Archiv für den Monat: April 2011

Der fünffache Clásico

Nachdem es im Herbst noch so aussah, als wäre Real Madrid dem Erzrivalen auch in dieser Saison hoffnungslos unterlegen, waren die Clásicos in dieser Rückrunde ziemlich offene Angelegenheiten. Die Spiele der beiden spanischen Fußballmächte gehörten zu den spannendsten Spielen der Saison und halten (Achtung, Phrase!) ganz Europa in Atem.

Tiqui-Taca vs. Pragmatismus

Barcelonas Spielweise und Spielsystem lassen sich mit recht einfach beschreiben. Gespielt wird ein 4-3-3 mit zwei offensiven Mittelfeldspielern (4-1-2-3) und offensiven Außenverteidigern. Bei Ballbesitz spielt Barca häufig ein 3-4-3, wobei Messi als Mittelstürmer teils eine “falsche Neun”, teils einen echten 10er gibt. Barcelona setzt auf totale Dominanz des Balles, hält den Ball mit technisch perfektem Kurzpassspiel in den eigenen Reihen und sorgt durch aggressives Pressing tief in der gegnerischen Hälfte nach Ballverlusten für eine schnelle Rückeroberung des Ballbesitzes. Nicht selten führt dies zu Ballbesitzquoten von mehr als 70% über die gesamte Spieldauer. Die letzte Mannschaft, die in der Champions League mehr als 50% Ballbesitz gegen Barcelona hatte, war Werder Bremen im Dezember 2006. Auch wenn Barcelona selten das System ändert, reagiert Guardiola doch häufig auf den Gegner durch kleine Änderungen, etwa die Positionierung von Messi oder Dani Alves.

Real Madrid hatte über weite Strecken der Saison ebenfalls ein festes System (4-2-3-1) und eine Stammelf, die in den wichtigen Spielen weitgehend unverändert blieb. In der offensiven Dreierreihe gibt Ronaldo den torgefährlichen Flügelspieler, Özil lauert zwischen den Reihen und Di Maria orientiert sich auf Rechts mehr in Richtung Mittelfeld. Auf der Doppelsechs übernimmt Xabi Alonso die Rolle des Ballverteilers, während Khedira mit viel Energie immer wieder in die Spitze vorstößt. In der Liga ist es Madrid gewohnt, das Spiel machen zu müssen. Gegen tief stehende Gegner tut man sich dabei relativ schwer, was unter anderem für den Rückstand auf Barcelona verantwortlich ist. Unter Mourinho hat sich das Team in dieser Hinsicht jedoch weiterentwickelt, wobei Real in erster Linie eine Kontermannschaft ist, die mit viel Tempo die Lücken einer unsortierten Defensive ausnutzen kann.

Clásico #1: Offener Schlagabtausch

Im Herbst 2010 kam es zum ersten Aufeinandertreffen der Saison. Real Madrid bekam im Camp Nou eine Lehrstunde erteilt und war gegen den Meister aus Barcelona chancenlos. Für José Mourinho war das 0:5 die höchste Niederlage seiner Trainerlaufbahn. Zum damaligen Zeitpunkt war das Spiel der eindeutige Beweis, wer die beste Mannschaft Spaniens ist. Aus heutiger Sicht ist das Spiel aber auch ein wichtiger Wegweiser für Real Madrid, das damals in Bestbesetzung und mit offensiver Ausrichtung ins Spiel ging. Die Erkenntnis, dass man spielerisch klar unterlegen ist, mag im ersten Moment wehgetan haben. Sie führte jedoch auch dazu, dass Mourinho in den wichtigen Spielen im letzten Saisondrittel dieses Experiment nicht mehr durchführen musste. Die Taktik kann klar darauf ausgelegt werden, einen vermeintlich übermächtigen Gegner am Toreschießen zu hindern, statt auf das eigene Offensivspiel zu setzen.

Barcelona fühlte sich durch den fünften Sieg in Folge über die verhassten Hauptstädter vor dem Clasicó-Marathon im Frühling vielleicht ein wenig zu sicher. Das Vertrauen in die eigene Stärke ist gerechtfertigt, doch war der Fokus – vor allem im Liga-Rückspiel – vielleicht zu sehr darauf gerichtet, den Erzrivalen noch einmal in Grund und Boden zu spielen.

Clásico #2: Abwehrschlacht

Mit dem Unentschieden konnte Barcelona dank des 8-Punkte-Vorsprungs sehr gut leben – Madrid überraschenderweise auch. Selbst bei einem deutlichen Sieg wäre die Chance auf die Meisterschaft nur minimal gewesen. Real begnügte sich daher damit, Barcelona so gut es ging aus dem Angriffsdrittel fernzuhalten. Barcelona hatte Probleme gegen die gut organisierten Gastgeber und zum ersten Mal zeigte Mourinhos Magie seine Wirkung. Das Spiel war nicht schön anzusehen, doch am Ende verdiente man sich einen Punkt, weil man in der Lage war, nach dem Rückstand und Özils Einwechslung selbst Druck aufzubauen. In Spanien wurde das Spiel als Punktsieg für Barcelona gewertet, was für sich genommen auch richtig war. Dennoch lieferte auch dieses Spiel wichtige Erkenntnisse für Mourinho und sein Team.

Es war das von seiner Bedeutung her unwichtigste der vier Spiele, da der Meisterkampf bereits entschieden war. In Bezug auf die weiteren Spiele könnte das Ergebnis jedoch Madrid mehr geholfen haben, als Barcelona. Der Punktgewinn sorgte für mehr Selbstvertrauen und nährte die Hoffnung, dass Barcelona doch schlagbar sein könnte. Beim FCB könnten sich erste Zweifel an der eigenen Stärke eingeschlichen haben.

Clásico #3: Pressing

Das Finale der Copa del Rey war aus Mourinhos Sicht eine weitere Testphase, wie er Barcelonas Überlegenheit am besten durchbrechen kann. Diesmal versuchte er es mit einer aggressiveren Taktik: Pepe und Khedira spielten im zentralen Mittelfeld Pressing und ließen Barcas Mittelfeldmotoren Xavi und Iniesta keine Zeit am Ball. In der ersten Halbzeit tat sich Barcelona sehr schwer ins Spiel zu kommen und verlor trotz weiterhin hoher Ballbesitzquote ein wenig die eigene Linie. Madrid konzentrierte sich auf schnelle Konterangriffe über das Dreigespann Ronaldo-Di Maria-Özil und hatte in den ersten 45 Minuten die besseren Torchancen. Nach dem Seitenwechsel wurde Barcelona stärker und kombinierte sich immer sicherer durch Reals Hälfte. Madrids Pressing ließ nach und Barcelonas zentrales Mittelfeld dominierte fortan das Spiel. Dennoch taten sich die Katalanen schwer, den letzten Abwehrriegel vor dem Strafraum zu durchbrechen und Bälle in die Schnittstellen zu spielen. Pedro und vor allem David Villa spielten schwach und Messi ließ sich zu häufig ins Mittelfeld fallen, um vor dem Tor Gefahr auszustrahlen. In der Verlängerung war es dann ein offenes Spiel, indem Ronaldos Kopfball die Entscheidung brachte.

Mourinhos wichtigste Erkenntnis dürfte gewesen sein, dass sein Team Barcas Mittelfeld durch aggressives Pressing stoppen kann und sich durch die offensive Ausrichtung von Barcelonas Außenverteidiger immer wieder Konterchancen über die Flügel ergeben. Warum das Pressing in der zweiten Halbzeit nachließ war für mich nicht ersichtlich. Vielleicht reichte die Kraft nicht aus, doch es schien mir eine bewusste Entscheidung in der Halbzeitpause gewesen zu sein. Aus Barcelonas Sicht zeigte das Spiel, dass man ohne Breite im Spiel Real nicht schlagen kann. Mit Messi opfert man gelegentlich den Mittelstürmer, um Überzahl im Mittelfeld zu haben. Villa und Pedro reagieren darauf, indem sie weiter ins Zentrum rücken und die Breite weitgehend von den aufrückenden Außenverteidigern abhängt, was zu Lücken in der Defensivabteilung führt, die Madrid ausnutzen konnte. In der zweiten Halbzeit blieben Villa und Pedro weiter außen und Barcelonas Spiel wurde flüssiger.

Clásico #4: Dirty Bit

Trotz der Wichtigkeit des Pokalfinales schienen die beiden Spiele zuvor nur die Vorbereitung auf das Duell in der Champions League zu sein. Wer sich hier durchsetzt, würde mindestens als moralischer Sieger aus dem Clásico-Marathon hervorgehen. Die Wichtigkeit des Spiels war im Hinspiel im Bernabéu in jeder Sekunde zu spüren. Beide Mannschaften agierten sehr vorsichtig und waren darauf bedacht, die Stärken des jeweils anderen nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Nach etwa fünf Minuten wurde eine Linie deutlich, die beide Teams bis zur Halbzeit durchhielten. Real stand tief und wartete kurz hinter der Mittellinie mit drei Sechsern und zwei defensiven Außenstürmern auf Barcelonas Angriffe. Die ließen jedoch auf sich warten, weil Barcelona den Ball lieber in aller Ruhe durch die eigene Abwehrreihe laufen ließ, statt mutig nach vorne zu spielen. Die Außenverteidiger spielten erstaunlich defensiv, während Villa und Pedro an der Außenlinie klebten und das Sturmzentrum über weite Strecken verwaist blieb. Beide Teams schienen mit diesem spannungsarmen Spiel leben zu können, wenn Barcelona auch etwas mehr tat, um sich Torchancen zu erspielen.

Über mangelnde Unterhaltung konnte man sich trotzdem nicht beschweren. Schon in den vorhergehenden Spielen war die physische Seite des Spiels in den Mittelpunkt gerückt, doch diesmal trieben es die Mannschaften auf die Spitze. Die Aggression ging sicher von Real Madrid aus, doch die Spieler des FC Barcelona trugen ihren Teil dazu bei, dass es nach dem Halbzeitpfiff zu Tumulten vor dem Spielertunnel kam. Ersatzkeeper Pinto sah die erste rote Karte des Spiels. Es verging kaum eine Minute, in der es kein hartes Einsteigen, zynisches Foul, theatralisches Herniedersinken und/oder kollektives Beschweren beim Schiedsrichter gab. Sergio Busquets gab sich alle Mühe, seine schauspielerische Leistung aus dem Vorjahr noch zu toppen, während auf der Gegenseite Pepe und Sergio Ramos stets an der Grenze zur Körperverletzung agierten. Die rote Karte gegen Pepe in der zweiten Halbzeit kam nicht überraschend und auch wenn Mourinho (genauso wenig überraschend) eine Verschwörung gegen seine Mannschaft witterte, war es genau die Art Foul, die immer mit Rot bestraft gehört: Mit den Stollen voraus auf Kniehöhe in den Gegner. Dani Alves hatte Glück, dass er den Schwerverletzten nur spielen musste. Glück hatte auch Adebayor, dass er für seine Aktion gegen Mascherano nur Gelb sah.

Für das Spiel selbst war es ein Glücksfall, dass es nach einer Stunde den Platzverweis gab, denn dadurch erhielt es eine andere Färbung. Barcelona nutzte den nun vorhandenen Platz im Mittelfeld aus, um das Spiel weiter in Madrids Hälfte zu tragen. Eine Reaktion von Reals Bank blieb aus, fast so als würde Mourinho nach seiner Verbannung auf die Tribüne aus Trotz nicht wechseln wollen. Nach dem Führungstreffer durch Messi (wen sonst?) war die Partie entschieden. Madrid fand nicht zurück ins Spiel und hatte auch nicht mehr die Kraft, Barcelonas Ballstafetten im Mittelfeld zu unterbinden. Messis zweites Tor war ein Leckerbissen für alle Fans des schwindelerregenden Dribblings. Gegen einen hervorragend organisierten Gegner wäre dieses Tor wohl kaum gefallen, aber das war Real Madrid zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Clásico #5: ?

Messis Tore haben das Duell vermutlich schon vor Beginn des Rückspiels entschieden. Es wird trotzdem interessant zu sehen, wie Mourinho dieses Spiel angeht. Eigentlich bleibt ihm nur die Option der totalen Offensive, doch kann das in Barcelona gutgehen? Es könnte in einer weiteren epischen Niederlage enden, wenn Barcelona so viel Platz bekommt wie beim 5:0 im Herbst. Ohne Pepe und Khedira im Mittelfeld dürfte es schwer werden, aggressives Pressing wie im Pokalfinale zu spielen. Nur auf Schadenbegrenzung kann sich Mourinho jedoch auch nicht beschränken, will er es sich mit dem verwöhnten Madrider Publikum und der Hauptstadtpresse nicht völlig verderben.

Es wird ein Spiel mit umgekehrten Vorzeichen wie im Vorjahr: Mourinho braucht im Rückspiel einen Sieg, während Guardiola einen Vorsprung über die Zeit retten muss. Wie die beiden Trainer mit diesen Voraussetzungen umgehen macht dieses Rückspiel – dessen sportlicher Wert fraglich ist - zu einer spannenden Angelegenheit. Vielleicht bekommen wir ja auch endlich den fußballerischen Leckerbissen, auf den wir alle gehofft haben.

The Knights Who Say Ni (zweite Liga)

Bundesliga, 31. Spieltag: FC St. Pauli – Werder Bremen 1:3

Am Ende dieser Saison zählt nur der Klassenerhalt. Dieser ist mit dem 3:1-Sieg bei St. Pauli nun endgültig gesichert, auch wenn es rein rechnerisch noch nicht soweit ist. Nach einer in allen Belangen enttäuschenden ersten Halbzeit drehte Werder zum ersten Mal in dieser Saison ein Spiel und ist nun seit über zwei Monaten ungeschlagen.

Verlust der Spielkultur

Es wäre sicherlich falsch, Werders schwache spielerische Leistung nur auf den Ausfall von Tim Borowski zu schieben, doch Samstag wurde wieder einmal deutlich, wie wichtig er für Werder geworden ist. Werders Mittelfeld fehlte es in der ersten Halbzeit völlig an Struktur und Bindung. Marin und Wesley hatten zwar ein großes Laufpensum, blieben aber weitgehend ineffektiv. Frings bekam das Spiel im defensiven Mittelfeld nicht in den Griff. Insgesamt spielte Werder sehr linkslastig. Kaum ein Angriff lief in den ersten 45 Minuten über die rechte Seite.

St. Pauli - Werder 1. Halbzeit

Werders Offensivaktionen in der 1. Halbzeit (Quelle: bundesliga.de)

Die Raute hatte eine deutliche Schlagseite, was nicht per se schlecht sein muss. Werder verfing sich jedoch zu häufig auf der Außenbahn und kam dann nur umständlich wieder zurück in eine aussichtsreichere Position. Bargfrede hielt auf der linken Seite seine Position, während Wesley von rechts viel rochierte. Marin tendiert ohnehin zur linken Seite und Silvestre schaltete sich häufiger mit in die Offensive ein als auf der anderen Seite Fritz. Somit war Werders Spiel für St. Pauli leicht ausrechenbar und mit einfachen Mitteln zu stoppen. Das Gegentor erinnerte an schlimme Zeiten und kam durch einen Fehlpass Pizarros beim Rausrücken und einen katastrophalen Abstimmungsfehler in der Viererkette zustande. Mertesacker stand fast 10 Meter hinter seinen Nebenleuten und hob beim Pass auf Bartels das Abseits auf.

Pizarro dreht das Spiel

Auch in der zweiten Halbzeit lief die Mehrzahl der Bremer Angriffe über links, doch Clemens Fritz wagte sich häufiger in St. Paulis Hälfte und sorgte für etwas mehr Balance in Werders Spiel. Alle drei Werdertore fielen über die rechte Seite. Die verloren gegangene Spielkultur glich Werder nun durch großen Einsatz und Pizarros Klasse aus. Es war der Mannschaft nun anzumerken, dass sie sich nicht in ihr Schicksal fügen wollte, wie schon zu oft in dieser Saison. Nach Pizarros Doppelschlag, der das Spiel zu Werders Gunsten drehte, kam auch die Sicherheit im Passspiel zurück. Die Gastgeber erholten sich von diesem Schock nicht mehr und konnten Werder in der Schlussphase kaum noch in Bedrängnis bringen. In dieser Form wird es für die Hamburger nicht zum Klassenerhalt reichen.

Ein Silberstreif für Hunt

Die letzten Monate waren für Aaron Hunt ein einziger Spießrutenlauf. Zuerst verlor er seinen Stammplatz, dann wurden auch seine Einwechslungen weniger. Von den eigenen Fans ausgepfiffen war er am Ende so verunsichert, dass ihm nicht mal einfache Pässe über fünf Meter gelangen. Dabei konnte man jedoch immer noch sehen, dass er ein Spieler mit den richtigen Ideen ist. Laufwege und Timing stimmten, doch am Ball ging fast alles schief, was schief gehen kann. Dazu kam eine lustlos wirkende Körpersprache. Am Samstag gab es endlich auch für ihn eine Art Mini-Befreiungsschlag. Nach seiner Einwechslung spielte er befreit auf und sorgte für mehr Spielfluss bei Werder. In immerhin 23 Minuten spielte er keinen einzigen Fehlpass, hatte nur einen Ballverlust und einige gute Ideen. Sicher kein Zufall, dass diese Steigerung in einem Auswärtsspiel kommt. Hätte er solche Leistungen regelmäßig in dieser Saison gezeigt, wäre Özils Weggang weitaus weniger ins Gewicht gefallen.

Aaron Hunt Passverteilung

Alle 15 Pässe von Aaron Hunt kamen an (Quelle: bundesliga.de)

Gegen Wolfsburg: Der letzte Punkt zum Klassenerhalt

Am Freitag kann Werder mit einem Sieg gegen den VfL Wolfsburg den Klassenerhalt endgültig sicherstellen. Wahrscheinlich reichen die 38 Punkte schon, um nicht abzusteigen. Mit einem Unentschieden gegen den VfL wäre man ebenfalls zu 99% durch. Allerdings könnte dieses Spiel nach Wolfsburgs Mini-Auferstehung am Sonntag noch einmal eine echte Herausforderung werden. Felix Magath ist sowieso alles zuzutrauen. Das Spiel gegen St. Pauli hat gezeigt, dass Werder im Endspurt kein bisschen nachlassen darf, sonst geht das zarte Pflänzchen, das man sich in den letzten Wochen mühevoll gezüchtet hat, direkt wieder kaputt.

Bei aller Frustration über diese enttäuschende Saison bin ich immer noch froh, dass mit Werder im Saisonendspurt immer zu rechnen ist – im Gegensatz zu manch anderer Mannschaft, die sich ihre Saison im April regelmäßig selbst vermasselt.

Fünf Erkenntnisse der letzten Wochen

1. Jedes Unentschieden ist ein gewonnener Punkt

Es fällt schwer, sich an diesen Umstand zu gewöhnen, wenn man jahrelang um die Champions League Plätze gespielt hat: Im Abstiegskampf ist ein Unentschieden ein gutes Ergebnis – zumindest wenn es so eng zugeht, wie in diesem Jahr. Wir sind es gewohnt, uns nach einem Remis über die beiden verlorenen Punkte zu ärgern, statt uns über den einen gewonnenen Punkt zu freuen. Im oberen Tabellendrittel verliert man mit einem Unentschieden in der Regel Punkte auf die Konkurrenz. Im unteren Drittel kann man zumindest den Abstand zu den Abstiegsplätzen konstant halten. Die Mannschaften auf den Plätzen 16 bis 18 haben im Schnitt weniger als einen Punkt pro Spiel geholt. Spielt Werder auch gegen St. Pauli und Wolfsburg jeweils Unentschieden, dürfte der Klassenerhalt gesichert sein. Ein Sieg fühlt sich natürlich besser an, doch letztlich ist das in dieser verdammten Saison nur noch Zugabe.

2. Marin auf der 10 kann funktionieren

Mit der Betonung auf „kann“. Es wurde schon lang und breit diskutiert, dass Marin kein Spielmacher ist und seine Stärken im Zentrum kaum zur Entfaltung bringen kann. Dieser Umstand machte Werder immer wieder zu schaffen, wenn Schaaf ihn auf der 10er-Position einsetzte. Es ist ein Dilemma: Hält Marin seine Position im Zentrum, geht er weitgehend unter. Weicht er zu häufig auf die Flügel aus, destabilisiert er damit das Mittelfeld. An diesem Umstand hat sich grundsätzlich nichts geändert. Trotzdem funktioniert Werders Mittelfeld derzeit wesentlich besser als vor einigen Monaten. Dafür gibt es aus meiner Sicht zwei Gründe: Erstens macht es der generelle Formanstieg bei vielen Spielern einfacher, vorhandene Ungereimtheiten im System zu kompensieren. Das Mittelfeld mit Frings, Borowski und Wesley/Bargfrede wirkt gefestigt und kann Marin ein Stück weit den Rücken freihalten. Zweitens habe ich den Eindruck, dass Marin inzwischen etwas disziplinierter spielt und sein Spiel ohne Ball etwas verbessert hat. Er bewegt sich nicht mehr 90 Minuten vogelfrei übers Feld, sondern streut seine Ausflüge auf die Außen dosierter ein und hält bei Ballbesitz des Gegners häufig die Position im Zentrum.

Für mich ist das nach wie vor keine Dauerlösung, aber für die letzten Wochen der Saison scheint es eine vernünftige Entscheidung gewesen zu sein – auch wenn ich es immer noch schade finde, dass man Trinks nicht weiterhin die Chance gegeben hat.

3. Torsten Frings ist wertvoll im Abstiegskampf

Ich habe ihn viel kritisiert in dieser Saison und bleibe auch bei meiner Meinung, dass für ihn im Sommer Schluss sein sollte. Dennoch habe ich großen Respekt für seine Leistungen in den letzten Wochen. Natürlich ist Frings nicht mehr der Spieler, der er vor 3-4 Jahren war, aber seine Erfahrung, sein Einsatz und sein Kampfgeist machen ihn zu einer wertvollen Waffe im Abstiegskampf. Momentan gucke ich gerne über seine Unzulänglichkeiten hinweg, denn es imponiert mir, wie er sich gegen den Abstieg seiner Mannschaft und auch seiner eigenen Person wehrt. Frings profitiert dabei auch von der Raute, die ihn ein wenig vor seiner eigenen Spielweise schützt. Er spielt nun etwas tiefer als früher und es entstehen nur noch selten große Lücken vor Werders Abwehr. Nun hoffe ich, dass Frings den Abschied bei Werder bekommt, der einem Spieler wie ihm gebührt. Allerdings hoffe ich auch, dass man bei Werder nicht die falschen Schlüsse zieht und mit ihm in die neue Saison geht. Es braucht einen Neuanfang, auch und gerade auf der 6er-Position.

4. Tim Wiese ist kein Weltklassetorwart

Es ist schon komisch: Ein sehr gutes Spiel von Wiese genügt, um ihn in den Augen mancher Werderfans schon wieder zum Weltklassetorwart werden zu lassen. Seine Leistung gegen Frankfurt war stark, ohne Frage. Er hat uns an diesem Tag das Unentschieden gerettet und hatte einige tolle Aktionen. Dennoch ist sein Torwartspiel nach wie vor alles andere als perfekt. Gerade im Spiel gegen Schalke wurde wieder deutlich, wie sehr ihm Neuer in vielen Belangen voraus ist: Hohe Bälle abfangen, das Spiel direkt wieder schnell machen, Bälle mit dem Fuß kontrolliert verteilen, in Eins gegen Eins Situationen lange oben bleiben, um den Gegner zum Handeln zu zwingen. Alles Dinge, die Wiese nicht sonderlich gut kann. Solange er in anderen Bereichen herausragend gut ist, mag man diese Dinge in Kauf nehmen. Allerdings war Wiese in dieser Saison – gerade im Vergleich zu den beiden Jahren davor – kaum mal herausragend gut. Seit Oliver Kahn hat es sich bei vielen Fans eingebrannt, dass ein Torwart auch mal unhaltbare Bälle abwehren muss, um für sein Team besonders wertvoll zu sein. Ich bin eher Fan von konstanten Torhütern, die unspektakulär spielen, aber dafür gegnerische Chancen schon früh zunichte machen. Dazu sollte ein Torwart als Anspielstation taugen und Bälle verteilen können. Bei Wiese landen viele Bälle im Nirgendwo oder (schlimmer noch) beim Gegner.

Ich möchte Wiese nicht schlecht machen, er ist nach wie vor ein guter Torwart, der in der Form von 2009 zu den besten Keepern der Bundesliga zählt, aber ein mitspielender, moderner Torwart wäre mir bei Werder in der kommenden Saison lieber, auch wenn er kein Reflexgott auf der Linie ist.

5. Die Raute ist zeitlos modern…

schrieb Kollege Petersen unlängst. Davon abgesehen, dass eine Formation an sich nur ein Knochengerüst ist, das erst durch die Spielweise der Mannschaften zum Leben erwacht, könnte er Recht haben. Während das klassische 4-4-2 trotz einiger Zuckungen im Weltfußball eine immer kleinere Rolle spielt, scheint die Raute gegen die modernen Ausprägungen des 4-5-1 und 4-3-3 noch immer eine Chance zu haben. Der strukturelle Schwachpunkt der Raute liegt bei diesem Duell auf den Außenbahnen, was jedoch leichter zu kompensieren ist, als die 2 gegen 3 Unterzahl im Zentrum beim Duell 4-4-2 gegen 4-5-1/4-3-3. Entscheidend ist das Zusammenspiel der Rautenspieler, das Verschieben auf die Außenpositionen und die Defensivarbeit der beiden Stürmer.

Der FC Barcelona macht gerade vor, wie das aussehen kann: Seit Lionel Messi den Mittelstürmer gibt und sich dabei sehr weit nach hinten fallenlässt, wird aus dem 4-1-2-3 häufig effektiv ein 4-4-2 mit Raute. Für den Gegner ist es sehr schwer, sich auf dieses System einzustellen. Messis Rolle als spielmachender Mittelstürmer macht es schwer ihn zu fassen (wer ist zuständig, Innenverteidiger oder defensives Mittelfeld?), was Räume für die beiden Außenstürmer Villa und Pedro schafft, die in die Mitte ziehen können, was wiederum Räume für die aufrückenden Außenverteidiger schafft. Nun ist Werder nicht Barcelona, aber ich bin sehr gespannt, welchen Weg man in der kommenden Saison einschlagen wird: Weiter mit der Raute oder endgültig den Schritt zum 4-2-3-1 wagen? Von dieser Frage wird die Personalplanung im Sommer maßgeblich abhängen.

Der Bierbecherwurf

Die Szene wird sicherlich in den nächsten Tagen noch für viele Diskussionen sorgen: Beim Spiel zwischen St. Pauli und Schalke trifft ein voller Bierbecher den Linienrichter von hinten am Kopf. Das Spiel wird daraufhin abgebrochen.

Nun kann man natürlich das Heimpublikum beschimpfen, sich in Häme über die “ach so anderen” St. Pauli-Fans ergehen, die eigenen Vorurteile gegenüber den selbstbetitelten “Zecken” pflegen. Die Frage ist bloß – und das sage ich ohne die Ereignisse auch nur ansatzweise rechtfertigen zu wollen – in welchem Bundesligastadion so etwas eigentlich nicht passieren könnte?

Die aufgespannten Regenschirme beim Abgang des Schiedsrichters sind ein bekanntes Bild aus der Bundesliga und nur selten haben die Wetterbedingungen etwas damit zu tun. Ich musste spontan an eine Szene aus Werders Spiel vor ein paar Wochen gegen Bayer Leverkusen denken. Nach dem Spiel waren aus dem Bremer Umfeld viele lobende Worte für die tollen Fans und die Atmosphäre im Stadion zu hören. Was man aber nicht hörte, wohl auch, weil es abseits der Kameras kaum jemand mitbekommen hatte: Es gab auch hier einen Bierbecherwurf.

Besagter Wurf war jedoch nicht auf den Linienrichter gezielt, sondern auf die Leverkusener Trainerbank. Als Eren Derdiyok nach seiner Auswechslung (beim Stand von 2:0 für sein Team) seinem Trainer die Hand schüttelte, klatschte ein halbvoller Bierbecher auf das Dach der Reservebank und von dort auf den Rasen, ohne jedoch einen der Akteure zu berühren. Der Absender saß zwei Reihen hinter mir im Unterrang der Südtribüne. Er wurde von den Fans auf den umliegenden Plätzen, die sich zuvor noch über die langsame Auswechslung aufgeregt hatten, sofort mit heftigen Worten zur Besinnung gebracht. Weiterhin geschah nichts – zumindest nicht während des Spiels. Die Leverkusener Bank nahm den Vorfall eher beiläufig zur Kenntnis.

Was wäre wohl gewesen, wenn der Becher Derdiyok oder Heynckes am Kopf getroffen hätte? Würden wir heute über die bekloppten Werderfans sprechen? Müssten die ach so bösen Ultras heute durch den Nacktscanner ins Stadion gehen und eine noch größere Überwachung durch die Polizei über sich ergehen lassen? Und das obwohl der Wurf von der doch angeblich so teilnahmslos gelangweilten Südtribüne kam?

Die Moral von der Geschicht’ ist natürlich in erster Linie: Werft verdammt noch mal keine Gegenstände aufs Spielfeld! Trotzdem sollte man die Frage im Hinterkopf behalten: In welchem Stadion hätte das, was in St. Pauli passiert ist, nicht passieren können? Hier haben keine Sicherheitskräfte versagt und hier müssen auch keine Grundsatzdiskussionen über die Stadionsicherheit losgetreten werden. Ein solcher Vorfall ist in einem Fußballstadion nicht auszuschließen und wir sollten ihm keine übermäßige Aufmerksamkeit schenken, denn die hat er nicht verdient. Was aber wiederum nicht heißt, dass wir das Verhalten tolerieren dürfen.