13. Spieltag: Inspiriert

SC Freiburg – Werder Bremen 0:6

Tabellenführer – ein schönes Wort. Wenn auch erstmal nur für einen Tag. Wenn auch nur im November. Gestern hat Werder  gespielt, wie ein kommender Meister. Gegen Freiburg hat Werder schon oft gespielt, wie ein kommender Meister. Zuletzt vor fünf Jahren, da hat man auch mit 6:0 gewonnen. Damals wurde zwar man nicht Meister, doch am Ende stand immerhin ein Champions League Platz. Mehr habe ich Werder bislang auch nicht zugetraut. Bis gestern.

Freiburg ist kein Gegner, der sich als Maßstab für die Meisterwürdigkeit einer Mannschaft eignet. Es wäre also durchaus angebracht, vor übertriebener Euphorie zu warnen, doch danach ist mir heute nicht. Vielleicht werde ich in ein paar Wochen geknickt registrieren müssen, dass es gegen Schalke oder den HSV doch nicht gereicht hat und man Boden auf die Konkurrenten verloren hat. Wer sich weit aus dem Fenster lehnt, muss damit rechnen, heraus zu fallen (wer es nicht glaubt, der frage mal bei Hertha BSC nach). Durchaus nachvollziehbar, dass sich Spieler, Trainer und Verantwortliche davor hüten, zu früh das böse Wort mit M in den Mund zu nehmen. Die Boulevard-Medien warten nur darauf, solche Aussagen in großen Lettern zu drucken und sie den Urhebern ein paar Wochen und Niederlagen später wieder um die Ohren zu hauen.

Auch unter den Fans ist die Vorsicht größer geworden, vor allem bei denen, die auch bloggen. Wer, sagen wir, Fan von Bayer Leverkusen ist, hat sich über die Jahre einen so dicken Schutzpanzer angelegt, dass er Worte wie “Meisterschaft” oder “Titelkandidat” gar nicht mehr an sich ran lässt. Beim HSV wirken die traumatischen Erfahrungen des letzten Frühlings noch nach. Auf Schalke können sich nur die Dorfältesten noch an die letzte Meisterschaft erinnern, weshalb man trotz Felix Magath auf die Euphoriebremse tritt. Offen über die Meisterschaft wird eigentlich nur dort geredet, wo sie auch das ein oder andere Mal gewonnen wird. Doch selbst in München ist man dieser Tage mehr mit Selbstzerfleischung beschäftigt, als damit, die rückständigen Punkte möglichst schnell aufzuholen. Also, wenn denn niemand sonst will, dann eben wir. Wir haben uns lange in norddeutschem Understanding geübt und die Verantwortlichen dürfen das gerne auch so beibehalten, aber ich lehne mich heute aus dem Fenster und sage: Werder wird Meister 2010!

In der Vergangenheit haben wir gesehen, dass Werder die hohe Erwartungshaltung und das viele Lob nicht immer gut getan hat. Die Saison 2006/2007 stellte in dieser Hinsicht den Wendepunkt dar, ab dem das Team von der vielen Euphorie eher gehemmt als inspiriert wirkte. Konsequenterweise schaffte man es seit Februar 2007 auch nicht mehr auf den ersten Platz. Es gibt jedoch einige Dinge, die mich sehr zuversichtlich stimmen, dass es in dieser Saison anders sein wird:

  • Die Mannschaft lässt sich von Rückschlägen nicht umwerfen. Die letzte Saison erwies sich in dieser Hinsicht als Stahlbad: Auf Triumphe in den Pokalwettbewerben folgten peinliche Darbietungen in der Liga. Dieses ewige Auf und Ab muss auch dem letzten klar gemacht haben, dass man sich für konstant gute Leistungen keine Auszeiten nehmen darf.
  • Die Mannschaft tritt wieder als Team auf. Es gibt wenig Starallüren. Diegos Abgang wirkte sich in dieser Hinsicht teambildend aus, was ich keinesfalls als Kritik am Brasilianer verstanden wissen will. Das Vakuum, das er hinterließ, wird nun von mehreren Spielern ausgefüllt. Zu der von mir befürchtete Abhängigkeit von Mesut Özil ist es (bislang) nicht gekommen.
  • Die Mannschaft hat vorne wie hinten Stabilität. Vor allem in der Abwehr ist dies bei Werder nicht selbstverständlich. In der Defensive tritt Werder nicht mehr als Ansammlung (durchaus talentierter) Einzelspieler auf, sondern als Abwehrverbund. So kann man auch mal eine schwache Leistung, wie die gestern von Sebastian Boenisch kompensieren. Offensiv machen Özil, Hunt, Marin und Pizarro einfach nur Spaß. Das Toverhältnis von 29:10 spricht für sich.
  • Die Mannschaft kann mit Ausfällen umgehen. Zwar gibt es einige Positionen, auf denen die Stammspieler nicht adäquat ersetzt werden können, wie etwa im Tor oder in der Innenverteidigung, doch langsam bieten sich auch wieder Alternativen an. Etwa Hugo Almeida und Daniel Jensen, die fast die komplette bisherige Saison verletzt waren. Gestern musste Werder durch die Ausfälle von Frings, Borowski und Pizarro auf die geballte Erfahrung aus 820 Bundesligaspielen verzichten. Trotzdem war kein Qualitätsverlust festzustellen, was vor allem daran lag, dass Bargfrede und Jensen im zentralen Mittelfeld so gut harmonierten, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Ja, es gibt noch genügend Gründe, seine Restzweifel aufrecht zu erhalten. Etwa den insgesamt etwas zu dünnen Kader oder die leichten Defizite auf den Außenpositionen. Ja, es sind erst 13 von 34 Spieltagen absolviert und die Belastung durch die vermutlich wieder hohe Anzahl an Spielen wird immens sein. Ja, die Konkurrenz ist stark, Leverkusen wirkt gefestigt, beim HSV werden die Stürmer nicht ewig ausfallen und die Bayern muss man allein schon ihres Kaders wegen weiter ernst nehmen. Trotzdem sage ich es noch einmal: Werder wird in dieser Saison deutscher Meister. Punkt. Und wenn nicht, bin ich Schuld, weil ich es laut ausgesprochen habe.

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