Archiv für den Monat: Februar 2010

Europa League, 1/16-Finale: Der heimliche Spielmacher

Twente Enschede – Werder Bremen 1:0
Werder Bremen – Twente Enschede 4:1

Als Werderfan kann man heute wirklich zufrieden sein. Aus der schwierigen Ausgangsposition, mit zwei Toren Vorsprung gewinnen zu müssen, hat sich Werder souverän ins Achtelfinale geballert und  dabei über weite Strecken richtig guten Fußball gespielt. Wie schon im Hinspiel vor einer Woche gehörte die erste halbe Stunde des Spiels Werder. Wie im Hinspiel erzielte Enschede dann wie aus dem Nichts ein Tor. Anders als vor einer Woche hatte Werder zu diesem Zeitpunkt aber schon die eigenen Chancen genutzt und mit 3:0 in Führung gelegen. Am Ende kam ein 4:2 Gesamtergebnis heraus, das nach den gezeigten Leistungen über 180 Minuten so in Ordnung geht. Twente hatte insgesamt nur eine Halbzeit lang Oberwasser gegen Bremen, verpasste es dort jedoch, eine noch bessere Ausgangssituation für das Rückspiel herauszuholen.

Die hätte es gestern Abend gebraucht, um gegen eine sehr konzentrierte und kombinationsfreudige Bremer Mannschaft etwas zu holen. Der Knackpunkt für Enschede war sicherlich die vergebene Chance durch Parker, bei der Vander seine – von vielen im Stadion unbemerkte – beste Aktion hatte, und dem folgenden Tor durch Claudio Pizarro. Vander war sehr lange stehen geblieben, gab Parker dadurch nicht die einfache Option, ihn auszugucken und dann einzuschieben. Dass der Schuss  nur an den Außenpfosten ging war dann natürlich auch Glückssache. Dennoch eine (sehr, sehr seltene!) Situation, in der ich ganz froh war, nicht den mit Messer zwischen den Zähnen heranrauschenden Tim Wiese im Kasten zu haben. Im Gegenzug dann Abdennour mit seiner besten Szene, einem gewonnenen Tackling im Mittelfeld und Özils Pass auf Pizarro, der sein bereits zwölftes Tor im zehnten Europa League Spiel erzielte. Danach war die Messe gelesen, ein Aufbäumen Twentes fand nicht mehr statt, obwohl Werder nicht mehr voll konzentriert wirkte.

Bei Özils Auswechslung nur verhaltener Beifall, obwohl er eine gute Leistung gezeigt hatte und an allen Toren beteiligt war. Es läuft noch längst nicht alles rund bei ihm, aber die Formkurve zeigt seit dem Spiel gegen Leverkusen wieder nach oben. Möglicherweise einer der Gründe: Özil musste gestern nicht Spielmacher und Vollstrecker zugleich sein. Die Umstellung mit Almeida und Pizarro gemeinsam im Angriff – zum ersten Mal in dieser Saison von Beginn an – machte sich deutlich bemerkbar. Während Marin und Özil mehr die Außenbahnen beackerten, ließ sich Pizarro (wie auch schon in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim) häufig  gute zehn Meter hinter Almeida fallen und beteiligte sich am Spielaufbau. Eigentlich keine Besonderheit, doch gestern hatte er mit Almeida noch einen wirklichen Stürmer vor sich, der a) auch hoch anspielbar war und b) die Bälle wiederum für Pizarro ablegen konnte – eine Aufgabe die Pizarro zuvor in Personalunion schlecht selbst bewerkstelligen konnte. Trotzdem kann man seine Leistung gar nicht hoch genug bewerten. Großartiges Spielverständnis, gutes Auge, technisch ohnehin klasse. Die Lücke zwischen den defensiv überzeugenden, aber im Aufbauspiel verbesserungswürdigen Frings und Niemeyer und den kleinen Wirblern füllte er blenden aus. Es war, als hätte Werder endlich das fehlende Puzzlestück gefunden. Dazu nutzte Pizarro diesmal auch seine Chancen.

Nach einem zwar konzentrierten, aber etwas zähen Start war es Torsten Frings Pass, der das 1:0 einleitete. In dieser Situation hatte er am schnellsten gedacht, war den Niederländern um einen Schritt voraus und Werder brauchte es über die Stationen Özil, Almeida und Pizarro “nur” noch sauber zuende spielen. Almeidas punktgenaue Hereingabe ist dabei sicherlich ebenfalls hervorzuheben. Danach spielte sich Werder in einen Rausch und die Gäste fanden eine Viertelstunde lang keinen Weg, dem etwas entgegenzusetzen. Werder belohnte sich mit zwei weiteren Toren. Pizarro und Naldo behielten vor ihren jeweiligen Treffern die Nerven und schlossen überlegt ab. Gibt es einen anderen Innenverteidiger in Europa, der auf so viele unterschiedliche Weisen torgefährlich ist, wie Naldo? Kopfbälle, Freistöße und nun im Stile eines abgezockten Klassestürmers den Torwart verladen. Dazu in der Defensive oft im richtigen Moment aus der Viererkette gelöst und dadurch das Angriffsspiel unterbunden. Gerne hätte ich das bei seinem Nebenmann Mertesacker in den beiden Spielen zuvor gegen Janssen und Kroos auch gesehen! Mertesacker war auch gestern für mich neben dem übermotivierten Abdennour der einzige, mit dessen Leistung ich nicht ganz einverstanden war. Er war mit einer Grippe ins Spiel gegangen, was einerseits eine gute Entschuldigung, andererseits natürlich auch ziemlich leichtsinnig ist. Eine wirklich schlechte Leistung war es allerdings auch von ihm nicht. In der Spieleröffnung konnte er Pluspunkte sammeln. Mit Stürmer de Jong hatte er jedoch einige Probleme, weil dieser mit viel Körper- und Armeinsatz in die Luftzweikämpfe ging und sich so erstaunlich gut behaupten konnte.

Es war sicherlich noch nicht alles Gold, was da gestern im Weserstadion schon wieder sehr ansehnlich glänzte, aber es war eindeutig die beste Mannschaftsleistung des Jahres und ein Fingerzeig, wozu diese Mannschaft in der Saison noch fähig sein könnte. Das Comeback von Bargfrede macht zusätzlich Hoffnung. Thomas Schaaf steht nun jedoch vor dem Problem, über drei sehr gute offensive Mittelfeldspieler zu verfügen, die wunderbar harmonieren, nicht jedoch mit dem Zweiersturm Pizarro/Almeida zusammen aufgestellt werden können. Wäre Frings doch nur vier Jahre jünger! So dürfte es in den nächsten Spielen, in denen es nicht von der ersten Minute an einen Rückstand aufzuholen gilt, wieder auf die bekannte Formation hinauslaufen, mit Almeida als Backup für die Sturm- und Drangphase in den letzten dreißig Minuten. Alternativ könnte man natürlich auch einen der drei zuvor genannten auf der Bank lassen, am ehesten wohl Marin, der dann in der Schlussphase dem erschöpften Gegner Knoten in die Beine dribbelt. Nun geht es mit nur einem Tag Pause zum Auswärtsspiel nach Mainz. Eine ohnehin schwierige Aufgabe, bei der Werders Fitness und/oder Reservebank auf eine harte Probe gestellt werden.

Ein paar Randnotizen aus dem Stadion: Viertes Heimspiel in der Europa League, zum vierten Mal live vor Ort, vierter Sieg. Die Sicht vom VIP-Rang ist phänomenal, die Stimmung nicht so ganz. Genörgel über Özil allerorten und nur wenig Interesse fürs oder gar Verständnis vom Spiel. Ein wenig deplatziert fühle ich mich dort schon, auch wenn es vor dem Fernseher mit einer Tüte Chips TrailMix kaum weniger spießig ist. Dafür immer wieder Begegnungen mit altgedienten Werderspielern (diesmal Mirko Votava). Vor dem Stadion wäre ich dann fast noch von Aaron Hunt über den Haufen gerannt worden, der es wohl sehr eilig hatte, zu seinem Auto zu kommen. Gut so, Aaron, diesen Einsatz will ich von dir in den nächsten vier Jahren bei Werder weiterhin sehen!

Wie Sky treue Kunden los wird

In meinem Briefkasten lag heute ein nettes Schreiben der Firma Sky mit folgendem Inhalt:

“Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir (…) hiermit ihr Abonnement zum Vertragsende im Mai fristgerecht beenden. Ihr Abonnement stellen wir Ihnen bis einschließlich 31.05.2010 weiter zu Ihren aktuellen Konditionen zur Verfügung.

Dieser Schritt fällt uns nicht leicht, da wir Sie als Kunden schätzen und Sie auch weiterhin mit großartigem Fernsehen begeistern wollen. Darum möchten wir sie einladen: Kommen Sie in die neue Welt von Sky und erleben Sie auch in Zukunft besondere Momente.”

Schluck. Sky, Du machst mit mir Schluss? Nach acht mehr oder weniger schönen Jahren? Nun gut, ich hätte sicherlich ein besserer Kunde sein können, hätte zu Premiere-Zeiten weitere Pakete zu meinem Sport-Paket dazu buchen können, hätte mal einen neuen Receiver mit HD-Fähigkeit bestellen können oder den einen oder anderen kostenpflichtigen Film. Allerdings warst auch Du nicht ohne Fehler. Einen besseren Kundenservice hättest Du gerne bieten dürfen. Die Decoder-Miete hättest Du während der acht Jahre ruhig mal reduzieren können und Dein langsamer Qualitätsverfall ist auch nicht unbemerkt geblieben. Trotzdem bin ich Dir acht Jahre lang treu geblieben, habe nicht zwischendurch die Beziehung beendet, um bessere Vertragsbedingungen auszuhandeln. Selbst das Arena-Intermezzo habe ich mit Dir zusammen durchgestanden. Und nun?

Nun soll alles vorbei sein? Nein! Du möchtest mich auch weiterhin begeistern und schätzt mich als Kunden. Entschuldigung, aber das sind ja wohl die lausigsten und abgedroschensten Schlussmachsprüche der Welt! Es ist nicht meine Schuld, sondern Deine, richtig? Ich kann schließlich nichts dafür, dass Du seit Deiner kleinen Schönheitskur inklusive Markenrelaunch plötzlich der Meinung bist, etwas besseres (sprich: doppelt so viel Geld pro Monat) verdient hast. Siehst Du auch so? Na wunderbar!

Du lädst mich in die neue Welt von Sky ein, die mir verdächtig wie die alte Welt von Sky vorkommt. Ich darf Dir also einen neuen Antrag machen? Mich mit den anderen einreihen, die Dir zum ersten Mal den Hof machen und zu den gleichen Bedingungen einen Teil Deines großartigen Fernsehens erleben? Was, Du hast extra für mich und meinesgleichen eine eigene Hotline eingerichtet? Für nur 14 Cent die Minute, damit uns der Wechsel so einfach wie möglich fällt?

Weißt Du, man könnte bei Deinem Brief so ein wenig das Gefühl bekommen, Du wärst ein kleines bisschen undankbar. Bedenkt man die grob überschlagenen 3.120 Euro, die ich Dir in den letzten acht Jahren für Deine Dienste habe zukommen lassen, könnte man sogar fast denken, Deine Art mit treuen Kunden umzugehen, wäre eine riesengroße Sauerei und Dein halbherziges Nachfolgeangebot eine schwerere Form von Kundenverarsche. Weißt Du, wie man jemanden nennen könnte, der einem nach acht Jahren nicht einmal ein kleines bisschen bei seinem neuen Angebot entgegenkommt? Einen raffgierigen Halsabschneider, der nicht einmal den Mut hat, klar und deutlich zu schreiben: “Fick Dich ins Knie”, statt mit einem magenumdrehenden Text aus der Marketing-Mottenkiste ein halbwegs akzeptables Angebot vorzutäuschen. Wie, trifft auf Dich nicht zu? Dann ist ja gut.

“Wir hoffen sehr, dass wir Sie auch bei Sky als unseren Kunden begrüßen dürfen.”

Das durftest Du! Ein ganzes Jahr lang! Doch nun muss ich Dir leider mitteilen: Nein! Es ist aus! Und zwar endgültig! Ich wünsche Dir noch viele schöne Jahre mit Franz Beckenbauer und einen weiterhin hertha’esken Börsenkurs.

Und scheiß auf Freunde bleiben!

22. Spieltag: Nun ja…

Hannover 96 – Werder Bremen 1:5

Nun ja, was soll man da groß schreiben? In Hannover trafen sich am Samstag um 15:30 zwei Mannschaften zum Fußballspielen. Eine davon setzte das Vorhaben in die Tat um, die andere hörte nach 10 Minuten schon wieder damit auf. Einen so schwachen Gegner, wie ihn Hannover 96 in der ersten Halbzeit abgab, habe ich in der Bundesliga noch nicht gesehen. Das war ja gar nichts! Müßig daher, Werders Leistung im Detail bewerten zu wollen.

Hannover ist seit langer Zeit der Lieblings-Sparringspartner unserer Mannschaft, hatte schon vor dem Spiel gegen keinen anderen Gegner so viele Gegentore in der heimischen AWD-Arena kassiert, wie gegen Werder. Die Grün-Weißen taten am Samstag genug dafür, dass es noch eine Weile so bleiben wird. Bei einem 5:1 kann und will ich nicht viel kritisieren, das ist Aufgabe des Trainers. Es dürfte klar sein, dass in den nächsten Spielen gegen Enschede und Leverkusen andere Kaliber warten. Die verbleibenden Probleme der Mannschaft sind ebenfalls bekannt: Özils Formschwäche (der immerhin gegen Hannover wieder gute Standards ausführte) sowie die gelegentliche Indisponiertheit der Viererkette. Das zentrale Mittelfeld gefällt mir mit Frings und Niemeyer wieder richtig gut. Man darf eines nicht vergessen, wenn man Frings mit Baumann vergleicht: Baumann hatte fast immer einen richtig guten, zweikampfstarken und ballsicheren Nebenmann (erst Ernst, dann Frings). Den hatte Frings in der Hinrunde über weite Strecken in Bargfrede, während der “Krise” jedoch aus verschiedenen Gründen nicht. Nun hat er mit Niemeyer wieder die nötige Unterstützung und schon läuft es wesentlich besser. Es gibt eigentlich keinen Grund, an dieser Aufstellung etwas zu ändern, auch wenn ich grundsätzlich ein System mit zwei Stürmern bevorzuge (Pizarro und Almeida standen in dieser Saison noch nicht einmal gemeinsam in der Startelf). “Party-Peter” wünsche ich jedenfalls ein richtig gutes Spiel am Donnerstag bei seinem Ex-Verein!

Ein paar Gedanken noch zu Naldo: Er wird mir (außerhalb der grün-weißen Vereinsbrillensicht) insgesamt zu schlecht beurteilt. Teilweise ist die Kritik an ihm berechtigt: Sein Stellungsspiel ist nicht immer erstklassig, seine Spielweise ist manchmal zu lässig und er hatte auch eine Phase, in der er völlig neben sich stand. Da hört es dann aber auch schon auf. Naldo gehört zu den zweikampfstärksten Spielern der Bundesliga, ist mit seiner Größe und seinem Timing beim Kopfball Fels in der Brandung im eigenen Strafraum und schaltet sich dazu mit seiner Torgefährlichkeit regelmäßig in die Offensive ein. Über 12 Tore in 31 Pflichtspielen wäre so mancher deutsche Nationalstürmer mehr als glücklich (genau genommen wäre so mancher deutsche Nationalstürmer schon froh über 31 Pflichtspiele…)! Naldo bügelt seine gelegentlichen Schnitzer in der Defensive also mehr als aus. Es mag nun Leute geben, denen ein Weltklasseverteidiger ohne jegliche Torgefahr trotzdem lieber ist. Fair enough, aber bei der Bewertung des Spielers Naldo sollte man trotzdem nie dessen Torgefahr außen vor lassen.

21. Spieltag: Jinx

Werder Bremen – Hertha BSC 2:1

Vor gut 2 1/2 Monaten schrieb ich euphorisiert von Werders 6:0 in Freiburg folgendes:

“Ich lehne mich heute aus dem Fenster und sage: Werder wird Meister 2010!”

Wie dumm von mir! Als Fan lernt man über die Jahre, dass solch eine Aussage einfach nicht unbestraft bleibt. Außer man ist Fan des FC Bayern. Ich fühle mich daher schon mehr als nur ein wenig mitschuldig, dass Werders tolle Serie aus dem Herbst so jäh beendet wurde und es stattdessen bis zum Freitag gedauert hat, bis Werder den nächsten Sieg einfahren konnte. Im Baseball gibt es dafür sogar eine eigene Bezeichnung: jinx. Ein jinx ist ist eine Art Fluch, der durch verschiedene Dinge hervorgerufen werden kann. Es gibt inzwischen ein ganzes Regelwerk für Spieler, die einen jinx vermeiden wollen. Die wichtigste Regel dabei ist: Spreche niemals über die Serie! Im Baseball ist damit die Serie eines Pitchers an No-Hittern gemeint, aber es lässt sich relativ leicht auf andere Sportarten übertragen. Wäre ich Amerikaner hätte es nach meiner Aussage vermutlich keine drei Sekunden gedauert, bis mir jemand zugerufen hätte: “Don’t jinx it!”

Auch in Deutschland hat mir jemand etwas ähnliches zugerufen, nämlich meine Freundin. Dummerweise habe ich nicht auf sie gehört und den schlimmsten Fehler begangen, den man in meiner Situation machen kann: Ich habe meine Aussage nicht etwa zurückgenommen oder relativiert, sondern ihren Einwand als Quatsch abgetan. Ich habe die Existenz des jinx verneint! Wenn es etwas gibt, das den Fluch sogar noch verstärkt, dann ist es, die Existenz des jinx zu leugnen! “There is no such thing as a jinx”, ist daher die dümmste Äußerung, die ein Sportfan in den USA von sich geben kann. Ein absoluter rookie mistake, den sich bestenfalls sportuninteressierte Nerds leisten, die zum ersten Mal eine Sports Bar besuchen und dann von allen Seiten beschimpft werden. Wenn es also einen Schuldigen für Werders elfwöchige Serie ohne Bundesligasieg gibt, dann ist es nicht der Trainer, dann ist es nicht die Mannschaft, sondern dann bin ich es!

Nun stellt sich aber die Frage, wer “Schuld” daran trägt, das Werder am Freitag zumindest vorübergehend zurück in die Erfolgsspur gefunden hat. Andersherum funktioniert der jinx nämlich nicht, auch wenn eine pessimistische Grundeinstellung bis zum sicheren Sieg die Gefahr eines jinx minimiert. Es muss sich also tatsächlich etwas verändert haben in Werders Mannschaft. Bloß was? Häufig sind die Änderungen nicht von außen erkennbar. Es werden vermeintliche Kleinigkeiten geändert, die auf dem Platz eine große Wirkung erzielen. Manchmal sind es aber auch ganz offensichtliche Dinge. Am Freitag waren die personellen Umstellungen in der Mannschaft deutlich: Für den in Gladbach überforderten Abdennour kam Perti Pasanen in die Startelf und im Mittelfeld ersetzte Peter Niemeyer Tim Borowski. Es blieb jedoch nicht nur bei den personellen Umstellungen, auch die Formation auf dem Platz war eine andere. Wer Thomas Schaaf auf die “Raute” im Mittelfeld anspricht, erntet zumeist nur ein müdes Lächeln, ihm sind diese Standardfloskeln ein Dorn im Auge. Viel wichtiger als die Grundformation sind ohnehin die Bewegungen der Spieler in unterschiedlichen Spielsituationen. Gegen die Hertha waren aber deutliche Umstellungen erkennbar, wie ein Blick auf die Durschnittspositionen während des Spiels zeigt.

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Hertha (Durchschnittliche Positionen)

Auf dem oberen Bild ist Werders Mannschaft im Spiel gegen Gladbach zu sehen, auf dem unteren im Spiel gegen Hertha. Was fällt auf? Die Abwehrkette stand beim Heimspiel gegen den Tabellenletzten deutlich tiefer als noch eine Woche zuvor. Am auffälligsten zeigt sich dies bei Per Mertesacker – der gegen Berlin in der ersten Halbzeit fast einen Libero abgab – und bei Petri Pasanen. Eine tiefer stehende Viererkette bedeutet aber auch mehr Raum für den Gegner im Mittelfeld. Während im oberen Bild eine deutliche Raute erkennbar ist (das ist bei Werder längst nicht immer so, weil die Spieler ihre Positionen immer wieder tauschen), sieht man im unteren Bild zwei defensive Mittelfeldspieler im Zentrum. Niemeyer fiel weder durch große Passgenauigkeit, noch durch außergewöhnliche Zweikampfstärke auf, doch er machte in taktischer Hinsicht vieles richtig. Bei Ballverlusten dauerte es keine zwei Sekunden, bis er sich neben Frings eingefunden hatte. Zusammen machten die beiden viele Gegenangriffe der Hertha zunichte, bevor sie auf die sichtlich bemühte, aber verunsichert wirkende Abwehrkette zurollen konnten. Borowski hatte in den Wochen zuvor als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive immer wieder enttäuscht, konnte weder Frings im Zentrum wirklich unterstützen, noch für Impulse im Angriffsspiel sorgen. Die Variante mit Niemeyer scheint bis auf weiteres die stabilere zu sein.

Während man defensiv deutlich mehr Augenmerk auf das Verhindern von Kontergelegenheiten legte, blieb in der Offensive alles beim Alten. Hunt mit ungeheuer viel Laufarbeit, Marin wirbelt und Pizarro sorgt für die entscheidenden Tore (wenn man denn hinten die Bude nicht voll bekommt). Man konnte auch ganz deutlich sehen, wie sehr man sich an Pizarros Torriecher gewöhnt hat. Als er die ersten drei dicken Torchancen gegen den Berliner Schlussmann Drobny liegenließ, wollte man es gar nicht so recht glauben. Der Sieg ging deshalb völlig in Ordnung. Hertha hatte trotz ordentlichen Spiels über die gesamten 90 Minuten kaum Torchancen, benötigte für den zwischenzeitlichen Ausgleich die Mithilfe von Tim Wiese. Den Ärger über die wohl ungerechtfertigte Abseitsentscheidung in der ersten Hälfte kann ich zwar verstehen, aber als spielentscheidende Szene kann man es wohl kaum bezeichnen. Das Sorgenkind auf Bremer Seite heißt leider weiterhin Mesut Özil. Er scheint so sehr mit dem Kampf gegen sein Phlegma beschäftigt, dass er der Mannschaft nicht so richtig weiterhelfen kann. Ich glaube aber erkannt zu haben, dass er diesen Kampf endlich annimmt und ihn auch gewinnen wird.

Ist etwa doch noch etwas drin in dieser Bundesligasaison? Dortmund und unsere Freunde aus Stellingen sind uns freundlicherweise etwas entgegen gekommen. Wenn nun noch Frings die einfachen Fehlpässe im Aufbau abstellen kann, die Abwehrkette ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnt und auch noch Özil zurück zu seiner Form findet, dann, ja dann! I don’t wanna jinx it, but… aber so fangen eigentlich auch nur ziemlich dumme Sätze an.

20. Spieltag: Never change a losing team

Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen 4:3

Vorab: Ich habe keine einzige Sekunde des Spiels gesehen. Statt Fußball stand für mich Go-Kart-Fahren auf dem Programm (ja, richtig gelesen). Dabei sprang immerhin ein zweiter Platz heraus. Für Werder ist dieser inzwischen in so weite Ferne gerückt, dass es nicht einmal mehr ein Wunschtraum ist, vielleicht doch noch den Anschluss an die Spitzenplätze wiederherzustellen. Dabei ist es ganze 5 (in Worten: fünf) Spieltage her, dass man noch von der Meisterschaft sprechen durfte. Eine konstant spielende Spitzenmannschaft präsentierte sich da im Bremer Weserstadion Woche für Woche. Welch eine Illusion, denn eine Spitzenmannschaft verliert keine fünf Spiele in Folge. 15 Punkte hat man seitdem auf Bayern München und Bayer Leverkusen verloren, 13 auf Schalke, 12 auf Dortmund. Wie kann es zu einer solchen Entwicklung kommen? Ein scheinbar übergangsloser Umbruch vom Meisterschaftskandidaten zur grauen Maus im Winter.

So ganz übergangslos war er dann doch nicht. Einige glückliche Unentschieden waren im Herbst schon dabei, die Werder die schöne Serie retteten. Das ist das Gute an Unentschieden: Sie retten Serien, positive wie Negative. Die Punkteteilungen gegen Wolfsburg und Köln sind nun eben Teil einer sieben Spiele währenden Serie ohne Sieg in der Bundesliga. Die Interpretation dieser Spiele hat sich ebenfalls geändert: Nun sind sie nicht mehr Ausdruck des Selbstbewusstseins und der Stärke, auch aus Gurkenspielen zumindest einen Punkt mitzunehmen, sondern Vorboten der “Krise”*, die Werder nun Fest im Griff hat. Im Moment wäre man ja schon froh, wenn wenigstens wieder einmal ein Unentschieden herausspringen würde für die Grün-Weißen. Das Schema, nach dem Werders Niederlagen zustande kommen, ist dem langjährigen Fan nur allzu bekannt. Es sind immer die gleichen Dinge, die schief laufen und Werder auf die Verliererstraße bringen: Eine hoch aufgerückte Viererkette, die das Spielfeld möglichst klein halten und so dem Gegner den Platz rauben soll, wird überrumpelt mit langen Pässen auf die Außenbahnen. An diesem Punkt ist es meist schon zu spät. Die Außenverteidiger kommen nicht mehr hinterher, egal wie schnell sie sind (in Abdennour hat man in den Krawallmedien ja schon einen neuen Sündenbock gefunden) und in der Mitte wird die läuferische Schwäche von Naldo und Mertesacker offengelegt. Werder sieht in diesen Situationen aus, wie eine Schülermannschaft!

Es ist der Makel der Ära Schaaf, dass Werder unter seiner Regie diese Schwachstelle nie endgültig abstellen konnte. Man kann sich deshalb ein gutes Bild von Werders Spiel in Gladbach machen, auch ohne die Partie gesehen zu haben. Das Problem liegt im Mittelfeld: Die langen Bälle der Gladbacher müssen verhindert werden. Hier müssen die Gegenspieler aggressiv unter Druck gesetzt werden, damit sie nicht genügend Zeit haben, diese langen Bälle präzise zu spielen. Wenn Werder nicht schleunigst den Weg zurück zu den Grundlagen des Fußballs findet (laufen, Zweikämpfe suchen), ist in dieser Saison kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Gerade mit diesem System wird man dann wieder so viele Gegentore fangen, dass selbst unsere nach wie vor hochklassige Offensive das nicht ausbügeln kann. Es ist so ärgerlich, weil wir im Herbst tatsächlich geglaubt haben, die Mannschaft hätte diese Lektion nun nicht nur gelernt, sondern wirklich verstanden.

Vielleicht wird es Zeit für einen Paradigmenwechsel, den manche frustrierte Werderfans schon seit Jahren fordern. Ein Sturmduo Pizarro – Almeida ist immer für ein Tor gut. Ein Mittelfeld mit Özil, Hunt und/oder Marin ebenfalls. Warum nicht mit zwei echten Stürmern agieren, Frings einen defensiven Partner (den er mit dem leider verletzten Bargfrede lange hatte) zur Seite stellen (warum nicht Niemeyer, wenn Borowski sich zu schade dafür ist?) und dann etwas tiefer stehen? Schaafs Sturheit in dieser Angelegenheit hat sich in der Vergangenheit häufig ausgezahlt. Ich hoffe für ihn und für Werder, dass es das auch diesmal tut und sich der Verein nicht von den Kettenhunden der Bildzeitung beeinflussen lässt. Wir sind immer noch Werder Bremen und wir kommen da auch wieder raus!

Noch ein paar Gedanken zu den Wechseln dieser Transferperiode: Tosic, Moreno und Vranjes verlassen den Verein, Kevin Schindler wird erneut ausgeliehen und Ex-Bayer Sandro Wagner kommt vom MSV Dusiburg. Ich weiß nicht so ganz, was ich von letzterem halten soll, aber es ist sicher gut, sich von den Tribünengästen zu trennen. Im Fall von Juri Vranjes ist schon ein bisschen Wehmut dabei, er hat für Werder einiges geleistet, was von den Fans nur selten gewürdigt wurde (von der Ostkurve abgesehen). Deshalb: Danke Juri, für 4 1/2 Jahre bei Werder! Was aber das Nachtreten gegen Werder angeht, bin ich schon ziemlich enttäuscht. Juri, ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem neuen Arbeitgeber in der von dir so geliebten türkischen Liga, aber nun halt bitte einfach die Klappe und beweise wenigstens ein bisschen der Größe, die du Thomas Schaaf absprichst! Ob im Laufe des Tages noch etwas passiert? Ich denke nicht. Allofs wird dafür Prügel in den Fanforen beziehen, aber glaubt denn jemand ernsthaft, dass er auf Transfers verzichten würde, wenn das Geld da wäre? Es sieht um Werders Finanzen nicht so gut aus, wie viele glauben mögen – mehr sage ich zu dem Thema nicht…

* Wir gehen viel zu leichtfertig mit diesem Wort um. Wir haben eine Krise, weil elf junge Männer, die tagtäglich einem Ball hinterherlaufen, ihren Beruf nicht ganz so gut ausüben, wie elf andere Männer, die tagtäglich einem Ball hinterherlaufen? Da haben die Haitianer ja noch mal Glück gehabt!