Archiv für den Monat: August 2010

Mikaël Silvestre: Erfahrener Haudegen oder altes Eisen?

Als ich gehört habe, dass Werder Interesse an einer Verpflichtung von Mikaël Silvestre hat, war mein erster Gedanke: Um Gottes Willen! Mein zweiter Gedanke war: Bitte nicht! Warum eigentlich? War Silvestre nicht über Jahre hinweg bei Manchester United als Linksverteidiger gesetzt? War er nicht einer der Besten in Europa auf seiner Position? Ist er nicht dazu noch flexibel einsetzbar? Kann Werders Abwehr von solch einem Spieler nicht noch eine Menge lernen?

Silvestre der Weltklassespieler

Silvestres Erfolge sprechen für sich: 275 Spiele in der Premier League, 79 in der Champions League. Seine letzten Stationen hießen Inter Mailand, Manchester United und FC Arsenal. Seit 1998 hat er in jeder Saison in der Königsklasse gespielt. 1999 gewann er mit United den Weltpokal, neun Jahre später die Champions League. Nach seiner schweren Verletzung vor drei Jahren hielt ihn Arsène Wenger noch immer für gut genug, seiner jungen Mannschaft den nötigen Rückhalt in der Abwehr zu geben.

Silvestre war nie ein spektakulärer Spieler, eher ein Arbeiter, der seinen Job auf hohem Niveau zuverlässig erledigte. Als gelernter Innenverteidiger verbrachte er den Großteil seiner Karriere auf der linken Abwehrseite. Zweikampfstark, laufstark, gutes Stellungsspiel – der Fokus lag bei ihm stets zunächst auf dem Verteidigen und erst dann auf dem Spiel nach vorne. Das heißt jedoch nicht, dass er im Offensivspiel nicht zu gebrauchen war. Seine Flanken waren ziemlich passabel und die weiten Wege eines Außenverteidigers scheute er auch nicht. Allerdings suchte er jedoch längst nicht so konsequent und häufig den Weg nach vorne, wie heutzutage Philipp Lahm, Maicon oder Dani Alves. Silvestres größtes Plus war seine Konstanz. Über die Jahre zeigte er kaum Leistungsschwankungen, weshalb er sich um seinen Stammplatz lange Zeit keine Sorgen machen musste. Erst nach der Verpflichtung von Patrice Evra und einem Kreuzbandriss wurde Silvestres Standing bei den Red Devils nach und nach immer schlechter.

Silvestre der Aushilfsspieler

Im Sommer 2008 verpflichtete der FC Arsenal Silvestre und gab ihm einen Zweijahresvertrag. Von Alex Ferguson nicht mehr regelmäßig berücksichtigt war er für Arsène Wenger genau der richtige Mann, um seiner jungen Mannschaft etwas mehr Stabilität in der Defensive zu geben. Hinter den etatmäßigen Innenverteidigern William Gallas und Kolo Touré war Silvestre Ergänzungsspieler in der Innenverteidigung. Auf der Position der Linksverteidigers war mit dem in der Vorsaison starken Gaël Clichy ebenfalls ein Spieler gesetzt. Trotzdem kam Silvestre bei den von Verletzungsprobleme geplagten Gunners zunächst regelmäßig zum Einsatz. In der Rückrunde musste er jedoch meistens auf der Bank Platz nehmen. Insgesamt absolvierte er 23 Saisonspiele für Arsenal, davon 14 in der Premier League. In der folgenden Saison wurden seine Einsatzzeiten noch weniger. Erst gegen Ende der Saison, als Arsenal erneut Verletzungssorgen in der Abwehr hatte, wurde er regelmäßig in die Startelf berufen.

Von den Fans des FC Arsenal wurde Silvestre nie wirklich akzeptiert und hatte eine schwierige Zeit in Nord-London. Zunächst wurde er kritisch beäugt, weil er vom langjährigen Konkurrenten Manchester United kam und daher einen schlechten Ruf bei den Gooners hatte. Ein solcher Wechsel zwischen den beiden Vereinen ist absolut unüblich und kommt maximal alle 10 Jahre einmal vor. Zudem fragten sich viele Beobachter, warum Alex Ferguson ihn zu einem Spottpreis zu einem direkten Konkurrenten transferieren sollte, wenn er noch die nötige Qualität besäße. Für seine Leistungen auf dem Platz wurde Silvestre ebenfalls kritisiert und erlangte schnell einen Status als Unsicherheitsfaktor in der Viererkette. Arsène Wenger setzte trotz aller Probleme weiterhin auf ihn. Silvestre sollte vor allem auch neben dem Platz ein wichtiger Spieler für ihn sein, von dem seine jungen Spieler lernen konnten. Auf dem Platz kam er jedoch nie über den Status als Ergänzungsspieler hinaus und wurde von Wenger nur dann eingesetzt, wenn Not am Mann war.

Silvestre der Unsicherheitsfaktor

Im Juni 2010 endete Silvestres Zeit beim FC Arsenal. Wenger und der nun 33-jährige Ex-Nationalspieler konnten sich nicht auf einen neuen Vertrag einigen, was vor allem auf die wenigen Einsatzzeiten des Spielers zurückzuführen ist. Zu Weihnachten hatte es noch nach einer Verlängerung des Kontrakts ausgesehen. Wenger betonte immer wieder die Wichtigkeit Silvestres für sein Team, schenkte ihm jedoch nicht sein volles Vertrauen auf dem Platz. Die Nichtberücksichtigung Silvestres für den Kader beim Spiel gegen den FC Liverpool im Februar führte zu einem Bruch zwischen Spieler und Trainer. Die Trennung im Sommer nahm immer konkretere Formen an, auch wenn Wenger betonte, Silvestre gerne ein weiteres Jahr lang behalten zu wollen.

Im für Arsenal sehr ernüchternden Saisonendspurt spielte Silvestre wieder häufiger von Anfang an, was seinen Ruf bei den eigenen Fans jedoch noch mehr ramponierte. Bei den bitteren Niederlagen gegen Barcelona und Tottenham machte er eine unglückliche Figur und wurde für mehrere Gegentore verantwortlich gemacht. Bei den Gooners hielt sich die Trauer um seinen Abschied daher stark in Grenzen. Vielmehr waren viele Fans froh den vermeintlichen Unsicherheitsfaktor endlich los zu sein. Trotz anhaltender Abwehrsorgen und mehrerer Abgänge (Gallas, Senderos, Campbell) blieb Silvestre für die Saison 2010/11 unerwünscht.

Silvestre bei Werder Bremen

Die Kritik der Arsenalfans war sicherlich nicht ganz unbegründet, doch insgesamt gesehen zu hart. Auch wenn Silvestre nicht mehr den höchsten Ansprüchen genügt, war er doch ein zumindest einigermaßen solider Backup. Für Arsenals Ansprüche war dies auf dem Platz jedoch am Ende nicht mehr ausreichend. Nun kommt Silvestre in die Bundesliga zu einem Team, das eine ähnliche Spielphilosophie verfolgt und dessen Abwehrprobleme noch größer sind. Die Reaktionen der Fans sind gemischt, allerdings mit einem Übergewicht der positiven Kommentare. Doch was verspricht sich der Verein von Silvestre und wie realistisch sind diese Ansprüche?

Erfahrung – Silvestre ist zweifellos ein sehr erfahrener Spieler, der über ein Jahrzehnt auf höchsten Niveau Fußball gespielt hat. Diese Erfahrung soll er nun – wie beim FC Arsenal – an die jüngeren Spieler weitergeben. Nun liegen Werders Abwehrprobleme nicht unbedingt an mangelnder Erfahrung: Naldo, Per Mertesacker, Clemens Fritz und Petri Pasanen sind/waren gestandene Nationalspieler, die seit vielen Jahren Profis sind und regelmäßig spielen. Als junge Abwehrspieler bleiben lediglich Sebastian Prödl und Sebastian Boenisch. Dennoch kann Silvestre hier möglicherweise noch wichtige Impulse geben. Die Erfahrungen, die er bei mehreren europäischen Top-Teams gemacht hat, sind womöglich doch noch etwas höher einzuschätzen. Fraglich ist nur, wie schnell sich der Franzose ins Team integrieren und seine Erfahrungen weitergeben kann.

Vielseitigkeit – Silvestre ist gelernter Innenverteidiger, der den Großteil seiner Karriere als linker Verteidiger gespielt hat. Dabei hat er häufig betont, dass ihm die Position in der Mitte der Abwehr besser zusagt. Klingt irgendwie bekannt. Haben wir genau diesen Spieler nicht schon in Petri Pasanen? Eine Notlösung auf links, die sich dort eigentlich nicht so richtig wohl fühlt? Nun, Silvestre hatte auf dieser Position immerhin einen Stammplatz bei Manchester United. Allerdings ist er im Alter nicht schneller geworden und spielte bei Arsenal meistens in der Innenverteidigung. Eine Ideallösung für die linke Abwehrseite sieht anders aus, auch wenn Silvestre angesichts Werders Probleme auf dieser Position sicher Chancen auf einen Stammplatz hat.

Abgeklärtheit – Dieses Attribut schreibt man älteren Spielern mit viel Erfahrung gerne pauschal zu. Silvestre hat in seiner Karriere seine Abgeklärtheit häufig unter Beweis gestellt. Bei seinem letzten Arbeitgeber gelang im dies jedoch nicht wirklich. Silvestre wirkte häufig unsicher, was in Verbindung mit fehlender Schnelligkeit zu einem großen Problem werden kann. Zudem bekam er bei Arsenal und in seiner letzten Saison bei ManUtd wenig Spielpraxis, hat in den letzten drei Jahren nur 49 Pflichtspiele bestritten. Vielleicht kann er bei Werder – wo ihm wenig Gegenwind seitens der Fans entgegen blasen wird als bei Arsenal – noch einmal an seine Zeit bei United anknüpfen. Solange bei Werder kein Umdenken im Defensivspiel stattfindet und die Angriffe der Gegner weiter so unbehelligt vom Mittelfeld auf die Viererkette zurollen, sollte nicht erwarten, dass mit Silvestres Verpflichtung die Abwehrsorgen gelöst wären.

Wirtschaftlichkeit – Die Risiken der Verpflichtung halten sich für Werder in Grenzen. Da der Franzose ablösefrei zu haben war und man von einem stark leistungsbezogenen Vertrag ausgehen kann, sind die Kosten für den Transfer überschaubar. Die Vertragslaufzeit von zwei Jahren ist bei einem 33-jährigen ebenfalls in Ordnung, auch wenn aus Werdersicht ein Einjahresvertrag mit Option auf Verlängerung besser gewesen wäre. Im schlimmsten Fall hätte Werder einen vergleichsweise geringen finanziellen Verlust gemacht, im besten Fall einen wichtigen Spieler für kleines Geld verpflichtet.

Eine gute Verpflichtung?

Was spricht also nach all diesen Argumenten gegen die Verpflichtung? Nicht viel, wenn man den Transfer isoliert betrachtet. Silvestre verstärkt den Kader in der Breite und wahrscheinlich auch in der Tiefe. Der Transfer ist jedoch auch Zeichen für ein grundsätzliches Problem bei Werder: Während für Offensivspieler inzwischen auch Ablösesummen deutlich jenseits der 5 Mio. € gezahlt werden, hält man sich bei Defensivspielern merklich zurück. Die linke Abwehrseite ist seit Jahren eine Problemposition, die trotz zahlreicher Neuverpflichtungen der mittleren Kategorie nicht nachhaltig gut besetzt werden konnte: Ob Talente, wie Boenisch und Tosic oder namhaftere Spieler, wie Nery und Womé – zu häufig wurde die Notlösung mit Petri Pasanen zur besseren (bzw. weniger schlechten) Alternative. Mit der Verpflichtung Silvestres gesteht man dieses Manko implizit ein.

Nachdem alle Bemühungen der letzten Saison mehr (Abdennour) oder weniger (Boenisch) gescheitert sind, soll nun ein anderer Weg gegangen werden. Werder scheut die große Investition, sieht für kleineres Geld jedoch keinen Spieler auf dem Markt, der für eine deutliche Verbesserung sorgen könnte. Silvestre soll die kurzfristige Stabilisierung sein, die mittelfristig aber auch dem von Schaaf und Allofs hochgelobten, zuletzt aber kritisierten Boenisch eine Perspektive bietet. Ob dieser Weg der richtige ist lässt sich selbstverständlich erst im Nachhinein beurteilen, doch das (im Vergleich zu anderen Positionen) zurückhaltende Verhalten auf dem Transfermarkt schürt nicht die Hoffnung auf eine nachhaltige Verbesserung in der Defensive. Oder – um es mit Schaaf und Allofs Worten zu sagen – regt nicht die Fantasie an.

Allerdings, das muss man den beiden zugestehen, hatten sie gerade bei älteren Spielern bislang ein sehr gutes Händchen – man denke nur an Cesar, Micoud, Davala, Reinke und Ismael. Deshalb hoffe ich sehr, dass Mikaël Silvestre mich und alle anderen Kritiker eines besseren belehren wird. Willkommen bei Werder Bremen und bonne chance!

Gut genug

Bundesliga, 2. Spieltag: Werder Bremen – 1. FC Köln 4:2

Konnte man von diesem Spiel aus Werdersicht mehr erwarten? Für einen wirklichen Befreiungsschlag war der Gegner zu schwach, aber dafür bleibt ja in zwei Wochen die Partie gegen die Bayern. Vor der Länderspielpause sind Werders Probleme keineswegs gelöst, doch im Spiel gegen die Kölner standen die eigenen Stärken im Vordergrund.

Marko Arnautovic wird dieses Spiel besonders gebraucht haben, damit auch der letzte Beobachter erkennt, wozu er in der Lage sein könnte. Vor allem aber, damit die Negativschlagzeilen aufhören und ein ruhiges Arbeiten möglich ist. Thomas Schaaf fasste es gut zusammen: Marko hat viele Dinge richtig gemacht, einige Dinge aber noch nicht. Es dürfte niemanden im Bremer Umfeld stören, dass beim Österreicher noch Luft nach oben ist, wenn dabei trotzdem zwei Tore und eine Vorlage herausspringen. Ähnliches ließe sich über Marko Marin sagen. Bei ihm zeigt die Formkurve eindeutig nach oben, das Selbstvertrauen ist zurück und langsam kommt auch das Timing zwischen Dribbling und Abspielen wieder. Man muss diesen Spieler nehmen, wie er ist, und nicht versuchen, ihn zu etwas anderem zu machen. Ein Spielmacher ist er nunmal nicht, weshalb man sich schon fragen kann, warum Schaaf seine Startelf mit Raute im Mittelfeld spielen ließ. Ein 4-2-3-1 mit Marin auf links, Arnautovic auf rechts und Borowski in der Mitte wäre naheliegender gewesen.

Letzterer dürfte froh gewesen sein, nicht wieder auf der Außenbahn ranzumüssen. Auf der Halbposition im Mittelfeld zeigte er eine deutlich bessere Leistung als am Dienstag auf dem rechten Flügel. Bargfrede auf der anderen Seite konnte nach zuletzt ebenfalls unterdurchschnittlichen Leistungen an seine starke Frühform anknüpfen. Angesichts des wiedergenesenen Hunt, des Neuzugangs Wesley sowie des momentan fitten Jensen kann man sich von Werders Mittelfeld in dieser Saison einiges erhoffen. Lediglich die Aussetzer bei Torsten Frings, der gestern eine halbe Stunde brauchte, um richtig ins Spiel zu kommen, machen noch ein paar Sorgen. Es besteht jedoch berechtigte Hoffnung, dass er die Länderspielpause nutzen kann, um den Rückstand aufzuholen, den ihm seine Verletzung in der Vorbereitung eingebracht hat. Er hängt als Spieler absolut von seiner Fitness ab, das hat man in den letzten Jahren oft genug gesehen.

In der Bremer Abwehr stimmt längst noch nicht alles. Die Kölner waren zu harmlos, um die Schwächen häufiger aufzudecken, doch trotzdem kamen sie zu zwei Toren. Auf der Problemposition links in der Viererkette zeigte Boenisch eine ansprechende Leistung und dürfte damit Pasanen erstmal verdrängt haben. Ob dies etwas mit der bevorstehenden Verpflichtung von Mikaël Silvestre zu tun hat, kann wohl nur der Spieler selbst beantworten. Clemens Fritz bestätigte auf der rechten Seite seine starke Verfassung und hatte beim 4:1 (siehe unten) erneut eine klasse Offensivaktion. Nach der Achterbahnfahrt der letzten Wochen möchte man nicht krampfhaft nach dem Haar in der Suppe suchen (davon werden wir schon noch genügend finden), deshalb kann man mit dem Spiel und dem Ergebnis wirklich zufrieden sein. In zwei Wochen wissen wir dann schon besser, wo wir derzeit stehen.

Etwas zum Ärgern gab es gestern allerdings trotzdem: Die Kölner Auswärtsfans erwiesen sich als ziemlich unangenehme Gäste. Der Support der eigenen Mannschaft machte nur etwa 10% der Fangesänge aus. Der Rest der Zeit wurde mit Schmährufen gegen einen gegnerischen Spieler verbracht. Dass dieser Spieler dann den Elfmeter zum 1:0 herausholte, war aus Werdersicht umso erfreulicher.

Der Spielzug zu Werders 4:1:

Die Ausgangsposition auf der rechten Bremer Mittelfeldseite. Bargfrede (schwarz) hat den Ball an der Seitenlinie und passt auf die Halbposition zum durchstartenden Fritz (gelb). Aaron Hunt (magenta) und Hugo Almeida (hinter der Spielstandanzeige nicht zu sehen) binden die Außenverteidiger. Der spätere Torschütze Arnautovic (rot) steht noch unbeteiligt im Raum.

Das Kölner Mittelfeld ist schlecht gestaffelt: Die drei defensiven Spieler stehen auf einer Linie mit einem großen Abstand zur Viererkette. Clemens Fritz nimmt sofort Tempo auf, lässt einen Kölner aussteigen und zieht in den freien Raum im Zentrum vor der Abwehr. Jensen (blau) schiebt nach vorne und bindet den linken Kölner Innenverteidiger – der ihm ein paar Meter aus der Kette entgegen kommt – und verschafft Fritz so zusätzlichen Platz.

Nun spielt Werder die Kölner Unordnung super aus. Fritz setzt seinen Lauf ins Zentrum fort, ohne dass ein Kölner eingreifen kann. Almeida (weiß) sprintet ins Sturmzentrum und zieht den Kölner Rechtsverteidiger mit. Arnautovic startet im richtigen Moment, um den entstehenden Raum zu nutzen.

Die Kölner Viererkette ist aufgelöst. Der linke Innenverteidiger und der Rechtsverteidiger stehen im Zentrum bei Almeida. Der rechte Innenverteidiger wartet auf Fritz, um ihn zu blocken. Dieser spielt den Ball jedoch raus auf die linke Seite, wo Arnautovic frei in den Strafraum ziehen kann.

Der Rest ist für einen Spieler mit Arnautovics technischen Fähigkeiten kein Problem mehr. Gute Ballmitnahme und ein strammer Linksschuss ins lange Eck, bevor er vom Kölner Abwehrspieler gestellt wird. Es wäre ein schöner Schlusspunkt gewesen.

3 Fragen zum 1. FC Köln

Vor jedem Bundesligaspiel gibt es in dieser Saison ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners. Vor dem 2. Spieltag hat mir der Spielbeobachter drei Fragen zum 1. FC Köln beantwortet:

Für beide Clubs war der 1. Spieltag ziemlich ernüchternd. In Bremen ist der 1. FC Köln nicht unbedingt Favorit. Wäre Euer Saisonstart bei einer Niederlage gegen Werder völlig in die Hose gegangen oder alles halb so schlimm?

Völlig in die Hose gegangen im Sinne von “Der Trainer steht kurz vor der Entlassung, die Neueinkäufe werden hinterfragt, der Mob klingelt an Overaths Tür” wäre der Start wohl erst, wenn nach einer potentiellen Niederlage gegen Euch noch eine im Heimspiel gegen St. Pauli folgen würde. Grundsätzlich ist schon allen klar, denke ich, dass Werder trotz der Klatsche gegen Hoffenheim eine Mannschaft ist, die am Ende vor der des FC zu erwarten ist, insofern sollte eine Niederlage nicht das Ende aller Tage sein. Aber natürlich – 0 Punkte nach den ersten beiden Spieltagen, ein dann zu erwartender Tabellenplatz in der Abstiegsregion, wenn nicht gar ganz hinten: Ein guter Start sieht ganz anders aus. Sagen wir also: Irgendwo zwischen “Alles halb so schlimm” und “Völlig in die Hose gegangen”.

Werders Abwehr gilt allgemein als wenig sattelfest, was sich zu Beginn dieser Saison noch einmal gesteigert hat. Köln hat letzte Saison mit die wenigsten Tore der Liga geschossen. Neutralisiert sich das gegenseitig oder bist Du zuversichtlich, dass Ihr unsere Schwächen hinten ausnutzt?

In der letzten Saison war der FC extrem auswärtsstark, der sechste Platz in der Auswärtstabelle und die wenigsten kassierten Tore auf des Gegners Platz sprechen da eine deutliche Sprache – diese Stärke war allerdings vor allem der massiven Defensive zu verdanken. Das Augenmerk bei der Umgestaltung der Mannschaft lag in Folge dessen in erster Linie auf der Verstärkung der Offensive: Die Inthronisierung Taner Yalcins als offensive Kraft im Mittelfeld, der Einkauf von Mato Jajalo, die Versetzung Podolskis vom Mittelfeld in den Sturm – all das soll dem Ziel dienen, torgefährlicher zu werden. Ob das gelingt, insbesondere in der Frühphase der Meisterschaft, kann ich nicht beantworten, das Spiel gegen Kaiserslautern taugte ob der frühen roten Karte nicht als Gradmesser. Aber ich hätte ganz und gar nichts dagegen, wenn Werder dem mit ein wenig Hühnerhaufenstil nachhelfen würde.

Youssef Mohamad sah gegen Kaiserslautern eine sehr frühe rote Karte. In Deinem Blog hast Du Dich heftig über die lange Sperre für ihn aufgeregt. Hat sich Dein Ärger langsam verzogen oder bist Du immer noch sauer auf den DFB? Wie schwer wiegt der Verlust eures Kapitäns?

Unverständlich ist mir das immer noch. Die Standardstrafe für eine Notbremse sind 2 Spiele Sperre. Angesichts der Tatsachen, dass das “Foul” eher ein beidseitiges leichtes Gerangel war und dass schon das Spiel gegen Kaiserslautern quasi komplett ohne Mohamad bestritten werden musste, ist eine Strafe, die über diese Standardstrafe hinausgeht, nicht nachzuvollziehen. Und ja, Mohamads Fehlen wiegt schwer, nicht nur, weil er Kapitän ist und hin und wieder auch Vorne für Gefahr sorgen kann, sondern auch, weil sein Partner in der Innenverteidigung, Pedro Geromel, wegen eines Muskelfaserrisses ebenfalls fehlt. Damit fehlt die komplette Innenverteidigung, also das Prunkstück der letzten Saison. Das macht ein bißchen Sorge.

Dein Tipp?

Ich hoffe auf ein 2:2.

Teufelskerle

Champions League, Qualifikation, Rückspiel: UC Sampdoria – Werder Bremen 3:2 n.V.

Werder steht in der Champions League. Warum? Weil Werder Werder ist. Ein Spiel zum alle Haare einzeln rausreißen. Rausgerissen hat sich am Ende auch Werder. Am eigenen Schopf.

Dennoch war am Dienstag mehr als nur ein Haar in der Bremer Champions League Suppe zu finden. Werder spielte eine erste Halbzeit, die man eigentlich gegen keinen Gegner spielen darf, wenn man Profifußball betreibt. Es lief nichts, aber auch wirklich gar nichts zusammen. Kein vernünftiges Aufbauspiel aus dem Zentrum, kein Kombinationsspiel, keine gelungenen Soloaktionen von Marin auf der linken Seite, von Borowski sowieso nicht und erst recht keine Torgefahr von den Stürmern. Dazu nahm sich die Viererkette kollektive Auszeiten, in denen sie ihren Gegenspielern völlig planlos hinterherlief. Nach fünf engagiert geführten Minuten von Werder brach das fragile System in sich zusammen und brauchte eine gute Stunde, um wieder einigermaßen funktionstüchtig zu werden.

Werders 4-2-3-1 zog seine Stärken in der Offensive aus dem Wechselspiel zwischen Hunt, Özil und Marin, die trotz unterschiedlicher Anlagen doch alle variabel in der Mitte und auf den Flügeln agieren können. Mit Marin, Pizarro und Borowski hatte man drei völlig unterschiedliche Spielertypen, die die Positionen relativ statisch hielten und lange Zeit ihr eigenes Süppchen kochten. Wagner war alleine im Sturmzentrum überfordert, was man ihm kaum vorwerfen mag. Auch in der zweiten Halbzeit, als Werder sich peu a peu gegen ein passives Sampdoria zurück ins Spiel arbeitete, war das Fehlen einer ordnenden Hand deutlich erkennbar. Mit Arnautovics Einwechslung bekam Werders Offensivspiel mehr Gleichgewicht. Er hat zum ersten Mal richtig gezeigt, was für ein guter Fußballer er ist. Wenn Werder es schafft ihn richtig ins Team zu integrieren, dann wird er ein herausragender Spieler. Da sich auch Marin auf der anderen Seite nach einer unsäglichen ersten Halbzeit steigerte, kam Werder häufiger in die Angriffszone, ohne sich jedoch viele Torchancen herauszuspielen.

Sampdoria zeigte auf der anderen Seite, dass sie aus dem Hinspiel gelernt hatten. Das statische 4-4-2 wurde durch einige geschickte Rotationen aufgewertet, mit denen sich Werder lange nicht zurecht fand. Der linke Mittelfeldmann Guberti – neu im Team für den Flügelspieler Mannini – zog häufig in die Mitte, während sich Cassano nach außen fallen ließ. Clemens Fritz kam damit in der Anfangsphase überhaupt nicht zurecht und ohne den Platz (und die Zeit) aus dem Hinspiel hatten Frings und Bargfrede vor der Abwehr große Probleme beim Spielaufbau. Auf Sampdorias rechter Seite spielte Semioli einen wesentlich konservativeren Part auf der Außenbahn und wurde von Stankevicius häufig unterstützt. Bevor Werder sich so richtig auf Sampdorias System eingestellt hatte, stand es schon 2:0 für die Gastgeber. Pazzini ist ein wirklich sehr geschickter Strafraumstürmer, der nur schwer in den Griff zu bekommen ist. Dennoch ist die Lufthoheit des 180 cm Manns nur durch unzureichendes Stellungsspiel und Timing der Bremer Verteidiger zu erklären. Beim ersten Gegentor zögert auch Wiese zu lange. Die Flanke war sehr lange in der Luft, die hätte er abfangen können. Beim zweiten Gegentor hatte sich auch Clemens Fritz dann endgültig an das Niveau der restlichen Abwehr angepasst. Pazzini läuft ihm bei einem Freistoß im Rücken weg und darf im Strafraum mit dem Fuß zum Ball. Ein wirklich schöner Schuss, den man auf diesem Niveau aber niemals zulassen darf.

Werder verdiente sich die Verlängerung am Ende durch eine gute Schlussphase gegen deutlich nachlassende Italiener. Zumindest von der Einstellung her funktioniert die Mannschaft. Das 3:0 fünf Minuten vor dem Ende hätten viele Teams als endgültigen Knock-Out hingenommen. Werder bewies wie schon so oft in der letzten Saison große Moral und kam noch zum 1:3. Sampdoria kam nach Rosenbergs Tor nicht mehr zurück auf die Beine. In der Verlängerung dominierte Werder das Spiel um den nun überragenden Marin fast nach Belieben. Daher ist das Ergebnis nach insgesamt 210 Minuten gerecht, auch wenn man in Genua mit dem eigenen Schicksal hadern wird. Werder stolpert also in die Gruppenphase, fällt aber nicht. Vielleicht ist diese Erkenntnis für das Team ebenso wichtig, wie die erneut deutlich aufgezeigten Schwachpunkte.

Gegen Köln kann man sich nach dieser Partie fast alles vorstellen, von einer Fortsetzung des Hoffenheim-Debakels bis zu einem Schützenfest für Grün-Weiß. Werder scheint im Spätsommer 2010 noch in einer frühen Entwicklungsphase. Wohin die Reise geht? Die Achterbahnfahrt hat wohl gerade erst begonnen.

Wir Gutmenschen

Wir gucken Fußball.
Wir schalten den Fernseher an und irgendwann wieder aus.
Bevor Waldis WM-Club anfängt.
Oder wir gehen ins Stadion.
Bratwurst und Bier in einem Becher mit Spieleraufdruck.
Behalten oder Pfand zurück?
Wir gehen nie vor Abpfiff nach Hause.
Und auch danach tun wir es nur, weil dort jemand auf uns wartet.
Und sei es nur Waldis WM-Club.

Wir arbeiten.
Mal mehr, mal weniger.
Wir kommen pünktlich, gehen rechtzeitig, weil bald das Spiel anfängt.
Wir müssen die Vorberichterstattung sehen, obwohl uns die Aufstellungen seit Tagen ins Hirn gebrannt sind.
Wir arbeiten den Stapel Papier auf unserem Schreibtisch ab.
Ein Blatt nach dem anderen.
Wir kritzeln unsere Wunschformation auf ein leeres Blatt Kopierpapier.
Wir malen Pfeile und bunte Kringel.
Das Blatt landet im Aktenvernichter.
Wir basteln uns aus 2-Cent-Münzen eine Viererkette.

Wir gehen in die Kirche.
Warum wissen wir nicht.
Wir zünden Kerzen an und spenden.
Wir spenden für die Opfer der letzten Naturkatastrophe in einem Land, das uns fremd ist.
Das Fernsehen zeigt die Bilder.
Es ist schrecklich.
Wir fühlen uns schuldig, weil es uns doch eigentlich so gut geht.
Das halbnackte Kind mit dem abgerissenen Arm begleitet uns vor dem inneren Auge.
Bis das Spiel losgeht.
Wieder sehen wir schmerzverzerrte Gesichter.
Schwalbe!

Wir schützen die Umwelt.
Im Rahmen unserer Möglichkeiten.
Windenergie.
Pakete werden nur noch CO2-neutral verschickt.
Wir kennen unseren Carbon Footprint.
Man kann viel Wasser sparen, wenn man beim Einseifen die Dusche ausmacht.
Wir lassen das Auto mal stehen.
Ins Stadion fahren wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.
Einen Parkplatz bekommt man sowieso nicht und das Ticket gilt als Fahrkarte.
Die Straßenbahn ist in unserer Hand.
Wer nicht hüpft, der ist kein Bremer.

Wir machen uns Sorgen um die Zukunft.
Reicht das Geld im Alter?
Besser noch einen zweiten Rentenvertrag abschließen.
Oder doch lieber im Heute leben, weil morgen alles zu spät ist?
Alles wird teurer.
Eine kleine Tasse Kaffee für 2 Euro.
Wir kaufen ihn lieber im Fair Trade Laden und kochen ihn selbst.
170 Euro für die billigste Dauerkarte.
Begleitperson eines Rollstuhlfahrers müsste man sein.
Wer Spitzenfußball sehen will, muss Opfer bringen.

Wir kümmern uns um unsere Mitmenschen.
Wir haben eine Schwäche für die Schwachen.
You’ll never walk alone.
Wir sind sozial.
Großverdiener sind uns suspekt.
Und erst diese Banken!
Aber Sozialschmarotzer wollen wir auch nicht finanzieren.
Viele versuchen es ja gar nicht mehr, kleben nur noch vor der Glotze.
Schlafen unter Brücken oder in der Bahnhofsmission.
So geht Bank heute.

Wir fühlen uns schlecht, weil wir mehr tun könnten.
Wir könnten noch einen Euro mehr spenden.
Einen Liter Wasser mehr sparen.
Wir könnten noch öfter auf dem Wochenmarkt einkaufen, statt bei Aldi.
Obwohl wir nicht reich sind fehlt es uns an nichts.
Wir schämen uns, weil wir so undankbar sind.
Ein bisschen mehr Menschlichkeit für unsere Welt.
Seid fair zum 23. Mann.
Ich bremse auch für Bayernfans.

Wir machen uns Gedanken über die Probleme dieser Welt.
Und über den nächsten Gegner im Pokal.
Wir sind überall mit dabei, aber drehen uns um uns selbst.
Wir sind Fußballfans.
Wir können nichts dafür.

Fehleranalyse in drei Teilen

Normalerweise ist Kollege Johan Petersen vom Werder-Fußball-Blog für die grafische Aufarbeitung von Toren zuständig. Nachdem ich Werders katastrophale erste Halbzeit nun doch noch gesehen habe, versuche ich mich mal an einer Fehleranalyse anhand der drei ersten Gegentore, die viele Probleme aufzeigten, die Werder in der Defensive (nicht nur gestern gegen Hoffenheim) hatte.

Das 1:1

Ein Rechtsfuß als Linksverteidiger hat Vorteile, wenn sein Gegenspieler nach innen zieht. Ibisevic zeigte Pasanen vor dem 1:1 gleich zweimal, wie man einen rechtsfüßigen Linksverteidiger über außen umspielt. Die Szene ist sinnbildlich für Werders Probleme auf der linken Seite.

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Ibisevic geht mit dem Ball an der Außenlinie entlang, verfolgt von Pasanen. Prödl rückt einige Meter raus, um Pasanen zu unterstützen.

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Pasanen geht zweimal mit dem rechten Fuß zum Ball, macht dazu eine halbe Drehung in Richtung Grundlinie. Ibisevic geht beide Male mit einem einfachen Trick außen an Pasanen vorbei. Beim zweiten Mal zieht er anschließend in die Mitte und spielt einen scharfen, flachen Ball vors Tor.

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In der Mitte gibt es ein Missverständnis zwischen Wiese und Fritz, der den Ball vor dem heranrauschenden Mlapa zurück vor den kurzen Pfosten spielt. Dort kommt Ba an den Ball und kann ihn ins leere Tor schieben. Prödl steht zu weit von ihm weg und kann nicht mehr eingreifen.

Das 2:1

Eine funktionierende Abseitsfalle ist ein gutes defensives Stilmittel. Eine nicht funktionierende Abseitsfalle ist defensiver Selbstmord. Gegen Sampdoria spielten Fritz, Mertesacker, Prödl und Pasanen sie nahezu perfekt. Gegen Hoffenheim steht Pasanen zwei Meter hinter der Kette während Mertesacker herausrückt und einen Fehlpass spielt. Eine haarsträubende Aktion, die Hoffenheim das zweite Tor auf dem Silbertablett serviert.

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Ein Einwurf als Ausgangssituation. Compper (schwarzer Balken) wirft ein und Mertesacker (gelber Balken), der in dieser Situation näher an der Seitenauslinie steht als Außenverteidiger Fritz, antizipiert den Ball.

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Statt beim freistehenden Bargfrede (rot) landet Mertesackers Pass erneut bei Compper, der sofort den Pass in die Tiefe auf den startenden Mlapa spielt. Prödl (blau) versucht auf eine Höhe mit Fritz (magenta) zu kommen, um Mlapa abseits zu stellen.

Zwei03a

Pasanen (grün) merkt dies zu spät und hebt das Abseits auf. Mlapa kommt an den Ball und geht allein auf Wiese zu. Da Prödl in der Vorwärtsbewegung ist und sich erst drehen muss, kann er Mlapa nicht mehr rechtzeitig stellen. Werders Viererkette gibt bei einem gegnerischen Einwurf in der eigenen Hälfte ohne Not jegliche Formation auf. Hoffenheim nimmt mit einem einzigen Pass in die Tiefe acht (!) Bremer aus dem Spiel.

Das 3:1

Ein blitzsauberer Konter, der Mertesackers fehlenden Antritt gnadenlos offenlegt.

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Frings (gelb) verliert als hinterster Mittelfeldspieler 30 Meter vor dem Hoffenheimer Tor den Ball im Zweikampf gegen Gustavo (schwarz). Bleiben über 50 Meter für Hoffenheim, die sich in der Rückwärtsbewegung befindende Abwehrkette auszuspielen.

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Der Raum vor der Viererkette (weiße Fläche) ist komplett blank, das Bremer Mittelfeld nicht mehr existent. Die Hoffenheimer Stürmer positionieren sich gut, Ibisevic (rot) zieht in die Lücke zwischen Mertesacker und dem weit aufgerückten Fritz (magenta). Mlapa (blau) besetzt das Zentrum zwischen den Innenverteidigern und verhindert somit, dass Mertesacker sich voll auf Ibisevic konzentrieren kann.

Drei03a

Gustavo spielt den Pass außen an Mertesacker (grün) vorbei auf Ibisevic. Werders Innenverteidiger bleiben kurz stehen und spekulieren auf Abseits.

Drei04a

Der langsame Mertesacker hat keine Chance mehr, den Stürmer zu stellen. Auch Fritz kommt zu spät. Stark gekontert von den Hoffenheimern, die den Platz zwischen Werders Mittelfeld und Abwehr sowie das Risiko einer hoch stehenden Viererkette mit einem langsamen Innenverteidiger eiskalt ausgenutzt haben.

30 Minuten

Bundesliga, 1. Spieltag, 1899 Hoffenheim – Werder Bremen 4:1

Zum Glück habe ich nur 30 Minuten vom Spiel gesehen. Es waren die letzten 30. Da war das Spiel schon gelaufen. Der Schnitt vom Spiel am Mittwoch gegen Sampdoria zur 60. Minute in Hoffenheim war ein harter. Keine Spur mehr von flüssigem Kombinationsspiel. Beim Stand von 1:4 kann man das auch nicht erwarten. Bei 1:4 kann man überhaupt nichts mehr erwarten, außer vielleicht, dass der Schiedsrichter so bald wie möglich abpfeifen möge. 11 hängende Köpfe und die Welle geht durchs Stadion.

Ich kann das Spiel nicht beurteilen, will es auch gar nicht. Die letzten 30 Minuten sind nicht aussagekräftig. Es braucht allerdings nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, was in der ersten Halbzeit das Problem war. Es ist so altbekannt, dass ich es nicht mal mehr aufschreiben möchte. Wenn es eine Erkenntnis in den letzten 30 Minuten gab, dann diese, die allerdings auch nicht spektakulär neu ist: Marko Marin kann keine Standards schießen. Es ist eine äußerst undankbare Aufgabe bei einem 1:4 eingewechselt zu werden. Dennoch ist es sehr traurig, dass Marin die Balance zwischen Dribbling und Abspiel völlig abhanden gekommen ist.

Von Lehren, die aus diesem Spiel gezogen werden müssen, brauche ich auch nicht sprechen. Diese Lehren hat man über Jahre nicht gezogen, man wird es auch künftig nicht tun. Vielleicht braucht Werder diesen Dämpfer zum Auftakt irgendwie. Den letzten Sieg in einem Auftaktspiel gab es zum Rückrundenstart 2007. Vielleicht erholt man sich auch dieses Jahr und spielt noch eine gute Saison, aber die Klatschen heute und gegen Fulham deuten schon eher auf strukturelle Probleme hin. Wie sich das mit der Leistung vom Mittwoch verträgt? Keine Ahnung. Von höheren Zielen braucht die nächsten Wochen zumindest niemand mehr zu sprechen.

3 Fragen zu 1899 Hoffenheim

Mal wieder eine neue Rubrik: Vor jedem Bundesligaspiel gibt es in dieser Saison ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners. Den Auftakt macht vor dem 1. Spieltag Heiko vom Akademikerfanclub Hoffenheim, der mir drei Fragen zu seinem Club beantwortet hat:

Nach einer tollen Hinrunde nach dem Aufstieg kamen eineinhalb eher mittelmäßige Jahre. Nach Platz 11 in der letzten Saison, welche Erwartungen hast du 2010/2011 an deiner Mannschaft?

Wir haben auch gerade dazu eine MiFo (also MaFo unter den Mitgliedern) durchgeführt. Bis auf einen fast schon pathologischen Optimisten, der mit dem Einzug der EuropaLeague rechnet, gehen die meisten doch einem einem einstelligen Tabellenplatz aus. Aber eher einem, der den geographischen Eindruck, den Außenstehende von Hoffenheim haben, widerspiegelt, also: Niemandsland.

Für Ralf Rangnick gab es nach der Herbstmeisterschaft 2008 viel Lob für seinen durchdachten Konzeptfußball und seine innovativen Trainingsmethoden. In der letzten Saison kehrten dann die alten Vorbehalte gegen den “Fußballprofessor” zurück. Ist er der richtige Mann für den Job, Hoffenheim an die Spitze der Bundesliga zu führen? Und wie ist sein Standing im Verein nach dem gewonnenen Machtkampf mit Jan Schindelmeiser?

Wie sein Standing im Verein ist, wissen wir nicht. Aber das ist ja auch nicht entscheidend. Entscheidend ist sein Standing bei Babba Hopp – und das scheint doch sehr gut zu sein. Klar kamen mit RR auch die Aufstiege, aber da kam auch viel zusammen. Jung, hungrig und noch viel zu holen. In Liga 1 war dann halt nach Platz 1 in Hinrunde 1 Schluss. Man war oben angekommen. Danach kam nichts mehr. Auch kein Talent. Und das ist eine für uns doch erschreckende Erkenntnis, dass RR bei aller positiver PR über Nachwuchs- und Konzeptfußball es nicht geschafft hat, für Nachwuchskicker ein begehrlicher Trainer zu sein. Ein Holtby ging lieber nach Schalke. Da kackte er zwar ab, aber selbst dann zog Rangnick nicht so, dass er dann zu uns kam. Und ein Mlapa kam ebenfalls nicht wegen des Trainers, sondern wegen Schindelmeisers Nachfolger, die sich ja schon aus München kannten. Er müsste dringend was an seinem Image machen, um die Ziele zu erreichen, die er erreichen will. Aber jetzt hat man ja den Apparat etwas entschlackt, vielleicht bringt das ja was.

In den letzten beiden Jahren gab es große Spiele zwischen Werder und Hoffenheim, etwa das epische 5:4 vor zwei Jahren oder das Pokalspiel letzten Februar. Winkt uns am Samstag ein ähnliches Highlight oder ist es dafür am 1. Spieltag noch zu früh?

Die Hoffnung ist natürlich, dass wieder ein solches Spiel sehen, wenngleich auch mal mit anderem Ausgang. Zudem hätten wir so ein Spiel aber auch mal gerne auf unserem Rasen. Aber, wie du ja schon andeutest, 1. Spieltag, ist schwierig. Wie klappt das bei euch ohne Özil? Wie klappt das bei uns mit Salihovic? Was uns ein bisschen Sorge bereitet, sind beiden letzten Ergebnisse. 3:1 gegen Sunderland, 4:0 bei der Rostocker Hansa. Das hat fast schon Frühformcharakter – und die hat über die Saison gesehen noch keiner Mannschaft gut getan.

Dein Tipp?

Aber wenn die Frühform was bringen soll, dann am 1. Spieltag, oder? Also mein Tipp: 3:1