Archiv für den Monat: Oktober 2010

Aufwind oder Gladiolen

DFB-Pokal, 2. Runde: Bayern München – Werder Bremen 2:1

Das Wie ist im Pokal nicht entscheidend, schrieb ich gestern noch vor dem Spiel gegen die Bayern. Getreu diesem Motto ist Bayern ins Achtelfinale eingezogen, in einem Spiel, in dem Werder die bessere Mannschaft war, sich jedoch für eine weitgehend überzeugende Leistung nicht belohnte.

Schaaf setzt ein Ausrufezeichen

Beim Start in diese Saison machte Thomas Schaaf nicht immer den glücklichsten Eindruck, sowohl was seine Zufriedenheit mit der Mannschaft, als auch seine taktischen Vorgaben anging. Gestern Abend setzte er in München ein Ausrufezeichen. Auf dem Papier gab es mit der Berufung von Bargfrede für Hunt nur eine Veränderung in der Startformation. Auf dem Platz zeigte sich jedoch etwas anderes: Statt mit einer hängenden Spitze spielte Werder ein echtes 4-2-3-1 mit dem vielseitigen Wesley auf der 10er-Position und Pizarro im Sturmzentrum. Marko Arnautovic rutschte dafür auf die linke Seite und Marin wechselte nach rechts. Noch bevor die Bayern diese Formation richtig erkannt hatten, erzielte Pizarro schon das Bremer Führungstor, weil Arnautovic vom verdutzten Lahm zu viel Zeit und Raum zum Flanken bekam. Ein schönes Tor, das in seiner Entstehung genau Werders Offensivplan entsprach: Nach Ballgewinn schnell umschalten und schnell über die Außen vors Tor kommen. Bei Ballbesitz der Bayern zog man sich zurück, brachte häufig neun Spieler hinter den Ball und rückte nur vereinzelt aus, um die bayerische Hintermannschaft beim Aufbauspiel unter Druck zu setzen.

In den ersten 25 Minuten ging diese Taktik gut auf. Die Bayern hatten zwar mehr Ballbesitz, aber insgesamt wenige gefährliche Aktionen, weil Gomez nicht die Bälle bekam, die er braucht, und Werder die Außenbahnen dicht hielt. Als Schweinsteiger Mitte der ersten Halbzeit den Ausgleich erzielte, war dieser äußerst glücklich für den Rekordmeister. Kurz zuvor verpasste Prödl nach einer Ecke völlig frei aus fünf Metern das Tor. Ein Paradebeispiel für die Anfälligkeit der Münchner Hintermannschaft an diesem Abend. Etwas überraschend trat Silvestre die Ecke und zog sie in schönem Bogen weg vom Tor an den langen Pfosten. Keiner der Bayern hatte damit gerechnet und so hatte Prödl bei seinem Kopfball derart viel Raum, dass man nur wenig Verständnis für die vergebene Chance aufbringen kann. Was dann passierte war ein Vorgeschmack auf das Motto des Abends: Wenn du ihn vorne nicht machst…

Eine halbe Stunde zu mutlos

Wesley hob bei Kroos halbem Luftloch das Abseits auf und der Ball trudelte Schweinsteiger vor die Füße, der aus kurzer Distanz vollstrecken durfte. Auch wenn es bei Sky bis nach Abpfiff Silvestre angekreidet wurde – es war Wesley, der reklamierend den Arm hob, statt zwei Schritte nach vorne zu machen. Leider nicht sein erster Konflikt mit der Abseitsregel. Nach dem Gegentor machte Werder bis zum Halbzeitpfiff zwar nicht viel falsch, aber zu wenig richtig. Man gab die Spielkontrolle nach und nach ab und ließ den Ball zu lange in den Reihen des Gegners zirkulieren. Bei Ballgewinn wurde nicht mehr schnell genug umgeschaltet und die Konter verebbten zu häufig schon kurz nach der Mittellinie. Die Bayern verdienten sich das Unentschieden in dieser Phase, in der sie – zwar umständlich, aber beständig – auf ein weiteres Tor hinarbeiteten.

Auch zu Beginn der zweiten Hälfte wirkten die Bayern zunächst frischer und entfachten mehr Druck auf den Bremer Strafraum, während Werder erstaunlich abwartend agierte. Es schien fast so, als ob man der Fragilität des Gegners nicht ganz trauen wollte und sich deshalb lieber zurückhielt. Dies war jedoch nur die Ruhe vor dem Sturm. Aus dem Nichts erspielte sich Werder plötzlich Chance um Chance und hätte die Bayern innerhalb kurzer Zeit aus dem Wettbewerb schießen können. Vor allem Marko Arnautovic hatte gleich drei große Torgelegenheiten. Sein Freistoßhammer aus 30 Metern landete jedoch an der Latte und allein vor dem Tor verhinderten zunächst Butt und dann fehlende Präzision das Führungstor. Dazu kamen ein gefährlicher, weil abgefälschter Schuss von Wesley und ein schönes Kopfballtor von Prödl, dem Schiedsrichter Weiner die Anerkennung verweigerte.

Lucky Punch durch Schweinsteiger

Als Werder gerade an der eigenen Chancenverwertung zu verzweifeln begann, setzte Schweinsteiger den Todesstoß. Sein Schuss aus 30 Metern war für Mielitz unhaltbar und traf im Gegensatz zu Arnautovics Schuss genau ins Schwarze. Allerdings hatte er ähnlich viel Zeit, sich den Ball vorzulegen und musste keine gegnerische Mauer überwinden. Es mag ein Sonntagsschuss gewesen sein, doch einem Spieler so viel Zeit beim Abschluss zu lassen, ist nicht die beste Idee, zumal Werders Defensive während der Entstehung einigermaßen sortiert stand. Außerdem sollte eigentlich bekannt sein, dass der Schweini gerne mal aus der Distanz gegen uns trifft, wenn auch sonst eher per abgefälschtem Schuss. Das Tor stellte den Spielverlauf der zweiten Hälfte auf den Kopf, und wie es in solchen Situationen so oft ist, kam Werder danach nicht mehr auf die Beine. Schaaf versuchte es mit drei offensiven Wechseln (Almeida für Marin, Hunt für Bargfrede, Wagner für Silvestre), doch die Brechstangentaktik mit drei Kopfballstarken Mittelstürmern ging nicht auf. Van Gaal brachte mit Van Buyten einen Turm ins Abwehrzentrum und damit war die Partie entschieden.

Die besseren Chancen in der Schlussphase hatten sogar die Bayern, die ihre Konter jedoch insgesamt ziemlich kläglich zu Ende spielten und mit einer Aktion von Olic und Timoschtschuk noch für etwas Slapstick sorgten. Am Boden hatten die Münchner Abwehr sich zuvor anfälliger gezeigt. Vielleicht wäre dort auch gegen tief stehende Bayern etwas möglich gewesen. Werders hohe Verzweiflungsbälle von der Mittellinie in den Strafraum blieben jedenfalls ohne Effekt, da man im Rückraum nun in Unterzahl war und die zweiten Bälle somit fast ausschließlich beim Gegner landeten. Es war etwas enttäuschend, dass Werder nach dem 1:2 keine Antwort mehr hatte und deshalb muss man sich am Ende auch mit dieser Niederlage abfinden. Kein übermächtiger Gegner war für das Ausscheiden verantwortlich, sondern die eigene Chancenverwertung.

Gladiolen für die Bayern, Aufwind für Werder

Ein Grund zum Verzweifeln ist dies für Werder jedoch nicht. Die Chancenverwertung eines Spiels hat immer auch mit dem Kopf und nicht zuletzt mit statistischen Zufällen zu tun. Wenn man so will haben wir das Gegenstück zum 5:2 vor zwei Jahren erlebt. Damals gab es ein ähnliches Spiel, in dem Werder vor dem Tor eiskalt war und die Bayern so nach einer Stunde zur Verzweiflung gebracht hatte. Die Chancen wird Werder in der Zukunft wieder nutzen, wenn man weiterhin so zielstrebig auf das gegnerische Tor spielt. Nicht umsonst wird die Metapher vom geplatzten Knoten so gerne verwendet. Marko Arnautovic ist derzeit ein Paradebeispiel dafür.

Man kann sich darüber ärgern, sich selbst nicht belohnt zu haben, gegen diese Bayern nicht gewonnen zu haben. Wenn der erste Ärger verflogen ist, kann man jedoch auf die Entwicklung der letzten Wochen schauen und sieht einen weiteren Schritt nach vorne. Nach dem Trauerspiel gegen Freiburg hat man wieder Struktur ins Spiel gebracht und schafft es dabei nun auch, durch gutes und durchdachtes Offensivspiel Chancen zu kreieren. Ich bin guter Dinge, dass Werder in den nächsten Wochen endlich die Stabilität und mannschaftliche Ausgewogenheit erreicht, die sie zu einer doch noch erfolgreichen Saison braucht.

Ein Wort noch an das Umfeld der Bayern: Hört mit dem Genöle auf! Die Verletztenmisere ist wirklich übel, aber dieses Selbstmitleid wird langsam unerträglich. Es standen gestern sieben (!) deutsche Nationalspieler in eurer Startelf, dazu ein kroatischer, ein ukrainischer und ein türkischer. Lediglich Ottl fällt aus dem Rahmen. Aber wenn Ottl das schwächste Glied eurer B-Elf ist, dann erwartet bitte kein Mitleid von irgendwem. Mit der aktuellen Mannschaft kann man vielleicht nicht die Champions League gewinnen, aber in der Bundesliga oben mitspielen kann man schon. Mit dem Engagement aus dem gestrigen Spiel könnt ihr in der Liga gegen jeden gewinnen. Es sind eben nicht nur die anderen Teams, die nur gegen bestimmte Gegner ihre Topleistungen bringen.

A dish served cold

Die Statistik lügt: Werder hat im DFB-Pokal noch nie gegen die Bayern gewonnen. Der goldene Pokal in unserer Vitrine sieht das anders. Der Sieg im Finale 1999 kam jedoch im Elfmeterschießen zustande und wird daher offiziell als Unentschieden geführt.

Nach fünf Monaten die Chance zur Revanche

Mit einem solchen Unentschieden könnte ich heute Abend gut leben. Im Pokal ging es schon immer weniger um das wie, als um das dass. Wie man die Bayern ausschaltet ist nicht entscheidend – wichtig ist nur, dass man sie ausschaltet. Bislang hat es nur Mourinhos Inter geschafft, van Gaals Bayern auszuschalten. Das war im Finale der Champions League vor gut fünf Monaten. Zu jenem Zeitpunkt schienen die Bayern unaufhaltsam und waren im Pokalfinale für Werder mindestens eine Nummer zu groß. Der Stachel dieser Niederlage sitzt immer noch tief. So chancenlos war man in den letzten Jahren selten, wenn es gegen den großen Rivalen aus dem Süden ging.

Seitdem hat sich einiges getan. Beide Teams stolperten in diese Saison und begegneten sich bereits am 3. Spieltag auf Augenhöhe, wo bei zwei potenzielle Spitzenmannschaften eigentlich ein anderer Körperteil sitzen sollte. Das Spiel endete fast zwangsläufig 0:0, was beide Mannschaften aufgrund ihrer Personalsituation als Teilerfolg verbuchen konnten. Inzwischen haben sich beide Mannschaften etwas Luft verschafft: Werder in der Liga und die Bayern in der Champions League. Ein wirkliches Spitzenduell ist es trotzdem noch nicht. Zwei Mannschaften aus dem Mittelfeld der Liga werden versuchen, durch einen großen Sieg (das wäre es momentan für beide) weiteres Selbstvertrauen zurückzugewinnen und den Schwung mit in die Liga zu nehmen.

Keine Erholung für die Bayern

Werders Ausgangsposition ist dabei eindeutig die schlechtere – zumindest, wenn man Philipp Lahms Logik folgen möchte. Der hatte sich nach dem 0:0 in Hamburg darüber beschwert, nach dem CL-Spiel am Dienstag schon am Freitag wieder ran zu müssen. Etwas erstaunlich, da bei den von Lahm behaupteten “drei Spielen pro Woche” eine Pause von zwei Tagen schon das höchste der Gefühle wäre. Werder hatte zwischen dem CL-Spiel in Enschede und dem Spiel in Gladbach ebenfalls nur zwei Tage Pause und muss nun nach weiteren zwei Tagen Pause in München ran. Doppelte Belastung also im Vergleich zu den doch schon so arg belasteten Bayern. Einigen wir uns einfach darauf, dass Lahms Aussagen völliger Unsinn sind und es sich bei zwei Spielen pro Woche mangels zusätzlicher Wochentage gar nicht vermeiden lässt, nach jedem zweiten Spiel nur zwei Tage Pause zu haben. Schwamm drüber, Fußballer sollen schließlich nicht rechnen, sondern Werbung für die BILD machen Fußball spielen.

Auf die leichte Schulter sollte man die Bayern trotz bisher magerer Ergebnisse und Leistungen nicht nehmen. Zum einen, weil sich Werder trotz ansteigender Formkurve auch noch nicht mit Ruhm bekleckert hat. Zum anderen, weil es eine Sache ist, den Bayern in einem Ligaspiel Punkte abzuknöpfen, jedoch eine völlig andere, sie aus einem Wettbewerb zu schmeißen. Es ist ein Hop-oder-Top-Spiel und in jenen sind die Bayern traditionell besonders stark. Eliminiert wurden sie zuletzt nur von Mannschaften, die entweder taktisch (Inter) oder spielerisch (Barcelona) klar besser waren als die Bayern. Den Unterschied zugunsten der Bayern machte in der Vergangenheit häufig genug Arjen Robben, der am Dienstag ebenso fehlen wird, wie eine ganze Reihe weiterer Spieler. Während sich Werders Lazarett langsam leert, muss der Titelverteidiger auf einigen Positionen weiterhin improvisieren. Dabei kam in den letzten Wochen schon erstaunliches zum Vorschein: Anatoli Timoschtschuck ist ein mehr als nur passabler Innenverteidiger und Andreas Ottl kann Bastian Schweinsteiger derzeit das Wasser reichen. Mario Gomez Tore waren bei einem Blick auf seine Statistiken weit weniger überraschend.

Van Gaals Taktikpuzzle

Dennoch ist van Gaals Team noch weit davon entfernt in den einzelnen Mannschaftsteilen perfekt zu harmonieren. Die linke Verteidigerposition ist seit Contentos Verletzung eine Problemzone. Auch auf der rechten Seite ist Lahm in einer kleinen Schaffenskrise, die das Team erstaunlich anfällig über die Außen werden lässt. Das größere Problem liegt jedoch in der Offensive und auch hier spielen die Außenverteidiger eine Rolle. Ohne Robben und Ribery fehlt die Torgefahr über die Flügel, die die Mannschaft letztes Jahr so stark werden ließ. Das Zusammenspiel zwischen Robben und Lahm, der durch sein Hinterlaufen für die nötige Breite im Spiel sorgte, war in der letzten Saison Bayerns größter Trumpf. Diese Spielweise funktioniert jedoch nur mit einem Linksfuß auf Rechtsaußen. Zuletzt ließ van Gaal mit Altintop jedoch einen Rechtsfuß auf der Position ran, mit dem Ziel, den Mittelstürmer Gomez mit Flanken zu füttern. Dadurch fehlt jedoch das Überraschungsmoment im Spiel der Bayern.

Eine weitere Veränderung ist die Besetzung der 10er-Position. In der letzten Saison spielte Thomas Müller als eine Art hängende Spitze hinter Olic. Er ist zwar kein Spielmacher, doch er hat durch sein hervorragendes Spiel ohne Ball und seine Torgefahr viel dazu beigetragen, dass den Bayern die Probleme eines rigiden 4-4-2 Systems erspart blieben. Mit Toni Kroos ist nun ein Typ Spielmacher im Kader, den Louis van Gaal sich für Team gewünscht hat. Mit Kroos spielen die Bayern ein klar definiertes 4-2-3-1 System, während man es mit Müller auch als 4-4-1-1 auslegen konnte. Bisher konnte Kroos seiner Aufgabe als Spielgestalter noch nicht gerecht werden, weshalb das Spiel auch in der Mitte krankt. Die Problem der bayerischen Offensive zeigen sich im Torverhältnis: Erst acht Tore hat man in neun Spielen geschossen.

Schaafs Entscheidung: Vorsicht oder Courage?

Heute Abend wird sich zeigen, wie viel Thomas Schaaf seiner Mannschaft nach den letzten Erfolgen schon wieder zutraut. Wird er sein flaches 4-4-2 mit Pizarro als hängender Spitze beibehalten? Mit dieser Formation konnte Werder im Pokal eine Halbzeit lang das Offensivspiel der Bayern nicht stoppen. Damals war es jedoch weniger das System, als die Besetzung (Borowski auf dem Flügel, Özil in der Spitze) und das zu langsame Umschalten, die für das schwache Spiel verantwortlich waren. In der aktuellen Besetzung sind Ähnlichkeiten zum Münchner Erfolgssystem der letzten Saison nicht zu übersehen: Die Flügelspieler, die ihren starken Fuß innen haben (gibt es eigentlich ein deutsches Wort für “inverted winger”?), der zweite Stürmer, der zum 10er wird (Pizarro) sowie die zunehmende Spielgestaltung durch einen defensiven Mittelfeldspieler (Wesley). Von der Spielweise ist Werder davon jedoch noch ein gutes Stück entfernt.

Es ist unwahrscheinlich, dass Schaaf vor einem solch wichtigen Spiel zur Raute zurückkehrt. Interessant wird schon eher, ob er die offensive Ausrichtung aus dem Gladbach-Spiel oder die abwartende Ausrichtung aus dem Twente-Spiel wählt. Setzt er vielleicht sogar Marin oder Hunt zunächst auf die Bank, bringt mit Bargfrede eine weitere Defensivkraft und zieht Wesley weiter nach vorne? Ansonsten sind die einzigen offenen Fragen im Sturmzentrum (Arnautovic oder Almeida?) und auf der linken Verteidigerposition (Silvestre oder Pasanen?) zu finden. So viel Klarheit herrschte in dieser Saison selten vor einem Spiel der Bremer.

Ich wünsche mir für heute Abend eine nicht zu abwartende Herangehensweise. Zwar sollte man keinesfalls naiv nach vorne laufen oder die gerade gefundene Ordnung im Mittelfeld wieder über den Haufen werfen. Doch Bayern ist momentan nicht voll auf der Höhe und könnte durch Werders Spielweise aus dem Twente-Spiel in Verbindung mit etwas mutiger vorgetragenen Gegenstößen zu knacken sein. Eine große Aufgabe kommt dabei auf Claudio Pizarro zu: Er muss die Münchner Mittelfeldspieler beim Spielaufbau stören, um eine Unterzahl in der Mitte des Spielfelds zu verhindern. Auf einen weiteren schlechten Tag von Schweinsteiger sollte man sich nicht verlassen.

Es wird in jedem Fall ein schwieriges Spiel, das die Messlatte ein gutes Stück höher legt. Wollen wir hoffen, dass wir sie dieses Mal überspringen können.

Stochastik für Fußballer

Fußball ist keine Mathematik und der Weihnachtsmann ist nicht der Osterhase. Schade eigentlich, denn die Mathematik könnte Fußballern bei manchen Entscheidungen durchaus helfen.

In der Bundesliga werden ca. 75% aller Elfmeter verwandelt. Ungeachtet der unterschiedlichen Qualitäten verschiedener Schützen können wir also der Einfachheit halber davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit einen Elfmeter zu verwandeln bei 75% liegt. Die Wahrscheinlichkeit zwei Elfmeter hintereinander zu verwandeln, liegt somit bei ca. 56%. Nun kommen Spieler nicht oft in die Verlegenheit, zwei Elfmeter direkt hintereinander schießen zu müssen. Der Grund dafür ist meistens, dass der Schiedsrichter den Elfmeter wiederholen lässt, weil ein Mitspieler zu früh in den Strafraum gelaufen ist. Also: Zu frühes in den Strafraum laufen senkt die Wahrscheinlichkeit ein Elfmetertor zu erzielen von 75% auf 56%.

Trotzdem laufen Spieler häufig früh in den Strafraum, um sich in eine möglichst gute Position für einen eventuellen Abpraller zu bringen. Ziel dabei ist es, die Wahrscheinlichkeit eines Tores von 75% noch zu erhöhen. In 25% aller Fälle trifft der Schütze das Tor nicht. Nun gibt es längst nicht in allen diesen Fällen einen Abpraller, den ein anderer Spieler verwerten kann, doch gehen wir für dieses Beispiel einfach mal davon aus, dass durch das frühe Loslaufen die Hälfte aller nicht verwandelten Elfmeter noch zu einem Tor führen (ein mMn sehr hoch angesetzter Wert). Aufgerundet führten dann 13% aller Elfmeter durch einen Nachschuss zu einem Tor.

Wir haben also für den Fall des zu frühen Loslaufens folgende Möglichkeiten ein Tor zu erzielen: Der Schütze trifft, der Elfmeter wird wiederholt und er trifft auch im zweiten Anlauf (Wahrscheinlichkeit: 56%) oder der Schütze trifft nicht, der Elfmeter wird nicht wiederholt und ein Mitspieler verwandelt den Abpraller (Wahrscheinlichkeit: 13%). Die Torwahrscheinlichkeit beträgt insgesamt also 69%. Es zeigt sich, dass die Wahrscheinlichkeit ein Tor zu erzielen durch zu frühes Loslaufen um 6 Prozentpunkte sinkt. Es wäre für die Spieler also besser, nicht zu früh in den Strafraum zu laufen. Mehr noch: Es müssten mindestens drei von vier Abprallern verwandelt werden, um überhaupt ein zu frühes Loslaufen zu rechtfertigen.

Nun könnte man denken, dass das frühe Loslaufen zumindest bei unsicheren Elfmeterschützen trotzdem sinnvoll ist. Das ist auch tatsächlich der Fall, allerdings nur, wenn der Schütze weniger als die Hälfte seiner Elfmeter trifft. Doch in diesem Fall lässt sich durch Elfmetertraining oder einen Wechsel des Elfmeterschützen sicher mehr erreichen.

Die Rechnung ist natürlich sehr allgemein aufgestellt und berücksichtigt nicht alle Faktoren, aber es lassen sich mithilfe empirischer Daten aus 47 Jahren Bundesliga genaue Wahrscheinlichkeiten für beide Fälle ausrechnen. Das mag alles sehr theoretisch klingen, doch am Ende könnte es für den Erfolg einer Mannschaft eben entscheidend sein, einen Elfmeter mehr oder weniger pro Saison zu verwandeln.

Da Fußball aber keine Mathematik ist (und es Schiedsrichter gibt, die auch ohne Grund einen Elfmeter wiederholen lassen, wie der BVB gestern erfahren musste) vergessen wir das Ganze schnell wieder.

Gladbach mal ganz anders

Bundesliga, 9. Spieltag: Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen 1:4

So gewinnt man also in Gladbach. Ein schönes Gefühl, nach all den Pleiten in den letzten Jahren. Das Ergebnis ist dem Spielverlauf nach ziemlich glücklich, denn Gladbach war über weite Strecken ein ebenbürtiger Gegner. Dennoch bleibt unterm Strich ein Spiel, aus dem man viele positive Dinge mitnehmen kann. Am Dienstag wird man eine weitere Leistungssteigerung brauchen, da sollte man sich von Bayerns Ergebnissen nicht täuschen lassen.

Mehr Struktur, weniger Kontrolle

Was am Mittwoch gegen Twente mit Wesley auf der linken Seite funktionierte, funktioniert gestern auch mit Marin. Werder unterließ die ständigen Rotationen und hatte in Hunt und Marin zwei Flügelspieler, die zwar gerne mal in die Mitte zogen, insgesamt jedoch diszipliniert ihre Position hielten. Das flache Vierermittelfeld scheint vorerst Schaafs Antwort auf die Frage nach dem zentralen Spielmacher zu sein. Auch wenn ich Hunt nach wie vor für fähig halte, diese Position auszufüllen, erweist es sich momentan als praktikable Lösung.

Im Vergleich zum doch recht dürftigen Sieg gegen Freiburg überzeugte Werders Ordnung auf dem Feld. Dennoch gelang es bis zum 1:4 nicht, das Spiel nachhaltig unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem sich Gladbach in der Anfangsphase damit begnügte, die Passwege der Innenverteidiger auf die zentralen Mittelfeldspieler zuzustellen und uns dabei über die Außen zu Angriffen einlud, wurden sie nach 20 Minuten mutiger und erspielten sich eine Viertelstunde lang fast im Minutentakt Torchancen. Werder machte gar nicht so viel falsch, doch trotzdem hatte man häufig im entscheidenden Moment das Nachsehen und konnte die Gladbacher Torschüsse nicht verhindern. In Mielitz hatte Werder jedoch – wie schon gegen Twente – einen hervorragenden Torhüter, dessen aktuelle Form fast schon etwas unheimlich ist. So gut hat Wiese in dieser Saison bislang selten gehalten.

Pizarro erneut die entscheidende Figur

Erneut war es die Aufteilung im Angriff, die Werder einen Vorteil verschaffte. Pizarro mag durch seine tiefere Position etwas an Torgefahr einbüßen, doch seine spielerische Klasse hilft unserem Mittelfeld momentan entscheidend weiter. Weder am Dienstag noch gestern war er individuell herausragend, aber seine Arbeit fürs Team ist nicht zu unterschätzen. Gladbachs Standard 4-4-2 ermöglichte es Pizarro zudem, etwas häufiger mit in die Spitze zu gehen als gegen Twente (wo er eine Überzahl deren Dreiermittelfelds verhindern musste). Das Tor war am Ende die Belohnung für seinen guten Auftritt.

Wirklich zufrieden kann man aus Bremer Sicht allerdings nur mit dem Ergebnis sein. Die Chancen, die man den Gastgebern über weite Strecken des Spiels gewährte, führen im Normalfall zu mehr als nur einem Gegentor. Über ein Unentschieden hätte man sich bei etwas anderem Spielverlauf ehrlich gesagt auch nicht beschweren können. Am Ende war Gladbach jedoch nicht mehr in der Lage, trotz bitterem Rückstands weiterhin den Druck das Tempo aufrecht zu erhalten. Das 3:0 erwies sich als Knackpunkt des Spiels, nachdem wenige Sekunden zuvor Gladbach die größte Chance des Spiels ausgelassen hatte.

Fehlersuche vor der Pokalrevanche

Das Spiel gegen Freiburg mag viele falsche Signale gesendet haben, doch das Team scheint begriffen zu haben, dass die Leistung keinesfalls in Ordnung war und hat weiter an sich gearbeitet. Auch Thomas Schaaf wirkt nun wieder glücklicher in seinen Entscheidungen, auch wenn der Verzicht auf einen Spielmacher sicher ein leichtes Magengrummeln bei ihm verursacht. Nun muss man weiter an den richtigen Stellschrauben drehen, um die Fehler aus dem Gladbachspiel abzustellen. Immerhin sind es nun nicht mehr die grundlegenden Dinge, die bei Werder nicht stimmen. Feinjustierung ist angesagt. Das Spiel am Dienstag gegen die Bayern wird zeigen, wie weit Werder damit schon ist.

3 Fragen zu Borussia Mönchengladbach

Vor jedem Bundesligaspiel gibt es in dieser Saison ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners. Vor dem 9. Spieltag hat mir Jannik, der in seinem Blog Entscheidend is auf’m Platz über Borussia Mönchengladbach schreibt, drei Fragen zu seinem Lieblingsverein beantwortet:

Auswärtsspiele in Gladbach sind für Werder seit Jahren ein rotes Tuch. Sind wir nach dem enttäuschenden Saisonstart der richtige Aufbaugegner für euch?

Mit den extrem guten Erinnerungen an Werder im Hinterkopf und eurer ja auch nicht rosigen Situation vor Augen kann man da durchaus optimistisch sein. Nur da liegt auch schon das Problem: Wann immer man als Borusse denkt, der nächste Gegner sei jetzt aber wirklich der für den Durchbruch, dann geht’s erst Recht schief. Also bleibt die Hoffnung, dass sich die gute Heimbilanz gegen Werder am Ende im Ergebnis bemerkbar macht. Denn es wird langsam Zeit für uns.

Werder und Gladbach haben die meisten Gegentore der Liga kassiert. Glaubst du, dass es ein torreiches Spiel wird? Oder ist Werders Offensive gar nicht mehr so bedrohlich, dass Raul Bobadilla einen Hattrick machen muss (für die meisten Werderfans ein realistisches Szenario), um euch die drei Punkte zu holen?

Egal wie bedrohlich eure Offensive auch ist – unsere Abwehr wird’s im Zweifelsfall schon selber richten. Deshalb halte ich zwischen einem 6:3 und einem 0:7 alles für möglich, nur kein 0:0. Beide müssen punkten und beide werden sicherlich betont selbstbewusst auftreten. Wohl auch, um die Verunsicherung zu kaschieren. Vielleicht wird’s wie in den 80ern im Pokal: Wir gewinnen 5:4, nur diesmal ohne Verlängerung. Wobei mir so ein schmutziges 1:0 auch mal richtig lieb wäre.

Wer ist eigentlich besser, Reus oder Marin?

Momentan ist die Frage ja eher, wer weniger schlecht drauf ist. Beide haben großartige Anlagen, beide werden oft verglichen, für mich zu Unrecht. Reus ist zehn bis zwölf Zentimeter größer, hat in ungefähr halb so vielen Bundesligaspielen wie Marin gleich viele Tore erzielt. Die beiden sind einfach unterschiedliche Typen, die, bezogen, auf ihre Gladbacher Zeit, nur Vorname, Frisur und Rückennummer verbindet. Obwohl er sein erstes Bundesligator nach einem 40-Meter-Solo erzielt hat, ist Reus nicht der Dribbler wie Marin. Dafür legt Marin eben mehr Treffer auf. Fest steht: Marin war damals ein absoluter Schlüsselspieler bei uns. Für Reus dürfte das auch bald gelten. Aber wer jetzt besser ist – das lässt sich objektiv nicht sagen. Ich hätte als Trainer beide gern in meiner Mannschaft.

Dein Tipp?

Wir gewinnen knapp. Ich sag’ mal 3:2.

Bobby

Wie alt ist eigentlich zu alt? Kann ein in einer Woche 37-Jähriger, der in seiner Karriere Welt- und Europameister wurde, lange Jahre auf Top-Niveau gespielt hat und sich momentan bei einem der besten englischen Clubs fit hält, einem Verein wie Werder helfen? Wenn Mikael Silvestre für die Defensive noch eine brauchbare Alternative ist und seine Erfahrung an die jüngeren Mitspieler weitergeben soll, könnte dann nicht auch Arsenal-Legende Robert Pires diese Rolle in der Offensive übernehmen?

Bobby ist seit Ende der letzten Saison vereinslos und trainiert momentan bei seinem ehemaligen Verein Arsenal mit. Der Spieler wäre also sofort verfügbar, ablösefrei und vermutlich für ein geringes Gehalt zu haben. Bislang hat noch kein Profiverein einen Vorstoß gewagt. Das einzige Angebot kommt von Fünftligist Crawley Town, der Pires ein leistungsabhängiges Jahressalär von etwa 175.000 Euro zahlen will. Da könnte Werder wohl noch gerade so mithalten.

Natürlich könnte man von dieser Verpflichtung keine Wunderdinge erwarten, aber auch mit 37 Jahren hat Pires noch mehr Klasse, als sie die meisten Bundesligaspieler je erreichen werden. Immerhin 37 Pflichtspiele hat er in der letzten Saison noch für seinen Ex-Verein FC Villareal bestritten. Julio Cesar war damals 36, Manni Burgsmüller auch. Also kommt, Klausi. Gibt dir einen Ruck!

Der Spielfluss im Fußball

Gastbeitrag von Sepp Blatter

Spielfluss ist wichtig. Ein Spiel mit wenigen Unterbrechungen ist schön anzuschauen. Wir mögen Schiedsrichter, die das Spiel laufen lassen und nicht so kleinlich sind.

Der Spielfluss ist aber noch mehr als das: Er ist ein hohes Gut, das es zu verteidigen gilt. Verteidigt werden muss es vor den Bedrohungen der Technik. Torkameras, Videobeweis und andere technische Neuerungen drohen dem Fußball den Spielfluss zu nehmen und ihn dem American Football immer ähnlicher zu machen. Was aus Amerika kommt kann aber nicht gut sein, denn dort ist der Sport nur ein Zeitvertreib, um die verschiedenen Werbeunterbrechungen überbrücken. Unser Fußball soll schön so bleiben wie er ist.

Gut, der Spielfluss ist jetzt nicht immer zu hundert Prozent vorhanden. Es gibt eine Halbzeitpause von 15 Minuten. Die wird benötigt, um aufs Klo zu gehen und für feste und flüssige Nahrung zu sorgen. Und die Spieler brauchen schließlich etwas Erholung. Das Spiel geht auch nicht ohne Unterbrechungen vonstatten, ist doch ganz klar. Es gibt Anstöße, Abstöße, Einwürfe, Ecken, Freistöße, Elfmeter, Schiedsrichterball. Es gibt rote Karten, gelbe Karten, Ermahnungen, Platzverweise gegen Trainer und Auswechselspieler. Es gibt Verletzungsunterbrechungen, Schwalben, Ballwegschlagen, Spielverzögerung. All diese Dinge gehören zum Fußball, deshalb sind sie Teil der 90 Spielminuten. Würde man dafür jedes Mal die Zeit anhalten, schliefen die Zuschauer in den Pausen ein. Oder schlimmer noch: die Spieler!

Am Ende jeder Halbzeit wird die entgangene Zeit wieder hinten drangehängt, damit Zeitschinderei nicht belohnt wird. Ok, in der Bundesliga eigentlich nur nach der zweiten Halbzeit, aber da passiert ja auch mehr. Bis zu drei Minuten (in England auch mal sechs oder sieben Minuten) müssen die Spieler dann nachsitzen. Summa summarum kommen wir so auf etwa 45 bis 60 Minuten Nettospielzeit. Nicht sonderlich viel. Gerade das zeigt, dass wir uns die Zeit, die etwa ein Videobeweis dauern würde, gar nicht leisten können. Noch kürzer würde das Spiel werden, noch weniger Zeit bliebe dem Spielfluss, sich zu entwickeln. Sollen wir etwa im Gegenzug an anderen Stellen Zeit sparen? Ich bitte euch!

Ja, vielleicht könnte man versuchen, Spielverzögerungen aus dem Spiel zu verbannen, und schon vor der 80. Minute Spieler bestrafen, die den Spielfluss stören wollen. Aber es gehört nunmal dazu, dass vor jeden Freistoß schnell noch mal ein Fuß gehalten oder der Ball kurz weggekickt wird, damit er nicht schnell ausgeführt werden kann. Wir wollen es schließlich auch nicht übertreiben mit dem Spielfluss. Außerdem: was will man denn da machen? Etwa strengere Regeln einführen und Spieler für solche Aktionen verwarnen? Na, viel Spaß! Wir wissen doch, dass Fußballer nicht lernfähig sind und es Jahrzehnte brauchen würde, bis sich ihr Verhalten angepasst hat. Bis dahin gäbe es dann eine echte Kartenflut und somit eine Spieler-Wut (BILD). Nein, an diesen Dingen soll nicht gerüttelt werden.

Wozu überhaupt Videobeweis oder Chip im Ball? Unsere Schiedsrichter sind so perfekt, dass wir darauf gut und gerne verzichten können. 96% der Entscheidungen bei der letzten WM waren korrekt, sagt unsere offizielle Statistik. Nur vier Prozent Fehlerquote bei unseren Schiris. Und die machen den Fußball aus. Wir brauchen sie, damit wir nach dem Spiel etwas zu reden haben. Worüber sollen wir sonst sprechen? Etwa über das Spiel selbst? Ohne das Wembley-Tor wüsste ich nicht einmal mehr, dass 1966 überhaupt eine WM stattgefunden hat.

Wir brauchen keine Technik im Fußball. Technische Fähigkeiten der Spieler brauchen wir, sonst nichts. Ganz im Sinne der Erfinder dieses großartigen Sports sollte der technische Fortschritt im Fußball nur für zwei Dinge genutzt werden: Animierte Werbebanden und das Einblenden von Blitztabellen. Oder wie sagt das alte chinesische Sprichwort: Uns doch egal, wir sind eh nicht dabei.

FC Twente – Werder Bremen (live)