11. Spieltag: Begeistert

1. FC Nürnberg – Werder Bremen 2:2

Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Wissen wir. Hinten raus kam ein 2:2 in Nürnberg nach den bislang schlechtesten 55 Minuten der Saison. Trotzdem bin ich begeistert, was nicht nur an Halloween liegt.

Ich bin begeistert von einer Werdermannschaft, die in 35 Minuten eine (bis dahin mehr als verdiente) Niederlage abwendete.

Ich bin begeistert von Tim Wiese, der in der dritten Minute mit einer Harakiri-Aktion an Ball und Gegner vorbeisprang und so das erste Gegentor mitverschuldete, der sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen ließ, der Nervenstärke bewies und Werder mit einigen Klasseparaden im Spiel hielt.

Ich bin begeistert von Naldo und Mertesacker, die selten so schlecht harmonierten, sich teilweise sogar gegenseitig behinderten, etliche haarsträubende Fehler machten und in der Schlussphase trotzdem den Mut hatten, alles zu riskieren, den Weg nach vorne zu suchen, in der Gefahr, am Ende als noch größere Deppen dazustehen.

Ich bin begeistert von unseren Außenverteidigern, die an ganz schlimme Zeiten erinnerten, sich mehrfach überlaufen ließen und am Ende doch den Laden zusammen hielten, als die Viererkette aufgelöst wurde. Dazu eine Torvorbereitung per Flanke von Boenisch.

Ich bin begeistert von unserem Mittelfeld, das lange Zeit kein Bein auf den Boden bekam und kaum einen Pass zum eigenen Mann, das keinerlei Kontrolle übernehmen konnte, das dann jedoch das Spiel ankurbelte, das plötzlich sogar den Totalausfall von Mesut Özil vekraften konnte, das Nürnberg in der Schlussphase in deren eigenen Hälfte einschnürte.

Ich bin begeistert von Tim Borowski und Peter Niemeyer, die beide das Mittelfeld belebten, was ich vor allem bei letzterem nicht unbedingt erwartet hatte.

Ich bin begeistert von Mesut Özil, der mit Spielen wie gestern die Hoffnung weckt, dass man ihn doch noch langfristig an Werder binden kann.

Ich bin begeistert von unserem Angriff, der trotz des Ausfalls der Sturmpartner 1-4 von Marko Marin und trotz nur ganz weniger gelungener Offensivaktionen ackerte und versuchte, die Nürnberger Defensive zu beschäftigen.

Ich bin begeistert von Aaron Hunt, der uns den Punkt gerettet hat, der lange brauchte, um ins Spiel zu finden, der nach Rosenbergs Auswechslung in den Sturm ging und das tat, was Stürmer tun müssen, der nun sogar per Kopf trifft, der uns mit dem 2:2 in der Nachspielzeit jubeln ließ, als hätten wir das Spiel gewonnen, der den Ball mit der Brust herunterpflückt, ihn kurz auftrumpfen lässt, ihm mit dem Außenrist den nötigen Drall verpasst, ihn für den Torwart unerreichbar macht und direkt in den Knick trifft.

Ich bin begeistert von Thomas Schaaf, der den einzigen Vollblutstürmer vom Platz nahm, für ihn einen Mittelfeldspieler brachte, der den Mut hatte, mit Marin und Hunt in der Spitze spielen zu lassen, der nach dem Schlusspfiff somit alles richtig gemacht hatte, der dafür nicht in den Medien gelobt wird, wie van Gaal letzte Woche.

Ich bin begeistert, dass Werder selbst aus diesem absoluten Graupenspiel noch etwas zählbares mitgenommen hat, dass man sich zurück ins Spiel kämpfte, nicht darauf verweisen wollte, dass jede Serie irgendwann enden müsse und man halt mal einen gebrauchten Tag erwischt habe.

Ich bin begeistert von 17 ungeschlagenen Spielen in Serie, von einer Mannschaft, die am Samstag ihr schreckliches zweites Gesicht zeigte, das wir noch aus der Vorsaison kennen, die es jedoch nicht einfach hinnehmen wollte, sich dagegen aufbäumte und so vor allem die eigenen Dämonen vertrieb.

Ich bin begeistert, dass wir in dieser Saison endlich wieder träumen können.

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    6 Gedanken zu „11. Spieltag: Begeistert

    1. Ich bin begeistert von Deinem Beitrag, vielen Dank. :-)

      Ich durfte den Kick live im Stadion verfolgen und habe selten so laut und befreit gejubelt wie beim 2:2. Selbst solche Spiele verlieren wir derzeit nicht…Wahnsinn…

    2. Ach liebe Leute, das ist so schön: da komme ich wegen Doppelbelastung durch Arbeit und Diplomarbeit momentan nicht zum Schreiben, aber dank euch brauche ich das gar nicht! Besser könnte ich meine grün-weiße Gefühlslage nämlich selbst nicht aufs Blog bringen :)

      Gilt sowohl für diesen Beitrag als auch für den von Lars gestern auf dem Werderblog. Die Befreiung in der buchstäblich letzten Sekunde durfte ich in einer Kreuzberger Werderkneipe erleben und so gejubelt habe ich zuletzt nach dem Finaleinzug im Uefa-Cup (beim Pokalsieg war ich auf einer Hochzeit und hab nur die Übegabe des Potts live gesehen).

      Auch wenn sich das erst in den nächsten Wochen zeigen wird: dieses Spiel könnte weit mehr Bedeutung haben als die Spiele zuvor, in denen die Punkte doch wesentlich entspannter eingesammelt wurden.

    3. Danke, wieder ein toller Beitrag !

      Nicht begeistert bin ich allerdings von der Verletzung von Torsten Frings.
      Er ist das Herzstueck der Mannschaft und wird nur schwer zu ersetzen sein.
      Zum Glueck ist Laenderspielpause.

    4. Das ist damit offiziell das erste Mal, dass ich mich über eine Länderspielpause freue. Es sei denn Frings wird schon vorher wieder fit ;)

      Denke aber außerdem, dass Boro und Bargfrede (vielleicht sogar schon Jensen) ihn einiger Maßen gut ersetzen können. Was Frings Leistungen der letzten Wochen nicht schmälern soll: er war definitiv so gut drauf wie schon lange nicht mehr :)

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