Archiv für den Monat: Juni 2009

Zum Tod Michael Jacksons

Ich muss gestehen: Diese Nachricht hat mich wirklich schockiert! Michael Jackson ist letzte Nacht im UCLA Medical Center in Los Angeles gestorben. Um Mitternacht habe ich in den Radionachrichten davon gehört und dann auf BBC die ständig wechselnden Meldungen verfolgt. Gegen 0:30 legte sich die BBC fest und bestätigte, dass der "King of Pop" tot sei.

In den letzten Jahren war Michael Jackson eigentlich nur mit negativen Schlagzeilen in der Öffentlichkeit präsent. Über kaum eine andere Person wurde öffentlich so viel Häme verschüttet, wie über ihn. Outete man sich als Michael Jackson Fan wurde man im besten Fall mitleidig angeschaut. Umso erstaunlicher ist die riesige Anteilnahme an seinem Tod. Bei Twitter war MJ das Thema der letzten 12 Stunden.

Berechtigt ist dieser Buzz auf jeden Fall. Egal, wie man zu seiner Musik steht – Michael Jackson ist der größte Popstar den die Welt bislang hervorgebracht hat und hat bis heute einen riesigen Einfluss auf Musik und Popkultur. Nun bedeutet das nicht, dass sich jeder andächtig vor ihm verbeugen müsste, doch an der Bedeutung seines Lebenswerks kann eigentlich niemand ernsthaft zweifeln. In den nächsten Tagen wird es sicherlich eine Flut an Nachrufen und Best-of-Sendungen geben.

Bei allen Kontroversen, die es insbesondere um sein Privatleben gab und gibt, sollte man eines nicht vergessen: Michael Jackson war vor allem ein unglücklicher Mensch, der es nicht geschafft hat seine traumatische Kindheit hinter sich zu lassen. Deshalb kann ich nur unterschreiben, was ich gestern bei Twitter gelesen habe: Wenn der Begriff "Ruhe in Frieden" jemals für eine gequälte Seele zutreffend war, dann mit Sicherheit bei Michael Jackson.

Um den Bogen zum Fußball zu spannen und nicht ganz Off Topic zu bleiben: Als Michael Jackson Mitte der 90er Jahre ein Konzert in Bremen gab, hatte ich eine sehr unerwartete Begegnung. Ich war gerade auf dem Nachhauseweg von einem Fußballspiel (einer unglücklichen Heimniederlage) und stand mit dem Fahrrad an einer Ampel im Bremer Ortsteil Grolland. Plötzlich fuhr eine Autokolonne an mir vorbei, in der Mitte eine schwarze Limousine. Ich bildete mir damals ein, durch die getönten Scheiben einen Mann auf der Rückbank erkannt zu haben. Ich hob meine Hand und winkte. Der Mann winkte zurück. Zuhause angekommen hörte ich im Radio, dass Michael Jackson vor kurzem auf dem Bremer Flughafen gelandet und gerade auf dem Weg ins Bremer Parkhotel sei. Die Route wurde dabei kurzfristig geändert, so dass der Weg genau an unserem Fußballplatz vorbei führte. Vielleicht hat sich diese Erinnerung mit der Zeit etwas verfälscht, vielleicht habe ich hinter der Scheibe niemanden gesehen, doch in dem Moment war es ein unbeschreibliches Gefühl.

In diesem Sinne: Ruhe in Frieden, Michael Jackson!


Scheiden tut weh

12. September 1999, Werder Bremen – 1.FC Kaiserslautern

Ich stehe als frischgebackener Dauerkartenbesitzer in der Ostkurve des Weserstadions. Die Fans beider Vereine feiern ihre neu entdeckte Feindschaft. Werder hat den Saisonstart verpatzt, aus drei Spielen nur zwei Punkte geholt. Erste Zweifel am frischgebackenen Trainer Thomas Schaaf kommen bereits auf. Kaiserslautern gerät nach einer roten Karte gegen Hristov früh in Unterzahl. Kurz darauf trifft der junge peruanische Stürmer Claudio Pizarro, der sein erstes Spiel für Werder macht, zum 1:0. Werder liefert in der Folge eines der bis dahin besten Spiele der Post-Rehagel-Ära ab, gewinnt mit 5:0. Selbst der untersetzte brasilianische Fehleinkauf Ailton darf in der Schlussphase aufs Feld. Eine Woche zuvor hatte Werder Julio Cesar verpflichtet, um der wackligen Abwehr etwas Stabilität zu verleihen. Neben ihm spielt ein junger Franke, der noch im Mai dem Nürnberger Abstieg ein Gesicht verliehen hat. Sein Name: Frank Baumann. Später wird er einmal sagen, dass Julio Cesar für ihn eine "riesige Erscheinung", ein "Weltstar" gewesen ist.

Vom Kicker erhalten beide für das Spiel die Note 2,5. Julio Cesar absolviert nur 12 Spiele für Werder, beendet nach anhaltenden Verletzungsproblemen seine Karriere. Baumann wird ein Jahr später Mannschaftskapitän. Es ist der Beginn einer zehn Jahre andauernden Ära.

7. Februar 2004, Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen

Zittern in Bremen. Im Irish Pub am Hauptbahnhof werden die Besucher immer nervöser. Es laufen die letzten Minuten eines schwachen Spiels im Borussia-Park. Spielstand: 1:1. Ivan Klasnic hat die Gladbacher Führung ausgeglichen. Werder drückt auf das Siegtor, doch der Ball will nicht rein. Langsam macht sich Angst breit, Werder könnte wie in den Jahren zuvor den Start in die Rückrunde verschlafen. Mit einem Sieg könnte man hingegen die Bayern, die erst einen Tag später spielen, bis auf 9 Punkte distanzieren. Die Minuten verrinnen. Bloß die Hoffnung nicht aufgeben. Vor drei Tagen hat Werder im DFB-Pokal bei Greuther Fürth in der Nachspielzeit noch einen 1:2-Rückstand gedreht. Heute braucht es nur ein Tor. Die letzte Minute bricht an. Werder bekommt noch eine Ecke. Der eingewechselte Ailton tritt sie hoch vors Tor, Kopfballverlängerung, Drehschuss Klasnic, abgewehrt. Dann landet der Ball vor den Füßen von Kapitän Frank Baumann. Der reagiert schnell und schießt ihn aus kurzer Distanz in die Maschen. Euphorisiert läuft "Baumi" auf die Gästekurve zu, rüttelt an der Absperrung. Einer der wenigen Momente, in denen er seinen Gefühlen freien Lauf lässt.

Der Kicker gibt Baumann erneut die Note 2,5. Gut drei Monate später wird Baumann die Meisterschale in den Bremer Himmel recken. Kurz darauf auch den DFB-Pokal. Es ist der Höhepunkt der Bremer Vereinsgeschichte und der Karriere des Frank Baumann.

13. August 2006, Hannover 96 – Werder Bremen

Saisonbeginn. Spiel Nr. 1 nach Johan Micoud. Spiel Nr. 1 für dieses Blog. Werder geht als Meisterschaftsfavorit in die neue Spielzeit, hat gerade den Ligapokal gewonnen. Ein Grund für die Zuversicht: Diego, der 21-jährige Brasilianer, den Werder von der Ersatzbank des FC Porto verpflichtet hat. Er zeigt tolle Ansätze und wird gleich in seinem ersten Spiel zum entscheidenden Mann. Das 1:0 erzielt er nach 20 Minuten selbst. In der Schlussphase brilliert er und bereitet die beiden letzten Tore zum mühsamen 4:2-Sieg vor. In Bremen ahnt man langsam, dass Allofs und Schaaf wieder einen Volltreffer gelandet haben. Wie sehr Diego Werders Spiel in den nächsten drei Jahren beeinflussen wird, ist allerdings noch nicht absehbar.

Der Kicker gibt Diego die Note 1,5 und ernennt ihn zum Spieler des Spiels. Frank Baumann spielt im defensiven Mittelfeld solide, wird mit der Note 4 bewertet.

27. September 2006, Werder Bremen – FC Barcelona

Es läuft nicht gut für Werder. Seit dem dritten Spieltag der Bundesliga ist irgendwie der Wurm drin. Auf Schalke ging man unter, gegen Stuttgart verspielte man ein 2:0, in Pirmasens schied man blamabel aus dem DFB-Pokal aus und beim FC Chelsea gab es außer Respekt für eine solide Leistung nichts zu holen. Gegen den Champions League Sieger FC Barcelona ist Werder krasser Außenseiter. Thomas Schaaf überrascht Fans und Experten indem er Ivan Klasnic aus der Mannschaft nimmt und für ihn Aaron Hunt aufstellt. Insgesamt 9 deutsche Spieler stehen in der Startformation. Unter ihnen auch Frank Baumann. Nach einer halben Stunde spielt er einen unbedrängten Fehlpass. Der Mann in der Reihe hinter mir brüllt: "Nimm den doch endlich raus, der is zu alt!" Allgemeine Zustimmung in auf der Südtribüne. Baumann gewinnt an dem Abend fast alle wichtigen Zweikämpfe, spielt kluge Pässe im Spielaufbau. Einer der beiden Nicht-Deutschen in der Startelf ist Diego. Er wird vom Glamour der Weltstars Ronaldinho, Deco und Eto'o überstrahlt, doch auf dem Feld kann er gegen die behäbigen Gäste viele Akzente setzen. Werder liefert ein begeisterndes Spiel ab, fängt sich kurz vor Abpfiff jedoch das Tor zum 1:1 durch den eingewechselten Leo Messi.

Im Kicker erhalten Baumann und Diego beide eine 2. Werder übersteht die Gruppenphase trotz einer starken Ausbeute von 10 Punkten nicht. Im entscheidenden Spiel in Barcelona ist man chancenlos. Diego wird die K.O.-Runde der Champions League mit Werder nie erreichen.

2. Mai 2007, Universität Bremen

Ich sitze im Vorlesungssaal des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft an der Uni Bremen. Pressekonferenz. Über sechs Monate haben wir für zwei Bremer Unternehmen eine Plakatkampagne entworfen, umgesetzt und ausgewertet. Eines der Unternehmen ist der Martinsclub Bremen, eine Einrichtung, die sich um behinderte Menschen kümmert. Vorne auf dem Podium sitzt ein schüchtern wirkender Mann, der mit leiser Stimme spricht und dabei kaum einmal hochschaut. Er hat sich als Testimonial für die Kampagne zur Verfügung gestellt und war einige Wochen lang auf einem Plakat in ganz Bremen zu sehen. Nun erklärt er auf der Pressekonferenz, warum es ihm ein wichtiges Anliegen war, bei der Aktion mitzuhelfen. Er spricht von sozialem Engagement und im Gegensatz zu vielen anderen Millionären klingt es bei ihm weder aufgesetzt noch gönnerhaft. "Marketing hat mich schon immer interessiert", diktiert Baumann den anwesenden Journalisten. "Nach meiner Karriere kann ich mir gut vorstellen auch etwas in der Richtung zu machen." Einen Tag später scheitert Werder im Halbfinale des UEFA-Cups an Espanyol Barcelona.

Wenige Tage zuvor sah es noch sehr gut aus für den SVW. Nach einer Schwächephase im Frühjahr war der Anschluss an Tabellenführer Schalke wieder hergestellt. Diego erzielte gegen Alemannia Aachen das Tor des Jahres aus über 60 Metern. Dann folgt Kloses Geheimtreffen mit den Bayern, eine Schlammschlacht erst im Werder-Forum, dann in den Medien. Niederlagen in Bielefeld und gegen Frankfurt verhindern schließlich die Bremer Meisterschaft. Werder braucht lange, um sich von der Enttäuschung zu erholen.

7. Mai 2009, Hamburger SV – Werder Bremen

Das dritte der vier Nordderbys innerhalb von 19 Tagen wird zum Schlüsselspiel der Saison. Werder hat das erste Spiel beim HSV zwar gewonnen und steht im Pokalfinale, im Hinspiel vor einer Woche unterlag man jedoch mit 0:1. "Istanbul ist schöner als Berlin", rufen die HSV-Anhänger und haben Recht. Über die Fahrt nach Berlin könnte man sich in Bremen weniger freuen, wenn die Rothosen dafür im UEFA-Cup-Finale stünden. Olic trifft früh zur Führung und setzt Werder unter Druck. Diego sorgt nach Doppelpass mit Pizarro für den Ausgleich. Ein schönes Tor, doch es reicht nicht. Dann patzt Rost, lässt einen haltbaren Schuss Pizarros durch die Hände rutschen. Das
Spiel steht auf der Kippe. Es folgt der inzwischen berühmte Auftritt der Papierkugel. Aus der resultierenden Ecke erzielt Frank Baumann das letzte Tor seiner Karriere. Werder gewinnt mit 3:2 und steht zum zweiten Mal in seiner Geschichte in einem europäischen Finale.

Der Kicker benotet Baumann mit einer 2. Diego bekommt eine 1, wird durch seine gelbe Karte zur tragischen Figur. Das Finale gegen Schachtar Donezk erlebt er nur von der Tribüne aus. Ohne den gesperrten Spielmacher hat Werder gegen die starken Ukrainer kaum eine Chance und verliert mit 1:2 nach Verlängerung.

30. Mai 2009, Bayer Leverkusen – Werder Bremen

Nach der verpassten Chance in Istanbul ist das Finale in Berlin für Diego die letzte Gelegenheit einen Titel im Werdertrikot zu gewinnen. Vor zwei Wochen bestätigten sich die Gerüchte und Diegos Wechsel zu Juventus Turin wurde bekannt gegeben. Auch für Frank Baumann ist es das letzte Spiel für Werder. Er beendet nach der Saison seine Karriere und soll im Winter als Assistent in die Geschäftsführung einsteigen. In Bayer Leverkusen hat Werder einen spielstarken Gegner, der jedoch am "Vizekusen-Syndrom" leidet. In der 58. Minute spielt Diego einen Steilpass auf Mesut Özil. Der erzielt aus spitzem Winkel das 1:0. Wieder einmal ist Diego da, als er gebraucht wird; wie schon so oft in dieser Rückrunde. Eine letzte Torvorlage für den Titel. Eine Minute später wird Frank Baumann angeschlagen ausgewechselt. Die Fans verabschieden ihn mit Sprechchören, die Mitspieler mit Abklatschen und Umarmungen. Der Kapitän geht von Bord, doch die Mannschaft bringt die Beute trotzdem Heim. Werder ist DFB-Pokalsieger 2009.

Baumann und Diego werden vom Kicker jeweils mit einer 3 in die Werder-Rente geschickt. Es wird beiden herzlich egal sein. Einen Tag später feiern sie auf dem Bremer Rathausbalkon ihren Abschied. Diego säuselt "Ich liebe Werder Bremen" ins Mikrofon und springt auf und ab wie ein überdrehtes Kleinkind. Frank Baumann genießt den Moment in seiner bekannten, ruhigen Art. Danach trennen sich die Wege. Für Diego gilt es, den nächsten Schritt auf dem Weg in die europäische Spitzenklasse zu machen und der darbenden Serie A wieder mehr Glanz zu verleihen. Baumann werden wir schon bald wiedersehen, wenn auch in anderer Funktion. Vermissen werden wir sie beide, auf dem Fußballplatz und als Persönlichkeiten. Zwei Spieler, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch zwei Dinge gemeinsam haben: Einen Platz in Werders Geschichtsbüchern und einen Platz im Herzen jedes Werderfans.

Ich wünsche beiden alles Gute für ihre Zukunft und verneige mich vor zwei großen Spielern. Danke Diego. Danke Baumi.

Schreibblockade

Da hab ich vor einigen Tagen noch vollmundig angekündigt das Blog auch in der kommenden Saison weiterzuführen und nun das: Schreibblockade. Bekomme keine zwei halbwegs vernünftigen Sätze aneinander. Vielleicht liegt es daran, dass der aktuelle Blogeintrag ein kleines Jubiläum darstellt (100. Beitrag des Jahres). Torschusspanik in der Sommerpause? Wäre als Überschrift gar nicht mal so ungeeignet gewesen. Es heißt doch, dass es hilfreich sei, im Fall einer Schreibblockade einfach über die Blockade selbst zu schreiben, als eine Art Selbsttherapie. Mal sehen, ob es hilft.

Eigentlich wollte ich mich ja endlich einem der Themen annehmen, die mir seit Wochen durch den Kopf gehen. Ein Saisonfazit zum Beispiel. Doch was soll ich noch schreiben, was nicht schon (hier oder woanders) geschrieben wurde? Werders Saison lässt sich ohnehin nur schwer auf einen Nenner bringen. Noch überstrahlt der Pokalsieg den 10. Platz in der Liga etwas. Die Erleichterung über die Qualifikation für die Europaliga und die Freude über den ersten richtigen Titel seit fünf Jahren sind groß. Man muss Pokalwettbewerbe und Liga deshalb wohl völlig getrennt voneinander bewerten. Erstere sorgten für ein würdiges Ende einer für Werder tollen Ära, letztere zeigten, dass sich einige Dinge ändern müssen, um auch in Zukunft zur nationalen Spitze zu gehören.

Ich hätte auch eine launige Einzelbewertung vornehmen können. Vielleicht sogar einen vereinsinternen Honigstein vergeben? Wirklich spannend wär das aber nicht, mal abgesehen von der Gefahr, sich an der Vorlage die Finger zu verbrennen. Gibt's bei den Fragen nach dem Spieler der Saison (Diego) oder dem Aufsteiger der Saison (Özil) überhaupt Diskussionsbedarf? Spannend wäre höchstens die Frage nach der Enttäuschung der Saison gewesen. Rosenberg? Tosic? Fritz? Oder mal ganz kontrovers: Torsten Frings? Dann bleiben ja noch die beiden großen Abgänge: Diego und Baumann. Sie beide haben einen durchdachten und ausgewogenen Abschieds-Post verdient. Ein halbgarer Abgesang wäre wirklich fehl am Platz.

Was gäbe es sonst noch? Für eine Vorschau auf die neue Saison ist es zu früh und Transfergerüchte überlasse ich lieber anderen. Ein Blick über den Tellerrand zum Confed-Cup in Südafrika könnte sicher nicht schaden. Die Fußballstudie 2009 von Sportfive böte sicher genügend Stoff. Werder wurde erneut zur sympathischsten Mannschaft der Bundesliga gewählt. Letztlich ist es für Werder aber viel interessanter, wie viele Fans der Verein hat. Hohe Sympathiewerte bei den Fans andere Mannschaften sind schön und gut, helfen aber nur dann weiter, wenn sie auch zur (Achtung, Marketingdeutsch!) Generierung neuer Fans beitragen. Ich habe mal die Fußballstudie 2007 hervorgekramt, die ich noch im Schrank stehen hatte und verglichen: Die Sympathiewerte sind in etwa gleich geblieben (2007: 56%, 2009: 54%), bei der Anzahl der Fans ist allerdings ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen (2007: 5,7 Mio., 2009: 4,2 Mio.). Muss einem das Sorgen bereiten? Nein, denn prozentual hat sich fast nichts verändert. 2007 war (vermutlich als Spätfolge der WM) die der Studie zugrunde gelegte Gesamtzahl der "Fußballinteressierten" einfach wesentlich höher. Auch wenn Werder in dieser Saison eher selten sonderlich sympathisch aufgetreten ist, hängt die Anzahl der Fans wohl hauptsächlich mit dem Erfolg der letzten paar Jahre zusammen, wobei attraktiver Fußball sicher auch vorteilhaft ist.

Die 2007er Studie wartet noch mit einigen Kuriositäten auf, die sich gut als Throw-Away Facts eignen würden (bei Interesse bitte melden, Herr Rethy!). So war Bayern München der einzige deutsche Verein, der bei Frauen bekannter war als bei Männern. Ob das daran lag, dass Mehmet Scholl damals noch aktiv war? Werders Sympathiewerte waren bei Fußballfans mit hohem Bildungsniveau höher als bei denen mit mittlerem oder geringem Bildungsniveau. Das war noch bevor der "Akademikerverein" 1899 Hoffenheim auf der deutschen Fußballlandkarte erschien. Bei den dahinter platzierten Vereinen Schalke und Bayern war es andersherum. Allerdings viel zu dünn, um sich daraus einen Beleg für die Gültigkeit bestimmter Vorurteile zu stricken. Nur 8% aller Fans nutzten das Internet als Quelle für Fußballinformationen, Blogs wurden Einzelnen gar nicht abgefragt. Da würde mich der Vergleich mit der aktuellen Studie dann ja doch interessieren.

So, nun habe ich einen Blogeintrag gefüllt mit Dingen, über die ich nicht schreiben kann oder will. Das ist vielleicht paradox, hat aber immerhin die Schreibblockade gelöst. Hoffentlich hält es eine Weile an damit ich nicht noch mehr Beiträge dieser Art schreiben muss.

The Beginning is the End is the Beginning

Als ich vor zirka 5 Monaten dieses Blog wiederbelebte, habe ich ein Versprechen abgegeben, nämlich, dass ich bis zum Ende der Saison weitermache (die Idee war zugegeben nicht von mir). Nun ist die Saison vorbei, die Sommerpause verbreitet gähnende Leere in den Fußballstadien und der Stoff, aus dem Fußballblogs gemacht sind, geht aus. Könnte man zumindest meinen, doch dem ist mitnichten so!

Die Vereinsblogger tippen sich die Finger an Rückblicken, Vorschauen und Transferspekulationen wund, die Sportmedienblogger arbeiten den Premiere-/Sky-Relaunch oder auch die drohende Setanta-Insolvenz auf, andere überarbeiten ihr Blogdesign und auf Anregung von probek, der sich immer mehr zum Creative Leader der Bloggerszene entwickelt, wird fieberhaft am Konzept für einen Fußballpodcast gebastelt. Inspiration statt Sommerpause also. Zeit zum Hinterfragen, Umdenken, Verändern, Neumachen, Aufbauen.

Auch ich habe mir viele Gedanken zur Zukunft dieses Blogs gemacht. Ans Aufhören habe ich in den vergangenen Monaten eigentlich nie gedacht. Dazu macht mir das Bloggen zu viel Spaß, dazu machen die Kontakte mit andere Bloggern und Fans (vor allem bei Twitter) zu viel Spaß und dazu macht auch die Live-Berichterstattung zu viel Spaß. Allerdings kann ich nicht absehen, wie viel Zeit mir in der nächsten Saison zur Verfügung stehen wird. Jeder aktive Blogger wird bestätigen können, dass das Bloggen eine zeitaufwändige Angelegenheit ist, die man kaum einfach so nebenher machen kann. Seit dem 14. Januar sind hier 98 Blogeinträge erschienen. Bei Twitter und später auch auf dieser Seite habe ich von fast allen Werderspielen live gebloggt. Dazu sollte ich vielleicht auch erwähnen, dass ich noch zwei andere Blogs betreibe. Ich bin mir nicht sicher, ob ich auch in Zukunft diesen hohen Aufwand leisten kann.

Von (Blog-)Müdigkeit spüre ich aber kaum etwas, so dass es hauptsächlich von meiner beruflichen Zukunft abhängen wird, in welchem Umfang Meine Saison mit dem SVW weitergeht. Momentan bin ich Freiberufler, was sich jedoch schon bald ändern kann. Dann wäre womöglich auch die zeitliche Flexibilität wesentlich eingeschränkt. Was ich jedoch heute schon sicher sagen kann ist, DASS es weitergehen wird! Vielleicht mit weniger Live-Berichten, vielleicht nicht mehr mit einem Beitrag zu jedem Spiel, aber sicherlich mit viel Enthusiasmus.

Es wird in den kommenden Wochen weiterhin viel über Werder zu schreiben geben. Der Umbruch, der uns bevorsteht, ist doch größer, als ihn manche bislang wahrhaben wollen. Im Jahr Eins nach Diego und Baumann ist Werders Zukunft ungewiss, doch auch hier bietet sich die Chance zur Erneuerung. Ich blicke der neuen Saison vorsichtig optimistisch entgegen und bin froh, dass unsere sportliche Führung das Auf und Ab gut überstanden hat. Sollte es Allofs und Schaaf erneut gelingen eine Mannschaft aufzubauen, die um Meisterschaft oder zumindest Champions League-Plätze mitspielt kann, wären sie in Bremen vermutlich endgültig unsterblich. Ich bin froh, dass ich diese Phase mit meinem Blog begleiten darf!

Pokalarithmetik

Zwei Tage Pokalfeierlichkeiten stecken mir in den Knochen und ich muss langsam wieder ins normale Leben zurück finden. Die beste Medizin ist für mich dabei Laufen. Also bin ich heute Morgen mit Silvio* eine Runde durch den Bürgerpark gejoggt.

Silvio bringt dem Fußball kein uneingeschränktes Interesse entgegen und ist vermutlich der einzige Italiener, dem man das Wort Autokorso erklären muss; von Werders Pokalsieg hatte er jedoch gehört. Nun wollte er gerne wissen, wie die Feiern am Sonnabend und Sonntag verlaufen waren (als ob ich das noch wüsste). Dabei entstand der folgende Dialog:

Silvio: Werder hat den deutschen Pokal gewonnen?
Ich: Ja.
Silvio: Also sind sie jetzt die beste Mannschaft in Deutschland.
Ich: Nein.
Silvio: Aber sie haben doch den Pokal gewonnen.
Ich: Ja, aber in der Meisterschaft sind sie weit hinten gelandet und die ist wichtiger.
Silvio: Ja, Moment, aber der deutsche Pokal ist doch so wie der italienische, Coppa Italia?
Ich: Ja, der DFB-Pokal ist das deutsche Pendant dazu. In Italien ist die Liga aber doch auch wichtiger als der Pokal.
Silvio: Ja, aber der Pokal ist 100.000 Euro wert. Das habe ich gestern im Radio gehört, aber das muss doch eine Falschmeldung gewesen sein.
Ich: Aber es geht doch nicht um den materiellen Wert…
Silvio: Das entspricht ja knapp 10 Kilogramm reinem Gold!
Ich: Naja, da sind ja auch Edelsteine dran und…
Silvio: Mal sehen, ein Kilo Gold kostet im Moment… ja, fast 10.000 Euro. Wieviel Karat hat denn der Pokal?
Ich: Der ist doch nicht aus reinem Gold.
Silvio: Also ich nehme an das sind maximal 8 Karat.

(…)

Silvio: Ich hab gehört die Mannschaft ist diesmal mit dem Zug zurück gefahren.
Ich: Mhm.
Silvio: Und dann mit dem Bus weiter?
Ich: Nein, mit dem Auto.
Silvio: Stimmt, mit dem Cabrio.

(überlegt ca. 5 Sekunden)

Silvio: Das muss aber ein großes Cabrio gewesen sein!
Ich: Aber die sind doch nicht alle im selben Cabrio gefahren!
Silvio:
Ja, wie viele waren das denn? Fünf? Wie viele Spieler hat denn die Mannschaft?
Ich: Nein, das waren bestimmt 15 Autos…
Silvio: Ja, die Ersatzspieler sind ja nicht mitgefahren, oder?
Ich: Doch, natürlich. Auch die Betreuer und sogar der Mannschaftsarzt.
Silvio: Ach was, die sind alle mitgefahren?
Ich: Ja.
Silvio: Aber warum brauchen sie so viele Autos? Wie viele Spieler passen denn in ein Auto?
Ich: In jedem Auto waren zwei Spieler.
Silvio: Das waren dann aber kleine Autos, sonst hätten hinten doch auch welche sitzen können!
Ich: Die Spieler haben doch hinten gesessen! Oder meinst du, die fahren selbst?
Silvio: Nein, nein.
Ich: Und der Pokal war auch mit im Auto.
Silvio: Ich kann immer noch nicht glauben, dass der 100.000 Euro wert ist!

*Name geändert