19. Spieltag: Dünne Luft

FC Augsburg – Werder Bremen 3:1 (1:1)

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Werder konnte trotz früher Führung nie das Spiel des Gegners kontrollieren und geriet schon in der Anfangsphase schnell unter Druck. Dutt hatte vor dem Spiel völlig zurecht Daniel Baier als Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Augsburger ausgemacht. Die Offensivabteilung um Petersen, Junuzovic, Di Santo und Elia versuchte daher, das gegnerische Spiel schon im Aufbau zu stören, das eher halbherzige Pressing bereitete dem FCA aber keine großen Probleme. Sobald die vier überspielt waren, geriet Werder in große Bedrängnis. Auf den Außenbahnen waren Selassie und Garcia auf sich gestellt und die beiden Sechser Kroos und Makiadi sahen sich in schöner Regelmäßigkeit in Unterzahl gegen das Augsburger Mittelfeld. In der Folge kam Werder meistens zu spät in die Zweikämpfe, wodurch von Anfang an zahlreiche Fouls Werders Spiel prägten. Dies führte schon nach kurzer Zeit zu guten Augsburger Chancen, zunächst ein Freistoß an den Pfosten, dann ein fast identischer Freistoß ins Tor. Beide Male bot Werders Mauer die gleichen Lücken an, die Tobias Werner dankend ausnutzte.

Offensiv fand Werder in Abwesenheit von Aaron Hunt schlicht und einfach nicht statt. Zur Pause war Augsburg deshalb klarer Punktsieger, auch wenn Werder in den letzten 15 Minuten den Druck etwas herausnehmen konnte. Dann kam Garcia. Viele lasten Dutt den Platzverweis (mit) an – ich nicht. Zum einen weil Dutt schon einige Male mit frühen Auswechslungen auf drohende gelb-rote Karten reagiert hat, sich der Problematik also durchaus bewusst ist. Ich glaube, dass Garcia in der Halbzeit in der Kabine geblieben wäre. Zum anderen weil man einem Fußballprofi ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung abverlangen muss. Mit Kroos und Garcia begaben sich schon früh zwei Spieler auf sehr dünnes Eis. Ein Doppelwechsel nach 30 Minuten ist für einen Trainer mehr als bitter, daher verständlich, dass Dutt zumindest bis zum Pausenpfiff warten wollte. Garcia ist nicht vom Platz geflogen, weil er sich gelbvorbelastet in einen brenzligen Zweikampf schmeißen musste, sondern weil er völlig übermotiviert im gegnerischen Strafraum ein überflüssiges Tackling ansetzte. Dass er seinen Gegenspieler dabei nicht traf, spielt für die Entscheidung des Schiedsrichters keine Rolle. Gelb ist für Garcias gefährliches Spiel in jedem Fall vertretbar. Somit bekam jeder was ihm zustand: Garcia den Platzverweis und Ostrzolek die Goldene Himbeere als schlechtester Nebendarsteller.

Die zweite Halbzeit ging Werder dann so an, wie ich es schon in der ersten Halbzeit – erst recht nach dem Führungstor – erwartet hätte: Mit zwei tiefen Viererketten, die das Zentrum dicht machten. Augsburgs Spiel wurde so auf die Außenbahnen gelenkt, wo nun gezielt auf die gegnerischen Flügelspieler gepresst werden konnte, um diese zu isolieren oder zu frühen Flanken zu zwingen – zumindest in der Theorie. Denn als die Taktik zu greifen anfing, war das Spiel für Werder bereits verloren. Zuerst unterschätzte Selassie eine Flanke, dann leisteten sich Schmitz und Wolf eine Slapstick-Einlage. Mit solchen individuellen Aussetzern nützt kein Defensivkonzept etwas. Augsburg konnte in der Folge die eigene Ballsicherheit zur Schau stellen und Werder kam kaum noch in Ballbesitz.

Nachdem ich in der letzten Woche schrieb, dass Eintracht Braunschweig der denkbar unpassendste Gegner zu Werders proklamierten Zielen für die Wintervorbereitung war, muss ich sagen, dass Augsburg nun der ideale Gegner war. Inzwischen haben die meisten gemerkt, dass Augsburg guten Fußball spielt und Werder dort keineswegs als Favorit ins Spiel geht und schon gar nicht das Spiel machen muss. Man hätte jede noch so dreckige Defensivtaktik als Mittel zum Zweck rechtfertigen können, und das ohne ungeduldige Fans im Nacken. Andererseits ist Augsburg nicht so stark, dass man allein aufgrund der individuellen Qualität des Gegners trotzdem verliert. Man hätte in diesem Spiel ein Zeichen setzen können, den Weg für die nächsten Spiele vorzeichnen können. Diese Chance hat man völlig vergeigt. Selbst wenn man die individuellen Aussetzer von Garcia, Selassie, Schmitz und Wolf ausblendet, war Werders Leistung vor allem in der ersten Halbzeit eines Erstligisten nicht würdig. Dass man sich beim Stand von 1:3 bei völligem Verzicht auf eigenes Offensivspiel einigermaßen Stabilisieren kann, ist nun wirklich kein Trost.

Langsam wird die Luft damit auch für Robin Dutt dünn. Von den vor der Saison angekündigten Zielen ist bislang keines erreicht oder auch nur in Sicht. Der Weg dahin ist ebenfalls nur mit viel gutem Willen in Ansätzen zu erkennen. Mit dem schwachen Pass- und Aufbauspiel könnte ich noch leben; ich hatte mich auf eine Saison mit reaktivem und eher unansehnlichem Fußball eingestellt. Zu Torchancen kann man auch mit gutem Umschaltspiel, starkem Angriffspressing und/oder intelligenten Laufwegen im Angriff kommen. Doch davon ist bei Werder ebenfalls nicht viel zu sehen. Sich nur auf zweite Bälle und leicht chaotisches Gegenpressing zu verlassen, ist etwas arg wenig. Zumal sich diese Offensivtaktik allem Anschein nach nicht richtig mit der defensiven Stabilität verträgt. Zwischen dem 10. und 16. Spieltag, als man vermehrt darauf setzte, kassierte man zwei Drittel aller bisherigen Gegentore. Deshalb sind die sechs Spiele ohne Gegentor auch nur ein schwacher Trost. Zur Wahl stehen allem Anschein nach nur die totale Defensive und ein Offensivkonzept, bei dem hinten sämtliche Schleusen geöffnet werden. Das ist, mit Verlaub, eine miserable Zwischenbilanz.

Bislang war ich mit Dutt relativ geduldig. Er hat eine schwierige Aufgabe übernommen und dabei von Anfang an sehr viel Demut gezeigt, sich nicht über den Zustand des Kaders beklagt, den er übernommen hat, von seinem Vorgänger nur in höchsten Tönen gesprochen, nicht öffentlich Verstärkungen gefordert, etc.. Was auch immer man Dutt alles vorwerfen mag, er hat nicht nach billigen Ausreden gesucht, um seine Arbeit zu verteidigen. Vor allem deshalb hatte er bei mir einen gewissen Vertrauensvorschuss, auch wenn in der Hinrunde nur sporadisch eine Entwicklung in Werders Spiel zu Erkennen war.

Mittlerweile ist dieser Vorschuss mehr als aufgebraucht. Die für die ersten 2-3 Monate angekündigte defensive Stabilisierung ist nur vorübergehend eingetreten. Mit nunmehr 40 Gegentoren gehört Werder weiterhin zu den defensivschwächsten Mannschaften der Liga. Offensiv hat Dutt ein Jahr Zeit eingefordert, um seine Spielidee umzusetzen. Auch wenn solche Entwicklungen selten linear sind, sollten so langsam zumindest Ansätze davon erkennbar werden. Bleibt die spielerische und taktische Entwicklung weiterhin aus, könnte die Ära Dutt allen Beteuerungen zum Trotz ein vorzeitiges Ende finden.

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    2 Gedanken zu „19. Spieltag: Dünne Luft

    1. Etwas spät zwar, aber weil es so leicht scheint, ihn zu kritisieren: Dass Selassie beim 1:2 unglücklich aussah, lag vor allem daran, dass er allein gegen zwei Spieler stand und sich für den theoretisch richtigen (näher und zentraler vorm Tor stehenden) Werner entschieden hat, was natürlich in dem Moment praktisch falsch wird, in dem die lange Flanke auf den zweiten Pfosten kommt und er das zwar (zu spät) erkennt und dann unter dem Ball herspringt. Altintop hätte entweder in den Strafraum verfolgt oder übergeben werden müssen… Dass das nicht funktioniert passt dann wieder voll in deine gute Analyse. Danke. Ich lese gerne hier.

      1. Danke. Das ist mir im Spiel so gar nicht aufgefallen, aber es stimmt, er steht da gegen zwei Spieler und kann sich gar nicht viel früher zu Altintop orientieren. Wenn er den Ball besser einschätzt, kann er vielleicht etwas eher auf den zweiten Pfosten gehen, bzw. springt nicht unter dem Ball durch und verhindert so zumindest, dass Altintop direkt abschließen kann. Vor allem aber ein richtig starker Abschluss von Altintop.

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