19. Spieltag: Führungslos

Schalke 04 – Werder Bremen 1:0

Vor Beginn der Rückrunde habe ich schon anklingen lassen, dass Werders Schwierigkeiten in der Hinrunde meiner Meinung nach mit einem Führungsproblem auf dem Platz zusammenhingen. Die ersten Spiele der Rückrunde haben mich in dieser Meinung noch bestätigt. Werder hat momentan keinen Spieler, der die Mannschaft wirklich führt – obwohl durchaus Spieler im Kader sind, die diese Rolle übernehmen könnten.

Woran mache ich das fest?

1. Werder hat in vielen Spielen in den entscheidenen Situationen nicht richtig dagegen gehalten. Auffällig war das besonders in der Champions League gegen Athen und Famagusta. Nach Rückständen lässt sich die Mannschaft zu schnell hängen und wacht erst wieder auf, wenn das Spiel schon entschieden ist.

2. Werder lässt sich leicht aus dem Konzept bringen. In fast allen Spielen – auch den wirklich schlechten wie gegen Gladbach oder Karlsruhe – hat Werder in den ersten 2-3 Minuten losgelegt wie die Feuerwehr. Die Mannschaft wirkte bis in die Haarspitzen motiviert. Nach den ersten paar mislungenen Aktionen schlug es dann innerhalb weniger Minuten ins absolute Gegenteil um. Besonders Auswärts fällt es der Mannschaft schwer, das eigene Spiel durchzuziehen.

3. Die jungen Spieler lassen den Kopf zu schnell hängen. Özil und Hunt sind sicher gute Beispiele dafür. Bei allem Talent und allen tollen Spielen, die vor allem Özil schon gemacht hat, waren ihre Leistungen doch sehr schwankend. Bei jungen Spielern sicher normal. Nicht normal ist jedoch, dass diese Spieler teilweise mit hängenden Schultern über den Platz schlurfen, als wäre ihnen das Spiel egal. Hier ist ein Führungsspieler gefordert, die Spieler anzusprechen, zu motivieren, zur Not auch mal anzubrüllen.

Dies sind alles Situationen, in denen ein Trainer kaum auf die Spieler einwirken kann. Hier sind Spieler gefordert, die Verantwortung übernehmen und positiv auf ihre Mitspieler einwirken können. Meistens sind das Spieler mit großer Erfahrung. Die hat Werder durchaus. Aber warum tut es dann keiner?

Frank Baumann ist hier als Kapitän natürlich gefordert. Allerdings war Baumann noch nie der extrovertierteste Spieler beim SVW. Das machte ihn für Werder zum idealen Kapitän, denn um ihn herum gab es mit Micoud, Ismael, Frings, Ernst oder auch Wiese immer schon Spieler, die das mehr als wett gemacht haben. Baumann war der Ruhepol der Mannschaft und gerade deshalb so wertvoll. Heute fehlen diese Spielertypen um ihn herum fast völlig.

Torsten Fings gilt eigentlich als typischer Führungsspieler. Er ist das Sprachrohr der Mannschaft zu den Medien, gibt nach fast jedem Spiel Interviews. Dabei wird oft vergessen, dass Frings auf dem Platz vor allem durch seine eigene Leistung vorangeht und weniger verbal auf seine Mitspieler eingeht. In der Hinrunde hatte er lange Problem zu seiner Form zu finden. Frings kann seinen Mitspielern zwar "einen Einlauf verpassen", aber er ist sicher kein positiver Motivator, der auch dann die Mannschaft führen kann, wenn er selbst schwächer spielt. Und im moment spielt er schwach.

Tim Wieses Einflussmöglichkeiten sind als Torwart eher begrenzt. Diego könnte (müsste?) von seiner Erfahrung und seinen Qualitäten her Führungsspieler sein. Vor einem Jahr schien er den Schritt dahin geschafft zu haben. Momentan hat er mehr mit seinem eigenen Temperament zu kämpfen als dass er weitere Verantwortung übernehmen könnte. Auch Per Mertesacker hat genug Klasse und Erfahrung, die Mannschaft zu führen. Ihm traue ich in der Rückrunde am ehesten eine Führungsrolle zu.

Es gibt viele unterschiedliche Führungsstile, die alle erfolgreich sein können. Es ist letztendlich egal, ob ein Spieler die Mannschaft authoritär führt, durch Leistung voran geht oder einfach durch sein Verhalten ein Vorbild für die anderen ist. Wichtig ist, dass wieder jemand die Führung auf dem Platz übernimmt, der von allen Mitspielern als Leader akzeptiert wird. Anders kann eine Fußballmannschaft nicht funktionieren.

Man konnte Werders Verunsicherung gegen Schalke gestern mit den Händen greifen. Verständlicherweise, bedenkt man die Bedeutung dieses Spiels. Trotzdem hat es die Mannschaft geschafft dagegen zu halten, sich kämpferisch gegen die Niederlage zu wehren. Allein, die spielerischen Mittel waren nicht da. Kratzen, beißen, rennen – das hätte man sich von Werder in den vergangenen Monaten häufiger vergeblich gewünscht. Die Spielstärke war dabei nie das Problem. Doch die inzwischen vorhandene Angst scheint die Mannschaft zu lähmen. Eine kämpfende Mannschaft ohne Selbstvertrauen gewinnt in der Bundesliga selten Spiele. Und wer spielt, wie Energie Cottbus, holt auf Schalke selten Punkte.

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