Dezimiert, konzentriert, engagiert

1. FC Nürnberg – Werder Bremen 1:1

Ein Punktgewinn nach langer Unterzahl in Nürnberg bringt Werder vorübergehend an die Tabellenspitze. Die schwache spielerische Leistung sollte man im Kontext des frühen Platzverweises bewerten. Kämpferisch bot Werder eine sehr starke Leistung und verdiente sich einen Punkt gegen überlegene, jedoch selten zwingende Nürnberger.

Verschlafener Beginn, Wieses Weckruf

Die Anfangsphase verschlief Werder völlig. Nürnberg setzte das Bremer Mittelfeld ständig unter Druck und ließ kein geordnetes Aufbauspiel zu. Werder schaffte es kaum einmal, kontrolliert ins letzte Drittel zu spielen. Das Kombinationsspiel lag brach. Mit dem Ball blieb Nürnberg jedoch ebenfalls ungefährlich. Fast alle Angriffe liefen über die rechte Seite. Lediglich ein guter Freistoß von Mendler, den Wiese mit einer tollen Parade entschärfte, sorgte für Torgefahr.

In der 17. Minute kam es dann zur spielentscheidenden Szene, der roten Karte gegen Tim Wiese. In Unterzahl erhöhte Werder den Einsatz und zeigte mehr Leidenschaft. Die restliche erste Halbzeit über schaffte es das Team sehr gut, Nürnberg vom eigenen Tor fernzuhalten. Die einzige eigene Torchance nutzte dann Ex-Nürnberger Mehmet Ekici zur Bremer Führung. Nach Stephans schwachem Pass reagierte Hunt gut und Pizarro zeigte beim Zuspiel auf Ekici seine ganze Klasse. Die Halbzeitführung war auch deshalb nicht ganz unverdient, weil Nürnberg es nicht verstand, in Überzahl Torchancen zu herauszuspielen. Die letzten 15 Minuten hatten wegen des starken Regens kaum noch etwas mit einem normalen Fußballspiel gemein.

Von der Wasser- zur Abwehrschlacht

Nach der Pause wurde Nürnberg aggressiver und drückte Werder hinten rein. Entlastungsangriffe gab es kaum noch. Pizarro arbeitete viel und ließ sich häufig ins Mittelfeld fallen. Werders Formation glich dadurch einem 4-5-0 (bzw. nach Naldos Einwechslung einem 5-4-0). Aus dem Spiel heraus schaffte es Nürnberg dennoch nur selten, in gute Abschlusspositionen zu kommen. Das Torschussverhältnis von 25:2 täuscht daher ein wenig über die Tatsache hinweg, dass der Club zu wenig aus seiner Überzahl machte und trotz nachlassender Kräfte beim Gegner kaum echte Torchancen herausspielte. 14 davon waren Fernschüsse, 20 gingen am Tor vorbei. Sebastian Mielitz konnte sich eher durch viele angefangene Flanken und aufmerksames Rauslaufen auszeichnen, als durch gehaltene Bälle.

Umso ärgerlicher war es für Werder, dass man nach einer Ecke den Ausgleich kassierte. Schaaf reagierte durch die Einwechslung Naldos. Als dritter Innenverteidiger stellte er die Lufthoheit im Bremer Strafraum wieder her und nahm den hohen Hereingaben der Nürnberger damit den Wind aus den Segeln. Andererseits wurde es für Werder danach noch schwieriger, den Ball kontrolliert bis zur Mittellinie zu bekommen. Nach vorne ging nichts mehr, zumal Schaaf durch die beiden frühen Auswechslungen die Hände gebunden waren (Wesley und Rosenberg hätten Werders Spiel gut tun können, da vor allem Pizarro und Hunt in der Schlussviertelstunde die Luft ausging).

Umso bemerkenswerter war die Leidenschaft und Überzeugung, mit der Werder das Unentschieden verteidigte. Es wurde um jeden Zentimeter gekämpft, kein Spieler ließ sich hängen oder war sich zu schade, gegen den Ball zu arbeiten. Diese Einstellung hat man sich offenbar aus dem Abstiegskampf bewahrt.

Mission: Heimsiege fürs internationale Geschäft

Es war kein schönes Spiel von Werder. Die Passquote war schlecht und die Anfangsphase wurde (wie schon in Hoffenheim) verpennt. Angesichts des Spielverlaufs ist es für Werder ein gewonnener Punkt und nicht zwei verlorene. Die spielerische Leistung stand in diesem Spiel allerdings nicht im Mittelpunkt. Kämpferisch kann man der Mannschaft nichts vorwerfen. In puncto Kombinationsfußball und Ballsicherheit muss am nächsten Wochenende gegen Hertha wieder mehr kommen, doch das dürfte allen Beteiligten klar sein. Wiese hat sich durch seinen dummen Fehler wieder einiges kaputt gemacht, was er mit seinen starken Leistungen in dieser Saison aufgebaut hat. Mielitz hat dagegen erneut gezeigt, dass er reif genug für die Bundesliga ist. Viele Fehler von diesem Kaliber darf sich Wiese wohl nicht erlauben.

Das Ergebnis zeigt einmal mehr, wie wichtig die Heimspiele für Werder derzeit sind. Gewinnt man diese, sind vier Punkte aus drei Auswärtsspielen eine gute Bilanz. Wenn Werder weiterhin die Pflichtaufgaben so souverän erledigt, braucht es diese Saison keine Wunder von der Weser, um an den Champions-League-Plätzen dranzubleiben. Ein Heimsieg gegen Aufsteiger Hertha zählt zweifellos zur ersten Kategorie.

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