Archiv für den Monat: April 2010

32. Spieltag: Hools vor der Haustür

Werder Bremen – 1. FC Köln 1:0

Sieg in der letzten Minute durch einen Elfmeter. Da kommen Erinnerungen an 2004 hoch. Kapitän Torsten Frings spielte dabei die Rolle, die damals Ailton und Valerien Ismael spielten. Mit der nervlichen Belastung hat er offensichtlich keine Probleme. Das darf und sollte man von seinem Kapitän auch erwarten, ist aber dennoch schön zu sehen.

Es gibt ja so Spiele, da redet man sich hinterher alles schön, weil man gewonnen hat. Die Leistung gegen Köln sollte man differenziert betrachten. In der ersten Hälfte hatte Werder große Probleme damit, das Spiel in der Kölner Hälfte zu halten. Vergleichsweise schwache 50 % Ballbesitz in den ersten 45 Minuten sprechen nicht gerade für Kontrolle am Ball. Die Kölner ließen sich nicht zurückdrängen und störten Werders Spiel früher, als ich erwartet hatte. Vor allem über die linke Seite liefen viele der Kölner Angriffe. Fritz hatte wiederholt Probleme mit Podolski und auch sonst einen gebrauchten Tag erwischt. So defensiv habe ich ihn in einem Heimspiel gegen einen – mit Verlaub – spielerisch unterlegenen Gegner noch nie gesehen. Auf seiner Seite hatte er auch keinen festen Partner vor ihm. Marin wechselte immer wieder die Seite, Hunt hielt auf der linken Seite relativ statisch die Position und auch Özil orientierte sich mehr nach links als nach rechts. Die Folge dieser asymmetrischen Raumaufteilung konnte man nach dem Spiel auch in der Statistik ablesen: 38 % der Angriffe über die linke und nur 28 % über die rechte Seite. Zumindest Zoran Tosic hatte dadurch einen schweren Stand auf seiner rechten Seite und konnte nur wenige Akzente im Kölner Offensivspiel setzen. Die größte Chance hatte Lukas Podolski kurz vor der Pause, als er von Novakovic wunderbar bedient wurde und mit seinem schwachen rechten Fuß ziemlich kläglich das Tor verfehlte. Werder hatte auf der anderen Seite auch ein paar aussichtsreiche Möglichkeiten. Die Kombinationen im Mittelfeld waren aber selten wirklich zwingend und es wirkte weitgehend so, als ob dort jeder sein eigenes Süppchen kocht.

In der Pause reagierte Schaaf und brachte mit Hugo Almeida einen zweiten Stürmer. Der zusätzliche Fixpunkt im Offensivspiel machte sich in der Ausrichtung der Kölner bemerkbar, die nun nicht mehr den Mut hatten, die Bremer schon hoch zu attackieren, sondern stattdessen vor dem eigenen Strafraum die Räume eng machten, um dann auf etwaige Fehler der Bremer zu warten. Werder nutzte das in der Folge gut aus, drängte nach vorne und brachte immer wieder die beiden Stürmer ins Spiel. So kam man erneut zu einigen Chancen, doch das erlösende 1:0 wollte nicht fallen. Auf der anderen Seite hatte man Glück, dass Novakovic nur die Latte traf, doch ansonsten tat Köln wenig, das ihnen einen Sieg hätte bringen können. Selbst als zuerst Naldo und später auch Mertesacker ihr Arbeitsgebiet fast ausschließlich in den Kölner Strafraum verlegten, konnten die Kölner den Raum nicht nutzen. Alles fokussierte sich auf die 25 Meter vor dem Kölner Tor. Frings gab nun eine Art Libero und die Bälle wurden immer wieder hoch in den Strafraum geschlagen. Dort gab es trotz Bremer Lufthoheit wenig Platz. Werder suchte nun bei jeder Gelegenheit den Abschluss, doch immer wieder war ein Bein eines Kölner Abwehspielers oder Schlussmann Kessler im Weg. In der Nachspielzeit verpasste Geromel auf der Torlinie einen Kopfball Mertesackers mit dem Kopf und riss in letzter Sekunde die Hand hoch. Klare Sache: Elfmeter und rote Karte. Den Rest machte Frings.

Nun kann man sagen: Glücklich, in der letzten Minute einen Elfmeter zu bekommen. Sicher, doch der Elfmeter war direkte Folge einer guten Torchance. Mertesackers Kopfball wäre wohl auch so ins Tor gegangen (auf Geromels Timing beim Klärungsversuch möchte ich hier lieber nicht eingehen). Und es ist eben kein Zufall mehr, dass Werder so viele Tore in den letzten Minuten des Spiels erzielt. Man erhöht konsequent das Risiko, schickt die Innenverteidiger mit nach vorne und setzt auf hohe Bälle. Ob diese von einer langen Flanke oder einer Standardsituation kommen, ist dabei nebensächlich. Sieht man sich Werders Gegentore an, könnte sich jedoch langsam fragen, ob man nicht gleich von Anfang an so spielen sollte. Sonderlich schön ist das nicht, aber immer noch besser, als in der Nachspielzeit noch immer die Bälle ins Tor tragen zu wollen, wie ein gewisser Verein aus dem Norden Londons. Von daher: Schön? Nein! Glücklich? Ja! Unverdient? Nein! Tim Wiese musste im gesamten Spiel nicht einen Ball halten.

Wie so häufig beim Duell der beiden Mannschaften kam es außerhalb des Stadions zu ein paar Ausschreitungen. Bereits vor Anpfiff hatten sich Hooligans der beiden Vereine in der Bremer Neustadt versammelt, um sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. So weit, so schlecht. Nach dem Spiel kam es erneut zu “Auseinandersetzungen” – wie man es so schön nennt, wenn solche Idioten mit Eisenstangen, Fahrrädern und Verkehrsschildern aufeinander losgehen – zwischen den Hools. Für mich persönlich macht es das noch etwas schlimmer, wenn diese “Auseinandersetzungen” in der Straße stattfinden, in der ich mein Büro habe. Die Polizei hatte die Situation zum Glück schnell im Griff.

Hooligans wirken auf mich immer ein wenig, wie ein Relikt aus den 80er Jahren. Wie diese Modesünden, bei denen man jeden Tag betet, sie mögen nie wieder zurückkommen und dann innerlich zusammenzuckt, wenn man plötzlich 16-Jährige damit rumlaufen sieht. Im Gegensatz zu Modesünden können Hooligans aber nicht nur sinnbildlich, sondern ganz wörtlich blind machen. Deshalb zitiere ich heute US-Komiker Jon Stewart – wenn auch leider ohne Gospelchor – und sage: Hooligans, go fuck yourselves!

31. Spieltag: Sky90, ein Trauerspiel

VfL Wolfsburg – Werder Bremen 2:4

Wer etwas von Freude über Platz 3 oder Angriff auf die Champions League lesen möchte, der ist hier an der falschen Adresse. Hier gibt es nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter. Nach der Niederlage vor zwei Wochen habe ich Werders Chancen auf die Champions League abgeschrieben. Nun steht man plötzlich – zumindest für 24 Stunden – auf Platz 3. Ich weiß nicht genau warum und momentan ist es mir auch egal. Werder macht in dieser Saison eben immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Von daher gibt es von mir heute keine selbstbewusste Prognose. Zu bitter war die Erfahrung, die ich nach dem 13. Spieltag machen musste, als ich Werder gejinxt hatte. Das passiert mir kein zweites Mal in dieser Saison.

Also: Werder hat keine Chance mehr auf Platz 3. Dortmund ist viel zu stark und Leverkusens Niederlagenserie ist nun auch vorbei. Und falls nicht, kommen eben die Stuttgarter noch von hinten, da wir gegen Köln, Schalke und den HSV nur noch maximal einen Punkt holen werden. So wird es kommen, das ist meine volle Überzeugung. In der ersten Halbzeit gegen Wolfsburg gab es genügend Anhaltspunkte, die meine These untermauern. Alles andere (starke zweite Hälfte, erneut 2x einen Rückstand aufgeholt, Frings und Özil in guter Form) blende ich aus.

Deshalb zu etwas ganz anderem. Ich habe gestern nach längerer Pause mal wieder die Fußball-Talkshow Sky90 geschaut, zumindest einen Teil davon. Was im letzten Sommer äußerst vielversprechend begann, hat sich inzwischen leider sehr den Niveau des DSF-Doppelpass angenähert. Fehlt noch Product Placement, Bier und grenzdebiles Publikum. Sky-Moderator Patrick Wasserziehr hatte Matthias Sammer, Fritz von Thurn und Taxis und Johannis B. Kerner zu Gast. Als ich einschaltete wurde gerade über den FC Bayern diskutiert. Eine knappe halbe Stunde lang. Angesichts der Tabellensituation, der jüngsten Ergebnisse und der anstehenden Champions League Halbfinals ist das auch vertretbar. Es war erschreckend, wie wenig in dieser halben Stunde analysiert wurde und wie mit Worthülsen um sich geworfen wurde. Der Erfolg der Bayern wurde auf Fachmann van Gaal und “echte Typen” wie van Bommel zurückgeführt. Das war es im Prinzip schon. Stefan Effenberg durfte dann noch die Mannschaften von 2001 und heute miteinander vergleichen und tat das so, wie man es aus seiner “Expertentätigkeit” nun einmal kennt. Kaum ein Wort zum System, das van Gaal spielen lässt. Keine taktischen Analysen. Stattdessen den unbedingten Willen und die Siegermentalität als einzige Erfolgsfaktoren. Könnte also auch jeder Bezirksligist mit der richtigen Einstellung Manchester United schlagen? Es fehlte eigentlich nur noch der Kaiser, der sicher einen Satz wie “Messi ist der beste Spieler der Welt, Robben und Ribery aber auch”, beigetragen hätte.

Für einige Minuten ging es dann um Bayerns Gegner Olympique Lyon, ohne dessen Stärken/Schwächen auch nur ansatzweise zu beleutchten, und das zweite Halbfinale zwischen Mourinho und Guardiola Inter und Barcelona. Für einen Moment kommt Spannung auf, als Sammer über Xavi ins Schwärmen gerät, doch dabei bleibt es dann, keiner steigt darauf ein, führt die Diskussion vielleicht sogar zu den Spielsystemen der Mannschaften oder wenigstens den Schlüsselduellen. Negativer Höhepunkt war dann Kerners Antwort auf die Frage, ob und wie man Lionel Messi ausschalten könne: “Das kann man nicht. Haben ja schon viele versucht. Aber auch er hat mal einen schlechten Tag.” Da spricht der Experte. Gut, man kann von ihm nicht erwarten, dass er die spanische Liga im Detail kennt, aber die Spiele vor einem Jahr gegen Chelsea sind doch z.B. ein ganz guter Anhaltspunkt, wie es gehen könnte. Warum greift man dafür nicht auf Experten zurück, die sich in den Ligen auskennen?

Kaum Analysen, keine Taktiktafeln, kein Vor- und Zurücklaufenlassen einzelner Spielszenen mit reingemalten lustigen Kringeln und Pfeilen. Beim DSF heißt die Sendung treffenderweise “Fußballstammtisch”, Sky90 begann vor 9 Monaten als ernsthafte Diskussionsrunde, in der auch analysiert wird. Gestern wünschte ich mir einen Klopp. Oder von mir aus auch einen Lienen. Irgendjemanden, der das, was dort auf den Fußballplätzen passiert, auch unterhalb der Oberfläche versteht UND es einigermaßen anschaulich vermitteln kann. Sky geht es leider mehr darum, die bekannten Nasen vor die Kamera und damit den Promifaktor hoch zu halten. Dabei schalten am Sonntagabend doch hauptsächlich Fußballjunkies ein, die nichts besseres zu tun haben sich für das Spiel selbst mehr interessieren, als für die diversen Nebensächlichkeiten, die in der übrigen Berichterstattung schon zur Genüge aufgeblasen werden. Ich finde das wirklich schade, denn Sky hat ja schon gezeigt, dass sie es wesentlich besser können!

Der Nörgler als Mensch

Trainer Baade hat sich gestern in einem Beitrag über nörgelnde Fans und andere nörgelnde Zeitgenossen beklagt. Nein, beklagt hat er sich nicht, sondern festgestellt. Festgestellt und mit ironischem Unterton sein Missfallen ausgedrückt. Jeder, der einigermaßen regelmäßig ein Fußballstadion besucht, kennt diese Spezies bestens. Man braucht gar nicht bis in die Stadien zu gehen. Auch auf dem Sportplatz um die Ecke findet man ihn: Den Nörgler.

Meistens ist es ein gescheitertes Jahrhunderttalent, 1976 auf dem Sprung zum Fußballprofi, doch dann kam diese blöde Knieverletzung. Und nun sitzt er im Vereinsheim und erzählt wildfremden Leuten nach dem dritten Bier seine Leidensgeschichte. Seit Jahren. Klar, dass für ihn das Gegurke der 1. Herren des lokalen Sportvereins eine Zumutung ist. Sein Leiden ist ihm in den Augen anzusehen, wenn der übergewichtige Libero mal wieder den Ball misshandelt. Er würde doch so gerne, doch er kann nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob er jemals konnte, oder ob er sein eigenes Talent mit den Jahren schöngesoffen hat. Vielleicht hat er niemals Fußball gespielt. Doch er weiß, wie es besser geht. So jedenfalls nicht, wie es die Herren da auf dem Spielfeld versuchen. Nun gut, das sehe selbst ich und ich war weit davon entfernt, ein Profi zu werden. Ich kann mir nur ausmalen, welche Qualen dieser Mensch durchleidet, weil er es statt ins Camp Nou nur an den Tresen des Vereinsheims geschafft hat. Welche Bitterkeit ihn überkommt, wenn er sieht, wie viele schlechte Fußballer es gibt, die ihm doch eines voraus haben: Sie spielen Fußball. Und doch kann er von diesem Spiel nicht ablassen, findet er keine bessere Beschäftigung, als am Sonntagnachmittag am Spielfeldrand zu stehen und neunzig Minuten und darüber hinaus zu nörgeln. Warum nicht? Es bleibt mir ein Rätsel. Und doch bleibt da ein kleiner Rest an Respekt für die Leistung, die dieser Mensch vollbringt. Auch wenn sie niemandem nutzt, am wenigsten ihm selbst.

Wäre Nörgeln als Kunstform anerkannt, müsste man hier nach ihren größten Vertretern suchen. Die Stadien der Bundesligavereine sind geradezu Auffangbecken für verkannte Nörgelkünstler. Hier wird das Nörgeltum auf die Spitze getrieben und das schichtübergreifend auf den Stehplätzen wie in der VIP-Loge. Sie nörgeln und schimpfen und quängeln und raufen sich die Haare, doch sie kommen alle Woche für Woche wieder. Dabei ist es ein schlechter Ort für sie. Im Stadion treffen sie auf Gleichgesinnte, doch in der Masse geht ihre nörgelnde Stimme im Stimmgewirr unter. Es hört ihnen niemand zu, nicht mal sie selbst. Clevere Nörgler gehen daher gerne zum Mannschaftstraining, wo sie ganz dich dran sind, den Spielern und der Mannschaft ganz direkt sagen können, was sie verkehrt machen. Als Belohnung gibt es nur manchmal einen Platzverweis, wenn es den Beteiligten irgendwann zu bunt wird. Die große Bühne ist es trotzdem nicht.

Oft wird fälschlicherweise behauptet, der Nörgler sei nur auf Aufmerksamkeit oder gar Anerkennung für seinen  angeblichen Sachverstand aus. Dabei geht es dem Nörgler gar nicht um Akzeptanz. Es geht ihm ums Nörgeln selbst, nichts weiter. Das Recht, alles und jeden, meist auch sich selbst, zum Kotzen zu finden. Der Nörgler ist deshalb nicht zwangsläufig ein unzufriedener Mensch. Manche Nörgler führen außerhalb der Fußballstadien ein ganz normales Leben, so wie du und ich. Wir würden sie im Alltag nicht einmal erkennen. Wer sich in seinem Freundeskreis als Nörgler outet, muss dennoch auch in unserer ach-so-liberalen Gesellschaft mit Ausgrenzung rechnen. Nörgler treffen sich daher vermehrt abseits der großen Arenen auf Rastplätzen und Waldlichtungen, wo sie den Nörglern anderer Vereine die wildesten Nörgeleien an den Kopf werfen. Dabei gibt es klare Regeln: Der Ehrenkodex der Nörgler schreibt beispielsweise vor, dass nicht weiter genörgelt wird, wenn der Gegenüber auf dem Boden liegt. Nicht alle halten sich daran, was dem Ansehen der Nörgler in der Öffentlichkeit großen Schaden zufügt. Müssen sie bald alle auf den Adrenalinrausch beim Nörgeln verzichten? Das immer stringentere Einschreiten der Polizei und die Registrierung bekannter Nörgler in einer Kartei machen ihnen das Leben schwer. Der Nörgler 2010, eine aussterbende Spezies.

30. Spieltag: Comeback Kid

Werder Bremen – SC Freiburg 4:0

Vor einer Woche schrieb ich noch, Werders Bundesligasaison sei beendet. Einem erwarteten Sieg gegen Freiburg, einem vorhersehbaren Punktverlust Leverkusens und einer halbwegs überraschenden Dortmunder Niederlage sei dank, widerspricht mir die Tabelle seit gestern wieder. Werders Schlussprogramm hält meinen Optimismus nach wie vor in Grenzen, da ich mir nicht vorstellen kann, dass Werder sich keinen Punktverlust mehr erlaubt. Dazu sind die verbleibenden Gegner zu stark, dafür ist Werder zu unkonstant. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren!

Der Sieg gegen Freiburg war natürlich verdient. Was der SC in der zweiten Halbzeit ablieferte, lud Werder geradezu zum Toreschießen ein. Es hätte auch gut und gerne wieder ein 6:0 geben können. Werders Leistung fand ich über 90 Minuten gesehen gut, wenn auch nicht so überragend, wie es das Ergebnis vormacht. Man hatte Freiburg fast über die gesamte Spieldauer im Griff, war sehr ballsicher und kombinierte sich immer wieder flüssig und ansehnlich vors Tor. Was mich jedoch gestört hat, war die Fahrlässigkeit, mit der Werder (mal wieder) in der Anfangsphase vorging. Ein Fortschritt zwar, dass die Defensive nie ihre Ordnung verloren hat. In Einzelaktionen (Naldo!) kamen aber einige Male die Unzulänglichkeiten zum Vorschein. Normalerweise muss Freiburg nach 10 Minuten in Führung gehen. Bringt Makiadi den Abpraller aus 8 Metern aufs Tor, ist es zu 80% das 0:1. Danach lief es aber immer besser und ich bin mir nicht sicher, ob es nur an Werders geduldigem Spielaufbau lag, doch Freiburg rannte mit zunehmender Spieldauer nur noch hinterher und konnte überhaupt nicht mehr für Entlastung sorgen. Wichtig, dass in der ersten Halbzeit noch das Tor fällt und Werder nicht gezwungen wird, noch konsequenter nach vorne zu spielen. Pizarro unterstreicht dabei wieder mal seine Klasse. Beim 2:0 durch Hunt zeigt sich dann schon, dass Freiburg kapituliert hat, was angesichts ihrer Tabellensituation überrascht. Danach hatte Werder leichtes Spiel, konnte ungestört sein Programm runterspielen, wobei vor allem Özil glänzte.

Was ich bemerkenswert finde: Barcelona sei dank ist es inzwischen wieder schick, ein Spiel mit viel Ballbesitz und konsequentem Positionsspiel zu gestalten. Dazu braucht es natürlich ein hohes Maß an Ballsicherheit und Passgenauigkeit. Während bei Werder die Tendenz in den letzten Jahren in Richtung Free Form und ständigen Positionswechseln (Baumann ausgenommen) im Mittelfeld ging, entwickelte sich das Spiel bei einigen Mannschaften in die andere Richtung. Spätestens seit Barcelonas Champions Leauge Triumph nimmt die Zahl der Mourinho-Jünger augenscheinlich ab. Der Querpass, vor kurzem noch fast ein Schimpfwort, kommt wieder in Mode. Vor kurzem noch wurde jeder Ball, der nicht direkt vertikal nach vorne gespielt wurde, als Zeitverschwendung angesehen. Mir persönlich gefällt das ganz gut, ich mag Mannschaften, die aktiv (sprich: mit Ballbesitz) versuchen, das Spiel zu gestalten und nicht in erster Linie gegen den Ball arbeiten, um dann sporadisch, aber blitzartig zu kontern. Auch wenn es natürlich nur selten so elegant aussieht, wie bei Barca oder der spanischen Nationalmannschaft. Die Bayern unter van Gaal sind ein gutes Beispiel, wie so ein System aussehen kann. Dort ist längst noch nicht alles perfekt und die Mannschaft tut sich noch schwer, diese Spielweise in Tore umzuwandeln. Zum Glück haben sie Robben. Und Olic. Wie sie gegen Manchester zurückkamen war schon beeindruckend, nicht nur vom psychologischen Aspekt her. Nach dem Platzverweis haben sie konsequent ihren Stiefel runtergespielt, ohne Hektik, ohne Panik, den Ball von einer Seite zur anderen gespielt. Immer auf der Suche nach dem Fehler. Es war dann letztendlich eine Standardsituation, die das Spiel entschied, aber viel wichtiger war für die Bayern, dass sie sich Uniteds Stürmer vom Leib halten konnten. Mit Rooney hatte sich Sir Alex verzockt, Valencia war ins Mittelfeld eingebunden und Nani konnte alleine keine so große Gefahr mehr darstellen wie noch in Hälfte 1. Deshalb war es am Ende trotz der katastrophalen ersten Halbzeit nicht unverdient, dass Bayern weiterkam.

Barcelonas Spiel ist dann noch mal ein bis zwei Stufen ausgereifter. Die Spieler sind seit Jahren, zum Teil seit frühester Jugend, an das System gewöhnt. Die Mannschaft ist nicht nur was das Passspiel angeht eine Klasse für sich, sondern auch was die Balleroberung in der gegnerischen Hälfte angeht. Der Ball wird nicht nur lange gehalten, sondern das zum Großteil in der Zone, wo es für den Gegner gefährlich wird, wenn er nicht mit voller Konzentration gegen den Ball arbeitet. Und dann hat man natürlich auch die Spieler, die diese Gelegenheiten ausnutzen können. Barcas Gegner am Dienstag hat seine Stärken nicht im Spiel gegen den Ball. Es war klar, dass Arsenal das Spiel anders angehen musste als im Hinspiel. Dass man Barcelonas Mittelfeld früher unter Druck setzen und das Spiel weiter vom eigenen Tor entfernt halten musste. 20 Minuten lang klappte das auch sehr gut. Danach kam Messi und Arsenal glitt das Spiel aus den Händen. Eine Mannschaft, der fünf Spieler aus der Startelf fehlen, hat schon mit genügend Problemen zu kämpfen. Ein Messi, der das Repertoire der Sportjournalisten an Superlativen längst aufgebraucht hat, ist dann einfach zu viel. Die beiden Spiele legen aber nahe, dass Arsenal im Camp Nou auch in Bestbesetzung nicht allzu hoch gewonnen hätte. Was angesichts der tollen Offensive immer wieder übersehen wird: Barcelona hat in dieser Saison in 31 Spielen erst 19 Gegentore kassiert. Letzte Saison waren es bei 105 (!!!) geschossenen Toren insgesamt vergleichsweise geringe 35 Gegentore. Ein Beleg für die platte Aussage “Angriff ist die beste Verteidigung”? Eher dafür, dass kontrolliertes Spiel mit viel Ballbesitz dem Gegner wenige Tormöglichkeiten einräumt.

Um nochmal den Bogen zurück zu Werder hinzubekommen: Die Bayern zeigen momentan ganz gut, dass man mit konsquentem Positionsspiel Erfolg haben kann, auch wenn man nicht Barcelona ist. Bayerns Abwehr wirkt alles andere als gefestigt, dennoch hat man mit die wenigsten Gegentore der Liga gefangen. Vorne machen im Zweifel die Ausnahmespieler den Unterschied. Man muss nicht 90 Minute lang anrennen und dem Gegner die Konter auf dem Silbertablett servieren, um zum Torerfolg zu kommen. Mit Pizarro hat Werder einen der besten Stürmer der Liga, mit Marin und Özil zwei dribbelstarke Spieler, die auch über die Außenpositionen immer wieder für Gefahr sorgen. Mit der Kombination Bargfrede/Frings kann man gegen die meisten Gegner das zentrale Mittelfeld kontrollieren. Vielleicht kann die Mannschaft mit der zweitbesten Chancenverwertung der Liga wieder ein wenig Angriffswucht zugunsten von mehr Spielkontrolle aufgeben? Gegen Freiburg war das für mich das Erfolgsrezept. Wobei man nicht vergessen darf, dass Werder vor nicht langer Zeit noch das gegenteilige Problem hatte, wenn ich an die Jahre nach der Doublesaison denke, als man Gegner teilweise über 90 Minuten beherrschte und hinten rein drückte, ohne das entscheidene Tor zu erzielen. Irgendwas ist halt immer.

29. Spieltag: Zu grün

Borussia Dortmund – Werder Bremen 2:1

Das war’s. Werders Bundesligasaison ist seit gestern Nachmittag beendet. Natürlich stehen noch fünf Spiele auf dem Programm, unter anderem gegen Schalke und den HSV, doch ehrlich gesagt ist es mir fast schon egal, ob Werder am Ende Fünfter wird oder Siebter. Es wäre zwar schön, vor den Hamburgern zu bleiben und sie am letzten Spieltag zu besiegen, aber im Moment ist mir nicht mal das wichtig. Zu groß ist die Enttäuschung nach dem Spiel gegen Dortmund. Es ist nicht einmal so sehr das Ergebnis. In Dortmund kann man inzwischen wieder verlieren, ohne dass es eine Blamage wäre. Vielmehr ist nun Gewissheit, was ich vorher nicht wahrhaben wollte: Werder ist in dieser Saison nicht gut genug für die Champions Leauge. Punkt. Nun gut, vor ein paar Wochen war die Champions League sowieso kein Thema mehr, der Abstand lag noch vor drei Wochen bei elf Punkten. Nun liegt er weiterhin bei fünf Punkten und Leverkusens Form deutet darauf hin, dass nicht unbedingt viel mehr Punkte nötig sind, um sie noch abzufangen. Werder wird es trotzdem nicht schaffen. Schon gar nicht wird man Leverkusen UND Dortmund noch überholen. Es wäre auch nicht verdient: Die Mannschaft hat in dieser Saison nur EIN Spiel gegen eine Mannschaft aus der oberen Tabellenhälfte gewonnen (Stuttgart, im Oktober 2009).

Es hat Gründe, warum Werder gegen die schwächeren Teams regelmäßig gewinnt und gegen die stärkeren bestenfalls ein Unentschieden holt. Die Mannschaft hat nur selten über 90 Minuten gut gespielt. Die dem Werderfan wohlbekannten Leistungsschwankungen verteilen sich nicht mehr nur über die Saison, sondern tauchen in fast jedem Spiel auf. Die Partie in Dortmund war ein gutes Beispiel: 60 Minuten lang spielte Werder guten Fußball. Eine Leistung, die zu einem Sieg gegen den BVB hätte reichen können, mindestens aber zu einem Unentschieden. Die Niederlage hat man sich in den ersten 30 Minuten eingebrockt. Wie so häufig fing man sich einen Zwei-Tore-Rückstand ein, bevor man aktiv am Spiel teilnahm. Häufig genug ging das noch gut, holte man zumindest noch einen Punkt. Es kann aber nicht immer gut gehen. Schon gar nicht gegen einen starken Gegner wie Borussia Dortmund. Deshalb steht Werder völlig zurecht dort, wo man nun steht. Mehr ist nicht drin. Das ist kein Grund zur Panik, Werder ist nicht “nur noch Mittelmaß”, wie gerne geunkt wird. Werder ist eine gute Bundesligamannschaft, aber eben keine sehr gute. Nicht mehr. Noch nicht. Wie man es eben sehen will. Marin und Özil sind noch jung genug, um ihnen die Basics im Defensivverhalten beizubringen. Mit Bargfrede hat man einen guten Ersatz für Baumann gefunden. Das Potenzial ist zweifellos vorhanden und wenn sich der personelle Verlust im Sommer in Grenzen hält, dann bin ich guter Dinge, dass man in der kommenden Saison auch wieder ganz vorne angreifen kann.

Bis dahin gibt es nur noch ein wichtiges Spiel: Das Pokalfinale gegen die Bayern. Da ist etwas möglich, das ist nur ein Spiel, da können die Bayern einen schlechten Tag erwischen und wir einen guten. Einen besseren Zeitpunkt für den ersten Sieg gegen einen “Großen” kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen.