Archiv für den Monat: Dezember 2010

Ende einer gescheiterten Beziehung

Rudi Völler, Karl-Heinz Riedle, Claudio Pizarro, Ailton, Miroslav Klose – Werder Bremen hat eine lange und erfolgreiche Stürmertradition. In den letzten Jahren ist es jedoch nicht gelungen, einen würdigen Nachfolger dieser großen Namen zu etablieren. Mit Hugo Almeida verlässt nun der aussichtsreiche Kandidat nach viereinhalb insgesamt enttäuschenden Jahren den Verein.

Der beste Stürmer der letzten vier Jahre?

Im Sommer 2007 wechselte Miro Klose zu Bayern München. Wer ist der beste Stürmer, den Werder seitdem verpflichtete? Ganz klar, Claudio Pizarro. Und dahinter? Wird es schon eng. Am ehesten kann man noch Boubacar Sanogo nennen, der wenigstens ein halbes Jahr lang ein wirklich guter Klose-Nachfolger war. Die restliche Liste der Bremer Verpflichtungen für den Angriff liest sich dann so: Said Husejinovic, Marko Futacs, Pascal Testroet, Marcelo Moreno, Sandro Wagner, Marko Arnautovic. Wie man sieht hat Werder eher auf junge Spieler gesetzt, die den Durchbruch (noch) nicht geschafft haben.

Mit Pizarro hatte man immerhin eine klare Nummer 1 im Angriff, hinter dem sich die anderen Stürmer langsam an die erste Elf heranpirschen sollten. Seitdem Thomas Schaaf nur noch mit einer Spitze spielt, ist diese Aufgabe nicht unbedingt einfacher geworden (wobei hier die Frage zu stellen ist, ob die Systemumstellung nicht auch an mangelnder Qualität im Angriff lag). Bleibt die Wahl, ob man lieber mit Platzhirsch Pizarro oder den Mittelfelddribblern Marin und Hunt in der Reihe dahinter konkurrieren möchte.

Der verhinderte Weltklassestürmer

Während diese Konkurrenzsituation für den einen oder anderen Stürmer vielleicht eine zu große Aufgabe darstellt(e), ist Hugo Almeida vor allem an sich selbst gescheitert. Die Zweifel an seinen Fähigkeiten sind in Fankreisen trotz seines Kultstatus zwar nie ganz verschwunden. Schaaf und Allofs jedoch machten immer wieder deutlich, dass sie im Portugiesen ein riesiges Sturmtalent sahen. Je genauer man Almeida beobachtete, desto mehr konnte man ihre Einschätzung nachvollziehen. Trotz seiner teils ungestümen Bewegungen brachte er alles mit, was es für eine große Karriere als Mittelstürmer braucht: Schnelligkeit, Physis, Kopfballstärke, Durchsetzungsfähigkeit. Und dann dieser Wahnsinnsschuss!

Leider konnte man über die Jahre nur eine sehr langsame Verbesserung bei Almeida beobachten. Zwar spielte er selten wirklich schlecht, hatte im Gegensatz zu etwa Markus Rosenberg nicht mit längeren Formkrisen zu kämpfen, doch die offensichtlichen Schwächen in seinem Spiel hat er auch im Winter 2010 noch nicht beseitigt. Noch immer verspringt ihm bei der Mitnahme zu häufig der Ball. Noch immer fehlt ihm vor dem Tor die Übersicht. Noch immer geht bei ihm Schusshärte über Genauigkeit. Noch immer fehlt ihm im Zweikampf die Cleverness und er begeht zu viele Stürmerfouls. Noch immer lässt er sich zu Dummheiten, wie der Tätlichkeit im Spiel gegen St. Pauli, hinreißen. Ein Spiel, dass seine Werder-Karriere (wenn auch etwas extrem) gut zusammenfasste.

Trotz dieser Mankos ist Almeida ein guter Stürmer und genau hier liegt das Problem: Er kommt damit durch, nicht alles aus sich heraus zu holen. Besonders Klaus Allofs wird nicht müde zu betonen, dass Hugo das Zeug dazu hat, einer der besten Stürmer Europas zu werden. Davon ist er noch ein gutes Stück entfernt und angesichts des fortschreitenden Alters dürfte es für einen solchen Leistungssprung auch bald zu spät sein. Momentan macht er den Eindruck eines in der Entwicklung stehengebliebenen Hochbegabten.

Anspruch und Realität

Woran es am Ende gelegen hat, wird wohl nur Hugo Almeida selbst wissen. Er hat Werder – wie viele andere vor ihm – als Sprungbrett zu einer großen internationalen Karriere gesehen. Eine Zwischenstation, die ihn in den Fokus der europäischen Elite bringen sollte. Nach viereinhalb Jahren an der Weser kann er noch immer kaum Deutsch, was in der heutigen Fußballwelt nicht ungewöhnlich sein mag, jedoch nicht für große Identifikation mit dem Verein spricht. Wesentlich schlimmer für Almeida ist jedoch, dass er es in diesen viereinhalb Jahren nicht zum unumstrittenen Stammspieler auf seiner Durchreisestation brachte.

Nicht weiter verwunderlich also, dass Klaus Allofs nicht bereit war, dem Spieler die geforderte satte Gehaltserhöhung zu gewähren. Kurz vor Weihnachten fand er ungewöhnlich deutliche Worte für Almeidas Verhalten und stellte klar, dass unter diesen Umständen eine Vertragsverlängerung kein Thema mehr war. “Erwartungshaltung des Spielers und das, was wir machen können und für sinnvoll halten – da liegen wir meilenweit auseinander”, sagte Allofs in der Kreiszeitung. Als “total unprofessionell” bezeichnete er Almeidas Verhalten im Spiel gegen St. Pauli und stellte dabei auch dessen Mannschaftsdienlichkeit in Frage: “Er muss sich immer fragen, was er für die Mannschaft tun kann. Aber tut er das?”

Ersatz aus den eigenen Reihen?

Nach diesen Auseinandersetzungen ist eine vorzeitige Trennung die einzig sinnvolle Lösung. So bekommt man zumindest noch eine kleine Ablöse und muss keinen unzufriedenen Spieler durch den Abstiegskampf schleppen. Fraglich ist jedoch, wie Werder den Qualitätsverlust kompensieren will. Immerhin war Almeida in weitgehender Abwesenheit Pizarros Werders torgefährlichster Stürmer und die Alternativen Wagner und Arnautovic haben bislang nicht bzw. nicht vollständig überzeugt. Gleichzeitig stellt Allofs jedoch klar, dass kein Geld für einen großen Transfer jenseits der 3 Mio. Euro zur Verfügung stünde. Für weniger dürfte man jedoch kaum gleichwertigen Ersatz bekommen.

Deshalb könnte nun die Stunde der Nachwuchsstürmer schlagen. Mit Lennart Thy, Pascal Testroet und dem etwas stagnierenden Onur Ayik stünden junge Spieler bereit, die ungeduldig auf ihre Chance in der Profimannschaft warten. Nun wäre die Gelegenheit gut, sie in den Kader einzubauen. Es ist für sie sicher einfacher, sich zunächst im Abstiegskampf zu beweisen, als direkt auf Champions-League-Niveau. Kurzfristig dürfte man trotzdem weiterhin abhängig von Pizarro bleiben.

Trotz meiner Kritik wünsche ich Hugo Almeida alles Gute bei Besiktas. Ich habe ihn immer gerne gemocht und bin schon etwas traurig, dass er seinen absoluten Durchbruch bei Werder nicht geschafft hat.

Die Halbjahreszeugnisse

Von Schulnoten halte ich eigentlich nicht viel, doch auch wenn unsere Abwehrspieler häufig so aussehen, als würden sie im eigenen Strafraum ihren Namen tanzen, haben sie sich eine handfeste Bewertung ihrer Leistungen verdient. Deshalb verteile ich heute die Halbjahreszeugnisse, die sich die Spieler nach dem Unterricht bitte in alphabetischer Reihenfolge am Lehrerpult abholen kommen.

Tim Wiese – Zu Beginn des Schuljahrs musste man sich um Timmy ein paar Sorgen machen, doch seitdem er nach seiner Verletzung den Atem des Konkurrenten im Nacken spürt, zeigt er starke Leistungen und hält sogar wieder Elfmeter. Ein herausragender mitspielender Torwart wird er nicht mehr werden. Nicht seine beste Hinrunde, aber eine Gute. Note: 2

Sebastian Mielitz – Basti, was für ein herausragender Auftritt Ende Oktober! Innerhalb von nur viereinhalb Spielen solchen Eindruck hinterlassen, dass man kaum Argumente dafür finden konnte, ihn wieder aus dem Tor zu nehmen. Könnte ein Großer werden, wenn er so weitermacht. Note: 1,5

Christian Vander – Von Christian bleibt leider nur ein AC/DC-Song im Gedächtnis. Plagte sich die gesamte Hinrunde über mit Verletzungen und konnte nicht am Unterricht teilnehmen. Ist dadurch wohl auf Platz 3 in der Hierarchie abgerutscht. Note: -

Per Mertesacker – Das war nichts, Per! Die Hinrunde einfach mal abhaken und in der Rückrunde zurück zu alter Stärke finden. Würde am liebsten ein paar Klassen überspringen und zu einer Eliteschule wechseln, doch momentan muss er eher zusehen, dass er seine Versetzung nicht gefährdet. Gerade noch ausreichend. Note: 4,5

Naldo – Na, Na, Na… es blieb stumm in dieser Saison. Vor einem Jahr hatte er um diese Zeit schon eine zweistellige Torausbeute und zeigte starke Leistungen in der Abwehr. Seit dem Sommer musste er verletzungsbedingt dem Unterricht fernbleiben und fehlt seiner Klasse immens. Note: -

Petri Pasanen – Petri, der Musterschüler. Fällt nie unangenehm auf, stört nicht den Unterricht und macht fleißig seine Hausaufgaben. Seine mündliche Beteiligung könnte mehr sein, aber wenn er was sagt, dann ist es häufig richtig. Doch dann versagt er bei den großen Klassenarbeiten in “Außenverteidigung” und es fällt mir schwer, mehr als ein mangelhaft zu vergeben. Note: 5

Sebastian Prödl – Basti Nummer 2 musste sich erst an Sprache und Kultur in unserem Land gewöhnen, doch inzwischen hat er sich zu einem passablen Innenverteidiger entwickelt. Zu Saisonbeginn war er das Licht im Bremer Abwehrdunkel, doch konnte er dies nicht konstant bestätigen. Insgesamt war es ausreichend. Note: 4

Clemens Fritz - Hat mitten im Schuljahr sein Leistungsfach gewechselt und überraschte seine Mitschüler im defensiven Mittelfeld. Nicht nur deshalb bekommt er von mir als einer der wenigen Spieler aus den hinteren Reihen ein Befriedigend. Muss im zweiten Halbjahr aber so weitermachen, um die Note zu halten. Note: 3

Mikael Silvestre – Mikael fiel in der Hinrunde durch zwei Dinge auf: 1. Sein Name wurde ständig falsch geschrieben oder ausgesprochen (I’m looking at you, Marcel “Erik Silvester” Reif!). 2. Er fabrizierte eine Unmenge an Fehlern. Man wünschte ihm mehr Unterstützung von den Mitschülern, doch leider ließ man ihn zu häufig allein im Regen stehen. Mit gutem Willen und als Anerkennung seines Bemühens bekommt er noch ein Mangelhaft. Note: 5

Sebastian Boenisch - Basti Nummer 3 sollte diese Hinrunde am besten ganz schnell vergessen. Erst den Kampf um den Stammplatz gegen Pasanen verloren, dann gegen Neuzugang Silvestre und dann eine langwierige Verletzung eingefangen. Zu benoten bleibt da nichts. Note: -

Dominik Schmidt – Wer? Dominik fiel bislang so wenig auf im Unterricht, das selbst der Lehrer vergessen hatte, dass es ihn überhaupt gibt. Dann plötzlich war er da und überzeugte so sehr, dass man ihn nicht mehr missen möchte. Machte trotz allgemeiner Verunsicherung einen guten Job und bekommt von mir dafür ein Befriedigend mit Tendenz nach oben. Note: 2,5

Leon Balogun – Als die Personalnot auf dem Höhepunkt war, durfte er kurz aushelfen. Machte seine Sache dabei nicht schlechter als seine Nebenleute. Note: -

Torsten Frings – Was machen wir mit Torsten? Als Klassensprecher saß er immer in der ersten Reihe, war zuverlässig und überspielte seine Schwächen mit überbordendem Eifer. Nun denkt er darüber nach, die Schule abzubrechen und man kann es ihm nicht verübeln. Versetzung stark gefährdet, das muss man sich in seinem Alter nicht mehr antun. Könnte bald schon selbst zum Aushilfslehrer werden. Note: 4,5

Phillipp Bargfrede – Phillipps Leistungen waren zuletzt nicht mehr so, wie man es von ihm kennt. Im letzten Schuljahr noch einer der Klassenbesten und Vorbild für viele Mitschüler, ließen seine Arbeiten im Laufe dieses Schuljahrs spürbar nach. An Fleiß mangelt es nicht, doch irgendwie kommt er mit dem aktuellen Unterrichtsstoff nicht so gut zurecht. Leider nicht mehr als ausreichend. Note: 4

Wesley – So wünscht man sich neue Mitschüler! Wesley ist fleißig, lernt schnell, hilft seinen Mitschülern gewissenhaft. Wenn er mal einen Fehler macht, putzt er freiwillig hinterher die Tafel und all dies mit einem Lächeln auf den Lippen. Das ist jetzt schon gut und könnte in Zukunft noch besser werden. Note: 2

Daniel Jensen – Daniel könnte so ein guter Schüler sein, doch trägt zu selten etwas zum Unterricht bei. Eigentlich hinterließ er einen zumindest befriedigenden Eindruck, aber irgendwas stimmt da nicht. Ignoriert ihn der Lehrer oder meldet er sich nicht häufig genug? Note: 4

Tim Borowski – Ehemaliger Einserschüler, der seit Jahren nichts mehr dazulernt. Er weiß ja auch eigentlich genug. Leider hat es unser Timbo nach ambitioniertem Start ins Schuljahr wieder schleifen lassen und konnte nun schon seit Monaten nicht mehr am Unterricht teilnehmen. Hat dadurch immerhin seine Rolle als Sündenbock abgegeben… Note: 4

Aaron Hunt – … die Aaron dafür dankbar aufgenommen hat. Er weiß eigentlich auf so viele Fragen eine Antwort, aber man muss sie ihm aus der Nase ziehen. Versteht sich nicht so richtig mit seinen Mitschülern und lässt nur ab und an Geistesblitze erkennen, die ihn so gerade noch vor dem Mangelhaft retten. Note: 4,5

Marko Marin – Bei Marko ist eher andersherum. Er versucht mit ausgefallenen Dingen zu punkten, vernachlässigt aber den Stoff aus dem Lehrplan. Versucht sich ständig an komplizierten Dreisätzen, obwohl er die Grundrechenarten noch nicht vollständig beherrscht. Spiel ohne Ball ist miserabel. Für mich die größte Enttäuschung bisher. Er muss sich zusammenreißen, wenn er das Schuljahr auf einem grünen Zweig beenden will. Note: 4,5

Said Husejinovic – Außerhalb seiner Klasse ist kaum jemandem aufgefallen, dass Said überhaupt auf diese Schule geht. Ist stets bemüht, wirkt jedoch überfordert. Wäre an einer anderen Schule sicher besser aufgehoben, wo ihm die Lehrer mehr Zeit und Geduld widmen können. Note: -

Felix Kroos – Felix durfte mal kurz rein schnuppern, als in der Klasse zu viele Stühle leer blieben. Ein weiteres halbes Jahr in der Klasse drunter dürfte ihm gut tun. Note: -

Marko Arnautovic – Für Marko wurde die Note im Betragen wieder eingeführt. Und sie ist ungenügend. Hier sind erzieherische Maßnahmen notwendig, damit er sein Talent nicht verschwendet. Wenn er bei der Sache ist, zeigt sich seine Genialität. Mit der allein wird es jedoch nicht schaffen. Mit Geduld und Arbeit wird er irgendwann mindestens auf ein Gut kommen. Momentan reicht es noch nicht ganz für ein Befriedigend. Note: 3,5

Claudio Pizarro – Claudio ist ein Garant für starke Leistungen. Wenn er fit ist, macht er eigentlich alles, was man von ihm erwartet und verdient sich gute bis sehr gute Noten. In dieser Hinrunde hatte er nur leider wenig Gelegenheit dazu, weil die Gesundheit nicht mitspielte und er auf dem Feld nicht immer vollständig fit wirkte. Note: 3

Hugo Almeida – Hugo ist und bleibt leider ein Sorgenkind. Er macht seine Sache häufig gut, doch dann vermasselt er sich selbst das Ergebnis. Liebäugelt mit einem Schulwechsel im Winter, weil er auch nach 4 1/2 Jahren seinen Lehrer noch nicht vollends von sich überzeugen konnte. Insgesamt trotzdem bester Offensivakteur der Klasse. Note: 2,5

Sandro Wagner – Sandro kann einem fast ein bisschen leidtun, darf er doch eigentlich nur dann ran, wenn die meisten seine Mitschüler fehlen, was in dieser Hinrunde häufig der Fall war. Bemüht sich redlich, doch mehr als ein Mangelhaft kann man dafür nicht vergeben, wenn die Ergebnisse so schwach bleiben. Note: 5

Lennart Thy – Man konnte vorher nicht unbedingt davon ausgehen, dass Lennart schon in diesem Schuljahr bei den großen Jungs mitmachen darf. Seit ein paar Wochen ist er nun dabei und fällt nicht unangenehm auf. Allerdings noch zu wenig, um ihn dafür schon zu benoten. Note: -

Zum Abschluss möchte ich noch hinzufügen: Ich bin echt enttäuscht von euch! Ein Notenschnitt von 3,63 zeigt, dass ich noch recht moderat benotet habe. In der Rückrunde erwarte ich wesentlich mehr von euch, sonst wird es die Fünfen nur so hageln!

Never Dreamed You’d Leave in Summer

Bundesliga, 17. Spieltag: Werder Bremen – 1. FC Kaiserslautern 1:2

Nachdem mich die letzten Wochen einigermaßen zuversichtlich stimmten, dass sich Werder auf einem guten Weg aus der Krise befände, hat die Mannschaft diese Zuversicht mit einem erneuten Offenbarungseid zum Ende der Hinrunde weggewischt. Nach der verdienten Heimniederlage gegen den Aufsteiger aus Kaiserslautern bleiben eine Menge offene Fragen, die es in der Rückrunde zu beantworten gilt.

Anhaltende Konzentrationsmängel

Es ist die ewig gleiche Mischung aus defensiver Fragilität und offensiver Einfallslosigkeit, die Werder in dieser Saison vor Probleme stellt. Es fehlt an Struktur im Spielaufbau, an Automatismen in der offensiven Mittelfeldreihe, an gefährlichen Standardsituationen. Dazu kommen die anhaltenden Personalprobleme, mit immer neuen Ausfällen, die zu ständig wechselnden Startformationen führen. Kaiserslautern hat im Weserstadion gut gespielt, immer wieder gefährlich gekontert und Werder im zentralen Mittelfeld weitgehend kontrolliert. Es wurde ihnen von Werder allerdings auch einfach gemacht.

Das Gegentor in der ersten Minute war ein weiteres Exemplar Bremer Konzentrationsschwäche, die bei Torsten Frings anfing, sich über Petri Pasanen fortsetzte und in Per Mertesacker kulminierte. Leider ist unser Abwehrturm nicht nur körperlich manchmal zu unflexibel. Als er Lakics Laufweg erkannte und darauf reagierte, war schon alles zu spät. Über weite Strecken der 1. Halbzeit fand Werder überhaupt nicht ins Spiel, was nicht allein durch Verunsicherung wegen des frühen Rückstands zu erklären ist. Weder Marin noch Hunt konnten für Impulse sorgen und das zuletzt gefestigte defensive Mittelfeld wies dieselben strukturellen Mängel auf, die schon über weite Strecken der Hinrunde Werder das Leben schwer gemacht haben.

Ausgelutscht?

Auch nach dem frühen Wechsel und der Systemumstellung tat sich Werder weiterhin schwer. Zwar gab es nach dem Ausgleich durch Hunt einige starke Minuten, in denen (meist durch Einzelaktionen) Torgefahr entstand, doch das war – wie sich schon kurz nach Wiederanpfiff zeigte – bloß ein Strohfeuer. Der erneute Rückstand war sinnbildlich für Torsten Frings Hinrunde. Zunächst traf er die falsche Entscheidung, als er statt des einfachen Balls eine Pirouette drehte, mit der er sich in eine gefährliche Situation brachte. Dann kam noch Pech dazu, weil er auf dem glatten Boden den Halt und damit auch den Ball verlor. Natürlich ist es nicht Frings Schuld, dass Sekundenbruchteile später auch noch Fritz ausrutschte, aber ein Spieler mit seiner Erfahrung sollte solche kritischen Situationen von vornherein verhindern. Alle großen Defensivspieler, die bis ins hohe Alter ihre Klasse halten konnten, verstanden sich hervorragend darin, gefährliche Situationen zu antizipieren und zu verhindern, bevor ihnen ein junger Gegenspieler ihre nachlassende Schnelligkeit um die Ohren hauen konnte. Genau dies scheint Frings nicht zu gelingen und deshalb hoffe ich sehr für ihn, dass er die Zeichen der Zeit erkennt und seine Karriere im Sommer beendet.

Ich möchte kein Frings-Bashing betreiben, denn er hat sehr viel für unseren Verein geleistet, aber es reicht einfach nicht mehr, um bei einem Verein mit Werders Ansprüchen eine Führungsrolle auszuführen. Leider. Noch reicht es aber dazu, sich in Würde zu verabschieden und vielleicht dem Verein in einer anderen Rolle weiterzuhelfen. In der letzten Rückrunde war Frings noch unsere Lebensversicherung in der Schlussphase vieler Spiele, in denen er als Antreiber und kühler Vollstrecker überzeugte. Am Samstag wurde er nicht zum ersten Mal in dieser Phase ausgewechselt. Sein Gesichtsausdruck beim Verlassen des Spielfelds war die bildliche Untermalung der Schlagzeilen, für die er unter der Woche gesorgt hatte. Für ihn kam Said Husejinovic in die Partie – nicht unbedingt ein Hoffnungsträger.

Doppelnull statt Doppelsechs

Der Wechsel war ein weiterer Ausdruck der Verzweiflung unseres Trainers. Nachdem die Umstellung in der ersten Halbzeit noch für eine gewisse Belebung gesorgt hatte, brachten die beiden Wechsel in der zweiten Halbzeit kaum einen Effekt. Mit Bargfrede und Frings nahm Schaaf beide Sechser vom Feld und brachte zwei weitere Offensivspieler. Man kann darüber diskutieren, ob es bei Werders Harakiri-Stil überhaupt noch einen Unterschied macht, ob die Positionen vor der Abwehr nominell besetzt sind oder nicht. Wenn beide Sechser so weit aufrücken, dass Abstände jenseits von Gut und Böse zwischen Viererkette und Mittelfeld entstehen, kann man auch gleich die Zone vor dem Strafraum mit dribbelstarken Kreativspielern bevölkern. Dumm nur, wenn den Innenverteidigern die kurzen Anspielstationen im Aufbau fehlen und mit Wagner und Arnautovic nur eineinhalb Spieler mit langen, hohen Bällen anspielbar sind. Ein stärkerer Gegner hätte Werder mit drei, vier präzisen Kontern eine richtige Abreibung verpasst.

Das Brechen und Würgen hätte für Werder in der Tat noch mit einem Punkt belohnt werden können, wenn Wagner den Kopfball aus kurzer Distanz am Torwart vorbei bekommen hätte. Einzelaktionen, die mit einem Anspiel auf Wagner endeten, waren an diesem Tag Werders einzige Waffe. Leider bleibt Wagner noch immer den Beweis schuldig, dass er ein guter Bundesligastürmer sein kann. Die Kritik an ihm finde ich insgesamt zu hart (immerhin ist er auf Bundesliganiveau ein Neuling und für Werder eigentlich Stürmer Nummer 4), aber außer ein paar guten Ansätzen ist noch keine Entwicklung erkennbar. Wagner kann als Stürmer eigentlich alles – irgendwie – aber nichts davon so gut, dass es ihn zu einer Bereicherung für unser Spiel machen würde.

Saisonziel: 40 Punkte

Noch vor dem Spiel sprach Klaus Allofs vom Anschluss an Platz 5. Angesichts der vielen Überraschungsmannschaften in der oberen Tabellenhälfte ist dieses Ziel nicht völlig unrealistisch. Die letzte Saison hat gezeigt, wie schnell man in dieser ausgeglichenen Liga einen Rückstand aufholen kann. Trotzdem halte ich es für ein falsches Signal, weil es die vorhandenen Probleme überspielt und suggeriert, wir wären schon wieder auf dem Weg nach oben. Es ist nicht das erste Mal, dass Allofs mit solchen Ansagen auffällt und ich würde mir wirklich wünschen, dass er sich mit damit in Zukunft etwas zurückhält. Mit 19 Punkten aus der Hinrunde heißt das erste und einzige Ziel, den Klassenerhalt zu sichern. Wenn die 40 Punkte früh erreicht werden sollten, kann man sich immer noch nach oben orientieren. Zum jetzigen Zeitpunkt wirkt es bestenfalls verzweifelt und im schlechtesten Fall wie einsetzender Realitätsverlust. Also Herr Allofs, bitte in der Winterpause etwas zurückhalten mit den Kampfansagen!

Für Thomas Schaaf geht es in der Rückrunde indes um mehr als nur den Klassenerhalt. Er muss beweisen, dass es sich bei ihm in der Hinrunde nur um eine Formkrise handelte, und er die Mannschaft wieder zurück zu alter spielerischen Klasse führen kann. Er muss beweisen, dass er noch immer talentiertes Personal weiterentwickeln und zu Spielern internationaler Klasse formen kann. Und er muss beweisen, dass er seiner Mannschaft ein geeignetes Post-Rauten-System verpassen kann.

Diese schlechte Hinrunde würden wir alle gerne vergessen. Ich erwarte von jedem einzelnen Werderaner, dass er alles dafür gibt, dass wir das schon bald guten Gewissens tun können.

Niederlage, aber kein Rückschritt

Bundesliga, 16. Spieltag: Borussia Dortmund – Werder Bremen 2:0

Nach dem 3:0 in der Champions League gegen Inter Mailand keimte ein wenig Hoffnung auf, dass Werder in Dortmund doch einigermaßen mithalten könnte. Nicht zu Unrecht, wie sich am Samstagabend zeigte. Werder konnte Dortmund nach schwachem Start lange Zeit das Wasser reichen und kassiert am Ende trotzdem eine insgesamt verdiente 0:2 Niederlage.

Dortmunder Blitzstart

In den ersten 20 Minuten passierte genau das, was man angesichts des Saisonverlaufs der beiden Mannschaften befürchten musste. Dortmund überrollte Werder geradezu mit aggressivem Pressing, schnellem Umschalten und gefährlichen Pässen in die Tiefe. Das 1:0 war folgerichtig. Auch wenn es letztlich eine Standardsituation war, kam der Freistoß für den BVB durch Pasanens Probleme auf der linken Abwehrseite zustande. Wer nun wieder auf unserem Linksverteidiger (egal wie er gerade heißt) herumhacken möchte, kann das gerne tun. Allerdings tut man ihm dabei meiner Meinung nach zumindest teilweise Unrecht. Das Spiel war – mehr noch als sonst – dafür konzipiert, auf Werders linker Seite Lücken zu schlagen. Kagawa zieht gerne aus der Mitte auf die linke Seite (wie ein gewisser Mesut Özil) und zog unsere defensiven Mittelfeldspieler dadurch ein Stück auf diese Seite herüber. Wenn man sich die Heatmap von Frings und Fritz anschaut, stellt man fest, dass beide mehr Aktionen rechts vom Zentrum hatten, was ungewöhnlich für eine Doppelsechs ist. Dazu kommt die Tatsache, dass Marko Marin mit seinen ständigen Rochaden als Vordermann deutlich weniger hilfreich ist, als etwa Phillip Bargfrede auf der anderen Seite. Wenn Rechtsverteidiger Piszcek mit aufrückte und seinen Landsmann Kuba unterstützte, wurde es jedes mal brenzlig.

Die Dortmunder setzten Werder auch nach der Führung weiter unter Druck und konnten mit ihrem Pressing den Bremer Spielaufbau weitgehend unterbinden. Pizarro ließ sich immer wieder tief fallen und agierte als “falsche Neun”. Dabei ging es weniger darum, Platz für die Vorstöße von Hunt und Marin zu schaffen als darum, eine weitere zentrale Anspielstation im Mittelfeld zu bieten. Auch in Dortmunds vertikale Pässe schlichen sich nach und nach mehr Ungenauigkeiten ein. Da das zweite Tor nicht fallen wollte, schaltete Dortmund in der Folge einen Gang zurück und verwaltete das Spiel. Dadurch bekam Werder mehr Spielanteile und konnte seine Angriffe überlegter und genauer Aufbauen. Bis zur Halbzeit wirkte Dortmund dabei noch sehr kontrolliert und ließ Werder nur zu einer nennenswerten Torchance – einem Schuss von Aaron Hunt – kommen. In einer solchen Phase reicht es, beim Gegner den Eindruck entstehen zu lassen, man könne jederzeit wieder zuschlagen. Werder agierte vor der Pause betont vorsichtig, um dem BVB nicht die Gelegenheit zum schnellen Gegenstoß zu geben.

Bremer Comeback

Dass es sich dabei um eine Dortmunder Finte gehandelt haben könnte, zeigte sich in der 2. Halbzeit. Werder führte seine Angriffe nun entschlossener zu Ende und setzte die Borussen früher unter Druck. Dadurch entstanden zwar die Räume für Dortmunder Konter, doch der Tabellenführer hatte nun selbst Probleme, sich aus dem Bremer Angriffsdruck zu befreien. In dieser Phase zeigte sich jedoch auch ein Unterschied zwischen den Teams, der letztlich mit spielentscheidend war: Dortmund schaffte es wesentlich besser, die Räume vor dem eigenen Strafraum eng zu machen, als es Werder in Dortmunds Drangperiode gelungen war. Werder musste sich jeden Torschuss hart erarbeiten. Trotz der nun augenscheinlichen Bremer Dominanz musste Dortmund im gesamten Spiel nur wenige wirklich brenzlige Szenen überstehen.

Gegen diese gereifte Dortmunder Mannschaft muss man die wenigen Chancen kaltblütiger nutzen, als es der SVW derzeit tut. Pizarro hatte innerhalb kurzer Zeit gleich zweimal den Ausgleich auf dem Fuß, doch beide Versuche endeten auf frustrierende Weise. Zunächst nahm Pizarro den Ball schlecht mit und Roman Weidenfeller konnte vor ihm klären, was Pizarro eine (in meinen Augen übertriebene) gelbe Karte einbrachte. Im zweiten Versuch war Pizarro erneut frei durch, legte den Ball am Torwart vorbei und wurde dann von diesem von den Beinen geholt. Ich kann zwar Klopp und die Dortmundfans verstehen, dass sie hier Pizarro unterstellen, sich bereitwillig treffen zu lassen, doch Weidenfeller kam schlicht mit zu viel Tempo aus dem Tor und konnte nicht mehr ausweichen. Entscheidend ist hierbei nicht die Intention sondern die Durchführung und Weidenfeller trifft Pizarro klar. Wäre es andersherum, hätte jeder Dortmunder einen Elfmeter gefordert. Schiedsrichter Mayer entschied an dieser Stelle nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal zu Werders Ungunsten und versagte Werder so die große Chance zum Ausgleich. Im Gegenzug traf dann Lewandowski zum entscheidenden 2:0. Es war ein schöner Dortmunder Angriff, den Kagawa mustergültig abschloss, doch Lewandowskis (wenn auch nur leichte) Berührung aus klarer Abseitsposition gibt dem Tor einen faden Beigeschmack.

Fehlende Klasse vs. fehlendes Glück

Nach dem Tor war das Spiel entschieden, weil Schaaf schon kurz vorher Pizarro gegen Wagner austauschen musste und sein Team nicht die Kraft und die Überzeugung aufbringen konnte, um Dortmund noch einmal richtig unter Druck zu setzen. Aufgrund der ersten 20 Minuten und der Dortmunder Defensivstärke geht der Sieg des Herbstmeisters insgesamt in Ordnung. Aus Bremer Sicht ist es jedoch erfreulich, dass man eine Stunde lang mit der bislang überragenden Mannschaft der Saison mithalten konnte und sich trotz des frühen Rückstands nicht wehrlos abschlachten ließ. Zwar entspricht das nicht dem Selbstverständnis unseres Vereins, aber nach den zahlreichen Klatschen in den letzten Monaten ist allein diese Tatsache schon etwas wert.

In Anbetracht der aktuellen Lage kann Werder in Dortmund nur dann Punkten, wenn alles optimal läuft. Die beiden Schiedsrichterentscheidungen waren sicher nicht der alleinige Grund für Werders Niederlage, doch momentan ist das Team einfach nicht in der Lage, solche Dinge gegen einen solchen Gegner zu kompensieren. Die Enttäuschung bei Spielern und Trainer ist verständlich, doch mit dem Abstand von zwei Tagen sollte man nun zu dem Schluss kommen, dass Fehlentscheidungen im Fußball immer wieder passieren und man die Leistung als weiteren kleinen Schritt in die richtige Richtung werten darf. Es ist ein Konsolidierungskurs den Werder derzeit beschreitet. Es ist zwar schmerzhaft, einen vermeintlich schwächeren Verein wie Dortmund so davonziehen zu sehen, doch das ist in dieser Hinrunde einfach nicht unsere Liga. Gegen den Tabellennachbarn aus Kaiserslautern müssen am Samstag hingegen unbedingt drei Punkte her.

Was bleibt?

Fun Fact des Tages: Als die Signal Iduna die Namensrechte für das Westfalenstadion kaufte, reichten zwei Bremer Mitarbeiter ihre Kündigung ein.

Ärgernis des Tages: Kubas ungeahndete Schwalbe. Ich teile ja die Kritik an Marins Fallsucht, aber ich kann das Fingerzeigen der Fans anderer Vereine immer weniger verstehen. Es gibt in fast jedem Team einen Spieler, der bei jeder Gelegenheit den Bodenkontakt sucht und Dortmund war mit Kuba und auch Sahin gut dabei.

Die Fragen, die nicht nur ich mir nach dem Spiel stellte, waren: Wie groß ist der Leistungsunterschied zwischen Werder und Dortmund wirklich? Ist der Dortmunder Kader so viel besser? Welche Rolle spielen dabei Selbstvertrauen, bisheriger Saisonverlauf und Zufall? Wie groß ist der Anteil der Entwicklungen der letzten 1-2 Jahre? Die Antworten darauf stelle ich an dieser Stelle mal zur Diskussion.

One for the money, two for the show

Champions League, Gruppe A, 6. Spieltag: Werder Bremen – Inter Mailand 3:0

Sacchis Milan hat es nicht geschafft, Capellos Milan hat es nicht geschafft, Ancelottis Milan hat es nicht geschafft, Maradonas Neapel hat es nicht geschafft, Mancinis Inter hat es nicht geschafft, Mourinhos Inter hat es nicht geschafft und nun hat es auch Benitez Inter nicht geschafft. Werder bleibt im Weserstadion gegen italienische Mannschaften ungeschlagen.

Gegen diesen leblosen Gegner wäre eine Niederlage auch schwer zu verdauen gewesen, selbst wenn es in dem Spiel für Werder rein sportlich um nichts mehr ging. Die 800.000 Euro, die als Siegprämie für den Verein im Raum standen, nehmen die Verantwortlichen sicher gerne mit. Die Spieler werden sich mehr über den netten Aufbaugegner freuen, gegen den sie nach einer halben Stunde zähen Bemühens endlich wieder einmal spielerisch überzeugen konnten. Natürlich darf man nicht den Fehler machen, dieses Spiel für voll zu nehmen, aber wie sagte Allofs nach dem Spiel so schön: Wir können nichts für das, was der Gegner macht.

Inter hatte sichtlich wenig Lust, sich am letzten Gruppenspiel zu beteiligen. In der Liga abgeschlagen und die Club-WM vor der Nase war das Spiel im eisigen Bremen nur ein lästiger Zwischenschritt. Trainer Benitez verzichtete auf viele seiner Stammspieler und schickte eine B-Elf auf den Rasen. Ein Schachzug, der ihn teuer zu stehen kommen könnte, denn Inter-Boss Moratti war not amused über die 0:3-Pleite und hat Benitez umgehend öffentlich Druck gemacht. Dabei hätte man von den auf dem Feld befindlichen Spielern (immerhin Eto’o, Pandev, Cambiasso und Zanetti in der Startaufstellung) schon etwas mehr erwarten können. Nach dem ersten Gegentor unternahm Inter jedoch keinerlei ernsthaften Versuch, wieder zurück ins Spiel zu kommen.

Für Werder war es dagegen ein rundum schönes Spiel. Zum einen hat man sich ordentlich aus der Champions League verabschiedet und zum anderen ein wenig Selbstvertrauen getankt. Wehmut sollte nach diesem Spiel nicht aufkommen. Selbst mit Topleistungen wäre es für Werder schwierig geworden, in dieser Gruppe weiterzukommen und davon war man in den meisten Gruppenspielen doch weit entfernt. Die Leistung gegen Inter war vor allem deshalb möglich, weil der Gegner so schwach war. Genau so eine Partie brauchte Werder, um sich auch spielerisch wieder etwas besser zu finden. In der zweiten Halbzeit klappten viele Dinge schon wieder, die in den letzten Wochen in dieser Form nicht zu beobachten waren.

Ich habe mich lange nicht mehr so über Werders Tore gefreut, wie am Dienstag Abend. Alle drei waren klare Statements, auf die wir lange genug gewartet haben. Das 1:0 durch Prödl per Kopf nach einer Ecke. Endlich ein Tor nach einer Ecke! Endlich trifft Prödl! Wie oft sind wir an diesen beiden Dingen in dieser Saison schon verzweifelt? Das 2:0 durch Arnautovic. Endlich ein Tor von Arnautovic, nach gefühlt 100 vergebenen Großchancen zuvor! Das 3:0 durch Pizarro. Endlich ist Pizza wieder da! Und dann trifft er auch gleich wieder. Das Spiel war auch eine Botschaft an die Fans: Ja, wir haben es dieses Jahr verkackt, aber wir wollen uns wenigstens anständig verabschieden.

Ein 3:0 gegen dieses Inter ist kein Grund abzuheben oder auch nur zu meinen, man habe jetzt was erreicht. Ein 3:0 gegen Inter ist aber immer ein Grund, ein wenig Selbstvertrauen daraus zu ziehen und mit erhobenem Haupt in die nächsten Spiele zu gehen. Die Zyniker werden sich über dieses Ergebnis ärgern, macht es doch den für die Winterpause geforderten radikalen Umbruch ein Stück unwahrscheinlicher. Alle anderen hoffen nun darauf, dass man am Samstag in Dortmund zumindest eine vernünftige Leistung abruft und dem Herbstmeister sein ganzes Können abverlangt.

Maurermeister Schaaf?

Bundesliga, 15. Spieltag: VfL Wolfsburg – Werder Bremen 0:0

Ein 0:0 auswärts in der Bundesliga ist für Werder in dieser Hinrunde ein gutes Ergebnis, egal gegen welchen Gegner. Man hat es schon zu sehr akzeptiert, als dass man sich über diese Tatsache noch richtig ärgern müsste. Gegen Wolfsburg war mehr als ein Punkt drin, weil Werder einen weiteren Schritt zu mehr defensiver Stabilität tat und trotzdem mehrere richtig gute Torchancen hatte. Allerdings hatte dieses Spiel eigentlich keinen Sieger – und wenn man ehrlich ist auch keine Tore – verdient.

Wolfsburg spielte über weite Strecken erschreckend schwach. Ein spielerisches Konzept konnte ich bei Steve McClarens Truppe nicht erkennen, vielmehr hieß die einzige Waffe im Offensivspiel Diego. Edin Dzekos Leistung war eine absolute Frechheit und die Wolfsburger scheinen gut darin beraten, den Ausnahmestürmer in der Winterpause für eine fürstliche Ablöse nach Madrid gehen zu lassen (falls ihm Hugo Almeida schwimmender Weise nicht zuvor kommt, har har). Wolfsburg war in den ersten 20-30 Minuten gefährlich, weil Diego gefährlich war. Danach kam nur noch sehr wenig. Das Spiel zeigte ganz gut, warum es für Werder in dieser Saison Gift wäre, Diego in der Mannschaft zu haben – auch wenn mir hierbei viele Fans widersprechen werden. Diego könnte mit seiner individuellen Klasse einige unserer strukturellen Defizite überdecken (wie auch schon zum Teil 2008/09), doch genau das wäre das Problem. Die Abhängigkeit von seinen genialen Ideen ist nichts, worum man Wolfsburg beneiden müsste. Unsere strukturellen Probleme (Spieleröffnung, Raumaufteilung) liegen momentan offener denn je und inzwischen habe ich auch das Gefühl, dass an ihnen gearbeitet wird. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit einem Diego, der als Alibi für andere Spieler fungieren kann, auch so wäre.

Politik der kleinen Schritte

Wenn das Spiel gegen St. Pauli ein kleiner Schritt nach vorne war, kann man das Wolfsburgspiel zumindest als einen Schritt zur Seite betrachten. Und da sich momentan alles, was kein weiterer Rückschritt ist, wie ein Fortschritt anfühlt, darf das Team aus diesem Spiel auch gerne etwas Selbstvertrauen schöpfen, bevor es gegen Inter und Dortmund wieder erschüttert zu werden droht. Es gibt in diesem Jahr noch ein wichtiges Spiel und das findet am 17. Spieltag gegen Kaiserslautern statt. Heute in der Champions League geht es wie schon in London darum, das Gesicht zu wahren. Gegen Dortmund befürchte ich kein Debakel, denn dafür werden sie uns für zu leicht befinden und ihre Kräfte für die Europa League schonen. Dortmund hat übrigens 7 Punkte mehr auf dem Konto als Werder zum selben Zeitpunkt in der Doublesaison. An dieses Spiel sollte man als Fan völlig erwartungslos herangehen.

Spielerisch geht es bei Werder noch nicht wirklich vorwärts, doch das kann man in dieser Hinrunde auch nicht mehr verlangen. Die personelle Situation, die kurzen Pausen zwischen den Spielen, die zwischenzeitliche Unruhe in Mannschaft und Umfeld – da kann man sich eigentlich nur die Wunden lecken und nach der Winterpause einen Neustart versuchen. Bei aller berechtigten Kritik darf man eben auch nicht vergessen, dass da teils Spieler auf dem Platz stehen, die eigentlich nur vierte oder fünfte Wahl auf ihrer Position sind. Wie würde sich ein Sandro Wagner wohl präsentieren, wenn er bei Dortmund in der 75. Minute eingewechselt werden würde, statt bei Werder den Lückenbüßer für unsere Ausfälle im Sturm zu geben? Die Übergänge vom vielversprechenden Sturmtalent zum scheinbaren Nichtskönner sind fließend, gerade für neue Spieler.

Der dritte Mann im Zentrum

Schon allein deshalb ziehe ich meinen Hut vor Dominik Schmidt. Dank seinen soliden Leistungen als Außenverteidiger (nicht mehr und nicht weniger sind sie) haben wir Clemens Fritzs Fähigkeiten als Sechser kennengelernt. Wenn die Aufstellung vor dem Spiel (Fritz als 6er, Bargfrede als offensiver rechter Mittelfeldspieler) noch überraschte, ergab die letztliche Aufteilung auf dem Spielfeld doch mehr Sinn. Werder spielte mit drei zentralen Mittelfeldspielern, um Wolfsburgs Raute im Schach zu halten und hatte in Hunt, Marin und Arnautovic drei variable Spieler in der Offensive, die ihre Sache ordentlich machten. Ein Problem ist in dieser Zusammensetzung die fehlende Präsenz in der Sturmspitze. Arnautovic spielt raumgreifend, weicht auf die Flügel aus und bräuchte dann eine Anspielstation im Strafraum. Da Hunt und Marin dafür kaum in Frage kommen, war es einige Male Bargfrede, der an der Strafraumgrenze angespielt wurde (bin ich der Einzige, der sich für diese Situationen einen fitten Tim Borowski gewünscht hätte?). Aus einer solchen Situation entstand schließlich auch der Elfmeter für Werder.

Leider verschoss Frings zum zweiten Mal in Folge, was für Sky Grund genug war, die Interviews nach dem Spiel auf diese Tatsache auszurichten. Wer aus diesen beiden Fehlschüssen eine Tendenz herauslesen möchte – bitteschön. Ich glaube eher, dass die 20er Serie ein statistischer Zufall war, denn obwohl Frings insgesamt gute Elfmeter schießt, war da auch der eine oder andere schwache Schuss dabei, der mit Glück trotzdem ins Tor ging. Dass das nicht immer klappen kann, ist eigentlich klar. Wollen wir hoffen, dass der Lutscher das mental wegsteckt und keine Serie daraus wird, denn seine Reaktion hinterher wirkte schon ein wenig dünnhäutig.

Übergangsjacke oder Wintermantel?

Hätten Arnautovic oder Hunt ihre Großchancen kurz vor Schluss genutzt, wäre das Fazit noch etwas positiver ausgefallen. So bleibt ein weiteres Zu-Null-Spiel, auf das man sich nicht viel einbilden darf, aber das der geschundenen Verteidigerseele sicherlich gut tut. Wenn Per Mertesacker jetzt noch seinen obligatorischen Katastrophenpass in den Fuß eines Gegenspielers aus dem Repertoire streicht, sieht das doch schon wieder nach einem Nationalspieler aus. Ansonsten fragt man sich natürlich, welche Elemente aus Werders Spiel Zukunft haben. Ist Schmidt mehr als nur eine Übergangslösung? Damit verbunden: Sehen wir Fritz noch häufiger im defensiven Mittelfeld? Ist die Lösung mit dem dritten zentralen Mittelfeldspieler ein Fortschritt oder ein Rückschritt? Können nicht gerade Marin und Hunt mit ihrer Spielweise davon profitieren? Und was platzt bei Arnautovic zuerst? Der Knoten oder der Kragen? Man hat bei ihm ja so den Eindruck, dass er noch gut auf 12-15 Saisontore kommen könnte, wenn er denn mal einen Lauf bekommt. Warum nicht gleich heute gegen Inter?