenig Ausrichtung am eigenen Bedarf. Die Fehler des letzten Sommers wurden diesen Winter zwar ausgebügelt, doch der Schlingerkurs bei der Einbindung des Nachwuchses und das Übersehen der Kaderlücken im Mittelfeld, während nahezu das gesamte Transferbudget in den Angriff investiert wurde, bleiben hängen. Nicht zu vergessen war es (bei aller Kritik) Skripniks beste Personalentscheidung der Saison, die Werders Problem im Mittelfeldzentrum zumindest vorerst löste: Die Versetzung von Florian Grillitsch auf die 6er-Position.

Vermutlich hat man es bei Werder ähnlich gesehen und Eichin als eine Übergangslösung betrachtet. Als Aufsichtsratschef Bode von Eichin bei dessen Vertragsverhandlungen letztes Jahr düpiert worden war, hatte er noch zähneknirschend zu seinem Geschäftsführer gehalten. Nun, da die Konsolidierung nach Ansicht der Verantwortlichen abgeschlossen ist, braucht man den Mann fürs Grobe nicht mehr. Dass Eichin eine Veränderung auf der Trainerbank nicht erst zum Saisonende wollte, war bekannt. Die Lesart, dass sich der Aufsichtsrat nun für Skripnik entschieden hat und deshalb Eichin entlassen hat, ist deshalb naheliegend.

Die Werder-Familie schlägt zurück

Ich glaube jedoch nicht, dass die Personalie Skripnik der ausschlaggebende Punkt war. Es dürfte vielmehr um die Entscheidungshoheit im Verein gegangen sein. Als Geschäftsführer Sport sah Eichin die Beantwortung der Trainerfrage als sein Hoheitsgebiet an. Schon im Winter war jedoch bekannt geworden, dass Skripnik ohne die Zustimmung des Aufsichtsrats nicht entlassen werden darf und Bode seinen früheren Mitspieler stützte. Wenn die Charakterbeschreibungen Eichins auch nur ansatzweise stimmen, ist es schwer vorstellbar, dass er diesen Eingriff in seine Souveränität einfach hingenommen hat. Auf der anderen Seite fühlten sich die verbliebenen Mitglieder der “Werder-Familie” durch Eichins Reformkurs zunehmend bedroht und befremdet.

Bereits Anfang letzter Woche war durchgesickert, dass es zum Wochenende einen Versuch von Teilen des Aufsichtsrats geben würde, Eichin zu entmachten. Welche Seite letztlich die Informationen an die Medien gesteckt hat, die zu den “Es kann nur einen geben”-Schlagzeilen über Eichin und Skripnik geführt haben, ist unerheblich. Die Zuspitzung war letztlich unvermeidlich und nur eine Frage des Zeitpunkts. Dass Eichin einen Machtkampf mit Bode nicht würde gewinnen können, überrascht ebenfalls nicht.

Altes, neues Werder

Die Frage lautet also: was nun? und sie ist mit Baumanns Berufung als Nachfolger alles andere als beantwortet. Die wichtigsten Positionen im Verein sind nun wieder mit Werder-Legenden besetzt: Bode, Baumann, Skripnik. Keiner von ihnen hat sich jedoch seine Sporen in der Position verdient, die er nun bekleidet. Man könnte daher vom Anfang einer Ära sprechen. Die neue Generation der Werder-Familie drängt nach vorne. Wohin sie den Verein steuern will, bleibt jedoch offen. Eichin stand nicht für die glorreiche Vergangenheit oder eine ebenso glorreiche Zukunft, sondern für Realismus und Pragmatismus in der Gegenwart. Wenn es bei seiner Entlassung tatsächlich um mehr als persönliche Machtspiele ging, müsste es nun auch inhaltlich einen Kurswechsel geben.

Gut möglich, dass im Verein die heile Welt aus vergangenen Zeiten wiederhergestellt werden soll: Weniger Ich, mehr Wir. Die Werder-Familie als Gegenentwurf zum Haifischbecken Bundesliga mit den freundlichen Gesichtern Bode und Baumann an der Spitze. Wenn man schon faktisch keine Kontinuität mehr hat im sportlichen Bereich, wird diese durch bekannte Gesichter zumindest gekonnt simuliert.

Wie es sich für eine gute Familie gehört, wird hinter den Kulissen fleißig intrigiert. Der Disput mit Eichin ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Aus der hinteren Reihe melden sich die ehemaligen Macher Lemke, Fischer und Born in schöner Regelmäßigkeit zu Wort. Was sie off the record sagen, ist dabei weitaus interessanter. Quintessenz: Außer mir kann es eigentlich keiner. Es ließe sich eine hervorragende Seifenoper daraus machen, doch nach außen hin hält sich die Familie weitestgehend an die Omertà.

Das Bremer mia san mia

Wie ist der Umstand zu bewerten, dass Bode, Baumann, Skripnik, Frings, Pizarro und auch der womöglich bald hinzukommende Borowski einst alle zusammenspielten? Ein Argument gegen Erfolg ist es nicht, das beweist ausgerechnet das Dreigestirn Hoeneß, Rummenigge, Beckenbauer. Bei Werder hat es mit Schaaf und Allofs ebenfalls geklappt. Die Personalentscheidungen machen deutlich, dass man diesem Ideal weiterhin nacheifert. Mit den Namen Schaaf und Allofs ist jedoch nicht nur die Entstehung sondern auch der Untergang der letzten Erfolgsära des Vereins verbunden. Zu viel Schmoren im eigenen Saft, zu wenig Reflektion und äußere Einflüsse. Ob man mit Eichin, Schröder und Dutt die richtigen Leute gewählt hat, um die Außenperspektive in den Verein zu holen, kann jeder selbst bewerten.

Die Zeit der externen Einflüsse ist in Bremen mit Baumanns Berufung jedenfalls erstmal abgelaufen. Sie waren Mittel zum Zweck und der Zweck hat sich nach Bodes Einschätzung erledigt. Hier zeigt sich eine Parallele zum ungeliebten Rivalen aus München: Das Bremer mia san mia gibt sich weniger aggressiv, doch läuft letztlich auf dasselbe hinaus: Der Eindringling von außen passt sich entweder an oder wird wieder abgestoßen. Erfolg berechtigt nur vorübergehend zum Verbleib. Anders als in Bremen ist es beim FC Bayern jedoch schwer vorstellbar, dass Stallgeruch vor den Konsequenzen von Misserfolg schützt.

Rückendeckung oder Säge für Skripnik?

Damit kommen wir zur noch offenen Trainerfrage. Der eigentlich kaum mehr tragbare Skripnik bräuchte dringend ein klares Bekenntnis seiner Vorgesetzten. Dass weder Bode noch Baumann bislang dem Trainer ihr Vertrauen aussprachen, macht die schwierige Situation, in der sie sich befinden, deutlich. Warum man Skripnik nach über 1 1/2 Jahren noch mehr Zeit geben sollte, die bekannten Mängel in seiner Arbeit abzustellen, ist selbst für seine Fürsprecher schwer zu beantworten. Andererseits würde es nicht zum nun eingeschlagenen Kurs passen, als nächstes den ewigtreuen Skripnik zu entlassen. Das wäre so typisch… Eichin?

Es deutet sich daher ein Kompromiss an, der einerseits sehr spannend, andererseits aber auch etwas halbgar wäre: Assistenztrainer Florian Kohfeldt könnte zum Cheftrainer befördert werden. Somit hätte man auch auf der Trainerposition eine gewisse Kontinuität mit Stallgeruch (Kohfeldt ist seit 2001 im Verein), könnte aber gleichzeitig Skripnik aus der schwierigen Situation herauskomplimentieren. Kohfeldt hat seinen Trainerlehrgang als Jahrgangsbester abgeschlossen, gilt als taktisch gewieft und in der Mannschaft beliebt. Wie groß sein Einfluss im derzeitigen Trainerteam ist, lässt sich von außen schwer ausmachen. Welchen Stellenwert er als Cheftrainer zwischen den Werderlegenden Pizarro und Fritz auf sowie Bode und Baumann neben dem Platz haben würde, ist ebenfalls fraglich.

Fazit: It’s complicated!

Das Schöne am Fußball ist: Aus dem Chaos kann etwas Neues, Großes entstehen. Der Optimist in mir möchte daran glauben, dass unter Marco Bode, der sich mit Eichins Entlassung als Machthaber im Verein etabliert hat, tatsächlich etwas Großes entstehen kann. Der Realist zweifelt hingegen an Baumanns Eignung und den richtungsweisenden Entscheidungen im Verein. Der Pessimist hält Bodes Außendarstellung in der letzten Pressekonferenz für eine Farce und hat sich außerdem vor ein paar Tagen schon hier geäußert.

Auch wenn es mangels einer erkenntlichen Neuausrichtung noch schwierig zu bewerten ist, sehe ich Eichins Entlassung zum jetzigen Zeitpunkt als Fehler an. Zu viele Fragezeichen stehen hinter dem Namen Baumann, zu wenig Erfahrung bringt die sportliche Leitung (zu der ich Bode trotz seine eigentlich anderen Funktion zähle) mit, zu schlecht ist der Beigeschmack der Seilschaften zwischen den Beteiligten. In einem halben Jahr wird man schlauer (und meine Zweifel hoffentlich widerlegt) sein.

One Minute

Nur eine Minute. Ein kurzer Moment der puren Freude, den ich bei einem Werderspiel so seit Jahren nicht erlebt habe. Ein flüchtiges Gefühl der Erleichterung.  Nach dem Abpfiff des Spiels gegen Eintracht Frankfurt war ich den Tränen nahe.

Nach Feiern war mir nicht zumute. Keine #greenwhitewonderwall, nur ein kurzes Karma Police (ich war halt immer schon eher Radiohead als Oasis): For a Minute there, I lost myself. Gemischt mit einem Hauch: This what you get when you mess with us!

Keine Zuversicht, kein Jetzt-erst-recht, keine Vorfreude auf die nächste Saison in der 1. Bundesliga. Das dominierende Gefühl bei mir ist: Dann eben nächstes Jahr.

Und nun, Werder Police, arrest this man!

Abschiedsrunde

Düster und grau, so lässt sich die Stimmung rund um Werder Bremen in diesem Winter wohl am besten beschreiben. Nach einer Hinrunde, die wenig Lust auf mehr gemacht hat, steht der Verein mal wieder mit dem Rücken zur Wand.

Mir fallen genügend Ansätze an, um Werders voraussichtlichen Weg in die 2. Bundesliga zu skizzieren, aber mir fehlt, wie schon in den letzten Wochen und Monaten, die Motivation dazu. Stattdessen möchte ich lieber den Hauch von Vorfreude auf die Rückrunde nutzen und nach den Strohhalmen greifen, die Werder in der Rückrunde zu einem besseren Team werden lassen könnten.

Neue Impulse von außen

Die Aussagen zu Beginn der Winterpause (keine Transfers, größtes Plus ist die Eingespieltheit) waren wie erwartet nur Vorgeplänkel. Mit Lukimya und Aycicek haben seitdem zwei Spieler den Verein verlassen, Innenverteidiger Djilobodji und Offensivspieler Kleinheisler wurden verpflichtet. Dazu gibt es noch die Bestrebung, je einen defensiven Mittelfeldspieler zu holen (Onazi) und abzugeben (Kroos). Auf dem Papier machen diese Wechsel Werder stärker, auf dem Platz werden sie etwas Eingewöhnungszeit benötigen.

Wer dagegen auf mehr Einbeziehung des eigenen Nachwuchs gehofft hatte, wurde in der Vorbereitung enttäuscht. Grillitsch, Eggestein und Fröde haben es zum Auftakt gegen Schalke in den Spieltagskader geschafft – allesamt keine Überraschungen. Die einstiegen Hoffnungsträger für ein spielerisch besseres Werder (Aycicek, von Haacke und Zander) wurden hingegen schon vor dem Trainingslager – zumindest vorerst – in die U23 abgeschoben. Überraschend war diese Maßnahme nach der Hinrunde keineswegs, bedauern darf man sie trotzdem, zumal die dafür nachgerückten Guwara (Bänderriss) und Papunashvili auch noch keine große Rolle spielen.

Taktisch nicht viel Neues

Nach der spielerisch enttäuschenden Hinrunde ist mir nach wie vor nicht ganz klar, wo Viktor Skripnik mit seinem Team hin will. Taktisch dürfte es Zuhause wieder auf eine Raute hinauslaufen, auswärts auf das zuletzt gezeigte 4-4-2 mit Pizarro als hängender Spitze. Bei beiden Systemen gibt es einige Unwägbarkeiten, auf die Werder wenig Einfluss hat:

Bis zu Johannssons Genesung hat Werder nur zwei echte Stürmer (den seit der “Baguette-Affäre” *hust* nicht überzeugenden Lorenzen lasse ich hier außen vor), von denen einer altersbedingt nicht für 17 Spiele eingeplant werden kann. Für ein echtes Rautensystem müssen entweder Eggestein oder Kleinheisler sich in der Bundesliga festspielen. Alternativ läuft es wieder auf das nur bedingt überzeugende Mischsystem heraus, bei dem Junuzovic als nomineller zweiter Sechser eine Freirolle einnimmt. Im flachen 4-4-2 macht sich das weitgehende Fehlen von Flügelspielern im Kader bemerkbar. U. Garcia und Fritz können jeweils für eine defensive Variante eingesetzt werden, wobei dem System so die offensive Gefährlichkeit genommen wird. Öztunali kommt das System am meisten entgegen. Von einer Leistungssteigerung im letzten Drittel seiner Leihe dürfte es daher auch abhängen, wie gut sich das System bewährt.

Hoffnungsträger

Clemens Fritz dreht so oder so seine Abschiedsrunde bei Werder. An seinem Einsatz gibt es keinen Zweifel, es wäre dennoch gut, wenn er in seinen letzten Spielen nicht mehr so dringend gebraucht würde. Neben der möglichen Verpflichtung von Onazi hängt dies auch von Form und Fitness seines designierten Nachfolgers als Mannschaftskapitän ab. Wenn Junuzovic an seine Leistungen aus der letzten Saison anknüpfen kann, bedeutet das nicht zwangsläufig den Klassenerhalt – ein Klassenerhalt ohne Leistungssteigerung von Junuzovic scheint mir jedoch kaum möglich.

Insgesamt hängt viel vom Prinzip Hoffnung ab bei Werder. Der Klassenerhalt ist für Werder keine Utopie, die Qualität des Kaders sollte dafür reichen, wenn nicht zu viele unplanbare Dinge eintreten. Leistungsträger wie Wiedwald, Vestergaard, Bargfrede und Ujah dürfen nicht länger ausfallen. Aus den Reihen von Öztunali, Eggestein, Kleinheisler, Fröde und Lorenzen sollten ein bis zwei einen Leistungsschub bekommen, um die Schwachpunkte im Kader auszugleichen.

Der von mir zu Saisonbeginn als “mutig” titulierte Versuch, mit 14-15 gestandenen Bundesligaspielern durch die Saison zu kommen, hat sich als Ritt auf der Rasierklinge erwiesen. Über die möglichen Konsequenzen eines Abstiegs denke ich ein anderes Mal nach. Jetzt ist erstmal Spieltag und seit langer Zeit verspüre ich dabei mal wieder so etwas wie Vorfreude.

Ach ja: Taktik gegen Schalke? 4-4-1-1 mit Bargfrede/Fritz im Zentrum und Junuzovic/Öztunali auf den Flügeln. Nicht ganz auf Offensivpressing verzichten und versuchen, Geis  durch Pizarro (oder Grillitsch?) aus dem Aufbauspiel zu nehmen. Öztunali etwas zocken lassen und über seine Seite kontern. Ansonsten konzentriert die Viererketten gegen den Ball verschieben und auf das Beste hoffen. Klingt doch eigentlich ganz einfach.

Werders Trainingslager in Belek 2016

Werder in Belek 2016

Gastbeitrag von Sebastian Cario

Nachdem ich im letzten Jahr keinen Bericht aus Belek beigesteuert habe, hat es jetzt doch wieder in den Fingern gejuckt. Es sind dieses Jahr auch einfach wieder einige Dinge passiert, die die Zuhausegebliebenen interessieren drüfte:

Die Testspiele

Werder – Adana Demirspor 7:0 (3:0)

Ein lockerer Aufgalopp gegen einen unterklassigen Gegner. Ein Muster ohne Wert aber möglicherweise wichtig für die Stimmung.

 Werder – Aue 1:3 (1:3)

Der zweite Anzug sitzt nicht. Es ist mehr als verwunderlich, dass die zweite Reihe die sich bietenden Chancen nicht nutzt. Die Überlegenheit Aues war frappierend. In allen Belangen (Passquote, Zweikämpfe, Chancen) wurde der Werder-Elf der Schneid abgekauft. Besonders enttäuschend wieder einmal Felix Kross, der als 6er nicht in die Zweikämpfe kam und dem Spiel keinerlei Struktur gab. Dies machte es dem Rest der Mannschaft auch nicht einfach und so endete das Aufbauspiel in Fehlpässen, die von den aufmerksamen Auern auch genutzt worden.

Einziger Lichtblick: Giorgi Papunashvili der hin und wieder Akzente setzen konnte und den Treffer beisteuerte. Aber auch er muss in Sachen Spielverständnis, körperliche Rebustheit und Spielgeschwindigkeit noch deutlich zulegen, um irgendwann eine Option für die Bundesliga werden zu können.

Werder – Sivasspor 0:0 (0:0)

Ok – das fasst diesen Test zusammen. Gegen den 15. der türkischen Liga lies Werder wenig zu, konnte aber selbst kein Tor erzielen. Die wenigen guten Chancen wurden vergeben oder vom starken Torwart der Türken pariert. Sympthomatisch der vergebene Elfmeter von Fritz in der 90. Minute, der einfach nur schwach geschossen war.

Des Weiteren wirkte die verletzungsbedingte Auswechselung von Bargfrede deutlich auf die Mannschaft ein und beeinflusste die Spieleröffnung negativ. Im zweiten Durchgang wechselte Skriptnik auf ein flaches 4-4-2 bei dem mit Fröde und Fritz zwei zentralere Anspielstationen zur Verfügung standen. Dies führte zwar zu einem verbesserten Aufbauspiel und weiteren Chancen, aber reichte am Ende nicht für ein Tor.

Werder – Baku 1:0 (1:0)

Wie Werders U23 einige Tage zuvor siegten auch die Profis mit 1:0. Baku zeigte sich merklich verbessert und motivierter, kann aber allenfalls mit einem deutschen Regionalligisten verglichen werden. Dafür war das Ergebnis schwach, denn ein wirkliches Mehr an Chancen konnte Werder nicht verbuchen. Die Partie hindurch spielte Werder mit einem 4-4-2 mit zwei zentralen sich offensiv und defensiv abwechselnden Mittelfeldspielern. Offensiv wurde zu harmlos agiert und auch defensiv erschien die Werde-Elf anfällig, wenn die Kommunikation im zentralen Mittelfeld nicht stimmte. Den Treffer des Tages erziele Pizzaro nach einem technisch starken Querpass von Testspieler Jordan Morris. Mit Lazlo Kleinheisler kam auch der zweite Testspieler zum Einsatz und war gerade in der ersten Halbzeit ein belebendes Element.

Werder – Austria Wien 2:2 (1:0)

Im finalen Test verschenkte Werder den Sieg in der Schlussphase, als die Kräfte nachließn und vorher gute Chancen liegengelassen worden sind. Wie schon beim ersten Test des Tages wurde durchgehend ein flaches 4-4-2 mit Kroos und Junuzovic gespielt. Im Gegensatz zu Baku hatte Bremen mit dem Österreicher jemanden drin, der das Spiel auch offensiv ankurbeln konnte. Werder war 60 Minuten lang die klar bessere Manschaft. Da die Wiener zur Pause komplett wechselten ging Werder zusehends die Puste aus, so dass der Ausgleich in der Nachspielzeit die logische Konsequenz darstellte. Randnotiz: Jasper Verlaat (Sohn von Ex-Werderaner Frank Verlaat) gab in der 83. Minute sein Profidebut für Werder.

Die Testspieler

Jordan Morris

Zeigte, dass er auch als College-Spieler konditionell mithalten kann, auch wenn ihm am Ende des Testspiels die Puste ausging. Im Training wirkte er sehr motiviert und mit viel Kraft und Willen ausgestattet. Er zeigte in einigen Einheiten, dass er weiß wo das Tor steht und war deutlich abschlussstärker als beispielsweise Lorenzen, Bartels und Eggestein. Verbesserungen im Bereich Dribbling (1 gegen 1) und dem taktischen Verständnis sind allerdings noch nötig.

Lazlo Kleinheisler

Im Training zeigte er sich nicht auffällig, überzeugte aber dafür im Test gegen Baku mit guter Ballbehandlung, Spielübersicht und Wuseligkeit. Suchte zudem den Abschluss und war in der ersten Halbzeit klar der beste Mann auf dem Platz. Ein Fragezeichen bleibt hinter der körperlichen Robustheit. Gegen Baku konnte er auf Grund seiner Technik vielen Situationen aus dem Weg gehen. Es ist aber gut vorstellbar, dass er bei einem schnellen Bundesligaspiel intensiver attackiert wird und so den Mut zum Dribbling verliert.

Testspieler Fazit

Es wurde deutlich, dass beide nicht ohne Grund zu Werder eingeladen wurden. Es sind beides Spielertypen, die Werder so im Kader nicht hat und etwas mehr Flexibilität bringen würden. Es wäre nicht überraschend, wenn es – vorausgesetzt der Verpflichtung – bei beiden zu einigen Einsätzen in der Rückrunde reicht.

Die Transfergerüchte

Fehlanzeige. Eichin wiegelte schon im Vorfeld ab, da einfach kein Geld zur Verfügung steht. So konzentrierte man sich auf die beiden Testspieler (siehe oben). Immerhin wurde die Sommerverpflichtung von Thanos Petsos unter Dach und Fach gebracht und war damit schon das Highlight in dieser Hinsicht.

Der Trainerstab

Skripnik wirkte sehr entspannt und hatte sichtlich Spaß an der Arbeit, mischte hin und wieder auch kräftig mit. Auch seine Aussagen und Umgang mit der Presse haben sich merklich verbessert. Die Zeit der Dünnhäutigkeit und der patzigen Kommentare ist anscheinend erst einmal vorbei. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie es sich im weiteren Saisonverlauf verhält.

Frings hielt sich mekrlich zurück und fokussierte sich auf die Trainingsarbeit. Hier korrigierte er immer wieder die Spieler und nutze sein Können, um bei Übungen den Defensivpart oder den Flankengeber zu spielen. Insgesamt eine sehr zurückhaltende Rolle, auch und gerade während der Testspiele.

Kohfeld zeigte sich einmal mehr für die Taktik verantwortlich und übernahm auch taktische Korrekturen während Training und Spiel.

Die Mannschaft

Ich kann nicht zu jedem Spieler etwas schreiben, deshalb ist die Liste unvollständig:

Oelschlägel: Ersten Profivertrag unterschrieben und gute Torwartleistungen im Training gezeigt. Stark auf der Linie, muss allerdings an Strafraumbeherrschung und Spiel mit dem Fuß arbeiten.

Guwara: War nach guten Leistungen in der U23 bei den Profis dabei. Seine Beidfüßigkeit kann eine Waffe werden. Körperlich robuster als Zander, technisch besser als Busch. Von den Jungprofis als rechter Verteidiger wohl der kompletteste Spieler. Könnte einer für die Zukunft sein.

Junuzovic: Zurück nach Verletzung und ohne Angst vor dem Zweikampf. Nur wenn auch er eine bessere Rückrunde spielt, wird Werder die Klasse halten.

Bargfrede: Fast schon klassisch ohne die Mannschaft zurückgeflogen. Gestern dann die Entwarnung, es ist wohl nicht so schlimm. Wenn fit, ist er unersätzlich.

Kroos: Ganz schlimme Leistung gegen Aue, verbessert gegen Wien. Scheint auch seine Einstellung zum Profileben überdacht zu haben und zog in den Trainings voll mit. Vermutlich weiß er, was die Uhr geschlagen hat.

Lorenzen: Was ist nur mit diesem Jungen los? Das war gar nichts. In dieser Form hat er bei den Profis nichts zu suchen. Abschlussschwach, keine Chance im 1 gegen 1 und auch seine Schnelligkeit konnte er nie ausspielen.

Galvez: Leistete sich in den Tests immer wieder böse Fehlpässe, die auch mit nachlassender Kondition nicht zu erklären sind. Setzt dafür immer wieder auf lange diagonale Bälle, die zumeist auch den Mitspieler finden. Auch im Zweikampf gewohnt robust. Solide Leistung, wenn er die Fehler abstellt wird er richtig wichtig.

Pizarro: Wirkte müde. Weiß zwar nach wie vor, wo das Tor steht, allerdings kommen Zweifel auf, ob es für weitere Startelfeinsätze reicht.

Eggestein: Fleißig wie eh und je, fehlt ihm nach wie vor etwas Physis. Zudem zögerlich beim Abschluss und schwach, wenn er es doch einmal versucht.

Sternberg: Machte einen guten Eindruck im Training. Bitter die Verletzung im Test, das wird ihn leider deutlich zurückwerfen.

U. Garcia: Als Linksverteidiger nicht zu gebrauchen. Nach Sternbergs Aus liefen alle Angriffe über seine Seite. Nach vorne leider immer noch etwas zu langsam im Abspiel. Ist aber auch erst 19 und sein Talent ist unübersehbar. Durch Sternbergs Ausfall erst einmal auf der Bank gesetzt.

Grillitsch: Bester Mann bei den Abschlussübungen im Training. Seine Standards sind auch häufig gefährlich, wenn er sie scharf genug hereinbringt. Wird zur Rückrunde wohl sicher in der Startelf stehen.

Fritz: Will es weiter wissen. Ackert, kämpft, rennt, treibt an. Wichtig auf und neben dem Platz.

Ötztunali: Zeigt sich weiter verbessert. Stark auf dem Flügel, kommt ihm das flache 4-4-2 eher entgegen. Seine Hereingaben müssen allerdings noch schärfer und präziser werden.

Papunashvili: Gute Ansätze, aber sollte noch keine Option für die Rückrunde werden. Es fehlt noch an Physis und Schnelligkeit im Spiel.

Das Training

Neben den üblichen konditionellen Übungen war klar ersichtlich, dass ein Fokus im Aufbauspiel aus der Defensive heraus liegen sollte. Hierzu wurden verschiedene Übungen und Situationen trainiert. Auch das Gegenpressing und Zustellen bei Abstoß des Gegners (Manndeckung) wurden sowohl im Training, als auch in den Tests praktiziert. Es bleibt allerdings abzuwarten, in wie fern die Spieler das auch unter Bundesligabedingungen umsetzen können, denn das Tempo dieser Übungen war mäßig bis schleppend und die Klasse der Testspielgegner sehr überschaubar.

Standards standen ebenfalls auf dem Plan und wurden als Schwäche ausgemacht. Anscheinend hatte man sich auf die guten Standards der Vorsaison verlassen und auch unter der Formschwäche Junuzuvics zu leiden. Dieser schob Sonderschichten um das Gefühl für den Freistoß zurückerlangen zu können. Ecken wurden zunehmend auch kurz ausgeführt, der Erfolg blieb allerdings auch hier aus.

Tino Polster

Werder trennt sich von Polster. So weit, so bekannt geworden. Dennoch wirft diese Personalie Fragen auf. Ja, Polster war extern nicht unumstritten. Auch ich persönlich bin einige Male mit ihm in Konflikt gekommen und wurde beospielsweise 2010 angefeindet, dass Zitate und Vorkommnisse aus dem Trainingslager erst der Presse vorbehalten sein müssen und kein dahergelaufener Blogger (oder noch schlimmer: Twitterer) diese vorher veröffentlichen sollte. Etwas, das Werder ein Jahr später dann selbst übernahm.

Ich erinnere mich auch zudem an Twitter Accounts von Fans, die aufgrund von fragwürdigen Markenrechtsverletzungen geschlossen worden und Auseinandersetzungen mit dem Worum, das Teile der Werder-Raute im Logo verwendete bzw. verwenden wollte, welches Polster grundlos verneinte. Hier war ersichtlich, das Polster ein Kontrollfreak ist, wenn es um „seinen“ Verein geht.

Der Grund für diese Auseinandersetzungen ist einfach. Polster fühlte sich mit Werder verbunden und projezierte seine eigene Eitelkeit auch auf die Belange des Vereins, ohne dabei ein gewisses Maß an Fingerspitzengefühl und Empathie mitzubringen. Das ist nicht schlimm und vor allem keinerlei Qualitätsmerkmal für seine Arbeit im Verein, sondern lediglich eine subjektive Wahrnehmung. Denn hier muss schon gesehen werden, dass Werder mit Werder.de, Werder.tv und dem Social Media („Club Media“) Team einer der Vorreiter in der Bundesliga war und für die Arbeit mehrfach ausgezeichnet wurde. In wie fern er für all das maßgeblich war, lässt sich allerdings kaum beurteilen.

Auf der Habenseite für Polster stehen ebenfalls die Mitgliederkampagne „Werder will dich“ und die Aktion/der Claim „100% Werder“, welche zweifelsohne ebenfalls sehr erfolgreich verliefen. Auf der anderen Seite wurde Polster nach seiner Erkrankung zum Großteil aus der Öffentlichkeit herausgenommen und konnte sich auf sein Kerngebiet Markenkommunikation konzentrieren. Zudem Spaß und Freude am Job zurückfinden, indem er als Co-Kommentator bei Werder.tv Live-Spielen auftrat.

Es bleibt die Frage, warum er nun gehen muss. Es wurde aus verschiedenen internen Quellen berichtet, dass nichts besonderes vorgefallen sein soll, welches eine unmittelbare Trennung forciert haben sollte. Auch die Mitarbeiter seiner Abteilung zeigten sich von der Entscheidung überrascht. Es geht anscheinend ums Geld, bzw. um das Gehalt. Seit 2002 im Verein und in den guten Zeiten sicher mit der einen oder anderen Gehaltserhöhung ausgestattet, wird die Belastung im Etat nicht unerheblich sein. Grob geschätzt sollte sich das Gehalt bei etwa 180.000 EUR per anno bewegen. Das ist für einen Direktor in einem Mittelständischen Unternehmen ein durchweg realistisches Gehalt.

Zudem macht das Wort vom Frühstücksdirektor die Runde, der sein kleines Aufgabengebiet mit zumeist rein repräsentativen Funktionen hat, aber dennoch sehr gut bezahlt wird. Selbst aber nur wenig zum Ergebnis beiträgt. Ein Luxus, den sich Werder Bremen heute einfach nicht mehr leisten kann. Wirtschaftlich nachvollziehbar, ist nach dem vorzeitigen Bekanntwerden vor allem die Kommunikation dieser Personalie ein Problem: Es kann nicht als echte Restrukturierung verkauft werden, da keine weiteren Personen betroffen sind. Es kann auch keine Trennung aus persönlichen Gründen erfolgen. Also bleibt die „einvernehmliche Trennung“ per Abfindung, die sicher die Höhe eines Jahresgehaltes übersteigen wird. Doch dazu müsste man sich erst einmal einigen…

Die Fans

In den vergangenen 6 Jahren war die Stimmung unter den Fans nie so schlecht wie diesmal. Das Abstiegsgespenst und die damit verbundene Angst vor der Versenkung in der Bedeutungslosigkeit war noch nie so weit verbreitet. Auch nur eine Spur von Optimismus sucht man vergebenes. Das ist schade, da der vom Verein eingeschlagene Weg (Sparkurs, Talente, Billigspieler) unausweichlich scheint. Hoffnungsvoll kann ein Blick nach Dortmund gehen, die aus einer ähnlichen Situation mit einem klaren Konzept herausgekommen sind. Ob das auch in Bremen gelingt, bleibt leider abzuwarten.

Die Systeme

Folgende Systeme hat Skripnik zur Auswahl:

4-4-2 (Raute offensiv)

Soll wieder in Heimspielen praktiziert werden. Leider kein System für Ötztunali.

Ujah (Pizarro)                                   Bartels (Johannsson)

Junuzovic (Kleinheisler*)

Grillitsch (U.Garcia)                          Fritz (Eggestein)

Bargfrede (Kroos)

Garcia (Sternberg) Vestergaard (Lukimya) Gàlvez (Hüsing) Gebre Selassie (Guwara)

Wiedwald (Zetterer)

4-4-2 (flach defensiv)

Option für Auswärtsspiele. Beide ZM schalten sich abwechselnd offensiv mit ein.

Ujah (Pizarro)                                Johannsson (Morris*)

 

Grillitsch (Ötztunali)                                                                                   Fritz (Bartels)

Junuzovic (Kleinheisler*)                Bargfrede (Kroos)

Garcia (Sternberg) Vestergaard (Lukimya) Gàlvez (Hüsing) Gebre Selassie (Guwara)

Wiedwald (Zetterer)

4-1-4-1 (defensiv)

Kann bei Führung in Auswärtsspielen zur Absicherung aus dem flachen 4-4-2 gestellt werden oder auch bei Heimspielen aus der Raute heraus.

Ujah (Pizarro)

Grillitsch (Ötztunali)    Junuzovic (U.Garcia)   Kleinheisler* (Eggestein)   Fritz (Bartels)

Bargfrede (Kroos)

Garcia (Sternberg) Vestergaard (Lukimya) Galvez (Hüsing) Gebre Selassie (Guwara)

Wiedwald (Zetterer)

* Vorbehalten der Verpflichtung

Das Fazit

Ein gutes Trainingslager mit idealen Bedingungen. Das Wetter hielt, die Spiele waren herausfordernd. Es bleibt allerdings auch noch viel Arbeit. Es schien fast so, als habe diese erst begonnen. Bis zum Bundesligastart muss allerdings noch etwas passieren.

6. Spieltag: Es bröckelt

Darmstadt 98 – Werder Bremen 2:1 (1:1)

Mit der völlig verdienten Niederlage in Darmstadt ist Werder nach der von Pizarros Rückkehr ausgelösten Euphorie wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. In einer fußballerisch grauenhaften Partie enttäuschten Mannschaft und Trainer auf ganzer Linie.

Skripnik verzichtet aufs Mittelfeld

Viktor Skripnik reagierte auf die Ausfälle von Bargfrede und Ulisses Garcia nicht wie erwartet und ließ Ersatzsechser Kroos wie auch Nachwuchssechser Fröde auf der Bank. Stattdessen durfte Galvez auf der ungeliebten Position vor der Abwehr ran und Sternberg rutschte für Garcia links ins Mittelfeld. Der fast vollständige Verzicht auf (gelernte) Mittelfeldspieler in der Startelf machte sich auch in Werders Spiel bemerkbar, wobei dies keine neue Entwicklung ist. Gegen die spielerisch ganz sicher schwächste Mannschaft der Bundesliga überspielte Werder das Mittelfeld noch rigoroser als zuletzt und suchte in der ersten Halbzeit sein Heil in langen Bällen auf Ujah und Johannsson.

In der ersten halben Stunde musste man froh sein, die Teams durch ihre Trikotfarben eindeutig identifizieren zu können, denn sonst hätte man Werder sicherlich für Darmstadt gehalten. Die Taktik, nach Ballgewinn direkt den Konter mit einem langen Ball in die Spitze zu suchen, kannte man sonst eher von den Gastgebern, die jedoch selten so hoch standen, dass ihnen dies Probleme bereiten konnte. Der Aufsteiger zeigte in der ersten Halbzeit fußballerisch die vielleicht beste Leistung der Saison, ohne jedoch wirklich zu überzeugen. Werder bekam im Pressing keinen Zugriff, lief viel hinterher und brachte den Ball kaum einmal kontrolliert aus dem ersten Drittel heraus. Dadurch ergaben sich auch kaum Möglichkeiten zum Aufrücken. Die Bälle kamen postwendend zurück in Werders Hälfte und das Spiel begann von neuem.

Verbesserte Spielkontrolle, fehlende Kreativität

Die zweite Halbzeit war in einigen Belangen besser. Werder hatte mehr Ballbesitz und konnte etwas Sicherheit gewinnen, ohne jedoch offensiv Gefahr zu erzeugen. Die Stürmer blieben häufig vom Mittelfeld isoliert und konnten so – abgesehen von den langen Bällen – kaum ins Spiel eingebunden werden. Ujah scheint für diese Art Fußball weitaus besser gemacht zu sein als Johannsson, der jedoch bei jeder Gelegenheit den Torabschluss suchte und somit trotzdem Werders gefährlichster Spieler war. Die Einwechslung des angeschlagenen Junuzovic und die Umstellung auf die Raute verpufften weitgehend und Pizarro kam in zehn Minuten Spielzeit je nach Datenquelle auf ein oder zwei Ballkontakte.

Wie schon gegen Ingolstadt waren es am Ende individuelle Fehler, die die Niederlage herbeiführten. Felix Wiedwald hatte einen schlimmen Abend und machte auch abgesehen von den beiden Gegentoren ein schwaches Spiel. Für Werder war die entscheidende Phase jedoch eher zwischen der 45. und der 70. Minute, als man aus der eigenen Feldüberlegenheit viel zu wenig Offensivgefahr entfachte. Eine Schlussoffensive fand nach dem 1:2 und dem Platzverweis gegen Bartels nicht mehr statt, dafür fehlten Werder einerseits die spielerischen Mittel und andererseits am Ende auch die Kraft für die Brechstange.

Viele Fragen an den Trainer

Nach einem solchen Spiel muss sich nicht nur die Mannschaft hinterfragen. Die Leistung erinnerte doch in weiten Teilen an das, was Werder vor gut einem Jahr unter Robin Dutt auf den Rasen brachte – ohne die Gesamtsituation mit damals vergleichen zu wollen. Viktor Skripnik war sein Amt auch mit der Absicht angetreten, sein Team fußballerisch zu verbessern. Davon ist in dieser Saison bislang nicht viel zu sehen, auch wenn die Punkteausbeute nach sechs Spielen durchaus im Rahmen ist. Werder spielt größtenteils reinen Ergebnisfußball mit viel Kampf und Krampf. Stimmen die Ergebnisse nicht, bleibt auf der Habenseite nicht viel übrig. Derzeit entscheidet sich Skripnik in Personalfragen meist gegen die spielerisch bessere Lösung (Lukimya statt Galvez, Galvez statt Kroos, Bartels statt Eggestein). Das ist natürlich legitim und er wird seine Gründe haben. Es spricht aber gerade in einem Spiel gegen ein Team wie Darmstadt nicht unbedingt für großes Vertrauen in die fußballerische Qualität seiner Mannschaft.

Über den richtigen Wechselzeitpunkt und die Tauglichkeit der Optionen auf der Bank kann man streiten. Wenn jedoch schon in den ersten 10 Minuten eines Spiels deutlich wird, dass die eigene Taktik nicht aufgeht, wäre eine Anpassung wünschenswert. Das flache 4-4-2 funktionierte gegen Darmstadt überhaupt nicht, daran änderte auch ein glücklicher Führungstreffer nichts. In der zweiten Halbzeit, als Werder das Spiel besser kontrollierte und mehr Ballbesitz hatte, wären ein bis zwei Umstellungen im Mittelfeld hin zu mehr Kreativität angebracht gewesen. Es verwundert doch sehr, dass Skripnik sich dieses Spiel stoisch mit ansah, bis die verbleibende Zeit kurz genug war, um die nicht vollständig fitten Edeljoker Pizarro und Junuzovic zu bringen.

Auch vom einstigen Mut, junge Spieler nicht nur kurz anzutesten, sondern wirklich einzubinden, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Im Sommer sah es so aus, als wären Eggestein und Grillitsch auf dem Sprung in die erste Elf und Zander nicht weit davon entfernt. Nun kommen die drei zusammen auf zwei Einsätze und weniger als 90 Minuten Einsatzzeit in der Bundesliga. In allen drei Fällen gibt es Gründe, die gegen einen sofortigen Einbau in der ersten Elf sprechen, doch die gibt es bei Nachwuchsspielern fast immer. Es erstaunt mich sehr, dass Werder mit einem (wenn man nur die gestandenen Bundesligaspieler zählt) Rumpfkader in die Saison geht, mit der Prämisse, voll und ganz auf die Jugend setzen zu müssen (Stichwort „alternativlos“), das Trainerteam sich nun aber augenscheinlich nicht traut, dies auch in die Tat umzusetzen.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn mit Bargfrede und Junuzovic zwei Drittel der gewünschten Achse im Mittelfeld ausfallen. Gerade bei Bargfrede musste man jedoch damit rechnen (wenn auch nicht durch eine Rotsperre). Dass Galvez im Mittelfeld nicht die Antwort ist, hat die letzte Saison gezeigt und war einer der ersten Missstände, die Skripnik damals behoben hat. Wenn Kroos und Fröde nicht gut genug sind, um Bargfrede in solchen Spielen zu ersetzen, warum hat man dann im Sommer nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um einen Sechser zu verpflichten?

Ein Fehler namens Pizarro?

Stattdessen holte man Pizarro zurück. Ich mache mich damit wahrscheinlich bei einem Großteil der Werderfans unbeliebt, aber ich halte das für einen Fehler. Natürlich kann ich verstehen, warum Werder ihn verpflichtet hat. Allein die Begeisterung, die seine Rückkehr ausgelöst hat, war für den Verein viel wert. Zusätzlich verkaufte Trikots, Zuschüsse von Sponsoren, mediale Aufmerksamkeit – alles gut für den Verein. Ich glaube auch, dass Pizarro selbst mit seinen 36 Jahren noch ab und zu den Unterschied machen kann und für Werder sportlich zumindest teilweise wertvoll ist, von seiner positiven Ausstrahlung aufs Team ganz abgesehen. Dennoch ist die Verpflichtung in erster Linie Balsam für die geschundene Werderseele und fällt für mich in eine Kategorie mit den Abschiedsspielen für Frings und Ailton: Man kann noch mal schön in Erinnerungen schwelgen an Zeiten, in denen Werder noch ein großer Name war. Nüchtern betrachtet hat man sich einen sehr alten und sehr teuren Ergänzungsspieler geholt, der eine Saison lang eventuell noch ab und an mannschaftliche Mängel mit individueller Klasse überdecken kann.

Für sich gesehen könnte ich durchaus damit leben, doch bindet Pizarro trotz Zuschuss von Wiesenhof Gehaltsbudget, das an anderer Stelle meiner Meinung nach sinnvoller und zukunftsorientierter hätte eingesetzt werden können. Werders Mittelfeld ist sträflich unterbesetzt, die Ausfälle bei Bargfrede werden leider auch nach Ende seiner Rotsperre kommen und bei Clemens Fritz würde ich auch nicht davon ausgehen, dass es für 30-34 Spiele reicht. Die Risiken lagen und liegen auf der Hand. Werder ist sie eingegangen und muss nun mit den Konsequenzen leben.

Back to square one: Mut zum Fußball

Umso wichtiger, dass Skripnik und sein Team sich jetzt auf ihre Stärken besinnen, die Werder in der letzten Saison vor dem Abstieg gerettet haben. Ich bin weit davon entfernt, Skripniks Ablösung zu fordern. Seine Bilanz ist insgesamt immer noch sehr gut und Werder steht sportlich nicht dort, wo man in der Endphase unter Dutt stand. Was die fußballerische Entwicklung angeht, habe ich jedoch große Zweifel, dass Werder derzeit auf dem richtigen Weg ist. Ich wünsche mir mehr Mut und mehr Konsequenz auf dem Weg, der Werder auch spielerisch voran bringen soll.

Ich könnte weitaus besser mit Niederlagen gegen Teams wie Ingolstadt und Darmstadt leben, wenn sie Konsequenz einer noch nicht ausgereiften fußballerischen Entwicklung wären. Diese muss nicht unbedingt auf ausgeprägtem Ballbesitzfußball beruhen, eine Weiterentwicklung der Pressing- und Konterstrategie der letzten Rückrunde würde mir auch genügen. Stattdessen wirkt diese Saison auf mich bislang so, als wäre alles, was man sich in der Sommerpause vorgenommen hatte, mit Di Santos Abgang hinfällig gewesen und nun wurschtelt man ohne richtigen Plan vor sich hin. Selbst nach der Partie gegen Darmstadt scheint man sich nicht einig zu sein, ob das jetzt zu viel oder zu wenig Fußball war. Derzeit ist Werder nur eines der Teams, die auf eigenes Spiel weitgehend verzichten und mit Physis, langen Bällen und Standards ihr Glück versuchen. Das kann für den Klassenerhalt reichen, macht aber wenig Hoffnung auf mehr.

3. Spieltag: Das alte Werder

Werder Bremen – Borussia Mönchengladbach 2:1 (1:1)

Am dritten Spieltag besinnt sich Werder auf die Stärken der letzten Rückrunde und gewinnt verdient gegen Gladbach. Die Borussia hatte große Probleme im eigenen Spiel, die Werder mit einer passenden Taktik und verbesserten Abläufen ausnutzen konnte.

Das Mittelfeld verflacht

Wie im Vorfeld aufgrund der drei nominierten Linksverteidiger im Kader schon spekuliert worden war, setzte Viktor Skripnik auf der linken Seite auf beide Garcias und stellte sein System auf ein flaches 4-4-2 um. Schon gegen Schalke hatte Werder es ähnlich versucht, diesmal war die Abkehr von der Raute jedoch noch deutlicher, auch wenn in Ballbesitz weiterhin Rautenstrukturen zu sehen waren. Junuzovic rückte neben Bargfrede auf die zweite Sechserposition, besetzte offensiv teilweise aber auch den Zehnerraum.

Gladbach spielte wie gewohnt ebenfalls im 4-4-2, wobei das System deutliche Unterschiede zu Werders aufwies. Während Werder im Mittelfeld recht statisch die Positionen hielt und insbesondere Garcia und Fritz auf ihren Außenpositionen klebten, rückten Hazard und Herrmann häufiger ein und gaben im Ballbesitz eher Außenstürmer. Mit der Hereinnahme von Nordtveit und damit der Trennung des Sechsergespanns Xhaka / Stindl ging Favre zudem eine der Problemzonen der letzten Spiele an.

Mehr Disziplin, mehr Kompaktheit, mehr Mannorientierungen

Die Ausrichtung gestaltete sich im Spiel so, wie es zu erwarten war. Gladbach versuchte mit viel Ballbesitz das Spiel geordnet aufzubauen, während Werder eher auf Pressing und Umschaltspiel setzte. Es ergaben sich sehr eindeutige Mannorientierungen, wie es bei einem Spiel zweier 4-4-2 Formationen nicht unüblich ist. Ulisses Garcia und Clemens Fritz agierten als eine Art zweite Außenverteidiger, deren Hauptaufgabe es war, Vorstöße der gegnerischen Außenverteidiger einzudämmen und gegen die Außenstürmer zu doppeln. Diese Aufgabe erledigten sie sehr diszipliniert. Auch Bargfrede (gegen Xhaka) und Junuzovic (gegen Nordtveit) hatten ihre Hauptaufgabe im Bewachen ihrer Gegenspieler.

Werder Bremen vs Borussia Mönchengladbach Aufstellungen

Im Defensivspiel zeigten sich klare Mannorientierungen für die gesamte Werdermannschaft.

So defensiv und destruktiv wie auf dem Papier war Werders Taktik in der Praxis allerdings nicht. Werder schob häufig weit heraus und hatte eine deutlich verbesserte Kompaktheit zwischen den Mannschaftsteilen im Vergleich zum Schalke-Spiel. Die Abstände wurden nach vorne gering gehalten, was nicht immer ohne Risiko war, da Bargfrede im Mittelfeld und Lukimya in der Abwehr des öfteren sehr weit herausrückten und somit Räume hinter sich öffneten. Dies konnte mannschaftlich jedoch kompensiert werden und hatte den gewünschten Effekt, dass die Gladbacher wenig Zeit am Ball hatten. Auf den Außen sicherten sich die beiden Flügelpärchen sehr diszipliniert gegenseitig ab.

Gladbacher Probleme und Bremer Standards

Es zeigte sich schnell, dass Gladbach derzeit weit weg ist von der Souveränität und Spielkultur der letzten Rückrunde. Mit der aggressiven Bremer Spielweise kamen sie nicht gut zurecht. Immer wieder konnte Werder Ballverluste im Gladbacher Aufbau provozieren und mit den beiden Sturmspitzen direkt Offensivdruck aufbauen. So gelang es, das Spiel häufig in Gladbachs Hälfte zu verlagern und trotz des Gladbacher Plus an Ballbesitz die wichtigen Räume zu kontrollieren.

Auffällig war außerdem, dass einige Bremer Spieler deutliche Leistungssteigerungen verzeichnen konnten. Philipp Bargfrede nähert sich seiner Bestform und konnte seine Stärken im direkten Duell gegen Xhaka gut ausspielen. Junuzovics tiefere Positionierung kam ihm ebenfalls zu Gute. Hinzu kamen gute Ideen im Spielaufbau (selten so viele sinnvolle Verlagerungen von ihm gesehen), auch wenn in der einen oder anderen Situation deutlich wurde, dass es ihm an Übersicht im Zentrum mangelt. Auch Neuzugang Jóhannsson zeigte sich verbessert, bzw. konnte zum ersten Mal überhaupt seine Bundesligatauglichkeit unter Beweis stellen. Sein cool verwandelter Elfmeter ragte heraus, doch wichtiger waren seine Zweikampfpräsenz und seine Laufwege. Auch das Zusammenspiel mit Ujah sah besser aus als gegen Hertha.

Mehr geht derzeit nicht

Entscheidend waren aber wieder einmal die Standardsituationen, da sich Werder weiterhin schwer tut, aus dem offenen Spiel heraus gute Abschlussmöglichkeiten zu erspielen. Umso wichtiger, dass man mit Ujah einen Spieler hat, der in jeder Situation die Möglichkeit zum Abschluss sucht. Gegen Gladbach hatte Werder mit Verstergaard, Lukimya, Santi Garcia und den beiden Stürmern die Lufthoheit, was sich nicht nur bei eigenen sondern auch gegnerischen Ecken und Freitstößen zeigte. Gladbach führte Freistöße bis 30 Meter vor dem Bremer Tor meistens kurz aus.

Obwohl Werder ein gutes Spiel zeigte und verdient die drei Punkte holte, wurde wieder einmal offensichtlich, wo die Limitierungen des Teams liegen. Das war (noch) nicht der neue Jugendstil, sondern ein Revival der letzten Rückrunde, mit einer Startelf, in der nur zwei Spieler unter 24 Jahren standen. Gegen die verunsicherte Gladbacher Mannschaft wäre mit etwas mehr Ruhe im Passspiel sicher noch mehr möglich gewesen. Die phasenweise Dominanz war jedoch mit enorm viel Laufarbeit und Zweikämpfen verbunden. Sobald diese ein wenig nachließen, bekam Werder sofort Probleme in der Defensive.

Daran wird sich in den nächsten Wochen und vielleicht auch in der gesamten Hinrunde nicht viel ändern. Kleine Verbesserungen im Ballbesitzspiel sind zwar zu erkennen, doch es wird auch in der nächsten Zeit vor allem darum gehen, die Stärken gegen den Ball und die Gefährlichkeit nach Standards ins Spiel zu bringen. Solange die Achse des Teams Junuzovic-Bargfrede-Fritz heißt, muss Werder deren Stärken so gut es geht zur Geltung bringen. Für die fußballerische Entwicklung, die sich viele erhoffen, werden zwei bis drei Spieler aus dem Nachwuchs den Sprung schaffen müssen. Wie das Spiel gegen Gladbach aber gezeigt hat, ist man mit der aktuellen Spielweise durchaus konkurrenzfähig und kann begeisternde Spiele absolvieren.

Macht euer Spiel doch alleine

Die Saison ist genau einen Spieltag und eine Pokalrunde alt, da geht in Werders Umfeld mal wieder eine Diskussion los, die inzwischen zu Bremen gehört, wie der Roland und die Stadtmusikanten. Ein echter Spielmacher fehlt Werder, einer wie (beliebigen Namen eines ehemaligen Bremer Zehners einsetzen).

Die werdernahe Lokalpresse ist sich nicht zu schade, jeden Spieler, der bei Werder ein Spiel auf der Zehnerposition absolviert hat, zu einem neuen Micoudiegözil hochzuschreiben, um dabei in einem Nebensatz nostalgisch festzustellen, dass Werder einen solchen Spielmacher schon lange nicht mehr hat. In diesem Sinne holte gestern auch die SZ zum großen Rundumschlag aus. Der Erkenntnisgewinn hält sich bei solchen Artikeln stark in Grenzen, denn auf nahezu jeder Position ist Werder im Jahr 2015 schwächer besetzt, als zu seligen Champions League Zeiten.

Die fixe Idee mit dem Spielmacher

In gewisser Hinsicht ist Bremen ein Fußballbiotop. Während in der restlichen Fußballwelt der Tod des klassischen Spielmachers schon vor über zehn Jahren besungen wurde, hat Werder dem Trend getrotzt, ist mit Micoud Meister und mit Diego und Özil Pokalsieger geworden. Auch wenn diese drei Spieler eigentlich unterschiedlicher kaum sein konnten: Wenn es irgendwo noch Spielmacher alter Schule gab, dann in Bremen.

Seit Özil den Verein im Sommer 2010 verlassen hat, ist Werder von einem regelmäßigen Champions League Teilnehmer zu einem eher unterdurchschnittlichen Bundesligateam geworden. Nicht wenige Anhänger des Vereins führen dies unmittelbar auf den Umstand zurück, dass man für Özil damals keinen direkten Ersatz verpflichtete und seitdem erfolglos nach dem nächsten großen Spielmacher sucht.

Der kausale Zusammenhang zwischen einem supertollen Spielmacher im Team und spielerischer Exzellenz hat sich so sehr in den Synapsen festgesetzt, das keine noch so offensichtlichen Entwicklungen im deutschen und europäischen Fußball daran etwas ändern können. Die Begriffe “Spielmacher” und “Zehner” werden weiterhin synonym verwendet, auch wenn dies einem Realitätscheck heutzutage kaum noch stand hält.

Ohne Raute geht es nicht

Das liegt natürlich unter anderem an der Raute, die als Spielsystem in die DNA des Vereins gebrannt zu sein scheint. Als eine der wenigen modernen Formationen im Fußball ist in ihr ein “echter” Zehner vorgesehen, während 4-4-2, 4-3-3, 4-1-4-1 und häufig auch 4-2-3-1 auf einen solchen verzichten. Diese Formationen, die in den letzten drei Jahren alle zeitweise auch in Bremen zum Einsatz kamen, konnten jedoch nichts daran ändern, dass weiterhin die Raute mit Spielmacher am höchsten im Kurs steht.

In Bremen, so hört man oft, funktionieren andere Systeme einfach nicht, hier funktioniert nur die Raute. Das überrascht schon insofern, als Werder seine (offensiv-)fußballerisch besten Phasen in diesem Jahrzehnt im 4-1-4-1 (Hinrunde 2012/13) bzw. 4-2-3-1-Verschnitt (Rückrunde 2009/10) hatte. Wenn man dazu noch den in Bremen oft gescheuten Blick über den Tellerrand wagt, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass man sich hier in einer fixe Idee verrannt hat. Welche national und international erfolgreichen Teams spielen noch mit einem klassischen Spielmacher auf der 10? Bayern nicht, Dortmund nicht, Gladbach nicht, Wolfsburg nicht, Leverkusen nicht, Barcelona nicht, Madrid nicht, Juventus (trotz Raute) nicht. Selbst Özil musste in Deutschlands Weltmeisterelf auf den linken Flügel weichen.

Was bedeutet dies aber nun für Werders aktuelle Situation? Viktor Skripnik hat sich auf die Raute als sein präferiertes System festgelegt, durchaus mit Erfolg. Die Ausrichtung des Systems hat er dabei immer wieder variiert, mal mit einem klassischen Spielmacher auf der 10 (Aycicek), mal ohne (Bartels, Öztunali), mal als Variante des 4-3-3-, mal als Variante des 4-3-2-1. Eine feste Besetzung der Position gibt es bis heute nicht, auch wenn im Sommer Maximilian Eggestein nahezu in jedem Spiel dort aufgeboten wurde. Nun, da Skripnik zum Bundesligastart doch nicht auf ihn gesetzt hat, geht die Diskussion um die Besetzung der Position in die nächste Runde.

Bloß nicht zu viel Komplexität

Dabei geht es eigentlich um zwei Fragen, die jedoch vereinfacht in den Medien als eine behandelt werden: “Ist Werder auf der Zehnerposition gut genug besetzt?” und “Was ist der Grund für Werders spielerische Schwäche?”

Die Antwort auf die erste Frage ist derzeit zweifellos nein. Bartels und Aycicek sind außer Form, Eggestein hat noch kein Bundesligaspiel von Anfang an bestritten, Öztunali kommt die Position nicht entgegen und Junuzovic ist auf der Achterposition eigentlich besser aufgehoben. Das wusste man bereits vor der Saison und hat sich bewusst dafür entschieden, auf das vorhandene, junge Personal zu setzen. Das Transferbudget wurde (auch bedingt durch Abgänge) für andere Positionen ausgegeben. Vor der etablierten Achse aus Fritz, Bargfrede und Junuzovic setzt man im offensiven Mittelfeld bewusst darauf, dass sich einer der jungen Kandidaten durchsetzt. Dort nun einen wundersamen Leistungssprung von einem der Spieler zu erwarten, ist völliger Quatsch.

Die zweite Frage ist weitaus schwieriger zu beantworten, macht jedoch deutlich, wie die Erwartungen an einen Zehner in Bremen gesteckt sind. Der Glaube daran, dass ein einziger Spieler das Bremer Mittelfeld in neue spielerische Sphären führen kann, ist spätestens seit Johan Micouds Zeit tief verwurzelt. Schaut man sich jedoch die Zusammenstellung und Ausrichtung des aktuellen Teams an, fällt es schwer, diese Sichtweise nachzuvollziehen. Zu keinem Zeitpunkt in den letzten zweineinhalb Jahren war Werder eine Mannschaft, die Ballbesitzfußball spielen konnte oder wollte. Aufbau mit langen Bällen, Gegenpressing, schnelles Umschaltspiel – das war gerade in der letzten Saison das Credo. Nichts deutete im Sommer darauf hin, an dieser grundsätzlichen Ausrichtung etwas ändern zu wollen oder zu können.

Gegen Schalke musste bzw. durfte Werder überraschend viel Zeit am Ball verbringen. Durch das löchrige Schalker Pressing konnte man das Mittelfeld weitgehend kontrollieren. Das altbekannte Bremer Problem im Spielaufbau verlagerte sich somit eine Reihe weiter nach vorne. In diesem einen Spiel hätte ein klassischer Spielmacher auf der 10er-Position sicherlich geholfen, doch sehr wahrscheinlich ist es nicht, dass sich dieses Szenario oft wiederholt. Die meisten Spiele in der Bundesliga sind deutlich pressinglastiger und erfordern vom gesamten Team ein größeres Maß an Ballsicherheit bei hohem Tempo und Pressingresistenz. Daran würde auch ein verjüngter Micoud im Team nichts ändern.

Der Zeitpunkt der Diskussion überrascht mich ein wenig, auch wenn er sicherlich mit dem näherrückenden Ende des Transferfenster zu tun hat. Das Spiel gegen Schalke gibt für mich jedenfalls wenig Anlass, nach einem neuen Spielmacher zu schreien. Dazu genügt schon ein Blick auf den Gegner: In Schalkes System gab es keinen Zehner, als “Spielmacher” könnte man am ehesten den Sechser Johannes Geis bezeichnen, der bei Ballbesitz oft als letzter Mann agierte und die beiden entscheidenden Tore wurden von einem Innenverteidiger vorbereitet. Man könnte allerdings auch Julian Draxler dafür kritisieren, dass er kein Spielmacher im Stile Johan Micouds ist, doch dafür müsste er wohl erst nach Bremen wechseln.

Zum Abschluss zehn einfache Merksätze

  • Werders spielerische Probleme können nicht durch einen einzelnen Spieler gelöst werden.
  • Werder ist auf der Zehnerposition nicht schlechter besetzt als in der letzten Saison, in der man auch recht erfolgreich mit einer Raute spielte.
  • Ohne einen “Spielmacher” erfolgreichen und schönen Fußball zu spielen, ist heutzutage nicht nur möglich, sondern auch üblich.
  • Würde sich bei einem Verein ohne große finanzielle Möglichkeiten nicht eher eine Diskussion anbieten, ob das System zum vorhandenen Kader passt, als andersherum?
  • Man kann über Werders Spielstil diskutieren, aber nicht, ohne auch über die Eckpfeiler des Teams (Fritz, Junuzovic, Bargfrede) zu diskutieren.
  • Eine solche Diskussion bietet sich nicht unbedingt nach dem 1. Spieltag an.
  • Eine Diskussion bietet sich erst recht nicht nach einem für Werder völlig untypischen Spiel an.
  • Die Namen Herzog, Micoud, Diego und Özil sind wunderschön, aber für eine Diskussion über Werder im Jahr 2015 kein bisschen hilfreich.
  • Jedes Argument, das sich auf einen oder mehrere dieser Namen stützt, läuft zwangsläufig ins Leere.
  • Zum Glück ist heute Abend wieder Fußball.

1. Spieltag: Ernüchterung mit Lichtblicken

Werder Bremen – FC Schalke 04 0:3 (0:1)

Ein 0:3 Heimniederlage zum Auftakt gegen Schalke kann man wohl nur als Fehlstart bezeichnen. Am Ende siegte ein nicht gerade überzeugende Schalker Mannschaft zu deutlich, aber verdient in Bremen.

Werder Bremen vs FC Schalke 04 Aufstellung

Alibi-Pressing und Scheindominanz

Etwas überraschend setzte Skripnik auf Levin Öztunali als zweiten Stürmer neben Ujah und zog Bartels dafür ins Mittelfeld zurück. Eggestein und Grillitsch rutschten dafür aus dem Team. Ansonsten begann Werder so wie erwartet, mit einem 4-4-2, das in Ballbesitz als Raute, gegen den Ball jedoch meistens als flache Vier im Mittelfeld ausgelegt wurde. Bartels gab somit häufig einen zweiten Sechser neben Bargfrede.

Schalke spielte ebenfalls in einem 4-4-2 mit einer Doppelspitze aus Di Santo und Huntelaar sowie einem Flügelfokus mit den offensivstarken Choupo-Moting und Draxler als äußere Mittelfeldspieler. Im Aufbau ließ sich Geis tief zwischen die Innenverteidiger fallen und verteilte von dort die Bälle. Die Außenverteidger rückten weit vor und es ergab sich eine Art 3-5-2/3-3-2-2.

Insgesamt war das Pressing auf beiden Seiten eher alibimäßig. Werder wollte Geis nicht zu viel Zeit am Ball geben und die beiden Stürmer liefen ihn früh an. Dahinter war der Abstand zum Mittelfeld jedoch recht groß weshalb es selten zu Balleroberungen direkt aus dem Angriffspressing kam. Auf der anderen Seite war es noch extremer. Während Geis durch seine tiefe Positionierung meist vor Ujah und Öztunali aufbaute, konnte Bargfrede häufig im Rücken der Schalker Stürmer angespielt werden. Die Bremer Innenverteidiger hatten mit Wiedwald und häufig auch mit dem zurückfallenden Ulisses Garcia genügend Optionen, um das Pressing von Di Santo und Huntelaar zu umspielen.

Dies sorgte für relativ viel Platz für Bargfrede, der häufig einige Schritte am Ball aufs Schalker Mittelfeld zu machen konnte, bevor er das Spiel verlagerte. Mit der Raute hatte Werder im Mittelfeld personelle Überzahl und kontrollierte diesen Raum ganz gut, ohne jedoch offensiv viel daraus zu machen. Häufig wurde der direkte Weg in die Spitze gesucht, indem ein scharfer Vertikalpass in den Rücken der Schalker Abwehr weitergeleitet wurde. Die Außenverteidiger wurden ebenfalls oft eingebunden, vor allem Garcia, der seine Stärke im Kombinationsspiel zeigen konnte.

Starker Matip entscheidet das Spiel

Torchancen sprangen für Werder jedoch kaum heraus, da Schalke im und am Strafraum sehr gut verteidigte und kaum Fehler beging. Dafür hatten die Schalker einige gute Kontergelegenheiten, bei denen Werder erst im letzten Moment klären konnte. Werder beging zu viele Fehler im Aufbau (Fritz!) und hatte daher etwas Glück, nicht früher in Rückstand zu geraten. Auch wenn Schalke in dieser Phase spielerisch keine Bäume ausriss, lag die Führung für die Gäste immer in der Luft.

Das 0:1 war ein Tor aus der Abteilung Slapstick, doch in seiner Entstehung zeigte sich, was an diesem Tag den Unterschied ausmachen sollte. Mit zunehmender Spielzeit waren es immer häufiger die Innenverteidiger, die mit aufrückten, um so Lücken in den gegnerischen Defensivverbund zu reißen. Auf Werders Seite war dies meistens Vestergaard, der einige kluge Verlagerungen spielte. Auf Schalkes Seite war es Joel Matip, der beste Spieler auf dem Platz. Defensiv spielte er nach meiner Erinnerung fehlerfrei und offensiv war er der entscheidende Faktor bei den ersten beiden Toren.

Man kann sich über mangelndes Rückwärtspressing der Stürmer beschweren, doch auch aus dem Mittelfeld fühlte sich niemand berufen, Matip 30 Meter vor dem Tor unter Druck zu setzen, so dass er unbedrängt zwei präzise Pässe in die Spitze spielen konnte, die das Spiel entschieden. Das Kontertor in der Schlussphase machte das Ergebnis für Werder zu einer ekeligen Angelegenheit, obwohl das Spiel eigentlich keinen solchen Leistungsunterschied zwischen den Teams hergab. Schalke siegte insgesamt verdient, weil das Team individuell stärker ist und in den entscheidenden Details besser war.

Da waren sie wieder, meine drei Probleme

Zu Beginn der zweiten Halbzeit hatte Werder die wohl stärkste Phase des Spiels und durch Bartels auch die beste Chance. Ansonsten bemühte man sich, den Ball in Richtung Spitze zu spielen, hatte aber offensiv wenig gute Ideen. Mit Ballbesitz kommt Werder weiterhin nicht gut klar, betreibt sehr viel Aufwand, der die Unzulänglichkeiten nur teilweise kaschieren kann. Auch individuell hatte Werders Offensive keinen guten Tag. Ujah wurde von Matip völlig aus dem Spiel genommen und Öztunali beendete nahezu alle seine Ballaktionen mit überhasteten Abspielen oder Abschlüssen.

Bartels steckt in einer Formkrise, ist für diese Art des Ballbesitzfußballs aber auch nicht gemacht. Seine (und auch Werders) Stärken konnte er kaum einmal ausspielen, denn Konter und Gegenpressing gab es nur vereinzelt zu sehen. Das restliche Mittelfeld zeigte sich gewohnt unkreativ und wenig passsicher. Es geht noch immer (zu) viel über Laufstärke und Kampf. Dabei kann man den Spielern nicht den Einsatz absprechen, mit dem sie sich in die nach dem 0:2 fast unlösbare Aufgabe geworfen haben.

Personell und taktisch muss sich das Trainerteam ein paar Fragen gefallen lassen. Warum mussten Grillitsch und Eggestein auf die Bank, obwohl sie in der Vorbereitung deutlich näher an einem Stammplatz waren, als Öztunali? Eggestein spielte zuletzt nicht überzeugend, doch Bartels war in diesem Spiel ein denkbar ungeeigneter Zehner. Warum wird Grillitsch dort nicht getestet? Warum stellte man taktisch auf ein flaches 4-4-2 gegen den Ball um, was in der Vorbereitung so nicht zu sehen war? Das Pressing wirkte in diesem System schlecht koordiniert. Der große Abstand zwischen Angriff und Mittelfeld war nicht nur hier ein Problem, sondern begünstigte auch die Entstehung der ersten beiden Tore.

Mut oder kalte Füße?

Nach dem ersten Spieltag müssen aber keine (neuen) Grundsatzfragen gestellt werden. Die Probleme sind bekannt, die Abhängigkeit von einzelnen Spielern auch. Sich hinter der der mangelnden Erfahrung des Teams zu verstecken, ist nach diesem Spiel nicht angebracht, da lediglich zwei Spieler unter 23 auf dem Platz standen und Schalkes Team im Schnitt sogar jünger war. Es war jedoch der unerfahrenste Spieler auf dem Platz, der den größten Mut bewies und dessen Leistung Hoffnung auf mehr machte, auch wenn Garcia am Ende für sein hohes Tempo bezahlen musste und in den letzten 15 Minuten deutlich nachließ.

Gegen Hertha wünsche ich mir wieder etwas mehr Mut seitens der Trainer und eine Ausrichtung, die mehr an die Stärken des Teams angepasst ist. Mit Ballbesitzfußball wird Werder nach heutigem Stand und in der aktuellen Besetzung nicht zum Erfolg kommen.

 

Meine Saisonvorschau 2015/16

Am Samstag beginnt für Werder in Würzburg die Pflichtspielsaison. Zeit für eine, nun ja, gar nicht mal so kurze Saisonvorschau. Was hat sich bei Werder im Sommer getan? Wie sind die Spieler drauf? Was ist dem jungen Team und dem jungen Trainer in den nächsten zehn Monaten zuzutrauen?

Tor – Große Auswahl, viele Verletzte

Im Tor hat Werder nach den vielen Wechseln der letzten 12 Monate ein Überangebot an Spielern. Gleich sechs Torhüter zählen zum erweiterten Profikader: Felix Wiedwald, Raphael Wolf, Ed Michael Zetterer, Raif Husic, Eric Oelschlägel und Tom Pachulski. Eigentlich sind nur die ersten drei Genannten für den Profikader vorgesehen, doch die Verletzungen von Wolf und Zetterer sowie Husics Teilnahme an der U19-EM bedeuteten eine Chance für die Nachwuchsleute Oelschlägel und Pachulski, sich im Trainingslager der Profis zu beweisen. Besonders Oelschlägel bekam viel Lob von Torwarttrainer Vander, aber zumindest vorerst müssen er und Pachulski den Weg zurück in die U23 bzw. U19 antreten.

Die klare Nummer 1 ist zum Saisonstart Rückkehrer Felix Wiedwald. Ein Duell mit Wolf fand wegen dessen Verletzung nicht statt, doch es gibt kaum jemanden im Werder-Umfeld, der ernsthaft daran gezweifelt hat, dass Wiedwald den Vorzug erhalten würde. Die Eindrücke aus den Testspielen waren bislang ziemlich gut und es besteht die Hoffnung, mit ihm einen sowohl selbstbewussten als auch relativ kompletten Torwart gefunden zu haben. Er wirkt deutlich aktiver im Strafraum als Wolf, antizipiert gut und traut sich auch den flachen Pass zu.

Raphael Wolf wird sich nach seiner Verletzung neu beweisen müssen, nachdem die letzte Saison ein Rückschritt für ihn war. Ich halte ihn nach wie vor für eine solide Nummer 2 bei einem Verein von Werders derzeitiger Kragenweite. Bei Teilen der Fans ist er aufgrund der Rückrunde allerdings verbrannt und ich glaube auch nicht wirklich, dass er eine Chance hat, Wiedwald im Tor zu verdrängen. Doch auch als Ersatztorwart könnte Wolf nur eine Übergangslösung sein, bis Zetterer, den ich bislang nur wenig einschätzen kann, soweit ist, seinen Platz einzunehmen. Die Frage ist natürlich auch, wie sich Wolf mit seinem neuen Status arrangiert. Da ein möglicher Abgang in diesem Sommer immer mal wieder diskutiert wurde: Mir ist mit Wolf im Kader wesentlich wohler. Fünf Torhüter, von denen keiner mehr als ein Dutzend Bundesligaspiele vorzuweisen hat, sind doch etwas dünn. In einem Jahr sieht die Situation aber eventuell schon ganz anders aus.

Die Hackordnung auf den Plätzen drei bis sieben scheint weit weniger in Stein gemeißelt, weil hier auch noch der erfahrene Tobias Duffner hinzukommt, der fest für die U23 eingeplant ist. Vor einem Jahr galt Raif Husic als die neue Torwarthoffnung für Werders Zukunft, heute muss er um seinen Status als Nummer 4 und damit die Aussicht, in der U23 zumindest auf der Bank zu sitzen, bangen. Es ist spannend, den Dreikampf zwischen ihm, Oelschlägel und Pachulski zu verfolgen, doch große Hoffnungen auf einen baldigen Durchbruch in den Bundesligakader mache ich mir nach den Enttäuschungen der Vorsaison auf dieser Position bei keinem von ihnen.

Eigentlich sind sieben Torhüter für drei Mannschaften (Profis, U23, U19) zu viel, doch das Verletzungspech von Wolf, Zetterer und nun auch Oelschlägel sorgt derzeit dafür, dass es genügend Einsatzmöglichkeiten gibt. Bis zum Ende der Transferperiode könnte sich die Situation allerdings noch ändern und eine Leihe von beispielsweise Husic ein Thema werden.

Innenverteidigung – Zwei Abgänge und doch kein Personalbedarf?

Nachdem die Problemstelle Innenverteidigung bereits im Winter angegangen wurde, ist es im Sommer trotz Prödls Abgang und Caldirolas Leihe sehr ruhig zugegangen. Mit Jannik Vestergaard und Alejandro Gálvez hat man bereits das Duo gefunden, das Werders Hintermannschaft endlich auch mal über einen längeren Zeitraum stabilisieren soll. Assani Lukimya ist nominell die Nummer 3, doch hat Gálvez in der Vorbereitung den Rang abgelaufen. Das dürfte vor allem an der noch etwas wackeligen Form des Spaniers liegen und nur von kurzer Dauer sein – allerdings dachte man das vor einem Jahr auch bei Caldirola. Die Gerüchte, die man über Gálvez Fitnesszustand zum Saisonbeginn hörte, waren jedenfalls nicht gerade ermutigend.

Eigentlich sollte ein fitter Gálvez schon aufgrund seiner guten Spieleröffnung gesetzt sein. Mit ihm und dem defensiv in eigentlich allen Bereichen starken Vestergaard hätte man eine gute Mischung in der Innenverteidigung. Leider konnten die beiden in der letzten Rückrunde nicht oft zusammen spielen. Von allen Innenverteidigerpärchen der letzten Jahre haben sie mir allerdings am besten gefallen. Großen Respekt muss man aber vor Lukimyas Hartnäckigkeit haben. Die Bundesligatauglichkeit wurde ihm oft genug abgesprochen und auch ich habe seinen Stil und seine mangelnde Grundtechnik häufig kritisiert. Dennoch ist er nicht nur immer noch im Kader, sondern macht den in der Hierarchie vor ihm stehenden Spielern ordentlich Druck. Ich werde zwar in diesem Leben kein Fan seiner Spielweise mehr werden, doch als Ergänzungsspieler ist er allein schon durch seine Zweikampfstärke gut zu gebrauchen.

Um die Position als Innenverteidiger Nummer 4 haben sich im Sommer die beiden Rückkehrer Mateo Pavlovic und Oliver Hüsing duelliert, wobei sich Hüsing dem Vernehmen nach durchgesetzt hat. Grundsätzlich finde ich die Option ok, bei nur 35-38 Saisonspielen auf einen Nachwuchsspieler als vierten Innenverteidiger zu setzen. Da Hüsing in seinem Stärken-/Schwächen-Profil aber eine gewisse Ähnlichkeit zu Lukimya aufweist, sehe ich das in diesem konkreten Fall etwas anders. Das Passspiel der Bremer Innenverteidiger ist seit Jahren auf dürftigem Niveau. Gálvez ist hier der einzige Lichtblick, doch schon in der letzten Rückrunde hat man gesehen, dass Werder seinen Ausfall nicht kompensieren konnte. Das Duo Vestergaard/Lukimya hat mir in dieser Hinsicht nicht gut gefallen.

Der Trainer mag das selbstverständig anders sehen, doch mir wäre mit einem weiteren aufbaustarken Innenverteidiger als Nummer 3 oder 4 weitaus wohler. Auch wenn andere Problemzonen dringender nach einer Lösung schreien und Werder knapp bei Kasse ist, wäre es nicht unmöglich, eine solche Lösung zu finden, wenn man sich gleichzeitig von Pavlovic und Hüsing oder Lukimya trennt.

Wie sinnvoll ein solcher Schritt wäre, hängt jedoch auch vom geplanten Stil im Spielaufbau ab. Skripnik wird nicht müde zu betonen, dass er Werder spielerisch wieder stärker machen möchte. Diese allgemeine Aussage lässt viel Interpretationsspielraum, doch bisher deutet die Vorbereitung daraufhin, dass Werder den Fokus auf Pressing und schnelles Umschaltspiel noch weiter verstärken möchte und sich der „spielerische“ Aspekt vor allem auf schnelles Direktpassspiel im letzten Drittel bezieht und weniger auf einen gepflegten Spielaufbau aus den eigenen Reihen. Das Mittel der Wahl dürfte für die Innenverteidiger auch weiterhin der lange, hohe Ball nach vorne sein, der dann im Gegenpressing erobert werden soll. In dieser Hinsicht zählen beim eröffnenden Pass die Positionierung des restlichen Teams sowie der richtige Zeitpunkt mehr, als die Präzision des Passes selbst. Dass Werder sich dessen ungeachtet auch in der Ballzirkulation und der Passgenauigkeit verbessern muss, dürfte allerdings auch klar sein. Ich sehe weder Lukimya noch Hüsing als Spieler, die Werder in dieser Hinsicht voranbringen.

Insgesamt ist Werder in der Innenverteidigung allerdings sehr solide aufgestellt und zumindest Vestergaard und Gálvez genügen auch höheren Ansprüchen. Wie sinnvoll ein Verbleib des inzwischen 25-jährigen Mateo Pavlovics als fünftes Rad am Wagen ist, müssen die Verantwortlichen beantworten. Vermutlich ist hier in erster Linie die fehlende Nachfrage der Grund, weshalb der Kroate noch auf Werders Payroll steht.

Außenverteidigung – Ein Plus an Qualität

Bei den Außenverteidigern entwickelte sich die letzte Saison deutlich anders als erwartet. War man vor einem Jahr auf der rechten Seite mit dem wackeligen Clemens Fritz weitaus anfälliger als links, wurde spätestens in der Rückrunde die linke Seite zum Problemkind. Santiago Garcia hatte mit Formproblemen und Verletzungen zu kämpfen, während Nachwuchsmann Janek Sternberg trotz einiger guter Anlagen letztlich kein Bundesliganiveau nachweisen konnte. Auf der anderen Seite war Theodor Gebre Selassie nach seiner Rückversetzung in die Viererkette die Konstanz in Person. Er profitierte dazu auch von der Tatsache, mit Clemens Fritz einen defensiv kompetenteren Spieler vor sich auf der Halbposition zu haben, als die anderen Beiden mit Zlatko Junuzovic.

Richtig viel getan hat sich im Sommer auf den ersten Blick nicht: Mit Ulisses Garcia wurde lediglich ein Nachwuchsmann für die linke Abwehrseite verpflichtet, dem ein direkter Sprung in die Bundesliga nicht unbedingt zugetraut wurde. Auf den zweiten Blick hat die Situation im Vergleich zur Vorsaison klar verbessert, da Garcia direkt einen starken Eindruck hinterließ und somit trotz der Verletzung seines Namensvetters keine allzu große Not besteht. Auf der anderen Seite ist Luca-Milan Zander endlich wieder fit und hat Marnon Busch wie erwartet den Rang als Nummer zwei bei den Rechtsverteidigern abgelaufen. Durch Clemens Fritz Sperre im Pokal und die Option, Gebre Selassie dafür ins Mittelfeld zu ziehen, besteht sogar die Chance auf einen Startelfeinsatz im ersten Pflichtspiel der Saison. Auffällig ist, dass sowohl U. Garcia als auch Zander klare spielerische Verstärkungen für das Team darstellen und trotz ihres jungen Alters schon sehr zuverlässig ihren Job erledigen.

Es stellt sich aber auch die Frage, wie mit den jeweils Dritten im Bunde Busch und Sternberg weiter verfahren werden soll. Durch den Aufstieg der U23 besteht nicht unbedingt die Notwendigkeit, sie zu verleihen, doch gerade bei Sternberg könnte ich mir vorstellen, dass die 3. Liga nach einem Jahr als erweiterter Stammspieler in einem Bundesligateam nicht mehr den größten Reiz hat. Eine Leihe in die 2. Bundesliga wäre eine sinnvolle Option, eventuell sogar ein Verkauf, falls man nicht mehr daran glaubt, dass er noch zu Bundesligaformat heranreift. Dagegen spricht jedoch ganz klar die Verletzung von S. Garcia, die einen Abgang zu einem großen Risiko werden ließe. Es dürfte sich also frühestens am Ende der Transferperiode noch etwas tun. Bei Marnon Busch hat sich eine mögliche Leihe nach Darmstadt zerschlagen und ich rechne nach Eichins klaren Worten mit seinem Verbleib in der U23.

Alles in allem sieht die Situation bei den Außenverteidigern so gut aus, wie schon lange nicht mehr bei Werder. Garcia und Zander werden noch Lehrgeld bezahlen müssen, doch beide sind von den Anlagen her zukünftige Stammspieler bei einem Club mit internationalen Ambitionen. Selassie ist flexibel genug einsetzbar, um Zander den Einstieg zu erleichtern und Santiago Garcia kann den Konkurrenzkampf hinten links richtig anheizen, wenn er wieder einhundertprozentig fit ist.

Defensives Mittelfeld – die ewige Problemzone

Das defensive Mittelfeld ist inzwischen schon traditionell eine große Problemzone in Werders Kader. Seit Frank Baumanns Karriereende vor sechs Jahren kann man die Neuzugänge auf dieser Position an einer halben Hand abzählen. Cedric Makiadi ist auf der Liste noch der prominenteste Name, doch dass dieser weder ein klassischer Sechser noch ein tiefer Spielgestalter ist, war schon vor seiner Verpflichtung klar. Da Skripnik mit seinen Rautenvarianten und dem als Alternative gehandelten 4-1-4-1 ganz klar auf einen alleinigen Sechser im Mittelfeld setzt, fällt der “Box-to-Box”-Spieler Makiadi für diese Position durchs Raster und kommt lediglich als Notlösung in Frage, ebenso wie der im rechten Mittelfeld zunächst gesetzte Clemens Fritz.

Der unter U23-Beobachtern und Taktikexperten hoch gehandelte Julian von Haacke dürfte nach seiner langen Verletzung noch kein Thema für diese Position sein und zunächst in der U23 eingesetzt werden. Mit seinen tollen spielerischen Anlagen ist er eine spannende Option für die Zukunft, doch schon seine Einsätze in der Vorbereitung zeigen, dass Skripnik ihn derzeit noch weiter vorne im Mittelfeld sieht. Lukas Fröde verkörpert eher den klassischen Sechsertyp und weckt daher nicht die ganz großen Hoffnungen. Auch bei ihm ist noch nicht klar, ob der Sprung in den Profifußball gelingen wird und ich sehe ihn momentan eigentlich nur als Kaderergänzung, die zwischen U23 und Profis pendelt. Angesichts der dünnen Personalsituation könnte er jedoch mehr Bundesligaminuten sammeln und unter Beweis stellen, dass er dort mithalten kann.

Der Platzhirsch auf der Sechserposition ist weiterhin Philipp Bargfrede, in meinen Augen eine gute, wenn auch keine optimale Lösung. Eigentlich würde ich Bargfrede wegen seiner nicht so ausgeprägten strategischen Fähigkeiten lieber in einer Doppelsechs oder rechts in der Raute sehen. Hinter diesen Überlegungen steht jedoch ein großes „Aber“: Bargfredes Verletzungshistorie macht es zu einer höchst fahrlässigen Angelegenheit, weiter mit ihm als Stammspieler für die Bundesliga zu planen. In den letzten drei Jahren kam Bargfrede auf gerade einmal 49 Bundesligaeinsätze, was durchschnittlich nicht einmal die Hälfte aller Saisonspiele bedeutet. Einen Grund, weshalb sich sein körperlicher Zustand in dieser Saison bessern sollte, sehe ich nicht. Es ist ihm zu wünschen, doch darauf bauen sollte der Verein nicht.

Bargfredes Ersatzmann Felix Kroos ist ein komplett anderer Spielertyp, sicherer im Passspiel, aber mit Problemen im Zweikampf und im Stellungsspiel. Seit zwei Jahren ist Kroos nun fest im Profikader eingeplant, ohne die Entwicklung zu nehmen, die man sich von ihm erhofft hat. Das sieht immer mal ganz nett aus, dann wieder ganz fürchterlich, was es den Verantwortlichen nicht einfach macht. Kroos ist weder so schlecht, dass man ihn aussortieren müsste, noch so gut, dass man mit ihm als Stammspieler planen könnte. Schon allein aufgrund Bargfredes Verletzungsanfälligkeit müsste er aber genau das sein: Ein Stammspieler, ein Sechser, der zuverlässig und beständig Leistungen bringt, die zumindest Bundesligamittelmaß bedeuten.

Mich verwundert (vielmehr: irritiert) die Haltung des Vereins zu der Position des Sechsers schon seit langer Zeit. Einerseits setzten die Trainer überwiegend auf Systeme mit einem alleinigen Sechser, was höhere Anforderungen an die Kandidaten stellt. Andererseits wird die Situation auf dieser Position völlig verkannt. Man wird nicht müde, Bargfredes Wichtigkeit zu betonen, während man sehenden Auges in eine weitere Saison ohne vernünftige Alternative geht. Angeblich hat intern inzwischen ein Umdenken stattgefunden, doch solange sich dies nicht personell bemerkbar macht, kann sich Werder davon wenig kaufen. Das Argument des klammen Geldbeutels lasse ich an dieser Stelle nicht gelten, denn für Offensivspieler ist wie in den Jahren zuvor durchaus ein stattliches Transferbudget vorhanden. Es ist vielmehr eine Frage der Prioritäten und die scheinen mir nach wie vor fragwürdig gesetzt.

Halbpositionen – Große Auswahl, schwierige Balance

Zu den Besonderheiten der Raute gehören die Halbpositionen im Mittelfeld, die es in dieser Form in anderen Formationen nicht gibt. Im Laufe der Jahre hat Werder hier höchst unterschiedliche Spielertypen eingesetzt und somit die Ausrichtung des Mittelfelds immer wieder angepasst. Vor allem diese beiden Spieler links und rechts in der Raute sind für deren Balance zuständig. Das Anforderungsprofil ist sehr komplex: Die Kandidaten müssen einerseits zentrale Mittelfeldspieler sein, haben andererseits aber keinen Außenspieler neben oder vor sich. Zu ihrem Aufgabengebiet gehören die defensive Unterstützung des Sechsers und Außenverteidigers, die offensive Unterstützung des Zehners und Stürmers, sowie eine gewisse Verantwortung in der Spielgestaltung. Anders als in einer flachen Vier gibt es im Defensivspiel häufig keinen Nebenmann, an dem man sich orientieren kann, weshalb es besonders auf das Raumgefühl der Spieler ankommt. Kurz: Ein Spieler auf der Halbposition muss eigentlich alles können. Da sich dies in der Praxis kaum vorfindet, kommt der Zusammensetzung der beiden Positionen eine große Bedeutung zu: Können die Schwächen des einen durch die Stärken des anderen kompensiert werden?

Wie passen in dieses Geflecht an Anforderungen nun die beiden Hauptakteure Clemens Fritz und Zlatko Junuzovic? Beide sind einerseits fast schon ideale Rautenspieler, weil sie gute Allrounder sind und sich in vielen Phasen des Spiels gut einbringen können. Zudem sind beide sehr beweglich und laufstark. Andererseits gibt es bei beiden auch gewisse Bedenken, was ihre Spielweise, vor allem in Kombination miteinander, angeht.

Fritz hat nach seinem schon länger andauernden Leistungsabbau als Rechtsverteidiger eine Position gefunden, auf der er Werder doch noch helfen kann. Die Lobgesänge auf den Kapitän hören nicht auf, was mich etwas ratlos zurücklässt. Unverkennbar sind der Einsatz und die Spielfreude, mit denen Fritz zu Werke geht. Szenenapplaus gibt es für gewonnene Dribblings und engagierte Zweikämpfe. Was dabei häufig ausgeblendet wird, sind die Schwächen, die Fritz ebenfalls an den Tag legt, die Fehler im Passspiel, die strategischen Unzulänglichkeiten. Seine in einem Jahrzehnt als Rechtsverteidiger angelernte vertikale Spielweise sieht auch im Mittelfeld gut aus, ist aber nur selten wirklich effektiv. Fritz lässt einfache Dinge kompliziert aussehen und erhält dann Lob dafür, dass er sie trotzdem bewältigt. Der herausgeholte Freistoß fällt also mehr ins Gewicht, als die verpasste Gelegenheit zum Abspiel und der gewonnene Defensivzweikampf mehr als der vorherige Fehlpass.

Damit möchte ich Fritz nicht (mehr) aufs Altengleis schieben. In der derzeitigen Kaderzusammensetzung hat er nicht nur seine Berechtigung sondern auch eine große Wichtigkeit. Der Mangel an Konkurrenz ist jedoch ein Problem, das Werder durch die Saison begleiten wird. Nahezu alle Kandidaten für die Halbpositionen sind offensiver eingestellt als Fritz und kommen daher nur in Kombination mit einer Änderung der oben beschriebenen Balance als Ersatz in Frage. Am ehesten könnte Theodor Gebre Selassie seine Position einnehmen, wenn Zander sich nicht wieder verletzt.

Was für Fritz gilt, gilt auch für Junuzovic – wenn auch ganz anders. Zieht man die gefährlichen Standards inklusive der direkten Freistöße ab, ist er für mich kein Kandidat für den “Spieler des Jahres”. Zieht man sie ab, ist Werder (zumindest auf Grundlage der letzten Saison) aber auch ein sehr eindeutiger Abstiegskandidat. Damit ist über Junuzovics Wichtigkeit eigentlich schon genügend gesagt. Seinen Stammplatz wird er ohne Frage sicher haben, solange er fit bleibt und sich kein anderer Spieler mit ähnlich guten Freistößen und Ecken hervortut.

Die Kritik an Junos angeblich rein aufs Läuferische beschränkte Spielweise kann ich weiterhin nicht nachvollziehen. Technisch zählt er ganz sicher zu den Besseren bei Werder und auch sein Passspiel ist brauchbar – in einem auf Konter ausgerichteten System sogar weit mehr als das. Was ihm leider ebenso fehlt wie Clemens Fritz ist das strategische Geschick. Eine Kluge Positionierung und das durchdachte Einleiten von Angriffszügen über mehrere Stationen sind nicht seine Sache. Gegen den Ball ist er zwar bissig, jedoch häufig auch zu spät dran, wenn es darum geht, sich ins Defensivspiel einzuschalten.

Die Liste der möglichen Alternativen ist lang, doch sie zeigt auch, wie schwierig die Wahl für das Trainergespann ist, wenn es darum geht, einen der Stammspieler zu ersetzen. Cedric Makiadi spielte letzte Saison für die Startelf kaum eine Rolle und es würde mich wundern, wenn er es in der neuen Saison täte. Eigentlich ist er aufgrund seines Gehalts ein klarer Verkaufskandidat, doch auch hier spricht wohl die mangelnde Nachfrage dagegen. Als Einwechseloption ist Makiadi jedoch weiterhin brauchbar und dank seiner Erfahrung auch nicht unwichtig. Julian von Haacke ist (siehe oben) aktuell noch nicht bereit für regelmäßige Einsätze in der Bundesliga und sollte genügend Zeit zur Stabilisierung erhalten. Izet Hajrovic und Levin Öztunali kamen zwar bereits auf den Halbpositionen zum Einsatz, sind jedoch mit den defensiven Aufgaben überfordert und gehören eigentlich weiter nach vorne. Mit Fin Bartels und dem aufstrebenden Florian Grillitsch stehen zwei weitere Spieler parat, die eigentlich weiter vorne anzutreffen sind, ihre Sache in der Raute aber auch gut machen. Hinzu kommen noch die jeweils nicht aufgestellten Kandidaten für die Sechserposition (Kroos, Fröde).

Man kann durchaus den Eindruck bekommen, dass die Halbposition auch ein Auffangbecken für alle Spieler ist, für die sich in Werders System keine rechte Position findet oder die auf ihrer besten Position nur Ersatz sind. Dafür sind die Anforderungen der Positionen – wie oben gezeigt – aber eigentlich zu komplex. Die Zeiten, in denen Werder hier die Wahl zwischen Allroundern wie Fabian Ernst, Tim Borowski, Torsten Frings, Krisztian Lisztes oder Daniel Jensen hatte, sind schon lange vorbei. Für sich genommen sind sowohl Junuzovic als auch mit Abstrichen Fritz gut geeignet für die Halbpositionen. Beide zusammen, noch dazu in Kombination mit einem Sechsertyp wie Bargfrede, sind jedoch auch eine klare Absage an Ballbesitzfußball und eine Verbesserung des Passspiels im Mittelfeld.

Offensives Mittelfeld – Spielwiese für den Nachwuchs

Anders als die Sechserposition ist die Zehnerposition und ihre Besetzung immer Thema in den Werder-nahen Medien. Kaum ein Artikel, in dem nicht Özil, Diego, Micoud und sogar Herzog bemüht werden, um den selbst gesteckten Anspruch an den “Spielmacher” zu betonen. Das Problem: Der einzige wirkliche offensive Spielmacher in Werders Kader heißt Levent Aycicek und ist im Kalenderjahr 2015 bislang das Sorgenkind. Nachdem er in der Rückrunde nicht überzeugen konnte und nur selten eingesetzt wurde, war die Vorbereitung auf die neue Saison ein weiterer Rückschritt. Über die Gründe dafür lässt sich viel spekulieren und diskutieren, aber Tatsache ist, dass Aycicek trotz seines überragenden Talents in der Bundesliga bislang noch nicht überzeugt hat und derzeit in der U23 nach seiner Form sucht.

Wie schon Robin Dutt experimentierte auch sein Nachfolger mit unterschiedlichen Spielertypen auf der Zehnerposition. Die beste Figur machte dabei in der letzten Saison Fin Bartels, der mit seiner Beweglichkeit und seinem guten Gespür für Kontersituationen eine für Werder völlig neue Komponente auf der Position einbrachte. Eher enttäuschend waren Levin Öztunalis Auftritte als Zehner. Bei ihm kann man gut sehen, dass der Übergang zum Profifußball noch nicht komplett vollzogen ist. Er verlässt sich noch zu sehr auf seine individuelle Klasse am Ball und sucht zu selten das Zusammenspiel, was gerade auf dieser Position schwierig ist. In dieser Hinsicht haben Überflieger im Nachwuchsbereich vielleicht auch einen Nachteil, denn bis zur letzten Stufe vor dem Profifußball kommen sie problemlos damit durch. Öztunali sehe ich derzeit eher als Option für einen zweiten Stürmer oder eine Außenposition (wenn das System umgestellt wird). Er wird aber sicherlich auch Chancen auf der Zehn bekommen.

Der Sieger der Vorbereitung heißt im offensiven MiIttelfeld ganz klar Maximilian Eggestein. Auch er ist kein wirklicher Spielmachertyp, aber aus anderen Gründen. Sein Passspiel ist auf hohem Niveau und es macht großen Spaß ihm dabei zuzuschauen. Körperlich hat er noch ein paar Defizite und Schnelligkeit gehört nicht unbedingt zu seinen Stärken, aber dafür ist er ein Spieler, der die Stürmer gut einsetzen kann, eine gute Übersicht hat und in Verbund mit seiner Technik dadurch sehr vertikal spielen kann. Als großer Stratege ist er mir dagegen bislang nicht aufgefallen und an seiner Präsenz muss er arbeiten. Gut gefallen mir jetzt schon seine Bewegungen ohne Ball.

Ein weiterer Kandidat hat sich im Testspiel gegen West Ham herauskristallisiert, wo das Spiel oft an Eggestein vorbei lief und dafür Florian Grillitsch auf der rechten Halbposition mit Spielmacherqualitäten auf sich aufmerksam machen konnte. Ob es ausreicht, um Eggestein dort zu verdrängen, ist schwer zu sagen. Testen kann man ihn dort aber allemal. Bei Özkan Yildirim, der sein einziges Spiel in der letzten Saison ebenfalls auf der Zehn bestritt, bin ich sehr vorsichtig geworden und rechne auch in dieser Saison nicht mit ihm, sondern wünsche ihm vor allem, dass sein Körper irgendwann einmal mitspielt und er überhaupt wieder “richtig” Fußballspielen kann.

Sowohl bei Eggestein als auch weiterhin bei Aycicek habe ich die Phantasie, dass sie in dieser Saison den Durchbruch in der Bundesliga schaffen können. Bartels ist der einzige erfahrene Kandidat und in Werders Kontersystem einer, der die Rolle auf der Zehn zuverlässig ausfüllen kann. Insgesamt kann ich die Sehnsucht nach einem neuen Micoud oder Diego zwar nachvollziehen, doch es war nicht zuletzt die Suche nach einem solchen Spieler, die dazu geführt hat, dass Werder in der Vergangenheit einige taktische Entwicklungen verschlief und mit Spielern wie Ekici oder Wesley auf die Nase gefallen ist. Insgesamt ist Werder hier ordentlich besetzt, mit viel Potenzial für die nächsten Jahre.

Angriff – Alles auf Ujah

Selke verkauft, Di Santo verkauft, Petersen verkauft, Lorenzen mit körperlichen Problemen. Vom Angriff der letzten Saison sind nur noch die “Mehr-oder-weniger-Stürmer” Fin Bartels und Izet Hajrovic übrig. Da Viktor Skripnik jedoch derzeit ein System mit zwei “echten” Spitzen bevorzugt, musste Werder hier im Sommer ordentlich klotzen.

Mit Anthony Ujah wurde ein torgefährlicher Spieler verpflichtet, der sehr gut zu Werders Konterfokus passt. Spielerisch ist Ujah sicherlich kein Überflieger, aber seine Technik genügt, um in den meisten Disziplinen eines Stürmers gut abzuschneiden. Ujah kann Bälle behaupten, auf einigermaßen engem Raum kombinieren, flache wie hohe Zuspiele verarbeiten. Dazu positioniert er sich in Tornähe clever und verfügt über einen guten Torabschluss. In der Vorbereitung wirkte er bereits sehr gut integriert und man braucht wenig Phantasie, um zu dem Schluss zu kommen, dass er auch in der Bundesliga ein Gewinn für Werder sein wird. Schade, dass es nicht zu einem Zusammenspiel mit Di Santo kommen wird, denn die beiden sahen im Gespann wirklich vielversprechend aus.

Kurz vor dem Pflichtspielstart wurde mit Aron Johannsson ein weiterer Stürmer verpflichtet. Da ich die niederländische Liga nicht wirklich verfolge, fällt mir eine Einschätzung schwer. Johannssons Leistungsdaten lesen sich gut, werden sich so aber nicht auf die Bundesliga übertragen lassen. Zumindest scheint er ein umtriebiger und kombinationssicherer Stürmer zu sein, was sicherlich nicht schaden kann. Die kolportierten viereinhalb Millionen Euro Ablöse hätte ich lieber in ins defensive Mittelfeld investiert, aber vielleicht belehrt mich Johannsson hier ja eines besseren.

Die Notwendigkeit einer weiteren Neuverpflichtung im Angriff lag auch darin begründet, dass die zweite Reihe hier derzeit im Vergleich zu anderen Positionen recht weit weg ist. Melvyn Lorenzen traue ich durchaus zu, diese Saison eine Entwicklung wie Selke letztes Jahr hinzulegen. Dagegen sprechen jedoch seine andauernden Verletzungsprobleme, die eine schnelle Rückkehr in den Bundesligakader fraglich erscheinen lassen. Sehr erfreulich ist es daher, dass Ousman Manneh so eine erstaunliche Entwicklung hingelegt und auch die Chance bei den Profis erhalten hat. Das Testspiel gegen West Ham hat hier zwar gezeigt, dass der Weg nach oben für ihn nicht linear verläuft, aber auch hier ist Selkes Werdegang ein gutes Beispiel dafür, dass man sich mit harter Arbeit oben festbeißen kann. Die Erwartungshaltung sollte jedoch nicht in diese Richtung gehen. Sollte Manneh in dieser Saison überwiegend in der U23 zum Einsatz kommen, wäre das ganz sicher kein Rückschritt für den Jungen, der vor etwas mehr als einem Jahr noch in der Wilden Liga gekickt hat.

Ob Johannes Eggestein, Maximilians jüngerer Bruder, in dieser Saison schon ein Thema für die Profis wird, bleibt offen. Dem letzte Saison noch in der U17 angesiedelten Angreifer werden große Taten zugetraut und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis er auch für Skripnik eine ernsthafte Option darstellt. In dieser Saison gehört er zum Stamm der U19, doch es bleibt abzuwarten, ob er dort ausreichend gefordert wird. In der letzten Saison erzielte er in seinem ersten Einsatz in der U19-Bundesliga direkt fünf Tore, von seiner beachtlichen Quote in der U17 ganz zu schweigen. Es würde mich nicht wundern, wenn er in dieser Saison zumindest sporadisch schon im Bundesligakader auftaucht und bei entsprechender Personallage sein Debüt feiert. Sollte dies vor Ende April geschehen, würde er damit übrigens Thomas Schaaf als jüngsten Bremer Bundesligaspieler ablösen.

Auch wenn ich Skripniks Überlegungen in puncto Pressing und Vertikalität nachvollziehen kann, gefällt mir eine Variante mit einer eher hängenden Spitze vor der Raute weiterhin gut, gerade wenn sie gegen den Ball als 4-3-2-1 interpretiert wird,  Der geeignetste Kandidat für diese Position ist Fin Bartels, der mich in der Vorbereitung aber nicht unbedingt überzeugt hat und dem ein wenig die Spritzigkeit zu fehlen scheint. Von Izet Hajrovic erwarte ich nicht mehr viel, obwohl er für eine solche Position natürlich auch in Frage käme. Seine Ansätze wecken in mir wenig Phantasie, dass er sein Spiel so umstellen könnte, um eine wirklich passende Position in Werders System zu finden. Warum man einen eher eindimensionalen Außenstürmer im Kader behalten sollte, erschließt sich mir nicht, daher rechne ich noch mit einem Abgang, sofern Werder ein vernünftiges Angebot bekommt. Weitere Kandidaten für eine hängende Stürmerposition wären Levin Öztunali, Florian Grillitsch und eventuell auch Özkan Yildirim.

Mit Ujah gibt es zunächst eine klare Nummer eins in der Stürmerhierarchie. Je nachdem wie sich Johannsson schlägt, wird es immer wieder Chancen für die Nachwuchsleute geben und auch die Offensivleute, die keine Vollblutstürmer sind, werden dort zum Einsatz kommen. Da im Angriff die Transferausgaben mit Abstand am höchsten waren, ist die Erwartungshaltung entsprechend. Die Fußstapfen von Di Santo und Selke sind nicht die kleinsten, auch wenn sie kein perfekt harmonierendes Duo waren.

Das 4-1-4-1 als Alternative?

Da Skripnik auf die Raute als Grundsystem fixiert ist, kann ich mir eine große Taktikdiskussion sparen. In der Sommerpause wurde allerdings das 4-1-4-1 als Alternativsystem getestet. Ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich, das wir dieses System häufig zu sehen bekommen, aber interessant ist es schon, weil es eine Variante ist, die Spielern wie Hajrovic oder Öztunali zu Gute kommen könnte.

Wie unterschiedlich das 4-1-4-1 interpretiert werden kann, zeigt ein Vergleich des Werdersystems von 2012/13 und dem System, das beispielsweise Portugal bei der Europameisterschaf 2012 spielte. Auf dem Papier ändert sich im Vergleich zur Raute nur die Formation im Angriff, wo nur eine Spitze, kein Zehner, dafür aber zwei Außenstürmer ins Spiel kommen. Im Mittelfeld bleibt es bei einer “1-2-Stellung” mit einem Sechser und zwei Achtern. Die Dynamik ändert sich jedoch auch im Mittelfeld grundlegend. Mindestens einer der Achter muss sich ins Offensivpressing einschalten, will man dem Gegner nicht komplett das Spiel überlassen. Je nachdem wie hoch sich die Flügelstürmer positionieren, wird das System gegen den Ball zu einem 4-3-3, 4-5-1 oder 4-1-3-1-1.

Genug zur Theorie, im Wesentlichen kommen zwei neue Positionen auf den Außenbahnen hinzu, für die Werder nicht allzu viele, aber doch ein paar Kandidaten hat. Hajrovic ist wohl der Spieler, der am offensichtlichsten von diesem System profitieren würde. Als Rechtsaußen kann er seine Stärken am besten einbringen. Die Einsätze im flachen 4-4-2 zeigten allerdings auch, dass er relativ weit vorne eingesetzt werden muss und sich auf Höhe der Mittellinie auch auf dem rechten Flügel häufig verzettelt. Levin Öztunali könnte mit seiner Dribbelstärke auf beiden Seiten eingesetzt werden. Auch Fin Bartels ist die Position nicht fremd, obwohl ich ihn zentral deutlich lieber sehe. Lorenzen bietet sich aufgrund seiner Schnelligkeit ebenfalls an, wenngleich auch er kein prototypischer Flügelspieler ist. Für Spieler wie Aycicek, Grillitsch oder Junuzovic wäre die Position hingegen nicht gut geeignet.

An dieser Stelle zeigt sich auch schon, warum das 4-1-4-1 nur bedingt für den aktuellen Kader geeignet ist. Selbst wenn man den langzeitverletzten Yildirim mit berücksichtigt, hätte man nur 3-4 Spieler für zwei Positionen und müsste zugleich mindestens einen Stammspieler opfern. Von den veränderten Anforderungen an die Achter ganz zu schweigen. Ich denke, wir werden das System eher mal in seiner defensiveren Ausprägung in der Schlussphase einer Partie sehen, in der eine Führung verteidigt werden muss (dann eventuell mit gelernten Außenverteidigern im Mittelfeld). Bei Rückstand kurz vor Schluss kommt eher ein echtes 4-3-3 oder sogar 4-2-4 in Frage.

Trainerbank – Wie gut ist Skripnik wirklich?

Die Frage nach Skripniks wahrer Qualität begleitet nun bereits einen Großteil seiner Zeit als Cheftrainer der Profis. Es gibt große Unterschiede bei der Wahrnehmung seiner bisherigen Amtszeit. Unter Werderfans hat er schnell einen Kultstatus erreicht, der weit über die sportlichen Erfolge hinausgeht. Man könnte den Eindruck bekommen, dass er bereits heute als Trainer für die nächsten zehn Jahre feststeht. Von außerhalb wird Skripnik dagegen teilweise auf die Erfolgsserie im letzten Winter reduziert, die durch die fußballerisch eher dünnen Leistungen in der Schlussphase der Saison konterkariert wird. Beides tut dem Trainer Viktor Skripnik unrecht.

Betrachtet man die Hypothek, mit der er im Herbst bei Werder an den Start gegangen ist, gehörte weitaus mehr als eine kleine Serie dazu, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Diskussionen zu der damaligen Zeit, als die Behauptung en vogue war, Werders Kader reiche kaum für die 2. Bundesliga. Nur vier Mannschaften holten in der restlichen Saison mehr Punkte als Werder unter VIktor Skripnik, selbst Dortmund mit seinem starken Saisonendspurt kam nur auf die gleiche Punktzahl. Dennoch wurde Skripniks Leistung nicht von allen gewürdigt, die in Werder vor neun Monaten einen sicheren Absteiger sahen.

Die Ansicht, dass sich Werder unter Skripnik schon auf Europa League Niveau befindet, ist jedoch ebenso falsch. Die Besonderheiten der letzten Saison erschweren eine Einordnung. Zieht man die großen Ausschläge nach unten (Saisonstart) und oben (Serie im Winter) ab, war Werder zumeist eine recht durchschnittliche Bundesligamannschaft. Das ist im Angesicht der sportlichen Talfahrt ab 2010 und der Kaderentwicklung ein Erfolg, den sich Skripnik und sein Trainerteam zuschreiben können.

In taktischer Hinsicht hat Skripnik seit seiner Amtsübernahme hinzugelernt und sich als pragmatischer Trainer erwiesen, der zwar klare Vorstellungen von dem Fußball hat, den er von seinem Team gerne sehen möchte, aber diese nicht über die Gegebenheiten des Kaders stellt. Von daher könnte es sogar ein Vorteil für ihn gewesen sein, dass er mitten in der Saison anfangen musste und wenig Einfluss auf die Kaderzusammensetzung hatte. Vielleicht wäre er ansonsten mit mehr Idealismus und im schlimmsten Fall Naivität an die Sache herangegangen (selbstverständlich reine Spekulation). Aus dem Nachwuchs war er es gewohnt, dass seine Teams zu den spielerisch besten der jeweiligen Ligen zählten und daher viel dominanter auftreten konnten. Sein Satz vor Beginn der Siegesserie im Winter hängt mir jedenfalls noch immer im Ohr: “Wir haben als Trainerteam nicht so viel Erfahrung gehabt in der Bundesliga, aber jetzt wissen wir, wo es langgeht.”

Für Skripnik und sein Trainerteam wird die zweite Saison ein echter Härtetest. Die Erwartungshaltung ist hoch, das Vertrauen groß, die Mittel überschaubar. Gerade für das junge Bremer Team ist Skripnik meiner Meinung nach der ideale Trainer. Das Bundesligageschäft ist allerdings gnadenlos und auch Skripnik muss weiterhin dazulernen, um dort langfristig bestehen zu können. Solange sein Team nicht in eine richtig tiefe und anhaltende Krise schlittert, hat er jedoch einen der sichersten Trainerstühle der Liga inne.

Fazit

Das Fazit meiner Saisonvorschau lautet vor allem: Ich freue mich wie schon lange nicht mehr auf diese Saison. Werders Kader ist eine Wundertüte, mit der vieles möglich, aber wenig sicher ist. In puncto Bundesligaerfahrung spielt man am unteren Ende mit, hat mit einigem guten Willen 15-16 gestandene Profis in den eigenen Reihen. Trotz der beschriebenen Defizite, die ich im Kader noch sehe, beeindruckt mich die Konsequenz mit der die Verantwortlichen nun auf die Jugend setzen. Es sei dahingestellt, inwieweit sie wirtschaftlich dazu gezwungen sind, doch die Zeiten in denen es zwanzigjährige Debütanten nur in Ausnahmefällen gab, sind erstmal vorbei. Gleich elf Spieler aus dem Profikader sind nicht älter als 21 Jahre. Auf sechs Positionen ist einer der beiden wahrscheinlichsten Kandidaten ein Nachwuchsspieler.

Das größte Problem könnte eine zu hohe Erwartungshaltung im Umfeld sein. Von Talenten wie Zander, von Haacke, Aycicek, den Eggestein-Brüdern, Ulisses Garcia und Manneh darf man sich ohne Zweifel viel versprechen. Für jeden dieser Spieler wäre es jedoch schon ein Erfolg, sich in Werders erster Elf festzusetzen und sich in der Bundesliga zu etablieren. Daher ist für mich absolut nicht gesagt, dass Werder mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird, auch wenn das Thema Klassenerhalt nicht groß thematisiert wird derzeit. Die Schere in der Bundesliga sorgt dafür, dass zwischen Platz 7 und Platz 16 nur Details den Unterschied machen. Um das internationale Geschäft anpeilen zu können, muss Werder wie so viele andere auch, auf einen Ausrutscher von Dortmund, Schalke, Leverkusen, Gladbach oder Wolfsburg hoffen und zugleich Best-of-the-Rest werden. Dass so etwas keine Utopie ist, zeigen die Beispiele Augsburg, Mainz und Freiburg aus den letzten Jahren.

Die drei frühzeitig feststehenden Neuzugänge haben in der Vorbereitung soweit überzeugt, dass sie zum Saisonbeginn einen Stammplatz innehaben. Sollte es Werder noch gelingen, nach Eljero Elia auch den aussortierten Ludovic Obraniak (eventuell auch noch Izet Hajrovic) zu verkaufen und im Gegenzug einen akzeptablen Sechser zu verpflichten, wäre ich mit der Transferperiode unter den gegebenen Voraussetzungen sehr zufrieden.

Betrachtet man Werders Kaderstruktur, wird deutlich, warum die Verantwortlichen so hartnäckig um den Verbleib von Clemens Fritz gekämpft und auch einen rein sportlich sinnvollen Verkauf von Cedric Makiadi nicht forciert haben. Bundesligaerfahrung ist ein knappes Gut geworden in Bremen. Dafür ist die Identifikation mit der Mannschaft nun umso größer, angeführt von einem sehr beliebten Trainerteam, ein paar langjährigen Spielern und vielen jungen Talenten aus dem eigenen Nachwuchs (wobei an dieser Stelle unerheblich ist, ob die Spieler mit 6 oder mit 18 nach Bremen gekommen sind). Wie lange dies im Falle eines sportlichen Absturzes wie zu Beginn der letzten Saison der Fall wäre, werden wir hoffentlich nicht herausfinden.

Und jetzt, nach 5.789 Wörtern, darf es dann auch endlich losgehen.

Letzter Test mit wenig Aussagekraft

West Ham United – Werder Bremen 1:2 (1:2)

Werder bleibt in der Vorbereitung ungeschlagen und geht mit einer Serie von zehn Siegen und einem Unentschieden in die neue Saison. Gegen West Ham wurde das ersatzgeschwächte Team von Viktor Skripnik gut gefordert, auch wenn das Spiel insgesamt auf spielerisch und läuferisch überschauberem Niveau war.

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West Ham dominiert die Anfangsphase

Skripnik formierte sein Team so wie erwartet und stellte die Spieler auf, die – bis auf die eventuellen Rückkehrer Junuzovic und Bargfrede – auch beim Pokalspiel in Würzburg auf dem Platz stehen dürften. Bartels stürmte neben Ujah, unterstützt von einem etwas improvisierten Mittelfeld, in dem Kroos den Sechser gab, Fritz auf die linke Halbposition wechselte und Grillitsch die Rolle von Junuzovic einnehmen sollte. Maximilian Eggestein spielte hinter den Spitzen.

Der Europa League Teilnehmer aus London, der sich bereits mitten in der Saison befindet, lief in einem 4-2-3-1 und mit einer durchaus ernsthaften Startelf auf. Sturmspitze Sakho und sein Hintermann Zarate stellten Werders Defensive in der Anfangsphase vor einige Probleme, doch es war vor allem Außenstürmer Payet, den die Bremer nicht in den Griff bekamen.

Werder stand zunächst tief und agierte abwartend. Bis ca. 35 Meter vor dem Tor konnte West Ham recht problemlos den Raum im Zentrum kontrollieren und das Spiel von dort auf die Flügel leiten. Werder versuchte schnell zu doppeln und dabei kompakt zu verschieben, damit die Raute nicht zu sehr in die Breite gezogen wird. Das gab West Ham wiederum die Gelegenheit zu gefährlichen Seitenverlagerungen, wovon es zwar insgesamt wenige gab, eine jedoch zum Führungstreffer von Sakho reichte. Fritz und Garcia versuchten Payet auch hier zu doppeln, doch letztlich hatte der Franzose genug Zeit, eine präzise Flanke zwischen die Innenverteidiger zu schlagen. Die Führung war folgerichtig, da die Gastgeber in den ersten 20 Minuten die klar bessere Mannschaft waren.

Ujah dreht das Spiel, Neuzugänge überzeugen

Der Ausgleich fiel dennoch direkt im Anschluss, weil der schwache Adrian einen mittig platzierten Fernschuss von Ujah durchrutschen ließ. In der Folge fand sich Werder etwas besser zurecht, wurde defensiv stabiler und im Mittelfeld präsenter. Die insgesamt doch recht instabile und bindungslose Mittelfeldraute wusste zumindest phasenweise zu gefallen. Nun wurde auch deutlich, dass West Ham abgesehen von den individuell starken Payet, Zarate und Sakho eine spielerisch sehr durchschnittliche Mannschaft ist. Mit dem Bremer Pressing kamen sie überhaupt nicht zurecht und begannen zu bolzen, sobald Ujah, Bartels und Eggestein früh drauf schoben. Hohes Angriffspressing gab es dennoch nur wenig zu sehen, wie insgesamt das Spiel nicht das höchste Tempo hatte.

Auch spielerisch war die Partie nichts für Feinschmecker, es waren eher Einzelaktionen von Grillitsch, Ujah, Fritz und dem auffälligen Ulisses Garcia, die überzeugten. Letzterer war es auch, der mit einem Dribbling und einem guten Pass auf Ujah das 2:1 einleitete. Offensiv konnte er einige Akzente setzen und wirkt sehr komplett in seinem Spiel. Defensiv ist er zumindest in den Zweikämpfen deutlich stärker als Konkurrent Sternberg, den er abgehängt zu haben scheint. Ujah wiederum setzte sich im eins gegen eins sehenswert durch und schloss präzise ab. Auch er scheint ein richtiger Gewinn für Werder zu werden und passt sehr gut zum Bremer Stil. Auch der dritte Neuzugang lieferte eine überzeugende Partie ab. Felix Wiedwald hatte wenige richtig brenzlige Situationen im Tor zu überstehen, spielte aber gut mit, war sehr aufmerksam und antizipierte gut.

Grillitsch und Zander nutzen ihre Chance

Von den Nachwuchsleuten überzeugte mich Grillitsch mehr als Eggestein, der entweder einen schlechten Tag hatte oder noch nicht ganz bereit für höhere Aufgaben ist. Körperlich hat er auf dem Niveau noch Defizite und ist auch sonst wohl eher Durchlauferhitzer als Spielgestalter. Seine starke Technik blitzte jedoch immer wieder auf und besser eingebunden könnte er im Bremer Konterspiel ein wichtiger Faktor werden. Luca Zander wusste nach seiner Einwechslung ebenfalls zu Gefallen. Er macht für sein Alter erstaunlich wenige Fehler, spielt auf den ersten Blick unspektakulär, aber immer durchdacht und technisch sauber, womit er bei Werder schon heraussticht. Im Zusammenspiel mit Gebre Selassie könnte er im Pokal durchaus ein Kandidat für die Startelf sein, wo Fritz verletzt gesperrt fehlen wird.

In der zweiten Halbzeit verflachte das Spiel weiter, West Ham wechselte munter durch, bei Werder kamen neben Zander noch Fröde und Manneh ins Spiel. Fröde machte seine Sache im defensiven Mittelfeld ganz gut, fiel im Vergleich zu Kroos nicht sonderlich ab. Manneh war seine Aufregung anzumerken. Viel gelang ihm nicht, auch wenn ihm ein Elfmeter verwehrt wurde. Ihn auf diesem Niveau zu testen ist absolut richtig, gerade weil eine Planstelle im Angriff noch offen ist und andere Offensivspieler wie Aycicek, Hajrovic, Lorenzen und Öztunali nicht überzeugen bzw. verletzt sind.

Die Ergebnisse der Vorbereitung gilt es wie immer mit viel Vorsicht zu genießen. Werder zeigte phasenweise tolle Offensivkombinationen wie gegen Sevilla und Salzburg, hielt die Gegentore in Grenzen und geht mit einer mehr oder weniger klaren ersten Elf in die Saison. Auf der anderen Seite werden die Defizite im Aufbau, im Positionsspiel, in der Ballrotation immer wieder deutlich. Gegen West Ham gab es eine Situation, in der Kroos als hinterster Mittelfeldspieler 25 Meter vor dem gegnerischen Tor mit vollem Risiko in einen Zweikampf geht und den Ball verliert. Solange man etwas Platz hat, der Gegner nicht 100% Tempo geht oder allgemein unterklassig ist, macht das nicht viel aus. Im Pokal gegen die aggressiven Würzburger wird es aber eine andere Nummer. Hier wird Werder mehr Eigeninitiative in der Spielgestaltung zeigen müssen und kann sich weniger auf Pressing und Umschaltspiel verlassen.