Archiv für den Monat: Mai 2011

Sergio Busquets – der moderne Frank Baumann

Wer ist der Spieler dieser Saison?

Es fällt einem natürlich sofort Weltfußballer Lionel Messi ein, der mit seinen 52 Pflichtspieltoren in dieser Spielzeit fast genauso oft getroffen hat, wie die gesamte Startelf von Manchester United heute Abend zusammen. Es fällt einem Cristiano Ronaldo ein, der die Gerd Müller Marke von 40 Ligatoren in 34 Spielen egalisierte. Es fällt einem Xavi Hernandez ein, das Herz des Spiels des FC Barcelonas. Es fällt einem Andres Iniesta ein, seinem kongenialen Partner im zentralen Mittelfeld. Es fallen einem überhaupt viele Barca-Spieler ein, doch mein Spieler der Saison wird kaum genannt werden.

Sergio Busquets steht bei Barcelona im Schatten von Xavi und Iniesta, den Kreativen, den Spiellenkern. Er füllt im Dreiermittelfeld den defensiven Part aus und hat selten spektakuläre Aktionen in der Offensive. In einer Zeit, in der moderne, spielstarke 6er wie Bastian Schweinsteiger, Xabi Alonso oder Nuri Sahin mehr denn je Anerkennung für ihre Spielweise bekommen, ist der 6er der besten Vereinsmannschaft der Welt nur eine Randnotiz. Messi, Villa, Xavi, Iniesta, Dani Alves, Pique – das ist die absolute Weltklasse auf ihren jeweiligen Positionen. Busquets scheint da nur reingerutscht zu sein, weil gerade kein passenderer Spieler zur Hand war.

Dabei liest sich die Erfolgsbilanz des 22-Jährigen beeindruckend: In seiner ersten Saison wurde er Meister, Pokalsieger und Champions League Sieger mit Barcelona und gewann kurz darauf auch die Club-WM. Im folgenden Jahr gewann er seine zweite Meisterschaft und wurde mit Spanien im Sommer Weltmeister. Nun ist er wieder spanischer Meister und steht erneut im Finale der Champions League. Viel mehr kann man in drei Jahren als Fußballprofi nicht erreichen. Noch beeindruckender wird die Bilanz jedoch, wenn man bedenkt, dass Busquets diese Titel nicht als Randfigur gewonnen hat, sondern als Stammspieler. 2008/09 setzte er sich gegen Yaya Touré durch und stand im Finale der Champions League sowie im Pokalfinale in der Startelf. Seitdem ist er unumstrittener Stammspieler bei den Katalanen. Daran änderte auch die Verpflichtung von Javier Mascherano im letzten Sommer nichts. Bei der WM 2010 war er ebenfalls Stammspieler, spielte neben Xabi Alonso in der Doppelsechs.

Selbstverständlich hat Busquets Glück gehabt, bei der besten Vereins- und Nationalmannschaft der Welt spielen zu dürfen. Dennoch ist es alles andere als selbstverständlich, sich auf diesem Niveau als junger Spieler gegen denkbar große Konkurrenz auf Anhieb durchzusetzen. Von seinen Mitspielern wird er über den grünen Klee gelobt. Sein Konkurrent Mascherano, einer der besten 6er der Welt und mit seinen 26 Jahren ein gutes Stück erfahrener, bezeichnete Busquets kürzlich als “perfekten Spieler”. Er selbst schaue ihm zu und versuche von ihm zu lernen. Xavi bescheinigte ihm das beste One-Touch-Passspiel der Welt. Immer wieder wird sein gutes Auge genannt und seine fast fehlerlose Passquote. Doch warum fällt Busquets dann kaum auf?

Zum einen liegt es natürlich daran, dass Xavi und Iniesta vor ihm spielen. Barcelona hat bereits so viel Kreativität im zentralen Mittelfeld, dass von Busquets weit weniger in dieser Hinsicht verlangt wird. Die Genialität in Busquets Spielweise liegt daher in ihrer Einfachheit. Busquets tut alles, was ein moderner 6er in einem 4-3-3 machen muss und lässt es unglaublich simpel erscheinen. Er erobert Bälle durch Zweikampfstärke und vor allem durch überragendes Stellungsspiel. Er hält seine Position äußerst diszipliniert und stärkt dadurch nicht nur Xavi und Iniesta den Rücken, sondern ermöglicht es auch den Außenverteidigern einigermaßen sorgenfrei mit nach vorne zu gehen – einer der wichtigsten Aspekte in Barcelonas Spiel – indem er sich bei Ballbesitz häufig zwischen die Innenverteidiger fallenlässt, damit diese ein Stück weiter nach außen rücken können.

Busquets Passspiel ist fast fehlerlos. Er spielt selten die komplizierten Pässe, sondern bringt zuverlässig die einfachen Bälle zum Nebenmann. Er verdankt es jedoch seiner guten Technik und hervorragenden Ballmitnahme, dass er so häufig diese einfachen Bälle spielen kann. Technisch weniger beschlagene 6er bringen sich in Situationen, in denen nur noch der Rückpass oder der lange Ball als Optionen bleiben – Busquets passiert dies nur selten. Das wichtigste Attribut an Busquets Spiel ist jedoch seine Fähigkeit, die Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld dicht zu machen. Für mich ist Busquets die bislang beste Antwort auf die Frage, wie man mit modernen Zehnern oder “falschen Neunen” fertig werden kann.

Mesut Özil war sowohl im Halbfinale der WM als auch in den Clàsicos dieser Saison auf seiner Lieblingsposition im offensiven Mittelfeld weitgehend unsichtbar. Selbiges gilt für Wesley Sneijder im WM-Finale. Ihr Gegenspieler war jeweils Sergio Busquets. Anders als die Spielzerstörer und Manndecker früherer Tage nahm er seine Gegenspieler jedoch nicht durch ständige Bewachung oder Härte aus dem Spiel, sondern durch sein intelligentes Spiel im Raum. Er stößt in die Lücken zwischen den Reihen, die Spieler wie Özil oder Sneijder so lieben. Dadurch bleibt er ebenso unsichtbar wie seine Gegenspieler, was es nicht weiter verwunderlich macht, dass Busquets noch nicht überall als Weltklassespieler gilt. Alex Ferguson dürfte sich über einen Spieler wie ihn in den eigenen Reihen jedoch freuen, denn ich kann mir derzeit keine bessere Waffe gegen Lionel Messi vorstellen, den es heute Abend auszuschalten gilt. Zum Leidwesen der Red Devils spielen die beiden jedoch im selben Team. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn Wayne Rooney heute Abend eher unauffällig bliebe – und noch weniger, wenn der Grund dafür Sergio Busquets heißen würde.

Die Rückrundenzeugnisse – Gerade noch ausreichend

Die Saison ist für Werder vorbei. Zum Glück kann man sich nun zurücklegen und die Relegationsspiele im Fernsehen anschauen. Nach den Bewertungen der einzelnen Spieler in der Hinrunde gibt es nun die Rückrundenzeugnisse. Wie immer völlig subjektiv und ohne Sachkenntnis ermittelt, a.k.a ausgewürfelt.

Tim Wiese – Die Bewertung im Halbjahreszeugnis war milde. Hat in der Rückrunde nie wirklich schlecht gespielt, aber auch selten sonderlich gut. Seine Schwächen sind bekannt und es gibt wenig Grund zur Hoffnung, dass er sie noch abstellen kann. Muss auf der Linie überragend halten, um das auf höchsten Niveau zu kompensieren. Tat er in der Rückrunde nur gelegentlich (z.B. im Spiel gegen Frankfurt). Note: 3

Sebastian Mielitz – Der Überraschungsaufsteiger der Hinrunde kam in der zweiten Saisonhälfte nur für drei Spiele zum Zug, als Tim Wiese rotgesperrt ausfiel. Darunter war das desaströse 0:4 in Hamburg. Zeigte erneut seine guten Ansätze, ragte aber nicht so heraus wie in der Hinrunde. Könnte mit mehr Spielpraxis schnell ein kompletter Torwart werden – falls er es nicht schon ist. Note: 3

Christian Vander – Immerhin scheint seine langwierige Verletzung überwunden. Ansonsten stehen unterm Strich sieben Einsätze bei der U23 und kein einziger bei den Profis. Wenn Wiese und Mielitz bleiben, könnte er in der Hierarchie auf die Nummer 4 hinter Wiedwald abrutschen. Note: -

Per Mertesacker - Sorgte gerade für eine weitere Hiobsbotschaft und fällt für längere Zeit aus. Zeigte sich in der Rückrunde verbessert und stabiler, dazu einige Male in der Offensive auffällig. Trotzdem weiterhin zu viele Stellungsfehler im Spiel und teils katastrophale Aussetzer (etwa gegen St. Pauli). Dennoch Werders wichtigster Abwehrspieler in der Rückrunde. Note: 3

Naldo – Was soll ich schreiben? Ich hoffe er kommt noch mal zurück und wird wieder richtig fit. Alles weitere wird man sehen. Note: -

Petri Pasanen – Dieser Tage wieder in aller Munde. Seine Auftritte auf der linken Außenbahn in der Hinrunde waren erschreckend, doch als er in der Innenverteidigung gefordert war, zeigte er vernünftige bis gute Leistungen. Könnte eine weitere Saison als Notnagel erhalten bleiben. Note: 3,5

Sebastian Prödl – Insgesamt kann er mit seiner Saison ganz zufrieden sein, sowohl was die Einsätze angeht als auch die Leistung. Als gleichwertiger Ersatz für Naldo konnte er sich jedoch nicht etablieren. Könnte sich nach überstandener Verletzung Anfang nächster Saison in einer sehr unglücklichen Situation wiederfinden, falls noch ein Innenverteidiger kommt und Naldo und/oder Mertesacker vor ihm fit werden. Note: 3,5

Clemens Fritz – Einer der wenigen Spieler, dem man eine konstante Saison nachsagen kann. Spielte sowohl als Rechtsverteidiger als auch im Mittelfeld mindestens solide. Allerdings erscheint fraglich, ob bei ihm noch eine Steigerung möglich ist. Werder denkt dem Vernehmen nach über eine Trennung nach. In Dominik Schmidt hat er endlich wieder einen direkten Konkurrenten, mit Sebastian Jung könnte noch einer hinzukommen. Note: 3,5

Mikael Silvestre – Nach der Hinrunde hätten es wohl wenige Beobachter für möglich gehalten, dass Silvestre eine akzeptable Rückrunde spielt. Genau das tat er aber. Wirkte fitter und nach und nach immer weniger nervös. Interpretierte seine Rolle jedoch sehr konservativ und ging kaum ein Risiko ein. Für den Abstiegskampf in Ordnung, aber langfristig kann das nicht Werders Anspruch sein. Sehe ihn nächste Saison als Backup. Note: 4

Sebastian Boenisch – Seit seiner Verletzung im Spiel gegen Schalke vor 18 Monaten ist der Wurm drin. Die gesamte Rückrunde über verletzt. Sein auslaufender Vertrag wird um ein Jahr verlängert und man muss sehen, wie er nach seiner Genesung wieder in die Spur findet. Note: -

Dominik Schmidt – In der Hinrunde in größter Not als Linksverteidiger eingesprungen und auf sich aufmerksam gemacht. In der Rückrunde Ersatzmann vornehmlich für die rechte Abwehrseite. Zwischenzeitlich sah es nach Abschied aus, nun möchte man doch verlängern. Bei seinen Einsätzen in der Rückrunde nicht immer überzeugend, aber mit guten Ansätzen. Ob sie für mehr als ein Reservistendasein bei Werder reichen wird die nächste Saison zeigen. Note: 4

Torsten Frings – Kämpfer, Ärmelhochkrempler, Antreiber – so gefällt sich Frings am Besten und so zeigte er sich auch im Abstiegskampf. Ließ seine Nebenleute in der Raute viel für sich arbeiten und kümmerte sich wenig um positionelle Disziplin. Inzwischen ist auch Werders sportliche Führung zu dem Schluss gekommen, dass sich um Frings keine Spitzenmannschaft mehr aufbauen lässt. In vielen Belangen war die Rückrunde nicht ausreichend, aber dank seines Einsatzes gibt es die Note: 4

Philipp Bargfrede – Der Einbruch nach seiner tollen ersten Saison kam nicht völlig unerwartet, hat mich aber trotzdem überrascht, weil ich ihm eine weitere Steigerung zugetraut hatte. Fand in der Rückrunde zurück zu seiner Leistung, musste aber auch viele Löcher stopfen (siehe Frings) und hatte ein großes Arbeitspensum zu erledigen. Muss im Spiel nach vorne noch sicherer werden. Mit einem guten und passsicheren Nebenmann könnte er nächste Saison noch mal einen Sprung machen. Note: 3

Wesley – Hat mich in der Rückrunde nicht überzeugt. Man muss ihm zugute halten, dass er nach der Verletzung nicht die Fitness hatte, mit der er in der Hinrunde auf sich aufmerksam gemacht hat. Seine Formkurve zeigte zum Saisonende leicht nach oben, doch er macht noch zu viele Dinge falsch, was angesichts seiner technischen Klasse unnötig ist. Wenn er lernt, auch das Spiel schnell zu machen und nicht nur sich selbst, kann er nächste Saison durchstarten. Note: 4

Daniel Jensen – In der Hinrunde immerhin 14 Einsätze, in der Rückrunde kein einziger. Lange verletzt, danach in den Augen des Trainers nicht fit genug. Sein Rauswurf kurz vor Saisonende war überflüssig wie ein Kropf. Das Spiel gegen Borussia Dortmund am 16. Spieltag bleibt sein letzter Einsatz für Werder. Hätte einen schöneren Abschied verdient. Note: -

Tim Borowski – Nur 8 Spiele absolviert in der Rückrunde und doch einer der herausragenden Spieler bei Werder. Seine Kicker-Noten zwischen 3 und 4,5 sind ein Witz. War seit dem Spiel gegen Leverkusen der Dreh- und Angelpunkt in Werders Mittelfeld und brachte in der Raute seine Stärken endlich wieder voll ein. Daran ändert auch seine erneute Verletzung nach dem 30. Spieltag nichts. Note: 2,5

Aaron Hunt – Das große Sorgenkind. Bekam sein Kopfproblem nicht in den Griff. Im Gegenteil, es wurde schlimmer und schlimmer. Dazu kamen die Probleme mit den eigenen Fans. Man sieht Hunt auch in schlechten Spielen an, dass er es besser kann. Er hat die richtigen Ideen und Laufwege, aber die Umsetzung klappte überhaupt nicht. Aus seiner misslichen Lage kann er sich nur selbst befreien – das Zeug dazu hat er allemal. Note: 5,5

Marko Marin – Bekam im Gegensatz zu Hunt die Kurve und konnte zum Ende der Saison als Aushilfszehner zumindest einigermaßen überzeugen. Man sieht dennoch, dass er auf dieser Position eigentlich nichts zu suchen hat. Muss sein Spiel ohne Ball verbessern, seine Rückwärtsbewegung und sein Timing. Trifft noch zu häufig die falschen Entscheidungen. Sportlich ein verschenktes Jahr für ihn, hoffen wir, dass es ihn wenigstens mental stärker gemacht hat. Note: 4

Florian Trinks – Wurde ins kalte Wasser geworfen, als Werder im Abstiegsstrudel zu versinken drohte. Ansprechende Leistungen auf der 10er-Position, die er jedoch nur drei Spiele lang ausfüllen durfte. Danach musste er wieder ins zweite Glied zurück. Wenn er sich weiter so gut entwickelt, sollte nächste Saison der Durchbruch gelingen. Note: 3,5

Predrag Stevanovic – In der Winterpause von Schalke gekommen, spielte er weitgehend für die U23. Zum Saisonende drei Kurzeinsätze für die Profis. Ich kann ihn nur schwer einschätzen. Technisch ist er gut, aber er wirkt körperlich noch nicht reif für die Bundesliga. Ich frage mich, welche Rolle man ihm für die nächste Saison zugedenkt und hoffe, dass er kein neuer Said Husejinovic wird. Note: -

Marko Arnautovic – In der Hinrunde noch häufig mit guten Ansätzen und auch einigen guten Spielen. In der Rückrunde konnte er dort nicht anknüpfen, zeigte viele durchschnittliche und einige ganz schwache Leistungen. Muss den Kopf frei bekommen und sich nur auf sein Spiel konzentrieren, dann kann er nach wie vor ein Großer werden. Wenn er es nächste Saison nicht schafft, dürfte er zumindest für die ambitionierteren Mannschaften verbrannt sein. Note: 5

Claudio Pizarro – Was soll ich über ihn noch schreiben? Ist er fit, ist er einer der besten Stürmer der Bundesliga. Leider war er das auch in der Rückrunde zu selten. Ohne ihn wäre es noch enger geworden mit dem Klassenerhalt. Mit seine fußballerischen Klasse wird er bis ins hohe Alter ein sehr guter Stürmer bleiben, doch sein Körper macht momentan Sorgen. Allein auf seine Tore darf sich Werder im Angriff deshalb nicht mehr verlassen. Note: 2,5

Sandro Wagner – Sprung geschafft. Nach seiner Aussortierung zu Beginn der Rückrunde zeigte er sich geläutert und kämpferisch. Mit den Toren kam das Selbstbewusstsein zurück und er spielte von Woche zu Woche besser. Kann mit den richtigen Hinterleuten ein Goalgetter werden, ist spielerisch aber limitiert. Erinnert mit seiner ungestümen Zweikampfführung an Hugo Almeida. Das muss er noch abstellen, sonst bekommt er zu viel gegen sich abgepfiffen. Note: 3

Denni Avdic - Sieben Einsätze, davon zwei in der Startelf, hat Avdic nach seinem ersten Halbjahr vorzuweisen. War zu Rückrundenbeginn nicht richtig fit. Bringt die Ansätze für einen guten Strafraumstürmer mit, aber bislang war das noch nicht bundesligareif. Wenn noch ein Stürmer kommt, könnte er es schwer haben in der nächsten Saison, erst recht, falls Werder ein System mit nur einer Spitze spielt. Note: 4,5

Ausgelutscht

Der Vertrag zwischen Werder und Torsten Frings wird nicht verlängert. Zugleich eine gute und traurige Nachricht. Aus sportlicher Hinsicht ist es meiner Meinung nach die einzige richtige Entscheidung gewesen. Trotzdem hinterlässt es immer ein schales Gefühl, wenn ein solch verdienter Spieler aufhört. Zum Abschied ein (nicht wirklich) kurzer Rückblick auf seine Karriere.

Vom Stürmer zum Rechtsverteidiger

Torsten Frings kommt in der Winterpause der Saison 1996/97 von Alemannia Aachen zu Werder, derselben Saison, in der Werder Viktor Skripnik, Jens Todt und Heimo Pfeifenberger verpflichtet. Derselben Saison, in der Andi Herzog von den Bayern zurückkehrt. Im Jahr 2 nach Rehhagel. Die vielbesungenen “Jahre voller Frust”. Werders Trainer heißt damals Dixie Dörner und der junge Stürmer muss sich vorerst hinter den arrivierten Marco Bode, Bruno Labbadia und Bernd Hobsch einreihen. Frings fällt in seiner ersten halben Saison durch zwei Dinge auf: Seine für einen Stürmer nicht unbedingt förderliche Torungefährlichkeit und seine für einen Fußballer allgemein sehr förderliche Vielseitigkeit. So stehen am Ende 15 Einsätze zu Buche, teils im Angriff, teils im Fünfermittelfeld in Werders 3-5-2-System.

Auf Dixie Dörner folgen Wolfgang Sidka und schließlich Felix Magath, bei dem Frings aneckt und in seiner Entwicklung stehenbleibt. Trotz einiger Lichtblicke, wie seinem Doppelpack im Pokalspiel gegen Fortuna Düsseldorf (damals trainiert von einem gewissen Klaus Allofs) im Oktober 1998, kommt er nicht über die Rolle des Ergänzungsspielers hinaus, zumal Magath ihn meistens in der Sturmspitze spielen lässt. Für einen Stürmer ist Frings Trefferquote jedoch weiterhin blamabel: Als Thomas Schaaf im Mai 1999 den Trainerposten übernimmt, hat Frings gerade einmal 5 Bundeligatore erzielt – in zweieinhalb Jahren. In Schaafs erstem Spiel für Werder, dem zum Abstiegsendspiel hochstilisierten Nachholspiel gegen den FC Schalke, läuft Frings wieder im rechten Mittelfeld auf, wo er in der folgenden Saison seinen Stammplatz innehat.

Unter Schaaf spielt Frings konstant, steht jedoch im Schatten der Mittelfeldstars Herzog und Dieter Eilts sowie des neuen Traumsturms Ailton und Claudio Pizarro. Die Versetzung auf die rechte Verteidigerposition hat er den Undiszipliniertheiten des jungen Razundara Tjikuzu zu verdanken, der sich in der Saison 2000/01 aus dem Team katapultiert. Schaaf experimentiert damals in der Abwehr noch mit Viererkette, Dreierkette und Libero und Frings ist mit seiner Vielseitigkeit genau der richtige Mann für die vakante Position hinten rechts. Vielleicht wäre Frings einer der vielen zum Rechtsverteidiger umgeschulten Stürmer der Ära Schaaf geblieben (Stalteri, Fritz, Harnik), wenn es im Herbst 2001 nicht ganz anders gekommen wäre.

Die Geburt eines Mittelfeldmotors

Meistens sind es dramatische Ereignisse, die zum Umdenken eines Trainers führen, wie Frings nun am eigenen Leib erfahren muss. Vor zehn Jahren war er einer der Profiteure von Thomas Schaafs Umdenken. Nach Werders Fehlstart in die Saison 2001/02 setzt Schaaf kurzerhand Eilts und Herzog auf die Bank und holt Frings zurück ins Mittelfeld, nun in verantwortungsvollerer Position vor der Abwehr. Das Experiment geht zunächst schief, gegen den 1. FC Kaiserslautern verliert man mit 0:1 und im folgenden Spiel gegen den 1. FC Köln gibt es nur ein 1:1. Schaaf bleibt jedoch stur, lässt Eilts und Herzog auf der Bank und wird schließlich für sein konsequentes Handeln belohnt. In Hamburg und beim “Meister der Herzen” Schalke feiert Werder Kantersiege, Weltpokalsieger Bayern München wird geschlagen und schließlich fügt man auch Tabellenführer Bayer Leverkusen die erste Saisonniederlage zu.

Mit Ivica Banovic und Krisztian Lisztes hat Werder zwei junge, potentielle Spielmacher im Kader, von denen nur der Letztere überzeugen kann. Der wahre Mittelfeldmotor heißt jedoch Torsten Frings. Werder wird “Ganzjahresmeister” 2001 und Frings ist einer der Hauptgründe dafür, dass man nach Pizarros Verkauf nicht in ein Loch gefallen ist. Die überragenden Leistungen sorgen jedoch für Begehrlichkeiten anderer Clubs. Als der frisch gebackene Deutsche Meister Borussia Dortmund die Finger nach ihm ausstreckt wird er schwach. Es beginnt ein unwürdiges Schachern zwischen den Vereinen und dem Spieler, bei dem Werder letztlich als Verlierer dasteht, auch weil Frings sich öffentlich zu seinen Wechselabsichten bekennt und damit Druck auf Werder ausübt.

Von den Werderfans als Verräter geächtet wechselt Frings schließlich zum BVB. Eine sportliche Verbesserung ist es für ihn jedoch nur kurzzeitig. Während Werder mit der Mittelfeldraute um Frank Baumann, Fabian Ernst und Johan Micoud den deutschen Fußballgipfel erklimmt, rutscht der BVB langsam ab. Es sind die letzten Zuckungen vor dem finanziellen Kollaps, dem Frings mit seinem Wechsel zum FC Bayern im Sommer 2004 gerade noch entgeht. Seine früheren Kollegen haben gerade das Double gewonnen und er hat nichts dazu beigetragen (auch wenn man argumentieren könnte, dass es ohne seinen Wechsel zum BVB möglicherweise nicht zur Verpflichtung von Micoud wenige Monate später gekommen wäre), obwohl er doch nach Dortmund gewechselt war, um seine Chancen auf eine Meisterschaft zu erhöhen. Ein Jahr später ist er dann tatsächlich Deutscher Meister. Es ist die einzige Meisterschaft seiner Karriere, doch einen Grund zur Freude hat er nicht. Kurz nach seiner Unterschrift beim Rekordmeister verpflichtet dieser Felix Magath als Trainer, mit dem Frings schon in Bremen nicht zurecht gekommen ist. Er spielt in der folgenden Saison zwar regelmäßig, doch auf der Spielmacherposition, die Magath ihm zeitweise zuweist, kann er nicht wirklich überzeugen und findet sich nach nur einem Jahr auf dem Abstellgleis wieder.

Rückkehr und Zenit

Die Rückkehr nach Bremen kommt eher unerwartet zustande. Wochenlang halten sich die Gerüchte um einen Wechsel des Bremer Abwehrchefs Valerien Ismael zu den Bayern, bis am 10. Juni 2005 ein Tauschgeschäft zustande kommt. Im besten Fußballeralter von 28 Jahren kommt Frings zurück an die Weser, wo er zunächst auf Skepsis bei den Fans stößt, die ihm seinen Abgang drei Jahre zuvor noch nicht verziehen haben. Auch sportlich ist die Aufgabe nicht leicht, denn Frings soll den nach seinem Abgang aufgeblühten Fabian Ernst ersetzen. Doch schon nach wenigen Spielen zeigt sich, dass Frings Verpflichtung ein Volltreffer ist, sowohl für den Verein als auch für den Spieler. Rechts in der Mittelfeldraute kommen Frings Stärken voll zur Geltung. Mit Frank Baumann hat er einen verlässlichen Sechser hinter sich und kann mit seiner Dynamik und seinem Kampfgeist Werders Spiel antreiben. Frings findet endlich das, was er bei seinem Weggang aus Bremen gesucht hat: Eine Schlüsselrolle in einer Spitzenmannschaft.

Der Sommer 2006 kommt und in Deutschland bricht mit Oliver Neuvilles Tor gegen Polen die WM-Begeisterung aus. Das Sommermärchen wird geschrieben. Torsten Frings ist fester Bestandteil der Nationalmannschaft und rückt nach dem Systemwechsel zum 4-4-2 mit Doppelsechs mehr in den Fokus. Neben Kapitän Michael Ballack avanciert Frings immer mehr zum Chef im deutschen Mittelfeld, steigert sich von Spiel zu Spiel und liefert im Viertelfinale gegen Argentinien eines der besten Spiele seiner Karriere ab. Fans und Experten sind begeistert und überschütten ihn mit Lob und Anerkennung. Vor dem Halbfinale kommt es jedoch zum Eklat: Italienische Medien zeigen einen Videoausschnitt, in dem zu sehen ist, wie Frings einem Argentinier ins Gesicht schlägt. So lautet zumindest die Interpretation der FIFA, die Frings für ein Spiel sperrt – das Halbfinale gegen Italien. Die Unverhältnismäßigkeit gegenüber den Strafen gegen die Argentinier, von denen die Aggressionen auf dem Spielfeld ausgehen, und die Tatsache, dass es eine italienische Medienkampagne ist, die zu den Ermittlungen gegen Frings führt, nähren in Deutschland die Verschwörungstheorien. Nicht wenige Stimme melden sich nach dem verlorenen Halbfinale, die behaupten, mit Frings hätte Deutschland das Spiel gewonnen.

Im Jahr 2006 erreicht die Entwicklung der Ära Schaaf ihren Höhepunkt. Werder ist drauf und dran den Bayern dauerhaft auf die Pelle zu rücken, holt im Kalenderjahr 2006 die meisten Punkte aller Bundesligisten und steht zu Weihnachten auf Platz 1. Torsten Frings ist einer der absoluten Stars der Mannschaft und meldet sich auch häufig außerhalb des Platzes zu Wort. Als es im Endspurt der Saison 2006/07 zum Transfertheater um Miroslav Klose kommt, gibt er den Lautsprecher des Teams und kritisiert Kloses Verhalten öffentlich. Nur wenige Wochen zuvor hat er sich medienwirksam zum SV Werder bekannt, nachdem er mit einem Wechsel zu Juventus geliebäugelt hatte und sogar zu einem Besuch in Turin war. Es bleibt der letzte Abwanderungsgedanke. Frings ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt und das verdankt er nicht zuletzt seiner Rückkehr nach Bremen. Der große Triumph bleibt ihm jedoch verwehrt, die Mannschaft kann den hohen Erwartungen nicht vollständig gerecht werden. In der Champions League scheitert man auf dramatische Weise an Juventus Turin bevor man ein Jahr später kurz davor ist den FC Barcelona rauszuwerfen. Am Ende gelingt der Sprung in die Fußballelite Europas nicht. Auch national bleibt der große Erfolg aus. 2007 verspielt man trotz großer Vorschusslorbeeren in der Rückrunde die Meisterschaft. Ein Jahr später bleibt man den übermächtigen Bayern mit dem geplünderten Festgeldkonto bis Weihnachten auf den Fersen, bevor nach der Winterpause der Einbruch kommt. Werder und Frings bleiben unvollendet.

Der Kampf gegen das Abstellgleis

Der Anfang vom Niedergang kommt in Form einer Verletzung. Es ist Herbst 2007 und Werder wird von der vielleicht schlimmsten Verletzenmisere der Vereinsgeschichte heimgesucht. Frings fällt 10 Wochen lang aus, kommt in der Winterpause zurück und verletzt sich direkt wieder. Erst Ende März 2008 kann er wieder für Werder auflaufen. Das Team befindet sich zu diesem Zeitpunkt im freien Fall und droht auch die letze Chance auf die Champions League zu verspielen. Frings findet schnell zu seiner alten Form zurück und trägt entscheidend mit dazu bei, dass sich Werder im Saisonendspurt doch noch die Vizemeisterschaft sichern kann. Die Europameisterschaft im Sommer verläuft für ihn jedoch enttäuschend. Durch einen Rippenbruch verpasst er nach einer durchwachsenen Vorrunde das Viertelfinale gegen Portugal und zwingt Trainer Jogi Löw damit zu seiner taktischen Meisterleistung im Turnier, dem Umstieg vom 4-4-2 zum 4-2-3-1. Statt Frings spielen nun Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes auf der Sechserposition und sichern hinter Michael Ballack ab. Zum Halbfinale ist Frings wieder zurück, doch es bleiben Zweifel an seiner Fitness. Löw lässt ihn zunächst auf der Bank, bringt ihn jedoch zur Halbzeit für Rolfes. Deutschland zieht ins Finale ein, wo Frings wieder in der Startelf steht. Deutschland ist den Spaniern spielerisch klar unterlegen und auch läuferisch kann das Mittelfeld mit den angeschlagenen Frings und Ballack nicht gegenhalten. Nach dem Turnier ruft Löw das Leistungsprinzip aus, dem sich nun auch Ballack und Frings zu unterwerfen hätten. Ein unverhohlener Vorwurf an seine Stars.

Bei Werder und Frings verläuft die folgende Saison holprig. In der Liga bleibt die Mannschaft klar hinter den Erwartungen zurück, auch wenn spektakuläre Siege gegen die Bayern, Hoffenheim und Hertha BSC für Aufsehen sorgen. Besser läuft es dagegen in den Pokalwettbewerben, wo nicht zuletzt die Derbysiege gegen den HSV die Saison aus Bremer Sicht retten. Im UEFA-Cup erreicht Werder das Finale. Für Frings ist es das einzige internationale Finale auf Clubebene und es geht in die Hose. Besser läuft es im DFB-Pokal, wo Werder das Finale gegen Bayer Leverkusen gewinnt und Frings seinen zweiten Titelgewinn mit Werder nach dem Pokalsieg 1999 feiern kann. Im Sommer beendet Kapitän Frank Baumann seine Karriere. Torsten Frings übernimmt sein Amt und seine Position auf dem Spielfeld. Die Verletzungen der letzten Jahre haben jedoch Spuren hinterlassen. Frings wirkt nicht mehr so spritzig wie in den Jahren zuvor und hat sichtlich größere Probleme, nach Verletzungspausen zurück zu seiner Topform zu finden. Im Verein bekommt er mit Philipp Bargfrede einen jungen Spieler an die Seite gestellt, der sofort einschlägt und Frings in der neu eingeführten Doppelsechs unterstützt.

Weniger Unterstützung erfährt er in der Nationalmannschaft, wo Löw im Vorfeld der WM 2010 auf andere, jüngere Spieler setzt und Frings lange Zeit ignoriert. Spätestens als Bastian Schweinsteiger bei den Bayern zum Sechser umgeschult wird und dort überragende Leistungen zeigt, ist Frings Zeit als Nationalspieler abgelaufen. Bei einem Treffen im Bremer Parkhotel teilt der Bundestrainer dem Spieler seine Entscheidung mit, knapp ein Jahr nachdem Frings sein letztes Spiel für den DFB absolviert hat. Zuvor hat Frings mehrfach in der Öffentlichkeit seine Ansprüche angemeldet. Im Endspurt der Saison 2009/10 kann er endlich auch wieder auf dem Rasen überzeugen. Er profiliert sich als Antreiber, Tor- und sicherer Elfmeterschütze und hat wie schon zwei Jahre zuvor großen Anteil daran, dass Werder die Saison noch retten kann. Seine Defizite im taktischen Bereich kann er jedoch immer weniger durch seinen Kampfgeist kompensieren. Die Saison 2010/11 wird zur bittersten in Frings Karriere. Er verkörpert nicht den modernen Sechser, der Werders Spiel in den letzten Jahren abgeht. Sein Status im Team und beim Trainer ist jedoch gefestigt und trotz anhaltender Probleme gerät sein Stammplatz nie in ernsthafte Gefahr.

Abschied nach zwölf Jahren Werder

Es kann auch Thomas Schaaf und Klaus Allofs trotz aller Treueschwüre nicht verborgen geblieben sein, dass Frings spätestens in seiner letzten Saison zum Problemfall geworden ist. Diesen Umstand kann man kaum dem Spieler zuschreiben, denn es ist nur logisch, dass sein Körper diese kraftaufwändige Spielweise nicht ewig auf höchstem Niveau durchhalten kann. Den rechtzeitigen Umbruch hat Werder verpasst und muss in der nun abgelaufen Saison den Preis dafür zahlen. Shootingstar Bargfrede lange im Leistungsloch, Ersatzmann Niemeyer ohne Not abgegeben, die erfahrenen Borowski und Jensen dauerverletzt. Torsten Frings hat sich nie davor gescheut, Verantwortung zu übernehmen, wenn er dies auch nach meinem Geschmack häufig zu sehr medial inszenierte. Er hat sich für Werder aufgerieben und muss nun seinem Alter Tribut zollen. Die sportliche Führung scheint es mit dem Umbruch nun ernst zu meinen. Schaafs engster Vertrauter im Team ist nach Jensen und Pasanen nun der nächste, der diesem Umbruch zum Opfer fällt.

Kaum ein Spieler stand in den letzten 10 Jahren so sehr für Werder Bremen, wie Torsten Frings. Er hat eine sehr bewegte Karriere hinter sich und konnte sich trotz seines unrühmlichen Abgangs 2002 nach seiner Rückkehr schnell wieder in die Herzen der Fans spielen. Dort wird er auch in Zukunft immer einen Platz haben. Danke für deinen unermüdlichen Einsatz für Werder Bremen. Mach’s gut, Lutscher!

Braucht Werder einen (neuen) Spielmacher?

Klaus Allofs hat letzte Woche in einem Interview angekündigt, einen Spielmacher verpflichten zu wollen, einen Nachfolger für Micoud, Diego und Özil. Mit Mehmet Ekici scheint ein geeigneter Kandidat bereits gefunden zu sein. Damit entspricht Werder dem Wunsch vieler Fans, die die Ursache für Werders miserable Saison vor allem im Fehlen eines Mittelfeldregisseurs sehen. Johan Petersen hat in seinem Blog geantwortet, Werder brauche keinen neuen Spielmacher, da dieser im modernen Fußball nicht mehr benötigt werde. Hat er Recht?

Der Niedergang des Spielmachers

Zunächst einmal gilt es zu definieren, was wir unter einem Spielmacher heutzutage überhaupt verstehen. Lange Zeit stellte sich diese Frage im Fußball nicht. Der Spielmacher, das war der 10er, der Mann hinter den Spitzen, der das Angriffsspiel auf sich zog und die entscheidenden Pässe spielte. Das Spiel hat sich jedoch nicht erst in den letzten Jahren radikal verändert. Es wird mehr gelaufen, das Tempo ist höher, Spieler haben weniger Zeit am Ball und können das Spiel nicht mehr gemächlich aufziehen. Viele Mannschaften gingen dazu über, auf einen Spielmacher zugunsten eines zweiten Sechsers zu verzichten. Das heute übliche 4-4-2 setzte sich durch, bei dem die Flügelspieler den offensiven Part übernahmen und die zentralen Mittelfeldspieler absicherten. Es ging um Risikominimierung und Verlagerung des Spielgeschehens – der Siegeszug der Doppelsechs. Der Raum zentral vor der Viererkette des Gegners wurde zum Niemandsland, zu einer Zone, in der kein Spieler mehr die Zeit fand, um in aller Ruhe das Spiel aufzuziehen. Werder bildete zu jener Zeit mit Johan Micoud und später Diego in der Mittelfeldraute eine seltene Ausnahme.

Die Entwicklung hielt an dieser Stelle jedoch nicht an. Sie setzte sich sogar so rasant fort, dass heute das 4-4-2 mit Doppelsechs schon wieder als veraltet und nicht mehr konkurrenzfähig gilt. Um der gegenseitigen Neutralisierung im starren 4-4-2-Duell zu entgehen, bildeten sich neue Spielsysteme heraus, die man verallgemeinernd als 4-5-1/4-3-3-Gemische bezeichnen kann. Diesen Systemen ist gemein, dass sie auf eine zweite Sturmspitze zugunsten eines weiteren Mittelfeldspielers verzichten und damit zumindest nominell wieder einen Zehner aufbieten. Das 4-2-3-1, die wohl bekannteste und verbreitetste Formation, lässt sich evolutionär aus zwei Richtungen erklären. Zum einen ausgehend vom 4-4-2 mit offensiven Außen. Einer der beiden Stürmer lässt sich weit zurückfallen, so dass sich zunächst ein 4-4-1-1 ergibt. Diese Einteilung wurde mit der Zeit immer rigider, so dass Flügelspieler und hängende Spitze zu einer gemeinsamen Reihe uminterpretiert wurden. Aktuelles Beispiel hierfür ist Manchester United, wo Wayne Rooney häufig die Rolle der hängenden Spitze ausübt und somit als 10er angesehen werden kann. Das System lässt sich jedoch auch ausgehend vom holländischen 4-3-3 erklären, das für die meisten Mannschaften im europäischen Spitzenbereich inzwischen zu offensiv ist. Die Außenstürmer mussten mit der Zeit immer mehr Defensivaufgaben übernehmen, so dass sie irgendwann auf einer Höhe mit dem Spielmacher agierten. Das Inter Mailand der letzten Saison lässt sich hier beispielhaft nennen, das mit Sneijder einen Spielgestalter im Dreiermittelfeld aufbot und ihm die Außenstürmer Eto‘o und Pandev an die Seite stellte, die ein ungeheures Defensivpensum abspulten.

Die Neuerfindung des Zehners

Was bedeutet dies nun für die Position des Zehners? Im 4-5-1/4-3-3 kann sie sowohl von einem spielstarken Stürmer als auch von einem Mittelfeldspielers gespielt werden. Je nach Ausrichtung der Mannschaft können unterschiedliche Spielertypen eingesetzt werden. Ein wirklicher Regisseur wird auf dieser Position nicht mehr unbedingt benötigt, weil der Zehner weniger Zeit am Ball und weniger Zeit zum reagieren hat. Seine wichtigste Aufgabe besteht darin, sich der Bewachung durch die gegnerischen Sechser zu entziehen und Lücken zu suchen – nicht am Ball, sondern schon bevor er ihn zugespielt bekommt. Sein Arbeitsgebiet befindet sich zwischen Viererkette und defensivem Mittelfeld des Gegners, genau in der Zone also, in der er dem größten Druck des Gegners ausgesetzt ist und in der ihm am wenigsten Zeit bleibt. Das Spiel ohne Ball ist im gesamten Fußball wichtiger geworden, doch auf keiner Position so sehr, wie auf der des Zehners. Wer sich nicht gut bewegt, ist nicht in der gefährlichen Zone anspielbar und muss sich erst mühsam mit dem Ball am Fuß in eine gute Ausgangslage bringen. Diese Aufgabe ist gegen gut organisierte Gegner selbst für technisch brillante Spieler häufig eine Nummer zu groß.

Einen Spielertyp wie Micoud wird es in naher Zukunft wohl nicht mehr geben. Allerdings sollte man hierbei nicht vergessen, wie schnelllebig der Fußball sein kann. Vor weniger als zehn Jahren wurde der Mittelfeldspieler vom Typ Xavi Hernandez totgesagt, der heute das pulsierende Herz der besten Vereins- und Nationalmannschaft der Welt ist. Mesut Özil ist dagegen einer der Prototypen des modernen 10ers, der die Räume zwischen den Linien fast optimal nutzt und seine Stärken im 4-2-3-1 voll einbringen kann. Seinen Abgang hat Werder in dieser Saison nicht kompensieren können. Eine Rückkehr von Diego (die ich für unwahrscheinlich halte) könnte für Werder Fluch und Segen zugleich sein. Seine überragenden Fähigkeiten am Ball in allen Ehren, hat sich Diego in den 4-2-3-1-Systemen seiner letzten beiden Arbeitgeber nicht wirklich gut eingefügt und neigt noch immer dazu, den eigenen Ballbesitz im Mittelfeld dem Schaffen von Räumen durch geschickte Laufwege vorzuziehen.

Der Aufstieg des spielmachenden Sechsers

Die Veränderungen auf der Zehnerposition bedeuten jedoch nicht, dass es im Fußball keine Spielmacher mehr gibt, wenn man Funktion und Position voneinander trennt. Vor allem Mannschaften, die auf viel eigenen Ballbesitz setzen, benötigen im Zentrum (mindestens) einen Spieler, der mit hoher Präzision und Übersicht die Bälle auf seine Mitspieler verteilt. In den meisten Mannschaften übernimmt diese Aufgabe heutzutage einer der beiden Sechser. Die Verbreitung der Doppelsechs hat dazu geführt, auf dieser Position nicht mehr nur reine Spielzerstörer einzusetzen. Das Anforderungsprofil des Sechsers hat sich verändert und oftmals setzen Trainer auf eine Arbeitsteilung, bei der die beiden Spieler unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Exemplarisch seien hier Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira in der Nationalmannschaft erwähnt. Ersterer zieht das Passspiel aus der Tiefe heraus auf, hält sich mit eigenen Vorstößen jedoch zurück. Letzterer spielt mit mehr Energie, betreibt aktives Pressing gegen das gegnerische Mittelfeld und rückt bei Ballbesitz seines Teams regelmäßig mit in die Spitze vor. Auch in ihren jeweiligen Vereinen übernehmen die beiden – mit anderen Nebenleuten – dieselben Aufgaben.

Der Sechser vom Typus Schweinsteiger hat also viele Aufgaben des traditionellen Spielmachers übernommen und führt sie in einer Zone aus, in der er etwas mehr Zeit und Platz am Ball hat, als auf der Zehnerposition. Neben einer guten Übersicht und strategischem Spielverständnis braucht es dafür auch ein hohes Maß an technischen Fähigkeiten sowie eine gute Ballverarbeitung, um sich auch unter gegnerischem Pressing mit dem Ball drehen zu können und das Spiel vor sich zu haben. In fast allen europäischen Spitzenclubs lässt sich zumindest ein spielmachender Sechser identifizieren (Barcelona bildet hier mit dem Dreigespann Busquets-Xavi-Iniesta einen Sonderfall): Xabi Alonso, Michael Carrick, David Pizarro, Nuri Sahin, Jack Wilshere.

Bei Werder fällt es hingegen schwer, an dieser Stelle fündig zu werden. Philipp Bargfrede ist eher ein Typ Khedira, ein möglicher kongenialer Partner für einen solchen Ballverteiler. Borowski hat seine großen Stärken als Verbindungsspieler und beim Vorstoß in die Spitze. Wesley hält den Ball noch immer viel zu lange, um das Spiel aus der Tiefe schnell zu machen. Und so bleibt der größte Teil der Verantwortung bei einem Mann hängen, der seine besten Jahre hinter sich hat: Torsten Frings. Jahrelang gab er die eierlegende Wollmilchsau, die in allen Bereichen des Mittelfelds mitgemischt hat. Inzwischen werden seine Defizite jedoch immer offensichtlicher, sei es Stellungsspiel, Ballverarbeitung oder Ballverteilung. Frings hat noch immer seine lichten Momente und mag für das Team mit seiner kämpferischen Einstellung wichtig sein. Aus spielerischer Sicht ist er für Werder jedoch zum Bremsklotz geworden und bei einer Verlängerung seines Vertrags droht sich diese Entwicklung fortzusetzen.

Spielmacher ja, Zehner vielleicht

Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Ja, Werder braucht aus meiner Sicht wieder einen Spielmacher, doch dieser muss und sollte nicht auf der Zehnerposition beheimatet sein, sondern auf der des Sechsers. Bei der Frage, ob Werder auch einen neuen 10er braucht, bin ich etwas unschlüssig, tendiere aber dazu, sie zu bejahen. Trotz seiner katastrophalen Saison traue ich Aaron Hunt diese Position nach wie vor zu, jedoch nicht mit der “Bürde” gepaart, die 1A-Lösung zu sein. Mental scheint mir Hunt viel zu fragil, um auf ihn als einzige Option zu setzen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Florian Trinks hierfür in Frage kommt oder ob er doch eine Reihe dahinter besser aufgehoben wäre. Einiges wird auch von der Systemfrage abhängen. Noch kann man nur Spekulieren, ob Werder in der kommenden Saison weiter mit Raute oder im 4-2-3-1 spielen wird.

Allerdings – und in diesem Punkt bin ich wieder ganz bei Johann – braucht Werder im Raum zwischen Sturmspitze und Mittelfeld vor allem Spieler, die sich gut ohne Ball bewegen und Räume schaffen, was in dieser Saison weder Marin noch Arnautovic zufriedenstellend gelungen ist. Eine Verpflichtung von Mehmet Ekici ginge in die richtige Richtung. An Gündogan, Götze, Kagawa, Holtby oder Schürrle wird man nicht herankommen. Es gilt, neue Spieler mit solchen Fähigkeiten ausfindig zu machen – vielleicht auch aus den eigenen Reihen. Keine einfache Aufgabe für Klaus Allofs, dessen gedanklichen Ausflug in die erfolgreichen Vergangenheit ich daher überaus verständlich finde.

Der erhobene Zeigefinger

Gejubelt wird über Klassenerhalt oder Meisterschaft, nicht über den Tod eines Menschen. So oder so ähnlich steht es in der aktuellen Auflage des Knigge. Wenn nun im Fernsehen hunderte Amerikaner ihre Flagge schwenkend im Autokorso durch New York cruisen, dann kann einem als pazifistischem Wehrdienstverweigerer schon mal vor Schreck die Kinnlade runterfallen. America, fuck yeah!

Ich behaupte einfach mal, dass ich ein wenig mehr Bezug zu Amerika und Einblick in die amerikanische Volksseele habe, als der Durchschnittsdeutsche. Ich war drei Jahre lang mit einer Amerikanerin zusammen. Man nimmt den in Deutschland vorhandenen Anti-Amerikanismus anders war, bekommt aber auch ein tieferes Verständnis davon, wie “die Amerikaner” so ticken. Ganz abgesehen von dem Paradoxon, dass gerade über das Land mit der wohl heterogensten Bevölkerung der Welt die eindeutigsten und verallgemeinerndsten Vorurteile verbreitet sind, erstaunt es mich immer wieder, wie sehr “wir Deutschen” uns den Amerikanern moralisch und intellektuell überlegen sehen.

Der durchschnittliche Amerikaner ist fett, ungebildet und findet sein eigenes Land nicht auf der Landkarte. Er ist streng religiös, prüde und bigott. Er ist ein Waffennarr, liebt die Todesstrafe und ist übertrieben patriotisch. Er sieht sein Land als Mittelpunkt der Welt, seine Armee als Weltpolizei. Auch wenn die meisten Deutschen diese Plattitüden nicht völlig unreflektiert als ihre Meinung übernommen haben, ist dies doch das zugrunde liegende Bild, das gerne hervorschimmert, wenn gerade ein passendes Beispiel – ein Zeitungsartikel, ein Fernsehbericht – auftaucht.

Meine Ex-Freundin hat in Deutschland irgendwann damit begonnen, sich vorsorglich schon bei der Begrüßung Unbekannter für George W. Bush zu entschuldigen, obwohl sie ihn niemals gewählt hat und obendrein aus einem Bundesstaat kommt, der seit 1972 nicht mehr für einen republikanischen Präsidenten gestimmt hat. Eine der ersten Fragen war immer “Did you vote for Bush?”, eine (nicht nur) nach amerikanischen Gepflogenheiten äußerst unhöfliche Frage. Ich kann mich nicht erinnern, jemals von einem Fremden danach gefragt worden zu sein, ob mein Opa Mitglied in der Waffen-SS war.

Nach der Wahl Obamas haben sich die Wogen zunächst einmal ein bisschen geglättet (“Gibt es also doch noch ein paar Vernünftige dort!”). Die Vorurteile bleiben unter der Oberfläche jedoch bestehen und warten darauf, wieder hervorgeholt zu werden, wenn die Situation dazu einlädt. Mit der Tötung Osama Bin Ladens und den übermittelten Jubelbildern der Amerikaner ist nun genau so eine Situation eingetreten. Diese leichtgläubigen Hinterwäldler können halt noch eine Menge von uns aufgeklärten, kritischen, pazifistischen Deutschen lernen. Woher dieses Überlegenheitsgefühl gerade gegenüber den USA kommt, ist mir völlig schleierhaft. Vielleicht ist es die Kompensation eines Minderwertigkeitskomplexes gegenüber einem wirtschaftlich erfolgreicheren Land, was übrigens auch die ebenso von halbgaren Vorurteilen durchsetzte Berichterstattung zum Thema Japan in den letzten Wochen erklären würde.

Hinter allem steht ein tiefgreifendes Unverständnis darüber, warum die Amerikaner den Krieg mit all seinen Facetten nicht so grundsätzlich ablehnen, wie wir Deutschen. Dabei wird vergessen, dass die USA historisch einen ganz anderen Bezug zum Thema Krieg haben. Den Amerikanern wurden ihre Freiheit und ihre Demokratie nicht geschenkt. Erst recht wurden sie ihnen nicht nach einem verlorenen Krieg von außen verordnet. Sie haben sie sich in Kriegen erkämpft und verteidigt. Im Unhabhängigkeitskrieg. Im Bürgerkrieg. Danach sollten sie zweimal bitte schön die Welt retten, die von Europa aus in Schutt und Asche gelegt wurde. Während bei uns nach dem totalen Krieg der totale Frieden angebrochen ist, hatten die Amerikaner alle Hände voll zu tun, den kalten Krieg mit der Sowjetunion auszufechten. Und auch wenn es falsch wäre, die USA grundsätzlich immer als “die Guten” anzusehen, schockiert es mich, wie bereitwillig faschistischen, kommunistischen und totalitären Regimes ihre Sünden verziehen werden, während man Amerika gerne zum Schurkenstaat Nummer 1 ernennen würde.

Ich kann nicht sagen, dass mich der erhobene Zeigefinger wundert, mit dem nun eine Mäßigung der Freude über den Tod Osama Bin Ladens angemahnt wird. Ich habe ihn in dieser Form sogar erwartet. Er ist Ausdruck einer anerzogenen moralischen Korrektheit, die bei uns weit verbreitet ist. Das Mitleid mit dem armen, alten, unbewaffneten Mann, das an verschiedenen Stellen geäußert wurde, geht mir jedoch entschieden zu weit. Sicher muss man den Tod eines Menschen nicht unbedingt als Anlass für ausgelassene Feierlichkeiten ansehen (bei uns ist das wie gesagt für Fußballereignisse vorbehalten). Man kann und sollte jedoch durchaus Verständnis dafür haben, dass der Tod eines Terroristen, der sich mit tausendfachem Mord gebrüstet und zum Krieg gegen die westliche Welt aufgerufen hat, ein sehr befreiender Moment sein kann. Gerade für die Einwohner New Yorks, für die der 11. September noch immer ein kollektives Trauma ist (und zwar ganz gleich welcher politischen Richtung sie angehören), war es ein Moment der Genugtuung und Erleichterung.

Vor diesem Hintergrund kann man darüber diskutieren, ob Bin Laden besser lebend hätte gefasst werden sollen und können und ob seine Seebestattung angemessen war. Dies sollten im Gesamtkontext jedoch Nebensächlichkeiten bleiben. Es ist schon erstaunlich, dass manche Leute gerade an Osama Bin Laden ihr Mitleidempfinden über Gebühr ausschöpfen, während man toten amerikanischen Soldaten im Irak (“selbst Schuld, wenn sie einfach in das Land einmarschieren”) keine Träne nachweint. Wir können wohl froh sein, dass Hitler sich 1945 selbst das Leben nahm und nicht von den Alliierten getötet wurde, sonst würden wir womöglich heute dem Mord an einem tierlieben und unverstandenen Künstler gedenken und nicht der Befreiung von der Naziherrschaft.

Wir werfen den Amerikanern gerne eine plumpe Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge vor, doch selbst legen wir bei ihnen völlig andere Maßstäbe an, als bei anderen Staaten und Völkern. Es mag befremdlich sein, dass tausende Menschen auf der Straße den Tod bin Ladens Feiern, doch das erklärt nicht, warum es viele Deutsche nun als oberste Bürgerpflicht ansehen, den Amerikanern dieses Befremden möglichst deutlich mitzuteilen. Dabei sollte doch zumindest in sofern ein Konsens bestehen, dass es richtig war, den Terroristen Bin Laden auszuschalten und dass die USA nach vielen Jahren erfolgloser Suche nun genau dies getan haben. Vor lauter Empörung über die Details verlieren wir jedoch gerne mal das große Ganze aus den Augen, nicht nur in diesem Fall. In Japan interessiert uns die Frage, ob die Japaner denn nun endlich aus der Atomenergie aussteigen schließlich auch mehr, als die 20.000 Toten durch den Tsunami.

Auf fruchtbaren Boden stößt die deutsche Kritik jedenfalls nicht. Die wenigsten Amerikaner, deren Väter, Großväter und Ur-Großväter in Kriegen gegen Deutschland gekämpft haben, möchten sich nun von den Nachkommen der Väter, Großväter und Ur-Großväter, die diese Kriege angezettelt haben, über Pazifismus und Rechtsstaat belehren lassen. Vielleicht verstehen wir das irgendwann, wenn uns die Griechen Tipps für einen ausgeglichenen Staatshaushalt geben möchten.

Der ausgestreckte Mittelfinger

Nun, wo Werders Klassenerhalt gesichert ist, kann ich endlich zum Rundumschlag gegen den ganzen dreckigen Rest der Liga ausholen. Nach all den Demütigungen und Tiefschlägen dieser Saison muss es einfach raus. Payback is a bitch!

Fuck you, BVB, mit eurem ach so schnellen und modernen Fußball! Mode ist schnelllebig und ihr werdet schnell wieder weg sein vom Fenster, wenn euch die besten Spieler weggekauft werden. Wenn dann noch die alte Großmannssucht in den Verein zurückkehrt, sehen wir euch vielleicht in ein paar Jahren wieder bei Peter Zwegat. Ich freu mich schon!

Fuck you, Leverkusen! Meint ihr etwa, ihr hättet euch den Namen Vizekusen verdient, weil ihr nach neun Jahren mal wieder Zweiter geworden seid? Wie ging es damals nach der letzten Vizemeisterschaft eigentlich für euch weiter? Ach ja, Abstiegskampf… Schon traurig, wenn man auf solch ein Stigma stolz sein muss, erst recht, wenn es einem noch nicht einmal mehr zusteht!

Fuck you, Bayern! War ja mal wieder ganz großes Hallenhalma, was ihr da veranstaltet habt. Ego und Klappe wie gewohnt riesengroß und dahinter so wenig Eier, dass ihr euren Trainer vorsichtshalber schon mal ab Herbst selbst demontiert habt. Chapeau! Da kommt Osram ja nun gerade richtig, um eurem Vorstand aus der Hand zu fressen und die Mannschaft irgendwo zwischen Bundesligaspitze und internationaler Bedeutungslosigkeit zu etablieren. Ihr bloabt ihr!

Fuck you, Hannover! Das soll Fußball sein? Ja, mit dieser Verweigerungstaktik kann das mal klappen, wenn alles, aber auch wirklich alles rund läuft und man vorne drin Ya Konan, den Barbaren, stehen hat. Dann landet man eben mal da oben, obwohl man eigentlich eine Mannschaft hat, die keine drei zusammenhängende Pässe spielen kann und deren Spieler schon beim Zuknoten ihrer eigenen Schnürsenkel heillos überfordert sind. Jetzt feiert schön und dann nehmt euch ein Beispiel an der Hertha vor zwei Jahren und steigt ab!

Fuck you, Mainz! Das war ja vielleicht mal ein laues Lüftchen, das ihr da nach eurem Bilderbuchstart veranstaltet habt. Seid bloß froh, dass der Rest der Liga so rumgestümpert hat. Ja sicher, das war schon nett, was der Tuchel zu Saisonbeginn alles aus dem Hut gezaubert hat. Mit der Zeit haben wir aber den doppelten Boden bemerkt. Unter uns: Eurem Trainer solltet ihr in der Sommerpause unbedingt eine Anger-Management-Therapie aufzwingen, sonst riskiert ihr bei einem Fehlstart in die neue Saison einen Rage Quit nach 7 Spieltagen!

Fuck you, Nürnberg! Zu euch fällt mir wirklich gar nichts mehr ein. Wollt ihr ohne Schieber, Gündogan und Ekici in der nächsten Saison überhaupt noch mal antreten oder verzieht ihr euch freiwillig wieder zurück in den Fahrstuhl, aus dem ihr ausnahmsweise mal für ein Jahr ausgestiegen seid?

Fuck you, HSV! Ein Verein mit schlechteren Voraussetzungen wäre mit eurer stümperhaften Vereinspolitik längst in den Niederungen des Amateurfußballs versunken. Wie viele Jahre wollt ihr eigentlich noch einen kapitalen Bock nach dem anderen schießen, bevor ihr eure Uhr da oben mal austauscht? Ohne Titel seit 23 Jahren, 323 Tagen, 13 Stunden, 58 Minuten und 1 Sekunde… 2 Sekunden… 3 Sekunden…

Fuck you, Freiburg! Ein bisschen gefällig rumdaddeln, das konntet ihr schon immer. Alles ganz nett und wenn euch nun im Sommer jemand den Cissé wegkauft, dann daddelt ihr euch nächste Saison wieder mal gefällig in die zweite Liga. Wie gehabt. Weitermachen!

Fuck you, Hoffenheim! Da nimmt euer Herr Hopp also so viel Geld in die Hand, um eine durchschnittliche graue Maus vom Reißbrett zu formen? Da hätte er doch auch gleich Hannover 96 kaufen und sich eine Menge Arbeit sparen können. Die haben nämlich sogar so etwas ähnliches wie Tradition und Fans!

Fuck you, Kaiserslautern! Das Geheimnis eures Klassenerhalts liegt also darin, dass ihr in dieser Saison nicht kreischend alle Vasen kaputtgeworfen und den Trainer vor die Tür gesetzt habt, als ihr in der Tabelle von unten grüßen musstet? So war es zumindest den Medien zu entnehmen. Interessante Strategie, vielleicht kopieren wir die nächste Saison mal!

Fuck you, Stuttgart! Eine Hinrunde episch verkacken, das ist voll dein Ding? Dann werde Trainer beim VfB! Nun habt ihr Labbadia, der passt genau in euer Beuteschema: Ein halbes Jahr lang hui, danach viele hohle Phrasen und wenig Punkte. Wir sprechen uns im Winter, mal sehen, wen ihr dann aus dem Hut zaubert.

Fuck you, Schalke! Championsleaguehalbfinalist, das war doch auch nur ein Fehler in der Matrix, oder? Ich gratuliere aus vollem Herzen zum 14. Platz und zur 1:6 Niederlage in 180 Minuten gegen Manchester United. Das schaffen wirklich nur die ganz Großen! Viel Spaß beim Aufkehren der Magath‘schen Scherben im Sommer.

Fuck you, Köln! Da hat eure Lokalpresse richtig Muffesausen gekriegt, als ihr euch plötzlich mal ein paar Wochen lang einen seriösen Anstrich gegeben habt, wie? Aber mal ehrlich, mit Finke wird das doch nichts. Ihr braucht wieder eine richtige Skandalnudel auf der Trainerbank, eine, mit der sich die Jecken voll identifizieren können. In Frankfurt könnte schon bald eine frei werden!

Fuck you, Wolfsburg! Euer unverschämtes Glück kann man ja wohl kaum noch in Worte fassen. Mit nur einer halben Saison gutem Fußball in vierzehn Jahren Bundesliga immerhin eine Meisterschaft geholt, das muss euch erstmal jemand nachmachen. Noch bevor ihr das Wort Spitzenmannschaft zu buchstabieren gelernt hattet, wart ihr auch schon wieder weg vom Fenster. Und dann muss sogar Papa Magath zurückkommen, damit ihr nicht gleich ganz in die zweite Liga abstürzt. Immerhin sind eure Autos ganz ok.

Fuck you, Gladbach! Die Freakshow habt ihr ja mit der Verpflichtung von Favre leider schon beendet, bevor sie richtig lustig wurde. Nun macht ihr einen auf Abwehrbollwerk und seriöse Arbeit. Wohin das führen wird, könnt ihr euch schon mal anhand der letzten Saison der Hertha oder der nächsten Saison der Hannoveraner vor Augen führen. Fraglich nur, ob ihr den Ausreißer nach oben vorher noch mitnehmt oder euch direkt in die Sümpfe der Zweitklassigkeit verabschiedet.

Fuck you, Frankfurt! Nehmt den Daum, den Franz und eure sympathischen Fans bitte mit in die zweite Liga, stellt euch dort in eine dunkle Ecke und denkt über eure Saison nach. Nein, wirklich, macht das mal! Besonders die Rückrunde war doch eigentlich wahnsinnig komisch, findet ihr nicht?

Fuck you, St. Pauli! Ihr, der ach so spezielle Verein, mit seinen ach so anderen Fans, ihr habt es echt nicht leicht. Einen Trainer wie den Stani, der es mit einer solchen Truppe voller Kampfeslust bis auf den 18. Platz schafft, den findet man wirklich nicht so schnell ein zweites Mal! Nun geht‘s wieder brav zurück in die zweite Liga, Hansekogge versenken, nicht wahr?

Endlich Klassenerhalt

Werder Bremen – Borussia Dortmund 2:0

Der Klassenerhalt ist perfekt. Wie erwartet hätte dazu auch ein Punkt gegen den Deutschen Meister gereicht, doch Werder machte durch die Tore von Silvestre und Pizarro alles klar und kann nun endlich die Vorbereitungen für die neue Saison konkretisieren.

Bremer Entschlossenheit gegen Dortmunder Sektlaune

Es wäre unfair den Borussen eine unprofessionelle Einstellung vorzuwerfen, doch es war der Mannschaft von Jürgen Klopp anzumerken, dass es für sie nicht mehr um viel ging. Der Dortmunder Tempofußball lässt sich ohne absolute Konzentration und Laufbereitschaft nicht spielen. Nach Silvestres frühem Führungstreffer hatte man nur selten das Gefühl, dass die Dortmunder mit aller Macht auf den Ausgleich drängten.

An dieser Stelle möchte ich dem BVB zur Meisterschaft gratulieren. Über die gesamte Saison hinweg hat Dortmund den besten Fußball gespielt und wird deshalb völlig zurecht am kommenden Samstag die Meisterschale erhalten. Der BVB hat in den letzten Jahren sehr viel richtig gemacht, ein glückliches Händchen auf dem Transfermarkt gehabt und mit Jürgen Klopp auf einen Trainer gesetzt, der nun allen Zweiflern bewiesen hat, dass er seine Vorstellungen vom modernen Fußball auch auf höchstem Niveau umsetzen kann. Dortmund spielt schnellen, schnörkellosen Fußball, der auch ästhetisch anspruchsvoll ist. Die Ballsicherheit der jungen Mannschaft ist sicher ein entscheidender Faktor für den großen Erfolg.

Ein anderer ist die Zusammenstellung der Mannschaft: Sahin, der Ballverteiler (für mich Spieler der Saison). Bender, das Powerhouse im Mittelfeld. Hummels mit seinen Qualitäten im Spielaufbau. Kagawa und Götze mit ihrem intelligenten Spiel zwischen den Linien. Torjäger Barrios. Dazu die vor Energie strotzenden Großkreutz, Kuba, Piszceck und Schmelzer auf den Außenbahnen (die ungemein von Sahin, Kagawa und Götze profitiert haben). Einziger Schwachpunkt ist für mich Torhüter Weidenfeller, der zwar eine gute Saison gespielt hat, aber (ähnlich wie Wiese) Probleme beim Mitspielen hat. In der neuen Saison wartet die nächste große Herausforderung auf den BVB: Die Etablierung in der Spitze. Wie kommt die junge Mannschaft mit Abgängen (Sahin), Meisterschaftskater und der Doppelbelastung durch die Champions League zurecht? Ich bin sehr gespannt.

Abstiegskrimi verkommt zum lauen Sommerkick

Damit aber genug der Lobhudelei und zurück zum Spiel. Werder machte in der Anfangsphase viel Druck und spielte sich über Marin, der im Rücken des BVB-Mittelfelds zunächst viel Platz fand, einige Male vielversprechend vors Dortmunder Tor. Die Führung kam durch eine Standardsituation unter Mithilfe von Weidenfeller zustande, der Silvestres Ecke schwach klärte und beim Schuss des Franzosen durch viele Beine dann kaum noch eine Chance hatte. Werder drängte zunächst auf das zweite Tor, unterstützt durch einige Unsicherheiten in der Dortmunder Abwehr, und hatte durch Marin und Fritz gute Chancen. Nach einer Viertelstunde stellten die Bremer die Offensivbemühungen jedoch weitgehend ein und ließen Dortmund mehr Zeit am Ball. Hier mag eine Portion Kalkül mit dabei gewesen sein, dass es die Dortmunder nicht allzu ernst mit einer Aufholjagd meinen würden, aber Werders Umschalten nach Ballgewinn wies in dieser Phase gravierende Mängel auf. Das Mittelfeld wurde häufig überbrückt, doch die langen Bälle auf Wagner und Pizarro fanden nur selten das Ziel und der BVB konnte sich die Bälle problemlos zurückholen.

Defensiv standen die Bremer weitgehend sicher und Dortmund kombinierte sich nur selten durchs Mittelfeld vors Bremer Tor. Zwei starke vertikale Pässe durch die Schnittstellen der Bremer Innenverteidigung führten zu den beiden gefährlichsten Szenen der Borussia vor der Pause. Dazwischen gab es viel Leerlauf, mit dem Werder dank der Führung gut leben konnte. Nach dem Seitenwechsel änderte sich wenig an diesem Bild. Die Großchance für Barrios kam eher zufällig zustande und auf der anderen Seite war es Pizarros individuelle Klasse, die das Spiel für Werder entschied. Aus Werdersicht mag man sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr über spielerische oder taktische Defizite der eigenen Mannschaft ärgern. Wichtig ist der nun endgültig feststehende Klassenerhalt durch diesen Sieg gegen am Ende zu passive Dortmunder, die gegen einen tief stehenden Gegner zu wenig taten, um noch einmal ins Spiel zurück zu kommen. In der Nachspielzeit bekam der BVB noch einen glasklaren Elfmeter verweigert, doch das interessierte schon fünf Minuten später niemanden mehr.

Schwache Gesten statt harter Entscheidungen?

Vor dem Spiel wurden mit Petri Pasanen und Daniel Jensen zwei Spieler geehrt, die jeweils sieben Jahre lang bei Werder gespielt haben und im Sommer den Verein verlassen werden. Torsten Frings war nicht unter den Geehrten. Es ist zu befürchten, dass er seinen Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert. Ich schreibe bewusst „befürchten“, auch wenn es mir wehtut. Ich habe großen Respekt vor dem Fußballer Torsten Frings und bin ihm sehr dankbar für alles, was er für Werder geleistet hat. Ich bin allerdings nicht der Ansicht, dass man mit (und schon gar nicht um) Frings noch einmal eine große Mannschaft aufbauen kann. Dazu ist er nicht mehr gut genug, dazu ist sein Status im Team zu verfestigt, dazu ist er zu wenig Lenker aus dem Hintergrund. Er hat in der Schlussphase der Saison noch einmal seinen Beitrag zum Klassenerhalt geleistet, aber seine Schwächen waren auch in den letzten Wochen nicht mehr zu übersehen. Es wäre ein guter Zeitpunkt aufzuhören. Mir scheint es jedoch, dass man bei Werder die großen Einschnitte weiterhin scheut, wenn sie nicht durch externe Gegebenheiten (Verletzungen, hohe Transfererlöse) unvermeidbar werden. Die wäre kein gutes Zeichen für die neue Saison.

Als schlechtes Zeichen habe ich auch die Nichtberücksichtigung Daniel Jensens in den Kader empfunden. Es wäre ein Platz auf der Bank freigewesen und auch wenn Jensen nach Schaafs Dafürhalten nicht richtig fit ist, hätte man ihn zum Abschied wenigstens eine Berufung in den Kader schenken können. Gegen eine Einwechslung in der 90. Minute hätte bei entsprechendem Spielstand auch nichts gesprochen. Petri Pasanen durfte dagegen 90 Minuten durchspielen und zeigte eine gute Leistung in der Innenverteidigung. Ihm hätte ich in der letzten Minute ebenfalls den Applaus einer Auswechslung gegönnt. Diese Gesten mögen nicht wichtig sein für den Verein, aber sie wären ein schönes Signal an die Spieler und an die Fans gewesen. Vielleicht darf Jensen wenigstens am letzten Spieltag in Kaiserslautern noch einmal für Werder auflaufen. Zu gönnen wäre es ihm in jedem Fall.