Archiv für den Monat: November 2009

14. Spieltag: Holland

Werder Bremen – VfL Wolfsburg 2:2

Der Weltfußball hat den Niederlanden viel zu verdanken: Sie bewiesen spätestens bei der WM 1974, dass schöner Fußball nicht erfolgreich sein muss. Ein Credo, dem seitdem viele Teams gefolgt sind, etwa Bayer Leverkusen oder in den letzten Jahren auch der FC Arsenal, der dies gestern gegen den Stadtrivalen Chelsea eindrucksvoll zur Schau stellte. Voraussetzung dafür sind technisch gut geschulte Spieler, die die anspruchsvolle, auf Ballbesitz und schnelles Passpiel bedachte Spielweise umsetzen können. Allerdings verstehen es nur die wenigsten Mannschaften, diese Art Fußball mit der nötigen Präzision zu spielen, um auch gegen taktisch herausragende, tiefstehende Mannschaften erfolgreich zu sein. Gelingt dies, ist das Ergebnis ein Spektakel, wie beim FC Barcelona in der vergangenen Saison oder bei der spanischen Nationalmannschaft. Gegen eine defensiv so starke und disziplinierte Mannschaft wie den FC Chelsea ist es kaum möglich, da muss schon alles passen. Ansonsten läuft man schon mal 90 Minuten auf das gegnerische Tor an, ohne eine einzige richtige Torchance dabei heraus zu spielen.

Ähnlich ging es am Samstag Werder Bremen gegen einen defensiv überraschend starken Meister aus Wolfsburg. Die Wölfe kompensierten den Ausfall von Josué glänzend und hatten im defensiven Mittelfeld in Hasebe und Gentner genau den richtigen Bremsstoff für den zuletzt so reibungslos laufenden Bremer Mittelfeldmotor. Werder tat sich von Beginn an schwer, konnte nach der auf beiden Seiten bemühten Anfangsphase aber das Heft in die Hand nehmen. Wolfsburg reagierte darauf mit einem tief stehenden Mittelfeld, das Frings relativ frei schalten ließ, in Strafraumnähe jedoch Hunt, Özil und Marin in große Probleme brachte. War einer der drei am Ball, schafften es die Wolfsburger meist, ihn zu isolieren. Steilpässe waren kaum möglich und so verrannten sich die jungen Wilden zu häufig in fruchtlosen Dribblings an deren Ende ein Quer- oder Rückpass stand.

Mit zunehmender Spieldauer wirkten Werders Angriffe konzeptloser, zumal keinem der drei zuvor genannten die geniale Einzelaktion gelingen wolle, die es zu einer Führung gebraucht hätte. Vereinzelt versuchte man die Wolfsburger aus ihrer Lauerstellung zu locken, um etwas mehr Platz für schnelle Gegenangriffe zu haben. Leider konnte Werder aufgrund eigener Ungenauigkeiten die sich bietenden Lücken nur selten nutzen. Das tat dann aber der VfL in Gestalt von  Edin Dzeko, der sich aus eigentlich aussichtsloser Position je zweimal durch Naldo und Boenisch hindurch tankte und Tim Wiese keine Chance ließ. Die Führung schien glücklich, genau wie beim abermals von Dzeko vollstreckten 1:2 in der Schlussphase, doch unverdient war sie beide Male nicht. Sie war es deshalb nicht, weil Werder aus der Überlegenheit im Mittelfeld zu wenige Chancen herausspielte. In der Spitze wog das Fehlen Claudio Pizarros ungleich schwerer als in den Wochen zuvor. Dem Peruaner wäre vielleicht das Tor gelungen, das Almeida lange versagt blieb.

Werder verdiente sich den einen Punkt letztendlich dadurch, dass man eine zweite Waffe hatte: Die Standardsituationen. Wenn aus dem Spiel heraus kein Tor fallen will, wird deutlich wie wichtig Werders Stärke am ruhenden Ball ist. Mesut Özil darf inzwischen wohl zu Recht als bester Eckball- und Freistoßflankenschütze der Bundesliga bezeichnet werden. Auf der linken Seite ist Marko Marin noch nicht ganz so effektiv, sorgte aber mit seiner Ecke für das zwischenzeitliche 1:1. Die besten Standards wären jedoch wirkungslos ohne die richtigen Abnehmer. In Pizarros Abwesenheit sind dies die Innenverteidiger Naldo und Mertesacker, deren Kopfbälle Werder das Unentschieden retteten. Gegen Naldos – von Hunt mit der Hacke weitergeleiteten – Kopfball konnte Hasebe noch auf der Linie klären, woraufhin Almeida den Ball in die Maschen drosch. Bei Mertes Kopfball in der Nachspielzeit waren die Wolfsburger dann machtlos.

Und täglich grüßt das Murmeltier: Die Nachspielzeit in der Bundesliga ist eine Farce! Wozu drei Minuten Nachspielzeit, wenn davon netto nur 30 Sekunden gespielt werden? Da fällt noch ein Tor, da wird noch munter protestiert, da wird das Spiel noch einmal unterbrochen, um Benaglio eine gelbe Karte zu geben und dann wird trotzdem nach 2:55 abgepfiffen? Die Schlussfolgerung daraus kann nur lauten: Verhaltet euch in der Nachspielzeit so unsportlich wie möglich, um ein Ergebnis über die Zeit zu retten!

Die Wolfsburger hatten nach dem Spiel andere Sorgen. Sie beschwerten sich über ein vermeintliches Handspiel Mesut Özils unmittelbar vor dem Eckball zum 2:2. Ich kann das schon verstehen. Wenn man da ein absichtliches Handspiel sehen möchte, dann kann man das. Man kann es aber auch genau so sehen, wie der Schiedsrichter, und weiterspielen lassen. Ich konnte ebenso ein absichtliches Handspiel eines Wolfsburgers im Strafraum nach einer Boenisch-Flanke sehen: Der Wolfsburger hatte genug Zeit seinen Arm aus der Flugbahn des Balles zu nehmen, doch er tat es nicht. Dennoch wäre es albern hier Elfmeter zu fordern, denn vermutlich war meine Absicht ein Handspiel zu sehen weitaus größer als die des Wolfsburgers eines zu begehen. Vielleicht sieht das inzwischen auch Dzeko ein, der nach dem Spiel dem Schiri die alleinige Schuld am Ausgleichstor zuschob. Ich wiederhole gerne, was ich schon nach dem Papierkugel-Tor gegen Hamburg geschrieben habe: Man MUSS nach einer Ecke nicht zwangsläufig ein Tor kassieren! Umstrittene Szenen wie die von Özil gibt es in jedem Spiel dutzende und sie alle haben Einfluss auf das Spiel, das gehört zur Natur des Fußballs. Wirklich Grund sich zu beschweren haben derzeit nur, und das gebe sogar ich zu, die Hamburger.

Bei aller Freude über die gerettete Serie und die zwischenzeitliche Tabellenführung: Gegen Köln muss nun wieder ein Sieg her!

Der Schaaf im Wolfspelz

Einer der Kritikpunkte, die sich Thomas Schaaf in der letzten Saison gefallen lassen musste, war, dass er seine Spieler nicht mehr so richtig im Griff habe. Undiszipliniertheiten auf und neben dem Platz sorgten bei Werder vor allem rund um die Weihnachtszeit für Aufsehen. Dies führte zu roten Karten, unangenehmen Zeitungsschlagzeilen und unerklärlichen Aussetzern auf dem Spielfeld. Es wurde die Frage laut: Erreicht Schaaf die Spieler noch? Nun nähert sich wieder die Weihnachtszeit und in Bremen ist es ruhig, fast andächtig – zu hören ist nur der Jubel über die konstant guten Leistungen der Werdermannschaft. Was ist passiert? Wer Erfolg hat, der hat immer Recht. Wenn es gut läuft, bleiben die Kritiker stumm und selbst die unzufriedenen Spieler halten die Füße still.

Ist das wirklich so? In München oder auf Schalke wird man über derartige Blauäugigkeit nur lachen können. Auch in guten Phasen melden sich die Lümmel von der Ersatzbank gerne mal zu Wort, sei es, um sich über ihr ungerechtes Los zu beschweren, sei es, um sich bei anderen Vereinen ins Gespräch zu bringen. In Bremen ticken die Uhren bekanntlich ein wenig anders, doch auch hier kennen die Spieler die Durchwahl zu den Sportabteilungen der Gazetten. Und die Liste der Unzufriedenen ist auch bei Werder nicht kurz.

Da wäre zunächst die “Balkan-Connection”, bestehend aus Jurica Vranjes, Dusko Tosic und Said Husejinovic. Jeder hat es auf seine Art auf die Bremer Abschussliste geschafft. Tosic brachte es in zwei Jahren nur auf wenige bundesligataugliche Spielminuten, Husejinovic enttäuschte beim Zweitligisten Kaiserslautern, an den er ausgeliehen war und Vranjes legte sich dem Vernehmen nach zu vehement mit Thomas Schaaf an. Alle drei sollten im Sommer verkauft werden, alle drei stellten sich quer, alle drei finden sich in schöner Regelmäßigkeit auf der Tribüne wieder. Ohne im einzelnen beurteilen zu wollen, wie gerecht oder ungerecht diese Maßnahmen sind, lässt das auf ein hohes Unzufriedenheitspotential schließen.

Ebenfalls nicht zufrieden mit seiner Situation dürfte Markus Rosenberg sein. Nach schwacher Saison schienen seine Tage bei Werder gezählt. Eine langwierige Verletzung erschwerte einen Verkauf in der Sommerpause, was einer der Gründe für seinen Verbleib sein könnte. Er kämpfte sich nach der Reha langsam an die Mannschaft heran, wirkte bei seinen ersten Saisoneinsätzen schon wieder auf einem guten Niveau. Vor einigen Wochen fand er sich dann plötzlich im Abschlusstraining alleine neben dem Spielfeld wieder: Sprintübungen. Keine Nominierung für das Bochum-Spiel. Im Pokal trotz Personalsorgen im Sturm nur 90 Minuten auf der Bank. Rosenberg selbst sagte, er sei fit.

Auffällig ist es schon, dass Werder in dieser Saison nur in Ausnahmefällen das volle Kontingent von 18 Spielern für den Spieltagskader in Anspruch genommen hat. Die Gründe dafür liegen nicht nur in der zwischenzeitlich langen Verletztenliste. Vor einigen Wochen hatte Schaaf  zum ersten mal vor einem Spiel alle 23 Profis zur Verfügung, dennoch blieben 7 außen vor. Die Ansprüche, die an die Spieler gestellt werden, wurden anscheinend deutlich erhöht. Insbesondere im körperlichen Bereich werden keine Kompromisse mehr eingegangen. Man hat aus den Verletzungsserien vergangener Jahre den Schluss gezogen, dass es im Zweifel besser ist, einen Spieler einige Wochen länger pausieren zu lassen. Voller Einsatz im Training wird vorausgesetzt. Wer ihn vermissen lässt, wer nicht richtig mitzieht, der findet sich schnell auf der Tribüne wieder. Das Ergebnis ist eine Mannschaft, die trotz Dreifachbelastung lange sehr frisch wirkte, die in den letzten Spielen vor der Länderspielpause jedoch merklich abbaute. Eine Folge ist nämlich auch eine dünne Ersatzbank, die Ausfälle wichtiger Spieler kaum kompensieren kann und eine Rotation ohne spürbare Qualitätseinbußen nicht zulässt.

Dennoch scheint die sportliche Führung auf dem richtigen Weg. Das erste Spiel nach der Pause war eines der besten in dieser Saison. Weniger kann auch mehr sein, denn wer profitiert schon von demotivierten und formschwachen Spielern, die nur als Füllmaterial auf der Bank sitzen? Die Regeln scheinen klar und jedem bekannt zu sein. Jedes gute Ergebnis bestätigt die Linie des Trainers und Spieler sind entgegen ihrem Ruf manchmal eben doch lernfähig. Doch selbst wenn nicht, droht kein unmittelbarer Aufstand der Unzufriedenen. Die “Balkan-Connection” dürfte in der Winterpause weg sein (was ich in Vranjes Fall wirklich schade finde, aber das ist ein Thema für sich). So lange Werder den Anschluss an die Bundesligaspitze hält, wird es höchstens das ein oder andere kleine Störfeuer durch Einzelkämpfer geben. Die anderen werden “Papa Schaaf” am Ende wieder auf die Schultern klopfen. Er hat eben doch alles fest im Griff.

Mein Senf zum Münchner Weißwurstfrühstück

Es liegt mir eigentlich fern, mich hier im Blog zum FC Bayern zu äußern, zumindest wenn es nicht in Zusammenhang zu einem Spiel gegen Werder steht. Einen eigenen Eintrag wollte ich dem Rekordmeister schon gar nicht widmen, doch heute muss es einfach mal sein.

Es ist kein Geheimnis, dass ich dem FC Bayern trotz meiner bayerischen Wurzeln keine große Sympathie entgegen bringe, um es vorsichtig auszudrücken. Allerdings muss ich gestehen, dass mich die Vepflichtung van Gaals als Trainer und die scheinbare Bereitschaft zum Neuaufbau einer Mannschaft überzeugt haben. Ich kann nicht sagen, dass ich dem “Projekt” Erfolg gegönnt hätte, aber zumindest hätte ich mich über eine bajuwarische Dominanz nicht zu sehr geärgert. Ganze vier Monate später präsentiert sich der große FCB als zertstrittener Scherbenhaufen.

Da wagt es der kleine Phlipp Lahm in einem Zeitungsinterview einfach so, die Clubführung zu kritisieren und alle geben ihm Recht. Alle? Nein, Uli Hoeneß wischt die Kritikpunkte mit einem Handstreich weg. Alles Kokolores, der hat doch keine Ahnung. Dahinter steckt der Berater, der sich profilieren möchte. Reicht als Begründung, um der Kritik sämtliche Rechtfertigung zu entziehen. Ohnehin: Wer will diesem Uli Hoeneß schon in die Parade fahren? 30 Jahre lang erfolgreicher Manager, den FC Bayern national und zeitweise auch international zum Branchenführer gemacht. Auf sein Lebenswerk kann Uli Hoeneß wirklich stolz sein. Doch woher nimmt er die Chuzpe jeden anderen zurecht zu weisen?

Real? Pah! Barca? Nichts als Schulden! Arsenal? Kein internationaler Titel! ManUtd? Lächerlich! Werder? Keine Titel und keine Boulevardmedien! Überhaupt, die Medien! Die überzogene Erwartungshaltung wird doch nur von außen geschürt. Und dann das Internet mit seinen anonymen Foren! Und ständig dieser Lärm! Was soll’n die Nachbarn sagen? Ein solcher Rundumschlag ist nichts neues. Nach außen. Wenn sein Baby angegriffen wird, schlägt Hoeneß um sich. Nicht umsonst hat sich die Bezeichnung “Abteilung Attacke” eingebürgert. Gerade das schätzen viele Fans an ihm, diese Mischung aus sozialer Wärme nach innen und überbordendem Selbstbewusstsein nach außen. Allerdings war die Kritik an der sportlichen Führung der Bayern selten größer als heute. In dieser Situation zeigt sich Hoeneß größte Schwäche: Mangelnde Selbstreflexion.

Kaum eine Woche später passiert dann aber etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte: Hoeneß und Franz Beckenbauer geben ein Interview in der Bild-Zeitung und demontieren ihren Trainer darin dermaßen, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, wie eine langfristige Zusammenarbeit mit ihm aussehen soll. Van Gaal soll also ein anderes System spielen, einen Teil “Verantwortung” (sprich: Entscheidungsmacht) an die sportliche Führung abgeben, aber, hey, das lernt der schon noch. Wie kann man einen Trainer von der Reputation eines Louis van Gaal holen und ihn öffentlich derartig vorführen? Kommt es wirklich so überraschend, dass der Holländer so ist wie er ist? Wusste man das nicht, als man ihn verpflichtet hat? Oder hat sich der 58-jährige in seinen 5 Monaten München so sehr verändert? Und falls nicht, soll sich der 58-jährige nun für seinen Job bei den Bayern ändern? Was erwarten Hoeneß und Beckenbauer eigentlich?

Erfolg erwarten sie. Von Anfang an. Moment, waren das nicht die Medien? Ja, aber! Sämtliche Probleme, die der FC Bayern seit Jahren mit sich rumschleppt sind a) gar keine Probleme, werden b) nur von außen in den Verein getragen, kommen c) nur daher, dass alle anderen Unrecht haben und liegen im Zweifel d) in der Verantwortung des Trainers. Und e) seid ihr alle gemein und ich spiele jetzt nicht mehr mit euch. Kindergarten FC Bayern!

Es könnte mir eigentlich egal sein, ja eigentlich könnte ich mich sogar darüber freuen, macht es eine Münchner Aufholjagd doch nicht gerade wahrscheinlicher. Ich könnte mich genüsslich zurücklehnen, wenn Beckenbauer bei Sky90 über die gesamte Sendezeit nichts anderes zu Bayerns Problemen einfällt als “Ribery” oder wenn Verwaltungsbeirat Helmut Markwort einem von van Gaal verpflichteten Spieler die Bundesligatauglichkeit abspricht. Es freut mich aber nicht, es ärgert mich. Nicht, weil es die Bayern sind, sondern trotzdem. Weil es mich wütend macht, wenn die Arbeit eines Trainers, der viel riskiert, um den Verein aus seiner comfort zone zu treiben, so mit Füßen getreten wird.

Kein Wort mehr davon, dass van Gaal viele Probleme zu seinem Amtsantritt geerbt hat. Übernommen hat er auch einen sehr starken Kader, keine Frage. Einen Kader jedoch, der unausgewogen wirkt, noch nicht so harmoniert, wie er es müsste, um Titel zu gewinnen. Wird es gewürdigt, dass van Gaal mit Badstuber und Müller zwei junge Talente ins Team integriert hat? Dass er den Bayern ein System und eine spielerische Identität zu verleihen versucht? Es wird ihm lieber vorgeworfen, dass er in der Anfangszeit vieles ausprobierte und keine klare Vorstellung davon hatte, wie das Team spielen soll. Doch wozu holt man einen Fachmann wie van Gaal zum Verein, wenn man gar nicht möchte, dass etwas verändert, dass etwas neu aufgebaut wird? Wenn man auf sein Urteil nicht vertraut? Ein großer Umbruch geht nie ohne Scherben vonstatten. Hätte man Sicherheit gewollt, hätte man damals Hitzfeld behalten müssen. Stattdessen holte man mit Klinsmann einen Erneuerer. Der Mut zum Risiko überraschte viele, mich eingeschlossen. Auch van Gaal ist ein Experiment. Allerdings ist hier nicht der Trainer das Versuchsobjekt, sondern der Verein. Kann Bayern mit einem solch knorrigen, sturen und kauzigen Trainer Erfolg haben?

Ich glaube leider, dass die sportliche Führung die Antwort auf diese Frage bereits gegeben hat.

13. Spieltag: Inspiriert

SC Freiburg – Werder Bremen 0:6

Tabellenführer – ein schönes Wort. Wenn auch erstmal nur für einen Tag. Wenn auch nur im November. Gestern hat Werder  gespielt, wie ein kommender Meister. Gegen Freiburg hat Werder schon oft gespielt, wie ein kommender Meister. Zuletzt vor fünf Jahren, da hat man auch mit 6:0 gewonnen. Damals wurde zwar man nicht Meister, doch am Ende stand immerhin ein Champions League Platz. Mehr habe ich Werder bislang auch nicht zugetraut. Bis gestern.

Freiburg ist kein Gegner, der sich als Maßstab für die Meisterwürdigkeit einer Mannschaft eignet. Es wäre also durchaus angebracht, vor übertriebener Euphorie zu warnen, doch danach ist mir heute nicht. Vielleicht werde ich in ein paar Wochen geknickt registrieren müssen, dass es gegen Schalke oder den HSV doch nicht gereicht hat und man Boden auf die Konkurrenten verloren hat. Wer sich weit aus dem Fenster lehnt, muss damit rechnen, heraus zu fallen (wer es nicht glaubt, der frage mal bei Hertha BSC nach). Durchaus nachvollziehbar, dass sich Spieler, Trainer und Verantwortliche davor hüten, zu früh das böse Wort mit M in den Mund zu nehmen. Die Boulevard-Medien warten nur darauf, solche Aussagen in großen Lettern zu drucken und sie den Urhebern ein paar Wochen und Niederlagen später wieder um die Ohren zu hauen.

Auch unter den Fans ist die Vorsicht größer geworden, vor allem bei denen, die auch bloggen. Wer, sagen wir, Fan von Bayer Leverkusen ist, hat sich über die Jahre einen so dicken Schutzpanzer angelegt, dass er Worte wie “Meisterschaft” oder “Titelkandidat” gar nicht mehr an sich ran lässt. Beim HSV wirken die traumatischen Erfahrungen des letzten Frühlings noch nach. Auf Schalke können sich nur die Dorfältesten noch an die letzte Meisterschaft erinnern, weshalb man trotz Felix Magath auf die Euphoriebremse tritt. Offen über die Meisterschaft wird eigentlich nur dort geredet, wo sie auch das ein oder andere Mal gewonnen wird. Doch selbst in München ist man dieser Tage mehr mit Selbstzerfleischung beschäftigt, als damit, die rückständigen Punkte möglichst schnell aufzuholen. Also, wenn denn niemand sonst will, dann eben wir. Wir haben uns lange in norddeutschem Understanding geübt und die Verantwortlichen dürfen das gerne auch so beibehalten, aber ich lehne mich heute aus dem Fenster und sage: Werder wird Meister 2010!

In der Vergangenheit haben wir gesehen, dass Werder die hohe Erwartungshaltung und das viele Lob nicht immer gut getan hat. Die Saison 2006/2007 stellte in dieser Hinsicht den Wendepunkt dar, ab dem das Team von der vielen Euphorie eher gehemmt als inspiriert wirkte. Konsequenterweise schaffte man es seit Februar 2007 auch nicht mehr auf den ersten Platz. Es gibt jedoch einige Dinge, die mich sehr zuversichtlich stimmen, dass es in dieser Saison anders sein wird:

  • Die Mannschaft lässt sich von Rückschlägen nicht umwerfen. Die letzte Saison erwies sich in dieser Hinsicht als Stahlbad: Auf Triumphe in den Pokalwettbewerben folgten peinliche Darbietungen in der Liga. Dieses ewige Auf und Ab muss auch dem letzten klar gemacht haben, dass man sich für konstant gute Leistungen keine Auszeiten nehmen darf.
  • Die Mannschaft tritt wieder als Team auf. Es gibt wenig Starallüren. Diegos Abgang wirkte sich in dieser Hinsicht teambildend aus, was ich keinesfalls als Kritik am Brasilianer verstanden wissen will. Das Vakuum, das er hinterließ, wird nun von mehreren Spielern ausgefüllt. Zu der von mir befürchtete Abhängigkeit von Mesut Özil ist es (bislang) nicht gekommen.
  • Die Mannschaft hat vorne wie hinten Stabilität. Vor allem in der Abwehr ist dies bei Werder nicht selbstverständlich. In der Defensive tritt Werder nicht mehr als Ansammlung (durchaus talentierter) Einzelspieler auf, sondern als Abwehrverbund. So kann man auch mal eine schwache Leistung, wie die gestern von Sebastian Boenisch kompensieren. Offensiv machen Özil, Hunt, Marin und Pizarro einfach nur Spaß. Das Toverhältnis von 29:10 spricht für sich.
  • Die Mannschaft kann mit Ausfällen umgehen. Zwar gibt es einige Positionen, auf denen die Stammspieler nicht adäquat ersetzt werden können, wie etwa im Tor oder in der Innenverteidigung, doch langsam bieten sich auch wieder Alternativen an. Etwa Hugo Almeida und Daniel Jensen, die fast die komplette bisherige Saison verletzt waren. Gestern musste Werder durch die Ausfälle von Frings, Borowski und Pizarro auf die geballte Erfahrung aus 820 Bundesligaspielen verzichten. Trotzdem war kein Qualitätsverlust festzustellen, was vor allem daran lag, dass Bargfrede und Jensen im zentralen Mittelfeld so gut harmonierten, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Ja, es gibt noch genügend Gründe, seine Restzweifel aufrecht zu erhalten. Etwa den insgesamt etwas zu dünnen Kader oder die leichten Defizite auf den Außenpositionen. Ja, es sind erst 13 von 34 Spieltagen absolviert und die Belastung durch die vermutlich wieder hohe Anzahl an Spielen wird immens sein. Ja, die Konkurrenz ist stark, Leverkusen wirkt gefestigt, beim HSV werden die Stürmer nicht ewig ausfallen und die Bayern muss man allein schon ihres Kaders wegen weiter ernst nehmen. Trotzdem sage ich es noch einmal: Werder wird in dieser Saison deutscher Meister. Punkt. Und wenn nicht, bin ich Schuld, weil ich es laut ausgesprochen habe.

    In eigener Sache

    Wie einige meiner Leser vielleicht schon mitbekommen haben, bin ich gerade dabei, mich selbständig zu machen. Mein Start-up heißt Mr.TrailMix und soll ein Online-Versand für, nun ja, Trail Mix werden.

    Wer mehr über die Gründung erfahren möchte, der sollte einen Blick auf mein TrailMix-Blog werfen.

    Wie immer ist der Anfang natürlich nicht ganz leicht. Deshalb freue ich mich natürlich über jeden, der über Mr.TrailMix schreibt, twittert, Freunden davon erzählt etc. Aber keine Sorge, das hier wird natürlich weiterhin ein Fußballblog bleiben und nicht zu einer Werbefläche für mein Unternehmen verkommen ;)

    Zum Tod Robert Enkes

    Es gibt Nachrichten, die einem die Sprache verschlagen. Als ich gestern Abend vom Tod Robert Enkes erfuhr, hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Es tauchen ganz unwillkürlich die seltsamsten Fragen im Kopf auf, die man teilweise schnell wieder verwirft, weil sie in diesem Moment völlig unwichtig werden. Eine Frage stellt sich aber wohl jeder, gerade auch weil sie niemand beantworten kann: warum?

    Es wird in den nächsten Tagen und Wochen sicher viel über diese Frage gesprochen werden. Das ist wichtig. Wichtig für die Leute, die eine Erklärung suchen, die ihnen ein Stück weit Halt gibt, die sie besser mit der Situation leben lässt. Es wird jedoch auch viele Spekulationen geben von Leuten, die in Robert Enkes Tod nur die Nachricht, die Sensation sehen. Die seine Frau und seine Familie ins Scheinwerferlicht ziehen und die Umstände des Todes bis zum Letzten ausschlachten wollen. An dieser Stelle hört das Verständnis auf.

    Auch wenn die Person Robert Enke nun von allen Seiten durchleuchtet wird, verstehen wird man es nie. Mir fällt dazu eine Textzeile von Morrissey ein:

    How can anybody possibly think they know how I feel /
    When they are they and only I am I?

    Deutschland hat gestern einen großen Sportler verloren, doch in erster Linie haben einige Menschen einen guten Freund, Sohn, Mann und Vater verloren. Es gibt nichts zu sagen, was diesem Umstand angemessen wäre, außer, dass ich Robert Enkes Angehörigen die Kraft wünsche, um diese Situation durchzustehen und hoffe, dass sie irgendwann Trost finden werden.

    Ruhe in Frieden, Robert Enke.

    12. Spieltag: Pause

    Werder Bremen – Borussia Dortmund 1:1

    Länderspielpausen nerven. Besonders, wenn es für das eigene Team gerade gut läuft und die Nationalmannschaft eh nur Testspiele bestreitet. Für Werder lief es in den letzten Wochen gut, doch die Leistungskurve zeigt klar nach unten. Wer die letzten 30 Minuten gegen den BVB gesehen hat, der muss froh sein, dass die Mannschaft nun etwas Zeit zum regenerieren hat. Werder ging auf dem Zahnfleisch und rettete ein am Ende fast schon schmeichelhaftes 1:1 über die Zeit. Dabei hatte bis 10 Minuten nach Wiederanpfiff noch gut ausgesehen.

    Eine grandiose Aktion von Hunt und Özil hatte Werder in der ersten Halbzeit in Führung gebracht und nach der Pause kam Werder mit viel Schwung aus der Kabine. Leider reichte dieser Schwung nur wenige Minuten. Dann traf Dortmund binnen 60 Sekunden zweimal das Tor, wobei nur der zweite Treffer zählte. Den ersten hatte Schiedsrichter Gräfe zu Unrecht wegen angeblicher Abseitsposition nicht gegeben. Zu diesem Zeitpunkt war der Ausgleich für Dortmund glücklich, doch in der Folge kippte das Spiel. Werder konnte nichts mehr entgegen setzen und ließ sich von nun energisch nach vorne drängenden Dortmundern den Schneid abkaufen. Die vielen englischen Wochen haben ihre Spuren hinterlassen. Im Gegensatz zu den letzten Spielen, als Werder gegen Ende immer noch zulegen konnte, war man froh, dass in der Schlussphase nicht mehr viel passierte.

    Das lag auch am frühen Schlusspfiff, nur wenige Sekunden nach Ende der regulären Spielzeit. Ich weiß gar nicht mehr, was ich zum Thema Nachspielzeit in der Bundesliga noch schreiben soll. Erst werden bei Hannover – HSV in einem Spiel mit vielen Unterbrechungen lächerliche zwei Minuten angezeigt*, dann gibt es bei Werder – Dortmund drei Auswechslungen in den letzten 180 Sekunden und trotzdem keine Minute Nachspielzeit. Man könnte sich einfach darauf einigen, die Spiele nach exakt 90 Minuten abzupfeifen. Diese Regelung wäre fairer als die aktuelle, wo es keinerlei transparente Kriterien für die Bemessung der Nachspielzeit gibt; d.h. es gibt sie natürlich schon, sie werden nur von jedem Schiedsrichter unterschiedlich “ausgelegt” bzw. ignoriert. Gestern konnte man als Werderfan allerdings froh sein über den frühen Abpfiff, denn von einer Nachspielzeit hätte wohl eher noch die Borussia profitiert.

    Nun also zwei Wochen Pause. Sich erholen, Kraft tanken und dann das schwere Restprogramm in der Liga gut absolvieren. Was zählt ist nicht die Serie, sondern die Punkte, die Werder bis zur Winterpause noch holt. Die direkten Duelle gegen Schalke, Wolfsburg und den HSV werden richtungsweisend sein. Davor darf sich der halbe Kader noch in den Nationalmannschaften dieser Welt versuchen, fünf Spieler allein in der deutschen. Ich freue mich auf Wieses Debüt in der Startelf und einen Einsatz von Aaron Hunt. Mesut Özil würde ich hingegen lieber in Watte packen und bis zum Ende der Pause im IKEA-Spielparadies zwischenlagern.

    * Edit: In der 1. Halbzeit (die ich nicht gesehen habe) gab es überhaupt keine Nachspielzeit, obwohl drei Tore gefallen sind. Darüber ärgert man sich auch an der Elbe.

    Europa League, 4. Spieltag: Dekadent

    Werder Bremen – Austria Wien 2:0

    Mit dem Taxi kurz vor dem Anpfiff in die VIP-Loge, kurz nach dem Abpfiff mit dem Taxi zurück nach Hause. So in etwa stellt man sich den Stadionbesuch eines begeisterten Fans vor. Nicht. Aber da sowohl meine Freundin als auch ich schon vor dem Spiel kränkelten, das Wetter in Bremen um diese Jahreszeit gegen die Genfer Konvention verstößt und eine Fahrt mit dem Auto zum Weserstadion unmöglich ist, blieb uns gestern keine andere Wahl. Außer natürlich zu Hause zu bleiben und die Karten verfallen zu lassen, aber das wäre noch eine Spur dekadenter gewesen.

    Dekadent war auch das, was die Mannschaft gestern auf dem glitschigen Rasen ablieferten. Ich muss schon sagen: Ohne große Anstrengung ein 2:0 gegen eine bemitleidenswerte Wiener Austria zu holen – Respekt meine Herren! Wozu unnötige Kräfte vergeuden und ein Feuerwerk wie gegen Bilbao auf den Platz zaubern? Es geht doch auch so. Man nehme einen auswärtsschwachen Gegner, einen Torwart von internationaler Klasse, der die paar sehr guten Torchancen dieses Gegners entschärft, einen Linienrichter, der die Abseitsposition vor dem 1:0 übersieht, das alles gepaart mit dem Wissen um das eigene Können und einem nach drei Monaten ohne Niederlage aufgeblähten Sack, dessen Inhalt (frei nach Olli Kahn) zur Standardausstattung erfolgreicher Fußballmannschaften gehört, und – zack – steht man in der nächsten Runde.

    Werder zeigte alle Symptome einer Diva, die sich zu fein ist, für den gewöhnlichen Pöbel zu spielen. Selten erreichte ein Spieler eine Laufgeschwindigkeit, die sich signifikant von meinem Joggingtempo im Bürgerpark unterscheidet, und wenn, dann war es nur der Ballführende Spieler, dessen Bewegungen auf erhöhten Pulsschlag hindeuteten. Böse Zungen behaupten Tim Borowskis einziger Sprint im Spiel sei der nach seinem Tor zur Eckfahne gewesen. Vielleicht waren es die Pfiffe der eigenen Fans, die das Team in der Ehre kränkten. In den letzten 10 Minuten zeigte es jedenfalls, wozu es fähig sein kann. Am Ende steht ein 2:0, über dessen Zustandekommen schon bald keiner mehr sprechen wird. Kann man so machen, gegen die kleinen Gegner, zu denen ich Austria bei allem Respekt zähle. Doch am Sonntag gegen Dortmund muss wieder mal ein Spiel über 90 Minuten mit voller Konzentration angegangen werden. Nicht, um die letztendlich bedeutungslose Serie zu retten, sondern um uns Fans ein paar Nerven und abgekaute Fingernägel zu sparen. Wir sind schließlich krank.

    Nach Diktat mit heißem Tee zu Bett.