Über Nürnberg an die Spitze?

Wie weit ist Werder nach dem guten Bundesligaauftakt schon? Wird das Spiel in Nürnberg schon zu einem Wegweiser in Richtung Champions League? Ein Versuch einer Standortbestimmung.

Umbruch im Schnelldurchgang

Nach dem Sieg im Nordderby hätte die Stimmung bei Werder besser nicht sein können. Das Spiel hatte so viele Feel-Good-Momente zu bieten, dass die letzte Saison aus heutiger Sicht fast wie ein schlechter Traum erscheint. Ist das der gleiche Verein, der vor kaum mehr als vier Monaten noch kurz vor dem Abstieg stand? Der noch zu Beginn des letzten Monats angeblich von der Pleite bedroht war? Dessen Aufsichtsrat und Geschäftsführung sich auf öffentlicher Bühne zerstritten hatten? Dessen Trainer nach der Pokalniederlage in Heidenheim die Mannschaft nicht mehr erreichte? Verschwommene Erinnerungen aus längst vergessenen Zeiten.

Denn nun, Anfang September, müssen Spieler und Verein zurückrudern, um nicht als Titelaspirant und Bayernjäger durch die Medien zu geistern. Lediglich Claudio Pizarro sprach nach dem Sieg gegen den HSV offen von seinen Meisterschaftsambitionen, was von der sportlichen Führung nicht gerne gehört wurde. Die Aussage wurde ohnehin in den Schatten gestellt von Naldos Comeback, einem Ereignis, das sinnbildlich für das alte und neue Selbstverständnis im Hause Werder steht: Wir sind wieder da, mit uns ist zu rechnen! Geldsorgen? Dann verkaufen wir eben Mertesacker und spielen zu Null. Trainersorgen? Einfach an Thomas Schaaf festhalten, der macht das schon. Spielersorgen? Dann spielen eben alle ein bis zwei Klassen besser als letzte Saison und wir kaufen ein paar junge, erfolgshungrige Talente dazu.

Neue Stärke oder leichter Auftakt?

Wer – außer Thomas Schaaf – hätte denn vor zwei Monaten gedacht, dass man mit einem Mittelfeld Bargfrede-Fritz-Hunt-Marin wettbewerbsfähig ist? Wer hätte gedacht, dass man durch die Verpflichtungen von Innenverteidiger Sokratis, Mittelfeldmann Ignjovski und dem angeblich weit überschätzten Schmitz die ständig präsenten Probleme auf den Außenpositionen der Viererkette zunächst einmal beheben kann? Wer hätte gedacht, dass man bei all den Baustellen und dem begrenzten Transferbudget in eine Situation kommen könnte, in der man in allen Mannschaftsteilen fast gleichwertige Alternativen auf der Bank sitzen hat? Der Optimismus über den starken Kader, den leistungsfördernden Konkurrenzkampf und die Rückkehr in die Spitzengruppe der Bundesliga keimt dieser Tage nicht nur, er wuchert.

Doch wie sicher steht das Fundament, auf dem der vorhergesehene Erfolg aufgebaut ist? Wie hoch sind die bisherigen Leistungen einzuschätzen? Hatte Werder diese Saison einfach nur Glück mit dem Spielplan? Wenn bei den Bayern die Frage nach dem leichten Auftaktprogramm erlaubt ist, muss sie das auch in Bremen sein. Um Kaiserslautern, Freiburg und diesen HSV zuhause zu schlagen, muss man keine Spitzenmannschaft sein. Der Sieg in Hoffenheim war hart erkämpft und auch etwas glücklich. Beim einzigen Gegner, den man in die Kategorie “Topmannschaft” einordnen kann, verlor Werder mit 0:1. Das schmälert den Erfolg nicht, denn Werder wurde vor der Saison bestenfalls als Durchschnittsteam gehandelt. Ob die gezeigten Leistungen Aufschluss darüber geben, ob Werder in dieser Saison schon wieder gut genug für die Spitzengruppe der Liga ist, steht auf einem anderen Blatt.

Gestärkt aus der Heilungsphase

Letztlich wird diese Frage nicht im ersten Saisondrittel beantwortet. Nach dem labilen Zustand, in dem sich die Mannschaft noch im Sommer befand, sollte man dankbar für das verhältnismäßig leichte Auftaktprogramm sein. Jedes Erfolgserlebnis trägt ein Stück zur Heilung bei – und Werder befindet sich noch in der Heilungsphase. Wenn man dann gestärkt und mit großem Selbstbewusstsein in die schwierigen Spiele gehen kann, ist es umso besser.

Ich habe in den ersten Saisonspielen viele Dinge gesehen, über die ich mich freue: Den Formanstieg bei Hunt, Marin und Arnautovic. Die ansprechenden Leistungen unserer Neuzugänge, das Aufblühen von Fritz im Mittelfeld, die spürbare Erleichterung bei Thomas Schaaf, die Fortschritte bei Naldo. Ein Sieg in Nürnberg wäre ein weiteres Ausrufezeichen. Als Fan ist es schön, nach der schlimmen letzten Saison überhaupt wieder träumen zu können. Für eine ernsthafte Prognose, ob Werder schon wieder reif für die Champions League ist, reicht es jedoch noch nicht.

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    Ein Gedanke zu „Über Nürnberg an die Spitze?

    1. Tabellenführer! Wenn auch nur bis morgen.

      Trotz oder gerade wegen (?) Unterzahl eine starke Mannschaftsleistung! Können mit dem Punkt zufrieden sein.

      Aber das Wetter kurz vor der Halbzeit war ja wohl der Hammer…

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