Archiv für den Monat: März 2011

Mutlosigkeit statt Gladiolen

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle eine Vorschau aufs Rückspiel zwischen dem FC Bayern und Inter Mailand heute Abend schreiben. Eigentlich. Nun ist die letzte Woche bekanntgewordene Trennung zwischen den Bayern und Louis van Gaal dazwischen gekommen und mir ist die Lust dazu vergangen.

Eigentlich könnte es mir ja völlig egal sein, ob die Bayern van Gaal entlassen, bzw. ich freue mich als Werderfan sogar darüber, denn wenn die Bayern ihren zuletzt beschrittenen Weg aufgeben und zurück zum konzeptlosen Zweijahreskaufrausch mit fünfzigprozentiger Meisterschaftsausbeute kehren, dann kann das für uns nur gut sein. Trotzdem ärgert es mich. Es hat mich schon im November 2009 geärgert und wenn die Mannschaft nicht unerwartet doch noch in der Champions League weitergekommen wären, dann würde heute niemand über die ach so tolle letzte Saison reden. Zur Erinnerung: Bayern hat die Gruppenphase nur deshalb überstanden, weil Juve in Bordeaux verloren hat. Hätten sie gewonnen, wäre es am letzten Spieltag in Turin um nichts mehr gegangen.

Damals hing Louis van Gaals Bayernkarriere am seidenen Faden. Im Sommer darauf war er der neue Fußballmessias. Das Feierbiest. In dieser Saison ist er wieder der alte Sturkopf, der nicht auf die Weisheit der Bayernoberen hört und unbelehrbar ist. Diese Entwicklung sagt viel mehr über den Verein FC Bayern als über den Trainer van Gaal.

Man wusste schon vorher, dass van Gaal kein ganz einfacher Mensch ist, dass er gewisse Vorstellungen vom Fußball hat, die nicht unbedingt mit dem Fußballstammtisch harmonieren. Als van Gaal verpflichtet wurde war ich beeindruckt. Beeindruckt davon, dass die Bayern sich einen solchen Querkopf in Haus holen und ihn seine Ideen umsetzen lassen. Nach dem gescheiterten Experiment Jürgen Klinsmann sollte es ein Fußballlehrer sein, aber eben einer mit neuen Ideen, der den Verein nicht zurück in die Lethargie der zweiten Hälfte der Ära Hitzfeld fliehen ließ. Der Verein schien bereit für Veränderung, für einen großen Plan. Vor allem deshalb wirkt es so bizarr, dass van Gaals Leistung nun vor allem an den Ergebnissen festgemacht werden. Nicht, dass die Ergebnisse bei der Bewertung eines Trainers egal wären, aber was kann man als Trainer in knapp zwei Jahren eigentlich erreichen? Eine Meisterschaft gewinnen? Einen Pokal holen? Die Champions League? Das ganze noch mal? Vielleicht, aber einem Vereine eine Idee vom Fußball einpflanzen? Das ist ein langfristiger Prozess.

Aber war nicht genau das van Gaals Mission? Eine “Fußballphilosophie”, seine Fußballphilosophie bei den Bayern umsetzen? Das hat er getan. Konsequent und ohne Kompromisse. Mit Kompromissen kommt man in einem festgefahrenen System nicht weiter. Kompromisse weichen die Philosophie auf. Es war klar: Der Trainer hat das alleinige Sagen. Es war auch klar: Das wird bei den Bayern bestenfalls geduldet, aber niemals akzeptiert. Im Sommer wurden van Gaals Verdienste noch im Detail aufgelistet: Er hat ein passendes System gefunden, Spieler aus ihrer comfort zone bewegt (Lahm, Schweinsteiger), auf die Jugend gesetzt (Müller, Badstuber) und dazu seine offensive Spielidee umgesetzt.

Es mag im Sommer schon manche gegeben haben, die eine nahtlose Fortsetzung dieser Entwicklung in dieser Saison erwartet oder sogar verlangt haben. Solch eine Annahme ist völlig unrealistisch. Im Fußball läuft nichts linear, nach der überaus erfolgreichen Saison war ein gefühlter Rückschritt fast unvermeidbar. Es ist nicht diese Saison, die enttäuschend ist (auch wenn einige Ergebnisse es unzweifelhaft sind) – es war die letzte Saison, die eigentlich zu gut war. Bayern ist noch nicht die beste Mannschaft Europas. Auch nicht die zweitbeste. Aber Bayern ist auf einem guten Weg dorthin, trotz und auch wegen der Rückschritte.

Mit Glück, Können und einem wahnsinnigen Lauf ging es letzten Frühling bis ins Champions League Finale. Eine Mannschaft entwickelt sich aber in erster Linie indem sie schwierige Phasen übersteht und Hindernisse überwindet. Der Sieg über Juve letzte Saison war ein entscheidender Moment. Die Niederlage gegen Dortmund könnte ein weiterer entscheidender Moment sein. Wie geht die Mannschaft damit um, nicht unmittelbar sondern mittelfristig? Welche Strategien werden entwickelt, um nächste Saison besser zu sein? Dem Fortschritt der letzten Saison folgte die Reaktion der Konkurrenz in dieser Saison. Ist es auch nur ansatzweise überraschend, dass die Gegner in dieser Saison besser mit der Spielweise der Bayern zurechtkommen? Und genau darauf sollte es beim Rekordmeister nun ankommen, nämlich eine passende Antwort zu finden. Rasenschach.

Die Crux bei der Sache ist: Diese Entwicklung ist nur langfristig zu erkennen, bereinigt um “konjunkturelle Effekte” sozusagen. Stattdessen schaukeln sich die Bayern an den letzten drei bis vier Ergebnissen und van Gaals Sturheit hoch. Ich kann gut verstehen, dass einige Bayernfans gerade an ihrer Vereinsführung verzweifeln.

Und wie sieht es mit der Implementierung der Fußballphilosophie aus? Noch bevor sie im Verein in Fleisch und Blut übergegangen ist, wird sie bereits als selbstverständlich hingenommen. Wo genau standen die Bayern noch mal im Sommer 2009? Was hat sich seitdem geändert? Alles vergessen. Xavi Hernandez vom großen Vorbild FC Barcelona hat vor kurzem in einem Interview gesagt, dass nie die Identität geändert werden darf. Personal könne man austauschen, auch Trainer, aber nie die Identität. Das Problem bei den Bayern: Die Identität ist gerade erst in der Entstehungsphase. In Barcelona hatte Johan Cruyff acht Jahre lang Zeit, um seine von Rinus Michels übernommene Idee vom Fußball umzusetzen und zu verfeinern. Van Gaal hat sie fortgesetzt und heute ist es so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass man sich fast automatisch den passenden Trainer und die passenden Spieler dazu auswählt.

Wer formt nach van Gaal die Identität der Bayern weiter? Präsident Hoeneß? Vorstandsvorsitzender Rummenigge? Manager Nerlinger? Heynckes ist ganz sicher kein schlechter Trainer, aber er wird den Umbruch bei den Bayern nicht fortsetzen. Eher scheint er der größte gemeinsame Nenner zu sein, auf den sich die Clubführung einigen kann. Es ist ein: ja, wir wollen schon irgendwie, aber nicht so richtig. Eine solide Lösung, aber keine mutige. Ich hoffe sehr, dass sie dafür nicht belohnt werden.

Bestraft

Werder Bremen – Borussia Mönchengladbach 1:1

Durch Unaufmerksamkeiten und schlechte Chancenverwertung hat Werder in den letzten zehn Minuten einen schon sicher geglaubten Sieg gegen Gladbach noch aus der Hand gegeben. Dantes Ausgleich in der Nachspielzeit war zugleich gerechte Strafe für die Bremer Überheblichkeit und ein weiterer Beweis für die Unberechenbarkeit des Fußballs.

Starke erste Hälfte, zu geringer Ertrag

Werder erwischte einen guten Start, kam zu klaren Torchancen durch Wagner, Bargfrede und Borowski. Gladbach stand wie erwartet tief und kam lediglich durch hohe lange Bälle in die Nähe des Bremer Strafraums, wo Idrissou meist auf verlorenem Posten stand. Werder zeigte sich kombinationsstärker als in den letzten Wochen. Der Ball lief gut durchs Mittelfeld, Wagner gewinnt langsam an Ballsicherheit dazu und Pizarros großer Aktionsradius machte den Gästen sichtlich zu schaffen. Es dauerte dennoch bis zur 39. Minute bis Werders Überlegenheit belohnt wurde. Sandro Wagner traf zum zweiten Mal in Folge und das durchaus sehenswert. Pizarros Flanke erwischte er mit dem Kopf und nickte den Ball präzise neben den Pfosten. Der ansonsten starke Bailly im Gladbacher Tor war chancenlos.

Kurz vor der Pause knallte Borowskis Schuss an die Unterkante der Latte und von dort knapp vor die Torlinie, so dass es mit einer hochverdienten, aber zu geringen Führung für Werder in die Kabine ging. Gladbach hatte bis dahin keine einzige Torchance. Die beste Gelegenheit machte man sich selbst zunichte, als man einen ambitionierten Freistoßtrick versuchte, statt den Ball aus etwa 20 Metern direkt auf Tim Wieses Tor zu bringen.

Werders Wechsel kippen das Spiel

Werders Mittelfeldraute läuft so langsam wieder zu guter Form auf. Hier machte es sich bezahlt, dass Schaaf an seinem bewährten Personal festhielt. Borowski und Bargfrede können das Spiel von den Halbpositionen schnell machen und auch selbst mit in die Spitze aufrücken. Trinks ist noch kein echter Spielmacher, aber er erfüllt seine taktischen Aufgaben exzellent. Bei Ballbesitz Werder ließ er sich häufig ein Stück zurückfallen, um Lücken in Gladbachs Dreiermittelfeld zu reißen, in die Borowski und Bargfrede dann vorstoßen konnten. In der zweiten Halbzeit schaltete Werder jedoch früh in den Verwaltungsmodus und drängte nicht mehr konsequent auf das zweite Tor. Thomas Schaaf reagierte, indem er Marin und Arnautovic für Trinks und Wagner brachte.

Dieser Doppelwechsel veränderte Werders Spielweise deutlich. Über die beiden Neuen liefen einige gefährliche Konter, mit denen Werder das Spiel hätte entscheiden können. Erst lenkte Bailly einen guten Schuss von Marin von der Strafraumgrenze noch übers Tor, dann scheiterte Arnautovic frei vor dem Gladbacher Torwart am Außenpofsten. Der Spielfluss im Mittelfeld ging ab der 60. Minute jedoch weitgehend verloren, was auch an Marins wenig diszipliniertem Positionsspiel lag. Gladbach erhöhte langsam aber sicher den Druck, ohne jedoch zu echten Torchancen zu kommen. Erst in den letzten zehn Minuten des Spiels wurde es für Werder wirklich gefährlich. Die Ballsicherheit war weg, dem Mittelfeld fehlte die taktische Disziplin (Wesley wirkte nach seiner Verletzung noch nicht wieder auf der Höhe) und Gladbach zeigte endlich den Mut der Verzweiflung, der dem Team 80 Minuten lang gefehlt hatte. Hermann, Reus und Stranzl scheiterten noch an Wiese und ihren Nerven, doch nachdem Wesley erst den Ball vertändelte und sich dann nur mit einem Foul behelfen konnte, nutzte der Tabellenletzte die letzte Chance der Partie und traf noch zum nicht wirklich verdienten, aber aufgrund der Schlussphase folgerichtigen Ausgleich.

Trotz kalter Dusche: Positive Entwicklung überwiegt

Beschweren können sich die Bremer nach dem ärgerlichen Punktverlust nicht. Die Chancenverwertung war mangelhaft und das nachlassende Bemühen um Spielkontrolle trug dazu bei, den Gegner in der Schlussphase doch noch ins Spiel finden zu lassen. Nachdem man zuletzt einige Male selbst in den letzten Minuten noch getroffen und sich wichtige Punkte gesichert hatte, ist es diesmal andersherum gelaufen. Fast so, als wollte dieses Spiel alle Klischees noch einmal bestätigen.

Den großen Befreiungsschlag hat Werder trotz des Sprungs auf Platz 12 erst einmal verpasst. Nächste Woche geht es gegen den 1. FC Nürnberg, das Team der Stunde. Vor ein paar Wochen wären wir dort noch chancenlos gewesen, doch die neue Stabilität im Mittelfeld macht Hoffnung, dass auch in Nürnberg etwas drin ist. Einen Grund etwas an der Startaufstellung zu verändern gibt es nach dem Spiel gestern nicht. Werder und Schaaf scheinen endlich eine Grundformation für das letzte Saisondrittel gefunden zu haben. Allein das ist schon viel wert.

Lebenszeichen

Da ich seit nunmehr zehn Tagen mein Wohnzimmer renoviere (morgen dürfte es dann fertig werden), war es in der letzten Zeit sehr ruhig hier. Von Werders Spiel in Freiburg habe ich bis auf ein paar Höhepunkte noch immer nichts gesehen und konnte so auch nicht viel sinnvolles dazu schreiben. In der aktuellen Situation wird jedes Positivereignis gerne mitgenommen, auch der traditionelle Sieg in Freiburg. Für mich war dies das letzte Spiel in dieser Saison, in dem man nicht unbedingt punkten musste. Sieben der bisherigen acht Spiele der Rückrunde waren gegen Mannschaften der oberen Tabellenhälfte. Köln ist mit seiner neuen Heimstärke auf bestem Wege aus der Abstiegsgefahr.

Nun geht es noch gegen sieben direkte Konkurrenten um den Klassenerhalt, darunter auch alle vier Teams, die derzeit hinter Werder stehen. Gegen Gladbach hat man zum ersten Mal die Möglichkeit, sich im direkten Duell ein Stück weit abzusetzen. Gleiches gilt auch für die kommenden Heimspiele gegen Stuttgart, Schalke und Wolfsburg sowie die Auswärtsspiele in Frankfurt und St. Pauli. Wenn man den leichten Aufwärtstrend bestätigen kann, können die Punktgewinne gegen Leverkusen, Hannover und Mainz noch Gold wert sein und Werder muss doch nicht bis zum letzten Spiel in Kaiserslautern zittern.

Doch nun geht’s erst mal gegen den Tabellenletzten Gladbach. Auf Einladung von ZEIT ONLINE darf ich heute mal wieder ins Stadion und meine Gedanken zum Spiel live auf @zeitonlinesport twittern. Falls ihr Lust habt mir dort zu folgen – ich würde mich freuen!