Archiv für den Monat: November 2010

Meine Top 5: Trainer

Eine lange verschollene Rubrik wird heute reaktiviert: Die Top-5-Listen. Ursprünglich als Referenz zu Nick Hornbys High Fidelity hier im Blog eingeführt, seit etwa drei Jahren in der Versenkung verschwunden und nun in Anlehnung an “The Joy of Six” aus dem Guardian wieder ausgegraben.

Ich fange mit einer Kategorie an, die mir sehr am Herzen liegt: Fußballtrainer. Meine Auflistung ist nicht als Bestenliste zu verstehen, sondern als persönliche Favoritenliste. Jeder der Trainer auf dieser Liste ist in meinen Augen eine besondere Persönlichkeit, die einen Sonderstatus in der Riege der Fußballtrainer verdient. Werdertrainer habe ich wegen Befangenheit nicht berücksichtig.

Hier sind also meine Top 5 Trainer:

5. Louis van Gaal

Richtig gelesen. Der Louis van Gaal, der mit den Bayern letztes Jahr dicht vor dem Triple stand. Das holländische Feierbiest. Der inzwischen bei Uli Hoeneß in Ungnade gefallen ist und öffentlich für seine angeblich schlechte Kommunikation kritisiert wurde. Der Louis van Gaal, über dessen vorzeitiges Ende beim Rekordmeister schon spekuliert wird – auch in den eigenen Reihen.

Es ist schon ein paar Jahre her, als genau dieser van Gaal mit seiner Kindergartenmannschaft des AFC Ajax den europäischen Clubfußball durcheinander wirbelte. 1991 begann er seine Amtszeit in Amsterdam und wurde auf Anhieb UEFA-Cup-Sieger. Damals bestand das Team noch aus einer guten Mischung aus Altstars wie Danny Blind, Spielern im besten Fußballeralter wie Aaron Winter und Wim Jonk sowie blutjungen Newcomern wie den de Boer-Zwillingen und Dennis Bergkamp (wobei letzterer immerhin schon 22 war und bereits vier Jahre zuvor den Europapokal der Pokalsieger gewonnen hatte). Im folgenden Jahr konnte Ajax immerhin den Pokal gewinnen, doch musste auch einige wichtige Spieler abgeben. Aus der Not machten Verein und Trainer eine Tugend und schrieben damit Fußballgeschichte.

Die Jugendakademie des AFC Ajax hatte schon vor van Gaals Amtsantritt einen guten Ruf – immerhin hatte sie Spieler wie Johan Cruyff hervorgebracht. Der Schub an Talenten, der Anfang bis Mitte der 90er Jahre ins Profiteam integriert werden konnte, ist jedoch phänomenal und steht auf einer Stufe mit den Erfolgen der Jugendarbeit des FC Barcelona in den letzten Jahren. Der große Durchbruch ließ nicht lange auf sich warten. Bereits 1994 gewann Ajax nach vier Jahren wieder die niederländische Meisterschaft und ein Jahr später folgte als Krönung der Gewinn der Champions League. Dabei standen im Finale gegen den AC Milan gleich neun Spieler in der Startformation, die vom Verein auch ausgebildet worden waren. Der eingewechselte Patrick Kluivert, der kurz vor Schluss das Siegtor erzielte, kam ebenfalls aus der Ajax-Jugend. Der damals 18-Jährige gehörte neben Marc Overmars (22), Edgard Davids (22), Michael Reiziger (22), Clarence Seedorf (19) und Nwankwo Kanu (18) zu den jungen Wilden, die dieses Team so einmalig machten.

Der Fußball, den Louis van Gaal spielen ließ, war technisch anspruchsvoll, schön anzusehen und (für damalige Verhältnisse) extrem schnell. Als sie im Halbfinal-Rückspiel Trappatonis Bayern mit 5:2 überrollten, hatte man den Eindruck, es mit einer 10 x 100 Meter-Staffel zu tun zu haben. Was an dieser Mannschaft besonders überzeugte, war die taktische Ausbildung der Spieler. Trotz ihrer Jugend spielten die Ajax-Bubis nur selten ungestüm und leichtsinnig. Sie konnten sowohl die bedingungslose Offensive als auch das effiziente 1:0. Dank dieser Fähigkeiten konnten sie die erfahrene Weltklassemannschaft aus Mailand im Finale bezwingen, die ein Jahr zuvor den ähnlich spielstarken FC Barcelona mit 4:0 weggeputzt hatte.

Nun sollte man van Gaals Trainerkarriere nicht auf seine Zeit bei Ajax reduzieren, doch diese Jahre waren für ihn als Trainer prägend. Die guten Erfahrungen, die er mit den jungen Spielern in Amsterdam machte, ließen ihn in seiner Trainerlaufbahn immer wieder auf den Nachwuchs setzen. Sie erklären, warum heute ein Spieler wie Xavi, der unter van Gaal seine ersten Versuche als Profi beim FC Barcelona machte, so positiv über ihn redet. Sie erklären, warum er einen Thomas Müller binnen eines Jahres zum Weltstar machte. Und sie erklären auch, warum er sich weiter auf junge Spieler verlässt, selbst wenn es ihm zeitweise den Ruf einbringt, er sei beratungsresistent. Ob nun Seedorf und Xavi oder Badstuber und Contento, die Namen haben für ihn nur eine untergeordnete Bedeutung.

Man kann van Gaal einiges vorwerfen: Seine Sturheit, seine Schroffheit, seine immer wieder anklingende Selbstgefälligkeit. Mangelnde Konsequenz gehört jedoch nicht dazu. Van Gaal steht für ein Modell, für einen Weg, für eine Art Fußball zu spielen. Dies hat er vielen anderen Trainern voraus. Er steht in dieser Liste nicht, weil er ein angenehmer Zeitgenosse ist (was ich auch gar nicht beurteilen kann und will). Er steht hier stellvertretend für den Jugendstil im Profifußball, für den seine jüngeren Bundesligakollegen Jürgen Klopp und Thomas Tuchel derzeit gefeiert werden. Auch wenn es im Geschäft Profifußball wenig Platz für Idealismus gibt wird van Gaal an seinen Prinzipien festhalten. Eine Niederlage gegen den Pragmatiker José Mourinho wirft ihn nicht um. Er wird auch bei den Bayern seinen Weg weitergehen und dabei entweder scheitern oder mit Alaba und Breno die Champions League gewinnen.

4. Otto Rehhagel

Werdertrainer wollte ich nicht berücksichtigen, weshalb es hier auch in erster Linie um Rehagels Arbeit außerhalb unseres Vereins geht (sonst wäre Rehhagel mindestens zwei Plätze weiter vorne anzutreffen). Otto Rehhagel ist inzwischen 72 Jahre alt und kann auf eine lange und bewegte Karriere zurückblicken. Er ist mit einigem Abstand Rekord-Bundesligatrainer und seit nunmehr 48 Jahren im Geschäft. Bevor König Otto 1981 zum zweiten Mal Trainer von Werder Bremen wurde, galt er als durchschnittlicher Bundesligatrainer, der sein Handwerk zwar verstand, aber eben nicht wesentlich besser verrichtete als seine Kollegen.

Seine 14-jährige Amtszeit an der Weser war für ihn als Trainer ebenso prägend, wie van Gaals Zeit bei Ajax. In gewisser Weise ist Rehhagel der Anti-van-Gaal, da er in seiner Trainerkarriere immer wieder auf Spieler gesetzt hat, die ihr bestes Fußballeralter dem Vernehmen nach schon hinter sich hatten. Eigentlich sind es jedoch bloß zwei Seiten derselben Medaille: Die Bewertung von Spielern ausschließlich nach ihrer Qualität und unabhängig vom Alter. Rehhagel machte früh in seiner Trainerzeit bei Werder die umgekehrte Erfahrung wie van Gaal. Er übernahm Werder mit dem 35-jährigen Goalgetter Erwin Kostedde. Er kaufte Manni Burgsmüller im Alter von fast 36 und wurde mit ihm Deutscher Meister. Er holte den 33-jährigen Klaus Allofs und gewann mit ihn Pokal, Europacup und Meisterschaft. Es wäre jedoch falsch, Rehhagel darauf zu reduzieren denn er hat auch einige junge Talente in Bremen groß rausgebracht, etwa Rudi Völler, Karl-Heinz Riedle oder Mario Basler. Dabei galten diese Spieler zum Zeitpunkt ihrer Verpflichtungen im Umfeld bestenfalls als Notlösungen. Nicht selten wurde er für seine unkonventionellen Spielerverpflichtungen belächelt. Als er 1995 den Verein verließ lächelte niemand mehr. Höchstens der FC Bayern.

Rehhagels Amtszeit bei den Bayern war kurz und erfolglos, was konkret heißt: Platz 2 und UEFA-Cup-Finale. Das Endspiel erlebte er nicht mehr als Bayerntrainer mit und arbeitete fortan an seiner eigenen Legende. Mit dem 1.FC Kaiserslautern schaffte er zwischen 1996 und 1998 etwas einmaliges: Er stieg in die 1. Bundesliga auf und wurde in der folgenden Saison Deutscher Meister. Dieser Überraschungserfolg machte Rehhagel außerhalb Münchens zur Trainerlegende und zementierte seinen Status als großer Gegenspieler des Rekordmeisters der 80er und 90er Jahre. Der größte Coup gelang ihm jedoch zweifellos erst im Jahr 2004, als er mit dem krassen Außenseiter Griechenland Europameister wurde. Auch wenn sich seine Mannschaft mit ihrer defensiven Spielweise nicht nur Freunde machte, war es eindeutig Rehhagels Handschrift, die das Team zum Titel geführt hatte, was ihm allgemeine Anerkennung und einen Legendenstatus in Griechenland einbrachte.

Spätestens seit diesem Erfolg musste sich Rehhagel allerdings auch viel Kritik gefallen lassen. Seine Methoden wurden als nicht mehr zeitgemäß betitelt und seine taktischen Kniffe als veraltet abgetan. Was die Einordnung der Rehhagel’schen Taktik angeht, darf man sicher geteilter Meinung sein (bei zonalmarking.net wird Griechenland 2004 als Team des Jahrzehnts angesehen). Der Erfolg spricht hingegen klar für Rehhagel, auch wenn er mit Griechenland in den letzten Jahren keinen ähnlich großen Triumph mehr feiern konnte. Der Vorwurf des Zerstörerfußballs, den seine Teams angeblich praktizierten, trifft höchstens auf die späten Jahre Rehhagels zu. In seinen ersten Jahren bei Werder ließ er begeisternden Offensivfußball praktizieren, der mitunter zu Torverhältnissen wie 83:41 (1985/86) oder 87:51 (1984/85) führte. Erst mit Einführung der “kontrollierten Offensive” gelangen ab 1988 dann auch greifbare Erfolge.

Angesichts seiner Vita ist es erstaunlich, dass Rehhagel mit Ausnahme der einen Saison bei den Bayern nie einen der großen europäischen Vereine trainierte. Dies dürfte unter anderem daran liegen, dass er schon immer einen hohen Autoritätsanspruch hatte und mit mächtigen Managern und Vereinspräsidenten, die sich in seine Belange einmischten, nicht zurecht kam. Auch zur Presse pflegte er stets ein distanziertes Verhältnis und scheute sich nicht davor, den offenen Konflikt mit ihnen zu suchen. Andererseits ist er bei weitem nicht der einzige Trainer, auf den dies zutrifft. Ein Alex Ferguson z.B. hat sich trotzdem (oder deswegen?) bei Manchester United durchgesetzt. Rehhagels Erfolge werden aber gerade erst durch die Vereine, in denen er tätig war, wirklich besonders. Den Zweitligisten Werder zur zweiten Kraft in Deutschland zu machen, den Aufsteiger Kaiserslautern zur Meisterschaft zu führen, mit dem zweitklassige Griechenland Europameister zu werden – das sind Erfolge für die Geschichtsbücher.

3. Valerij Lobanowskyj

Mit “stoisch” ist der Gesichtsausdruck Lobanowskyjs während eines Fußballspiels noch nicht annähernd beschrieben. Wie ein Stein saß er häufig über 90 Minuten auf der Trainerbank, ohne auch nur die geringsten Gefühlsregungen in seiner Mimik Ausdruck zu verleihen. Viele haben Lobanowskij nur noch als alten Mann, als graue Eminenz des ukrainischen Fußballs in Erinnerung. Dabei wurde er nur 62 Jahre alt.

Wenn es um Auflistungen der besten und wichtigsten Trainer des 20. Jahrhunderts geht, ist Lobanowskyj immer vorne mit dabei. Er war einer der innovativsten Trainer der Fußballgeschichte und machte sich auch als Theoretiker des Spiels einen Namen. Dabei war er seiner Zeit ein gutes Stück voraus und gerade deshalb noch lange Zeit später ein Vorbild für jüngere Trainer. Seine Mannschaft Dynamo Kiew spielte bereits vor 35 Jahren mit einem System, das heute die meisten Bundesligamannschaften noch praktizieren: 4-4-2. Als in Deutschland der Libero Franz Beckenbauer seine größten Erfolge feierte, spielte Lobanowskyj schon mit Viererkette. In der Bundesliga waren Fans und Experten selbst 20 Jahre später noch skeptisch, wenn Mannschaften auf den Libero verzichteten.

Wie die zuvor genannten war Lobanowskyj ein Disziplinfanatiker. Um seine anspruchsvolle Spielweise umsetzen zu können, brauchte er die vollständige Kontrolle über seine Mannschaft. Für ihn zählte immer das Kollektiv, das den Raum und damit das Spiel beherrschen sollte. Lobanowskyi betrachtete den Fußball von seiner metaphysischen Seite und verstand ihn als Duell zweier kritischer Massen (Mannschaften), die sich Raum und Rhythmus eines Spiels zu eigen machen wollen und hierbei auf die Interaktion und uneingeschränkte Kooperation zwischen den einzelnen Bestandteilen (Spielern) angewiesen sind. Störende Einflüsse, wie Individualismus und Starallüren waren dabei unerwünscht. Bei Lobanowskyj gab es nur einen Star und das war die Mannschaft.

Dass dieser Ansatz keineswegs die Kreativität seiner Teams beschränkte, zeigen die vielen Erfolge und die herausragenden Leistungen, die er mit ihnen über die Jahre erringen konnte. Zwar brachte er keine Genies à la Diego Maradona hervor, doch die Titelsammlung seiner Trainerkarriere ist beeindruckend: Insgesamt 12 Meisterschaften (8 mal UDSSR, 4 mal Ukraine) und neun Pokalsiege (6 mal UDSSR, 3 mal Ukraine) gewann er mit seinem Club Dynamo Kiew zwischen 1974 und 2001. Dazu kommen zwei Siege im Europapokal der Pokalsieger sowie der zweite Platz bei der EM 1988 mit der Sowjetunion, die er viele Jahre lang zeitgleich trainierte. Nachdem Lobanowskyj Anfang der 90er Jahre sein Engagement bei Dynamo Kiew beendete und als Nationaltrainer für die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait arbeitete, kehrte er 1997 zu seinem Heimatverein zurück und begann eine sehr erfolgreiche zweite Amtszeit.

Er gewann auf Anhieb das Double in der ukrainischen Heimat und erreichte in der Champions League immerhin das Viertelfinale. In der Gruppenphase feierte man legendäre Siege gegen den FC Barcelona (3:0 zuhause, 4:0 auswärts) bevor man sich Juventus Turin schließlich beugen musste. Lobanowskyjs letzte großen Erfolge wurden jeweils von deutschen Mannschaften verhindert. 1999 unterlag Dynamo Kiew nach einem epischen 3:3 im Hinspiel beim FC Bayern mit 0:1 im Halbfinale der Champions League – ausgerechnet der undisziplinierte Individualist Mario Basler erzielte dabei das entscheidende Tor. Überragender Spieler des Hinspiels war ein gewisser Andrej Schewtschenko, der 18 Monate zuvor Werder Bremen zum Kauf angeboten wurde. Werder lehnte jedoch dankend ab und verpflichtete Juri Maximov. Im November 2001 kam es schließlich zum Duell zwischen der Ukraine und Deutschland im Play-off um die WM-Qualifikation. Vor allem im Hinspiel geriet die deutsche Mannschaft mächtig ins Wanken, bevor sie sich im Rückspiel, angeführt von einem überragenden Michael Ballack, mit 4:1 durchsetzen konnte.

Als Rudi Völler, der das Duell mit der Ukraine zu seinem Schicksalsspiel erklärt hatte, bei der WM im folgenden Jahr mit seinem Team Vizeweltmeister wurde, weilte Valerij Lobanowskyj schon nicht mehr unter uns. Er verstarb am 13. Mai 2002 an den Folgen eines Herzanfalls. In seinem Fall ist es keine Übertreibung zu behaupten, dass sein Erbe Woche für Woche auf den Fußballplätzen dieser Welt weitergetragen wird.

2. Arrigo Sacchi

Sacchi selbst wäre mit seiner Einordnung in dieser Liste vor Lobanowskyi vermutlich nicht einverstanden. Er gilt als einer der größten Fans des ukrainischen Fußballlehrers und hat seine eigene Lehre zu großen Teilen auf Lobanowskyis aufgebaut. Arrigo Sacchi war lange vor José Mourinho schon das Paradebeispiel für den großen Trainer, der niemals Profifußballer war. Vor seiner Trainerkarriere verdiente er sein Geld als Schuhverkäufer und konterte die Fragen nach seiner Eignung mit dem großartigen Spruch: “Ich wusste nicht, dass man mal ein Pferd gewesen sein muss, um ein guter Jockey zu werden.” Dennoch freuen sich Trainer mit Stallgeruch heute weiterhin größerer Beliebtheit.

Sacchi ist der Gegenentwurf zum “typisch italienischen Fußball”, jedenfalls wenn man den hierzulande gängigen Vorurteilen glaubt. Seine Mannschaften zeichneten sich durch eine perfekte Ausgewogenheit zwischen Offensive und Defensive aus, konnten wunderschönen Offensivfußball spielen, aber auch hinten die Null halten. Ohne die Änderungen an der Abseitsregel (gleiche Höhe, passives Abseits) in den 90er Jahren wäre Sacchis Systemfußball vielleicht noch heute das Leitbild für modernen Fußball. Zu seinen Vorgaben zählte das geordnete Verschieben auf dem Platz, das nur einen geringen Abstand zwischen Abwehrreihe und Angriff vorsieht. Ziel dieser Spielweise war die Verknappung des Raums für den Gegner und somit das Erzwingen von Fehlern. Angesichts der viel freizügigeren Regelauslegung beim Abseits ist es heutzutage sehr gefährlich, mit einer solch hoch aufgerückten Viererkette zu spielen, wie der Werderfan aus leidvoller Erfahrung bestätigen kann.

Seinen Ruhm erlangte Arrigo Sacchi beim AC Milan, den er zu zwei europäischen Triumphen führte (bis heute das letzte Mal, dass ein Verein zweimal in Folge den wichtigsten europäischen Pokal gewinnen konnte). Interessant ist allerdings auch, wie er seinen Trainerposten damals erlangt hatte. Als Coach des damaligen Drittligisten AC Parma stieg er 1986 in die zweite italienische Liga auf. In der Folgesaison verpasste er den erneuten Aufstieg zwar knapp, besiegte Milan im Pokal jedoch gleich zweimal mit 1:0 und machte so Eigentümer Silvio Berlusconi auf sich aufmerksam, der ihn für die kommende Saison als Trainer verpflichtete. Der kometenhafte Aufstieg des Trainers dürfte selbst Thomas Tuchel schwindelig werden lassen. Bereits in seiner ersten Saison führte Sacchi Milan zur italienischen Meisterschaft, der ersten seit neun Jahren. Ein Jahr später hatte er alles gewonnen, was man als Vereinstrainer gewinnen kann: Europapokal der Landesmeister, Europäischer Supercup, Weltpokal.

Sein Team um die niederländischen Stars Ruud Gullit und Marco van Basten sowie die späteren Erfolgstrainer Frank Rijkaard und Carlo Ancelotti spielte dabei einen rasanten, schier unaufhaltsamen Offensivfußball und schaltete auf dem Weg ins Finale auch den Deutschen Meister Werder Bremen aus. Im Viertelfinale konnte sich Milan jedoch nur äußerst knapp durchsetzen und gewann in der Summe mit 1:0 durch ein Elfmetertor von Marco van Basten. Ein Blick auf die weiteren Ergebnisse des Wettbewerbs zeigt, das dieses Ergebnis als Erfolg für Werder verbucht werden kann (soviel auch zu dem Thema, dass Werder nie das Viertelfinale der Champions League erreicht habe, auch wenn der Wettbewerb damals zugegebenermaßen noch anders hieß): Im Halbfinale schlug Milan das große Real Madrid mit einem 5:0 im Rückspiel und im Finale besiegte man Steaua Bukarest mit 4:0. Im Jahr darauf konnte Milan alle drei internationalen Titel verteidigen und dabei erneut Real Madrid, sowie den FC Bayern München ausschalten. Lediglich die nationalen Titel wurden in der damals hart umkämpften Serie A verpasst.

Nachdem er sich mit Marco van Basten überworfen hatte und Milan ihn daraufhin entließ, wurde Sacchi 1991 Trainer der italienischen Nationalmannschaft, die gerade die Qualifikation für die Europameisterschaft verpasst hatte. In den folgenden Jahren bereitete er das Team auf die Weltmeisterschaft in den USA vor, konnte aufgrund fehlender Ersatzstücke für seine Holländer im Team sein System dort jedoch nicht so umsetzen. Italien spielte daher unter dem vielleicht offensivsten Trainer der jüngeren italienischen Fußballgeschichte einen eher langweiligen und destruktiven Fußball, der jedoch überaus erfolgreich war. Bis ins Finale schaffte es seine Mannschaft, wo sie dem großen Favoriten Brasilien über 120 Minuten ein 0:0 abtrotzen konnte. In Deutschland gilt dieses Finale bis heute bei vielen als langweiliges Ballgeschiebe, obwohl es eines der hochklassigsten und interessantesten taktischen Duelle der 90er Jahre war (ganz im Gegenteil zum wirklich niveauarmen Finale der WM 1990). Der Ausgang ist bekannt: Baggio machte im Elfmeterschießen den Hoeneß und schoss den Ball in den Nachthimmel.

Zwei Jahre später schied das Team in der Vorrunde der Europameisterschaft aus und Sacchi wurde entlassen. Paradoxerweise kam die Spielweise seiner Mannschaft bei jenem Turnier seinem Ideal näher als bei der WM 1994. Im entscheidenden Spiel gegen den späteren Europameister Deutschland verpasste eine offensive italienische Mannschaft gegen Berti Vogts Maurertruppe jedoch das entscheidende Tor. Das 0:0 reichte Deutschland zum Gruppensieg und Italien nur zu Platz 3. Danach konnte Sacchi nie wieder richtig Fuß fassen in der Fußballwelt. Seine zweite Amtszeit beim AC Parma war ebenso enttäuschend, wie seine Stationen als Trainer bei Atletico Madrid und als Sportdirektor bei Real Madrid. Seit 2005 ist Sacchi ohne Verein und betonte zuletzt immer wieder, dass ihm zu einem neuen Engagement die hundertprozentige Motivation fehle. Schade eigentlich.

1. Arsène Wenger

Was wäre, wenn… Arsène Wenger 1995 tatsächlich Nachfolger von Otto Rehhagel bei Werder Bremen geworden wäre? Damals war Wenger gerade in Japan tätig und wollte seinen Job nicht nach wenigen Monaten schon wieder wechseln. Zum Jahresende hätte er zur Verfügung gestanden, doch so lange konnten und wollten Werders Verantwortliche nicht warten. Stattdessen kam Aad de Mos und es folgten die vielbesungenen Jahre voller Frust. Wenger heuerte ein Jahr später beim FC Arsenal an und ist bis heute dort tätig.

Als Spieler war auch Wenger nicht sonderlich bekannt oder erfolgreich, doch als Trainer des AS Monaco machte er sich Ende der 80er einen Namen in Fußballeuropa. Gleich in seiner ersten Saison 1988 wurde er französischer Meister und zog 1992 ins Finale des Europapokals der Pokalsieger ein. Die Niederlage dort – gleichzeitig der größte Erfolg in der Geschichte unseres Vereins – bildete den Auftakt eines europäischen Traumas, das Wenger wohl nur noch durch den Gewinn der Champions League beseitigen kann. Auch im UEFA-Cup 2000 und in der Champions League 2006 unterlagen Wengers Teams und konnten trotz großer Vorschusslorbeeren ihre Qualität nie auf höchster europäischer Ebene voll ausschöpfen.

In England stieß Wenger mit seiner etwas verschrobenen Art und feinsinnigen Fußballphilosophie zum Teil auf Ablehnung, konnte jedoch durch seine Erfolge schon bald viele Kritiker von sich überzeugen. In seiner ersten Saison bei Arsenal führte er das Team auf Platz 3 und formte eine Mannschaft, die schon nach kurzer Zeit den attraktivsten Fußball auf der Insel spielte. Für einen Verein, der mit seinem langweiligen Defensivfußball das Sprichwort One-nil to the Arsenal geprägt hatte und von gegnerischen Fans mit Boring, boring Arsenal-Gesängen verspottet wurde, war dies eine bemerkenswerte Veränderung. In der zweiten Saison kam dann der große Durchbruch: Arsenal gewann das Double. In den folgenden Jahren entwickelte sich eine große Rivalität mit Manchester United. Bis 2004 spielten die beiden Teams die Meisterschaft unter sich aus, doch es dauerte vier Jahre bis Wenger ein weiterer Titel vergönnt war. 2002 holte sein Team erneut das Double und 2004 blieb man beim beeindruckenden Triumph in der Meisterschaft die gesamte Saison (und insgesamt 49 Spiele am Stück) ungeschlagen.

Wengers Arsenal war immer auf der Suche nach dem perfekten Fußball und erreichte dabei einen Status nahe der Unbesiegbarkeit (2004), zeigte aber auch immer wieder eine offensichtliche Fragilität (2003, als man einen 8-Punkte-Vorsprung auf ManUtd verspielte). In den letzten Jahren trieb Wenger sein ehrgeiziges Projekt voran, ein von der Jugend an ausgebildetes Team zurück an die Spitze des englischen Fußballs zu führen. Zwischenzeitlich musste man Chelsea und United an sich vorbeiziehen lassen und zumindest international auch den FC Liverpool. Seit 2005 wartet Wenger nun auf einen Titel und muss sich daher auch seitens der eigenen Fans verstärkte Kritik gefallen lassen. Dadurch lässt er sich jedoch nicht von seinem Weg abbringen, wirkt dabei ziemlich störrisch, auf manchen Beobachter sogar verbohrt. Ob ihm die Ergebnisse in den nächsten Jahren Recht geben wird sich zeigen. Für Wenger wäre es der ultimative Triumph, mit dem von ihm eingeschlagenen Weg der wirtschaftlichen Vernunft in Zeiten hochsubventionierter Vereine wie FC Chelsea und Manchester City noch einmal die Meisterschaft oder sogar die Champions League zu gewinnen.

Tottenham Hotspur – Werder Bremen (live)

Stahlbad

Bundesliga, 13. Spieltag: Schalke 04 – Werder Bremen 4:0

Ich bin Jahrgang 1981. Einige Monate vor meiner Geburt stieg Werder wieder in die Fußballbundesliga auf. Seitdem stand Werder in 29 Spielzeiten am Ende der Saison 27 mal in der oberen Tabellenhälfte. Als Werder das erste Mal in der unteren Tabellenhälfte stand, war ich 17 Jahre alt. Beim zweiten Mal 27. In beiden Jahren gewann Werder den DFB-Pokal. Selbst die schlechteste Saison, die ich als Fan jemals durchlitten habe, wäre für (mindestens) die Hälfte der Bundesliga ein Erfolg.

Mit dem Erfolg wachsen die Ansprüche. Sie müssen wachsen, weil es im Fußball keinen Stillstand gibt. Immer weiter, sonst wird man von den anderen abgehängt. Meister kann man in Bremen nicht jedes Jahr werden (wenn man sich die Statistik entsprechend hinbiegt, ist Werder in den letzten 16 Jahren nur einmal Meister geworden), aber die Champions League Qualifikation kann man schon erwarten. Erfolg begünstigt Erfolg. Der Kader wird teurer und hochwertiger, die Spieler talentierter und anspruchsvoller.

Zwar war allen Beteiligten bewusst, dass es auch mal eine schlechte (sprich: erfolglose) Saison geben würde. Dass es einmal nicht reichen würde, kurz vor Schluss noch auf Platz 3 zu springen. Dass man dies einmal nicht mit Erfolgen im Pokal überdecken könnte. Das macht das Jahr X nicht unbedingt schöner, aber zumindest ein wenig erträglicher, da man sich schon vorher damit auseinandergesetzt hat. Man hat sich das Mantra immer wieder ins Gehirn eingeprägt: “Irgendwann wird es auch uns treffen.”

Es trifft jeden einmal. Selbst die Bayern traf es 1992. Leverkusen rutschte 2002 direkt vom Champions League Finale in den Abstiegskampf. Den HSV hat es 2007 erwischt, die Hertha 2004 und dann schließlich 2010. Borussia Dortmund ging 2003 mit lautem Knall und war drei Jahre zuvor lange im Abstiegskampf. Auch Schalke hat es schon oft genug erwischt, genau wie die Traditionsmannschaften aus Kaiserslautern, Köln, Mönchengladbach und Nürnberg. Vielleicht sind wir einfach mal fällig.

Und trotzdem erwischt es einen immer auf dem falschen Fuß. Es sind nicht die Jahre, in denen man wirklich damit rechnet. 2003 schien es aussichtslos, 2006 – nach Micouds Abschied – war zumindest eine gewisse Verunsicherung da. Es erwischte uns erst 2008/09, als mit Pizarro die Qualität in den Angriff zurückkehrte. Doch da gab es ja den Pokal und den UEFA-Cup. In diesem Jahr sah es nicht unbedingt rosig aus, aber insgesamt konnte man bei Werder wieder einen starken Kader erkennen, mit dem man erfolgreich um die vorderen Plätze mitspielen sollte.

Nun steht Werder nach dem 13. Spieltag mit 15 Punkten auf Platz 12. So klingt Mittelmaß. Die 31 Gegentore klingen schon eher nach Abstiegskampf. Rein tabellarisch ist mit 6 Punkten Rückstand auf die internationalen Plätze noch vieles möglich, doch darauf gibt es nach den zuletzt dargebotenen Leistungen keinen Grund zur Hoffnung. Auch die Pokalwettbewerbe werden keine Linderung mehr verschaffen.  Es läuft alles schief, möchte man meinen, zumindest aber sehr vieles. 0:10 Tore in den letzten drei Spielen, dabei einen Punkt geholt (angesichts des Torverhältnisses fast schon ein Erfolg) und den Eindruck einer ausgelaugten, zerbrechlichen und in vielen Teilen unstimmigen Mannschaft hinterlassen. Was steht uns noch alles bevor?

Die Liste für die Fehleranalyse ist lang und wird immer länger. Was ist Ursache, was Wirkung? Wo sind die positiven Ansatzpunkte? Welche Störfaktoren müssen beseitigt werden? Auch für die Verantwortlichen wird es immer schwieriger diese Fragen zu beantworten. Ist die viel beschworene “Werderfamilie” Teil des Problems geworden? Braucht es größere Umwälzungen im Verein? Sollen wir alles in Frage stellen, weil wir ein paar Fußballspiele verloren haben? “In Frage stellen” ist gut. In erfolgreichen wie erfolglosen Zeiten sollte man sich von Zeit zu Zeit fragen, ob man wirklich auf dem richtigen Weg ist. Grundsätzlich und losgelöst von aktuellen Trends oder Ergebnissen.

Es sind aber nicht wir Fans, die sie beantworten müssen, obwohl jeder von uns seine Meinung dazu hat und umso lauter kundtut, je länger die sportliche Krise des Vereins andauert. Zunächst müssen die Spieler sie beantworten, dann der Trainer, der Vorstand und schließlich der Aufsichtsrat. Letztlich geht es darum zu unterscheiden, ob es für uns einfach one of those years ist, oder ob das Schiff in eine falsche Richtung gesteuert wird.

Einige Vereine erholten sich von ihren Seuchenjahren nie wieder. Kaiserslautern, Nürnberg, Gladbach und Köln waren schon lange nicht mehr Gast in den vorderen Tabellenregionen. Andere kamen schon im Jahr drauf zurück: Leverkusen 2004 oder Hertha 2005. Wiederum andere mussten erst durch ein Stahlbad gehen, um langsam wieder den Anschluss zu finden. So ging es uns in den Jahren zwischen 1995 und 1999. So ging es Borussia Dortmund seit 2004. Nun ist die Zeit des BVB gekommen. Irgendwann wird auch unsere Zeit wieder kommen. Das neue Mantra.

Warum Silvestre so spielt, wie er spielt

An dieser Stelle muss er sich wie in einem schlechten Film gefühlt haben. Claudio Pizarro spielt im Mittelfeld einen Ball mit der Hacke in die Füße eines Stuttgarters. Der Ball landet im Mittelfeld bei Timo Gebhart. Sebastian Prödl verlässt seine Position in der Innenverteidigung und kommt ihm einige Meter entgegen. Mikael Silvestre muss schnell ins Zentrum rücken, um die Lücke zu schließen. In seinem Rücken läuft sich Ciprian Marica frei und bekommt den Ball zugespielt. Also wieder zurück auf die linke Seite, doch es ist schon zu spät. Bevor er ein Bein in die Schussbahn bekommt, hat Marica denn Ball schon im langen Eck versenkt. Gerade einmal 10 Minuten gespielt und schon ist er wieder der Sündenbock.

Es ist wirklich keine leichte Zeit für Mikael Silvestre, der vor 10 Wochen als Last-Minute-Transfer in Bremen vorgestellt wurde. 10 Jahre Champions League in Folge, da kann nicht einmal Claudio Pizarro mithalten. Eine blitzsaubere Karriere hat er hingelegt, bei Inter Mailand, Manchester United und Arsenal gespielt. Champions League Sieger war er, vor gerade einmal 2 1/2 Jahren. Ein Fakt, der nun gerne in der Berichterstattung verwendet wird, um die Fallhöhe noch zu vergrößern. Dass Silvestres Anteil an Uniteds Champions League Sieg ungefähr so groß war, wie Marco Reichs Anteil an Werders Meisterschaft 2004, wird dabei gerne verschwiegen. Ganze zwei Einsätze hatte er nach seiner schweren Verletzung, die ihn einen Großteil der Saison verpassen ließ, zu verzeichnen: Einen über 90 Minuten und einen weiteren, bei dem er in der Nachspielzeit eingewechselt wurde. Seinen Stammplatz in Manchesters Viererkette hatte er da schon längst an Patrice Evra und Nemanja Vidic verloren.

Grund 1: Überzogene Erwartungen

Angesichts seiner Vita waren die Reaktionen auf Silvestres Verpflichtung weitgehend positiv. Von ihm versprachen sich viele Fans die langersehnte Stabilisierung der linken Bremer Abwehrseite. Vergleiche mit Leverkusens Sami Hyypiä wurden gezogen und die günstigen Vertragsmodalitäten (keine Ablöse, geringes Grundgehalt) deuteten auf einen weiteren Coup des Bremer Sportdirektors hin. Die ersten Trainingsberichte in den Werderforen waren euphorisch. Silvestre sei überaus ballsicher, mache kaum Fehler, stehe immer richtig und gewinne jeden Zweikampf. Alles in allem der vielleicht beste Linksverteidiger, den wir jemals hatten.

Auch im Verein war die Vorfreude auf Silvestre groß. Die Geduld mit Werders Lieblingssorgenkind Sebastian Boenisch war aufgebraucht und in Petri Pasanen hatte man mehr einen Notnagel, denn einen wirklichen Konkurrenten für die linke Seite. Die Aufgabenverteilung schien klar: Silvestre sollte mit seiner Routine vorübergehend die linke Abwehrseite dicht machen und Boenisch mittelfristig dabei helfen, den Schritt zum klasse Außenverteidiger endlich zu schaffen. Von allen Seiten wurde Silvestre für sein Engagement und seine positive Ausstrahlung gelobt. Nachwuchsspieler Timo Perthel wurde mangels Perspektiven im Profikader an Sturm Graz ausgeliehen. Endlich gab es mit Silvestre, Boenisch und Notnagel Pasanen wieder eine adäquat besetzte linke Seite.

Grund 2: Fehlende Vorbereitung

Es kam jedoch anders. Nach den ersten beiden Spielen, in denen Silvestre durchaus zu überzeugen wusste, verletzte sich Boenisch schwer und konnte seitdem noch nicht wieder ins Geschehen eingreifen. Mit Petri Pasanen fehlte zeitweise auch die zweite Alternative verletzungsbedingt in Werders Kader. Die Folge: Silvestre musste bislang weitgehend durchspielen. 12 von 14 Pflichtspielen hat er seit seiner Verpflichtung für Werder bestritten, dabei meist über 90 Minuten auf dem Platz gestanden. Silvestre selbst betont, dass ihm die viele Spielpraxis dabei geholfen habe, seine körperliche Fitness wiederherzustellen: “Normalerweise braucht man anderthalb Monate, um wieder voll im Saft zu stehen, die sind jetzt vorbei. (…) Ich habe hart gearbeitet und jetzt läuft es wieder.”

Auf dem Platz hat man jedoch nicht das Gefühl, dass Silvestre körperlich voll im Saft steht. Das liegt zum einen an der über die Jahre verloren gegangenen Spritzigkeit. Zum anderen liegt es auch an fehlender Reaktionsschnelligkeit. Es macht eben einen Unterschied, ob man im Training starke Leistungen bringt oder unter Wettbewerbsbedingungen, wo das Tempo höher und die Konsequenzen schärfer sind. Gerade für Spieler, die sich in ihrer Karriere immer auf ihre Ruhe am Ball verlassen konnten, ist es schwer damit zurecht zu kommen, wenn der Körper die Aktionen eine Zehntelsekunde langsamer umsetzt, als man es gewohnt ist. Silvestre hatte damit schon bei seinen sporadischen Einsätzen für Arsenal zu kämpfen. Auch dort war er fehleranfällig und zeigte die Elemente seines Spiels, die derzeit die Bremer Fans zur Weißglut bringen. Die wenige Spielpraxis, die Silvestre in den letzen Jahren sammeln durfte (insgesamt 70 Pflichtspiele seit Sommer 2006), hat ihre Spuren hinterlassen. Ohne richtige Vorbereitung in eine Saison zu starten, kann in dieser Situation nicht hilfreich sein.

Grund 3: Mangelnde Unterstützung

Die Spielpraxis, die Silvestre nun erhält, mag ihn auf seinem Weg zurück zu alter Klasse unterstützen. Leider kann es sich Werder momentan nicht leisten, einen Spieler wie ihn in der Mannschaft zu haben. Eine funktionierende Innenverteidigung und ein funktionierendes defensives Mittelfeld könnten sicher viele von Silvestres Schwächen kompensieren. In dieser Saison funktioniert bei Werder insgesamt ziemlich wenig. Von Marko Marin, der meistens vor Silvestre auf der linken Außenbahn spielt, kann er ebenfalls keine Unterstützung erwarten. Die linke Mittelfeldseite ist allzu häufig verwaist, wenn der Gegner in Ballbesitz kommt. Wenn nun ein schneller Flügelspieler mit Tempo auf Silvestre zu gerannt kommt, hilft nur noch beten. Dazu kommen individuelle Fehler, wie der Aussetzer im Spiel gegen Nürnberg, der ein heftiges Pfeifkonzert zur Folge hatte. Fehler wie diese lassen sich nur schwer wieder ausbügeln.

Zweifellos hat Silvestre bislang auf dem Platz enttäuscht. Seine Leistungen waren zu einem großen Teil schwach und diesen Umstand kann man nicht wegdiskutieren. Dennoch war er nicht der große Schwachpunkt seiner Mannschaft, zu der er in den letzten Wochen gerne gemacht wurde. Viele der Situationen, die Silvestre angekreidet wurden, waren Folge einer Fehlerkette, an deren Ende der Franzose als schwächstes Glied nun einmal stand. Als Außenverteidiger hat man es generell nicht einfach, schon gar nicht bei Werder, wo nahezu keine Absicherung durch die Innenverteidiger stattfindet, weil gerne auf Abseits gespielt wird. Silvestres fehlende Schnelligkeit kennen die Gegner inzwischen gut und nutzen sie selbstverständlich auch aus. Es liegt nicht nur am Spieler, sondern auch an seinen Nebenleuten, für solche Situationen Lösungen zu finden. Leider ist das Ausbügeln individueller Schwächen die größte Schwäche der Bremer Mannschaft in diesen Tagen (wie man schon daran sieht, dass Marko Marin im gegnerischen Strafraum Kopfballduelle bestreitet). Ob dies an der taktischen Einstellung oder Problemen innerhalb der Mannschaft liegt, sei dahingestellt.

Grund 4: Die Angst vor dem Fehler

Jeder kennt doch diese Situation: Man hat einen Fehler gemacht und möchte es beim nächsten Mal besonders gut machen, um zu beweisen, dass es eben nur ein Fehler war, dass man es eigentlich besser kann. Dann kommt man erneut in die Situation und mach wieder genau den gleichen Fehler. Die Angst vor dem Fehler lässt einen verkrampfen und unter Druck die falschen Entscheidungen treffen. Fußballprofis erleben solche Situationen immer wieder. Sie werden darauf hin trainiert, bekommen Strategien eingebläut, wie sie sich aus solchen scheinbar ewigen Negativkreisläufen befreien können. Trotzdem finden sich immer wieder Spieler in diesem Teufelskreis wieder. Manchmal gehen sie gestärkt aus ihnen hervor (erinnert sich noch jemand an die Leiden des Brasilianers Chris, der in Leverkusen 2003 eine Horror-Saison hinlegte und danach bei Olympique Lyon Karriere machte?), manchmal zerbrechen sie daran.

In keinem Fall hilfreich sind die Pfiffe und Beschimpfungen seitens der eigenen Fans, die Silvestre zuletzt aushalten musste. Die Diskussion darüber, ob man als Fan die eigenen Spieler auspfeifen darf oder nicht, kocht alle paar Jahre wieder einmal hoch. Dabei ist diese Fragestellung eigentlich nicht entscheidend. Die Frage sollte viel mehr sein: Welchen Sinn macht es, eigene Spieler auszupfeifen, noch dazu während des Spiels? An dieser Stelle muss sich der Fan entscheiden, welcher Aspekt des Fußballs ihm wichtiger ist: Der Frustabbau, weil ein paar Millionäre ihren Job nicht so ausführen, wie man von ihnen erwartet oder die Unterstützung der eigenen Mannschaft. Diese Entscheidung muss jeder Fan für sich selbst treffen. Es sollte nur jedem Fan klar sein, dass die Pfiffe nicht ohne Wirkung beim entsprechenden Spieler bleiben. Man macht es Mannschaft und Trainer somit in einer schwierigen Situation zusätzlich schwer, zumal die Alternativen für Silvestres Position momentan fehlen.

Was nun?

Es stellt sich aus heutiger Sicht natürlich die Frage, warum Werder Mikael Silvestre überhaupt verpflichtet hat. Eine Frage, die ich mir schon vor seinem ersten Spiel für Werder stellte. Ein genauerer Blick zeigt, dass Silvestre schon jetzt positive Spuren bei Werder hinterlassen hat, die jedoch fast alle außerhalb des Spielfelds liegen. Seine Einstellung und sein Trainingseifer sind bemerkenswert. Seine positive Ausstrahlung trotz aller sportlichen Rückschläge ebenfalls. Silvestre ist ein Musterprofi, von dem seine Mitspieler sicher noch einiges lernen können. Für diese Rolle allein wurde er jedoch nicht nach Bremen geholt. Er soll auch auf dem Platz eine Führungsfigur sein, was jedoch bedingt, dass er seine eigene Position weitgehend im Griff haben muss. Die Vorraussetzungen waren denkbar schlecht, um sich von ihm eine sofortige Verstärkung zu versprechen. Durch die Verletzung von Sebastian Boenisch wurden Schaafs Pläne gründlich durcheinander gewirbelt, doch diese Möglichkeit muss man im Fußball immer mit einplanen. Natürlich kann gerade ein Verein wie Werder keine drei bis vier nahezu gleichwertigen Spieler für ein und dieselbe Position parat halten. Dennoch stößt das Fehlen eines geeigneten Nachwuchsspielers sauer auf. Timo Perthel kommt beim Tabellenführer der österreichischen Bundesliga regelmäßig zum Einsatz. Bei Werder muss Mittelfeldspieler Wesley immer wieder als Außenverteidiger ran.

Werder hat sich bewusst für diesen Weg entschieden und es bleibt dem Verein und dem Trainer keine andere Wahl, als ihn weiterzugehen – zumindest bis zur Winterpause. Dann wird man erneut entscheiden müssen. Der Markt an guten und verfügbaren Außenverteidigern ist nicht groß, im Winter noch weniger als im Sommer. Einen Nachwuchsspieler wie Abdennour wird man kein zweites Mal ins kalte Wasser werfen. Wird man sich auf eine Leistungssteigerung von Silvestre verlassen, wenn dieser eine komplette Vorbereitung mit der Mannschaft absolviert hat? Wird man auf den Rekonvaleszenten Boenisch setzen? Beide Varianten werden die Fans nicht zufrieden stellen. Die linke Abwehrseite wird bis auf weiteres ein Sorgenkind in Bremen bleiben. Leider ist dies bei weitem nicht das größte Problem, vor dem Werder in diesem Herbst steht.

Tage voller Frust

Bundesliga, 11. Spieltag: VfB Stuttgart – Werder Bremen 6:0

Puh. Was soll man über ein Spiel schreiben, das die eigene Mannschaft mit 6:0 verloren hat? Dass es jetzt langsam mal reicht und man sofort alle Spieler bzw. den Trainer bzw. die Vereinsführung rauswerfen soll? Das passiert gerade bei den üblichen Verdächtigen schon genug. Die Fehler im Detail analysieren und aufdecken? Zu schmerzhaft, da ich dazu das Spiel noch einmal anschauen müsste. Die verbliebenen positiven Dinge betonen und zum Schluss kommen, dass nicht alles schlecht ist? Nach Schönreden ist mir ebenfalls nicht zumute. Was nützen uns 63% Ballbesitz, die sich schon allein daraus erklären, dass Werder 80 Minuten lang im Rückstand lag? Was nützt ein ausgeglichenes Zweikampfverhältnis, wenn die entscheidenden Zweikämpfe nunmal verloren werden? Was nützen 85% Passgenauigkeit, wenn nur wenige von ihnen in die gefährliche Zone des Gegners gespielt werden und es diesem bei den 15% Fehlpässen viel zu leicht gemacht wird, seine Konter auszuspielen?

Wie behebt man unser Kopfproblem?

Es gibt nichts schönzureden an dieser Niederlage. Das Spiel zeigte auf, dass es nicht in erster Linie an der spielerischen Qualität hapert, sondern unsere Spieler ein Kopfproblem haben. Man ist nicht von Anfang an hoffnungslos unterlegen und man wird auch nicht vom Gegner an die Wand gespielt. Die Mannschaft bricht vielmehr regelmäßig nach den ersten Rückschlägen zusammen. Dass es diese Rückschläge dank Werders defensiver Fragilität nunmal gibt, ist nicht gerade neu und sicherlich ein Punkt, den es immer wieder zu kritisieren gilt. Doch früher (sprich: vor wenigen Monaten) konnte Werder viele Spiele dank toller Moral und einem fast unglaublichen Kampfgeist noch drehen oder zumindest einen Punkt herausholen. Nun kann man quasi dabei zuschauen, wie aus Werders Spiel mit dem ersten Rückschlag die Luft rausgelassen wird. Gegen die Bayern war nach dem 1:2 Feierabend, gegen Nürnberg ebenfalls. Gegen Stuttgart kam der Rückschlag schon nach 10 Minuten und wurde von einem blendend aufspielenden Gegner konsequent abgestraft.

Was die ständigen taktischen und personellen Umstellungen angeht: Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Thomas Schaaf taktisch so naiv geworden sein soll. Auf mich macht es vielmehr den Eindruck, dass er immer wieder versucht, seine Spieler wachzurütteln. Dabei greift er auf Maßnahmen zurück, die nicht gerade zur Stabilisierung einer Mannschaft beitragen. Es scheint ihm derzeit nicht um Stabilität zu gehen, sondern um eine Reaktion seitens seiner Spieler, die bislang ausgeblieben ist. Es ist bekannt, dass Schaaf Spieler nicht gerne und schon gar nicht verfrüht aufgibt. Momentan scheint mir dieser Weg jedoch der Falsche zu sein. Einen Arnautovic in ein funktionierendes Team einzubauen ist schon schwer genug. Ein solches ist Werder in diesem Herbst allerdings nicht und langsam muss sich der Trainer – zumindest für den Rest dieser Hinrunde – entscheiden, welchen Spielern er vertraut. Die vielen Verletzungen und Formkrisen machen es schwer, hier die richtige Entscheidung zu treffen, doch sie muss trotzdem getroffen werden. Die Vorschläge aus dem Worum-Blog wären zum Beispiel ein guter Ansatz.

Weil es sein muss: Medienschelte

Was sind unsere Journalisten eigentlich für kleine Würstchen? Nicht, dass man von den Lokalmedien in Bremen und umzu sonderlich viel erwarten sollte, aber wie sie nun aus ihren Löchern gekrochen kommen und versuchen, ihren Teil vom großen Drauf-hau-Kuchen abzubekommen, ist einfach widerlich. Es geht in den meisten dieser Fälle nicht um eine sachliche Kritik (wie man das macht, könnten sie sich mal bei Johan abschauen), sondern um die medienüblichen Reflexe und nicht zuletzt auch um verletzte Eitelkeiten. Der Stimmungsumschwung kam nicht nach dem 0:6 gegen Stuttgart zustande, sondern nach Schaafs Fan- und Medienschelte. Von Trainern und Spielern wird erwartet, das sie stets kritikfähig sind, am besten schon eine Minute nach Abpfiff (zuletzt gesehen bei Jörg Dahlmanns Interview mit Louis “beratungsresistent” van Gaal). Wird aber die Arbeit der Journalisten in Frage gestellt, sucht man Selbstkritik meist vergeblich. Stattdessen greifen die üblichen Selbstverteidigungsmechanismen. Kritik am Trainer oder am Sportdirektor ist ja richtig und wichtig, aber wo sind die Argumente, die über bloße Spielergebnisse und Schmuddelgeschichten aus dem Umfeld hinaus gehen? Wo werden die Dinge in Relation zu dem gesetzt, was bei Werder in den letzten Monaten und Jahren passiert ist?

In Johans Beitrag kam klar zum Ausdruck, dass es ihm nicht um eine kurzfristige Niederlagenserie geht (ich hätte es besser gefunden, wenn der Blogpost vor zwei oder drei Wochen gekommen wäre, als Werder noch eine kleine Siegesserie hatte). In den Lokalmedien wird die Geschichte von der anderen Seite aufgerollt: Werder verliert, also muss es am Trainer liegen. Die Gründe werden dann ausgerechnet in den Dingen gesucht, für die Werder jahrelang gelobt wurde. Schuld seien der ruhige Standort, die Harmonie, die fehlenden Einflüsse von außerhalb. Werder habe es sich bequem gemacht und bekomme nun die Quittung dafür. Diese Argumente sind heute genau so richtig oder falsch, wie vor einem Jahr oder vor sechs Jahren. Damals hätten sie nur leider nicht in die vorherrschende Stimmung gepasst. Ich möchte eigentlich nicht das “Blogs vs. Zeitungen”-Fass aufmachen, aber in den letzten Tagen gab es eine ganze Reihe an Blogeinträgen (neben den bereits erwähnten z.B. hier, hier und hier), die auf unterschiedliche Weise die Probleme bei Werder analysieren und dabei auch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Dabei gibt es jedoch eine Gemeinsamkeit: Sie sind auf der Suche nach Erklärungen und nicht geleitet von Sensationslust und Opportunismus. Das sucht man in den Bremer Medien derzeit leider vergeblich.

Kein Abschied von Thomas Schaaf

“I don’t know why you say goodbye, I say hello.”

- Paul McCartney

Zu Beginn eine Klarstellung: Ich stimme inhaltlich mit vielen der Punkte überein, die der geschätzte Kollege Johan Petersen im oben verlinkten Blogeintrag als Gründe für einen angeblich benötigten Trainerwechsel anbringt. Ich komme dabei allerdings zu einem völlig anderen Schluss: Wir brauchen keinen neuen Trainer. Nicht jetzt und auch nicht in unmittelbarer Zukunft.

Ich sage das jedoch nicht aus einer Nibelungentreue heraus, sondern weil es meine Überzeugung ist, die ich auch begründen möchte.

Johans Argumente

Bevor ich beginne, fass ich kurz Johans Argumente zusammen: Werders Passspiel habe sich in den letzten anderthalb Jahren verschlechtert, sei langsamer und technisch schlechter geworden. Es gäbe zu wenig Automatismen und es würden zu häufig lange Bälle gespielt. Werder stagniere spielerisch, technisch und taktisch, weil die flexible Spielweise aus den Jahren der Raute im 4-2-3-1 nicht funktioniere. Der “Kreisel” schwäche das Team sogar. Dazu würden die spielerischen Trends der letzten Monate (einer der Sechser geht aggressiv mit nach vorne, Pressing in der gegnerischen Hälfte, schnelle Seitenwechsel) bei Werder nicht umgesetzt. Mesut Özil habe diese Fehlentwicklung lange überdeckt, doch seit seinem Weggang sei der Trend offensichtlich. Schaaf sei daran gescheitert, aus einem starken Kader eine funktionierende Mannschaft aufzubauen. Er habe das Team einige Male völlig falsch eingestellt und sei inzwischen auch bei seinen Umstellungen während des Spiels unglücklich – anders als etwa Louis van Gaal. Ein Beispiel für Schaafs Schwäche sei das Festhalten an Torsten Frings, der nicht mehr in die Startelf einer ambitionierten Bundesligamannschaft gehöre. Andere Mannschaften hätten sich weiterentwickelt, während Werder stagniere, was den großen Unterschied zu Mannschaften wie Mainz oder Dortmund erkläre.

Aus all diesen Dingen folgert Johann, dass Werder jetzt einen neuen Trainer brauche.

Langfristige Erfolge

Thomas Schaaf ist seit nunmehr 11 1/2 Jahren Werdertrainer. In dieser Zeit machte er aus einer spielerisch unterdurchschnittlichen Mannschaft eine der aufregendsten Fußballattraktionen des Landes. In dieser Zeit machte er aus einer grauen Maus einen der erfolgreichsten Fußballvereine der Bundesliga – nicht im Alleingang, aber in Zusammenarbeit mit Klaus Allofs. Mit alten Verdiensten ist es so eine Sache. Sie können den Blick auf die aktuelle Situation verklären und einen notwendigen Schnitt verhindern. Eine Betrachtung der aktuellen Situation sollte trotzdem im Kontext der (zumindest) letzten paar Jahre erfolgen. Nicht aus Fairness dem Trainer gegenüber, sondern aus Eigeninteresse des Vereins.

Werder ist mit seiner langfristigen Ausrichtung in den letzten 10 Jahren sehr gut gefahren und konnte so andere Vereine trotz schlechterer Ressourcen hinter sich lassen. Nicht nur sporadisch, sondern dauerhaft. Wir bekommen es in der Bundesliga immer wieder vorgeführt, wie gut eine auf kurzfristige Erfolge ausgerichtete Denkweise bei Personalentscheidungen funktioniert. Ein Umdenken in dieser Hinsicht wäre für Werder ein großer Rückschritt und ein Verlust eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale.

Es wird in den Medien häufig behauptet, Thomas Schaaf sei bei Werder per se unantastbar. Das ist falsch und war auch noch nie richtig. Thomas Schaaf hat diesen Status nur deshalb inne, weil er mit seinem Verein langfristig erfolgreich war und ist. Welcher andere Bundesligatrainer kann das von sich behaupten? Klopp ist auf gutem Wege dorthin, aber kann er Dortmund in den nächsten fünf Jahren auch in der Spitze etablieren? Im Sommer 2003, kurz vor der Double-Saison also, stand Schaaf von Seiten der Fans unter Beschuss, weil er die Mannschaft angeblich nicht mehr weiterentwickle und trotz guter Ansätze keine entscheidende Verbesserung erreiche.

Ein Trainerwechsel wäre nur dann gerechtfertigt, wenn er langfristig, also über diese Saison hinaus, die Erfolgsaussichten von Werder Bremen verbessern würde.

Die Risiken des Neubeginns

Einer Trainerdiskussion folgt zwangsläufig die Frage nach einer Alternative. Wer soll Thomas Schaaf beerben? Dieser Frage geht Johan am Ende seines Beitrags nur kurz nach: Einen neuen Dutt oder Tuchel, einen jungen Klopp müsse Werder entdecken. Ein junger Trainer also, ein Unbekannter, der bei Werder richtig durchstartet. Man könnte auch sagen: Ein neuer Thomas Schaaf. Dabei frage ich mich: Kann der alte Thomas Schaaf auch der neue Thomas Schaaf sein? Thomas Schaaf ist nun 49 Jahre alt. Er ist kein junger Hund mehr, aber er ist noch längst nicht so alt, dass man ihm eine Neuerfindung seiner Trainerpersönlichkeit nicht mehr zutrauen sollte.

Wenn man einen langjährigen Trainer ersetzt, geht man immer ein großes Risiko ein. Die Strukturen des Vereins sind über die Jahre mit Thomas Schaaf gewachsen, aber auch in ihm verwachsen. Wer Thomas Schaaf – noch dazu mitten in der Saison – entfernt, entfernt damit auch ein Stück unserer Wurzeln und einen Teil von Werder Bremens Fundament. Thomas Schaaf ist in Bremen mehr als nur Fußballtrainer. Er hat die Identität des Vereins über Jahrzehnte mitgeprägt und dabei Spuren auch außerhalb des Trainingsplatzes hinterlassen. Sein Status ist ähnlich einzuschätzen, wie der von Otto Rehhagel vor 15 Jahren, wobei jener sich deutlich mehr Feinde gemacht hat während seiner Zeit in Bremen. Die Probleme, die Werder nach Ende der Amtszeit von König Otto hatte, sollten noch nicht in Vergessenheit geraten sein. Werder brauchte Jahre, um sich davon richtig zu erholen. Schaafs Nachfolger wird ein überaus schweres Erbe anzutreten haben. Er wird sich nicht nur an dessen sportlichen Erfolgen messen lassen müssen, sondern auch an seinem Status als Identifikationsfigur.

Bevor Werder sein eigenes Fundament zum wanken bringt, sollte man sich gut überlegen, ob das Bauwerk eine Generalüberholung wirklich benötigt, oder ob es nicht mit gezielten punktuellen Ausbesserungen getan ist (und nein, wir brauchen dazu keinen Raumausstatter). Eine Demission Schaafs stellt fast zwangsläufig auch die Frage nach der Zukunft von Klaus Allofs. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass Allofs sein Schicksal von dieser Personalie abhängig macht, aber er würde sicherlich stürmischeren Zeiten entgegenblicken, erst recht wenn Schaafs Nachfolger nicht einschlägt.

Die Werderkrankheit

Seit Thomas Schaafs ersten Erfolgen hat er jedes Jahr erneut mit den gleichen Problemen zu tun: Die besten Spieler werden von der Konkurrenz weggekauft und müssen ersetzt werden: Pizarro (2001), Frings und Rost (2002), Ailton und Krstajic (2004), Ernst und Ismael (2005), Micoud (2006), Klose (2007), Borowski (2008), Diego (2009), Özil (2010). All diese Abgänge konnte Werder in irgendeiner Weise kompensieren, mal mehr, mal weniger problemlos. Klaus Allofs versorgte Schaaf mit den Rohstoffen, um seine Mannschaft immer wieder neu zusammenzusetzen. Hier ist er auch ein “Opfer” seines Arbeitgebers: Werders wirtschaftliche Voraussetzungen haben sich trotz deutlicher Zuwächse nicht so entwickelt, dass man unabhängig von Transfereinnahmen wäre. Anders gesagt: Wären die Bayern Werder Bremen, hätten sie im Sommer Schweinsteiger und Müller verkauft (und Robben im letzten Jahr gar nicht erst bekommen).

Es ist für Vereine von Werders Standing normal, die großen Stars nicht lange halten zu können. Werder und Schaaf haben diese Stars immer wieder ausgebildet, weitergebildet, groß gemacht. Ein Hauptgrund war dabei der Ansatz, einen Spieler nie durch einen anderen ersetzen zu wollen, sondern jeden Spieler mit seinen individuellen Stärken und Schwächen anzunehmen und ins Team zu integrieren. Diese Arbeit gehört zu den schwierigsten, die es im Trainergeschäft gibt, zumal Werder über die Jahre gehobene Ansprüche entwickelte und sich unter den besten 20 Mannschaften Europas etablierte. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, musste Schaaf immer wieder Kompromisse eingehen, sich neu orientieren. Johan hat Schaafs Umstellungen in dieser Saison mit einem Puzzle verglichen.

Die Wahrheit ist: Thomas Schaaf hat jedes Jahr ein neues Puzzle zu bewältigen. Häufig hatte er daraus bereits ein stimmiges Bild zusammengesetzt, bevor andere die Puzzleteile überhaupt erkannt haben. In diesem Jahr ist das anders. Wir haben Herbst und Schaaf puzzelt noch. Wir sehen die Einzelteile und fragen uns, was am Ende überhaupt dabei herauskommen soll. Mal passt es hier nicht, mal dort nicht und wir fragen uns, ob der alte Puzzlemeister das Puzzeln verlernt hat. Vor ziemlich genau einem Jahr puzzelte Louis van Gaal an den Bayern herum und brachte dabei viele eigene Fans auf die Palme. Nicht wenige erklärten seine Arbeit im letzten November für gescheitert.

Hat Schaaf wirklich sein Mojo verloren oder hat er es in dieser Saison einfach nur mit einem besonders schweren Puzzle zu tun?

Wühlen unter der Oberfläche

Wenn man sich Johans Argumentationskette durchliest und jegliche Sentimentalität ablegt, kommt man fast nicht drumherum zu denken: Er könnte recht haben. Die meisten seiner Argumente lassen sich nur schwer widerlegen. Es ist die Kombination dieser Argumente, die mir etwas zu fatalistisch erscheint. In den letzten 18 Monaten, die Johan als Zeitraum für die Negativentwicklungen anführt, hat Werder in Diego und Özil gleich zweimal den zentralen Spieler seines Offensivspiels verloren. Während die “Ära Micoud” vier Jahre dauerte und die “Ära Diego” immerhin drei Jahre, ging die “Ära Özil” zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Es wäre vermessen zu verlangen, dass Werder diese Abgänge völlig problemlos wegstecken müsse. Es muss jedoch ein Weg zu erkennen sein, ein Plan, eine Idee. Das vermisse ich in diesen Tagen und das ist auch mein Hauptkritikpunkt an Schaaf. Hat er noch keine Idee? Konnte er sie bloß noch nicht verdeutlichen? Hat sie sich im Laufe des ersten Saisondrittels geändert? Ich habe aber in dieser Hinsicht noch Geduld mit unserem Trainer. Ich gewähre ihm einen Vertrauensvorschuss, weil er mich in der Vergangenheit oft genug überzeugt hat.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Werder nicht nur in einer punktuellen Krise steckt, sondern auch strukturelle Probleme hat. Es ist in den vergangenen Monaten nicht gelungen, diese Probleme zu lösen. Ganz im Gegenteil haben sie sich augenscheinlich sogar verschlimmert. Doch wie groß ist der Abstand zur Bundesligaspitze wirklich? Und wie groß ist daran der Anteil kurzfristiger Effekte? Ist Mainz beispielsweise wirklich besser als Werder, so dass man sicher sein kann, dass Tuchels Team am Ende der Saison auch vor uns steht? Oder besteht der Unterschied nur in der aktuellen Form? Blicken wir einmal zwei Jahre zurück: Hoffenheim dominierte die Liga mit erfrischendem und taktisch ausgereiftem Offensivfußball und stand zur Winterpause mit neun Punkten Vorsprung vor dem Tabellenneunten Werder Bremen auf Platz Eins. Hat sich Hoffenheim seit dem in der Bundesligaspitze etabliert oder eine eindeutige spielerische Identität aufgebaut? Nein. Hat Wolfsburg nach der Meisterschaft vor 1 1/2 Jahren seine Zugehörigkeit zur Bundesligaspitze nachhaltig unter Beweis gestellt? Trotz Luxuskader: Nein. Haben Stuttgart, der HSV oder Schalke sich von Werder abgesetzt? Ebenfalls nein. Ich möchte Dortmund und Mainz weder ihre momentanen Erfolge noch ihren tollen Fußball in Abrede stellen, doch wie nachhaltig sind die Entwicklungen dort? Was passiert in Mainz im Sommer, wenn ihnen Holtby und Schürrle weggekauft werden? Kann Tuchel dann mit neuen Spielern ähnliche Erfolge feiern? Möglicherweise, doch als gesicherte Erkenntnis kann man dies vom heutigen Standpunkt aus nicht ansehen.

Ebenso würde ich nicht ausschließen wollen, dass in Bremen längst ein Umbruch im Gange ist, dessen Ausgang noch ungewiss ist. Vielleicht ergibt sich aus dem Puzzle noch ein stimmiges Bild. Häufig erkennt man dies als unbeteiligter Betrachter erst spät, obwohl schon viele Teile richtig liegen. Was fehlt beispielsweise einem Marko Arnautovic noch dazu, ein richtig guter Stürmer zu sein? Hätte er gegen die Bayern und Nürnberg zwei bis drei seiner Chancen genutzt, hätte Werder die beiden Spiele vermutlich gewonnen und von Arnautovic hätte man gesagt, er habe seinen Durchbruch geschafft.

Letztlich sind die entscheidenden Fragen: Hat Thomas Schaaf die Sache noch im Griff? Kann er Werders Spiel noch in die richtige Richtung lenken? Kann er den Spielern seine Vorstellungen vermitteln? Wenn die Antwort nein lautet, brauchen wir tatsächlich einen Wechsel. Lautet sie ja, sollte man ihm die Zeit geben, die er dafür benötigt.

Die Lichtblicke

Normalerweise sucht man nach Anzeichen dafür, dass der Trainer die Mannschaft nicht mehr erreicht. Ich möchte heute das Gegenteil tun und nach Anzeichen suchen, die für Thomas Schaaf sprechen. Anzeichen jenseits der oben geäußerten Bedenken.

Lichtblick 1: Der Saisonauftakt. Sehen wir das Glas ausnahmsweise mal halbvoll. Werder hat im letzten Testspiel in der Sommerpause mit 1:5 gegen Fulham verloren und dabei zwei völlig unterschiedliche Gesichter gezeigt. Die erste Halbzeit war richtig gut und Werder spielte (mit Raute) guten Fußball. Die zweite Halbzeit war katastrophal und Werder ging (im 4-2-3-1) gnadenlos unter. Schaaf hielt zum Saisonstart deshalb an der Raute und den damals formstarken Borowski, Bargfrede und Hunt fest. Werder besiegte Sampdoria im ersten Spiel der Saison auf überzeugende Art und Weise, was vermutlich auch dem Trainer die falschen Signale sendete. Es schien aus damaliger Sicht völlig richtig, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Lichtblick 2: Bayern. Das Pokalspiel war der vorläufige Höhepunkt einer positiven Entwicklung im Monat Oktober. Innerhalb von drei Spielen steigerte sich Werder vom Trauerspiel gegen Freiburg zu einer starken Leistung beim Doublesieger der letzten Saison. Schaaf hat in diesem Spiel taktisch vieles richtig gemacht und erst in der Schlussphase mit seinen Wechseln das spielerische Element seiner Mannschaft untergraben. Nach Punkten führte er gegen Meister van Gaal, doch dann verpasste ihm Schweinsteiger den K.O.

Lichtblick 3: Twente. Parallelen zum Spiel gegen Valencia waren zu erkennen. Vorne wie hinten eine offene Angelegenheit. Wodurch unterschied sich das Werder der letzten drei Spiele vom Werder vor zwei oder drei Jahren? Mit besserer Chancenverwertung hätte man alle drei Spiele gewinnen können, die Mannschaft hätte Selbstvertrauen getankt und könnte die nächsten Schritte auf dem Weg zu alter spielerischen Klasse gehen. Vieles ist im Fußball abhängig von Erfolgen. Erfolg beflügelt, Misserfolg lähmt. Gegen Twente auszuscheiden ist bitter, aber nicht bitterer als gegen die Glasgow Rangers oder Espanyol Barcelona. Werder dürfte zum ersten Mal seit sieben Jahren in der zweiten Saisonhälfte nicht mehr international vertreten sein. Für die Bundesligasaison könnte dies ein Vorteil sein. Eine Aufholjagd in der Rückrunde halte ich nicht für unwahrscheinlich.

Fazit

Ich würde nicht ausschließen, dass dies Thomas Schaafs letzte Saison bei Werder ist. Nach dem Spiel gegen Nürnberg hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass er möglicherweise am Ende seines Weges in Bremen angekommen ist. Darauf wetten würde ich allerdings nicht. Schaaf ist niemand, der schnell aufgibt. Er ist trotz seiner Sturheit auch nicht zu verbohrt, seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen und Dinge zu ändern. Vor vier Jahren äußerte er sich beispielsweise noch sehr abfällig über das 4-2-3-1-System, das er inzwischen selbst anwendet. Man sollte ihm die Gelegenheit geben, es uns allen noch einmal zu beweisen. Uns zu zeigen, dass er noch einmal eine Mannschaft formen kann, die mehr ist, als nur die Summe ihrer Teile. Zumindest diese Saison sollte man ihm noch Zeit und Vertrauen schenken. Wenn er bis dahin die Mannschaft nicht wieder in die Spur bekommt, kann man über seinen Abgang nachdenken. Ich denke aber, dass er dann von selbst gehen würde.

Am Ende ist es trotz aller Argumente eine Glaubensfrage: Ist Schaaf noch der richtige Mann?

“I say yes, you say no, you say why, and I say I don’t know.”

Tatort: Weserstadion

Champions League, Gruppe A, 4. Spieltag: Werder Bremen – FC Twente 0:2

Zweimal die Griechen, jetzt die Holländer. Bei den letzten drei Teilnahmen hat Werder das Achtelfinale jeweils im eigenen Stadion verpasst. Dem 1:3 gegen Olympiakos (2007) und dem 0:3 gegen Panathinaikos (2008)  folgte nun also ein 0:2 gegen Twente. Eine bittere Niederlage in einem packenden, chancenreichen, aber nicht hochklassigen Spiel, in dem Werder wieder einmal mit Chancenverwertung und Abwehrverhalten hadern muss.

Thomas Schaaf überraschte mit einer sehr ungewöhnlichen Aufstellung in der Defensive. Nachdem Silvestre beim Publikum nicht mehr untragbar wurde, stellte Schaaf die Viererkette komplett um. Allrounder Wesley wechselte von der rechten auf die linke Seite, Innenverteidiger Prödl gab den Rechtsverteidiger und Kapitän Frings rückte in die Innenverteidigung. Daniel Jensen kam dafür neu in die Mannschaft und spielte als einziger Sechser vor der Abwehr. Ansonsten gab es personell nur eine Umstellung im Vergleich zum Nürnberg-Spiel: Hunt spielte für Arnautovic. Was sich ebenfalls änderte, war die taktische Ausrichtung. Thomas Schaaf reaktivierte die Raute, in der Marin hinter den Spitzen spielte und Hunt / Bargfrede die Halbpositionen besetzte. Auch Twente hatte (teils aufgrund von Verletzungen) auf mehreren Positionen umgestellt, am auffälligsten im 3er-Mittelfeld. Neben Landzaat spielte Bengtsson und leicht davor versetzt de Jong.

Werder spielte von Beginn an engagiert nach vorne und versuchte, die Niederländer durch die Überzahl im Mittelfeld unter Druck zu setzen. Wesley und nach einiger Zeit auch Prödl gingen häufig mit nach vorne und sorgten für einige Flanken (Prödl) und Torschüsse (Wesley). Insgesamt stimmte jedoch die Abstimmung in den einzelnen Mannschaftsteilen nicht. Marin hielt seine Position im Zentrum zwar besser als in seinen letzten Spielen auf der Position, konnte aber nur selten gefährliche Situationen einleiten, weil er noch immer den Ball zu lange hält, statt das Spiel schnell zu machen. Hunt zog es häufig in die Mitte, doch die flüssigen Wechselspiele im Mittelfeld waren auch für die eigene Mannschaft ein Risiko. Obwohl Jensen vor der Abwehr ein gutes Spiel machte, kam Twente immer wieder in hohem Tempo auf die Innenverteidiger zu. Mit ein, zwei vertikalen Pässen ließ sich Werder komplett überspielen und bei besserer Chancenverwertung hätte Twente schon zur Halbzeit den einen oder anderen Konter nutzen können. Neben dem eigenen Unvermögen der Stürmer war es auch der (wieder einmal) bärenstarke Mielitz, der für Werder hinten die Null festhielt.

Auf der anderen Seite hatte auch Werder genügend Chancen, um das Spiel in die richtige Richtung zu lenken. Die größte davon vergaben kurz vor der Pause Pizarro, der mit seinem Schuss den Pfosten traf, und Almeida, der den Abpraller aus fünf Metern nicht verwerten konnte, weil er den Ball nicht unter Kontrolle bekam. Zur Pause war das Unentschieden für beide Mannschaften durchaus verdient, wobei das 0:0 als Ergebnis angesichts des Spielverlaufs etwas absurd erschien. Nach dem Wechsel ging es in hohem Tempo weiter und beide Teams taten viel dafür, die Eindrücke aus der ersten Hälfte zu bestätigen. In Person von Hugo Almeida vergab Werder auch die größten Chancen und brachte die Fans zum Verzweifeln. Erst köpfte der Portugiese nach dem einzigen gefährlichen Freistoß des Abends aus fünf Metern in die Arme des Twente-Keepers, dann vergab er eine Eins-gegen-Eins-Situation, in der er versuchte, den Schlussmann zu umspielen und dann den Ball nicht ins Tor schieben konnte. Auf der anderen Seite lenkte Mielitz einen Schuss des frei vor ihm auftauchenden Chadli gerade noch an den Pfosten.

Langsam machte sich Resignation breit bei Werder. Schaaf brachte Arnautovic für Bargfrede und somit noch mehr Offensivpower, doch Werders Aktionen wirkten zunehmend verzweifelt. Eine Viertelstunde vor Schluss kam Twente ein weiteres Mal mit einem Konter vors Bremer Tor und Frings musste sich als letzter Mann mit einem Foul kurz vor dem Strafraum behelfen. Die folgende rote Karte war für Werder zuviel an diesem Abend und Twente setzte in der Schlussphase den Todesstoß. Erst verpasste Wisgerhof auf freundliche Einladung von Jensen beim Freistoß nach Frings Herausstellung völlig frei aus 10 Metern die Führung. Doch dann fiel das Tor, wie es in diesem Spiel wohl nur fallen konnte: Ein Schuss von Chadli wurde von Jensen abgefälscht und trudelte vorbei an Mielitz ins Tor. Werder fand nicht mehr zurück ins Spiel und musste kurze Zeit später durch einen Kopfball von de Jong noch das 0:2 hinnehmen.

Warum hat Werder dieses Spiel verloren?

Grund 1: Chancenverwertung. In einem solch offenen Spiel muss man seine Chancen besser nutzen, als es Werder tat. Schon gegen die Bayern und gegen Nürnberg konnte man selbst beste Torgelegenheiten nicht nutzen. Gegen Twente erfuhr dies noch einmal eine Steigerung. Die beiden Torhüter waren herausragend, Mielitz gehört für mich jetzt schon zu den besten Werderspielern dieser Saison. Schaut man sich die Torschüsse an, sieht man jedoch einen Unterschied zwischen den beiden Mannschaften*:

Torschüsse Werder Bremen

Werder Bremen: 22 Schüsse, 9 davon aufs Tor

Werder bekam kaum Schüsse innerhalb des Strafraums auf Twentes Tor. Die platzierten Schüsse kamen fast alle von außerhalb. Ausnahme: Die Kopfballchance von Almeida in die Arme des Torhüters. Vor dem Tor versagten Werder die Nerven.

Torschüsse FC Twente

FC Twente: 16 Schüsse, 7 davon aufs Tor

Twente war im Strafraum gefährlicher, zwang Mielitz zu mehr Paraden aus kurzer Distanz. Dem Torwart ist es zu verdanken, dass die Führung erst durch einen abgefälschten Schuss aus der Distanz zustande kam.

Grund 2: Starker Gegner. Twente ist international sicher nicht die ganz große Hausnummer, doch es gibt einen Grund dafür, dass das Team erst eine Pflichtspielniederlage in dieser Saison einstecken musste – und Werder derer schon acht. Die Mannschaft versteht sich blendend aufs Kontern. Im Gegensatz zum (enttäuschenden) Hinspiel zeigten sich die Holländer stark verbessert und hätten auch schon vor Frings Platzverweis das eine oder andere Tor machen können, wenn sie ihre Konter konsequenter zu Ende gespielt hätten. Der Unterschied zwischen dem Twente aus dem Hin- und aus dem Rückspiel wird am deutlichsten, wenn man sich die “Player Influence”, also den Einfluss der einzelnen Spieler auf das Spiel, anschaut:

Twente Spielereinfluss Hinspiel

FC Twente: Player Influence, Hinspiel

Im Hinspiel waren Spieler der Viererkette die einflussreichsten Spieler bei Twente (ohne Wisgerhofs Verletzung wäre vermutlich auch der rechte Innenverteidiger darunter). Es wurde auf Höhe der Mittellinie viel quer gespielt und kaum ein vernünftiger Angriff aufgebaut.

Twente Spielereinfluss Rückspiel

FC Twente: Player Influence, Rückspiel

Im Rückspiel war Ruiz die überragende Figur in Twentes Spiel. Nach Ballgewinn wurde schnell und vertikal nach vorne gespielt (daher die “kleinen” Innenverteidiger) und Werders Mittelfeld schnell überbrückt. Damit kam Werder über die vollen 90 Minuten nicht klar.

Grund 3: Torsten Frings. Man kann ihm gar nicht viel vorwerfen, dass er kein guter Innenverteidiger ist. Er begann seine Karriere als Stürmer, spielte dann im rechten Mittelfeld und als Rechtsverteidiger, bevor er zum zentralen Mittelfeldspieler umgeschult wurde. Frings ist nicht mehr der Schnellste, verfügt für einen Sechser auch nicht über ein außergewöhnlich gutes Stellungsspiel und ist dazu auch nicht wirklich groß oder kopfballstark. Als Innenverteidiger war er völlig überfordert, ließ sich häufig schon hoch an der Mittellinie überspielen und bekam Ruiz, der immer wieder von rechts in die Mitte zog, zu keiner Zeit in den Griff. Exemplarisch für seine Probleme hier alle seine Tacklings:

Torsten Frings Tackles

Torsten Frings Tacklings: 1 erfolgreich, 4 unerfolgreich

Am Ende opferte sich Frings mit der roten Karte, nachdem ihn Schaaf schon vor dem Spiel geopfert hatte. Wenn dies die Alternative zu Silvestre ist, sollte man ihn wohl trotz Pfeifkonzert wieder spielen lassen.

Werder ist innerhalb einer Woche aus DFB-Pokal und Europapokal (wenn auch nicht rechnerisch) ausgeschieden und verpasste es, in der Bundesliga in die Spitzengruppe vorzustoßen. Noch dazu in drei Spielen, die man bei besserer Chancenverwertung wohl allesamt gewonnen hätte. Das muss erstmal verdaut werden, von Mannschaft und Fans.

* Alle Grafiken: Total Football

Zitate von der VIP-Tribüne

“Nimm endlich den Scheiß-Franzecken runter!”

“Du blöder Penner, verpiss dich bloß! Spieler wie dich brauchen wir hier nicht!”

“Silvestre, du Wichser! Geh wieder dahin, wo du hergekommen bist!”

“Du blindes Arschloch!”

“Na endlich nimmt er den raus! So ein ******** (Wort nicht zitierfähig)!”

Und das von Leuten, die nach Anpfiff kommen und vor Abpfiff gehen. Right back atcha!