Aus. Vorbei.

Werder Bremen – 1. FC Köln 0:1 (0:0)

Ich bin selten nach einem Spiel wortkarg, aber heute ist solch ein Tag. Eine bittere wie verdiente Niederlage gegen Köln beendet in Bremen die Ära Dutt.

Zum Spiel will ich ausnahmsweise mal nicht viel schreiben. Es gab ein paar interessante Ansätze im Spielaufbau, die Rückkehr zur Raute (als 4-1-3-2 mit gelegentlichem Hang zum 4-3-3), einen letzten Akt von Solidarität seitens der Fans. Vor allem aber gab es viel von dem zu sehen, was man als Werderfan schon gewohnt ist. Hohe Bälle, Linksüberladungen, haarsträubende Fehler im Passspiel, merkwürdige Aufbaustrukturen (wozu lässt sich Galvez zwischen die Innenverteidiger fallen, wenn die zentralen Räume zwischen vorderster und letzter Linie teilweise gar nicht besetzt werden?) und zu guter Letzt den Offenbarungseid des Trainers.

In einem Heimspiel gegen einen Aufsteiger, das unbedingt gewonnen werden muss, nach 60 Minuten Lukimya und Gebre Selassie einwechseln zu wollen, ist schon sehr verstörend. Nach dem Gegentor war es dann Petersen statt Lukimya, der eingewechselt wurde, und spätestens nach der Einwechslung Selkes für Makiadi wurde das Mittelfeld komplett aufgegeben. Zwanzig Minuten lang hohe Bälle auf die drei Stürmer. Zwei ernsthafte Torchancen in 90 Minuten, beide durch Fernschüsse. Hinterher die Aussage des Trainers, dass er nicht mehr daran geglaubt habe, dass sein Team es spielerisch schafft. Nach diesem Spiel ist Dutt nicht mehr zu halten (wenn die Geschäftsführung es denn überhaupt wollte).

Die Kritik am Trainer soll keinesfalls die Spieler von ihrer Verantwortung freisprechen.  Die individuellen Leistungen waren fast durch die Bank mäßig bis schwach. Letztlich hat ihr aber wohl auch der Glaube gefehlt, das Spiel nach dem 0:1 noch drehen zu können. Ich habe selten eine so miese Schlussphase gesehen. Gerade deshalb braucht diese Mannschaft aber einen Trainer, der sie wieder aufbaut, der die kargen spielerischen Elemente im Spiel versucht zu verbessern und der ihr ein Stück Vertrauen entgegenbringt.

Vielleicht steigen wir trotzdem ab, aber zumindest nicht so.

Betriebsausflug

Bayern München – Werder Bremen 6:0 (4:0)

Man sollte meinen, dass man als Werderfan nach den letzten Jahren seine Erwartungen und Ansprüche schon genug heruntergeschraubt hätte. Nach der fußballerisch miserablen letzten Hinrunde und dem ebenso schwachen Start ins Jahr 2014 dachte ich, dass wir die Talsohle des Bremer Niedergangs inzwischen durchschritten hätten. Nach acht Spieltagen der neuen Saison muss man festhalten, dass die Leistungssteigerung im Frühling und die damit verbundenen Hoffnungen für 2014/15 wohl nur ein Zwischenhoch waren. Werder steht auf dem letzten Platz der Tabelle und das zu Recht.

Kein Torschuss, kein Offensivkonzept

Ein Spiel in München, gegen den nominell haushoch überlegenen ehemaligen Konkurrenten FC Bayern, taugt nach Meinung vieler nicht als Maßstab für Werders Leistung und ist insofern ein Spiel außer Wertung. Das sehe ich komplett anders. Zwar machte die Mannschaft durchaus den Eindruck, dass dieses Spiel und das Ergebnis für Werder nicht groß von Bedeutung wären, doch gerade das macht es so wichtig: Das letzte Feigenblatt, das Robin Dutt zuletzt als letztes Argument gegen eine Entlassung noch vorgehalten wurde, nämlich die gute Einstellung und Mentalität der Mannschaft, ist nun weggefallen.

Zur Einordnung der Niederlage genügen die nackten Zahlen nicht, obwohl die zweifelhafte Ehre, als erstes Team seit Anbeginn der Datenerhebung 1993 ohne einen einzigen Torschuss ein Spiel bestritten zu haben, bereits für sich spricht. Vor einem Jahr durfte ich das historische 0:7 gegen die Bayern im Stadion verfolgen, doch selbst in jenem Spiel zeigte Werder eine marginal bessere Leistung als an diesem achten Spieltag. Offensiv lässt sich Werders Spiel mit dem Hinweis auf das einzige Stilmittel, das seit Dutts Amtsantritt konsequent zur Anwendung kommt, vollständig beschreiben: Abstöße, Abschläge und lange Pässe an die linke Seitenauslinie bei gleichzeitiger Überladung der linken Spielfeldhälfte. Das Problem ist nicht, dass dieses Stilmittel per se schlecht wäre (auch wenn es freilich gegen Bayern nicht funktionierte), das Problem ist, dass es, wie leider viel zu oft, das einzige erkennbare offensive Stilmittel war. Die Offensive kann daher getrost als nicht existent bezeichnet werden.

Angst fressen Defensive auf

Gegen den Ball, was gegen Bayern fast die gesamte Spielzeit beinhaltet, spielte Werder zu Beginn noch einigermaßen variabel und versuchte bei Gelegenheit, etwas weiter in die gegnerische Hälfte zu verschieben und mutiger den Spielaufbau der Bayern anzulaufen (von Angriffspressing will ich nicht unbedingt sprechen). Spätestens nach dem 0:1 war es damit jedoch vorbei. Werder verteidigte passiv in einem tiefen 4-5-1 mit dennoch absurden Lücken im zentralen Mittelfeld. Soll es Hoffnung machen, dass die Vereinsführung nach dem Ruiz-Transfer in der Winterpause lechzt, während man vor der Abwehr Woche für Woche vor Augen geführt bekommt, dass man den Ausfall von Bargfrede nicht kompensieren kann? Ich kann mir kaum vorstellen, dass Eggestein und Fröde aus Werders U23 in der Bundesliga ein schwächere Leistung auf den Platz bringen könnten, als Kroos und Makiadi es als Doppel-Nicht-Sechs gegen Bayern getan haben. Wie man sich in einer so tief verteidigenden Mannschaft als defensiver Mittelfeldspieler so häufig aus der Position ziehen lassen kann, ist mir ein Rätsel.

Es wäre jedoch unfair, nur die beiden hervorzuheben, denn Normalform erreichten gegen die Bayern höchstens Di Santo und Lukimya – was bei Letzterem bedeutete, dass er sich nahtlos ins Leistungsgefüge einreihte. Fußballclown Elia demonstrierte bis zur Pause einige Male seine Schwächen in der Ballverarbeitung und durfte danach duschen gehen. Die Einwechslung von Busch als zweiten Rechtsverteidiger neben Fritz kann man mit sehr viel gutem Willen als taktischen Kniff bezeichnen, um ein noch schlimmeres Debakel zu verhindern. Ich frage mich vielmehr, wie Dutt auf die wahnsinnige Idee kommen konnte, wieder jeglicher Vernunft die rechte Seite mit Fritz und Bartels zu besetzen, einer Kombination, die schon mehrfach ihre Untauglichkeit bewiesen hat.

In der Defensive – also jenem Mannschaftsteil, der laut Dutts Aussage immer mehr Fortschritte macht – stehen inzwischen alle Spieler neben sich. Garcia spielt eine bislang unterirdische Saison, Prödl knüpft langsam an seine Leistungen aus der Spielzeit 2012/13 an und Lukimya ist nun einmal Lukimya. Fritz ging bei seinem Comeback als Kapitän voran und hob vor dem 0:5 vorbildlich den Arm, nachdem er zuvor selbst das Abseits aufgehoben hatte (Gerüchten zufolge gibt es zwischen ihm und Prödl einen Urheberrechtsstreit um dieses Markenzeichen). Caldirola ist nach seinen schwachen Leistungen zum Saisonstart bei Dutt anscheinend dauerhaft in Ungnade gefallen, während Galvez, dem sein Wechsel zu Werder langsam wie ein böser Traum vorkommen dürfte, weiterhin den Aushilfssechser spielen muss. Ob Wolf wenigstens einen der sechs Schüsse auf sein Tor hätte halten müssen, möchte ich an dieser Stelle gar nicht diskutieren, aber auch er spielt, trotz eines Ausreißers nach oben gegen Freiburg, eine deutlich schlechtere Saison.

Die Krise verschärft sich

Wer angesichts dieser Leistung weiterhin auf die Idee kommt, dass Werder aktuell nicht wie ein Tabellenletzter spiele, sollte mehr Bundesligaspiele schauen. Der vor der Saison als sicherer Absteiger gehandelte SC Paderborn ist in München weitaus besser aufgetreten. Gegen Werder musste Bayern in den 90 Minuten nur selten das eher gemächliche Spieltempo erhöhen und konnte Werder quasi im Vorbeigehen aus dem Stadion passen. Ein einfacheres Spiel werden sie in dieser Saison kaum noch absolvieren dürfen und vermutlich auch keine einfachere Trainingseinheit. Vermutlich hätte man gegen Bayern auch mit einer deutlich besseren Leistung nicht gepunktet, doch das Ergebnis ist für die Bestandsaufnahme tatsächlich zweitrangig.

Es lässt sich immer mehr erkennen, dass Werder einem gefährlichen Trend folgt: Erst hielten sich Stärken und Schwächen noch die Waage, dann verschärften sich die Unzulänglichkeiten, während die Stärken nicht über ein paar Ansätze hinausgingen - gerade noch sichtbar genug, um sich öffentlich darauf zu berufen. Wie zu befürchten war, hinterlassen die ständigen Rückstände langsam Spuren bei der Mannschaft. Werder lag in dieser Saison von 720 Spielminuten ganze 15 in Führung. Das ängstliche Spiel gegen Bayern hat gezeigt, dass der Glaube an die eigene Stärke schwindet, was angesichts der Ergebnisse nicht verwunderlich, trotzdem aber sehr gefährlich ist. Neben der strukturellen Krise, in der sich Werder nach wie vor befindet, steckt man derzeit auch in einer ganz akuten sportlichen Krise, die keineswegs nur eine Ergebniskrise ist. Die Mannschaft mag vom Potenzial her ins Mittelfeld der Liga gehören, von den durchschnittlich gezeigten Leistungen her jedoch nicht.

Dutt muss gehen – doch wann?

Noch scheuen sich die Verantwortlichen die Reißleine zu ziehen. Man will schließlich nicht Werders guten Ruf als langfristig denkender Verein, bei dem einem Trainer Zeit gegeben wird, weiter ramponieren und mit jeder Trainerentlassung wird man mehr zu einem “normalen” Verein. Und wenn man angesichts von 43 Punkten und 88 Gegentoren in 42 Bundesligaspielen unter Dutt auch bei einer weniger kurzfristigen Betrachtung wenige Argumente für den Verbleib des Trainers findet, ist im Fußball manchmal trotzdem kurzfristiges Handeln gefragt. Werder ist nach durchaus vielversprechendem Saisonbeginn in eine Krise geschlittert und kann sich schlichtweg nicht erlauben, bis zur Winterpause auf eine Kehrtwende zu hoffen und dann erst zu reagieren. Anders als die meisten anderen Vereine läuft Werder nicht Gefahr, einen Trainer zu früh oder unüberlegt zu entlassen, sondern, aus oben genannten Gründen, zu lange an ihm festzuhalten. Hinzu kommt, dass Eichin wohl selbst nicht so sicher im Sattel sitzt, dass er mehr als einen Trainerwechsel in dieser Saison überstehen würde, von den finanziellen Implikationen ganz abgesehen. Der Trainerwechsel, egal wann er kommt, muss sitzen.

Das Spiel gegen Köln dürfte dennoch zum Endspiel für Robin Dutt werden. Ich kann diese Entscheidung aus Sicht des Vereins verstehen, halte sie sportlich aber für falsch. Unabhängig vom Ausgang des Spiels gegen Köln braucht Werder einen neuen Trainer. Robin Dutt hat sich durch einige fragwürdige Entscheidungen in eine Sackgasse manövriert. Er hält an einem defensiv anfälligen 4-4-2 ohne eigenen Spielaufbau fest und setzt auf eine Spielweise mit vielen hohen Bällen, bei der man selbst als Fan des Vereins kaum darauf hoffen mag, dass sie Erfolg hat. Moderner Fußball – Gegenpressing hin oder her – sieht anders aus. Hinzu kommen fragwürdige Personalentscheidungen und zunehmende Sturheit, die ich beim Pragmatiker Dutt in der letzten Saison so nicht erlebt habe. Auf der Habenseite stehen Verbesserungen im Gegenpressing und (im Vergleich zur letzten Saison) bei den Abläufen im Angriffsdrittel. Das ist, mit Verlaub, eine ziemlich schlechte Bilanz für einen Trainer.

Es liegt mir eigentlich fern, den Kopf eines Trainers zu fordern, doch meiner Meinung nach führt kein Weg daran vorbei, Robin Dutt zu entlassen – und das möglichst bald.

Robin Dutt und die Suche nach der Balance

Es hat sich nicht unbedingt angedeutet, dass nach nur fünf Spieltage dieser Saison eine Trainerdiskussion beginnt. Nachdem Robin Dutts Team in den bisherigen Spielen mehr Fragen als Antworten aufgegeben hat, scheint es jedoch ohnehin nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Diskussion den Verein erreicht.

Lost in transition

Wirklich schlecht hat Werder bislang kaum gespielt in dieser Saison. Im Pokal war die Leistung über weite Strecken schwach. Gegen Hertha schien sich diese zu bestätigen, doch immer wieder konnte Werder zulegen und war insgesamt spielerisch mit den Gegnern auf Augenhöhe – Leverkusen einmal außen vor. Dennoch hat Werder in dieser Saison wieder etwas sehr Fragiles an sich, das man letzte Saison (trotz der insgesamt 66 Gegentore) überwunden glaubte. Der unverkennbare offensive Fortschritt steht auf tönernen Füßen. Robin Dutt sieht den Grund für die 13 Gegentore nicht in der offensiveren Spielweise und in der Tat war es nur selten so, dass Werder ausgekontert wurde oder sich hinten in Unterzahl befand. Und doch ist Robin Dutt bislang den Beweis schuldig geblieben, dass er mit seiner Mannschaft auch dann erfolgreich sein kann, wenn der Fokus nicht komplett auf der Defensive liegt.

Zu Beginn der letzten Saison und zu Beginn der Rückrunde zeigte Werder jeweils erschreckende fußballerische Mängel, konnte jedoch mit konzentriertem und sehr simplem Defensivfußball genügend Punkte holen, um sich aus dem gröbsten Abstiegssumpf herauszuhalten. Es gab auch zu jener Zeit Spiele, in denen Werder völlig unterging. Schön anzusehen war der Stil ohnehin nicht. Aber er war pragmatisch genug, um trotz spielerischer Unterlegenheit genügend Punkte zu holen. Dazwischen gab es eine Phase, in der Dutt mehr Offensive gewagt hat und damit kräftig auf die Nase gefallen ist. Zwischen dem 10. und dem 16. Spieltag kassierte man 25 Gegentore (3,6 pro Spiel). Gängige Meinung damals: Der Schritt kam zu früh für die Mannschaft, also kehrte man zum Defensivstil zurück. Im letzten Saisondrittel gab es einen erneuten Versucht und diesmal schien der Weg erfolgreicher zu sein. Mit dem Rückenwind des fast sicheren Klassenerhalts steigerte sich Werder spielerisch. Es bildeten sich mehr feste Abläufe in Werders Spiel. Dutt hielt an einem System und einem Kreis von 13-14 Spielern fest. Es war der Anfang einer fußballerische Entwicklung, die man lange Zeit in der Saison vermisst hatte.

Eine Fortführung dieser Entwicklung war für diese Saison erhofft worden und eigentlich kann man nicht bestreiten, dass Werder sich diesbezüglich auf eine recht guten Weg befindet – wenn die alten Defensivschwächen nicht aufgetreten wären. Es wäre falsch, diese ausschließlich auf individuelle Fehler zu schieben, doch es ist schon frappierend, wie häufig Werder in Situationen Gegentore kassiert, in denen das Team eigentlich recht geordnet steht. Das Tor zum 1:1 in Augsburg war ein gutes Beispiel hierfür. 20 Meter vor dem eigenen Tor einen ballführenden gegnerischen Spieler nicht unter Druck zu setzen, kann man sich in der Bundesliga nicht erlauben. Dass Fritz seinen Gegenspieler aus den Augen verliert, nachdem Augsburg von der ersten Minute an versucht hatte, die Bälle in seinen Rücken zu spielen, kommt erschwerend hinzu.

O captain, my captain

Hier wären wir leider auch schon beim nächsten Problem: Der Kapitän hat einen Punkt erreicht, an dem er eigentlich spielerisch nicht mehr tragbar ist für seine Mannschaft. So wichtig er im sozialen Gefüge des Teams sein mag, so sehr trägt er in der Defensive zur Verunsicherung der Mannschaft bei. Bereits im ersten Spiel der Saison in Illertissen verschuldete Fritz auf erschreckende Weise ein Gegentor. Das Tor war exemplarisch für die Schwächen, die sich wie ein roter Faden durch die letzten beiden Jahre ziehen. Selbst im Strafraum wird der aktive Zweikampf gescheut, getreu dem Motto: Lieber den Gegner schießen lassen, als von ihm ausgetanzt zu werden. Das ist Alibifußball, den man sich als Kapitän nicht erlauben darf.

Es ist ohnehin frappierend, wie häufig Fritz offenkundig abschaltet, schon bevor das Gegentor gefallen ist, wie zum Beispiel beim 0:1 gegen Hoffenheim, als Fritz zunächst fragwürdig einrückte und dann an der Strafraumgrenze stehen blieb, statt auf einen eventuellen Abpraller zu spekulieren. In Berlin gab es eine ähnliche Szene beim 0:1. In beiden Fällen hätte Fritz das Gegentor nicht mehr verhindern können, doch dass er dies schon vorher als gegeben sieht und an der Stelle das Mitspielen einstellt, ist ein schlechtes Zeichen an die Mannschaft. Nicht zufällig wird von den meisten Gegnern inzwischen Werders rechte Abwehrseite von den Gegnern gezielt angespielt und auch Dutts Präferenz für einen sehr linkslastigen Angriffsstil dürfte unter anderem darauf abzielen, für ein wenig Entlastung auf den Schultern des Kapitäns zu sorgen.

Die ersten Saisonspiele haben deutlich gemacht, dass der Wechsel hin zu Busch (bzw. Zander) eher früher als später erfolgen muss. Zumindest aber braucht Fritz wie in der letzten Saison viel Unterstützung vom Spieler vor ihm. Ein Konterspieler wie Bartels ist da nicht ideal. Gut denkbar daher, dass Busch zunächst die Rolle von Selassie aus der letzten Saison übernimmt und zusammen mit Fritz die rechte Seite dicht machen soll.

Aufs falsche Pferd gewettet?

Bartels könnte somit auf die andere Seite hinüber wechseln, wo Eljero Elia weiterhin sein bekanntes, phlegmatisches Spiel an den Tag legt. Den immer wieder durchschimmernden starken Aktionen folgen genauso regelmäßig absurde Fehler und zeitweiliges Abtauchen. Dazu kommen die bekannte Abschlussschwäche (die Werder gegen Schalke eines der schönsten Kontertore der letzten Jahre verwehrte) und die mentale Anfälligkeit, die ihn gegen Augsburg und Schalke völlig aus dem Spiel brachte. Für einen Spieler seiner Gehaltsklasse und mit seiner Erfahrung ist das viel zu wenig.

Umso erstaunlicher ist es, dass Dutt den in der U23 groß aufspielenden Aycicek genauso wenig beachtet, wie den in Ungnade gefallenen Obraniak. Aycicek wurde durch die Ausfälle am Dienstag zumindest in den Kader gespült und kam zu seinem ersten Saisoneinsatz. Obraniak scheint nur noch gebraucht zu werden, um den freien Platz auf der Bank auszufüllen. Es müsste wohl schon einiges passieren, damit der Pole noch einmal ins Team rutscht. Da auch Neuzugang Hajrovic noch weit davon entfernt ist, die Mannschaft spielerisch zu beleben, bleibt ein riesiger Berg an Verantwortung auf Zlatko Junuzovics Schultern liegen. Als offensiverer (oder auf vertikaler) Sechser ist er Werders wichtigster Umschaltspieler, der – auch systembedingt durch das Fehlen eines 10ers im 4-4-2 – einen riesigen Raum zwischen Abwehrkette und Sturmspitze beackern muss. Ein wenig erinnert dies an seine Rolle vor zwei Jahren in Schaafs 4-1-4-1- System. Anders als damals hat er heute jedoch einen weiteren Sechser neben bzw. hinter sich. Leider zeigt Gálvez in der Position trotz vielversprechender Ansätze bisher mehr Schatten als Licht. Insbesondere im Zweikampfverhalten tut sich der gelernte Innenverteidiger in der ungewohnten Rolle noch schwer.

Viel Richtiges im Falschen

Die Gefahr der drei Unentschieden zu Beginn war immer, dass sie im Licht der folgenden Ergebnisse gedeutet werden würden. Vor acht Tagen war Werder noch ohne Niederlage, heute ist man fünf Spiele sieglos. Solche Serien haben Auswirkungen auf den mentalen Zustand der Mannschaft. Gegen Schalke hatte Werder zum ersten Mal nach dem Rückstand nichts mehr gegenzusetzen. Die individuellen Fehler von Wolf und Galvez wogen zu schwer, als dass Werder gegen die folglich selbstbewussteren Schalke eine erneute Aufholjagd starten konnten. Die Gewissheit, Rückstände drehen zu können, die sich in den Köpfen der Spieler verfestig zu haben scheint, beginnt spätestens jetzt zu bröckeln. Es war ohnehin klar, dass dies nicht über längere Zeit möglich sein würde – wer ständig in Rückstand gerät, verliert die meisten Spiele.

Nun droht sie die Entwicklung zu verselbstständigen, wie so häufig im Fußball. Ich halte Dutt für einen geeigneten Trainer, um dagegen zu lenken. Seine größte Stärke war bislang sein Pragmatismus, der in Bremen schon für einige Verwirrung gesorgt hat. Vielleicht muss Dutt dazu jedoch erneut von seinem eingeschlagenen Weg abweichen und würde somit zum zweiten Mal eingestehen, dass Werders spielerischer Entwicklung das Fundament fehlte. Eine Rückkehr zum Stil der letzten Saison wünscht sich vermutlich niemand, doch ich glaube nicht, dass Dutt davor zurückschrecken würde, wenn er es für den einzigen Weg aus dem Tabellenkeller hielte. Eine erneute Niederlage heute gegen Wolfsburg könnte den entscheidenden Anstoß dafür liefern, denn dann wird auch Dutt wissen, dass all seine Bemühungen ein Spiel auf Zeit sind, solange Werder im Tabellenkeller steht.

Solange der größte Trumpf des Teams, die immer wieder betonte “Mentalität” der Mannschaft, nicht zu bröckeln beginnt, wird Dutt intern meiner Auffassung nach den nötigen Rückhalt bekommen. Die Mannschaft machte auf mich bislang nicht den Eindruck, dass ihr grundsätzlich etwas fehle, um in der Bundesliga mitzuhalten. Auch gegen Schalke machte man vieles richtig und hätte gegen die taktisch nicht überzeugenden und spielerisch verunsicherten Gäste durchaus gewinnen können. Zum Abschluss ein sinngemäßes Zitat, das ich vor kurzem im Worum aufgeschnappt habe und das ich sehr treffend finde: Es sind schon häufiger Mannschaften aus der Bundesliga abgestiegen, die vieles richtig gemacht haben, in der letzten Saison zum Beispiel Nürnberg. Es kommt vielmehr darauf an, wenig falsch zu machen.

Treffender kann man Werders derzeitige Probleme in zwei Sätzen kaum beschreiben.

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 3:3

Fußball ist ein äußerst merkwürdiges Spiel. Nach 44 Minuten hätte kaum jemand auf einen Bremer Punktgewinn getippt, obwohl es zu diesem Zeitpunkt nur 1:0 für die Gastgeber stand. Zu drückend war die Überlegenheit der Werkself, die Werder kaum Raum und Zeit zum Durchatmen lief. Am Ende dieses ungewöhnlichen und spektakulären Fußballspiels stand dennoch ein nicht unverdientes 3:3 (freilich sehen die Leverkusener das anders).

Gegenpressing und extreme Kompaktheit

Werder ging personell nur mit einer Änderung ins Spiel, die nach dem Spiel gegen Hoffenheim auch zu erwarten war: Fin Bartels gab sein Startelfdebut, während Hajrovic auf die Bank musste. Die taktische Ausrichtung passte Dutt ein wenig an. Die Grundformation blieb zwar ein 4-4-2, doch die beiden Stürmer positionierten sich sehr breit und rückten zeitweise beide auf die Außenbahn, sodass die Neunerposition unbesetzt blieb. Durch Junuzovics gelegentliches Aufrücken ergab sich teilweise eine 4-1-3-2(-0) Stellung. Im Gegensatz zum breit angelegten Offensivspiel zog man sich in der Defensive jedoch horizontal und vertikal sehr kompakt zusammen – bzw. man wurde dazu gezwungen, da Leverkusen seinerseits enorm kompakt und aggressiv verschob. Nicht selten fanden sich alle Feldspieler auf einer Seite des Feldes wieder.

In diesen enorm engen Zonen war an Ballbesitzfußball und ruhiges Aufbauspiel nicht zu denken, was für Werder keine große Umstellung bedeutete, sind dies derzeit doch keine wichtigen Elemente im eigenen Offensivspiel. Das enorm aggressive Gegenpressing der Leverkusener sorgte dennoch für Probleme, denn Werder schaffte es phasenweise überhaupt nicht, sich daraus zu befreien (ich kann mich nicht daran erinnern, dass Werder in der Bundesliga mal eine schlechtere Passquote hatte, als die 51% vom Freitag).

Flügelverlagerungen sorgen für die Tore

Auch wenn Werders erste Halbzeit über weite Strecken schwach war und Leverkusen das Spiel scheinbar nach Belieben dominierte, war schon in der Anfangsphase der offensive Matchplan der Bremer zu erkennen: Die auf die Flügel gezogenen Stürmer sollten gegen den weit eingerückten Gegner durch schnelle Diagonalbälle ins Spiel gebracht werden. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Leverkusens Führungstreffer auf ähnliche Weise fiel. Beide Teams waren fast komplett auf die rechte Bremer Abwehrseite gerückt. Die einzige Ausnahme war Leverkusens Rechtsverteidiger Jedvaj, der mit einem Querpass bedient wurde und von Garcia nicht mehr am Schuss gehindert werden konnte. Kompaktheit hat eben auch ihre Tücken.

Das 1:1 fiel nach einem schnellen Zuspiel auf den linken Bremer Flügel, von wo Garcia den Ball (mit etwas Glück) auf den durchstartenden Bartels auf die andere Seite herüberlegte. Es waren zwei Tore, die zu den generellen Ausrichtungen beider Mannschaften passten, auch wenn sie den Spielverlauf auf den Kopf stellten. Leverkusen hatte bis zum Bremer Ausgleichstreffer genügend Chancen, um das Spiel bereits vor dem Pausenpfiff zu entscheiden.

Werder befreit sich, Dutt wechselt gut

Nach dem Seitenwechsel wurde Werder etwas stärker und konnte sich häufiger aus Bayers Umklammerung befreien. Dies hatte vielleicht auch mit nachlassenden Kräften auf Seiten der Gastgeber zu tun, die trotz eines Plus an Ballbesitz mehr gelaufen waren als ihr Gegner. Auch wenn Leverkusen die spielbestimmende Mannschaft blieb, wurden Werders Gegenstöße zahlreicher und gefährlicher. Dabei nutzten sie die immer wieder auftretenden Räume im Rücken der Leverkusener Gegenpressing-Maschine aus. Vor dem Führungstreffer befreien sich Elia und Bartels aus der Umklammerung und verlagern das Spiel auf den linken Flügel. Bayers verbliebene Abwehr muss weit einrücken, um Selke und Junuzovic den Weg abzuschneiden, und so steht Di Santo rechts völlig blank und kann (trotz suboptimaler Ballmitnahme) frei vor Leno das Tor erzielen.

Bayer drehte das Spiel dank der überlegenen individuellen Klasse jedoch erneut. Calhanoglus Freistoßtor war ein Kunstwerk, perfekt über die Mauer gehoben und unmöglich abzuwehren. Beim Tor von Son reicht eine simple, aber geschickte Drehung, um Lukimya auf dem falschen Fuß zu erwischen. Das Spiel war inzwischen jedoch ziemlich offen und so bekam auch Werder genügend Chancen, um noch einmal zurückzuschlagen. Dutt trug mit guten Auswechslungen erneut dazu bei, dass Werder in der Schlussphase noch einmal zulegen konnte. Selke scheiterte zunächst noch an seiner Übersicht und/oder seinen Nerven. Besser machte es Prödl nach einer von Petersen verlängerten Flanke von Marnon Busch. Völlig frei am zweiten Pfosten verwandelte per Direktabnahme. In der Schlussphase wäre sogar noch ein Sieg möglich gewesen, wenn Hajrovic den Ball besser verarbeitet und dann quer gelegt hätte (das Dribbling, das ihm viele vorwerfen, war dann fast unausweichlich, weil Di Santo in der Zwischenzeit ins Abseits gelaufen war).

Die Gefahren des Rauschs

Am Ende war der Punktgewinn daher nicht mehr ganz unverdient, weil Leverkusen sich den Vorwurf gefallen lassen muss, aus den 30 Minuten drückender Überlegenheit in der ersten Halbzeit zu wenig gemacht zu haben. Defensiv war Bayer anfällig, wenn es Werder gelang, nach Ballgewinn die ersten zwei Wellen des Gegenpressings zu überstehen. Die Räume, die Leverkusen dahinter anbot, werden vermutlich noch mehrere Mannschaften in dieser Saison auszunutzen wissen. Ob Leverkusen dies durch den immensen Offensivdruck nach den hohen Ballgewinnen ausgleichen kann, wird die Zeit zeigen.

Für Werder ist hingegen wichtig, dass Dutt Wort gehalten und die Leverkusener Schwächen richtig gedeutet hat. Der (offensive) Matchplan war diesmal von Beginn an zu erkennen – nicht erst nach Umstellungen, wie in den ersten beiden Spielen – begann jedoch erst in der zweiten Halbzeit zu greifen. Davor legte Bayer die Bremer Schwächen unbarmherzig offen, was angesichts des unerwarteten Punktgewinns nicht vergessen werden sollte. Es könnte gefährlich sein, sich zu sehr an der eigenen Stehaufmännchen-Mentalität zu berauschen, denn es war dem fehlenden Glück bzw. der Abschlussschwäche der Leverkusener zu verdanken, dass Werder überhaupt eine Chance zum Comeback hatte. Unterm Strich ist Werder bislang in jedem Saisonspiel verdient in Rückstand geraten und man wird nicht Woche für Woche einen solchen Kraftakt vollbringen können, um aus diesen Spielen noch Punkte mitzunehmen (man vergleiche etwa die Hinrunde der vorletzten Saison).

Werder Bremen – TSG Hoffenheim 1:1

In einem Spiel, das viele Parallelen, aber auch einige Unterschiede zum Saisonauftakt gegen Hertha aufwies, holte Werder erneut einen Punkt. Musste man in Berlin noch von Glück sprechen, hätte Werder diesmal mehr als ein Unentschieden verdient gehabt.

Unterschiedliche Systeme, ähnliche Ausrichtung

Robin Dutt behielt das erfolgreiche System aus der zweiten Halbzeit gegen Hertha bei und ließ sein Team in einem flachen 4-4-2 mit zwei echten Stürmern spielen. Davie Selke rückte dabei in die Startelf, Alex Gàlvez übernahm den defensiven Part in der Doppelsechs. Etwas überraschend musste für Rückkehrer Sebastian Prödl Luca Caldirola weichen. Hajrovic hielt auf der rechten Seite überwiegend den Flügel besetzt, während Elia auf der anderen Seite etwas weiter einrückte. Hoffenheim trat wie erwartet im 4-2-3-1 an, mit Szalai als Zielspieler in der Spitze und der gefährlichen und flexiblen Dreierreihe Volland-Firmino-Elyounoussi dahinter.

Die grundsätzliche Ausrichtung beider Mannschaften war ähnlich: Beide Teams fokussierten sich jeweils stark auf die rechte Angriffsseite (bei Werder unter Dutt ein sehr ungewohnter Anblick). Bei Hoffenheim schob Rechtsverteidiger Strobl weit mit nach vorne, während sein Gegenüber Beck eher zurückhaltend agierte. Dafür rückte Volland häufig ein und zog Garcia recht weit mit ins Zentrum. Firmino und der offensive Sechser Rudy suchten ebenfalls häufig den Halbraum auf der rechten Seite. Offenbar wollte man so die noch fehlende Abstimmung zwischen Garcia und dem linken Innenverteidiger Lukimya ausnutzen. Ob Werders veränderte Ausrichtung eine Reaktion auf Hoffenheims Spielweise war, muss Robin Dutt beantworten. Jedenfalls hielt sich Garcia mit seinen Vorstößen merklich zurück und spielte insgesamt etwas tiefer als Clemens Fritz auf der anderen Seite. Selke und Di Santo suchten ebenfalls häufiger die rechte Angriffseite. Eine weitere Parallele zwischen den Teams war die klare Aufgabenteilung im Mittelfeld, wo jeweils ein absichernder (Gàlvez, Polanski) und ein vorstoßender (Junuzovic, Rudy) Sechser aktiv war.

Hoffenheim kontrolliert schwache erste Halbzeit

Anders als bei der Ausrichtung gab es in der Spielanlage doch sehr deutliche Unterschiede zwischen den Mannschaften. Hoffenheim wirkte hier ein ganzes Stück reifer und technisch versierter. Wenn es auch von Seiten der Gäste kein Kurzpassfestival war, lösten sie doch viele Situationen spielerisch, wohingegen Werder direkt auf den langen (und in der ersten Halbzeit oft unkontrollierten) Ball setzte. Gàlvez wurde häufig mit dem ersten Pass gesucht, doch diesem blieben meist nur lange Anspielstationen. Um die zweiten Bälle wurde umso intensiver gekämpft, sodass sich ein körperlich sehr intensives Spiel im Mittelfeld ergab, bei dem jeder dritte Pass nicht beim Mitspieler ankam. Schöner Fußball sieht anders aus.

Die Hoffenheimer Führung zur Pause war nicht unverdient, da die Spielzüge im Angriffsdrittel insgesamt strukturierter waren und insbesondere Firmino und Volland gut ins Spiel eingebunden werden konnten. Beim Hoffenheimer Führungstreffer sah Wolf erneut unglücklich aus, klebte für meinen Geschmack zu lange auf der Linie und kam erst heraus, als es schon zu spät war. Vielleicht ließ er sich jedoch auch von der Lethargie seiner Hintermannschaft anstecken. Insbesondere Fritz hatte einen seiner in diesem Spiel seltenen, in der Summe aber immer zahlreicheren Aussetzer und rückte zu weit ein (mehr noch als das stört mich jedoch sein Verhalten nach der Flanke, wo er teilnahmslos am Strafraum stehen blieb, ganz so als hätte es im Fußball noch nie einen Abpraller gegeben, den er eventuell noch klären könnte). Hajrovic schätzte die Situation ebenfalls falsch ein und lief nicht konsequent mit Firmino mit.

Werder dreht auf – aber vergibt den Sieg

Nach dem Seitenwechsel, den Dutt diesmal nicht für personelle Anpassungen nutzte, änderte sich der Spielverlauf. Werder kam nach und nach besser ins Spiel, während Hoffenheim die Spielkontrolle entglitt. Wie schon gegen Hertha kam Werder erst in der letzten halben Stunde richtig ins Rollen. Nach dem Ausgleichstreffer durch Gàlvez brachte Dutt Bartels, der auf dem rechten Flügel deutlich besser zurecht kam, als zuletzt auf der Halbposition in der Raute. Kurz darauf wurde er zu einem weiteren Wechsel gezwungen, da Selke nur knapp einem Platzverweis entgangen war. Petersen brachte ebenfalls Schwung in die Partie, hatte die größten Chancen das Spiel für Werder zu drehen. Die Chancenverwertung war jedoch mangelhaft. Über 90 Minuten kamen beide Teams nur zu je einem Schuss aufs Tor, von daher kann sich keiner von beiden über das Ergebnis beschweren.

Entscheidend für Werder war jedoch, wie man gegen einen spielerisch hoch eingeschätzten Gegner ins Spiel zurück gefunden hat. War die erste Halbzeit noch fußballerische Magerkost, zeigte Werder in der zweiten Hälfte viele Qualitäten, die man in der Schlussphase der letzten Saison gesehen hat. Junuzovic und Fritz kurbelten das Offensivspiel an, Di Santo war sehr präsent in der Offensive und man schaffte es mit einfachen, aber effektiven Spielzügen, die (trotz des starken Süle) noch keineswegs sattelfeste Hoffenheimer Abwehr von einer Verlegenheit in die nächste zu stürzen. Werders rustikale Innenverteidigung wird keinen Ästhetik-Preis gewinnen und ist für Freunde moderner Abwehrspieler eine Zumutung, erfüllt aber weitgehend ihren Zweck. Sorgen machen die technischen Schwächen von Selke und Petersen sowie die erneut sehr schwache Leistung von Garcia, zumal Lukimya nicht das taktische Verständnis von Caldirola hat und weniger seiner Lücken zustellt.

Bis zum nächsten Spiel bleiben nun zwei Wochen Zeit, in denen Werder nur auf wenige Nationalspieler verzichten muss. Gegen die formstarken Leverkusener wird nochmal eine Leistungssteigerung und vor allem eine bessere erste Halbzeit nötig sein, um Punkte mit nach Hause zu nehmen.

Hertha BSC – Werder Bremen 2:2

Werder holt zum Saisonauftakt einen glücklichen Punkt in Berlin. Nach einer schwachen ersten Halbzeit entschließt sich Dutt zu einer riskanten Umstellung, die am Ende Erfolg hat.

Wolf patzt, Hertha dominiert

Die im Pokal verletzten Obraniak und Di Santo standen Dutt wieder zu Verfügung, während Prödl nicht rechtzeitig fit wurde. Die Leidtragenden waren die Nachwuchsspieler Aycicek und Kobylanski, die nicht im 18er-Kader standen. An seiner Startelf nahm Dutt einige Änderungen vor. So durfte der gegen Illertissen schmerzlich vermisste Di Santo im Angriff neben Elia ran. Hajrovic startete dafür auf der 10er-Position, Junuzovic halbrechts in der Raute. Vor der unveränderten Viererkette wurde Kroos der Vorzug vor Gàlvez gegeben. Bei Hertha startete Neuzugang Schieber an der Spitze eines 4-2-3-1.

In der Anfangsphase schaffte es Werder meist, das Spiel der Gastgeber schon auf Höhe der Mittellinie zu zerstören. Das Mittelfeldpressing griff gut und es entstand ein Spiel ohne große Torszenen. Dies änderte sich, als Raphael Wolf sich bei einem Pass auf Beerens verschätzte und anschließend beim abgefälschten Kopfball von Schieber chancenlos war. Den Steilpass muss ein Torwart heutzutage abfangen, Wolf entschied sich für die vorsichtige Variante und wurde dafür bestraft. Nach der Führung kontrollierte Hertha das Spiel bis zur Pause und hatte etliche weitere Torchancen. Werders Defensive zeigte sich mehrfach schlecht organisiert. Auch in Unterzahl fand Hertha häufig den Weg durch die Mitte an den Strafraum. Werder hatte Glück, nach 45 Minuten nicht höher zurückzuliegen, was auch einigen starken Aktionen des ansonsten guten Wolf zu verdanken war. In der Offensive blieb Werder harmlos, konnte nach dem Rückstand kaum noch Bälle in hohen Positionen erobern und versuchte sich erfolglos an hohen Bällen hinter die Berliner Viererkette.

Dutts volles Risiko

Zur Pause entschied sich Dutt zu einer riskanten Umstellung. Er brachte mit Selke eine zweite echte Spitze und nahm mit Kroos seinen einzigen Sechser heraus. Werder spielte nun gegen den Ball ein flaches 4-4-2 mit Hajrovic und Elia auf den Außenpositionen. Bei eigenem Ballbesitz gab Makiadi den Aufbauspieler, der sich häufig zwischen die Innenverteidiger fallen ließ, während Junuzovic im Zentrum einen enorm großen Raum beackern musste. Die sehr offensive Ausrichtung schien angesichts der Defensivprobleme in der ersten Halbzeit unnötig riskant, doch bereits kurz nach dem Wiederanpfiff erzielte Hertha das zweite Tor und Werder brauchte nun einen offensiven Kraftakt.

Es deutete nichts darauf hin, dass Werder noch einmal in das Spiel zurückkommen würde, bis der ansonsten schwache Lukimya eine Freistoß von Junuzovic (dessen Standards für meinen Geschmack nicht genug gewürdigt werden) ins Tor köpfte. Kurz zuvor hatte Werder Glück, dass Kinhöfer Garcias Aktion gegen Hasebe nicht als Tätlichkeit wertete und es bei einer gelben Karte beließ. Diese Phase zeigte gleich mehrfach, dass es im Fußball auch ein Stück weit auf Glück ankommt: Direkt nach Werders Tor hatte Hertha eine Großchance nach einem hervorragenden Konter, die durch einen schlechten Torabschluss zunichte gemacht wurde. Stattdessen dauerte es nur weitere zwei Minuten bis Werder das Spiel ausgeglichen hatte. Garcia eroberte im Gegenpressing den Ball, steckte durch auf Elia, der in dieser Situation das zeigte, was man zu selten von ihm sieht: Eine gute Übersicht. Seine Hereingabe verwertete Di Santo im zweiten Versuch per Kopf.

Fazit: Noch viel zu tun

Nach dem Ausgleich entwickelte sich ein offenes Spiel. Zwar bekam Werder Herthas Angriffe und insbesondere den starken Hasebe nie richtig in den Griff, weil vor der Abwehr oft große Lücken klafften, die die Innenverteidiger mit höchst riskantem Herausrücken schließen mussten, doch konnte Werder nun seinerseits auch die Berliner unter Druck setzen. In dieser Phase verdiente sich Werder das Unentschieden mit großem Kampf und einigen guten Angriffszügen. Über die gesamten 90 Minuten gesehen war Hertha jedoch die deutlich bessere Mannschaft und so sind es aus Sicht der Gastgeber zwei verlorene Punkte, während Werder sich über einen schon nicht mehr für möglich gehaltenen Punkt freuen kann.

Der Punktgewinn sollte die Mannschaft beflügeln und sein Zustandekommen für gute Stimmung sorgen. Dutt hat nun eine Woche Zeit, um weiter an seinem Team herumzubasteln. Es bleibt die Hoffnung, dass er sein Team bald findet und sich innerhalb der nächsten Wochen Automatismen im Offensivspiel bilden, welche man letzte Saison bis in die Schlussphase der Saison vergeblich suchte. Auch defensiv ist man noch ein gutes Stück weg von den konzentrierten Leistungen, die in der Vorsaison zu zehn Spielen ohne Gegentor führten (die Gründe für die insgesamt 66 Gegentore waren hingegen gut zu erkennen). Alles in allem fällt es nach den ersten beiden Pflichtspielen jedoch schwer zu glauben, dass Werder spielerisch im Mittelfeld der Liga einzuordnen sein soll. Der anhaltende Verzicht auf spielstarke Akteure wie Obraniak und Aycicek spricht nicht unbedingt dafür, dass der Schwerpunkt derzeit im spielerischen Bereich liegt. Wichtigste Waffe werden also weiterhin die Standards, das Gegenpressing sowie die Überladungen des linken Flügels sein. Defensiv wird man sich hingegen zwingend verbessern müssen, sonst droht eine weitere Saison im Abstiegskampf.

Ernüchterung trotz Runde 2

FV Illertissen – Werder Bremen 2:3 n.V. (1:1, 1:1)

Werder gewinnt etwas glücklich nach Verlängerung gegen den Regionalligisten FV Illertissen. Dabei enttäuschte das Team eine Woche vor dem Bundesligastart spielerisch auf ganzer Linie. Der erstmalige Einzug in die zweite Pokalrunde seit vier Jahren kann nur ein wenig darüber hinweg trösten.

Robin Dutt wartete mit einer etwas größeren Überraschung auf und ließ Petersen trotz Di Santos Verletzung nur auf der Bank. Werder begann somit ohne klassische Sturmspitze und dafür mit Hajrovic und Elia im Angriff. Das restliche Team begann wie erwartet, wobei Makiadi und Bartels die Halbpositionen im Mittelfeld besetzten und Lukimya für den verletzten Prödl in der Innenverteidigung ran durfte. Illertissen spielte ein 4-5-1, das in der Raumaufteilung zwischen 4-2-3-1 und 4-1-4-1 pendelte.

Problemzone Zehnerraum

Werders Pressing im 4-1-3-2 funktionierte in der Anfangsphase recht gut und man kam zu einigen gefährlichen Aktionen, aus denen auch der Freistoß vor dem Elfmeter zum Führungstor resultierte (Gratulation an dieser Stelle an Hajrovic zu diesem Elfmeter. Von dieser Schusstechnik können sich die meisten seiner Teamkollegen etwas abschauen). Mit zunehmender Spieldauer griff Werders Offensivansatz jedoch immer weniger. Das Gegenpressing ging zu oft ins Leere, insbesondere im Zentrum gelangen kaum einmal Überzahlsituationen durch hohe Ballgewinne. Im Gegenteil waren es oft die Bremer die im Zehnerraum isoliert wurden. Bei vertikalen Anspielen in diesen Bereich fand sich der Passempfänger fast immer gegen 3-4 Gegenspieler wieder, ohne eigene Anspielstation in der Nähe. So hatte Werder keinen Zugriff auf das Zentrum und kam meist nur über hohe Bälle oder Flügelangriffe nach vorne.

Auf der linken Seite lief sich Elia dabei häufig fest und zeigte einmal mehr, dass er kein Freund des Torabschlusses ist. Linksverteidiger Garcia erwischte leider einen seiner schwächeren Tage und konnte trotz einiger guter Flügelläufe wenig in der Offensive bewirken. Rechts zeigte Bartels ein paar gute Ansätze im Dribbling (bei denen er allerdings nicht durchsetzungsstark genug war), war jedoch mit seinen Kernaufgaben auf der Halbposition überfordert. Er stand auch häufig zu hoch, wodurch der defensiv nicht sattelfeste Fritz hinten rechts Probleme bekam. Hajrovic hatte etwas Probleme seine Rolle zu finden und kam selten in Positionen an den Ball, von denen er seine Abschlusstärke einsetzen konnte. Das Aufbauspiel aus der Abwehr war gewohnt langsam und kam im Kombinationsspiel nur selten über die Mittellinie hinaus. Daran konnte auch Gàlvez nichts ändern, der zwar vieles mitbringt, was ein Rauten-Sechser haben sollte, doch letztlich kein ausgemachter Kreativspieler ist. Dass er seine Rolle noch finden muss, zeigte seine durchgängig sehr tiefe Positionierung bei Ballbesitz seine Teams. Die Ballverteilung war ebenfalls verbesserungswürdig. Ihm fehlten allerdings auch Anspielstationen im Zentrum, oft blieb nur der Querpass oder der lange Ball als Option.

Die Standards entscheiden das Spiel

Auch defensiv wirkte Werder nicht wirklich sattelfest. Sinnbildlich war dafür eine Szene kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit, als Wolf und Lukimya sich nach Garcias Querschläger nicht einig waren und Illertissen so eine Großchance ermöglichten. Aus dem Spiel heraus hatte zwar auch Illertissen wenige Torchancen, doch ihre Standardsituationen nutzten die Gastgeber gut und bereiteten Werders Abwehr damit große Schwierigkeiten. Überhaupt waren es die Standards, die in diesem Spiel die größte Offensivgefahr ausmachten. Auch Werder konnte bei eigenen Ecken und Freistößen überzeugen und letztlich machten diese auch den Unterschied aus. Alle drei Bremer Tore fielen nach ruhenden Bällen.

Für meinen Geschmack hielt Dutt etwas zu lange an seiner Linie fest, bevor er die offensichtlichsten Probleme auf dem Feld mit seinen ersten beiden Wechseln anging: Busch kam für Bartels und sorgte für mehr Stabilität auf der rechten Seite, wodurch Clemens Fritz zurück in die Spur fand (abgesehen von seinem schlechten Zweikampfverhalten vor dem 2:3, das leider inzwischen typisch für sein Spiel ist). Im Angriff kam Selke für Makiadi, sodass es im Angriff zumindest einen Zielspieler für hohe Bälle gab. Vorher erinnerte die Offensive an die Versuche mit der Raute im letzten Herbst, als Werder ebenfalls ohne wirkliche Stürmer spielte. In die Loblieder auf Selke kann ich allerdings nicht einstimmen, er hat noch sehr viele wichtige Dinge falsch gemacht. Allerdings hat er unermüdlich versucht etwas zu bewegen, suchte insbesondere auf dem rechten Flügel nach Räumen und wurde mit seinem ersten Treffer für die Profis belohnt. Ob das schon für die Bundesliga reicht, wird man in den nächsten Wochen sehen. Schade fand ich, dass Dutt nicht auf mehr Spielstärke gesetzt hat und Aycicek (trotz Hajrovics Abtauchen auf der Zehnerposition) oder Kobylanski (trotz Elias Harmlosigkeit) keine Chance gegeben hat.

Das Gerede vom Pokalfluch hört nun endlich auf. Zum Feiern war bei Werder jedoch nur wenigen zumute. Letztlich war es nur ein Spiel und es bleibt die Hoffnung, dass Werder in Ulm nur einen schlechten Tag erwischt hat. Jedoch sollte nun klar sein, dass Werder ohne Prödl, Di Santo, Bargfrede und Selassie noch ein gutes Stück entfernt ist von der Form des letzten Frühlings. Nennenswerte Automatismen in der Offensive sind nicht zu erkennen, die Neuzugänge können noch nicht überzeugen und es fehlte gegen Illertissen auch die unbedingte Kampfbereitschaft, mit der Werder einen Großteil der letzten Saison über agiert hat. Die in dieser Saison angestrebte Entwicklung ist nach wie vor möglich, aber Werder wird sie sich hart erarbeiten (und eventuell auch noch mal auf dem Transfermarkt nachlegen) müssen.

Saisonvorschau – Der Trainer

Robin Dutt geht in seine zweite Saison als Werders Cheftrainer und die Vorzeichen sehen besser aus als noch vor einem Jahr. Werder hinterlässt in diesem Sommer nicht mehr den Eindruck eines Vereins, der alles auf den Kopf stellen muss, um die Negativentwicklung der letzten Jahre umzukehren. Es hat sich langsam ein Fundament herausgebildet, auf dem nun aufgebaut werden soll. Vieles wirkt eingespielter, auf und neben dem Rasen. Dementsprechend werden langsam auch die Ziele offensiver formuliert. Daran ändert auch der schwer zu kompensierende Abgang von Aaron Hunt nichts. Nicht mehr der Kampf ums reine Überleben steht im Mittelpunkt, sondern der nächste Entwicklungsschritt, der gemacht werden und an dessen Ende möglichst ein einstelliger Tabellenplatz stehen soll.

Vom Basisarbeiter zum Entwickler

Durch diese veränderte Maßgabe ändert sich auch die Rolle des Trainers. In der letzten Saison wurde immer wieder betont, dass vor allem an den “Basics” gearbeitet werden müsse. Das Team war zwischenzeitlich so verunsichert, dass selbst einfache fußballerische Abläufe nicht mehr funktioniert haben. Der Aufbau einer eigenen spielerischen Identität war zu dieser Zeit noch sehr weit weg. Dies änderte sich im letzten Saisondrittel, als Werder dem Klassenerhalt immer näher kam und Dutt sowohl eine feste Formation als auch eine mehr oder weniger feste Startelf gefunden hatte. Auch wenn in jener Phase nur in Ansätzen schöner Fußball von Werder zu sehen war, konnte man immerhin einen Plan erkennen, wie Werder das eigene Spiel aufziehen wollte. Man könnte auch sagen: Spieler und Trainer haben zusammengefunden.

In dieser Saison stellt sich die Situation anders dar. Dutt und seine Co-Trainer haben sich inzwischen gut im Verein akklimatisiert, kennen die Stärken und Schwächen der Spieler besser und können auf ein etabliertes Mannschaftsgerüst zurückgreifen. Ist also damit zu rechnen, dass Werder in der kommenden Saison vielleicht nicht nur einen sondern sogar zwei Schritte vorwärts (sprich: in Richtung Europa League) macht? Ausschließen muss man diese Möglichkeit nicht, doch es wäre vermessen darauf zu setzen. Zu viele Faktoren müssten dazu zusammenkommen, die sich vor der Saison schlecht prognostizieren lassen.

Unwägbarkeiten und Kadertiefe

Werders Kader ist auf den ersten Blick breit aufgestellt, auf den zweiten Blick lassen sich einige Positionen erkennen, auf denen es mit der Kaderdichte nicht allzu weit her ist, bzw. in denen Werder auf deutliche Leistungssteigerungen der Protagonisten angewiesen ist. Zu nennen wären hier die Außenverteidiger-Positionen, auf denen nur zwei Spieler mit Bundesligaerfahrung zur Verfügung stehen und mit Marnon Busch und Luca Zander zwei hoffnungsvolle Talente dahinter warten. Nicht ganz so eng sieht es im offensiven Mittelfeld  und im Angriff aus, doch auch dort ist die Personaldecke an gestandenen Bundesligaprofis noch dünn. Es braucht wohl nicht viele Verletzungen und Werders Ersatzbank besteht zu 50% aus Nachwuchsspielern. Das muss selbstredend kein Nachteil sein, kann sich im Gegenteil sogar als Glücksfall für den Verein erweisen, wenn Spieler wie Aycicek oder Kobylanski den nächsten Entwicklungsschritt machen. Wenn dieser jedoch ausbleibt – diese Gefahr besteht bei jungen Spielern nun einmal – hätte dies vermutlich größere Auswirkungen auf Werders Saison als bei anderen Vereinen.

Die Stärke der Konkurrenz ist ebenfalls ein Punkt, der eine allzu optimistische Prognose verhindert. Die Teams, die sich mit Werder beim Kampf um die gesicherten Mittelfeldplätze auf Augenhöhe befinden sollten, haben fast alle mehr Geld in ihren Kader investiert als Werder. Bleibt zu hoffen, dass Werder cleverer investiert hat als viele von ihnen und somit dennoch konkurrenzfähig bleibt. Hinter den 5-6 großen Teams, die die internationalen Plätze wohl unter sich ausspielen werden, gibt es eine große Gruppe an Vereinen, die sich um die Plätze 7-16 streiten. Klare Abstiegskandidaten lassen sich diese Saison kaum festmachen. Es dürfte also wieder mal auf Kleinigkeiten ankommen, die den Unterschied zwischen einem gesicherten Mittelfeldplatz und einer Saison in latenter Abstiegsgefahr ausmachen. Um eine realistische Chance auf Platz 9 zu haben, wird Werder ungefähr 45 Punkte benötigen. Das mag nicht wie ein großer Schritt erscheinen, ist in einer Liga mit hoher Leistungsdichte in den unteren zwei Dritteln jedoch auch kein Katzensprung. Voraussetzung dafür ist es, die taktische und spielerische Lücke zu Vereinen wie Mainz oder Augsburg zu schließen.

Defensive und offensive Problemfelder

Die Sorgen um die Defensive sind trotz der erneut viel zu großen Anzahl an Gegentoren etwas geringer geworden. Das liegt zum einen an der geänderten Verteilung der Gegentore: Ein knappes Drittel aller Spiele ging “zu Null” aus, was für Werder in der letzten Saison essentiell für den Klassenerhalt war: In diesen Spielen holte Werder 24 Punkte. Zum anderen liegt es daran, dass Werder den Gegentorschnitt im Verlaufe der Saison deutlich senken konnte. An den letzten 14 Spieltagen gab es 21 Gegentore, also nur noch 1,5 pro Spiel, während Werder an den 20 Spieltagen davor 45 Gegentore kassierte (2,25 pro Spiel).* Der Trend zeigt zumindest in die richtige Richtung und man darf davon ausgehen, dass Werder in der kommenden Saison die Zahl der Gegentore deutlich unter 60 senken kann.

Auch wenn Robin Dutt die Anzahl der Gegentore als Hauptproblem ausgemacht hat, war auch die Anzahl der geschossenen Tore nicht zufriedenstellend: 1,24 Tore schoss Werder pro Spiel, nur vier Teams erzielten weniger – zwei davon stiegen ab. So war man sehr davon abhängig, die Null zu halten. Schaffte man dies nicht, war die Siegwahrscheinlichkeit sehr gering (lediglich drei Spiele mit Gegentor wurden gewonnen). Zwar wurde Werder im letzten Saisondrittel langsam torgefährlicher, doch ist man hier noch nicht auf einem Niveau angelangt, das ausreicht, um einen einstelligen Tabellenplatz anpeilen zu können. Deshalb gilt es nicht nur, die Entwicklung fortzusetzen (was durch Hunts Abgang ohnehin nur begrenzt möglich ist), sondern neue spielerische Elemente in Werders Spiel zu integrieren. Es ist zu begrüßen, dass weiterhin viel Wert auf das Gegenpressing gelegt wird, doch auch das eigene Passspiel sollte verbessert werden. Die extreme Linkslastigkeit und die vielen hohen Bälle in der Spieleröffnung dürften nach und nach weniger werden, wenn Werders Ballrotation im Mittelfeld sicherer wird. Ganz entscheidend wird zudem sein, wie das Team die eigene Torgefahr erhöhen kann. Der Kader ist nicht unbedingt gespickt mit Spielern, denen man eine zweistellige Torausbeute zutraut (der einzige Spieler im Kader, der dies überhaupt je geschafft hat, ist meines Wissens Nils Petersen).

Zwischen Nachwuchsförderung und Mannschaftsentwicklung

Die Torgefahr muss somit auf mehrere Schultern verteilt werden, bzw. die vorhandenen Waffen der Spieler gilt es besser auszunutzen. Wie bringt man besipielsweise Hajrovic möglichst oft in gute Schusspositionen in Strafraumnähe, aus denen er mit seinem starken linken Fuß abschließen kann? Wie nutzt man die Kopfballstärke von Prödl, Galvez, Caldirola und Garcia bei Standards geschickt aus? Kann Di Santo neben einem spielstarken zweiten Stürmer noch ein Goalgetter werden? Diese und einige andere Fragen wird sich Dutt im Sommer gestellt haben. Die Testspiele deuten schon an, dass sich Werders Spielanlage etwas geändert hat und weniger reaktiv ist als letzte Saison. Die ersten Pflichtspiele werden zeigen, ob sie auch unter Druck funktioniert oder der Coach erneut umdenken muss. Dutt ist bekanntlich ein sehr pragmatischer Trainer, was in der letzten Saison ein klarer Vorteil war. In dieser Saison muss er zeigen, dass er die Entwicklung seiner Mannschaft vorantreiben kann.

Von vielen wird Dutt daran gemessen, ob er es schafft, möglichst viele Nachwuchsspieler ins Team zu integrieren. Für mich ist dieses Thema nicht unwichtig, aber im Vergleich zu anderen Aufgaben doch etwas nachrangig. Werders Jugendarbeit krankt(e?) an vielen Stellen und nur der letzte Schritt davon ist die Integration von Talenten in die Profimannschaft. Dutt kann letztlich nur integrieren, was er aus dem Jugendbereich geliefert bekommt und hier klafft gelegentlich eine größere Lücke zwischen der allgemeinen Begeisterung für einen talentierten Jungspieler und dessen tatsächlicher Leistungsstärke. Der Trainer muss seinen gesamten Kader im Blick behalten und die Spieler individuell wie mannschaftlich weiterentwickeln. Die Viererkette kann hier als Beispiel dienen, wie dies aussehen kann: Durch eine veränderte Taktik wurde zunächst der Druck von den spielerisch nicht überragenden Akteuren genommen, so dass diese sich voll auf ihre Stärken konzentrieren konnten. Dies dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, dass sich Prödl und auch Lukimya im letzten Jahr so sehr steigern konnten. Und ohne Spieler wie Luca Caldirola von außen hinzuzukaufen und in Bremen zu entwickeln wird es auch zukünftig nicht gehen, denn ich kann mich an keinen Innenverteidiger von vergleichbarer Qualität erinnern, den Werders Nachwuchs in diesem Jahrtausend hervorgebracht hätte.

In diesem Jahr steht Dutt in der Offensive vor einer ähnlichen Aufgabe. Auf der Suche nach einer spielerischen Identität muss er die richtige Zusammensetzung seiner Offensivabteilung finden, dabei Spieler wie Obraniak und Hajrovic (und eventuell Ruiz) integrieren und gleichzeitig das Leistungsvermögen der Nachwuchsleute richtig einschätzen. Dabei geht er bislang ebenfalls den pragmatischen Weg: Ein Nachwuchsspieler muss besser sein als sein Konkurrent, nur dann spielt er. Nach Talentförderung ihrer selbst Willen klingt das nicht unbedingt. Dieser Punkt unterstreicht, dass Werder noch nicht auf dem Status etwa eines SC Freiburg angekommen ist, der notfalls auch mal ein Jahr in die zweite Liga gehen kann, um mit einer neuen Generation Talente zurückzukehren. Dutt steht unter größerem Ergebnisdruck und muss im Einzelfall abwägen, ob es sich lohnt, einem Nachwuchsspieler längere Einsatzzeiten zu geben, wenn dafür ein aktuell besserer Profi draußen bleibt. Denn nicht ohne Grund wird im Verein immer wieder betont, dass es ein Ziel ist, zukünftig ein Drittel des Kaders aus dem eigenen Nachwuchs zu beziehen. Das dürfte jedoch weniger Dutts Maßgabe für die aktuelle Saison sein als ein langfristiges Ziel für den gesamten Verein. Die jüngsten Entwicklungen der U23 wecken Hoffnung, dass der Verein sich langsam in die Richtung bewegt.

* Der Vergleichszeitraum ist natürlich etwas willkürlich, doch ich habe den Schnitt bewusst zu der Zeit gemacht, da Dutts taktische Marschroute in der Rückrunde langsam zu greifen begann.

Saisonvorschau – Der Kader

Nach den Gedanken zum System nun eine Einschätzung zu Werders Bundesligakader und meinen Erwartungen an die Spieler.

Tor:

Raphael Wolf #1 - Geht nach seiner starken Rückrunde als klare Nummer 1 in die Saison. Es hat mich beeindruckt, wie er trotz fehlender Bundesligaerfahrung zu Werke ging. Wolf ist kein Torwart, der große Phantasie weckt, was die Zukunft angeht, doch seine Unauffälligkeit war in der letzten Saison auch seine Stärke: Er ist ein ruhiger Torwart ohne große Schwächen, auch wenn seine Ballverteilung noch nicht gut ist. Anders als der talentiertere Mielitz hat er keine größeren Leistungsschwankungen und macht somit auch weniger große Fehler. Unterm Strich war das die beste Halbserie eines Werdertorwarts seit vier Jahren und die gilt es nun in der neuen Saison zu bestätigen.

Richard Strebinger #30 - Ins zweite Glied aufgerückt, könnte Strebinger in der kommenden Saison seine ersten Spuren in der Bundesliga hinterlassen. Seine Situation ist dennoch etwas unvorteilhaft: Spielzeit dürfte er nur bei einer Verletzung oder Sperre von Wolf erhalten. Ansonsten kann er sich nur noch im Training und nicht mehr in den Spielen der U23 empfehlen. Von hinten rückt ihm mit Husic ein großes Talent auf die Pelle. Ist Strebinger nur Platzhalter, bis Husic weit genug ist, in den Bundesligakader aufzurücken? Dafür ist er eigentlich zu gut und mit 21 hat er noch seine gesamte Torwartkarriere vor sich. Gut möglich daher, dass er den Abstand auf Wolf in dieser Saison verkürzt und 2015 selbst einen Angriff auf die Position im Bundesligator startet.

Raif Husic #40 - Bislang Eichins Königstransfer in diesem Sommer – zumindest was die Ablösesumme von stattlichen 100.000 Euro angeht (an dieser Stelle bitte beliebigen Fluch gegen Klaus Allofs einfügen). Keine Frage, Husic gehört zu den größten Torwarttalenten seines Jahrgangs, hat bislang alle DFB-Juniorenteams durchlaufen und kurz nach seinem 18. Geburtstag den Sprung in die Startelf von Bayerns Regionalligateam geschafft (ein Torwart, der weiß, wie man gegen Illertissen die Null hält). Schwer vorstellbar, dass Husic sich in den nächsten Jahren gemütlich in der Regionalliga einrichtet und darauf wartet, dass irgendwann einer der Torhüter vor ihm geht. Husic wurde ganz sicher für die Bundesliga geholt und dürfte nach einem Jahr der Akklimatisierung in der U23 am Bundesligakader anklopfen.

Abwehr:

Sebastian Prödl #15 - Vor einem Jahr für viele überraschend zum Abwehrchef ausgerufen, haben Dutt und vor allem Prödl selbst dem Taten folgen lassen. In Dutts System konnte Prödl viele seiner Schwächen ablegen und erspielte sich so viel Sicherheit, dass er in der Rückrunde Werders bester Abwehrspieler wurde. Eigentlich ist er aus Werders Abwehr derzeit nicht wegzudenken, doch es ist nicht unmöglich, dass er am Ende der Transferperiode kein Werderaner mehr ist. Das wäre schade, könnte jedoch angesichts seiner Vertragssituation und Werders knapper Kassen für beide Seiten sinnvoll sein. Mit Gálvez hat Werder den Konkurrenzkampf in der Abwehr erhöht und könnte den Abgang etwas besser kompensieren als vor einem Jahr. Es wäre dennoch sehr schade, Prödl nun, nachdem er endlich bei Werder überzeugt hat, gleich wieder zu verlieren. Wahrscheinlicher ist ohnehin, dass er bleibt und noch ein weiteres Jahr Zeit hat, sich mit guten Leistungen für einen neuen Vertrag zu empfehlen – bei welchem Verein auch immer.

Luca Caldirola #3 - Ein solcher Spieler kann nur Publikumsliebling sein. Kam zu Werder und hat von Beginn an auf und außerhalb des Spielfelds überzeugt. Seine taktischen Fähigkeiten und sein Spielverständnis waren für Werder ungemein wichtig. Er ergänzt sich sowohl mit Prödl als auch mit Garcia sehr gut, hat ein tolles Stellungsspiel und macht für sein Alter erstaunlich wenige Fehler. Größtes Manko war (neben der mangelnden Schnelligkeit) in der vergangenen Saison noch die Spieleröffnung, die er meistens Prödl überließ, obwohl sie doch zu seinen Stärken gehören sollte. In diesem Bereich muss er sich in der kommenden Saison noch steigern, erst recht wenn Werder wieder kombinationsstärker werden will. Ansonsten ist er auf dem Weg, ein sehr kompletter Innenverteidiger zu werden.

Alejandro Gálvez #4 - Wie kann Werder solch einen Spieler ablösefrei verpflichten? Das war die erste Frage, die sich mir im Winter stellte, als durchsickerte, dass der Transfer nur noch Formsache sei. Gálvez ist ein Verteidiger, der nahezu alles beherrscht, was ein Defensivspieler können muss: Gutes Stellungsspiel, gepaart mit großer Zweikampf- und Kopfballstärke, guter Grundtechnik, starkem Passspiel und einer super Übersicht. Wenn man eine Schwäche sucht, dann am ehesten sein manchmal etwas zu hartes Einsteigen, das ihm zu viele gelbe Karten einbringt. Er hat sich aber trotzdem ganz gut im Griff und wandelt nur selten an der Schwelle zum Platzverweis. Seine Verpflichtung macht es Dutt schwer, einen der drei Innenverteidiger draußen zu lassen – und öffnet taktisch ganz neue Möglichkeiten, etwa ein 3-5-2 oder eine Raute mit Galvez als tiefem Sechser. Wenn Gálvez bei Werder das abruft, was er in Spanien gezeigt hat, werden wir viel Freude mit ihm haben.

Assani Lukimya #5 - Er ist der Leidtragende der Gálvez-Verpflichtung. Anders als erwartet steht er jedoch nicht kurz vor dem Absprung, sondern nimmt die verschärfte Konkurrenzsituation an. Sollte Gálvez tatsächlich im Mittelfeld auflaufen (wonach es aussieht), wäre Lukimya nicht weiter von einem Einsatz entfernt als in der letzten Saison. Gleiches gilt für eine mögliche Umstellung auf eine Dreierkette. Lukimya selbst konnte im letzten halben Jahr seinen Status als Fehlerteufel ein wenig ablegen und zeigte einige wirklich starke Leistungen. Fußballerisch bleibt er beschränkt, doch wenn er sich auf seine Stärken besinnt, die im direkten Spiel gegen den Mann liegen, ist er allemal ein adäquater Ersatzmann für die Viererkette.

Oliver Hüsing #25 - Was kann man dem 21-Jährigen Nachwuchsmann zutrauen, der nun fest in den Profikader aufrückt? Nominell ist er Innenverteidiger Nummer 5 und somit weit von Bundesligaeinsätzen entfernt. Er dürfte daher überwiegend in der U23 auflaufen. Doch im Fußball kann es auch sehr schnell gehen, Hüsing wäre letzte Saison bestimmt schon Thema für den Spieltagskader gewesen, hätte ihn nicht ein Mittelfußbruch den Großteil der Hinrunde gekostet. Hüsing ist zudem taktisch flexibel einsetzbar und könnte im Notfall auch auf den nicht gerade üppig besetzten Außenbahnen zum Einsatz kommen. Mit Gálvez im Mittelfeld wäre er auch nicht weit von einem regelmäßigen Kaderplatz entfernt.

Clemens Fritz #8 - Der Kapitän geht wohl in seine letzte Saison, auch wenn schon wieder über eine Fortsetzung seines Vertrags über 2015 hinaus diskutiert wird. Für viele Fans ein Horrorszenario. Im Trainerteam und dem Vernehmen nach auch in der Mannschaft ist Fritz jedoch weiterhin hoch angesehen. Seine Rolle als Integrationsfigur und Bindeglied zwischen Trainer und Spielern stehen öffentlich weniger zur Diskussion als seine Leistungen auf dem Platz, wo Fritz schon seit längerem nicht mehr so überzeugt, dass man ihn als Führungsspieler bezeichnen könnte. Spielt wie gewohnt eine starke Saisonvorbereitung. In den letzten beiden Jahren zeigte die Leistungskurve nach ein paar Spieltagen dann jedoch nach unten. Am Ball hat Fritz immer noch seine Stärken, defensiv ist er der Schwachpunkt der Bremer Viererkette. Umso wichtiger für Werder, dass man in dieser Saison den Übergang schafft und Luca Zander oder Marnon Busch als Nachfolger aufbaut.

Luca-Milan Zander #19 - Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird Zander durch eine Verletzung beim Angriff auf den Profikader gestoppt. Eigentlich sollte er innerhalb der nächsten sechs Monate soweit sein, dass er sich den Stammplatz hinten rechts sichern könnte. Seine Bewegungsabläufe sind schon sehr schick und er scheint weitaus mehr zu sein, als eines der vielen Talente, die einzig wegen ihrer Jugend ins Team gewünscht werden. Problem scheint vor allem die Physis zu sein, die für ihn bislang zum Stolperstein wurde. Hat seine Position als Backup hinter Fritz dadurch erstmal an Marnon Busch verloren, ist aber der talentiertere der Beiden.

Marnon Busch #38 - Gegen Chelsea spielte er sich zum ersten Mal ins Rampenlicht. Mit seiner Schnelligkeit ist Busch ein Spieler, der sofort ins Auge fällt. Kann dadurch auch die eine oder andere Schwäche im Stellungsspiel ausgleichen, was langfristig aber kein Vorteil ist. Physisch für einen Spieler seines Alters schon sehr weit. Leider sehr “einfüßig”, ansonsten aber ein Spieler mit guten Anlagen, der Fritz in dieser Saison Druck machen kann.

Santiago Garcia #2 - Die Linksverteidigerposition ist die einzige, die rein formell nicht doppelt besetzt ist (Caldirola dürfte hier wohl der Ersatzmann sein, wenn Garcia verletzt ist). Garcia spielt also ohne wirkliche Konkurrenz, wenngleich auch der abgewanderte Lukas Schmitz letzte Saison nur ein inadäquater Ersatz und keine Konkurrenz war. Garcias Leistungen stimmen jedenfalls und an seiner Disziplin hat er ebenfalls gearbeitet. Nach seiner ärgerlichen Sperre letzten Winter kassierte er nur noch zwei gelbe Karten. Knüpft er an diese Leistungen an, wird es auch in der kommenden Saison kein Gerede mehr über Werders Probleme bei der Verpflichtung von Linksverteidigern geben.

Mittelfeld:

Philipp Bargfrede #44 - Hat sich in der letzten Saison nach seiner Verletzung als Stamm-Sechser in der Raute etabliert. Setzte damit das fort, was er vor drei Jahren schon einmal geschafft hatte, bis ihm eine Verletzung einen Strich durch die Rechnung machte. Nun geht er erneut verletzt in die Saison, weshalb es schwierig ist, seine Rolle zu bewerten. Früher oder später wird er sich zurück in die Startelf kämpfen, wenn er fit ist und bleibt. Ist nicht der ganz große Stratege, aber dennoch ein sehr brauchbarer Sechser, auch in einer Raute. Könnte auch auf der rechten Halbposition spielen, falls Gálvez sich als Sechser festspielt. In einer Doppelsechs sowieso. Bei ihm alles nur eine Frage der Fitness.

Felix Kroos #18 - Der Vertrag mit ihm wurde verlängert und er hat in der letzten Saison angedeutet, dass er ein guter Ballverteiler vor der Abwehr sein kann. Das heißt aber auch: Er ist es noch nicht. Kroos muss weiter an seinem Passspiel und seiner Übersicht feilen, denn er hat alle Anlagen dazu. Körperlich muss er noch etwas robuster werden und vor allem seinen Körper cleverer einsetzen. Im Zweikampfverhalten stellt er sich noch zu ungeschickt an, begeht zu viele unnötige Fouls. Das hängt auch mit seinem Stellungsspiel zusammen. Wenn er dazulernt, kann er in ein bis zwei Jahren mit 50% weniger Zweikämpfen auskommen und dennoch mehr Bälle erobern. Wird regelmäßig seine Chancen bekommen.

Cedrick Makiadi #6 - Ganz so verkorkst, wie häufig dargestellt, war seine Saison nicht. Die Rolle, die ihm zugedacht war, konnte er jedoch nicht erfüllen. Das lag auch daran, dass Makiadi zu oft in die Position des Ballverteilers gedrängt wurde, die ihm nicht liegt. Der Sprung von Freiburg, wo er in einem etablierten und perfekt eingespielten System in der Rolle als Box-to-Box-Spieler glänzen konnte, zu Werder, das sich in der Findungsphase befand, war für ein nicht leicht. Ein Führungsspieler war er daher nicht, könnte dies aber ein Jahr später noch werden. Seine Tendenz ging im letzten Saisondrittel klar aufwärts, als er Bargfrede hinter sich hatte. Muss sich aber weiter steigern, um seinen Platz im Team zu behaupten. Als Achter in der Raute gut aufgehoben.

Theodor Gebre Selassie #23 - War vor einem halben Jahr schon abgeschrieben. Als Außenverteidiger mit zu vielen Fehlern in der Defensive, insbesondere im Stellungsspiel. Eine Reihe weiter vorne lief es dann besser, zunächst als Einwechseloption im 4-2-3-1, dann als Stammkraft in der Raute. Nach vorne hat er viele gute Ideen und kann diese aus dem Mittelfeld besser einbringen. Defensiv auch dort nicht ganz sattelfest, obwohl er sich gut mit Clemens Fritz ergänzt. Ist ein Kandidat für die Startelf, zumindest aber für die ersten 14.

Julian von Haacke #26 - Ein weiterer Nachwuchsmann mit Verletzungsproblemen. Ein Kreuzbandriss stoppte von Haacke auf dem Weg in den Profikader und wird ihn noch mindestens bis zum Herbst aus dem Spiel nehmen. Ein Thema für die Profis wird er daher frühestens wieder zur Rückrunde, wenn er bis zum Wintertrainingslager wieder voll auf der Höhe ist. Wäre dann ein passsicherer Kandidat fürs defensive Mittelfeld oder die Halbpositionen der Raute.

Zlatko Junuzovic #16 - An ihm scheiden sich die Geister. Viele reduzieren ihn auf seine Lauf- und Kampfbereitschaft, doch er ist auch immer noch ein offensiv denkender und technisch starker Mittelfeldspieler. Als 10er in Werders Raute gefällt er mir dennoch nicht so richtig, dafür fehlt es ihm an Präsenz und Laufwegen im letzten Drittel. Als Sechser ist er mir wiederum zu ungestüm und verfügt über zu wenig Raumgefühl. Bleibt also eigentlich nur die ungeliebte Halbposition in der Raute, wo er einen verkappten Spielmacher geben kann, aber dessen Last nicht alleine auf seinen Schultern trägt – ein wenig wie Krisztian Lisztes ab 2002. Solange Obraniak auf der 10 nicht überzeugt, wird er aber auch immer ein Kandidat für die Position hinter den Spitzen bleiben.

Ludovic Obraniak #7 - Bislang war er eine Enttäuschung, doch sein Einstieg bei Werder war vom Zeitpunkt her alles andere als optimal. Wirklich beurteilen kann man ihn erst nach Ende seiner ersten richtigen Vorbereitung mit dem Team. Die Wasserstandsmeldungen lesen sich nicht unbedingt positiv. Er scheint weiterhin unzufrieden zu sein und dürfte auf einen Wechsel drängen, wenn er sich in den nächsten Monaten keinen Stammplatz erspielt. Muss dafür hart an sich arbeiten, denn eigentlich kann Werder auf seine technischen Qualitäten nicht verzichten. Im aktuellen System wäre er als 10er oder als offensiverer der beiden 8er denkbar. Für letztere Rolle müsste er noch mehr an seinem Defensivverhalten arbeiten. Kann immer noch ein großer Gewinn für Werder werden.

Fin Bartels #22 - Ein vielseitiger Spieler, der auf mehreren Positionen gut eingesetzt werden kann: Linksaußen, hängende Spitze, auch als 10er in einer Kontertaktik – auf der Halbposition der Raute hätte ich ihn allerdings nicht gesehen. Dort kam er jedoch gegen Bilbao und Chelsea zum Einsatz und machte seine Sache nicht schlecht, zeigte aber auch, dass es ihm dafür noch etwas an defensivem Geschick mangelt. Bislang sehe ich Bartels eher in der Rolle des flexiblen Ergänzungsspielers, doch er dürfte nicht nur bei Verletzungen von Kollegen zu regelmäßigen Einsätzen kommen.

Levent Aycicek #21 - Endlich ist er mal längere Zeit verletzungsfrei und kann seinen Sturm auf die Bundesliga beginnen. Bis dahin ist es aber trotz allem Talent noch ein weiter Weg, schon allein, weil man einen Spieler mit Ayciceks Verletzungshistorie nur schrittweise an den Profifußball heranführen sollte. Er hat quasi die gesamte A-Jugend verpasst und die Zweifel, dass sein Körper die Strapazen des Bundesligafußballs mitmacht, sind noch nicht ausgeräumt.  Verständlich daher, dass man ihn letzte Saison über die U23 aufgebaut hat. Macht sein Körper mit, wird sich seine Qualität durchsetzen. Dann ist er nicht nur Kandidat für den 18er-Kader sondern bis Ende der Saison auch für die Startelf. Ob als 10er, Außenspieler, hängende Spitze oder offensiver Achter wird sich zeigen.

Mehmet Ekici #10 - Er steht ganz oben auf der Liste mit Spielern, die Werder gerne verkaufen möchte. An einen Durchbruch Ekicis möchte nach drei enttäuschenden Jahren niemand mehr glauben und es wäre im Interesse beider Seiten, wenn eine Trennung bis zum 31.8. noch erfolgen sollte. Ansonsten wird er Werders teuerster Tribünengast.

Angriff:

Franco Di Santo #9 - Hat sich im Laufe der letzten Saison deutlich gesteigert. Durfte allerdings auch erst im Laufe der Rückrunde wirklich in der Spitze ran. Bringt vieles mit, was ein Stürmer haben sollte und kann als einziger aus dem derzeitigen Kader ganz vorne Bälle behaupten. Zu einem wirklich guten Mittelstürmer fehlt ihm noch ein wenig, doch wenn er die Entwicklung der letzten Rückrunde fortsetzt, kommt er dort bald hin. Dann wäre auch ein System mit nur einer Spitze wieder eine echte Alternative für Dutt.

Nils Petersen #24 - Bei kaum einem Spieler bin ich so zwiegespalten. Petersen hat durchaus seine Qualitäten im Torabschluss und ist aufgrund seiner Torgefahr für Werder nicht unwichtig. Gegen den Ball ist er gut, er setzt sich voll für das Team ein und ist ein äußerst positiver Typ. Doch ich kann mich mit seiner Spielweise weiterhin nicht anfreunden, er ist einfach kein moderner Stürmertyp. Mit dem Rücken zum Tor ist er schwach, er behauptet zu wenig Bälle, hat selten gute Laufwege und technisch ist er recht limitiert. Als alleinige Spitze daher unbrauchbar, aber auch in einem Angriffsduo nur in Kombination mit einem spielstarken Partner wirklich zu gebrauchen. Für eine klare Nummer 2 hinter Di Santo eigentlich zu teuer.

Davie Selke #27 - Ist durch die U19-EM momentan in aller Munde. Seine Leistung sollte man eher anhand der Saison in der Regionalliga beurteilen als anhand eines Turniers gegen Gleichaltrige. Dort muss man zu dem Schluss kommen, dass es für Selke noch nicht ganz reicht, um zum neuen Shooting Star der Profis zu werden. Dennoch hat Selke großes Potenzial, muss sein Spiel allerdings etwas umstellen, weniger auf physische Vorteile setzen, die er im Herrenfußball nicht mehr hat. Er geht viele Wege und erwischt dabei auch immer mal wieder den Richtigen. Etwas mehr Cleverness kann er sich dabei noch aneignen. Seine mangelnde Grundtechnik könnte zum Stolperstein werden, aber die muss er durch andere Qualitäten ausgleichen. Ein weiteres Jahr in der U23 mit Training bei den Profis wird ihm guttun und Aufschluss über seine tatsächliche Leistungsfähigkeit geben.

Martin Kobylanski #20 - Er ist schon einen Schritt weiter als Selke, daher ist es schade, dass er wohl verliehen werden soll. In der letzten Saison machte er einen riesigen Fortschritt, den ihm viele nicht zugetraut hätten. Ist technisch gut und hat vor allem einen starken Abschluss aus vielen Positionen, der ihn von den anderen Stürmern abhebt. Eine Saison in der zweiten Liga wäre für seine Entwicklung aber sicherlich besser, als weiter in der Regionalliga zu spielen. Solange mit Di Santo, Elia, Hajrovic und Petersen vier Stürmer vor ihm stehen, ist der Weg ins Profiteam zu lang, um dort regelmäßig eingesetzt zu werden.

Joseph Akpala #35 - Steht ebenfalls weit oben auf der Verkaufsliste. Ohne seine Verletzung wäre er wohl kaum noch bei Werder. Nimmt seine Situation sehr professionell an und kann sich hoffentlich noch bis Ende des Transferfensters für einen anderen Club empfehlen. Bei Werder spielt er keine Rolle mehr.

Eljero Elia #11 – War letzte Saison die Notlösung als hängende Spitze, weil Dutt keinen spielstarken Stürmer in den eigenen Reihen hatte. Zeigte dann einige ansprechende Leistungen und kann auch in der kommenden Saison ein Gewinn für Werder sein. Eine weitere Steigerung muss allerdings her, nicht nur um das eigene Preis-Leistungsverhältnis auszugleichen. Im Rautensystem ist sein Konkurrent um den zweiten Stürmerplatz Izet Hajrovic, den Werder sicher nicht für die Bank verpflichtet hat. Doch wenn Elia den Konkurrenzkampf annimmt, wonach es derzeit aussieht, dann hat er durchaus Chancen auf einen Stammplatz.

Izet Hajrovic #14 - Ein großer Coup von Thomas Eichin, den jungen Bosnier ablösefrei zu verpflichten. Um Hajrovics Stärken zu beschreiben, werden gerne Vergleiche mit Arjen Robben, Marco Reus und Kevin De Bruyne angestellt. Diese Namen wecken hohe Erwartungen, doch man wird ihn bei Werder realistischer einschätzen können. Unübersehbar ist seine große Stärke beim Dribbling von der Außenbahn in die Mitte und beim Torabschluss mit dem linken Fuß. Wie gut er diese Qualitäten einbringen kann, wird auch von seinen Mitspielern abhängen. Einen torgefährlichen Außenstürmer hatte Werder jedenfalls schon lange nicht mehr. Im Rautensystem wird sein Spiel ohne Ball auf der Position des zweiten Stürmers noch mehr gefordert sein als auf dem Flügel. Unter normalen Bedingungen für Werder eine große Bereicherung, sobald er seinen Fitnessrückstand aufgeholt hat.

Özkan Yildirim #17 - Ein gebrauchtes Jahr liegt hinter ihm, sein Körper spielt einfach nicht mit. Für mich wäre Yildirim ein klarer Kandidat für eine Leihe, denn ich sehe derzeit keinen Weg für ihn ins Team. Rückblickend betrachtet machen selbst seine Leistungen in der Rückrunde der Saison 2012/13 nicht wirklich große Hoffnung, dass er sich bald in der Bundesliga etabliert. Seiner Dribbelstärke und Schnelligkeit stehen taktische Defizite und Langsamkeit im Passspiel gegenüber. In ein Rautenmittelfeld passt er so nicht und um die Position als zweiter Stürmer streiten sich mindestens drei bessere Spieler als er.

Gedanken zu Werders System 2014/15

Wohin geht die Reise bei Werder in dieser Saison? Im Verein gibt man sich betont optimistischer als in der letzten Saison. Ein Mittelfeldplatz soll her, möglichst ein Einstelliger. Die Zeichen dafür sehen trotz des Abgangs von Aaron Hunt nicht schlecht aus. Mit Galvez und Hajrovic hat Eichin zwei starke Transfers zum Nulltarif eingetütet und dazu mit Bartels eine brauchbare Alternative verpflichtet. Das Gerüst des Kaders steht, auch wenn es noch Positionen gibt, auf denen Werder etwas dünn besetzt ist. In der zweiten Reihe wird es daher auch darauf ankommen, dass zwei bis drei Spieler aus dem Nachwuchs den Anschluss schaffen. Aussichtsreichste Kandidaten hierfür sind Zander und Aycicek, aber auch dem bei der U19-EM auftrumpfenden Selke kann man Chancen einräumen.

Eine sehr wichtige Frage ist auch, wie Robin Dutt in der kommenden Saison das Team taktisch weiterentwickeln möchte. In der letzten Saison war viel Basisarbeit gefragt, deren Erfolg erst gegen Ende der Saison sichtbar wurde. Darauf gilt es nun aufzubauen. Präferiertes System scheint dabei weiterhin die im letzten Saisondrittel gut funktionierende Raute zu sein. In der Vorbereitung wurde auch schon mit einer Dreierkette getestet, die spätestens seit der WM wieder im Mainstream angekommen ist. Möglich ist auch, dass Dutt ohne Hunt auch noch einmal sein früher präferiertes 4-3-3/4-3-2-1 auspackt. Ein 4-2-3-1 scheint hingegen eher unwahrscheinlich.

Dutts Raute

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Es ist noch nicht lange her, dass die Raute als Auslaufmodell galt, vor allem in Bremen. Das lag natürlich vor allem an Werders Defiziten in den letzten Jahren unter Schaaf, die allerdings nicht nur im Rautensystem, sondern auch im 4-2-3-1 und 4-1-4-1 zum Vorschein kamen. In der letzten Saison zeigte sich dann auch in Bremen, dass Raute nicht gleich Raute ist. Vor allem im Spiel gegen den Ball wurde dies deutlich, namentlich im Pressing und Gegenpressing. Die Raute wird nun ähnlich wie bei Tuchels Mainzern dazu verwendet, den Gegner früh auf eine Seite zu locken und dort anzupressen. Die Überzahl im Zentrum (bspw. gegen ein 4-2-3-1) wird für mehr Kompaktheit genutzt. Das von mir in der Vergangenheit gerne kritisierte Loch vor der Viererkette taucht nur noch selten auf.

Dennoch lässt die Raute der letzten Saison noch Wünsche offen. Das Flügelspiel war bestenfalls durchschnittlich, wobei die Stürmer gegen Ende der Saison hier klar aufsteigende Tendenz zeigten und häufiger im richtigen Moment den Weg auf die Flügel suchten. Hier steht Dutt nun vor der Frage, ob er die Außenverteidiger noch offensiver agieren lassen will (wie vor einem Jahr versucht) oder lieber auf eine konservativere Ausrichtung setzt. Letzte Saison spielte Garcia häufig offensiver als Fritz auf der anderen Seite, sodass eine Asymmetrie entstand, die sich mit Werders linkslastiger Ausrichtung deckte. Luca Zander böte auf der rechten Seite sicherlich andere Möglichkeiten, was das Offensivspiel angeht.

In Ballbesitz lässt sich der Sechser häufig zwischen die Innenverteidiger fallen, so dass im Aufbau ein 3-4-1-2 entsteht. Spielen beide Außenverteidiger offensiv, kommt es nicht nur auf die Abstimmung mit den außen absichernden Innenverteidigern an – die links mit Caldirola und Garcia schon sehr gut funktioniert – sondern auch auf die Rolle der beiden Achter. Ihnen kommt in dieser Auslegung der Raute die wohl wichtigste Funktion im Team zu. Sie müssen sowohl die Flügel als auch den Sechser absichern, situativ in die Spitze vorstoßen, die richtige Balance beim Pressing finden und zum Überladen die Seiten wechseln. Für Dutt besteht die Herausforderung darin, die richtige Mischung aus kreativen und destruktiven Spielern zu finden. Wohl auf keiner Position hat er soviel Auswahl: Mit Bargfrede, Makiadi, Selassie, Obraniak, Aycicek, Junuzovic und Bartels kommen gleich sieben Spieler für zwei Positionen in Frage.

Das Aufbauspiel, das letzte Saison zwar gute Ansätze zeigte, jedoch kaum weiterentwickelt wurde, ist eine weitere Baustelle. Spielerisch war das Mittelfeld zu schwach, um per Kombinationsspiel ins Angriffsdrittel zu gelangen. Die langen Bälle auf den linken Flügel erwiesen sich als probates Mittel, waren jedoch eher aus der Not geboren und machten Werder sehr ausrechenbar. Das soll in der neuen Saison anders werden. Der Schlüssel hierzu ist in der Raute der Sechser, der von ganz hinten die Bälle verteilt und somit das Aufbauspiel dirigiert. Hier steht mit Kroos ein talentierter, aber noch kein richtig guter Ballverteiler zur Verfügung. Bargfredes Passspiel ist besser als von vielen behauptet, aber er hat seine stärken eher im Kurzpassspiel als in der strategischen Spieleröffnung. Gut möglich daher, dass Dutt hier auf Neuzugang Galvez setzt, der von einem der passsichersten Vereine Europas kommt. Dies wird auch davon abhängen, ob Prödl noch verkauft wird und Glavez in der Innenverteidigung benötigt wird. Seine Ansätze im Testspiel gegen Bilbao waren jedenfalls vielversprechend.

Das Weltmeister-System

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Auch wenn es in nahezu allen deutschen Medien ab dem Viertelfinale falsch dargestellt wurde: Deutschland spielte bis zu Kramers Verletzung im Finale bei der WM durchgängig ein 4-3-3. Nun ist Werder in puncto Passspiel und Pressingresistenz nicht annähernd auf vergleichbarem Niveau wie die Nationalmannschaft und kann sich deren Spielweise nicht als Vorbild nehmen. Dutts 4-3-3/4-3-2-1 System, mit dem er bei Freiburg, Leverkusen und auch zu Beginn in Bremen agieren ließ, weist dennoch einige Parallelen zum deutschen WM-System auf. Hierzu zählen die Asymmetrie auf dem Flügel, die einrückenden Außenspieler und der Fokus auf die Kontrolle des Zentrums. In der letzten Saison konnte Dutt seinen wichtigsten Offensivspieler Aaron Hunt nicht sinnvoll in dieses System einbauen. Zudem verfügte er nicht über einen geeigneten Mittelstürmer für ein Ein-Stürmer-System. Nach Hunts Abgang und Di Santos Formanstieg scheint der Weg für das 4-3-3 in dieser Saison frei zu sein. Gegenüber der Raute hat das System den Vorteil, dass die Flügel in der Offensive besser genutzt sowie Elia und Hajrovic gemeinsam eingebaut werden können.

Das 4-3-3 dürfte wohl vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn in der Raute keiner der Kandidaten für die 10er-Position überzeugen kann und man ein direkteres Spiel über die Flügel bevorzugt. Defensiv ändert sich durch die 4-3-Stellung von Abwehr und Mittelfeld nicht viel, doch das System hat den Vorteil, dass aufrückende Außenverteidiger einen direkten Gegenspieler haben. Anders als in Schaafs 4-1-4-1 vor zwei Jahren gehen die Außenstürmer jedoch nicht mannorientiert jeden Weg mit, sondern es wird insgesamt schmaler gestanden und der Gegner erst dann gestellt, wenn der Ball bereits auf dem Flügel ist (vgl. Pressingfalle). Auch schalten sich die Achter nur selten ins Angriffspressing ein.

Schwachpunkt des Systems ist die Vernachlässigung des 10er-Raums. Hier muss es zwischen Außenstürmern und Achtern eine gute Abstimmung geben, da ansonsten eine Lücke im offensiven Zentrum klafft und der Mittelstürmer isoliert wird. Wie man es richtig macht, zeigte bspw. Atletico Madrid in der letzten Saison, die in einem flachen 4-4-2 trotzdem ständig Anspielstationen im Zehnerraum schufen. Defensiv kann die Formation dann problematisch werden, wenn sich die Außenstürmer unzureichend am Defensivspiel beteiligen und der Gegner das Dreiermittelfeld auseinander ziehen kann.

Experiment Dreierkette

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Der Taktiktrend der WM hinterlässt Spuren im Vereinsfußball: Louis Van Gaal versucht gerade sein 3-5-2-System zu Manchester United zu importieren und Pep Guardiola experimentiert wie vor drei Jahren in Barcelona mit einem 3-4-3. Nicht weiter verwunderlich also, dass auch bei Werder ein System mit Dreierkette diskutiert wird, zumal man mit Galvez einen passstarken Innenverteidiger verpflichtet hat, der eigentlich zu stark für die Ersatzbank ist. Neben der Option, Galvez im defensiven Mittelfeld einzusetzen, bleibt auch die Möglichkeit, ihn zwischen Prödl und Caldirola als dritten Innenverteidiger aufzubieten. Im Spielaufbau dürfte dies auch in den anderen Systemen häufig zu dieser Aufstellung kommen, warum also die Abwehr nicht gleich zu einer Dreierreihe umformieren?

Besonders wichtig ist in diesem System die Rolle der Außenspieler, Wingbacks genannt, die sowohl in der Offensive für die Breite sorgen als auch defensiv die Dreierkette unterstützen müssen. Ihre Rolle ist der in einer Raute nicht unähnlich, nur dass sie noch mehr offensive Verantwortung tragen und defensiv zumindest theoretisch besser durch die Innenverteidiger abgesichert werden können. Garcia liegt diese Spielweise sicherlich eher als Fritz, sodass neben Newcomer Zander auch Gebre Selassie eine Alternative als rechter Wingback wäre. Das Risiko eines solchen Systems besteht darin, dass man von passsicheren Gegnern mit starken Außenstürmern weit nach hinten gedrängt werden kann und dann Probleme bekommt, das 5-3-2 wieder aufzulösen. Im Extremfall werden auch noch die Sechser weit nach hinten gedrängt (wie es etwa den Niederlanden bei der WM gegen Mexiko passierte), sodass bis zu sieben Spieler auf einer Linie stehen.

Eine wichtige Frage wäre dann noch, ob Dutt im Mittelfeld die in Raute und 4-3-3 verwendete “1-2-Stellung” im Mittelfeld bevorzugt (also ein Sechser und zwei Achter) oder ob man lieber mit einer “2-1-Stellung” spielt. Letztere ist die gebräuchlichere Variante, die im Ballbesitz (auch hier eine Parallele zur Raute) zu einem 3-4-1-2 wird. Das 3-3-2-2, das im erstgenannten Fall entsteht, ist risikoreicher, bietet in der Offensive aber mehr Möglichkeiten. Konsequent wäre die 2-1-Variante, weil durch den dritten Innenverteidiger ein Einrücken eines Mittelfeldspielers in die Abwehrkette nicht mehr nötig ist – der Sechser des 1-2-Mittelfelds steht quasi schon eine Reihe weiter hinten. Für die beiden Sechserpositionen kommen dann auch Spieler wie Makiadi und Selassie in Frage, die eigentlich eher Box-to-Box Spieler sind als klassische Sechser. Eine Variante mit nur einem Stürmer (3-3-3-1 bzw. 3-3-1-3) halte ich für äußerst unwahrscheinlich.

Ohnehin dürfte das 3-5-2 zunächst nur eine taktische Alternative sein, nicht jedoch der Plan A des Trainers. Bei Werder hätte das System wohl vor allem den Zweck, die Defensive zu verstärken und nicht (wie etwa bei Bayern oder Chile) mehr Spieler im Mittelfeld zu haben. Man kann es sich nicht leisten, die Wingbacks im Stile von Außenstürmern agieren zu lassen und wäre so noch mehr von der individuellen Stärke der Offensivleute abhängig. Das kann angesichts des Substanzverlusts der letzten Jahre in diesem Bereich nicht das Ziel sein. Eine WM, die nur einen Monat lang andauert und bei der jedes Gegentor das Aus bedeuten kann, ist dann eben doch etwas anderes, als eine Bundesligasaison, in der die Gegner viel Zeit haben, sich auf ihre Gegner einzustellen und in der man ein Defensivsystem im Laufe der Spielrunde. Dennoch: Das 3-5-2 ist eine spannende Option, die Werder mit dem aktuellen Personal gut spielen kann.

Das 4-2-3-1 als Notlösung

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Vorbei die Zeiten, in denen das 4-2-3-1 die automatische Default-Taktik im Weltfußball war. Eine Entwicklung, die vor vier Jahren noch nicht ersichtlich war, die jedoch wieder einmal beweist, dass keine Formation der anderen per se überlegen ist, sondern immer in Abhängigkeit zum jeweiligen Entwicklungsstand des Fußballs steht. Es wäre allerdings falsch zu behaupten, dass das 4-2-3-1 und seine nahen Verwandten, das 4-4-2 und das 4-4-1-1 gegen den Ball, ausgedient haben. Und auch wenn derzeit nichts daraufhin deutet, dass Dutt einer Rückkehr zum 4-2-3-1 plant, sollte man diese Variante nicht ausschließen. Ein paar Vorteile bietet dieses System nämlich schon noch. Es gehört inzwischen zur Grundausbildung des Fußballs und wird von allen Spielern verstanden, sodass es keiner großen Umstellung bedarf, auf ein 4-2-3-1 umzustellen. Daher kann es auch im Laufe der Saison oder auch im Laufe eines Spiels problemlos eingesetzt werden, wenn es die Umstände erfordern. Diese Umstände dürften dann eher im defensiven Bereich oder der Taktik des Gegners begründet sein, denn in der Offensive scheint dieses System auch weiterhin nicht optimal zu Werders Personal zu passen.

Wofür entscheidet sich Dutt?

Derzeit deutet alles darauf hin, dass Dutt sich zum Saisonbeginn für die Raute entscheidet. In den nächsten Wochen kann zwar noch viel passieren, doch es müsste wohl schon einiges schief laufen, damit Dutt von der Taktik abweicht. Weitere Abgänge und/oder Neuverpflichtungen könnten dabei ebenfalls eine Rolle spielen. Das Gerüst des Teams steht jedoch und solange keine tragenden Säulen den Verein verlassen, wird Dutt daran festhalten. Offene Planstellen sind derzeit eigentlich nur im Mittelfeld zu finden, wo die Auswahl groß ist und kein Spieler als gesetzt gilt. Hier bleibt abzuwarten, ob sich bis zum Saisonauftakt eine klare Hackordnung herausbildet oder Dutt in den ersten Pflichtspielen noch puzzelt.

Dutt ist jedoch kein Trainer, der stur an einem System festhält. Es würde mich schon sehr überraschen, wenn die Raute die komplette Saison über verwendet würde. Werders taktische Flexibilität ist mit den Neuverpflichtungen gewachsen und abhängig von Gegner, Spielstand und aktueller Form wird Dutt sicherlich die Formation anpassen. Gut möglich also, dass wir alle vier hier vorgestellten Varianten früher oder später zu sehen bekommen. Wichtig bleibt vor allem, dass Dutt mit seinem System den geeigneten Rahmen schafft, in dem er die taktischen Feinheiten und das Passspiel seiner Mannschaft weiterentwickeln kann. Denn 2014/15 dürfte für Werder eine “Trainersaison” werden, eine Spielzeit, in der es sehr auf die Entwicklung der Mannschaft ankommt, wenn man sich tatsächlich von Anfang an aus dem Abstiegskampf heraushalten möchte.