20. Spieltag: Paules Rückkehr – Ein Herz für Außenverteidiger

Werder – Gladbach 1:1

Wie sehr sich die Wahrnehmung doch mit der Zeit ändert…

In seiner Zeit bei Werder spielte Paul Stalteri auf so ziemlich jeder Position. Obwohl er Jahr für Jahr vor Saisonbeginn von Fans und Experten abgeschrieben wurde, schaffte er es fast immer in die erste Elf. Egal, wen Werder für Stalteris Position auch verpflichtete, er ließ keinen an sich vorbei ziehen. Und wenn doch mal jemand kam, der ihm den Posten streitig machte, dann stellte ihn Thomas Schaaf halt auf eine andere Position. So wanderte er vom Sturm übers Mittelfeld bis hin zur Abwehr durch alle Mannschaftsteile. Den Großteil seiner Spiele machte er jedoch auf der Außenverteidigerposition.

Die Zahl seiner Befürworter war klein. Der Kanadier galt mehr als Notnagel, denn als ernsthafter Stammspieler. Zu beschränkt seien seine technischen Fähigkeiten, zu unsicher sein Passspiel, zu schwach seine Flanken. Erst gegen Ende seiner Werderjahre bekam Stalteri die Anerkennung der Bremer Fans. Seine Verabschiedung im Mai 2005 war emotional. Viele Fans in der Ostkurve hielten kleine Plakate hoch mit der Aufschrift "Danke Paul".

Heute gilt Paul Stalteri vielen in Bremen als das Musterbeispiel an Beharrlichkeit. Ein Spieler, der sich vorbehaltlos in den Dienst der Mannschaft und des Vereins stellte. Der nicht das Rampenlicht für sich beanspruchte. Der auch wegen seines großen taktischen Verständnisses zu Johan Micouds engsten Vertrauten zählte. Der auf fast jeder Position spielen konnte. Auf den immer Verlass war. Wie gut täte unserer Mannschaft dieser Tage ein solcher Spieler

Doch wie wäre es wirklich, wenn Paul Stalteri diese Saison in Bremen spielen würde? Würde es kein verständnisloses Raunen mehr geben, wenn er den Ball hinters Tor flankt? Würden ein missratener Steilpass oder ein Fehler in der Ballannahme nicht mehr zu Tobsuchtanfällen auf der Haupttribüne führen? Könnte er in der sehr zentralistisch ausgelegten Werderoffensive für die ersehnten Akzente von der Außenbahn sorgen?

Werders Probleme auf den Außenverteidigerpositionen sind nicht in erster Linie an der Qualität der Spieler fest zu machen. Sicher, Sebastian Boenisch hat eine zu hohe Fehlerquote, Clemens Fritz bringt sich nicht genug ins Aufbauspiel mit ein,  Dusko Tosic verliert nach schlechten Aktionen schnell völlig den Faden und Petri Pasanen und Sebastian Prödl können nicht über ihre Beschränktheit im Offensivspiel hinwegtäuschen. Doch keine andere Position erfordert ein solche Fülle an defensiven und offensiven Fähigkeiten von einem Spieler. Dazu kommt, dass die Außenverteidiger in Werders Rautensystem weitestgehend auf sich allein gestellt sind.

Werder-gladbach
Werder – Gladbach. Aktionsmittelpunkte der Spieler. 90.Minute (Quelle: bundesliga.de)

Das Mittelfeld – verstärkt durch mindestens einen Stürmer, der sich zurück fallen lässt – zieht in der Mitte ein Kurzpasspiel auf, sorgt dort, 30-40 Meter vor dem Tor, häufig für ein Überzahlspiel. Das heißt aber auch, dass die Mittelfeldspieler meist einen weiten Weg haben, um auf den Außenpositionen auszuhelfen (zu sehen etwa in der Abbildung oben). Bei einer "flachen Vier" oder einem Fünfermittelfeld sind diese Wege kürzer. Das Risiko für einen Außenverteidiger, mit nach vorne zu gehen, ist dementsprechend groß. Das konnte man gut in der letzten Saison (und auch zu Beginn dieser Saison) sehen, als sich Werder oft über die Außenpositionen auskontern ließ. Schaaf reagierte darauf, indem er die gelernten Innenverteidiger Prödl und Pasanen zeitweise dort spielen ließ.

Die Zahl der Kontergegentore über die Außen ist deutlich zurückgegangen, doch nun wird wieder die fehldende Offensivkraft beklagt. Fritz hat sich nach ganz schwachem Beginn so langsam gefangen – auch, weil er sich in erster Linie auf seine Defensivaufgaben konzentriert. So bleibt offensiv vieles auf der Strecke. Doch das ist nicht der Grund für Werders momentanen Probleme. Auch in früheren Tagen bestach die Mannschaft weniger durch gefährliche Flanken (in der Doublesaison spielten dort  Ümit Davala und besagter Stalteri, sowie ab und an Christian Schulz), sondern durch ihr starkes Kombinationsspiel durch die Mitte.

Es gibt auch praktisch kaum "komplette" Außenverteidiger. Das wird nicht nur in der Bundesliga beklagt, sondern unter anderem auch in der Premier League. Selbst Philipp Lahm, den ich für den derzeit besten Linksverteidiger der Welt halte, ist auf dieser Position beschränkt. Er ist defensiv bärenstark und kann durch seine Dribblings auch die Offensive beleben, doch er zieht dabei meistens früh nach Innen. Kein großes Problem für die Bayern, denn da links Außen steht ja noch ein Franck Ribery. Ähnliches gilt bei Barcelona für Dani Alves, den ich als Lahms Pendant auf der rechten Seite sehe. Der hat Lionel Messi vor sich.

Ich will unsere Außenverteidiger keineswegs besser darstellen, als sie sind, noch will ich sie von ihrer (Mit-)Schuld an der Krise freisprechen. Ich weiß auch nicht, ob einer dieser Spieler nach seiner Werderzeit einen ähnlichen Status bei den Fans erreicht, wie Paul Stalteri. Doch vielleicht sollte man sich gerade in schwierigen Zeiten ab und an in Erinnerung rufen, dass man nie so ganz mit dem zufrieden ist, was man hat. Und dass sich die Wahrnehmung mit der Zeit ändert.

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