Archiv für den Monat: Juli 2010

Unsere Kaderstruktur

Ein kleines Experiment. Ich habe für alle Spieler aus Werders aktuellem Kader das Alter und die Anzahl der Bundesligaspiele gegenübergestellt und in einem Streudiagramm abgebildet. Dann habe ich eine Trendlinie eingefügt, um zu sehen wo in etwa der Soll-Wert liegt. Das Ergebnis ist eine schnuckelige, kleine Infografik*:

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Anhand des Ergebnisses habe ich die Spieler in fünf Kategorien eingeteilt:

Nachwuchsspieler (Alter 18-23, unterdurchschnittliche Anzahl an Spielen)

Felix Kroos, Florian Trinks, Lennart Thy, Felix Wiedwald, Pascal Testroet, Onur Ayik, Marko Arnautovic, Sebastian Miellitz, Niklas Andersen, Timo Perthel, Said Husejinovic, Sandro Wagner, José-Alex Ikeng, Dominik Schmidt, Sebastian Prödl, Philipp Bargfrede.

Keine Überraschungen. Bargfrede liegt knapp über dem Strich, hat aber erst eine Saison als Profi absolviert. Wird er in der kommenden Saison weiter regelmäßig eingesetzt, rückt er zu den “Senkrechtstartern” vor. Prödl liegt dagegen knapp unter dem Strich. Die kommende Saison ist bei ihm entscheidend: “Mitläufer” oder “Leistungsträger”? Arnautovic und Wagner zählen als junge Neuzugänge ebenfalls in diese Kategorie.

Senkrechtstarter (Alter 18-23, überdurchschnittliche Anzahl an Spielen)

Marko Marin, Mesut Özil, Sebastian Boenisch, Aaron Hunt.

Der Name Boenisch überrascht vielleicht einige, doch der 23-Jährige spielt regelmäßig und liegt deutlich über den Strich.

Leistungsträger (Alter 24-29, überdurchschnittliche Anzahl an Spielen)

Per Mertesacker, Hugo Almeida, Naldo, Tim Wiese, Clemens Fritz.

Almeida und Fritz liegen nur knapp über bzw. unter dem Strich. Da sie schon lange bei Werder sind und regelmäßig spielen, zähle ich sie noch zu den Leistungsträgern.

Häuptlinge (Alter 30+, überdurchschnittliche Anzahl an Spielen)

Tim Borowski, Claudio Pizarro, Torsten Frings.

Frings hat mit Abstand die meisten Bundesligaspiele absolviert. Borowski muss sich steigern, um nicht bald zum “Mitläufer” zu verkommen.

Mitläufer (Alter 24+, unterdurchschnittliche Anzahl an Spielen)

Peter Niemeyer, Markus Rosenberg, Petri Pasanen, Christian Vander, Daniel Jensen.

Rosenberg kratzt von den genannten am ehesten an der Grenze zum Leistungsträger. Nach den letzten beiden Jahren eigentlich ein Witz. Jensen und Niemeyer auch aufgrund von Verletzungen weit unten.

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* Zur Klarstellung: Die Einteilung der Kategorien ist willkürlich anhand vorher festgelegter Kriterien. Die Daten sind nur auf Werder Bremen bezogen, die Trendlinie gibt also keine Durchschnittswerte der Bundesliga wieder. Die ausschließliche Berücksichtigung von Bundesligaspielen ist ebenfalls willkürlich und benachteiligt Spieler wie Niemeyer, Jensen oder Pasanen, die viele Spiele im Ausland bestritten haben. Andererseits wäre es auch Quatsch, Spiele in bspw. der dänischen Superliga mit Bundesligaspielen gleichzusetzen. Hier wird aber auch kein wissenschaftlicher Anspruch gestellt. In erster Linie geht es um eine Überprüfung subjektiver Einschätzungen zu unseren Spielern. Datenquelle: werder.de

Vier-Dri-Dri

Werder Bremen – Racing Santander 3:1

Das sieht langsam schon ganz gut aus. Für mich die spannendste Frage: Ist das 4-3-3 als ernsthafte Alternative vorgesehen, falls Özil gehen sollte? Und falls ja, wird die Angriffsreihe tatsächlich so offensiv besetzt sein? Almeida als Außenstürmer, das kann ich mir noch nicht so recht vorstellen, auch wenn er am Sonntag einen ganz guten Job gemacht hat. Arnautovic scheint die Position dagegen sehr zu liegen und deshalb könnte ich mir das System inzwischen zumindest als Ausweichtaktik gut vorstellen: Zwei Sechser und davor ein zentraler Spielgestalter (wenn Özil geht Hunt, Borowski oder eventuell Wesley) im Mittelfeld. Arnautovic mit vielen Freiheiten auf rechts und links könnte man je nach Gegner einen echten Stürmer oder Marko Marin einsetzen. Von unserem momentanen Kader könnte sicherlich auch Marin (oder Arnautovic?) in einem 4-2-3-1 zentral hinter Pizarro spielen, aber gerade bei Marin sehe ich da noch einige Defizite in der Spielgestaltung.

Das größte Problem bei einem 4-3-3: Werder müsste die Spielweise deutlich umstellen. Bislang dienen die Flügel eher als Ausweg, wenn der Weg durch die Mitte versperrt ist. Ohne einen offensiven Spielmacher hinter der Spitze müssten die Bälle viel konsequenter auf die Außenstürmer gespielt werden, damit diese für Torgefahr sorgen können. Falls die Umstellung gelingt (sofern sie denn wirklich geplant ist) könnte Arnautovic genau der Spieler sein, der uns für dieses System bislang gefehlt hat.

Schaaf ist in puncto Formation inzwischen viel pragmatischer geworden, das hat gerade die letzte Saison gezeigt. Vor vier Jahren äußerte er sich bei einem Vortrag zur WM 2006 noch sehr abfällig über den “neuen Trend 4-2-3-1″. Letztlich wird er die Mannschaft wieder nach den individuellen Stärken seiner favorisierten Spieler zusammenstellen und für die Beobachter, die von 4-4-2, 4-3-3, Raute oder Quadrat sprechen, nur ein müdes Lächeln übrig haben.

“Meine Saison” Leser stellen sich vor

Lachen oder weinen? Ganz eindeutig lachen!

Da schreibt man einen an sich neutralen, aber die Ansichten mancher Fans kritisierenden Artikel über Mesut Özil, der im Werder-Forum verlinkt wird, und schon bekommt man zwei nette Emails von einer anonymen Person, die viel zu schön sind, um sie euch vorzuenthalten (alle Leerzeilen zur besseren Lesbarkeit von mir eingefügt):

Email 1:

“was schreibst du da für ein scheiß über die fans was wir über mesut denken du warst doch bestimmt noch nicht mal im stadion und bist eigentlich eigendlich hiv-fan du opfer!!!

wenn mesut immer nur lügt und nicht mal klar sagt was sache ist brauch er sich nicht wundern wenn die fans in nicht mehr ab könn da hat der dann einfach pech gehabt. selbst schuld sag ich da nur!!!!!

mesut und sein geld geiler berater können gehn wo der pfeffer wächst dem weinen wir ECHTEN werder fans keine träne nach aber so ein heimlicher hiv-fan wie du kappiert das eh nicht!!!!!

der wird bei barca oder bei manu auf der bank versauern und dann irgentwann mekren das er kein fussball spielen kann so wie das alle mit ahnung von dem sport schon längst gemerkt ham!!

such dir besser mal nen richtigen job oder komm mal inne ost wenn du dich traust da siehst du dann mal wie ECHTE fans drauf sind!!!!!!!!”

Email 2:

“ach so was ich noch vergessen hab zu schreiben bei der wm war mesut nur gegen australien gut und die waren ja wohl total müll da hätte auch trochowski geglänzt!!!

aber bei der schwulen truppe von yogi und der obertunte bierhof ist schon klar das die das nicht merken und die presse mit der blöd-zeitung den hochjubeln!!!!!!”

Mesut Özil – Das Bremer Missverständnis

Um keinen anderen Spieler wird in dieser Sommerpause im Umfeld von Werder Bremen so viel diskutiert, wie um Mesut Özil. Nach einer starken WM, bei der er nach Ansicht vieler Experten zu den besten Spielern gehörte, scheinen seine Tage bei Werder gezählt. Die Reaktionen der Fans auf die seit Monaten andauernden Gerüchte reichen von Unverständnis über Empörung bis hin zu blankem Hass. Vereinzelt gibt es jedoch auch Verständnis für den Nationalspieler, dessen Vertrag bei Werder noch bis 2011 läuft. Für mich zeigt sich in den Diskussionen eine Reihe von Missverständnissen über den Spieler Mesut Özil:

1. Özil ist gar nicht so gut, wie er gemacht wird.

Es gibt zwei Dinge, an denen die angebliche Überbewertung des Spielers Özil festgemacht wird:

“In wichtigen Spielen taucht Özil unter!”

Gern genannte Beispiele sind das UEFA-Cup Finale 2009, das Pokalfinale 2010 und das WM-Halbfinale gegen Spanien. In diesen Spielen kam Özil nicht so zur Geltung, wie man es von einem Weltklassespieler erwarten würde. Ganz davon abgesehen, dass kaum ein Spieler (inkl. Weltfußballer Messi) ohne Leistungsschwankungen auskommt, kann dieses Argument nicht völlig von der Hand gewiesen werden. Allerdings zeigen einige andere Beispiele, dass es sich hierbei wohl eher um normale Leistungsschwankungen eines jungen Spielers handelt, als um ein generelles Problem mit der großen Fußballbühne. Nach dem enttäuschenden UEFA-Cup Finale im letzten Jahr schoss Özil das Siegtor im Pokalfinale und war beim Finale der U21-EM der Man of the Match. In der abgelaufenen Saison bot er im vorentscheidenden Spiel um den 3. Platz gegen Schalke eine herausragende Leistung und auch auf der vermeintlich größten Bühne, bei der Weltmeisterschaft, präsentierte er sich von seiner besten Seite. An diesen letzten Halbsatz schließt sich das zweite Argument an:

“Özils Leistung bei der WM wird überbewertet!”

Gerade vor ein paar Tagen erst wieder gehört: Özil habe pro Spiel nur 2-3 gute Szenen gehabt und sich ansonsten versteckt. Dieses Argument beruht meiner Ansicht nach auf einem Missverständnis. Özil spielt auf der Spielmacherposition und wird deshalb als “echter 10er” angesehen. Özils Spielweise unterscheidet sich jedoch deutlich von der “klassischer” Spielmacher. Gerade für deutsche Verhältnisse – unser größtes Mysterium der letzten Jahre war die Frage, ob Michael Ballack nun 6er, 8er oder 10er ist – ist Özil ein höchst ungewöhnlicher Spieler. Er spielt sehr offensiv, meistens auf der Höhe eines zurückhängenden Stürmers, und holt sich nur wenige Bälle an der eigenen Mittellinie ab. Während bspw. Bastian Schweinsteiger aufblühte, als er nach hinten versetzt wurde und das Spiel endlich vor sich hatte, geht Özil den entgegengesetzten Weg. Er sucht in erster Linie nicht den Ball, sondern den freien Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners. Dadurch ist er für gegnerische Defensivabteilungen schwer zu greifen und schafft Räume für seine Mitspieler indem er Verteidiger aus der Viererkette lockt bzw. einen defensiven Mittelfeldspieler weit nach hinten zieht. Am Ball ist Özil gut, jedoch (noch) nicht auf allerhöchstem Niveau – ohne Ball ist er herausragend. Ähnlich wie Thomas Müller hat Özil ein extrem gutes Gefühl für Spielsituationen und Lücken, wobei Müller durch seine Torgefahr noch mehr auffällt. Bei der WM haben beide sehr voneinander profitiert, was vielleicht auch ein Grund für Özils mangelndes Durchsetzungsvermögen gegen Spaniens Sergio Busquets war.

2. Für Özils Entwicklung wären 1-2 weitere Jahre bei Werder am besten.

Als Mesut Özil von Schalke zu Werder wechselte, war er 19 Jahre alt und galt als einer der talentiertesten deutschen Mittelfeldspieler. In seinen inzwischen 2 1/2 Jahren an der Weser hat er sich weiterentwickelt, den Status des “Talents” spätestens in der abgelaufenen Saison überwunden und gehört mittlerweile zu den besten Mittelfeldspielern der Bundesliga. Seine Leistungen sind teilweise überragend, doch es fehlt noch an der Konstanz, die für die absolute Weltspitze nötig ist. Es gibt gute Argumente, die für einen Verbleib bei Werder für zumindest eine weitere Saison sprechen: Hier hat er ein ruhiges Umfeld und einen Trainer, der auf ihn baut. Dazu winkt in der kommenden Saison eine Champions League Teilnahme. Der Kader wäre bei Özils Verbleib ebenfalls stärker einzuschätzen. Bei einem Wechsel zu einem großen Verein hätte er stärkere Konkurrenz. Zudem würde der Druck um ein Vielfaches anwachsen. Allerdings ist es genau dieser Konkurrenzdruck, der Spieler auch weiterbringen kann. Wenn das Potential für die ganz großen Vereine reicht, wird kaum ein Spieler allzu lange für Werder zu halten sein. Die warnenden Beispiele der ehemaligen Werderspieler, die sich nach einem Wechsel nicht durchgesetzt haben, sind hier nur bedingt als Argument tauglich. Letztlich liegt es am Spieler selbst und an dessen Potential, sich auf höchstem Niveau zu beweisen. Vielleicht wird Özil daran scheitern, doch eine pauschale Aussage, dass er sich bei Werder besser weiterentwickeln kann, ist mehr Wunschdenken als erwiesene Tatsache.

Dazu kommen die Anfeindungen, die Özil schon jetzt entgegengebracht werden. Solange er keinen neuen Vertrag bei Werder unterzeichnet, wird er in der Fankurve kaum seinen schlechten Ruf verbessern können. Sollte Özil in ein Leistungsloch fallen, wie vor drei Jahren Miroslav Klose, würde er vermutlich starker Kritik ausgesetzt sein. Dies widerspricht den oben getroffenen Aussagen über das ruhige Umfeld bei Werder. Wenn die Leistung nicht stimmt, droht Özil bei Werder ein Spießrutenlauf, der seiner Entwicklung sicher nicht besser täte, als ein Platz auf der Bank des FC Barcelona.

3. Özil und sein Berater sind geldgeil

Diese Auffassung wurde geschürt durch die Kampagne, die von Özils ehemaligem Arbeitgeber nach einer erfolglosen Vertragsverlängerung betrieben wurde. Özil und sein Berater hätten absurde Forderungen gestellt, so der Grundtenor. Auch in diesem Jahr erweisen sich die Beiden als schwierige Verhandlungspartner. Der Hintergrund: Bei einer Vertragsverlängerung würden die zu erwartenden Transfererlöse bei einem Verkauf des Spielers steigen. Je geringer die Ablösesumme, desto größer die Chance auf ein hohes Handgeld für den Spieler. Bei einem ablösefreien Wechsel nach Vertragsende könnte Özil daher einen sehr hohen Betrag als Handgeld kassieren. Diese Spekulation auf einen höchstmöglichen Profit wird Özil und seinem Berater übel genommen. Sicherlich gibt es auch Spieler, die in dieser Situation anders handeln würden, doch grundsätzlich versuchen im Profifußball beide Vertragsparteien das bestmögliche für sich selbst herauszuholen. Allerdings zeigte gerade Özils Wechsel zu Werder, dass Geld nicht das alleinige Entscheidungkriterium für ihn ist. Das Argument der Fixiertheit auf den persönlichen Profit kann trotzdem nicht entkräftet werden.

Interessant wird es jedoch, wenn es zur Profitorientierung der Kritiker selbst kommt. Die Forderung den Spieler jetzt schnell möglichst teuer zu verkaufen passt nicht unbedingt zur vorangegangenen Kritik an Özil. Die Tatsache, dass Spieler von vielen Fans als freibewegliches Handelsgut angesehen werden, wird dabei gerne ausgeblendet. Einerseits wünscht man sich eine tiefe Verbundenheit der Spieler zum eigenen Verein, andererseits würde man die meisten Spieler persönlich zum Flughafen bringen, wenn denn die Ablöse stimmt. Das Profigeschäft führt immer wieder zu solchen Widersprüchen zwischen materiellem Denken und romantischer Vereinstreue. Es ist legitim, Fußballspieler für diese Einstellung zu kritisieren, doch dann sollte es sich generell gegen die Zustände im Profifußball richten und nicht selektiv gegen einzelne Spieler. Marko Marin und Per Mertesacker sind schließlich auch nicht ganz ohne finanzielle Anreize nach Bremen gekommen.

4. Özil ist undankbar und hat einen schlechten Charakter

Ex-Werderspieler Diego verlängerte im Herbst 2007 seinem Wechsel seinen Vertrag bei Werder um weitere 12 Monate bis 2011. Dafür gab Werder dem Spieler ein Versprechen, ihn bei einem vernünftigen Angebot im Sommer 2009 gehen zu lassen. Die von vielen Werderfans als zu niedrig empfundene Ablösesumme ist auch Resultat dieser Vereinbarung. Mit Mesut Özil wurde dem Vernehmen nach ein ähnlicher Deal angestrebt: Eine Vertragsverlängerung mit deutlicher Gehaltsaufbesserung und der Aussicht auf einen problemlosen Wechsel bei entsprechenden Angeboten. Anders als Diego, dessen Vertrag ohnehin noch drei Jahre lief, ist Özil in einer ganz anderen Position. In einem Jahr kann er ablösefrei wechseln und das entgangene höhere Gehalt, das er bei einer Verlängerung bekäme, würde durch eine hohe Handgeldzahlung mehr als kompensiert. Verkauft ihn Werder dagegen schon in diesem Sommer, winkt bei einem anderen Verein schon jetzt ein höher dotierter Vertrag als er ihn bei Werder je bekommen könnte. Der Anreiz für eine Vertragsverlängerung ist also recht gering, wenn man nicht von einem langfristigen Verbleib bei Werder ausgeht.

Dennoch könnte Özil mit einer solchen Geste seinem Verein einen Gefallen tun, was bei Diegos Verlängerung sicherlich mit ausschlaggebend war. Dieses Vorgehen ist jedoch nicht alltäglich und kann nicht bei jedem Spieler vorausgesetzt werden. Werder hat sich in der Vergangenheit meistens sehr fair gegenüber den eigenen Spielern verhalten und auslaufende Verträge von verletzten (Kristian Lisztes) oder kranken Spielern (Ivan Klasnic) verlängert. Andererseits hat Mesut Özil öffentlich niemals gesagt, dass er seine Zukunft bei Werder sieht. Von daher wäre ein Verzicht auf einen neuen Vertrag konsequent und ehrlich. Zumal von Seiten vieler Fans auch das gegenteilige Verhalten bei Spielern kritisiert wird. Würde Özil Werder die Treue schwören und dann doch in einem Jahr wechseln, würde er als Verräter bezeichnet. In dieser Hinsicht kann man ihm nichts vorwerfen, denn er hat nie solche Äußerungen gemacht, auf die man ihn jetzt festnageln könnte. Interessant in dieser Hinsicht: Erfüllt ein Spieler seinen Vertrag ohne die von den Zuschauern gewünschte Leistung zu bringen, wird er ebenfalls schnell als Abzocker verschrien. Aus diesem Grund ist es auch absurd Klaus Allofs vorzuwerfen, er hätte Özils Vertrag schon vor über einem Jahr verlängern sollen. Werders momentane Probleme auf dem Transfermarkt kommen eher von Spielern, die der Verein abgeben will, aber aufgrund hoch dotierter Verträge nicht so einfach los wird.

Alle genannten Gründe führen zu einem schlechten Gesamtbild des Spielers und des Menschen Mesut Özil. Zwar teilen keinesfalls alle Fans diese negative Meinung, doch die allgemeine Stimmung scheint bereits in diese Richtung gekippt zu sein. Ob sich diese Entwicklung im Fall eines Verbleibs in diesem Sommer noch rückgängig machen lässt, darf bezweifelt werden. Von daher stellt sich auch die Frage, inwiefern Spieler und Verein in der kommenden Saison noch voneinander profitieren können. Daher deutet vieles auf einen Abschied hin. Ein Abschied, der beim introvertierten und verschlossenen Özil weniger emotional ausfallen dürfte als bei Publikumslieblingen wie Diego oder Ailton, der jedoch trotzdem schmerzen würde. Denn eines scheint sicher: Özil wird seinen besten Fußball nicht im Werdertrikot gespielt haben.

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded

Vor einem Jahr drehte sich alles um die Frage, welches System Werder nach dem Abgang von Diego wohl spielen würde. Die Abkehr von der Raute im Mittelfeld wurde in der vergangenen Saison tatsächlich vollzogen. Werder probierte unterschiedliche Formationen aus und spielte einen Großteil der Saison mit nur eine echten Sturmspitze. Zum Ende der Saison setzte Schaaf wieder vermehrt auf das 4-4-2, sowohl mit Raute (gegen Schalke) als auch ohne (gegen Bayern). Mit Marko Marin, Mesut Özil, Aaron Hunt und der Neuverpflichtung Marko Arnautovic besitzt Werder so viel Offensivpotenzial wie kaum eine andere Mannschaft in der Liga – falls Özil denn tatsächlich bleiben sollte. Die schwierige Aufgabe für Thomas Schaaf besteht nun darin, für sein Team die ideale Formation und die ideale Spielweise zu finden.

Auf dem Papier sieht die Ausgangssituation sehr gut aus. Die Mannschaft ist in verschiedenen Systemen erprobt, ist eingespielt und hat für viele unterschiedliche taktische Varianten das richtige Personal im Kader. Werders Spielweise ist hingegen ziemlich gleichbleibend. Bis auf wenige Ausnahmen gilt hier noch immer Schaafs Doktrin aus der Meistersaison: Wir wollen etwas anbieten, die aktive Mannschaft sein, das Spiel in die eigene Hand nehmen. Dazu gehören Pressing, eine hoch stehende Abwehrkette, der direkte Spielaufbau über die defensiven Mittelfeldspieler und das Überzahlspiel im Mittelfeld. Ebenfalls ein fester Bestandteil in Werders Spiel ist eine zentrale Figur in der Offensive. Von deren Fähigkeiten hängt im Wesentlichen das Offensivspiel ab. Johan Micoud war ein Stratege und Lenker, Diego hatte seine Stärken vor allem am Ball während Özils großes Plus sein Spiel ohne den Ball ist. Die WM hat gezeigt, dass es nur wenige Spieler gibt, die sich so gut zwischen Abwehr- und Mittelfeldreihen der Gegner bewegen. Sollte Özil bleiben, wird man sicher alles versuchen, diese Stärke so gut wie möglich einzusetzen.

In der letzten Saison spielte Werder zudem nach langer Zeit wieder mit offensiven Außenspielern. Mit Marin und Hunt hat man jedoch zwei Spieler, die sich nicht unbedingt durch geschicktes Defensivverhalten auszeichnen. Neuzugang Arnautovic kann in der Offensive jede Position spielen, steht aber ebenfalls nicht in dem Ruf, viel für die Defensive zu tun. Hier ist die erste Hürde erkennbar, die nicht neu ist für Werder: Fehlendes Gleichgewicht zwischen Offensive und Defensive. Spätestens seit Spaniens WM-Erfolg dürfte offensichtlich geworden sein, wie man als offensiv gepolte Mannschaft “defensiv” spielt: Durch Pressing und Ballkontrolle. Das Pokalfinale gegen die Bayern hat gezeigt, dass Werder mit dem vorhandenen Personal eine passive Grundhaltung nicht liegt. Die bisherigen Neuverpflichtungen deuten auch nicht darauf hin, dass hier ein Umdenken stattgefunden hat. Dies ist in erster Linie ein Frage der Spielweise und nicht des Systems. Ob Werder im 4-2-3-1 oder im 4-4-2 spielen wird, dürfte eher an den Leistungen der zentralen Mittelfeldspieler liegen.

Frings bildete zusammen mit Bargfrede eine gute Absicherung der Offensivabteilung, doch keiner von beiden ist ein Stratege. Frings schlägt teils gute Pässe in die Spitze, kann das Spiel antreiben, aber nicht lenken. Tim Borowski und Daniel Jensen sind zwei Spieler, die das grundsätzlich können. Leider konnten beide in der letzten Saison aus unterschiedlichen Gründen nicht die von ihnen erwarteten Leistungen abrufen. So bildete sich bei Werder schnell ein Gefälle zwischen den Tänzern vorne und den Haudegen dahinter. Der Spieler, der in der vergangenen Saison am meisten dafür tat dieses Gefälle zu schließen, war ausgerechnet Claudio Pizarro. Dies dürfte auch ein Grund sein, warum Werder so hartnäckig an einer Verpflichtung des Brasilianers Wesley arbeitet. Die große Problemstelle ist nämlich nicht die linke Abwehrseite, sondern das defensive/zentrale Mittelfeld. Und dort ist nicht die Qualität der vorhandenen Spieler das Problem, sondern die fehlende “ordnende Hand”. Ein Grund für Werders Erfolg mit der Raute liegt wohl auch darin, dass sie Platz für zwei “ausgewogene” Spieler auf den Halbpositionen bietet, die als Bindeglied zwischen Offensive und Defensive fungieren. Schon in Diegos letzter Saison kam diese Ausgewogenheit im Team abhanden, zugunsten größerer Spezialisierung: Özil und Frings, die beiden gesetzten Spieler auf den Halbpositionen, könnten unterschiedlicher kaum sein.

In der letzten Saison verstärkte sich dieser Gegensatz durch die Systemumstellung noch. Diese Form der Spezialisierung ist im internationalen Fußball seit Jahren zu beobachten. Die klassischen Box-to-box Spieler werden immer seltener. Für Werder könnte es wichtig sein, in der kommenden Saison wieder einen davon im zentralen Mittelfeld zu etablieren, egal ob es nun Borowski, Jensen oder tatsächlich Wesley ist. Die Leistungen der letzten Saison sprechen jedoch eher für Frings und Bargfrede als Doppelsechs. Ein “Typ Schweinsteiger” ist nicht so einfach zu bekommen.

Viel entscheidender als die Frage nach der Grundformation ist die Frage nach der Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen. Hier gibt es insbesondere zur letzten Rückrunde noch einigen Steigerungsbedarf. Was die Spielsysteme angeht scheint mir Werder gereift, der Kader besser auf verschiedene Variationen ausgelegt als noch vor ein paar Jahren. Das bedeutet jedoch auch, dass es ein paar Leidtragende geben könnte, wenn sich Schaaf auf ein System festlegt. Beim Spiel mit der Raute wäre das Marko Marin, beim 4-2-3-1 wären es Tim Borowski und Daniel Jensen. Für Werder könnte es schlimmere Probleme geben.

Bereits erschienen:

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Es folgt:

Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr
Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff

WM 2010: Deutschland – Spanien

Deutschland – Spanien 0:1

Aus der Traum vom vierten Stern. Die Spanier waren gestern eine Nummer zu groß für diese junge Mannschaft. Sicher kein Grund so richtig enttäuscht zu sein, denn das deutsche Team hat eine tolle WM gespielt. Die Siege gegen Argentinien und England und die Art und Weise, wie sie herausgespielt wurden, werden noch lange nachhallen. In Südafrika wurde ein neues Fundament geschaffen, auf dem man für die nächsten 6 – 8 Jahre aufbauen kann.

Dank einer überraschenden taktischen Umstellung (Pedro statt Torres) konnten die Spanier ihr Kurzpassspiel wie gewohnt aufziehen und trotzdem für Gefahr über die Flügel sorgen. Defensiv kann man dem deutschen Team kaum einen Vorwurf machen, außer dass sie sich zu weit nach hinten drängen ließen. Das war schon 2008 das Problem. Spanien beherrscht es wie kein zweites Team bei dieser WM, seine Gegner hinten einzuschnüren. Man kann diese Spielweise mit scheinbar endlosen Ballstaffetten langweilig finden, weil sie gegen gute Gegner nicht zu einem allzu schnellen Spiel oder vielen Torchancen führt. Sie aber (wie Marcel Reif gestern abend) als schlecht zu bezeichnen, schießt deutlich am Ziel vorbei. Das Spiel war auf einem hohen Niveau und eines WM-Halbfinales absolut würdig. Mit Spanien hat es auch den verdienten Sieger gefunden.

Nach dem Spiel fühle ich mich ein bisschen bestätigt in meinen Aussagen bezüglich Spaniens Plan B. Die Taktik wurde für das Spiel leicht angepasst, aber die allgemeine Spielweise blieb über die gesamten 90 Minuten fast gleich. Als einzige Mannschaft schafften sie es, sowohl Özil aus dem Spiel zu nehmen (mein Man of the Match: Sergio Busquets) als auch die defensiven Mittelfeldspieler pausenlos unter Druck zu setzen. Nach dem Führungstor gaben die Spanier den Deutschen etwas mehr Ballbesitz, zogen sich jedoch nicht vollständig zurück, sondern störten den Spielaufbau weiterhin bevor er richtig gefährlich wurde. Eine wirkliche Ausgleichschance konnte sich die deutsche Mannschaft nicht erspielen. Wenn also eine Mannschaft einen Plan B benötigte, dann die Deutschen. Falls dieser Plan B die Einwechslung von Mario Gomez gewesen sein soll, dann ist sie kläglich gescheitert. Ein detaillierte taktische Aufarbeitung des Spiels gibt’s (wie immer) bei Zonal Marking. Dort steht eigentlich alles drin, was es dazu zu sagen gibt.

Gewurmt hat mich neben der passiven Herangehensweise, die man dieser jungen Mannschaft jedoch nicht vorwerfen sollte, die Entstehung des Führungstores. Wahrscheinlich hätte Spanien irgendwann auch aus dem Spiel heraus getroffen, zur Not in der Verlängerung. Trotzdem sollte man es dem Gegner nicht so leicht machen bei einer Standardsituation. Dieses Tor war kein Zufallsprodukt, sondern ein einstudierter Spielzug, den ich gestern nicht zum ersten Mal gesehen habe: Die Ecke wird auf Pique gespielt, der zum Kopfball hochsteigt, aber nicht zum Ball geht. Dadurch schirmt er den Ball vor den Verteidigern ab. Von hinten kommt dann ein anderer Spieler – in diesem Fall Puyol – und köpft den Ball rein. Das funktioniert natürlich nur gegen Mannschaften, die bei Standards Raumdeckung spielen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die deutschen Scouts das Team nicht auf diese Variante vorbereitet haben. Umso trauriger, dass Spanien auf so einfache Weise das Spiel entscheiden konnte.

Nun bin ich sehr gespannt, wie sich die Niederlande im Finale schlagen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie gegen Spanien von einem Rückstand zurückkommen können. Allerdings haben sie die Erfahrung und den Zynismus, die Spanier über 90 Minuten zu nerven und vielleicht einen entscheidenden Konter zu setzen. Ein schnelles Spiel sollte man auch hier nicht erwarten. Für Deutschland geht es gegen Uruguay zumindest um den dritten Platz, der zwar nur ein schwacher Trost, aber eine verdiente Belohnung für dieses tolle Turnier wäre. Löw hat sich die Spanier zum Vorbild genommen und seiner Mannschaft einen ähnlichen Stil beigebracht. Gestern hat sich das Original durchgesetzt. Spaniens goldene Generation hat ihren Zenit erreicht. Deutschlands goldene Generation steht noch am Anfang ihrer Entwicklung und ist dafür schon verdammt weit.

Die Sache mit dem Plan B

Ein Vorwurf, dem sich unser heutiger Gegner Spanien immer wieder ausgesetzt sieht, ist der, dass sie keinen Plan B haben. Ähnlich Vorwürfe gibt es auch immer wieder gegen den FC Barcelona, der ähnlich spielt. Die Teams, so der Vorwurf, seien nicht in der Lage, auf unvorhergesehene Situationen adäquat zu reagieren, indem sie ihre Spielweise umstellen.

Grundsätzlich sollte man die Frage stellen, warum ein “Plan B” hier überhaupt nötig ist. Ist eine Mannschaft, die im Jahr 1 nach der erfolgreichsten Saison der europäischen Vereinsfußballgeschichte den Rekord von 99 Punkten in der heimischen Liga aufstellt, mit ihrem Plan A nicht erfolgreich genug? Braucht eine Mannschaft, die amtierender Europameister ist, seit dem Titelgewinn bis WM-Beginn von 26 Spielen 25 gewonnen hat, in den letzten 43 Monaten nur zwei Fußballspiele verloren hat und nun im WM-Halbfinale steht, wirklich einen Plan B? Klingt doch nach einem ziemlich guten Plan A.

Die Idee des Plan B ist es, auf Situationen, in denen die Ausgangstaktik nicht funktioniert, reagieren zu können. Sei es durch eine Umstellung des Systems, der Spielweise oder durch Variationen. Hierbei wird schon deutlich, dass es sich beim Problem der Spanier wie Katalanen um ein Luxusproblem handelt. Die Ausgangstaktik funktioniert fast immer. Das liegt unter anderem daran, dass man im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften sowohl eine ausgereifte Spielidee als auch das passende Spielermaterial dazu hat. Das geniale an der Spielidee ist, dass sie sowohl als Offensiv- wie als Defensivkonzept taugt. Die Tormaschinen Spanien und Barcelona gehören zu den Teams, die mit die wenigsten Gegentore im europäischen Fußball kassieren. Das verstärkt einerseits natürlich die Wahrnehmung, dass es einen Mangel an Variation gibt, wenn die Spielweise bei 0:1 sich von der Spielweise bei 3:0 kaum unterscheidet. Andererseits ist es für die Spieler viel einfacher, weil sie sich nur marginal umstellen müssen. Die Änderungen erfolgen dann eher in Details, aber das große Ganze bleibt gleich.

Mir scheint es eher ein Wahrnehmungsproblem zu sein, als ein Versäumnis der Spanier. Die Gleichung Plan A = Plan B ist für manche Beobachter eben nicht zufriedenstellend. Dennoch hat z.B. der FC Barcelona in der vergangenen Saison versucht, seine Optionen zu erweitern und in Zlatan Ibrahimovic einen großen Mittelstürmer eingekauft. Wenn man so will ist das ein Plan B im eigentlichen Sinne. Interessant ist dabei, dass genau in den Spielen, die gemeinhin als Paradebeispiel für den fehlenden Plan B angeführt werden – die Champions League Partien gegen Inter Mailand – diese Variante nicht funktionierte. Besonders im Rückspiel wurde Barcelona erst dann richtig torgefährlich, als Ibrahimovic vom Feld ging und der eigentliche Plan A zum Einsatz kam. Interessant ist auch, dass Inter in diesem Rückspiel keinerlei Plan B im Gepäck hatte und mit einem ultradefensiven Plan A zum Erfolg kam. Nur: Der Erfolg bestand in einer 0:1 Niederlage, die billigend in Kauf genommen wurde. Selbst ein fast ausnahmslos gegen den Ball arbeitendes Inter Mailand konnte Barcas Torgefahr nicht vollständig stoppen. Die spannende Frage ist nun: Hätte Barcelona mit einem anderen Konzept, also in diesem Fall einem Plan C, bessere Chancen auf ein Weiterkommen gehabt?

Dieser Aspekt wird bei der Diskussion um den Plan B gerne vergessen: Die Erfolgswahrscheinlichkeit des Plan A. Wenn Spanien 95% der Spiele wie gegen die Schweiz mit seinem Plan A zumindest nicht verliert, wie sinnvoll ist dann eine Umstellung auf einen wie auch immer gearteten Plan B? Als Beobachter hat man den Vorteil, den Ausgang des Spiels abwarten zu können und dann eine Aussage darüber zu treffen. Als Trainer muss man die Entscheidung vor oder während des Spiels treffen, was wesentlich schwieriger ist. Die Zielsetzung kann es daher gar nicht sein, eine zu 100% richtige Entscheidung zu treffen (was unter Unsicherheit sowieso nicht möglich ist), sondern die Erfolgswahrscheinlichkeit zu maximieren. Das klappt sowohl bei der spanischen Auswahl als auch beim FC Barcelona seit Jahren hervorragend, führt aber eben nicht zu einer Siegesgarantie. Gerade bei einem Turnier mit K.O.-Spielen macht das den Reiz aus, weil ein Ausrutscher nicht ausgeglichen werden kann (und ergo nicht immer die “beste” Mannschaft das Turnier gewinnt).

Im Hinblick auf das Spiel heute Abend habe ich keine Angst vor einem spanischen Plan B, sondern viel mehr davor, dass Plan A zu dem Ergebnis führt zu dem er meistens führt: zu einem spanischen Sieg. Allerdings hoffe ich, dass die deutsche Mannschaft schon so gut ist, dass sie mit ihrem eigenen Plan A (einen Plan B habe ich da nämlich ebenfalls nicht entdecken können) auch die Spanier ausschalten kann.

Inspiriert von Marcel Reif und diesem Beitrag bei allesaussersport

Schweinsteiger, Klose und Löw

Ich habe der deutschen Mannschaft diesen Erfolg nicht zugetraut. Wobei, stimmt nicht so ganz. Ich habe die Mannschaft ins Finale (gegen Argentinien) getippt. Aber ich habe ihr nicht zugetraut, einen solchen Fußball zu spielen. Und das ist der große Erfolg dieser Mannschaft, den ihr schon jetzt niemand mehr nehmen kann. Vielleicht reicht es am Ende für den Titel, vielleicht nicht. Es ist nicht weiter schlimm. In den letzten 3 1/2 Wochen wurden alle dunklen Vorahnungen, alle Zweifel, alle Kritik, alle Nörgelei hinweggefegt von einer über weite Strecken bravourös spielenden deutschen Nationalmannschaft.

Man kann alle Einzelteile dieser Mannschaft hervorpicken und beleuchten und so ihren Anteil am Erfolg deutlich machen, aber für mich stehen heute im Mittelpunkt drei Figuren, vor denen ich besonders den Hut ziehen muss. Weil ich an ihnen gezweifelt habe. Weil sie mich eines besseren belehrt haben.

Als Bastian Schweinsteiger bei der EM 2004 seine ersten Einsätze bestritt, konnte man sehen, dass er ein talentierter Spieler ist. Er stach durch seine technischen Fähigkeiten und Jugendlichkeit aus dieser alten Mannschaft hervor. Einerseits. Andererseits dachte ich: was ein egoistischer Schaumschläger! Wo ist die Übersicht, das Gefühl für die Spielsituation und die Mitspieler? 2006 hatte sich das schon deutlich geändert. Schweini und Poldi waren Teenie-Idole, die aber auch der Mannschaft weiterhalfen. Es schien der Beginn einer tollen Entwicklung zu sein. War es aber nicht. Schweinsteiger verharrte auf einem hohen, aber nicht herausragenden Niveau. Als Spielmacher funktionierte er nicht wirklich, auf der Außenbahn klappte es auch nicht so recht. Und dann kam Ribery zu den Bayern. Schweinsteigers Stern beim Rekordmeister war am Sinken. Vor einem Jahr konnte er sich nicht mal sicher sein, ob er eine Chance auf einen Stammplatz hat. Doch es kam nicht nur Robben, sondern auch van Gaal, der Schweinsteiger zu dem machte, was aus heutiger Sicht ganz sicher seine beste Rolle ist: Ein kreativer Defensivallrounder. Ein Spieler mit innerer Ruhe, Zweikampfstärke und dem Blick für das Spielgeschehen vor sich. Dazu die technischen Fähigkeiten, die es braucht um ein Spiel zu lenken. Es ist unwahrscheinlich, dass van Gaal ihm in 8 Monaten alles beigebracht hat, was er nun bei der Weltmeisterschaft zeigt. Es ist viel mehr wahrscheinlich, dass er als Erster gesehen hat, was in Schweinsteiger steckte, in ihm schlummerte und nun für alle Welt offensichtlich ist. Damit hat er nicht nur Joachim Löw die Augen geöffnet, sondern auch mir. Chapeau, Herr Schweinsteiger!

Von Miroslav Kloses Fähigkeiten brauchte mich niemand mehr zu überzeugen. Die hat er in Bremen drei zweieinhalb Jahre lang vorgeführt und auch wenn der Abschied schmerzhaft war, hat das an meiner grundsätzlichen Meinung über den Fußballer Klose nichts geändert. Es wäre sicher auch falsch, Kloses Zeit bei den Bayern als verschwendet zu bezeichnen, denn in seiner ersten Saison machte er lange vieles richtig und auch im Jahr darauf hatte er zumindest in der Champions League eine starke Torquote. Mit der Zeit hatte sich aber auch eine gewisse Lethargie in seinem Spiel breitgemacht. Wo er früher im richtigen Augenblick Übersicht und Mannschaftsdienlichkeit an den Tag gelegt hatte, um seine Mitspieler einzusetzen, war er plötzlich nur noch selbstlos, aber es diente der Mannschaft nicht mehr. Im Grunde war mir schon klar, dass er im richtigen Umfeld wieder zu alter Stärke finden könnte und ganz sicher noch kein Fall fürs Altersheim ist, aber in der vergangenen Saison wurden die Zweifel größer. Drei Tore nur in der Bundesliga und nun, ein paar Wochen später sollte er das Nationalteam als einzige Spitze anführen? Das schien mir dann doch etwas unrealistisch. Doch nun ist genau das eingetreten. Klose spielt eine sehr gute WM, hat in dreieinhalb Spielen mehr Tore geschossen, als für Bayern in einem Jahr und steht jetzt auf einer Stufe mit Gerd Müller auf Platz 2 der ewigen WM-Torjägerliste. Und wisst ihr was? Auch wenn ich mich bei 90% aller Werderfans unbeliebt mache: Ich freue mich für ihn! Drei Jahre lang war Klose auch bei mir eine Persona non grata und ich werde ihn ganz sicher nie wieder so richtig mögen, aber ich habe meinen Frieden mit ihm gemacht. Chapeau, Herr Klose!

Joachim Löw ist in Bremen vermutlich noch unbeliebter als Miro Klose. Frings zuhause gelassen, Wiese verschmäht und dann diese seltsamen Nominierungen angeblich mittelmäßiger Spieler des VfB Stuttgart? Was erlauben Löw! Langsam gehen einem die Argumente aus. So richtig vermisst wird Frings jedenfalls nicht, Neuer kann man kaum mehr als falsche Nummer 1 bezeichnen und vom VfB Stuttgart steht mit Khedira nur ein Spieler in der Startformation (und das zu Recht!). Der Rest kommt aus München, Bremen, Hamburg, Köln, Berlin und sogar Gelsenkirchen. Keine ausgeprägte Blockbildung mit Ausnahme der naheliegenden Überrepräsentierung der bayerischen Champions League-Finalisten. An Löws fachlicher Eignung hatte ich eigentlich nie großen Zweifel, an seiner menschlichen Eignung dagegen schon. Ich bin auch jetzt noch der Meinung, dass er gewisse Dinge anders und besser hätte lösen können. Dennoch: Er ist seinen Weg konsequent gegangen und hat sich nicht davon abbringen lassen. Sturheit ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Trainers. Vielleicht brauchte er genau diesen Widerstand, um zu seiner eigenen Höchstform zu finden. Was im Hintergrund abläuft, lässt sich aus der Ferne ohnehin nur unvollständig erkennen. Was sich jedoch klar erkennen lässt: Löw holt momentan aus seinen Spielern das Beste heraus und hat sie zu einer verschworenen Einheit geformt. Das bedeutet natürlich nicht, dass Löw unfehlbar ist. Entscheidend ist aber das große Ganze und da gibt es an Löws Entscheidungen bei dieser WM nichts zu rütteln. Chapeau, Herr Löw!

Ist Spanien das Deutschland der 70er?

Zur WM werden ja immer gerne Parallelen zu früheren Turniern gezogen. Spieler X erinnert an Spieler Y und Mannschaft A ist noch besser als Mannschaft B vor 16 Jahren. Ebenfalls beliebt sind bestimmte wiederkehrende Muster, nach denen sich der kommende Weltmeister ganz zweifelsfrei vorhersagen lässt. Ich springe jetzt einfach mal auf den fahrenden Zug auf und sage: Spanien wird Weltmeister!

Der Grund ist nicht ihr tolles Passspiel oder die Qualität ihrer Spieler, sondern, viel banaler: Spanien ist Deutschland 1974*! Als amtierender Europameister haben sie sich in den letzten Jahren viel Bewunderung erspielt und wurden vor dem Turnier als einer der großen Favoriten gehandel. Dann geriet ihr Motor jedoch irgendwie ins stocken. Die Vorrunde war ok, jedoch kein Glanzstück und dann gab es diese peinliche Niederlage gegen einen Fußballzwerg. In der K.O.-Phase erholte man sich langsam und spielte erfolgreichen, wenn auch nicht begeisternden Fußball. Im Halbfinale trifft man nun auf die Überraschungsmannschaft des Turniers und muss sich ernsthafte Sorgen machen, das Finale gegen die Holländer nicht zu erreichen. Dank eines Unwetters reicht es dann aber am Ende doch und das Finale wird auf äußerst schmeichelhafte Weise ebenfalls gewonnen.

Ob Del Bosque wohl schon Regentänze für Mittwoch einstudiert hat?

* Um die Analogie komplett zu machen: Deutschland ist Polen, die Schweiz ist die DDR und die Holländer sind die Holländer (wenn auch ganz anders).

WM 2010: Deutschland – Argentinien

Deutschland – Argentinien 4:0

Unwirklich. Ein 4:0 gegen das Argentinien von Messi, Higuain, Tevez, Mascherano in einem WM-Viertelfinale ist unwirklich. Zum Glück ist es auch das Argentinien von Demichelis, Otamendi, Romero und so ist es wiederum nicht mehr ganz so unwirklich. Und es ist das Argentinien des Diego Maradona, der gestern unter Beweis gestellt hat, dass er kein Taktik-Genie ist.

Wie erwartet spielte Argentinien im 4-4-2 mit Raute, wobei Rodriguez und di Maria auf den Halbpositionen nie so ganz glücklich wirkten. Die offensivschwachen Außenverteidiger Otamendi und Heinze kamen nur wenig mit nach vorne und so waren die argentinischen Außenpositionen in der deutschen Hälfte praktisch unbesetzt. Die beiden Stürmer standen sich und Messi auf den Füßen und machten es den beiden deutschen Viererketten in der Defensive relativ einfach, ihre Angriffe abzufangen. Das eigentlich erstaunliche war, dass Bastian Schweinsteiger neben seiner nicht gerade einfachen Aufgabe Messi zu bewachen, auch noch Zeit und Muße hatte das deutsche Offensivspiel zu beleben.

Überhaupt Schweinsteiger! Vor einem Jahr schien er bei Bayern keinen Platz mehr in der ersten Elf zu haben und nun ist er einer der besten Spieler auf seiner Position weltweit. Mit Mascherano auf Özils Füßen (der eine gelungene Schachzug von Diego) fiel mehr Verantwortung auf Schweinsteiger auch kreativ tätig zu werden. Das lässt sich in der Statistik ablesen: Während Özil eine sehr gute Passquote hatte, war Schweinsteigers deutlich unter seinem Durchschnitt. Dies ist ein Resultat der vertauschten Rollen, bei dem Özil die Bälle unter Bewachung quer auf die Flügel spielte, während sich Schweinsteiger an riskanteren Pässen in die Spitze versuchte. Für den freien Raum im Zentrum darf er sich bei Maradona bedanken. Selbst Argentinien kann es sich nicht erlauben, gleich drei Spieler von Defensivaufgaben zu entbinden. Sobald Lahm und/oder Boateng die Mittellinie überschritten, hatte Deutschland Überzahlspiel im Mittelfeld und setzte sich immer wieder gefährlich über die Außen durch. Gleich dreimal war es in der zweiten Halbzeit die linke deutsche Seite, von der Tore vorbereitet wurden. Am Ende wirkte es fast wie ein Trainingsspiel. Allein das sagt viel über die beiden Mannschaften.

Nun geht es im Halbfinale gegen Spanien, das nicht so dominant auftritt, wie man es nach den letzten Jahren erwarten durfte. Ein Freifahrtschein ist das jedoch bei weitem nicht. Gegen Paraguay gab es zwar wenig zu sehen, das Löw große Sorgen bereiten müsste, aber allein die Selbstverständlichkeit, mir der die Spanier ihre Spiele gewinnen, gibt ihnen alle Chancen sich gegen das junge deutsche Team durchzusetzen. Kurios waren die drei Elfmeter. Zuerst verschießt Paraguay, dann trifft Spanien, doch der Schiedsrichter lässt wiederholen. Dabei hätte auch der Elfmeter der Südamerikaner wiederholt werden müssen. Der dritte Elfmeter wird dann wieder gehalten und eigentlich hätte es direkt danach einen Vierten geben müssen. Unglaubliche Szenen, die über das etwas statische Spiel hinwegtrösteten. Von einer südamerikanischen Dominanz ist damit bei dieser WM nicht mehr viel übrig geblieben. Im Halbfinale stehen zwei Ex-Weltmeister und zwei Teams, die das Scheitern auf hohem Niveau perfektioniert haben. Die Rollen scheinen dabei vor allem bei Deutschland und den Niederlanden vertauscht. Schon allein deshalb könnte ich einer Neuauflage des Finals von ’74 viel abgewinnen.