Archiv für den Monat: Mai 2010

Meine Saison (über den Tellerrand)

Die Saison ist vorbei. Zeit für Rückblicke, Bilanzen, Fazits. Gestern ging es um Werders Saison, heute gibt es einen Blick über den Tellerrand:

Das gefiel mir

Messi. Cesc Fabregas Führungsqualitäten. Xavis Pässe. Der Vergleich Maicon vs. Dani Alves. Mourinhos Jubel im Bernabeu. Der unterschätzte Torjäger Diego Forlan (62 Tore in den letzten beiden Spielzeiten). Die erneute Selbstdemontage des HSV. Fulhams Europa League Saison. Schweinsteigers Verwandlung. Dass van Gaal Recht behalten hat.

Das gefiel mir nicht

John Terry. Cristiano Ronaldos Arroganz. Ryan Shawcross’ Knochenbrecher-Foul an Aaron Ramsey. Die Schiedsrichter in der Champions League. Die Bemessung der Nachspielzeit in der Bundesliga. Sergio Busquets Schauspielerei. Bayerns Geheule über die Ribery-Sperre. Alex Fergusons Geheule über die Bayern. Mein Geheule über deren Geheule. Dass Uli Hoeneß Recht behalten hat.

Spannend

Die Taktikdiskussionen! Angefangen in England, wo mit der Seite zonalmarking.net ein Flaggschiff der Spielanalyse geschaffen wurde. Jonathan Wilsons Ausführungen im Guardian sind eine Offenbarung. In Deutschland wurde von erz die Taktiktafel ins Leben gerufen, eine systematische Auseinandersetzung mit der Taktik im Fußball. Für meinen Geschmack am Anfang ein wenig zu abstrakt, aber immer fundiert und inzwischen auch auf konkrete Beispiele bezogen. Immer wieder interessant sind auch Johan Petersens Toranalysen im Werder-Fußball-Blog. Bitte alle weiter so!

Langweilig

Löw-Bashing. Man kann Löw für viele Dinge kritisieren, kann seine Nominierungen für falsch halten, seinen Umgang mit den Spielern für überheblich und die Spiele der Nationalmannschaft für mittelmäßig. Man kann auch beleidigt sein, weil Spieler X oder Y nicht aufgestellt werden. Kurzum: Man kann das alles für einen riesigen Haufen Dreck halten, wenn man denn gerne möchte. Was mir übel aufgestoßen ist, sind die vielen persönlichen Beleidigungen, die Beschimpfungen unter jeder Gürtellinie, die ich insbesondere von vielen Werderfans in Foren und Kommentaren gelesen habe.

Und noch etwas: Jogi Löws Kader für die WM ist vieles, aber nicht “feige”. Einen Menschen anonym aufs übelste zu beschimpfen, das ist feige!

Spiel der Saison

FC Barcelona – Inter Mailand 1:0. Ein Fußballspiel, das nur am Rande etwas mit Fußball, wie wir ihn kennen, zu tun hatte. 86% Ballbesitz für Barcelona und ein Abwehrriegel, wie ich ihn noch nicht gesehen habe. Aus taktischer Sicht also gar nicht so interessant, sondern eindimensional, wie es eindimensionaler nicht geht. Beeidruckt hat mich vielmehr, wie fehlerlos Inter dieses Abwehrbollwerk über 90 Minuten aufrecht erhalten hat.  Inter hatte sich die Augangsposition dafür im Hinspiel erarbeitet. Das Rückspiel lebte von der Faszination dieser gänzlich gegensätzlichen Ausrichtungen der beiden Mannschaften. Mourinhos perfekte Organisation gegen Guardiolas fast perfektes Passspiel. Am Ende setzte sich Inter hauchdünn durch. Puristen weinten, Defensivstrategen jubilierten, solche Spiele sieht man nicht oft. Nach dem Motto: “Nicht schön, aber selten” ist es für mich das Spiel der Saison.

Spieler der Saison

Xavi Hernandez. Ich komme an ihm einfach nicht vorbei. Nach Barcelonas Aus gegen Inter musste er sich einige Kritik gefallen lassen, weil sein Spiel zu statisch sei, er mit dem Ball am Fuß keine Lücken reißen könne. Man könnte genau so gut Lionel Messi dafür kritisieren, dass er so selten gegnerische Ecken mit dem Kopf klärt oder Gianluigi Buffon für seine schwache Torausbeute. Xavi ist ein Strippenzieher, ein genialer Stratege und der vielleicht beste Passgeber aller Zeiten. Er verliert so gut wie nie den Ball, sieht immer zwei bis drei Schritte voraus und setzt seine Mitspieler brillant in Szene. Er spielt nicht nur die meisten, sondern auch die besten Pässe weit und breit.

Spieler der Hinrunde

Robin van Persie. Wie sein Landsmann Arjen Robben gilt van Persie als verletzungsanfällig. Anders als Robben konnte er in dieser Saison nicht den Gegenbeweis erbringen. Ein halbes Jahr fiel er aus, nachdem er sich in einem Länderspiel verletzt hatte. Bis zu seiner Verletzung zeigte er jedoch, welches Potential in ihm steckt. Seit Adebayors Wechsel zu Manchester City letzten Sommer spielt van Persie im Sturmzentrum des FC Arsenal und hat seine Trefferquote seitdem deutlich gesteigert. Im Herbst schien er auf einem guten Weg, einer der Topstürmer Europas zu werden. Dann kam die Verletzung und warf ihn aus der Bahn. Bei seinem Comeback im April deutete er sofort wieder an, wozu er fähig ist. Bringt alles mit, was ein Stürmer braucht. Wenn er sich nicht wieder verletzt (leider ein ziemlich großes WENN) wird 2010/11 zu seinem Jahr.

Spieler der Rückrunde

Lionel Messi. Über ihn braucht man nicht mehr viel sagen. 34 Tore in La Liga, 47 in allen Wettbewerben zusammen. Die Vergleiche mit Maradona sind absolut angebracht. Er ist seinen Zeitgenossen vielleicht nicht ganz so weit voraus, doch er hat im Gegensatz zum alten Diego nicht mehr die Zeit, seine Aktionen in Ruhe zu planen, bevor der erste Gegenspieler ihn angreift. Messis Geschichte klingt wie ein Märchen: Der kleinwüchsige Junge aus Argentinien zieht mit seiner Familie nach Barcelona, wo sie nichts haben, als die Hoffnung auf eine Profikarriere. Der Junge setzt sich trotz aller körperlichen Nachteile durch, verzaubert die Welt mit seinem Spiel und entscheidet ein Champions League Finale mit einem Kopfballtor. Dieses Jahr hat er gezeigt, dass das Märchen noch nicht vorbei ist.

Newcomer der Saison

Schwierig. Thomas Müller wäre ein Kandidat. Pedro wäre ein Kandidat. Insgesamt war es aber eher eine Saison der Etablierten (Rooney, Ronaldo, Messi, Fabregas) und der – aus welchen Gründen auch immer – fast schon abgeschriebenen (Snejder, Robben, Lucio und Schweinsteiger).

Saisonfazit

Es war eine überraschende und gute Saison. Die englische Dominanz in der Champions League konnte durchbrochen werden. Außenseiter schaffen auf dem europäischen Parkett den Durchmarsch. Es ist eine Saison der Trainer. Van Gaals Positionsspiel ist so erfolgreich und erfrischend, dass es von vielen als Innovation gepriesen wird. Dabei vergessen viele Bayernfans, dass sie ihn im Spätherbst am liebsten noch aus der Stadt gejagt hätten. Die Rieseninvestitionen von Real Madrid und Manchester City zahlten sich (noch) nicht aus. In Europas großen Ligen setzen sich die Favoriten durch. Barcelona holt 99 Punkte in La Liga. Real Madrid erzielt 102 Tore, der FC Chelsea 103. Arsenal scheitert einmal mehr an seinen Verletzungen und am eigenen Phlegma. Der neue Modus der Europa League ist etwas besser als der alte. Ballack wird endlich mit Chelsea Meister, fällt aber dafür bei der Weltmeisterschaft aus. Brasilien und Spanien gelten als beste Nationalmannschaft der Welt auf und doch muss das nichts über den Ausgang der WM aussagen.

Ausblick

Es wird auch in der kommenden Saison wieder Fußball gespielt. Soweit die wichtigste Nachricht. Es gibt keine Stagnation, der Fußball entwickelt sich weiter. Er wird noch schneller, die Spieler körperlich noch mehr gefordert. Es werden wieder Mannschaften kommen, die sich für einen Moment über die anderen heben und mit sich das Spiel auf eine neue Ebene hiefen. Die neue Saison ist offen wie nie. Werden die Engländer zurückschlagen? Kommt Real Madrid international wieder auf Touren? Haben sich die Italiener wirklich schon erholt? Können die Bayern das Niveau halten, es sogar noch ausbauen? Wird es wieder deutsche Nationalspieler geben, die auch für ihren Verein Tore schießen?

Doch zunächst wird die WM die Hackordnung unter den Ländern dieser Welt wieder ins Wanken bringen. Wie schlagen sich die Favoriten? Wird Argentinien wegen oder trotz Maradona Weltmeister? Wie stehen die Sterne für Domenech? Ist Holland so gut, wie seine Einzelspieler? Muss man vor Italien noch Angst haben? Überstehen die Gastgeber die Vorrunde? Und was kann man von Deutschland erwarten? Mit diesem jungen, ersatzgeschwächten Team kann es eigentlich nur heißen: Hop oder Top.

Ich kann diese Fragen nicht beantworten, aber ich freue mich jetzt schon auf die WM und auf die neue Saison.

Meine Saison (in a nutshell)

Die Saison ist vorbei. Zeit für Rückblicke, Bilanzen, Fazits. Hier ist meine Einschätzung der Saison in Kurzform:

Das gefiel mir

Die Auswärtsstärke. Die Heimspiele in der Europa League. Das Aufreten im DFB Pokal gegen die Zweitligamannschaften. Claudio Pizarro, der vielleicht beste Stürmer der Werdergeschichte. Mesut Özils Ballbehandlung. Marko Marins Finten. Torsten Frings späte Topform. Die vielen Last-Minute-Tore. Der André Wiedener Tanz. Thomas Schaafs Taktik gegen Schalke im Mai.

Das gefiel mir nicht

Die Heimschwäche in der Bundesliga. Die Unkonzentriertheiten in den ersten Halbzeiten. Der Stadionumbau. Die Pfiffe gegen einzelne Spieler. Die BILD-Kampagne gegen Schaaf und Allofs. Daniel Jensens Verletzungspech. Markus Rosenbergs Einstellung. Tim Wieses Frisur (ich hätte nicht gedacht, dass es noch schlimmer kommen könnte). Marins Schwalben. Fans von Treter-Mannschaften, die sich (nur) über Marins Schwalben aufregen. Felix Magaths Taktik gegen uns im Dezember.

Spannend

Die taktische Variabilität. Vorbei sind die Jahre, in denen Werder immer 4-4-2 mit Raute spielt. Mit Mesut Özil hat man einen Spieler mit Spielmacherqualitäten, der aber keine klassische Nummer 10 ist. Werder hat in dieser Saison vieles ausprobiert und sich zum Saisonende erstmals seit langer Zeit dem Spiel der Gegner angepasst. Die realistische Selbsteinschätzung hat in der Liga Platz 3 gerettet, im Pokal leider nicht geholfen. Dennoch, so variabel habe ich Werder unter Schaaf noch nie gesehen: Ob flaches 4-4-2, 4-2-3-1, 4-4-1-1 oder auch die klassische Werderraute im Mittelfeld – Werder hat inzwischen alles im Repertoire. Das ist natürlich kein Selbstzweck, mit so vielen außergewöhnlichen Offensivspielern ist die Raute allein nicht mehr ausreichend. Darauf hat man angemessen reagiert.

Langweilig

Borowski-Bashing. Tim Borowski spielte eine mittelmäßige Hinrunde. Nach seinem überaus schwachen Rückrundenstart verlor er zu Recht seinen Stammplatz im Mittelfeld, zeigte sich aber seit März in aufsteigender Form. Gegen Schalke mit einem starken Comeback als Defensivarbeiter in der Startformation. Daher zu Recht zuletzt wieder von Beginn an. Insgesamt eine etwas enttäuschende Saison. Man darf auch zweifeln, ob er noch mal so stark wird, wie zu seinen besten Zeiten. Dieses stumpfe und undifferenzierte Draufhauen, das sich viele Werderfans angeeignet haben, geht mir aber einfach nur noch auf die Nerven.

Spiel der Saison

Werder Bremen – FC Valencia 4:4. Ein unglaubliches Spiel, sowohl was den Spielverlauf als auch was die Tore angeht. Es war ein Abend, an dem alles möglich schien und vieles möglich war. Am Ende schied Werder aus, aber kaum jemand im Stadion dürfte enttäuscht von der Mannschaft gewesen sein. Die Fehlersuche bei dem Spiel ist einfach und ergiebig, aber dies war kein Abend für Taktikfüchse, sondern für Fußballromantiker. Ein Wunder von der Weser ohne Happy End. Für mich das Spiel der Saison.

Spieler der Saison

Claudio Pizarro. Das schlampige Genie ist erwachsen geworden. Über sein außergewöhnliches Talent wissen wir schon seit Jahren bescheid. Nach seiner Rückkehr wurde er langsam auch zum Führungsspieler. In dieser Saison ging er als gutes Vorbild voran, stellte sich in den Dienst der Mannschaft, arbeitete unglaublich viel mit nach hinten und büßte trotzdem nicht seine Torgefährlichkeit ein. Kann am Ball einfach alles, auch wenn er nicht der schnellste ist. Manchmal noch zu unkonzentriert bei einfachen Torabschlüssen, aber dafür trickreich wie ein Hütchenspieler. Am Ende stehen 28 Saisontore in 40 Spielen. Die Belohnung für eine tolle Saison.

Spieler der Hinrunde

Mesut Özil. Spielte von August bis November groß auf. Etablierte sich in kürzester Zeit als zentraler offensiver Mittelfeldspieler und sorgte dafür, dass Werder nach Diegos Weggang nicht in ein kreatives Loch fiel. Im Winter fiel er dann aber in ein Loch und brauchte einige Zeit, bis er wieder an seine Hinrundenform anknüpfen konnte. Wirkt bei aller Klasse noch immer etwas fragil. Ein weiteres Jahr bei Werder täte ihm und dem Verein gut.

Spieler der Rückrunde

Petri Pasanen. Hatte keiner auf dem Zettel. In der Hinrunde zumeist nur als Backup für Sebastian Boenisch auf der Bank. Nach dessen Verletzung kam Abdennour und Pasanen musste weiter warten. Als der Tunesier nicht überzeugen konnte, kam die große Stunde des Routiniers. Spielte einen grundsoliden, abgeklärten Part links in der Viererkette. Hat weder Boenischs Dynamik noch dessen Offensivdrang, doch machte nach hinten sehr wenige Fehler. Der Aufschwung der letzten Monate hatte auch mit seinen starken Leistungen zu tun. Schmerzlich vermisst im Pokalfinale.

Newcomer der Saison

Ohne jeden Zweifel Philipp Bargfrede. Kam aus der zweiten Mannschaft, überzeugte in der Vorbereitung und ist seit Saisonbeginn ein wichtiger Bestandteil unseres Mittelfelds. Ist in allen Bereichen mindestens solide und ist dazu für sein Alter erstaunlich abgeklärt. Wenn er sich in der neuen Saison weiter steigern kann, wird man Baumann noch weniger vermissen und dazu im Schatten von Frings den neuen Chef im Mittelfeld aufbauen können.

Saisonfazit

Es war eine gute Saison. Phasenweise spielte Werder so souverän, wie ich es seit der Doublesaison nicht mehr gesehen hatte. Dann der große Einbruch im Winter. Alle Ziele schienen aus den Augen zu geraten. Am Ende stehen in der Bundesliga Platz 3 und die Champions League Qualifikation. Saisonziel erreicht – wie fast immer mit vielen Höhen und einigen Tiefen. Im DFB Pokal stand man im Finale, dank der einfachen Auslosung diesmal fast eine Pflichtaufgabe. Das Finale gegen die Bayern war ernüchternd. International spielte man eine souveräne Vorrunde und schied dann mit zu vielen Fehlern, viel Kampf und ein wenig Pech gegen Valencia aus. Insgesamt bin ich trotzdem sehr zufrieden.

Ausblick

So kurz nach Ende einer Saison immer schwierig. Die Voraussetzungen für eine weitere erfolgreiche Saison sind gegeben. Es könnte zum ersten Mal in der jüngere Geschichte ein Sommer ohne einschneidende Veränderungen am Kader werden. Wir haben viele Spieler, die eine gute Entwicklung genommen haben und über weiteres Steigerungspotential verfügen: Özil, Marin, Hunt, Bargfrede, Boenisch. Erfahrenen Leistungsträgern, wie Wiese, Mertesacker, Frings und Pizarro ist allesamt noch eine weitere gute Saison zuzutrauen. Bei erfolgreicher Champions League Qualifikation sollte an den Problemzonen nachgebessert werden: Die Personaldecke bei den Außenverteidigern ist dünn und im Sturm fehlt ein zweiter Topspieler. Ich weiß nicht, ob Almeida das noch werden kann, auch wenn ich es hoffe. Ansonsten reicht es aus, eventuelle Abgänge auszugleichen.

Dann gibt es natürlich auch noch die Konkurrenz, die ebenfalls nachbessern wird. Wie gut wird Schalke im zweiten Jahr unter Magath? Ist Bayern schon am Zenit? Wie oft kann der HSV mit diesem Kader noch am eigenen Unvermögen scheitern? Spielt Stuttgart ausnahmsweise zwei Saisonhälften konstant? Kann Klopp Dortmund zu einem Meisterschaftskandidaten formen? Wird Vizekusen seinem Namen mal wieder gerecht (nur ein Vize-Titel in den letzten 7 Jahren? Come on!)? Und was machen die Neureichen aus Wolfsburg und Hoffenheim? Es wird nicht leicht, bei diesen Mitkonkurrenten wieder einen Platz in den Top 3 zu erreichen.

Vor der abgelaufenen Saison wurde die große Zukunftsfrage gestellt: Rutscht Werder ins Mittelmaß ab oder kann man sich wieder in der Bundesligaspitze etablieren. Das Team hat die Antwort gegeben, wenn auch erst spät. Jetzt hat es sich einen positiven Ausblick auf die kommende Saison verdient. Wir werden nie ein Triple gewinnen, doch wir sind Werder Bremen und uns müsst ihr nächste Saison erstmal schlagen!

Pokalfinale: Nadelstiche und das offene Messer

Werder Bremen – Bayern München 0:4

Es war vor dem Spiel klar, dass die Bayern momentan in ihrer eigenen Liga spielen. Doch es war Pokal und man durfte zumindest darauf hoffen, dass Werder einen richtig guten Tag erwischt und bei den Münchnern zwischen Meisterschaft und Champions League so ein bisschen die Luft raus ist. Beides war nicht der Fall.

Während Louis van Gaal seine Stammformation aufs Feld schickte, passte Thomas Schaaf zum zweiten Mal in den letzen Wochen sein Team dem Gegner an. Es kommt selten vor, dass Werder dem Gegner das Spiel einfach so überlässt, doch es müssen die Lehren aus der Niederlage im Januar und dem Spiel gegen Schalke gewesen sein, die ihn zu diesem Schritt bewegten. Für den Fan, dessen Team seit 2004 in 95 % der Fälle das Spiel gemacht hat, eine gewöhnungsbedürftige Angelegenheit. Und so dürften sich viele so wie ich verwundert die Augen gerieben haben, als sie Werders Aufstellung sahen: Ein flaches 4-4-2 mit einer defensiv ausgerichteten Viererkette im Mittelfeld, Boenisch für den verletzten Pasanen als Linksverteidiger, Hunt als rechten Mittelfeldspieler und davor Pizarro und Özil als Angreifer. Eine ängstliche Aufstellung, die nur so lange gut gehen konnte, wie die Bayern nicht in Führung gingen.

Die ersten Minuten des Spiels waren erschreckend. Werder zog sich weit zurück, versuchte nicht in die Nähe des Balles zu kommen und ließ die Bayern mal machen. Nachdem der Ball einige Male durch die bayerische Abwehrreihe zirkuliert war und man sich an die defensive Ausrichtung gewöhnt hatte, kam zum ersten Mal die Frage auf: Hat das etwa System? Den starken Flügeln der Bayern wurden zwei Dreierblöcke entgegengesetzt. Fritz, Hunt und Bargfrede auf der rechten sowie Boenisch, Borowski und Frings auf der linken Seite. Ab der Grenze zum Angriffsdrittel der Bayern spielte Werder dann Pressing. Robben wurde von Boenisch über weite Strecken in Manndeckung genommen und bis an die Mittellinie verfolgt. So konnte man dem Angriffsspiel der Bayern zwar nicht ganz den Zahn ziehen, aber es fürs erste unter Kontrolle halten. Die eigene Offensive beschränkte sich auf Nadelstiche. Den ersten setzte Claudio Pizarro schon nach 8 Minuten und es war der Beste, den Werder an diesem Abend ausführte. Eine klasse Einzelaktion von Pizza, der geschickt verzögert und dann frei vor Butt nicht den besten Schuss erwischt.

In den ersten 20 Minuten ging Werders Taktik auf, dann kamen die ersten Wackler und die Bayern kamen immer wieder gefährlich vors Tor. Die Geduld der Bayern ist beängstigend. Das Spiel wird von einer Seite auf die andere verschoben, im festen Vertrauen darauf, dass sich die benötigte Lücke früher oder später bietet. Werders Spieler müssen sich vorgekommen sein wie auf einer Schiffschaukel, immer hin und her. Wurde dann plötzlich das Tempo verändert, der Ball schnell auf die andere Seite verlagert, wurde es gefährlich. Arjen Robben drehte langsam den Motor auf und es schien nur eine Frage der Zeit, bis das Führungstor fallen würde. Es fiel dann auf äußerst unglückliche Weise für Werder. Mertesacker bekam den Ball aus kurzer Distanz an den Arm – Elfmeter. Jeder Feldspieler, der aus dieser Distanz den Ball absichtlich mit der Hand spielt, gehört eigentlich ins Tor. Dennoch eine vertretbare Entscheidung. Der Schiedsrichter hat nur Indizien für die Absicht des Spielers und die unnatürliche Armhaltung verbunden mit der Ruderbewegung gegen den Ball dürfte den Ausschlag gegeben haben. Wiese war wie immer in der richtigen Ecke, doch Robbens Elfmeter war zu hart und präzise.

Werder musste sich nun etwas einfallen lassen und reagierte zunächst mit einer Veränderung im Mittelfeld: Hunt und Borowski tauschten die Seiten. Sonst änderte sich wenig und so ging es in den verbleibenden Minuten bis zur Pause nur um Schadensbegrenzung. Die große Verwandlung sollte in der Pause erfolgen. Hugo Almeida kam für Hunt in die Partie und Werder stellte auf Raute um. Es kam eine offensive Werdermannschaft aus der Kabine, die Bayern sofort in die eigene Hälfte drängte und durch Almeida die große Chance zum Ausgleich hatte. Hinten spielte man nun ein riskantes 1-gegen-1, das sich schnell rächen sollte. Robben dribbelte Boenisch dermaßen Knoten in die Beine, dass dieser Schwierigkeiten gehabt haben dürfte, alleine zurück in die Kabine zu kommen. Es war dann aber ein dummes Zufallstor, das Bayern endgültig auf die Siegerstraße brachte. Eine Ecke konnte Mertesacker per Kopf nur an den Rücken von van Buyten abwehren. Von dort fiel der Ball vor Olics Füße, der aus kurzer Distanz abstaubte. Nun brauchte es schon ein kleines Offensivfeuerwerk, um zurück ins Spiel zu kommen. Werder hat es in dieser Saison oft genug geschafft, nach Rückständen (auch nach 0:2) die Partie noch einmal spannend zu machen oder sogar zu drehen. Schaaf brachte Marin für Bargfrede – beim Poker hätte man gesagt “all in”.

Leider hatte van Gaal das deutlich bessere Blatt. Werder tat sich nun schwer, vor das Tor des Gegners zu kommen. Özil hatte schon früh den Glauben verloren und Frings und Borowski hatten Probleme mit dem Spielaufbau. Und so rannte Werder in  den zweiten 45 Minuten voll ins offene Messer. Ein sauberer Konter über Ribery genügte, um das Spiel zu entscheiden. Das Tor von Schweinsteiger kurz vor Schluss tat schon nicht mehr weh. Sehr gerne verzichtet hätte ich dafür auf das hässliche Foul von Frings. Gelb-Rot war eigentlich ein Witz, vielleicht eine politische Entscheidung des Schiedsrichters, der dem schon entschiedenen Spiel den Zündstoff nehmen wollte. Überhaupt eine richtig gute Leistung von Kinhöfer.

Am Ende war das Ergebnis auch in der Höhe verdient, wenngleich das Spiel bis zum 0:3 nicht so einseitig war, wie es der Kommentator glauben machen wollte. Von Marcel Reif ist zwar bekannt, dass er sich früh auf die Seite der vermeintlich siegreichen Mannschaft schlägt und dann sogar deren Fehlpässe weltklasse findet, aber was er da gestern an orgiastischem Gestöhne fabrizierte, lässt selbst Fritz von Turn und Taxis vor Neid erblassen. Eigentlich kann man sich Kommentatorenschelte auch schenken, doch wenn ein Marcel Reif die Schlussphase des Spiels zu einem “Charaktertest für Werder” hochstilisiert, für eine Mannschaft, die in der abgelaufenen Bundesligasaison 6 (SECHS!) Mal von einem 2-Tore-Rückstand zurück kam und noch mindestens einen Punkt holte, dann bleibt mir wirklich die Spucke weg!

Das ändert aber alles nichts am völlig verdienten Pokalsieg der Bayern und einer insgesamt tollen Saison des SV Werder. Der krönende Abschluss blieb versagt, doch der eigentliche Schlusspunkt kommt erst noch. Mit einem Sieg in der Champions League Qualifikation kann sich die Mannschaft im August selbst belohnen und sich zum ersten Mal in der Geschichte des Vereins in Lostopf 1 bei der Auslung schießen.

Finalfieber: Die Schlüsselduelle

Nachdem der Fokus gestern auf den möglichen taktischen Formationen lag, schauen wir uns heute die direkten Duelle der Partie an. Es gibt für mich drei Schlüsselduelle, die im wesentlichen den Ausgang dieses Spiels beeinflussen werden:

Petri Pasanen vs. Arjen Robben

Die rechte Seite mit Lahm und Robben ist das Prunkstück der Bayern. Robben ist seit seiner Ankunft zu Saisonbeginn der Star bei den Bayern. Nach ein paar gesundheitlichen Problemen ist er der Mann für die entscheidenden Spielsituationen und hat mit einem grandiosen Solo für den Finaleinzug gegen Schalke gesorgt. Mit 16 Saisontoren war er als nominell rechter Mittelfeldspieler genau so erfolgreich, wie Werders Claudio Pizarro. Robbens Torgefahr geht von seinem starken linken Fuß aus. Er zieht von der Außenbahn nach innen, verwendet dabei fast immer den gleichen Trick, der erstaunlicherweise jedes Mal wieder funktioniert. Beim Torabschluss hat er aus dieser Position alle Möglichkeiten und die nötige Schusstechnik, diese auch auszuschöpfen.

Petri Pasanen ist ein erfahrener, routinierter und abgeklärter Spieler. Er hat es in seinen fünf Jahren bei Werder nicht längerfristig zum Stammspieler geschafft, kommt aufgrund seiner vielseitigen Einsetzbarkeit und Verlässlichkeit jedoch regelmäßig zu seinen Einsätzen. In der Rückrunde kam er nach Boenischs Verletzung und Abdennours Wacklern in die Startformation und spielt seit dem einen soliden Part auf der linken Seite der Viererkette. Pasanen ist kein gelernter linker Verteidiger, ist im Spiel nach vorne limitiert und hat als Rechtsfuß auch wenige Optionen beim flanken. Er ist nicht der schnellste, geht auch deshalb wenige Risiken nach vorne ein und verfügt über ein starkes Stellungsspiel.

Auf dem Papier ist Arjen Robben durch seine Technik und Schnelligkeit in diesem Duell klar überlegen. Pasanen hat jedoch einen wichtigen Vorteil: Als Rechtsfuß fällt es ihm leichter, Robben an seinen Sololäufen in die Mitte zu hindern. Er lässt sich nicht auf Spielereien ein und beschränkt sich auf das Wesentliche. Sicherlich wird Pasanen die von Robben ausgehende Gefahr nicht komplett neutralisieren können, doch wenn er einen guten Tag hat, kann er sie vielleicht so weit eindämmen, dass Robben wesentlich weniger Chancen bekommt, als im letzten Aufeinandertreffen der Mannschaften, wo Robben dem überforderten Abdennour Knoten in die Beine dribbelte.

Torsten Frings vs. Thomas Müller

Thomas Müller ist der Shooting-Star der Saison beim Rekordmeister. Er zeigt für einen so jungen Spieler eine ungewöhnliche Abgeklärtheit und nutzt den Platz zwischen Viererkette und Mittelfeld des Gegners clever aus. Er ist weder ein richtiger Stürmer, noch ein Mittelfeldspieler und so für seine Gegenspieler schwer auszurechnen. Im Gegensatz zu Werders jungen Offensivspielern bewegt sich Müller auch bei Ballbesitz des Gegners sehr gut, stellt Passwege zu und setzt die defensiven Mittelfeldspieler unter Druck. Dazu ist er ein guter Vollstrecker, der vor dem Tor die Übersicht behält. Diese außergewöhnliche Kombination hat ihn nicht nur bei den Bayern trotz starker Konkurrenz zum unumstrittenen Stammspieler gemacht, sondern auch zu einem Platz im WM-Kader von Joachim Löw verholfen.

Torsten Frings wurde von vielen schon zum alten Eisen gezählt. Nach einer insgesamt schwachen Vorsaison bekam der Bremer Kapitän seine neue Rolle als Baumann-Nachfolger immer besser in den Griff. Im Winter sortierte ihn Löw endgültig aus dem Kreis der Nationalmannschaft aus und Frings reagierte endlich mit der lange erhofften Leistungssteigerung. In der Schlussphase der Saison erreichte Frings seine Topform und zählt so wieder zu den besten defensiven Mittelfeldspielern der Liga. Mit dem starken Newcomer Bargfrede an seiner Seite prägt er den Spielaufbau seiner Mannschaft und hat auch zum sicheren und überlegten Passspiel zurückgefunden. Daneben machen ihn seine Zweikampfstärke und sein nie enden wollender Kampfgeist für das Team äußerst wertvoll.

In der Grundformation treffen Frings und Müller nicht unmittelbar aufeinander. Zwar wird Frings sicher den einen oder anderen Zweikampf mit Müller suchen, wenn dieser sich zurückfallen lässt, doch in erster Linie werden sie es wohl bei Ballbesitz des Bremer Kapitäns miteinander zu tun bekommen. Frings größte Schwäche ist das schnelle Kombinationsspiel. Er nimmt die Bälle, die von den Innenverteidigern zu ihm geleitet werden, in der Regel erst an, schaut sich um und leitet sie erst dann weiter. Wird er sofort unter Druck gesetzt, geht er schon mal ins Dribbling oder versucht, einen Freistoß herauszuholen. Darunter leidet dann Werders Aufbauspiel. Thomas Müller hat genau hier seine Stärke. Frings ist daher auf seinen Nebenmann Phillipp Bargfrede angewiesen, der ihn entlasten und so die Gefahr durch Müllers frühes Stören abmildern kann.

Mesut Özil vs. Mark Van Bommel

Mark Van Bommel gilt bei den gegnerischen Fans vor allem als unfairer Spieler, der gerne mal über die Strenge schlägt. Es lässt sich schwer abstreiten, dass seine Spielweise hart ist und die Grenzen des Fair Plays mitunter überschreitet. Dazu ist er auch sehr geschickt darin, gegnerischen Spielern zu Karten zu “verhelfen”. Es wäre jedoch sehr kurz gedacht, ihn auf diese Eigenschaften zu beschränken. Ähnlich wie Frings bei Werder ist Van Bommel ein unermüdlicher Antreiber, der nie aufgibt und seiner Mannschaft als gutes Vorbild voran geht. Mit Schweinsteiger hat er nun wieder einen spielstarken Nebenmann, der seine Mankos in der Offensive überdeckt. In Van Gaals System muss er das Spiel nicht gestalten, sondern die Bälle in erster Linie auf die Außenpositionen verteilen. In der Defensive kommen seine Stärken dagegen voll zum Vorschein. Als Ausputzer vor der Viererkette spielt er seine vielleicht beste Saison bei den Bayern und macht seinen Gegenspielern das Leben schwer.

Mesut Özil trat in der Hinrunde endgültig aus Diegos Schatten. Gemeinsam mit Marin und Hunt machte er den brasilianischen Spielmacher vergessen. Seine brillante Technik und die Fähigkeit, den entscheidenden Pass in die Spitze zu spielen, machten ihn auch zum Hoffnungsträger der Nationalmannschaft. Dazu zeigte er sich auch im Torabschluss verbessert und traf regelmäßig selbst. Im Winter folgte dann jedoch ein Leistungseinbruch, der wahlweise auf sein Privatleben, die andauernden Vertragsverhandlungen oder seine körperliche Fitness geschoben wurde. Thomas Schaaf hielt jedoch an seinem Spiegestalter fest, gönnte ihm einige frühe Auswechslungen und hat so großen Anteil daran, dass Özil nun schon seit einigen Monaten aufsteigende Form zeigt. Zum Saisonende wirkt er wieder so dominant, wie über weite Strecken der Hinrunde und könnte im Pokalfinale wieder zum entscheidenden Mann werden.

Özil lässt sich noch zu leicht die Spielfreude nehmen, wenn seine Gegenspieler ihm wenig Freiräume lassen und er kaum Ballbesitz hat. Gegen Schalke zeigte er jedoch, dass er dazugelernt hat und auch auf seine Chance warten kann, ohne das nötige Selbstvertrauen zu verlieren. Die hängenden Schultern, die seine Resignation signalisieren, sind seltener geworden. Gegen die Bayern könnte er den nächsten Schritt in diese Richtung machen. Der Defensivverbund aus Van Bommel und Schweinsteiger ist der beste der Liga und wird ihm alles abverlangen. Besonders der Niederländer wird ihn mit allen legalen und halblegalen Mitteln bearbeiten, um ihm die Lust am Fußballspielen zu nehmen. Kann Özil diesem Druck standhalten?

Selbstverständlich gibt es daneben noch weitere Duelle, die das Spiel entscheiden könnten, vor allem, wenn die oben genannten keine klaren Sieger aufweisen. Olic bereitet Mertesacker schon seit Jahren Kopfschmerzen, Pizarro und Almeida sind im Verbund nur schwer zu stoppen und dann gibt es ja auch noch Ribery, der in seinem einzigen Finale sicher groß aufspielen will. Und nicht zuletzt hätten wir dann noch das Torhüterduell: Auf der einen Seite Jogi Löws neue Nummer 3 – und auf der anderen Seite Jörg Butt…

Mit welcher Taktik gegen die Bayern?

Louis Van Gaals Positionsspiel ist in der Rückrunde dieser Saison mit viel Lob bedacht worden. Thomas Schaaf erwies sich beim 2:0 Auswärtssieg auf Schalke als begabter Taktiker. Mit den Van Gaals Bayern wird ihm nun die auch aus taktischer Sicht größte Hürde dieser Saison vorgesetzt. Im Januar holte man sich bereits eine derbe Abreibung und der Gegner ist seit dem noch besser geworden. Werder zum Glück auch. Was kann man tun, damit es am Samstag besser aussieht? Ist der Meister überhaupt schlagbar? Ich wage mal eine Vorausschau auf Thomas Schaafs Optionen. Zunächst aber ein Blick auf den Gegner.

Die Formation der Bayern (4-4-1-1 / 4-2-4):

Bayern spielt unter Van Gaal meistens in einer 4-4-1-1 Grundformation. Den beiden defensiven Mittelfeldspielern kommt dabei die größte Bedeutung zu: Van Bommel und Schweinsteiger sollen einerseits ihre nicht immer sichere Hintermannschaft vor zu viel Druck des Gegners bewahren und andererseits bei Ballbesitz in der Mitte immer anspielbar sein, um die Bälle auf die Flügel zu verteilen. Auf den Außenpositionen ist für Van Gaal neben den Fähigkeiten der Spieler auch deren starker Fuß relevant für die Aufstellung: Im Mittelfeld spielen die Außen auf ihrer „falschen“ Seite (Ribery ist beidfüßig), damit sie nach innen ziehen und den Torabschluss suchen können. Die Außenverteidiger stehen dagegen auf ihrer „richtigen“ Seite (deshalb hat Rechtsfuß Lahm die Seite gewechselt), damit sie von ihrer Seite aus Flanken schlagen und bei Bedarf den Mittelfeldspieler hinterlaufen und zur Grundlinie durchgehen können. Letzteres passiert jedoch selten, bzw. nur dann, wenn der Gegner deutlich schwächer ist und man sich wenig Sorgen um die Defensive machen muss.

Die Angriffe werden größtenteils über die Außen eingeleitet, durch die Mitte entwickelt Bayern wenig Torgefahr. Das Zentrum dient als Verteilerzentrale. Dort werden die Bälle hingespielt, wenn es auf einer Seite zu eng wird, um dann wieder Robben und Ribery ins Spiel zu bringen. Die Beiden agieren dabei fast wie klassische Außenstürmer, arbeiten nur wenig nach hinten und können sich ganz auf ihre Angriffe konzentrieren. Sie stehen im Vergleich zu Außenstürmern in einem 4-3-3 jedoch etwas tiefer, bekommen den Ball am liebsten an der Mittellinie, um dann mit Tempo auf die Außenverteidiger zugehen zu können. Neben den starken zentralen Mittelfeldspielern ist Thomas Müller der Garant dafür, dass diese Taktik nicht nach hinten losgeht. Er spielt eine Art hängende Spitze und geht bei Ballverlusten aggressiv auf die defensiven Mittelfeldspieler drauf, um deren Aufbauspiel zu unterbinden. Olic geht in der Spitze weite und manchmal ungewöhnliche Wege, wird für sein Spekulieren aber auch häufig belohnt (etwa im Hinspiel gegen Manchester). Bei Ballbesitz wird aus dem 4-4-1-1 quasi ein 4-2-4, das den Gegner schnell überrollen kann, wenn er nicht aufpasst.

Die Schwächen der Bayern sehe ich zum einen in der insgesamt wenig meisterlichen Abwehr. Diese Schwäche tritt nur selten zum Vorschein, weil Schweinsteiger und Van Bommel eine überragende Saison spielen. Durch die Mitte ist es daher schwierig, den Bayern beizukommen. Schafft es ein Gegner jedoch, den Platz hinter Robben und Ribery auszunutzen und von dort ausgehend Druck auf die Viererkette auszuüben, sind die Bayern zu knacken. Demichelis ist immer mal wieder für einen Fehler gut und Van Buyten etwas hüftsteif. Dazu kommt eine suboptimale Besetzung der linken Abwehrseite. Badstuber spielt dort sehr solide, es ist aber nicht seine Idealposition. Contento und Alaba sind beide talentiert, doch noch etwas grün hinter den Ohren.

Zum anderen ist man in der Offensive noch sehr auf Geniestreiche einzelner Spieler angewiesen. Gegen tief stehende Gegner fehlt es häufig noch an den Mitteln, diese durch Kombinationsspiel zu knacken. Allerdings zeigen sich die Bayern in dieser Hinsicht in der Rückrunde verbessert und können sich – zu unserem Leidwesen – darauf verlassen, dass ihre Starspieler regelmäßig durch geniale Einzelaktionen Spiele entscheiden.

Nun werfen wir einen Blick auf die drei taktischen Formationen, die Schaaf in dieser Saison hat spielen lassen:

Die Standardvariante (4-2-3-1):

Werder - Bayern (4-2-3-1)

Werder - Bayern (4-2-3-1)

So hat Werder den Großteil dieser Saison gespielt. Vor der Viererkette bilden Frings und Bargfrede das defensive Mittelfeld. Marin, Özil und Hunt kümmern sich in erster Linie um das Herausspielen von Chancen, tauschen immer wieder die Positionen und versuchen sich an direkte Kombinationen. Nach hinten arbeiten die drei wenig, stehen zudem durch ihr Durchrotieren bei Ballverlusten häufig unsortiert. An guten Tagen kann Werder so jeden Gegner vor Probleme stellen, an schlechten gelingt ihnen wenig und die defensive Fragilität schlägt voll durch.

Gegen die Bayern müssen Frings und Bargfrede in dieser Formation schnell und zielgerichtet verschieben, um den Außenverteidigern gegen Ribery und Robben zu helfen. Hunt und Marin haben (im Wechsel mit Özil) die Aufgabe, über die Flügel anzugreifen und die Außenverteidiger unter Druck zu setzen.

Vorteile:

  • Offensivpower: Insgesamt vier Spieler, die Chancen herausspielen und auch selbst vollstrecken können.
  • Spielerische Stärke: Haben Marin, Özil und Hunt einen guten Tag, wird es auch für die Bayern schwer, sie zu stoppen.

Nachteile:

  • Hohes Risiko: Drei Spieler vernachlässigen die Defensivarbeit und halten zudem nicht ihre Position.
  • Unterzahlspiel: Özil bindet einen defensiven Mittelfeldspieler, der andere kann sich in die Offensive einschalten. Frings und Bargfrede müssen zwischen drei Gegenspielern verschieben, was zwangsläufig zu Lücken führt.
  • Isolation: Marin, Hunt und Özil neigen dazu, sich in Einzelaktionen zu verstricken, wenn ihnen die Räume für ihr Kombinationsspiel fehlen.

Fazit: So hat Werder im Januar von den Bayern eine Lektion erteilt bekommen. Ohne Bargfrede und Pizarro sowie mit dem überforderten Neuling Abdennour rannte man ins offene Messer. Die Bayern konterten nach Belieben. Das 2:3 war aus Werdersicht äußerst glücklich. Das Risiko bestünde auch im Pokalfinale, trotz besserer Besetzung. Schaaf gilt nun wirklich nicht als risikoscheu, aber ich glaube nicht, dass er von Beginn an mit Özil, Hunt und Marin spielen lässt.

Die Alternative (4-4-1-1):

Werder - Bayern (4-4-1-1)

Werder - Bayern (4-4-1-1)

So spielt Werder meistens nicht von Beginn an, sondern stellt im Laufe des Spiels um. Fast immer ist Hugo Almeidas Einwechslung damit verbunden. Er gibt dann die Sturmspitze, während Pizarro sich fallenlässt und noch mehr am Spielaufbau teilnimmt. Einen zentralen offensiven Mittelfeldspieler gibt es nicht. Auf dem Papier ist diese Formation so wie die der Bayern. Der Unterschied besteht jedoch zum einen in der unterschiedlichen Spielweise von Pizarro und Müller (Ballverteiler vs. Balleroberer) und zum anderen werden bei Werder die Außenpositionen im Mittelfeld weit weniger konsequent gehalten.

Für die Position der hängenden Spitze braucht es einen technisch guten und intelligenten Spieler. Pizarro ist beides und dazu noch gut genug, auch von dieser Position Torgefahr auszustrahlen. Almeida wird je nach Spielsituation hoch angespielt, um die Bälle per Kopf zurückzulegen, oder lang geschickt, um den direkten Torabschluss zu suchen. Schaaf hat diese Formation sowohl bei Rückständen als auch bei knappen Führungen spielen lassen (z.B. im Pokal gegen Hoffenheim). Auffällig ist dabei, dass sie häufig während Mesut Özils Formschwäche gewählt wurde und er der Spieler war, der gegen Almeida getauscht wurde.

Vorteile:

  • Zweiter Stürmer: Auch wenn sich Pizarro fallen lässt, bindet Almeida immer mindestens einen Innenverteidiger.
  • Druck auf Bayerns Abwehr: Zwei große und Kopfballstarke Spieler in der Mitte und dazu zwei technisch gute Spieler auf den Flügeln.

Nachteile:

  • Risiko auf den Außen: Frings und Bargfrede müssen auch hier zum Doppeln auf die Außenbahnen verschieben.
  • Offener Schlagabtausch: Werders offensive Mittelfeldspieler müssen die gleiche Torgefahr über die Außen entwickeln, wie auf der anderen Seite Ribery und Robben, um das Risiko auszugleichen.
  • Kein Platz für Özil: Er müsste hier auf dem linken oder rechten Flügel spielen. Kann er zwar, aber seine beste Position ist und bleibt zentral hinter den Spitzen (hab ich vor der Saison noch völlig anders gesehen).

Fazit: Es gibt eigentlich keine Veranlassung, diese Formation zu spielen. Bayern ist über die Außen deutlich stärker als Werder und auf Özils Stärke in der Mitte sollte man nicht freiwillig verzichten. Trotz eines überragenden Van Bommels und eines überragenden Schweinsteigers auf der Gegenseite. Im Mittelfeld hat man keine echten Flügelspieler, die auch Defensivqualitäten haben (es sei denn, man versucht etwas völlig unorthodoxes mit Boenisch und Fritz im Mittelfeld).

Back to the roots (4-3-1-2):

Werder - Bayern (4-3-1-2)

Werder - Bayern (4-3-1-2)

Im wichtigen Auswärtsspiel gegen Schalke kehrte Werder überraschend zu Raute im Mittelfeld zurück. Viele Jahre lang hatte Werder zuvor mit dieser Formation erfolgreich gespielt. Die taktische Ausrichtung und die Interpretation der einzelnen Positionen war gegen Schalke allerdings deutlich anders. Mit Schaafs flüssigem System der ständigen Positionswechsel im Mittelfeld hatte es nur wenig zu tun. Drei defensiv ausgerichtete Mittelfeldspieler spielten fast auf einer Höhe, während Özil als offensiver Mittelfeldspieler nicht den klassischen Spielmacher gab, sondern sich weit nach vorne orientierte. Werder setzte nicht wie gewohnt auf schnelles Kombinationsspiel, sondern auf den Aufbau über den 6er und lange Bälle in die Spitze. In der Defensive hat Werder so fast immer sieben Spieler hinter dem Ball und verzichtet dafür darauf, das Spielfeld für den Gegner durch weites Aufrücken klein zu machen.

Gegen Schalke hat diese Taktik gut funktioniert, weil so die Gefahr über die Flügel eingedämmt werden konnte und Schalke nicht sonderlich gut durch die Mitte kombinieren kann. Gegen den HSV sah es eine Woche später schon nicht mehr so gut aus. Almeida hatte ein schwaches Spiel und trotz Bargfredes starker Leistung baute man aus dem Mittelfeld zu wenig Druck auf. Ein Pokalfinale gegen die Bayern ist aber etwas anderes als ein Heimspiel in der Liga. Dort muss Werder das Spiel nicht machen, ähnich wie auf Schalke.

Das Schalker Spiel war sehr rechtslastig, das ist bei den Bayern trotz Robben nicht unbedingt so. Dennoch wird es Werders schwierigste Aufgabe sein, ihn zu stoppen. Er könnte Petri Pasanen bei aller Qualität mehr liegen, als Schalkes Farfan. Als Rechtsfuß kann er den Zug zum Tor des Linksfußes Robbens besser stoppen, als die Flankenläufe von Rechtsfuß Farfan. Die Unterstützung eines defensiven Mittelfeldspielers wird er aber dennoch benötigen, genau wie Fritz auf der anderen Seite gegen Ribery. Von daher scheint mir die Formation mit drei eher defensiven Mittelfeldspielern gegen die Bayern am vielversprechendsten, zumal so auch Vorstöße durch Schweinsteiger Werder nicht in Unterzahl im defensiven Mittelfeld bringen. So ungern ich vorne auch auf die Kreativität von Marin und Hunt verzichte – können wir uns wirklich zwei oder drei defensivschwache Spieler gegen die Bayern leisten?

Vorteile:

  • Wenig Platz für den Gegner: Bayern wird es schwer haben, eine Lücke zu finden und ist mehr auf Einzelaktionen angewiesen.
  • Druck auf die Außen: Gegen Schalke hat das super geklappt. Auch die Bayern müssen in erster Linie auf den Außen gestoppt werden.
  • Zweiter Stürmer: Bindet die Innenverteidiger und kann lange, hohe Bälle von Frings verwerten.

Nachteile:

  • Wenig Kreativität: Özil wird wieder lange in der Luft hängen und auf seine Chancen warten müssen. Nicht so schön anzusehen.
  • Platz für den Gegner im Mittelfeld: Da auf hohes Pressing verzichtet wird, steht man zwar 25-30 Meter vor dem Tor sehr kompakt, doch dafür gibt man den Bayern Platz im Mittelfeld.
  • Probleme bei Rückstand: Bei einem Rückstand wäre die Taktik zwar nicht über den Haufen geworfen, doch es dürfte schwierig werden, so eine Vielzahl an Torchancen herauszuspielen. Marin lässt sich kaum in die Raute einbinden.

Fazit: Der Überraschungseffekt ist weg, doch trotzdem kann mit dieser Formation das Spiel der Bayern am besten negiert werden. Ein offener Schlagabtausch sollte in Bayerns momentaner Verfassung besser vermieden werden. Durch die Mitte sind die Bayern nicht so gefährlich, dass man dort aggressives Pressing spielen muss. Zur Not kann man später immer noch umstellen und einen ausgeruhten Marin oder einen genialen Passgeber Jensen für die Schlussphase bringen.

Ich bin mir recht sicher, dass Schaaf bei seiner Erfolgsformation der letzten beiden Spiele bleibt. Gibt es noch weitere Alternativen, die hier vernachlässigt wurden? Ein 4-3-3? Die Rückkehr des Liberos? Ein Riegel nach Mourinhos Vorbild? Am Samstag sind wir schlauer.

Pokalfinale – Ein modernes Märchen

The Wizard of Öz

von L. Frank Baumann

Es war einmal ein Fußballmanager namens Klaus Dorothy Allofs, der lebte im beschaulichen Bremen. Eines Tages wurde er gemeinsam mit seinem treuen Schaaf Toto von einem Tornado ins ferne Berlin geschleudert. Sie landeten auf einer grünen Wiese, mit Werbebanden und Tribünen ringsum. Klaus schaute sein Schaaf ängstlich an und sagte: “Toto, ich habe das seltsame Gefühl, dass wir nicht mehr im Weserstadion sind.”

Nachdem sie sich eine Weile in der unbekannten Umgebung umgeschaut hatten, bemerkten die beiden, dass sie bei ihrer Landung den bösen Franck getroffen und unter sich begraben hatten, der gerade dabei gewesen war, seine neuen gesponserten Schuhe einzulaufen. “Das sind ein paar schöne Schuhe”, sagte Klaus mit Blick auf die roten Adidas-Treter. “Ich werde sie mitnehmen, vielleicht können sie uns noch nützlich sein.” In tausenden Kilometern Entfernung explodierte zur selben Zeit ein Nike-Manager. “Klaus, wie kommen wir nun wieder nach Hause?” fragte Toto besorgt.

“Das ist ganz einfach!” ertönte eine Stimme aus dem Hintergrund. Toto und Klaus drehten sich um. Hinter ihnen stand eine Gruppe kleiner Männchen mit lustigen Frisuren. “Ihr müsst nur den guten Zauberer Van Gaal finden. Der wird euch den Weg weisen.” – “Wer seid ihr?” fragte Klaus. Solch seltsame Kreaturen hatte er noch nie gesehen. “Wir sind die Bayern Munchkins”, sagte eines der Männchen. “Na, das ist ja ‘n dolles Ding. Aber wie sollen wir den Zauberer finden?” fragte Toto. “Folgt einfach der weißen Mittellinie hier. Sie führt euch direkt zu seiner Kabine.” – “So ein Quatsch”, sagte ein anderes der Männchen, das lustige Bommel am Kopf hängen hatte. “Der Spielertunnel ist in Berlin doch hinter dem Tor!” – “Ach ja, ganz vergessen.” – “Aber passt auf, dort begegnet ihr Uli, der bösen Hexe des Südens.”

“Komisches Völkchen”, sagte Klaus beim Weitergehen. “Das muss ja ein schäbiger Zauberer sein, der in einer Kabine haust. Doch wie sollen wir nun zu ihm gelangen, ohne dass uns die böse Hexe sieht?” Schaaf Toto hatte eine Idee: “Wir können ja robben!” – “Blödsinn, dann sind wir doch viel zu lahm!” Während die beiden diskutierten begegneten sie plötzlich einer weiteren Gruppe Männchen. Auch sie sahen merkwürdig aus, wenn auch ganz anders als die Bayern Munchkins. “Und wer seid ihr nun wieder?” fragte Klaus genervt. “Ich bin der ängstliche Mesut”, sagte der erste. “Ich brauche ganz dringend mehr Mut!” Der zweite sprach: “Ich bin der hölzerne Hugo. Ich brauche ganz dringend mehr Verstand!” Und der dritte sprach: “Ich bin der Zauberzwerg Marko. Ich brauche ganz dringend ein Herz.” Klaus überlegte kurz. “Na, dann kommt mal mit”, sagte er schließlich und ließ sie Verträge mit drei Jahren Laufzeit und einer Option auf ein weiteres Jahr bei vernünftigem Grundgehalt und ganz passablen Erfolgsprämien unterzeichnen.

Gemeinsam erreichten sie nach kurzer Zeit den Spielertunnel. Dort wartete auch schon Ulis Leibwächter, der geflügelte Affe Kalle, auf sie und griff sie unter abscheulichem Krächzen an. “Ach deshalb sagt man auch ‘Abteilung Attacke’”, dachte Klaus und schaltete ihn mit einem gezielten Kinnhaken aus. Da kam Uli, die böse Hexe des Südens aus ihrem Versteck. Sie lachte schauerlich und sprach: “Ach, ihr kleinen Bremer. Was wollt denn ihr gegen mein Weißwurstimperium ausrichten? Wie wär’s, wenn ich euch den ängstlichen Mesut wegnehme?” Klaus und Toto platzten fast vor Wut, griffen zu Weißbiergläsern, die ihnen von dämlich grinsenden Hostessen in schlecht sitzenden Dirndln gereicht wurden, und kippten sie der Hexe über den Kopf. Uli schrie auf, zappelte, kreischte und zerschmolz schließlich zu einer kleinen Pfütze, die sofort von aufmerksamen Stadionmitarbeitern aufgewischt wurde.

Da trat der Zauberer Van Gaal aus dem Schatten. Er war riesig und sprach mit donnernder Stimme: “Danke, dass Sie mich von der bösen Hexe befreit haben. Zum Dank erkläre ich Toto nun mein Erfolgsgeheimnis.” Er winkte das Schaaf zu sich rüber, verschwand mit ihm in der Umkleidekabine und mehrere Stunden vergingen. Schließlich kam Toto zurück zur Gruppe. “Pah!” sagte er. “Der kocht auch nur mit Wasser. Alles ganz simpel, kleines Fußball-Einmaleins. Von wegen Zauberer. Hinter dem Vorhang ist der sooo klein mit Hut.” Die anderen guckten ungläubig, doch Toto sprach weiter: “Ich weiß jetzt auch, wie ihr eure Probleme lösen könnt. Mesut, du trägst den Mut in dir. Entferne einfach das ‘es’ aus deinem Namen! Hugo, du hast eine linke Klebe wie ein Pferd, aber du musst auch mal schauen, wo der Torwart steht und dann einfach dran vorbei schieben. Du trägst den Verstand in dir, du musst ihn nur nutzen. Und Marko, was soll das Gefasel von wegen Herz? Du hast genug Herz für eine ganze Fußballmannschaft. Geh einfach weiter so ins Eins gegen Eins und lass dich nicht so schnell fallen. Und jetzt geht’s raus und spuilt’s!”

Alle guckten verblüfft. Toto hatte recht. Warum waren sie da nicht selbst drauf gekommen? “Bravo”, sprach der Zauberer, der die ganze Zeit zugesehen hatte und klatschte begeisterten Applaus. “Gut gemacht, Toto. Als Belohnung für eure Heldentaten gebe ich euch dieses wertlose Trinkgefäß. Es steht bei uns nur rum und verstaubt. Wir müssen bis nächste Woche Platz schaffen für ein noch größeres. Und nun zeige ich euch, wie ihr nach Hause kommt: Immer die A2 runter bis kurz vor Hannover. Dann auf die A7 und am Dreieck Walsrode schließlich auf die A27. Könnt ihr gar nicht viel falsch machen.” Der Zauberer und die Bayern Munchkins winkten zum Abschied. “Das muss auch einfacher gehen”, dachte Allofs und kramte die roten Schuhe hervor. “In Bremen, in Bremen, da lässt sich’s gut leben. There’s no place like home”, sagte er und plötzlich, ganz unvermittelt, standen die Gefährten auf dem Bremer Rathausbalkon, vor dem schon eine in Grün-Weiß gekleidete Menschenmenge wartete, um die Helden aus dem fernen Berlin Willkommen zu heißen. Stolz präsentierten Toto und seine Jungs den prächtigen Pokal. Klaus hingegen lächelte verschmitzt und dachte: “Das war ja einfacher als erwartet.”

34. Spieltag: Durchschaubar in die Champions League

Werder Bremen – Hamburger SV 1:1

Zur Einführung ein Zitat aus meiner Saisonvorschau im August 2009:

“Es wird mal wieder eine typische Werder-Saison. Gute Hinrunde, Krise zu Beginn der Rückrunde, Aufholjagd im letzten Drittel und am letzten Spieltag werden die Positionen mit dem HSV getauscht. Werder wird Dritter und landet in der Champions League Qualifikation.”

Ok, die Positionen brauchte man mit dem HSV gestern nicht mehr zu tauschen. Geschenkt. Ansonsten eine ziemlich akkurate Beschreibung der gerade abgeschlossenen Bundesligasaison des SVW. In meine seherischen Fähigkeiten habe ich spätestens seit Dezember kein großes Vertrauen mehr, als ich Werder die Meisterschaft voraussagte und damit kräftig auf die Nase fiel. Vor fünf Wochen habe ich dann die Saison abgehakt – äußerst verfrüht, wie sich gezeigt hat. Zu meiner Verteidigung war da eine Portion Aberglaube bei, sodass ich mich bis zum 8.5. um 17:20 nicht traute, meine Aussage zu revidieren. Trotzdem, als Wahrsager bin ich bestenfalls so mittelbegabt. War es denn so vorhersehbar?

Schaut man sich die Tabellen der letzten fünf Jahre an, muss man sagen: Ja! Bayern und Werder waren in den letzten fünf Jahren jeweils viermal unter den Top 3 der Liga. Der FC Schalke dreimal. Ansonsten schafften nur der VfB Stuttgart (2x), der HSV und Wolfsburg (je 1x) den Sprung unter die ersten Drei. Nun sind es also wieder diese drei Mannschaften, die die vorderen Plätze belegen, wie schon 2005 und 2008. In England wurde die Dominanz der Big Four gerade zum ersten Mal seit fünf Jahren durchbrochen. Haben wir in Deutschland nun also unsere Big Three? Das wäre übertrieben, doch Zufall sind diese Resultate wohl kaum. Während die letzte Saison eine kleine Revolution war, zunächst mit dem Überflieger Hoffenheim und dann mit dem Meister Wolfsburg, hieß es in dieser Saison: Das Imperium schlägt zurück.

Es gehört zum Fußball, dass sich bestimmte Dinge immer wiederholen. Auch in den Jahren 2006 und 2008 sowie mit Abstrichen 2007 verlief Werders Saison ähnlich, wie oben beschrieben. Daneben gibt es noch einige andere Tradionen: Die Bayern werden (fast) immer Meister, Schalke nie, Leverkusen bricht in der Rückrunde ein, Stuttgart dreht in der Rückrunde auf, der HSV verpatzt die wichtigen Spiele und Nürnberg und Bochum bleiben Fahrstuhlmannschaften. Während all das nicht zuletzt mit der Qualität der jeweiligen Mannschaften zu tun hat, ist es in nicht unterschätzendem Maße Psychologie. So etwas setzt sich nicht nur in den Köpfen der Fans fest, sondern auch in denen der Spieler. Als Leverkusener muss einem im letzten Saisondrittel Angst und Bange werden, während sich die Bayern darauf freuen können. Immer wieder schön, wenn Mannschaften es schaffen, diesen Kreislauf zu unterbrechen, wie Wolfsburg letzte Saison oder Werder 2004.

Doch entspricht Werders schematischer Saisonverlauf wirklich den Tatsachen oder erstammt er der selektiven Wahrnehmung und Einordnung der Fans? Ich habe mal einen kleinen Vergleich gemacht zwischen den letzten fünf Jahren und dieser Saison. Verglichen habe ich monatsweise, wieviel Punkte Werder jeweils im Schnitt pro Spiel geholt hat. Und siehe da, der Vergleich zeigt: In den letzten fünf Jahren gab es tasächlich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Monaten. Insgesamt holte Werder im Schnitt 1,8 Punkte pro Spiel. Hochgerechnet auf eine Saison sind das 61,2 Punkte pro Saison. Die aus Bremer Sicht erfolgreichsten Monate sind Januar und Dezember, gefolgt von Mai und September. In diesen Monaten hat Werder deutlich überdurchschnittlich viele Punkte geholt. Die schwächsten Monate sind März und Februar. Der von mir erwartete Leistungseinbruch in der ersten Hälfte der Rückrunde ist für Werder demnach nicht untypisch, sondern tritt regelmäßig auf.

Durchschnittliche Punktzahl pro Spiel

Durchschnittliche Punktzahl pro Spiel (monatsweise)

Die nun abgelaufene Saison war in vielen Bereichen durchschnittlich. Insgesamt 61 Punkte (1,79 pro Spiel) entsprechen genau dem Durchschnitt der letzten fünf Spielzeiten. Die ersten vier Monate der Saison sind ebenfalls relativ nah an den Werten der letzten Jahre. Dann zeigen sich aber zwei große Abweichungen: In den traditionell stärksten beiden Monaten stürzte Werder völlig ab und holte nur einen Punkt aus sechs Spielen. Danach spielte Werder von Februar bis Mai eine überdurchschnittliche Rückrunde. Die sonst schwächsten Monate Februar und März wurden in dieser Saison zu den stärksten. Alles wie immer also, nur eben ganz anders.

Und was sagt uns das nun? Werder hat acht Monate lang eine überdurchschnittliche Saison gespielt, durch zwei ganz schwache Monate rund um die verkürzte Winterpause verpasste man es aber, ein noch besseres Ergebnis zu erreichen. Das Stichwort Konstanz, das letzte Saison so häufig gebraucht wurde, darf man daher auch in diesem Sommer wieder auspacken, wenn es um die Fehleranalyse geht. Zu wichtig sollte man solche statistischen Spielerein jedoch nicht nehmen. Das Spiel gegen den HSV hat doch wieder einmal klar gezeigt, dass die nakten Zahlen manchmal eben doch lügen. Oder möchte ernsthaft jemand behaupten, das Duell um die Nummer 1 im Norden wäre unentschieden ausgegangen?

Unsere 23 Spieler für Südafrika

Morgen gibt Jogi Löw das vorläufige Aufgebot der Nationalmannschaft für die WM bekannt. So lange kann ich nicht warten. Ich habe deshalb einen kurzen, aber konzentrierten Blick in die Kristallkugel gewagt und die Kaderzusammenstellung für Südafrika herausgefunden. An dieser Stelle ein Spoiler Alert: Wer sich überraschen lassen möchte, sollte hier aufhören zu lesen. Angaben ohne Gewähr, doch die Kristallkugel lügt nicht. Beschwerden bitte direkt an den DFB richten.

Und hier ist nun unser Kader für Südafrika:

Tor

Gesetzt: Neuer, Wiese

+ 1 aus: Butt, Weidenfeller, Lehmann

Durch Adlers Ausfall kommt noch mal Pfeffer rein. Löw regelt es ganz unaufgeregt, nominiert Hans-Jörg Butt als dritten Torwart und schickt schöne Grüße nach Dortmund und Roman Weidenfeller in den Urlaub. Jens Lehmann war gar nicht erst Thema.

Abwehr

Gesetzt: Mertesacker, Westermann, Friedrich, Lahm

+ 4 aus: Boateng, Tasci, Höwedes, Hummels, Badstuber, Huth, Beck, Hinkel, Castro, Aogo, Schäfer

Hamburgs Jerome Boateng hatte zwar ein paar Wackler in der Rückrunde, aber ist natürlich trotzdem dabei. Bei Serdar Tasci war das Formtief dann schon etwas länger. Es spricht zwar noch einiges dafür, dass er trotzdem mitfährt, doch hier glaube ich an eine Überraschung: Ohne Tasci fahr’n wir zur WM. Von den jungen Benedikt Höwedes und Mats Hummels wird es nur einer in den Kader schaffen und dann gibt es ja auch noch den Badstuber Holger. Letzterer hat in seiner noch kurzen Karriere schon mehr Erfahrung in der Champions League gesammelt, als die meisten seiner Konkurrenten. Badstuber hat Außenseiterchancen, aber die Kristallkugel sagt: Höwedes fährt mit – sein päpstlicher Vorname gibt den Ausschlag. Mit Westermann, Friedrich und Boateng hat man einige Allrounder im Team, aber keinen waschechten Rechtsverteidiger, denn Löw wird Lahm weiterhin links einsetzen. Falls Löw keinen Hinkel aus dem Huth zaubert, wird Andreas Beck deshalb als Quoten-Hoffenheimer im Kader stehen. Gonzalo Castro wird im Zuge der Leverkusener Absagewelle wegrationalisiert. Während Dennis Aogo zum Nationalspieler noch etwas fehlt (z.B. 2-3 Konsonanten im Nachnamen), profitiert Marcel Schäfer vom Glück des Tüchtigen und von der dünnen Konkurrenz und komplettiert das Aufgebot in der Abwehr.

Mittelfeld

Gesetzt: Ballack, Schweinsteiger, Özil, Podolski

+ 4 aus: Khedira, Hitzlsperger, Gentner, Marin, Kroos, Hunt, Trochowski, Müller

Nach Schweinsteigers Umschulung zum Defensivstrategen ist der Partner für Agressiv Leader (die schönste Deutsch-Englische Wortkombination seit Europa League) Ballack schon gefunden. Die perfekte Symbiose der beiden macht weitere defensive Mittelfeldspieler quasi überflüssig. Löw weint deshalb Frings, Jones und dem verletzten Rolfes keine Träne hinterher, nominiert für den Notfall Sami Khedira und lässt Thomas Hitzlsperger im italienischen Exil. Solide Arbeiter wie Bargfrede, Träsch oder Reinartz werden nicht benötigt und mit Namen wie “Bender” machen sich bloß die Engländer wieder über uns lustig. Ach, das tun die sowieso? Das Lachen wird ihnen schnell vergehen, wenn ihnen Toni Kroos und Marko Marin Knoten in die Beine kombinieren! Aaron Hunt ist dann leider doch noch nicht so weit und freut sich lieber über seine erste Saison ohne gröbere Verletzungen. Besser die Knochen schonen und dann 2014 voll durchstarten. Für Piotr Trochowski hat der Bundestrainer eine Schwäche, der kommt auf jeden Fall mit. Und was ist eigentlich mit dem bayerischen Überflieger? Thomas Müller ist selbstverständlich dabei – aber nicht im Mittelfeld.

Wie? Ich habe Christian Gentner vergessen? Nicht so schlimm, das hat Löw auch!

Angriff

Gesetzt: Klose, Gomez

+ 2 aus: Kießling, Cacau, Helmes, Müller

Was haben wir am Montag mit Kevin Kuranyi gelitten, dem Sturmführer der Herzen. Doch alles Hoffen und Bangen half nicht, der Bundestrainer blieb hart, denn er hat andere Pläne. In deren Mittelpunkt stehen Bayerns Bankdrücker Miro Klose und Mario Gomez. Die sind ausgeruht und freuen sich so dermaßen darüber, dass sie mal wieder mitspielen dürfen – da kann gar nichts schiefgehen. Leider bleiben aber noch zwei Plätze im Kader frei und falls Stefan Kießling seine Trefferquote nicht zum Verhängnis wird, dürfte er einen davon bekommen. Mannschaftskamerad Patrick Helmes steht eigentlich nur auf der Kandidatenliste, damit sie nicht so leer aussieht. Platz 4 im Sturm schien deshalb schon an Cacau vergeben, doch Löw überrascht uns alle, verzichtet auf einen weiteren Mittelstürmer und nominiert Thomas Müller für den Angriff.

Der deutsche Kader für Südafrika sieht also folgendermaßen aus:

Neuer, Wiese, Butt, Mertesacker, Westermann, Friedrich, Lahm, Boateng, Höwedes, Beck, Schäfer, Ballack, Schweinsteiger, Özil, Podolski, Khedira, Kroose, Marin, Trochowski, Klose, Gomez, Kießling, Müller.

33. Spieltag: Meistermacher

Schalke 04 – Werder Bremen 0:2

Ich glaube es immer noch nicht.

Über die Unglaublichkeit unserer Ausgangssituation vor dem letzten Spieltag möchte ich mich gar nicht auslassen. Wir wissen alle noch, wo wir vor drei Monaten standen. Außerdem bliebe dafür nach Saisonende noch genügend Zeit. Vorher glaube ich es eh nicht. Auch wenn ich mich in ein abergläubisches Wrack verwandelt habe, das ist es mir Wert. Ich halte es mit den Römern: Non succede, ma se succede… Es wird nicht passieren, aber wenn es passiert. Aber es passiert nicht. Punkt.

Unglaublich finde ich vielmehr, dass Werder auf Schalke gewonnen hat – und vor allem wie! Vorab: Es gab sicherlich bessere Fußballspiele in dieser Saison und Werder hat auch schon besser Fußball gespielt, als am Samstagnachmittag in Gelsenkirchen. Doch Werder ist nicht nach Schalke gefahren, um dort “guten” (sprich: schönen) Fußball zu spielen. Werder ist dorthin gefahren, um drei Punkte zu holen. Und Werder ist dorthin gefahren und hat drei Punkte geholt. Werder hat zu Null gespielt. Werder hat kompakt gespielt und Schalke kommen lassen. Werder hat die Chancen eiskalt ausgenutzt. War das wirklich unser Werder? Oder haben die Mannschaften schon vor dem Spiel die Trikots getauscht?

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich an diese Verwandlung gewöhnt hatte und es fiel mir bis zum Abpfiff schwer, es richtig einzuordnen. Ich war dabei nicht alleine. Marcel Reif kommentierte dieses Spiel von der Prämisse aus: “Werder: Schönspieler, Schalke: Malocher, Magath: Taktikgott.” Haben wir ja auch alle so gelernt. In Reifs Alter denkt man aber nicht mehr um. Es sei denn, man eignet sich die Jovialität Franz Beckenbauers an und nimmt die Dinge so, wie sie passieren, ohne nach tieferem Verständnis zu streben. Doch die meisten von uns sind keine Lichtgestalten, und so lassen wir uns erleuchten von dem, was wir in der Arena auf Schalke gesehen haben.

Lange Zeit schien es das Spiel der Schalker zu sein: Das zweikampfbetonte Spiel mit wenig Raum und noch weniger Glanz. Das Neutralisieren des gegnerischen Spiels. Das Niederringen durch körperliche und taktische Überlegenheit, durch höchste Disziplin. Und schließlich das Ausnutzen der sich bietenden Chancen in dem Bewusstsein, dass man nicht viele bekommen könnte. Gestern war es das Spiel der Bremer. Woher sollten wir es wissen? Andersherum war es so viel wahrscheinlicher. Magaths Schalker sind Meister im Aufspüren und Ausnutzen der Schwächen ihrer Gegner. Und Werders Schwächen sind so offensichtlich. Die besten Bluffs sind aber die, die man erst erkennt, wenn es schon zu spät ist. So ging es gestern den Schalkern und wenn Magath regelmäßig für seine taktischen Meisterleistungen gelobt wird, steht diese Ehre nun Thomas Schaaf zu.

Etwas überraschend kehrte Werder gegen Schalke zur Raute mit zwei echten Spitzen zurück. Noch überraschender agierte Regisseur Mesut Özil alleine hinter den Spitzen, mit drei defensiv ausgerichteten Mittelfeldspielern in seinem Rücken. Es war eine “klassische” Interpretation der Mittelfeldraute, ein 4-3-1-2. So lässt es Schaaf nur selten spielen. Bargfrede und Borowski auf den Halbpositionen kümmerten sich vorwiegend um das Spiel gegen den Ball, sorgten bei Bedarf für Überzahlspiel in der Mitte und halfen vor allem auf den Außen aus. So kam es, dass Werder fast immer sieben Spieler hinter dem Ball hatte und das Spielfeld durch die tief stehende Viererkette für den Gegner deutlich größer machte, als gewöhnlich. Gegen Schalke erwies sich das als wirksame Taktik. Platz im Mittelfeld hilft einer spielerisch noch immer beschränkten Mannschaft nicht viel weiter, zumal Pizarro, Almeida und der gewohnt offensive Özil die Schalker Hintermannschaft davon abhielten, sich spürbar ins Angriffsspiel der Gastgeber einzuschalten. So hatten die Schalker plötzlich 57% Ballbesitz und wussten kaum, was sie damit anfangen sollten. Immer wieder versuchten sie es über die Flügel, vor allem über die starke rechte Seite, wo Werder ihnen jedoch keinen Platz ließ.

Werders Offensivspiel war verhältnismäßig eindimensional: Der Spielaufbau fand wie immer durch die Mitte statt, wo Frings zum Regisseur wurde. Die Verbindungsspieler auf den Halbpositionen hielten sich vornehm zurück, was auch erklärt, warum Özil über weite Strecken in der Luft hing. Frings spielte vornehmlich lange Bälle in die Spitze, was naturgemäß Pizarro und Almeida mehr entgegenkam, als dem kleinen Özil. Hier zeigte sich dann auch ein großer Unterschied zu Schaafs sonst favorisierter Raute: Özil wartete gestern im toten Raum hinter den Spitzen auf seine Chance, statt sich im Spielaufbau nach hinten fallen zu lassen und die Bälle in der eigenen Hälfte abzuholen. Hätte er sich mehr ins Aufbauspiel eingeschaltet, wen hätte er anspielen sollen?

Eine gute Taktik garantiert allein aber noch keinen Erfolg. Und so brauchte auch Werder einen nicht zu kleinen Anteil an Glück (oder Zufall oder Schicksal oder wie man es auch immer nennen mag). Nachdem es 20 Minuten lang im Sinne der taktischen Ausrichtung lief, bekam Schalke einen Fuß in die Tür zwischen Werders kompakt stehender Defensivabteilung. Eine fehlerfreie Vorführung gegen die Schalker wäre auch etwas viel verlangt, schließlich werden diese nicht von ungefähr Vizemeister. Den dicksten Bock leistete sich kurz vor der Pause Per Mertesacker, der anschließend versuchte zu reparieren und dabei gehöriges Glück hatte, dass Schiedsrichter Kircher nicht auf Elfmeter entschied. In meinen Augen ein klares Foul. Die Situation war im Nachhinein ein Wendepunkt in diesem Spiel. Sie als die spielentscheidende Situation zu bezeichnen, wie Magath es nach dem Abpfiff tat, ist dann aber doch etwas hoch gegriffen. Marko Marin machte nach dem Spiel gegen Frankfurt Anfang des Jahres eine ähnliche Aussage. Ich sage heute wie damals: Wer Meister werden will, der sollte sein Pulver nicht schon nach 40 Minuten verschossen haben. Und Schalke tat in der zweiten Hälfte nicht genug, um nach dem Spiel einzig auf die Elfmeterszene verweisen zu können. Bei allem Verständnis für die Enttäuschung, als Verschwörungstheoretiker macht Magath keine gute Figur. Weder er noch seine Schalker hätten es zudem nötig. Die Fans spürten das in der Schlussphase auch und feierten ihre Mannschaft, der vor der Saison nicht viele – auch ich nicht – eine solche Saison zugetraut hatten.

Wie so oft waren es dann Kleinigkeiten, die das Spiel und auch dessen Bewertung von außen entschieden. Nach dem Wechsel suchten die Schalker weiter ihr Glück in der Offensive. Vielleicht war es der Zwischenstand aus München, der ihre Köpfe ungeduldig und ihre Beine schwer werden ließen. Gerade, als man überlegte, ob Werders pomadige Spielweise wirklich Absicht sein könnte, schlugen die Grün-Weißen zu. Zunächst ließ Mesut Özil seine Torchance noch liegen, doch kurze Zeit später zeigte er seine ganze Klasse. Er zeigte, dass er es auch anders kann. Dass es bei ihm nicht nur Hopp oder Top gibt. Dass er auf seine Chance lauern kann, ohne das Selbstvertrauen zu verlieren. Sein Dribbling hätte andere Kommentatoren zu Begeisterungsstürmen verleitet, doch es war weder Robben noch Ribery noch Messi und deshalb durfte nicht sein, was nicht sein konnte. Es war deutlich zu spüren, dass dieser Treffer den Schalkern schwer zu schaffen machte und sie kaum mehr etwas entgegen zu setzen hatten. Um ganz sicher zu gehen, nutzten Özil und Almeida diese Phase der Unsicherheit zum 0:2 und entschieden damit das Spiel.

Ich hoffe Werder nimmt aus diesem Spiel genügend Erkenntnisse für die letzten beiden Spiele mit. Gegen den HSV wird man wieder aktiver sein müssen. Auf eine Unentschieden darf man sich nicht verlassen. Gladbach hat gerade sechs Tore in Hannover kassiert. Die Hamburger haben als letztes Saisonziel, uns in die Champions-League-Suppe zu spucken, deshalb müssen wir verdammt aufpassen solange sie nicht gegessen ist. Den Nachschlag gibt es dann in Berlin und während ich mich phrasentechnisch schon in Delling-Form bringe, denkt Thomas Schaaf hoffentlich darüber nach, wie er Van Gaals Positionsspiel beikommen kann. Die Taktik von gestern wäre dafür vermutlich gar nicht mal schlecht.