Archiv für den Monat: Januar 2011

3 Fragen zum FC Bayern

Wie angekündigt möchte ich in der Rückrunde wieder vor jedem Bundesligaspiel ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners führen. Vor dem Spiel gegen die Bayern hat mir probek drei Fragen zu seinem Lieblingsverein beantwortet:

Transfers in der Winterpause sind nichts besonderes. Den Kapitän zwischen dem 19. und dem 20. Spieltag zum AC Milan zu verkaufen ist dagegen sehr außergewöhnlich. Wie stehst du zu van Bommels Wechsel und welche Auswirkungen hat er deiner Meinung nach auf das Mannschaftsgefüge?

Wie ich dazu stehe? Ich hätte Mark einen besseren Abschied gewünscht, der in einer perfekteren Welt erst zum Ende der Saison (oder gar noch später) gekommen wäre. Aber: so läuft’s Business, wenn dein Vertrag ausläuft, die komplette Vereinsführung seit längerem die Zukunft offensichtlich ohne dich plant und dir mit den Transfers von Tymoschtschuk und später Gustavo auch sehr deutlich zu verstehen gibt, dass sie nach Alternativen bzw. Nachfolgern sucht. Dann gehste halt mal ein halbes Jahr eher, zu einem auch nicht so schlechten Verein. Dass jetzt allein van Gaal derjenige gewesen sein soll, der ihn in die Flucht getrieben hat, halte ich insofern auch für wenig glaubwürdig. Hätte der Trainer ihm einen neuen Vertrag anbieten sollen? Oder auch nur dürfen?

Trotzdem bedaure ich seinen Abschied, ist doch klar. Ich habe ihn für einen vorbildlichen Kapitän gehalten, für einen auch von manchen Bayernfans (zu) wenig besungenen, wichtigen Faktor in engen Spielen gegen Gegner hoher und höchster Klasse. Es ist aber auch eine hohe Kunst, sich als Verein und als Fußballprofi zum genau richtigen Zeitpunkt und in beiderseitigem Einvernehmen zu trennen, das klappt beileibe nicht immer problemlos (an dieser Stelle mal unvermittelte und rein zufällige Grüße an tätowierte Bremer Mittelfeldspieler). Und ginge es nach mir, hätte Bayern eh noch Luca Toni, Lucio, Hummels, Zé Roberto, Roy Makaay und Giovane Elber im Kader. Zwar reizvoll, aber vielleicht keine allzu realistische Alternative.

Das Mannschaftsgefüge? Da entsteht sicher eine Lücke, die schwer zu füllen sein wird. Ist mir aber ziemlich egal, wichtiger wäre mir, dass die Truppe mal konstanter spielt. Nur: wem sage ich das (sorry; vielleicht sollte ich dann doch mal versuchen, nicht von unseren eigenen Problemen abzulenken).

Bei den Bayern läuft es derzeit wieder rund, während Werder um den Klassenerhalt kämpft. Eigentlich spricht alles für einen klaren Auswärtssieg. Wann vervollständigt Mario Gomez gegen Werder seinen Hattrick – over/under 30. Minute? Etwas ernsthafter: Wirkliche Sorgen müsst ihr euch vor dem Spiel nicht machen, oder?

Bei uns läuft’s rund? Da sagst du was, vor allem: sag das mal weiter. Denn die Bayern wären nicht die Bayern, wenn nicht jeder Furz, den irgendeiner (sei es ein Ex-, ein anderer Ex- oder ein Ex-Ex; konkreter will ich gar nicht werden) zu irgendwas ablässt mit unglaublich viel Aufmerksamkeit registriert würde und Unruhe verbreitet. Oder als Indiz für den unmittelbar bevorstehenden Abschied von van Gaal und die Inthronisierung von Matthias Sammer als Nachfolger dienen könnte. Nein, wirkliche Sorgen müssen wir uns — vor allem im Vergleich zu euch (sorry!) — nicht machen, aber: wir machen sie uns trotzdem immer und immer wieder gerne mal selbst.

Mario Gomez’ Hattricks sind mir ansonsten und unter uns, ziemlich wumpe. Wichtige Spiele gewinnen ist mir ungleich wichtiger — wer die Dinger dann macht, ist sekundär.

Auch wenn das Thema Meisterschaft abgehakt sein dürfte, gibt es in dieser Rückrunde für die Bayern noch einiges zu gewinnen. Auch letzte Saison seid ihr spät auf Touren gekommen, dafür dann aber richtig. Traust du van Gaal und dem Team dieses Jahr eine ähnlich furiose Rückrunde zu?

Ja.

Dein Tipp?

Hm, schwierig. Wie bei diesem Gastspiel wird’s wohl nicht laufen, fürchte ich. Was tippen … ach, ich sage mal: 3:0 für Bayern. Durch drei Gomez-Tore (7., 41. und 76. Minute). Sorry!!!

Vor dem Hinspiel: Drei Fragen zum FC Bayern

Schuldner

1. FC Köln – Werder Bremen 3:0

Das Zarte Pflänzchen Hoffnung ist nach nur einem Spiel komplett zertrampelt, entwurzelt und entsorgt worden. Mit einer spielerisch und kämpferisch desolaten Vorstellung setzt sich Werder im Abstiegskampf fest und hinterlässt nachhaltig den Eindruck, diesem nicht gewachsen zu sein.

Keine Aussicht auf Rückzahlung

Der Kredit ist aufgebraucht, nicht erst seit gestern. Die Erfolge der letzten Jahre und all die schönen Momente, die Thomas Schaafs Werder den Fans gegeben hat, täuschen nicht mehr über den desaströsen Zustand dieser Mannschaft hinweg. Inzwischen ist nicht nur der Kredit verspielt, sondern bereits ein hübsches Sümmchen neuer Schulden hinzugekommen. Wie diese Schulden abgegolten werden sollen, ist ähnlich unklar wie bei Vater Staat. Werder bräuchte dringend einen Bailout.

Mehr als das Minimalziel Klassenerhalt kann und will man von dieser Mannschaft nicht mehr erwarten. Ob sie dieses Minimalziel erreichen wird, scheint derzeit fraglicher denn je. Nachdem man vor einer Woche noch die katastrophalen Eindrücke aus dem Trainingslager in Belek etwas beiseite wischen konnte, folgte gegen erstaunlich mutige Kölner ein Rückschritt, der in dieser Form überraschend und erschütternd zugleich war. Von der ersten bis zur letzten Minute fand die Mannschaft keinen Weg ins Spiel und so war das 0:3 am Ende noch ein recht schmeichelhaftes Ergebnis für Werder. Eine Fehleranalyse erübrigt sich fast, wenn ein Team so kollektiv die individuellen Aufgaben jedes einzelnen Spielers vernachlässigt. Individualtaktische Fehler und nicht vorhandene Einsatzbereitschaft können weder durch die taktische Ausrichtung, noch durch eine vermeintlich höhere individuelle Klasse der Spieler ausgeglichen werden.

Drei Fragen an den Gegner statt Fehlersuche

Ich bin nicht bereit, mich mit diesem Spiel darüber hinaus auseinander zu setzen. Mit dem Wort Arbeitsverweigerung bin ich vorsichtig, aber gestern hatte ich nicht den Eindruck, dass sich die Spieler ihrem Verein und den Fans gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet fühlten, eine wie auch immer geartete Leistung abzuliefern. Es war eine Nicht-Leistung. Wo keine Leistung ist, braucht man auch nichts zu bewerten.

Ich habe stattdessen ein kurzes Interview mit dem Spielebeobachter geführt und ihm drei Fragen zum Spiel seiner Kölner gestellt:

Ich nehme an du bist genauso schockiert wie ich über das Ergebnis. Gab es vor dem Spiel Grund zur Annahme, dass Köln das Spiel so klar gewinnen könnte?

Sagen wir mal so: Wäre dies das erste Spiel der Rückrunde gewesen, wäre der “Schock” kleiner. Die Wintereinkäufe des Effzeh lesen sich gut, es scheint ein Zusammenrücken der Mannschaft gegeben zu haben, Frank Schaefers Arbeit trägt langsam Früchte. Allerdings war der Rückrundenauftakt gegen Kaiserslautern wieder ein Rückschritt und liess befürchten, dass es wohl doch nichts mit dem neuen Gesicht der Mannschaft werden würde. Dazu noch die vielen Ausfälle – ein solch klarer Sieg war wahrlich nicht zu erwarten.

Was hat dich mehr überrascht: Dass der Effzeh von Anfang an so konzentriert und mutig gespielt hat, oder dass Werder nach dem Sieg gegen Hoffenheim über 90 Minuten so harmlos agieren würde?

Ich habe leider nur Ausschnitte des Spiels sehen können, dies vorweg. Dass der Effzeh zu Hause versuchen würde, die von Schaefer eingeforderte höhere Aktivität besser auf den Platz zu bringen als gegen den FCK, überraschte nicht. Dass dies über 90 Minuten gelang (jedenfalls nachdem was ich sah und las), schon eher, häufig gab es in der 2. Halbzeit einen mentalen Einbruch. Die vollkommende Harmlosigkeit Werders hab ich so sicher nicht erwartet. So jedenfalls schlittert Werder dem Abstieg entgegen.

Köln hat nun einen guten und wichtigen Schritt nach vorne gemacht. War das ein Strohfeuer oder glaubst du, dass es eine richtige Entwicklung gibt und die Mannschaft auf der Leistung aufbaut und sich unten herauskämpft?

Irgendwo dazwischen vermutlich: Es gibt eine positive Entwicklung und dieser Sieg wird sicher helfen, sich spielerisch weiter zu entwickeln. Aber die Wintereinkäufe könnten in der Tat der Mannschaft zu mehr Stabilität im Defensivbereich und mehr Kreativität im Offensivbereich verhelfen. Aber niemand kann erwarten, dass das jetzt so weitergeht, Rückschläge werden sicher kommen. Ob es am Ende reicht – knappe Geschichte das.

Vor dem Hinspiel: 3 Fragen zum 1. FC Köln

Tor der Hoffnung

Bundesliga, 18. Spieltag: Werder Bremen – 1899 Hoffenheim 2:1

Der befürchtete Fehlstart blieb aus: In letzter Sekunde sicherte sich Werder Bremen den insgesamt verdienten Sieg im Krisengipfel gegen Hoffenheim. Zumindest kurzfristig darf man als Fan wieder etwas entspannter in die Zukunft blicken.

Kurzer Moment des Glücks

Ich habe mich nur kurz gefreut. Ein kurzer, intensiver Moment des Glücks, nachdem Torsten Frings den Ball in der Nachspielzeit in die Maschen gehämmert hatte. Es war nur ein Tor gegen den Abstieg. Drei Punkte gegen einen erstaunlich harmlosen Gegner, der trotzdem kurz vor Schluss noch Pizarros Führung ausgleichen konnte. Ein Tropfen auf dem heißen Stein im Gesamtbild dieser enttäuschenden Saison.

Doch das Tor hat einen symbolischen Wert. Vielleicht wird ihm dieser Wert in den nächsten Wochen wieder genommen, falls die Mannschaft zurück in ihre Lethargie verfällt. Vielleicht wird er am Ende der Saison als der Wendepunkt angesehen, der Werder zurück in die Erfolgsspur führen sollte. Im Moment steht das Tor einfach nur für die Hoffnung. Die Hoffnung von uns allen, dass dieses Team noch lebt, atmet und um seine Daseinsberechtigung kämpft. Die Hoffnung, dass die schlimmen Befürchtungen bezüglich des Zustands der Mannschaft sich doch nicht bewahrheiten. Wenn selbst dieses bereits abgeschriebene, von inneren Zerwürfnissen aufgezehrte Werder, in diesem zum erneuten Ärgernis zu werden drohenden Spiel, in den letzten Sekunden mit einem Tor des Willens noch den Sieg holen kann, dann gibt es wohl nichts auf das es sich nicht zu hoffen lohnt.

Kompaktheit und Stabilität als Überraschungselement

Es war kein sonderlich gutes Spiel von Werder, bei weitem kein Fußballfest. Der Ball lief einigermaßen flüssig durch die eigenen Reihen, doch gerade im Angriffsdrittel fehlte noch die Feinjustierung. Hier und da taten sich auch die Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld auf, die Werder schon seit längerem das Leben schwermachen. Doch insgesamt spielte die Mannschaft sehr konzentriert, kompakt und mutig gegen einen Gegner, der nur selten Räume in der eigenen Defensive offenbarte.

Niemand stach so richtig aus der Mannschaft hervor, aber es fiel auch keiner deutlich ab. Die Teamperformance stimmte also. Der kollektive Torjubel am Ende sollte wohl auch ein Statement nach außen sein, dass hier doch kein zerstrittener Haufen unterwegs ist und dass es ein gemeinsames Ziel gibt. Diesem schienen sich zumindest am Samstag alle unterzuordnen. Werders Stabilität überraschte Gegner und Fans. Man ist diese Kompaktheit und Disziplin aus den letzten Monaten nicht mehr gewohnt.

Kroos und Silvestre überzeugen

Auch taktisch zeigte sich Werder verändert. Thomas Schaaf griff wieder auf die Raute im Mittelfeld und zwei echte Stürmer zurück. Mit Pizarro und Arnautovic im Sturmzentrum kann Werder sehr variabel spielen, auch wenn es bei der Abstimmung zwischen den beiden noch Optimierungsbedarf gibt. Mit Frings als alleinigem Sechser muss Werder zudem aufpassen, keine zu großen Räume vor der Abwehr entstehen zu lassen. Der Kapitän täte gut daran, seine Vorstöße weitgehend einzuschränken und wenn dann nur im Wechselspiel mit Bargfrede mit nach vorne zu gehen. Die Hoffnung auf ein längerfristiges Comeback der Raute wurde jedoch hauptsächlich durch Felix Kroos befeuert. In Borowski und Jensen sind die nahe liegenden Optionen für die Halbpositionen (wieder einmal) verletzt. Kroos lieferte eine unspektakuläre Leistung ab, doch sein Passspiel überzeugte. In manchen Situationen darf er gerne die Bälle noch schneller verarbeiten und das Spiel schneller machen. Mit seinen technischen Fähigkeiten und seinem Spielverständnis könnte er schon bald zum Nachfolger von Tim Borowski werden.

In der Viererkette waren viele von Mikael Silvestres grundsolider Leistung überrascht. Ich kann nicht sagen, dass ich den Auftritt genau so erwartet habe, aber gänzlich unerwartet kam er nicht. Es ist deutlich zu sehen, dass er körperlich auf einem viel besseren Level ist als zu Beginn der Saison. Das konnte man auch schon gegen Ende der Hinrunde (vor seiner Verletzung) beobachten, doch damals war er schon so verunsichert, dass er weiterhin Fehler am laufenden Band produzierte. Sein letzter Auftritt gegen Frankfurt war hingegen schon ähnlich souverän wie am Samstag. Wenn er weiter in dieser Verfassung spielt, ist er zumindest kurzfristig ein Gewinn für Werder.

Und nun?

Unter anderen Voraussetzungen könnte man nun schon wieder etwas mutiger nach vorne schauen. Der Rückstand auf die internationalen Plätze ist nicht so groß, dass man die Saison nach 40 Punkten schon abhaken müsste. Wenn die Bayern bei (ehemals) 13 Punkten Rückstand auf Dortmund eine Kampfansage abgeben, warum dann nicht auch Werder bei 11 Punkten Rückstand auf Mainz? Weil wir noch weit davon entfernt sind, die Kurve schon gekriegt zu haben. Wir biegen gerade erst ein.

Werder hat in der letzten Saison mit einem Kraftakt in kürzerer Zeit einen größeren Rückstand aufgeholt. Wenn die Mannschaft erst einmal Blut geleckt hat, wer weiß wozu sie dann noch fähig ist? Ein Tor der Hoffnung. Die Realität heißt: Platz 12 und 6 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz.

Werder Bremen – 1899 Hoffenheim (live)

Noch 3 Fragen zu 1899 Hoffenheim

Wie angekündigt möchte ich in der Rückrunde wieder vor jedem Bundesligaspiel ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners führen. Den Anfang macht Heiko Walkenhorst vom Akademikerfanclub 1899 Hoffenheim, der mir drei Fragen zu seinem Lieblingsverein beantwortet hat:

Das Spiel in der Hinrunde habt ihr deutlich gewonnen und dabei über weite Strecken schönen Tempofußball gespielt. Insgesamt war eure Hinrunde dann zwar nicht schlecht, aber doch etwas durchwachsen. Wie zufrieden bist du mit dem achten Platz momentan? Wäre mehr drin gewesen?

Nein, zufrieden sind wir nicht, eben weil mehr drin gewesen wäre. Immer diese Last-Minute-Punkteverluste – gegen Bayern, Freiburg, Dortmund, HSV etc. Das war schon sehr frustrierend. Andererseits war eben der Fußball selbst wesentlich besser anzuschauen als im letzten Jahr.

Die Winterpause war in Hoffenheim alles andere als ruhig. Der Verkauf von Luis Gustavo, der Weggang von Ralf Rangnick, das Hickhack um Demba Ba – wie beurteilst du diese Entwicklung? Erwartest du trotzdem eine erfolgreiche Rückrunde?

Diese Entwicklung musste mal kommen. Wir hatten ja sehr lange Zeit diese eine Stammelf, mit der wir sehr viel erreicht haben. Dann aber gab es sehr unterschiedliche Zielsetzungen – und das parallel zu einem sagenhaften Angebot (Gustavo) sowie einem akzeptablen “Kollateralschaden” (Rangnick). Denn so gut war sein Standing bei den Fans auch nicht wirklich.

Das mit Ba ist ärgerlich, denn er hat viele Sympathien. Ich halte ihn für einen klasse Fußballer, aber herrjeh, er ist nicht der erste und er wird nicht der letzte sein, der den Versprechungen seines Beraters erliegt.

Aber diese Unruhen haben natürlich auch was Gutes: den Aschenputtel-Faktor. Die Guten ins Töpfchen, die schlechten weg. Die, die da sind, können gerade dank dieser Unruhen als Mannschaft auftreten, da dies den Zusammenhalt der neuen Gemeinschaft stärken kann.

Mit Marco Pezzaiuoli habt ihr einen neuen Trainer, der schon einige Erfolge mit DFB-Jugendauswahlmannschaften hatte. In der Bundesliga ist er aber noch recht unbekannt. Wie schätzt du ihn ein? Ist er der richtige Trainer für Hoffenheim?

Habe ihn erst einmal erlebt – und ich finde, er hat was Tucheliges, was er gewiss ebenso ungern hören dürfte wie “Jogi-Zwilling”. Wie dem auch sei, er ist gewiss ein glaubwürdigerer Vertreter der Ursprungsphilosophie von Hoffenheim als es sein Vorgänger war.

Dein Tipp?

Ich glaube, wir gewinnen auch das Rückspiel, weil ihr einfach keine Mannschaft habt. Das macht einen wirklich traurig als Fan des Fußballs. Als Fan von Hoffenheim freue ich mich natürlich über das 1:2. :-)

Vor dem Hinspiel: 3 Fragen zu 1899 Hoffenheim

Quo Vadis Werder Bremen? Eine Analyse nach dem Trainingslager in Belek

Der Beginn der Rückrunde steht vor der Tür und es gab hier im Blog noch keine wirkliche Analyse der Situation bei Werder am Ende der Winterpause. Meine begrenzte Zeit ließ es leider nicht zu. Daher trifft es sich gut, dass Sebastian Cario (@elcario bei Twitter) einen Gastbeitrag geschrieben hat. Sebastian war beim Trainingslager in Belek vor Ort und hier ist seine – wie ich finde – sehr aufschlussreiche und fundierte Analyse:

Vom 03. Bis 11. Januar 2011 hatte ich die einmalige Möglichkeit mit Werder Bremen ins Trainingslager zu reisen und so hautnah an der Mannschaft zu sein. Insgesamt war das für mich persönlich eine großartige Erfahrung. Mehr als mein persönliches Befinden und den Spaß den ich dort hatte interessiert den geneigten Leser aber der Zustand des Teams und die Dinge, die man als daheimgebliebener und medial abhängiger Fan nicht zu sehen bekommt. In der guten Tradition dieses Blogs werde ich in den nun folgenden Zeilen eine Analyse wagen, die aus den Eindrücken des Trainingslagers (ich habe kein Training verpasst), kombiniert mit den Erkenntnissen aus Diskussionen mit Fans, Betreuern, Offiziellen und auch Spielern, ergeben hat.

An erster Stelle steht dabei die Suche nach den Ursachen der Krise.

Die Verletzten

Wir blicken heute auf die schlechteste Hinrunde einer Werdermannschaft unter Trainer Schaaf zurück und über die Umstände ist bereits viel geschrieben worden. Sicher ist, dass wir großes Verletzungspech hatten und wichtige Stützen des Teams häufig fehlten. Dabei schmerzt besonders der Verlust von Naldo, der ein viel wichtigerer Spieler ist, als es ich je vermutet hatte. Zum Einen weil er immer Torgefahr ausstrahlt, bei Freistößen, nach Eckbällen und aus dem Spiel (Sololäufe) heraus. Zum Anderen da er sein gutes Stellungsspiel hat, eine hohe Geschwindigkeit an den Tag legt und ein großartiges Spielverständnis aufweist. Er ist schlicht ein sehr guter Innenverteidiger. Zwar hatte Vertreter Prödl auch mal ein Klops in seinem Spiel, aber insgesamt machte er die Sache als Innenverteidiger meines Erachtens nach gut. Eines aber kann er noch nicht leisten, denn mehr als der Innenverteidiger Naldo, fehlte uns aber der Spielgestalter Naldo. Der strukturierte Spielaufbau aus dem Abwehrzentrum ist eine zentrale Aufgabe Naldos gewesen, die er gut meisterte, wie man heute erkennen muss. Auch durch seine gefürchteten Alleingänge musste er immer direkt gestellt werden und konnte so eine menge Räume im Mittelfeld schaffen. Merte mag ein zwar ebenfalls ein guter IV sein, aber sein Spielaufbau ist durchsichtig und fad. Frings kann dieser Aufgabe auch nicht gerecht werden, dafür scheint er in seinen Bewegungen mittlerweile einfach zu langsam.

Auch Pizarro fehlte an allen Ecken und Ende. Im Trainingslager wurde einmal mehr deutlich, das dieser Spieler für uns einfach unersetzlich. Trotz fortgeschrittenem Alter [sic] war er einer der wenigen, der sich in jedem Training und in jedem Testspiel voll reingehangen hat. Beim Torabschluss schaffte es nur Pizarro auf eine annehmbare Erfolgsquote zu erzielen. Alle Anderen erwiesen sich häufig genug als Chancentod. Marin lupfte mehr als dass er schoss, Arnautovic prügelte die Bälle zumeist einfach drüber, Hunt schoss auf den Mann und Wagner traf nur den Pfosten oder die Latte. Um es mit den Worten von Mitreisefan Frank zu sagen: „Ich könnte jedes Jahr kotzen, dass Pizarro schon wieder älter wird.“ Aber: Verletzungspech hatten auch andere. Der HSV beispielsweise steht trotzdem (für seine Verhältnisse) noch ganz passabel da, obwohl reihenweise Stammkräfte fehlen. Es zeigt sich also einmal mehr, dass Werder Ausfälle von Schlüsselspielern einfach nicht kompensieren kann. Als zum Ende der Hinrunde auch noch „Pferdelunge“ Almeida und der aufstrebende Wesley fehlten war das Team völlig aufgeschmissen. Es aber allein an Personalproblemen festzumachen, wäre zu einfach.

Das System

Erschwerend kommt auch hinzu, dass Schaaf in den letzten Jahren vom 4-4-2 mit Raute zu einem 4-2-1-3 System gewechselt ist, welches er sehr variabel während des Spiels mal als echtes 4-3-3, mal als 4-5-1 spielen lassen will. Das Problem, dass auch dieses System von einem starken Spielaufbau abhängig ist, zeigte sich besonders in den Partien, in denen Werder gefordert war die selbst Initiative zu übernehmen. Hier fehlte ein Spielmacher, der die Bälle verteilt und sich als Anspielstation permanent anbietet. Zu oft verkrochen sich die Außenstürmer auf den Flügeln. Erhielten sie dann doch mal den Ball, waren die Innenverteidiger und die Mittelfeldspieler nur selten bereit zu helfen und sich anzubieten. Besonders in den Testspielen fiel wiederholt auf, dass die Bälle einfach steckenblieben, weil ein konsequentes Nachrücken nicht stattfand. Manchmal hatte es den Anschein die Spieler würden sogar Angst davor haben durch zu das Aufrücken in einen Konter zu laufen. Hinzu kommt der – durch den Ausfall Naldos bedingte -mangelhafte Spielaufbau aus der Verteidigung und das Durcheinander auf der zentralen Position.

Gegen Eskisehirspor gab es einige Szenen, in denen das taktische Konzept völlig fehlschlug und sich bei Angriffen gleich 5 Spieler auf wenigen Metern vor dem Strafraum tummelten. Das Spiel wurde dadurch so eng, dass an eine Torchance nicht zu denken war. Man muss festhalten, dass es auch häufig an der taktischen Disziplin liegt, die bei Misserfolg von den Spielern selbst über den Haufen geworfen wird. Deshalb lässt sich hinterfragen, ob ein „einfacheres“ System nicht vielleicht die bessere Option wäre. Zwar waren wir im 4-4-2 mit Raute häufig leicht ausrechenbar, aber die Erfolge könnten wir uns bedingt durch die taktische Disziplin und Einzelaktionen oft genug trotzdem holen. Nicht, dass das 4-3-3 grundsätzlich schlecht wäre, es erscheint mir momentan einfach nicht als tragbar und zu komplex. Erst recht bedingt durch das Spielermaterial das derzeit zur Verfügung steht.

Die Problemkinder

Was auch als Fan außerhalb des Platzes deutlich zu sehen war: Werder hat einige Problemkinder, die sich nicht gerade als Motivationsbombe für die Mannschaft erweisen. Aaron Hunt beispielsweise, wirkte auf mich in diesen Tagen völlig abwesend. Klar, er war noch nie ein Sonnenschein, aber ich habe selten einen Menschen so wenig (gar nicht) lachen sehen. Ich weiß selbstverständlich nicht was in ihm vorgeht und eine Ferndiagnose ist sehr gewagt. Dennoch hat sein Verhalten auf und neben dem Platz für mich depressive Züge. Dies wird vor allem deutlich, dass er während des Spiels nur selten mit seinen Mitspielern kommuniziert, bei gelungenen und misslungenen Aktionen keine Reaktion zeigt. Seine Körperhaltung und sein Ausdruck sind so emotionslos, dass man das Gefühl haben muss, eine leere Hülle ohne Seele steht dort auf dem Platz.

Ein weiteres Problemkind ist für mich Sandro Wagner. Er scheint mir wenig in das Team integriert zu sein, redet außerhalb des Platzes kaum mit seinen Mitspielern und hat anscheinend kein Standing in der Mannschaft. Dazu kommt dann auch noch das viele Pech im Torabschluss, dass ihm in den vergangenen Monaten hold war. Nach so einer Verletzung ist es eh schon besonders wieder Anschluss zu finden. Und dies für ihn noch in einer völlig fremden Mannschaft. Auch im Training fehlten ihm im Torabschluss häufig nur wenige Zentimeter, dass er mir fast schon ernsthaft leid tat. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, dass irgendwann der Knoten platzt und er dann nach Belieben trifft. Hoffen wir, es passiert bald. Immerhin hinterließ er auf mich einen besseren Eindruck, als Marko Arnautovic, der ebenfalls unter latenter Abschlussschwäche leidet. Aber nicht nur darunter. Arnautovic verhält sich auf dem Platz zumeist wie eine stolze Koryphäe. Aber neben dem Platz leidet er meiner Ansicht nach unter einem gewaltigen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, was ihn zu einer großen Belastung für die ganze Mannschaft machen kann. Dies merkt man auch als Außenstehender auch an seinem Verhalten neben dem Platz. Wenn keiner der anderen Spieler mit ihm spricht, beginnt er häufig damit andere anzustoßen, ihnen an das Ohr zu schnippen oder lauthals zu pfeifen. Das kann schon dazu führen, dass das Nervenkostüm der Mitspieler häufiger arg strapaziert wird und somit nicht zur Teamstimmung beiträgt.

Die Kaderplanung

Auch in Belek wurde viel zu Neuverpflichtungen spekuliert und täglich neue Namen gehandelt. Zu der Baumjohann-Geschichte habe ich ja getwittert,  auch die Reaktionen darauf im Worum sind mit nicht verborgen geblieben. Was durch diese Geschichte wieder einmal deutlich wurde ist, dass unser Gehaltsbudget ziemlich aufgebraucht ist. Das ist ein Problem, dass mit guten und teuren Spielern keines wäre, uns bei knappen Kassen aber besonders hart trifft. Wir haben beispielsweise in Jensen einen Spieler, der nach seiner Vetragsverlängerung sehr viel Geld verdient, aber derzeit keine Leistung bringt. Noch krasser ist dies im Fall von Vranjes, der noch immer auf unserem Gehaltszettel steht. Auch Silvestre wird nicht für einen warmen Händedruck spielen. Borowski möchte ich aus dieser Liste etwas heraushalten, denn sein Wert ist nicht nur auf das Spiel zu reduzieren. Er ist einer, der sich außerhalb des Platzes sehr einbringt und innerhalb der Mannschaft sehr wichtig ist, auch wenn er nicht in der Startelf steht. Das jedenfalls hört man aus dem Mannschaftsumfeld und ist auch beim Training zu beobachten. Das man aber auch auf dem Feld mehr von ihm erwartet sollte klar sein.

In einem optimalen Zukunftsszenario in Sachen Kaderplanung werden wir Jensen, Silvestre und Vranjes im Sommer los. Dazu triff Frings aus dem aktiven Geschäft zurück. Somit sollten uns dann brach liegende Gehaltsbudgets von 6 bis 8 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Man kann sicher Allofs den Vorwurf machen nicht weit genug gedacht zu haben, auf der anderen Seite würde uns ein Jensen in Topform schon ordentlich helfen und das Geschrei bei einem ablösefreien Weggang wäre groß gewesen. Auch die Abgabe von talentierten Jungspielern in der Vergangenheit tut in dieser Saison besonders weh, wie hilfreich hätte ein Dennis Diekmeier für uns heute sein können? Meiner Ansicht nach hat der Kader zu wenig „frisches Blut“ erhalten und benötigt dringend eine Selbstreinigung. Immerhin gibt es aber auch ein paar hoffnungsvolle Talente aus der Jugend.

Die Hoffnungsträger

In den Einheiten habe ich oft die mitgereisten Amateure und Jungspieler genauer beobachtet. Besonders gefallen hat mir vom Einsatz, Willen und Leistungsvermögen Clemens „Schoppe“ Schoppenhauer. Der achtzehnjährige Defensivspieler ging mit ordentlich Biss zur Sache und zeigte mit einigen starken Schüssen auch im Torabschluss sein Talent. Auch Lennart Thy zeigte sich mutig, versuchte auch in den Testspielen viel, auch wenn nicht alles gelang. Völlig klar ist aber auch, dass uns die beiden in der aktuellen Situation nicht helfen können und man bei jungen Spielern noch abwarten muss, ob der Sprung zu den Profis irgendwann gelingt. Von den Trainings- und Spieleindrücken der Spieler Testroet, Düke, Wiedwald und Balogun war ich nicht besonders angetan.

Die beiden besten Spieler des Trainingslagers waren für mich eindeutig Dominik Schmidt und Sebastian Mielitz. Der Vander-Ersatz zeigte einige überragende Paraden und war meiner Meinung nach auch deutlich stärker als Wiese. Hier ist es fast schade, dass Tim über eine absolute Stammplatzgarantie verfügt. Besonders aufgefallen ist mir die Spielkompetenz und die Beidfüssigkeit von Mielitz, der in Drucksituation oft eine fußballerische Lösung fand, wohingegen Wiese einfach nur den Ball wegdrosch. Auch die Abschläge und Abwürfe schienen mir wesentlich besser als die der Nummer Eins. Was ihm bisher fehlt ist die Erfahrung, generell sollten wir uns aber um unseren Ersatztorwart keine Sorgen machen. Bleibt zu hoffen, dass Sebastian uns noch länger erhalten bleibt.

Dominik Schmidt war für mich auf dem Feld klar der beste Mann, deshalb ist es umso bedauerlicher, dass er gegen Hoffenheim ausfällt. Hinten stand er bis auf wenige Ausnahmen sehr sicher und auch nach vorn schaltete er sich häufig mit ein. An seinen Flanken kann er zwar noch arbeiten, aber wenigstens sucht er die Möglichkeit. Etwas, was von den anderen Außenverteidigern nicht gerade zu behaupten ist. Ich persönlich bin sehr auf die Rückkehr von Boenisch gespannt, der in Schmidt einen ernstzunehmenden Konkurrenten gefunden hat. Wenn sich Dominik in seinen Leistungen stabilisieren kann und auch das Team insgesamt wieder besser zueinander findet, kann ich mir sogar vorstellen, dass er auch zukünftig der gesetzte LV sein wird und damit eine Baustelle stopft, die seit dem Weggang von Paul Stalteri besteht. Dann sollte aber auch die Vertragsverlängerung Schmidts in trockenen Tüchern sein.

Teamstimmung

In der Presse wurde häufig von „sehr guter“ Stimmung im Team berichtet, etwas, was ich nur teilweise nachvollziehen kann. Den Spielern war der Druck auch im Training stetig anzumerken, oft wurde gemeckert und moniert, sich verbal mit den Trainern und untereinander auseinandergesetzt. Im Kopf behalten haben ich zwei Szenen: Nach einem leichten Nachhaken von Thy an Kroos ging dieser auf den U-17 Europameister los und setzte sogar zu einem Kopfstoß an, der zum Glück nicht zum Ziel führte. In einer anderen Szene meckerte Jensen permanent über die Schiedsrichterentscheidungen von Wolfgang Rolff, was der mehrfach mit erbosten Worten konterte. Von „sehr guter“ oder „gelöster“ Stimmung kann auf dem Platz jedenfalls keine Rede sein. Wie es im Mannschaftshotel zugeht kann ich zwar nicht genau sagen, aber auch abseits des Platzes wirkte die Mannschaft nie wie ein echtes Team. So musste beispielsweise Neuzugang Danni Avdic immer alleine den Fußmarsch ins Hotel antreten, ohne dass sich ein anderer Spieler zu ihm gesellte oder sich mit ihm unterhielt. Integration sieht meiner Meinung nach anders aus, hier sind die Führungsspieler gefragt, die ihren Aufgaben anscheinend nicht nachkommen. Gleiches galt auch für Sandro Wagner, der ebenfalls völlig unintegriert erschien.

Die Führungsspieler

Werders Führungsspieler sind meiner Meinung nach nicht nur neben dem Platz, sondern auch auf dem Platz eine weitere Ursache für Werders Krise. Hier macht sich das Fehlen von Frank Baumann absolut bemerkbar, auch wenn ich bis vor kurzem nie geglaubt hätte so etwas einmal zu schreiben. Frings ist als Führungsspieler zwar ohne Frage wichtig, aber in entscheidenden Situationen oft überfordert (man denke an die WM2006 nach dem Spiel gegen Argentinien) und einfach nicht ruhig genug. Frings ist schnell mit sich selbst unzufrieden und wirkt statt beruhigend nur aggressiv auf seine Mitspieler ein. Baumann konnte auch bei einem Gegentor motivieren, die Lage beruhigen und das Spiel neu sortieren. Zusätzlich war er außerhalb des Platzes stets bemüht die Mannschaft zu einer Einheit zu formen. Auch an diesen Punkten sehe ich großes Verbesserungspotenzial. Spieler wie Mertesacker, Fritz und Wiese sind gefordert mehr Verantwortung zu übernehmen und das Team auf und neben dem Platz zu führen. Ohne eine echte Einheit werden wir keinen Erfolg haben (können).

Fazit

Insgesamt wurde für mich deutlich, dass die schlechte Hinrunde nicht auf einige wenige Ursachen zurückzuführen ist. Wir haben es hier eindeutig mit der Verkappung von etlichen Umständen zu tun, die allesamt auf unsere missliche Lage einzahlen. Deshalb wird es auch keine Patentlösung geben. Ich selbst habe die Hoffnung, dass wir die Saison auf Grund unserer individuellen Klasse noch halbwegs über die Runden (Platz 8 bis 12) bringen und dann im Sommer ein großer Schnitt gemacht wird. Im Idealfall können wir durch Abgänge unser Gehaltsgefüge wieder in die richtige Bahn bringen und einige junge, motivierte Spieler verpflichten, um dann zur Saison 2011/12 wieder voll anzugreifen. Ich hoffe, dass dieser Schnitt nicht ausbleibt, denn mit der aktuellen Personalsituation und Mannschaftsatmosphäre halte ich langfristigen Erfolg nicht für möglich.

Ein Abend mit den Göttern

“I don’t care!” Markus Rosenberg wirkte fast schon etwas zu lapidar, als er zum dritten Mal den Einwand der Frau neben ihm abwiegelte, dass sie ihn leider nicht kenne. Anna interessierte sich nicht für Fußball und lebte – obwohl in Bremen aufgewachsen – schon zu lange im Ausland, um auch als nicht Fußballinteressierte die Namen des aktuellen Werderkaders durch ständige Wiederholung in den Medien eingetrichtert bekommen zu haben. Sebastian Prödl zeigte sich sichtlich belustigt von dem Gespräch.

Werder hatte zum Saisonauftakt mit 2:3 gegen Eintracht Frankfurt verloren. Eine bittere Niederlage, mit der niemand so wirklich gerechnet hatte. Das Spiel durfte ich (dank der Dauerkarte des Vaters meiner damaligen Freundin) von der VIP-Tribüne aus verfolgen. Ein schlimmer Anblick, wie der haushohe Favorit von den schnellen Frankfurtern ein ums andere Mal ausgekontert wurde und am Ende ohne Punkte da stand.

Und nun, knappe sechs Stunden später, stand ich an dieser Bar und um mich herum die Werderprofis. Anna, die an diesem Abend ihren Junggesellinnenabschied feierte, verhandelte mit Markus Rosenberg um eine Unterschrift auf ihrem bereits weitgehend vollgekritzelten T-Shirt. Rosenberg war bereit, seine Unterschrift plus 50 Euro für die Abendkasse gegen einen Kuss einzutauschen. Letztlich einigte man sich auf eine Unterschrift, eine Runde Sambuca-Baileys für alle und einen Kuss auf die Wange.

Tim Wiese ließ sich seine Unterschrift nicht so leicht abtrotzen. Zwar war er auf Anfrage von Annas bester Freundin Stephi grundsätzlich bereit, auf besagtem T-Shirt zu unterschreiben, doch dazu wollte er den beschwerlichen Weg hinüber zur Bar (gut und gerne 10 Meter) nicht auf sich nehmen. Immerhin hatte der Mann gerade erst 10 Kilo abgenommen und somit keinen Bedarf an zusätzlicher Bewegung. “Soll sie halt hier her kommen.” Recht hatte er. Da Anna jedoch auch Tim Wiese nicht kannte, blieb ein weißer Fleck auf ihrem T-Shirt.

Draußen vor der Tür stützte sich ein sichtlich angetrunkener Hugo Almeida mit dem Rücken an der Wand ab und stellte seine Bierflasche ganz langsam neben sich auf den Asphalt. Er ignorierte mein Zuprosten und starrte mehrere Minuten lang regungslos in die Ferne. Seine Mannschaftskollegen beachteten ihn nicht weiter. Die minütlich anwachsende Schar an leicht bekleideten, untergewichtigen Gerade-Noch-Teenagern und Gern-wieder-Teenagern machte es ihnen ohnehin nicht leicht, den Überblick zu behalten.

Es dauerte nicht lange, da kam auch Julia um die Ecke, die seit Monaten unglücklich in Sebastian Boenisch verliebt war. Sie hoffte noch immer darauf, dass ihr Schwarm sie irgendwann einmal ansprechen würde, wenn sie nur beharrlich genug die selben Lokalitäten aufsuchte wie er. Sie erkundigte sich kurz, ob “Boeni” schon da sei und mokierte sich sogleich über die große Anzahl vermeintlicher Groupies, die nach und nach die Spieler einkreisten, in der Hoffnung darauf, einen von ihnen abzubekommen.

Stunden später traf man sich wieder in einer Disco südlich der Weser. Nur ein Teil der Spieler hatte den Weg hierher geschafft, der traditionell nach dem ersten Heimspiel der Saison angetreten wurde. Hier hatten einst Clemens Fritz und Patrick Owomoyela den Kampf um den Stammplatz auf der Rechtsverteidigerposition im Tequila Drink-off am Tresen ausgetragen. Auch in jenem Jahr gab es wieder Getuschel, wenn Werderspieler in der Nähe auftauchten: “Das ist doch…, ist das nicht…?” Ja, es war Mesut Özil, der Shooting-Star bei Werder. Als einziger Spieler hatte er am Nachmittag eine herausragende Leistung gezeigt. Nun wurde ihm von allen Seiten auf die Schultern geklopft und er strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Überstrahlt wurde er nur vom gewinnenden Lächeln des Bremer Abwehrriesen Naldo. Dieser hatte die silberne Kette am Handgelenk meiner Freundin entdeckt und fühlte sich genötigt ihr im Gegenzug das Geschmeide um sein Handgelenk zu präsentieren. Es glitzerte und funkelte in der Discobeleuchtung. Wir applaudierten ihm begeistert, suchten uns jedoch schleunigst ein Plätzchen, an dem weniger teure Juwelen unsere Augen blendeten. Es war schließlich schon spät und unsere Augen getrübt von Alkohol und dunklem Kneipenlicht.

Es war an der Zeit, den Ort zu verlassen, an dem sich die Fußballidole unter die Sterblichen gemischt hatten. Draußen begegnete uns erneut Mesut Özil, dessen schmale Schultern unter dem ständigen Klopfen zu zerbrechen drohten. Sein Mund lächelte noch immer, doch seinen Augen sah man ein gewisses Unwohlsein darüber an.

Heute steht er bei Real Madrid im großen Rampenlicht, Markus Rosenberg kämpft sich als Leihspieler durch die Primera Division, Naldo steht an der Schwelle zur Sportinvalidität, Julia ist in einer glücklichen Beziehung mit einem Nicht-Fußballer und Anna lebt mit ihrem Mann inzwischen in Freiburg. Sie interessiert sich noch immer nicht für Fußball. Manchmal denke ich, dass dies die bessere Alternative ist.

Wohin mit der Leere?

Der Fußball als Katharsis. Durch das Ausleben der eigenen, auf die Fußballwelt projezierten Emotionen werden Konflikte, Gefühle und Aggressionsbereitschaft abgebaut. Keine ganz unumstrittene These, doch für mich persönlich ist etwas dran. Wo sonst als beim Fußball kann man seinen Gefühlen mal so richtig ungeniert freien Lauf lassen, ohne dass man Konsequenzen dafür befürchten muss? Sicher, auch hierbei gibt es Grenzen. Körperliche Gewalt zählt z.B. dazu. Diese Grenzen sind jedoch deutlich weiträumiger gefasst, als in unserem mehr oder weniger konventionellen, bürgerlichen Leben.

Je nach Gefühlslage kann man auf seinen Lieblingsverein wütend oder stolz sein. Man kann sich über ihn freuen oder ärgern, ihn lautstark beschimpfen oder feiern. Man kann seine Abneigung anderen Vereinen gegenüber unmissverständlich zum Ausdruck bringen und wird dafür nicht mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft. Es ist eine einfache, primitive Form seine Gefühle auszuleben. Gerade deshalb ist der Fußball so beliebt und gerade deshalb eignet er sich zur Katharsis. Für eine Reihe von Fans mag auch das Gegenteil gelten. Bei ihnen verfestigen sich Vorurteile und Hass auch über den Fußball hinaus. Aggressionsauf- statt -abbau.

Lange Zeit dachte ich, meine Stimmung sei abhängig von Ergebnissen und Tabellenstand meiner Mannschaft. Wenn Werder verloren hatte, war schon mal ein Tag für mich gelaufen und es dauerte seine Zeit, bis ich wieder zu positiven Gefühlsregungen in der Lage war. Diese scheinbare Abhängigkeit störte mich und ich fragte mich, was wohl passiert, wenn Werder mal wieder eine richtig schlechte Saison spielt. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Es gab zwar diese Parallele zwischen meiner Laune und Werders Ergebnissen. Sie war jedoch die Ausnahme.

Wenn es mir wirklich schlecht geht, tröstet mich auch keine Auswärtssieg bei den Bayern. Wenn ich auf Wolke 7 schwebe, kann mich auch eine Heimniederlage gegen Arminia Bielefeld nicht wirklich runterziehen. Vielmehr half mir der Fußball dabei, über einen kurzen Zeitraum diesen einen Moment des puren Glücks oder der ausweglosen Verzweiflung zu spüren. Das Fußballspiel als Leben im Schnelldurchlauf.

Und nun hat mich die Parallelität von Werders Ergebnissen und eigener Stimmung doch wieder eingeholt. Nur: Es gibt keinerlei Zusammenhang. Mir geht es nicht schlecht, weil Werder schlecht spielt. Und erst recht spielt Werder nicht schlecht, weil es mir schlecht geht (diese abergläubische Denkweise ist aus der Sicht eines Fußballfans gar nicht so abwegig). Zum ersten Mal seit langer Zeit wird die Bedeutung des Fußballs in meinem Leben wieder in Relation gerückt. Auch wenn es gerade hier im Blog nicht den Anschein erweckt, lässt mich die Abwärtsentwicklung in Bremen gefühlsmäßig doch merkwürdig kalt. Würde Werder gerade gut und erfolgreich spielen, würde mich das im Umkehrschluss nicht völlig kalt lassen, denn es wäre dann wieder eine willkommene Möglichkeit, für einen Moment aus der aktuellen Gefühlswelt auszubrechen. Also doch wieder Katharsis.

Was tut man aber, wenn man wirklich mal neben die Spur gerät und der Fußball einem nichts als weiteren Kummer bringt? Man kann den Kummer in Ärger umwandeln und Frust abbauen, doch auch danach ist mir in diesen Tagen nicht. Es wird in der Rückrunde noch genügend Gelegenheiten geben, um mich über Werder zu ärgern. Momentan fühle ich eher eine Leere, wenn ich an meinen Verein denke.

Fußball ist das pure Leben, aber er ist nicht mein Leben.

Wo sind all die guten Stürmer hin?

In meinem Abgesang auf Hugo Almeida habe ich es schon angesprochen: Werder hat in den letzten Jahren mit Ausnahme der Pizarro-Rückholaktion keinen außergewöhnlich guten Stürmer verpflichtet. Die Hoffnungen ruhen auf einem Reifeprozess bei Marko Arnautovic und dem eigenen Nachwuchs.

Deutschlandweites Problem

Immerhin steht Werder mit diesem Problem nicht alleine da. Die Anzahl an Stürmern von internationaler oder gar Weltklasse in der Bundesliga ist überschaubar. Mit Edin Dzeko verlässt der beste Angreifer des Landes nun die Bundesliga in Richtung Manchester. Auch in der Nationalmannschaft sieht es nicht viel anders aus. Nach dem Karriereende von Miroslav Klose dürfte auch dort eine Flaute bevorstehen.

Mit Gomez, Kießling, Helmes, Cacau und Podolski gibt es zwar einige gute Alternativen im nicht mehr ganz jungen Fußballeralter, doch keiner von ihnen genügt allerhöchsten Ansprüchen. Bei Gomez darf man noch am ehesten darauf hoffen, dass er die Lücke für einige Zeit schließen kann, doch trotz seiner überragenden Torstatistik in der Bundesliga fehlt ihm aus meiner Sicht ein gutes Stück zur Weltklasse. Die neuste Generation an Supertalenten, die in Richtung Nationalmannschaft drängt, besteht fast ausschließlich aus Mittelfeldspielern. Einen kommenden Stürmerstar kann ich dort jedoch nicht erkennen.

Verändertes Anforderungsprofil

Das Anforderungsprofil an eine Sturmspitze hat sich in den letzten Jahren so stark geändert, wie selten zuvor in der Geschichte. Vor einigen Jahren, als noch die meisten Mannschaften mit zwei Spitzen spielten, konnte man die unterschiedlichsten Stürmertypen miteinander kombinieren. Es störte nicht weiter, wenn einer von beiden ein reiner Strafraumverwerter war und der andere weite Wege ging, weil sie ihre Schwächen gegenseitig kompensieren konnten. Heute, in modernen 4-2-3-1 oder 4-3-3-Systemen ist dies nicht mehr so einfach möglich. Als alleinige Spitze muss ein Stürmer mehr denn je ein Alleskönner sein.

Auch die taktischen Aufgaben haben sich verändert. Immer mehr Mannschaften setzen auf eine “falsche Neun”, also einen Stürmer, der sich weit zurück ins Mittelfeld fallenlässt, um die Verteidiger aus der Viererkette zu locken. Die traditionellen Vollstreckeraufgaben rücken zwar nicht komplett in den Hintergrund, sind jedoch nicht mehr das wichtigste Kriterium für die Bewertung seitens der Trainer. Der Stürmer wird immer mehr zum Vorarbeiter für seine Mitspieler. Er schafft Räume, legt Bälle ab, wartet auf nachrückende Mittelfeldspieler. Spieler wie Ronaldo, Robben und Messi haben sich als Flügelspieler zu wahren Tormaschinen entwickelt, weil ihnen (unter anderem) ihre jeweiligen Sturmspitzen die Räume geschaffen haben.

Der doppelte Pizarro

Auch bei Werder ist diese Entwicklung zu beobachten. Pizarro ist schon lange nicht mehr der offensivste Spieler in der Mannschaft, sondern Marko Marin. Dies lässt sich in fast jedem Spiel an der Heat Map und an den Durchschnittspositionen erkennen. Pizarro lässt sich gerne tief fallen und schaltet sich so mit ins Mittelfeld ein. Ohne Mesut Özil fehlt seit dem Sommer zudem eine kreative Schaltzentrale im offensiven Mittelfeld, sodass Pizarros Arbeit dort umso wichtiger wurde. Am deutlichsten konnte man dies in der ersten Halbzeit gegen Dortmund sehen. Pizarros Fehlen machte sich nicht nur an der mangelnden Torgefährlichkeit bemerkbar, sondern auch im Aufbau unseres Angriffsspiels. Weder Almeida noch Wagner können diese Rolle so ausfüllen.

Was Werder in der Hinrunde zudem fehlte, waren die gefährlichen Läufe von den Flügeln vors Tor. Werder hat mit Marin, Arnautovic und mit Abstrichen Hunt eigentlich drei Spieler, die hierfür prädestiniert wären, doch viel zu selten gelang es ihnen auf diese Weise für Gefahr vor den gegnerischen Toren zu sorgen. Marko Marin hat etwa im Rückspiel gegen Sampdoria und im Heimspiel gegen Tottenham noch Angst und Schrecken verbreitet, wenn er mit dem Ball am Fuß in Richtung Strafraum gezogen ist. Seitdem ist ihm sein Timing völlig abhanden gekommen. Es ist jedoch nicht ausreichend, sich in dieser Hinsicht voll auf Pizarro zu verlassen, denn bei aller Klasse kann auch er nicht dauerhaft unsere Probleme im Mittelfeld und im Angriff lösen.

Nach Pizarro kommt das große Fragezeichen

Nun drängt sich geradezu die Frage auf, wer die Lücke schließen kann, die Pizarro eines (hoffentlich fernen) Tages bei Werder hinterlassen wird. Arnautovic ist vom Talent her ohne Zweifel in der Lage, in ein paar Jahren auf diesem Niveau zu spielen. Fraglich ist jedoch, ob er auch charakterlich dazu geeignet ist. Der Reifeprozess, den Werders Verantwortliche fast schon gebetsmühlenartig herbeireden, müsste dazu allerdings bald einsetzen, bevor sich der Spieler völlig ins Abseits geschossen hat.

Hoffnung macht indes Werders Nachwuchs in Gestalt von Lennart Thy und Pascal Testroet. Beide gehören zu den talentiertesten Stürmern ihrer Altersklasse und sollten den Sprung zu den Profis bald schaffen. Insbesondere Thy scheint ein echtes Multitalent zu sein und Pizarro auch in dieser Hinsicht nachahmen zu können. Verlassen will man sich bei Werder jedoch nicht darauf. Mit Denny Avdic hat man einen neuen Stürmer verpflichtet, über dessen Klasse man noch nicht viel sagen kann. Die Torquote in der schwedischen Liga dürfte bei Werders Ansprüchen kaum als Beleg ausreichen. Vom Typ her hinterlässt Avdic den Eindruck eines Allrounders, der Athletik, technische Qualitäten und Torgefährlichkeit vereint.

Noch ein, vielleicht zwei Jahre kann sich die zweite Reihe unseres Angriffs hinter Pizarros breiten Schultern verstecken. Danach werden sie sich an seinem langen Schatten messen lassen müssen.