Archiv für den Monat: November 2011

Krise oder Spitzengruppe?

Ich habe das Spiel gegen Gladbach nur in der Konferenz gesehen, was gleichbedeutend damit ist, es nicht gesehen zu haben. (Die Faszination der Konferenzschaltung erschließt sich mir einfach nicht. Man bekommt von keinem Spiel einen wirklichen Eindruck und der bei entsprechendem Spielverlauf entstehenden Tororgie kann ich auch nicht viel abgewinnen. Für mich ist diese Art Fußball zu schauen eine Qual.)

Die Lehren aus dem Gladbachspiel

Was bei der Torentstehung auffiel, war die Leichtigkeit, mit der sich die Gladbacher Offensivspieler durch Werders Abwehrreihen spielen konnten. Es wäre sicherlich falsch, das nur auf die systemische Anfälligkeit bei Kontern über die Außen zu reduzieren. Laufbereitschaft und Zweikampfstärke waren ebenfalls nicht vorhanden und so bekamen wir zum ersten Mal in dieser Saison zu Gesicht, wie Werders Spiele derzeit enden, wenn nicht durch eine kämpferische Überlegenheit eine spieltaktische Unterlegenheit ausgebügelt werden kann. Gegen Gladbach gelang es zum ersten Mal in dieser Saison nicht ansatzweise, die frühen Versäumnisse im Laufe des Spiels zu beheben. Unterm Strich bleibt die mit Abstand höchste Saisonniederlage.

Die relative Laufschwäche Werders mag teilweise mit dem frühen, hoffnungslos hohen Rückstand zu tun haben – sie ist aber auch Beweis dafür, dass nicht 34 Spiele lang mit einer solch hohen Intensität gespielt werden kann. Erst recht nicht dann, wenn beim geringsten Nachlassen die Nackenschläge nicht lange auf sich warten lassen. Gladbachs beeindruckende Stärke sollte dabei aber nicht unter den Tisch fallen. In dieser Form sind sie ein klarer Kandidat für die Champions-League-Plätze, die für Werder nun wieder in weiter Ferne erscheinen.

Gegen Stuttgart: Krise abwenden

Man ist im Angesicht einer solch derben Klatsche immer versucht, laut nach Konsequenzen zu rufen. Doch wie könnten solche Konsequenzen derzeit überhaupt aussehen? Auf der Zielgerade der Hinrunde das System zu verändern halte ich – gerade im Hinblick auf das taktische Chaos der letzten Hinrunde – für falsch. Personelle Änderungen wären ebenfalls schwierig umzusetzen. Es gab in den letzten Wochen ohnehin genügend Wackelkandidaten: Ekici oder Marin auf der 10? Bargfrede oder Ignjovski auf der 6? Wolf oder Prödl in der Innenverteidigung? Das Gerüst der Mannschaft ist auch ohne weitere Eingriffe fragil genug – zumal Sokratis‘ Rotsperre und der wahrscheinliche Ausfall Pizarros  weitere Baustellen für Thomas Schaaf eröffnen.

So bleibt in erster Linie die (zugegeben naive) Hoffnung, dass Werders Selbstbewusstsein durch das 0:5 keinen zu großen Schaden genommen hat. Gegen Stuttgart wird es ein langer Weg, um sich die Sicherheit im Spiel wieder anzueignen, mit der man bspw. die Überzahl gegen Köln ausspielte. Im spielerischen Bereich bleiben dem Trainer nur die kleinen Stellschrauben, mit denen er gegen die Probleme im Defensivverhalten und im Spielaufbau vorgehen kann. Während ich in den letzten Wochen immer die (vergebliche) Hoffnung hatte, hier eine sukzessive Verbesserung sehen zu können, wäre ich gegen Stuttgart schon froh, wenn man einigermaßen solide gegen den Ball agierte und ein erneutes Debakel abwenden könnte. Ein Champions-League-Kandidat hätte andere Sorgen.

Weichenstellung in der Winterpause

Im Winter bleiben Thomas Schaaf und seinem Team ein paar Wochen Zeit, um die Weichen für die Zukunft neu zu justieren. Die Dringlichkeit, mit der dann Änderungen von Nöten sein werden, wird auch von den verbleibenden Spielen der Hinrunde abhängen. Die Saison hat gezeigt, dass Schaafs System in der Bundesliga zunehmend schwieriger umzusetzen ist. Das liegt nach meinem Dafürhalten weniger an der Raute an sich, als an dem Anspruch, mit dieser Formation das Spiel aktiv bestimmen zu wollen. Der läuferische Aufwand wurde in dieser Saison erhöht und die Außenbahnen durch Neuverpflichtungen stabilisiert. Zu Saisonbeginn waren sehr vielversprechende Automatismen zu erkennen, gerade auch was das Spiel in den gegnerischen Strafraum angeht. Hätte man diese im Laufe der Saison weiter verfeinern können, wäre die Abhängigkeit von Claudio Pizarro weitaus geringer. Stattdessen verlagerten sich Werders Probleme immer mehr ins Mittelfeld, dem es trotz des hohen Aufwands immer weniger gelang, ein spielerisches Übergewicht zu entwickeln. Pizarros tiefe Rolle ist denn auch weniger als „falsche Neun“, denn als Aushilfszehner zu bezeichnen.

Thomas Schaaf muss sich entscheiden, ob er einen erneuten Versuch unternimmt, seiner Mannschaft das in der Bundesliga bevorzugte 4-2-3-1 beizubringen, oder ob er den Versuch fortsetzt, sein bevorzugtes System den Gegebenheiten anzupassen. Ich halte eine Abkehr von der Raute und einen Wechsel zu einem System mit Doppelsechs und nur einer Spitze keineswegs für unausweichlich und sehe das 4-2-3-1 auch nicht unbedingt als überlegenes Spielsystem. Außerhalb der Bundesliga gibt es mehrere Gegenbeispiele. Gerade in puncto Pressing und Flügelspiel wird Thomas Schaaf jedoch nicht umher kommen, sich etwas neues einfallen zu lassen (dazu demnächst mehr an dieser Stelle).

Hoffnung

Selbstmordversuch. Aufgeschnittene Pulsadern. Es erfordert viel Kraft – körperliche wie mentale – um sich selbst die Pulsadern aufzuschneiden. Ein Querschnitt reicht meistens nicht aus, um sicherzustellen, dass man verblutet. Ein Längsschnitt ist hingegen nahezu immer erfolgreich. Die Pulsadern werden dabei auf eine Weise beschädigt, die kaum zu beheben ist. Der Längsschnitt ist jedoch auch der schwierigere. Es gibt einfachere und sicherere Methoden, sich umzubringen. Wer sorgfältig plant und sich seiner Sache sicher ist, wählt nicht den Querschnitt. Es bleibt eine zu hohe Überlebenswahrscheinlichkeit. Man könnte zu früh gefunden werden. Man könnte rechtzeitig gefunden werden.

Babak Rafati wurde gefunden. Er wählte den Versuch, nicht den todsicheren Weg. Ich weiß nicht, ob er sterben wollte, oder ob sein Selbstmordversuch ein Warnzeichen war. Vielleicht weiß er es selbst nicht. Es besteht jedoch die Hoffnung, dass er sich für das Leben entscheidet. Dass er darüber noch selbst entscheiden kann. Das allein zählt.

Aktion Libero

Aktion Libero

Ein Spiel dauert neunzig Minuten. Zumindest im besten Fall, für schwule Profifußballer dauert das Versteckspiel ein Leben lang: Keiner wagt es, seine Homosexualität offen zu leben. So schön Fußball auch ist – Ressentiments halten sich in seinem Umfeld hartnäckig.

Ein unerträglicher Zustand! Ob jemand schwul  ist, oder rund, oder grün, das darf keine Rolle spielen. Wir alle sollten ein bisschen besser aufpassen – auf unsere Worte, unser Denken, unsere Taten: Die Freiheit jedes Einzelnen ist immer auch die eigene Freiheit.

Wir schreiben in unseren Blogs über Sport, und unsere Haltung ist eindeutig: Wir sind gegen Homophobie. Auch im Fußball.

Aktion Libero

Hier gibt es weitere Infos zur Aktion Libero – Sportblogs gegen Homophobie im Fußball

Pizarro gegen Schaaf’sches Harakiri

Werder Bremen – 1. FC Köln 3:2

Werder dreht erneut einen Rückstand und alle reden über den Dreifachtorschützen Claudio Pizarro. Zu Recht, denn selten zuvor schien die Abhängigkeit von Pizzas Toren so groß, wie in diesen Tagen. Doch dabei gerät eine Szene aus dem Blick, die absolut typisch für Werder Bremen in der Ära Thomas Schaaf ist: Die Entstehung des 0:2.

Doppelwechsel aus Verzweiflung

So sehr man sich auch über diesen erneut verrückten Spielverlauf und einen wieder einmal gedrehten Rückstand und eine kämpferisch hochklassige Leistung freuen kann, so wenig sollte man vergessen, wie man sich in diese Situation gebracht hat. In der 37. Minute, beim Stand von 0:1, wechselte Schaaf gleich doppelt. Eine drastische Maßnahme, die ich zuletzt so im Winter 2007 erlebt habe, als Schaaf gegen Leverkusen Borowski und Vranjes schon vor der Pause rausnahm und Werder ein schwach begonnenes Spiel mit einer furiosen Leistungssteigerung noch deutlich gewann.

Gegen Köln war die Ausgangslage eine andere. Werder hatte nicht gut gespielt, aber weder Ekici noch Schmitz schienen mir so schlecht gewesen zu sein, dass sie zwangsläufig vom Feld gemusst hätten. Es gab nach dem Wechsel auch keine Systemumstellung, die den Wechsel erfordert hätte. Vielmehr schien es ein Weckruf an die Mannschaft zu sein. Mehr eine Verzweiflungstat, als ein taktischer Schachzug. Nachdem in den letzten Wochen zunächst Philipp Bargfrede und dann auch Andreas Wolf und Marko Marin ihre Stammplätze verloren hatten, war es eines der letzten Mittel, die dem Trainer blieben, um noch aktiv ins Spiel seiner Mannschaft einzugreifen.

Bremer Abwehr-Harakiri

Was folgte war jedoch keine plötzliche Leistungssteigerung, sondern ein weiterhin mühsames Erkämpfen von Strafraumszenen, die die optische Überlegenheit in Tore umwandeln sollten. Doch bevor dies geschehen konnte, schlug Lukas Podolski zu.

Es war ein Gegentor, das so in der Bundesliga wohl keine andere Mannschaft kassiert hätte und das so typisch Werder ist, wie die Raute und die Flutlichtmasten im Weserstadion. Es erübrigt sich, die Torentstehung als Ganzes zu analysieren, wenn die einfachsten Prinzipien des Verteidigens nicht befolgt werden – in diesem Fall zu sehen bei Naldo und Sebastian Prödl. Es ist eine klassische 2 gegen 1 Situation in der ein Stürmer eigentlich nur die Option haben sollte, einen langen Ball prallen zu lassen oder mit dem Rücken zum Tor unter Kontrolle zu bekommen. Stattdessen ermöglicht es ihm die Bremer Innenverteidigung alleine aufs Tor zuzulaufen. In dieser Überzahlsituation auf Abseits zu spielen ist ohnehin Blödsinn, es aber in der gegnerischen Hälfte zu tun, grenzt an Fußballlegasthenie. Naldo steht in diesem Fall kurz, so dass Prödl eigentlich nichts anderes zu tun hat, als sich drei Meter fallenzulassen, falls der lange Ball durchkommt. Stattdessen rückt er vor und macht damit den Weg für Podolski frei.

Viel mehr als den beteiligten Spielern muss man dieses Gegentor aber dem Trainer ankreiden. Dieses Tor hätte auch vor drei oder fünf Jahren genau so fallen können. Es ist mir völlig unbegreiflich, warum es eine so guten Trainer wie Thomas Schaaf über Jahre nicht gelingt, diese Dinge abzustellen. Es wird wieder über das Risiko einer hoch stehenden Kette diskutiert werden, doch das trifft es nicht. Es sind individuelle Fehler einfachster Natur, die im Profifußball nicht gemacht werden dürfen. Und es sind genau diese Szenen, die den Unterschied ausmachen zwischen Mannschaften, die erfolgreich hoch verteidigen und solchen, die Harakiri spielen.

Fazit: Rückstände nur gegen die Kleinen kompensierbar

Die Kölner waren in der zweiten Halbzeit so freundlich, das Heft innerhalb weniger Minuten völlig aus der Hand zu geben und in Unterzahl nicht mehr in der Lage außer Zeitschinden etwas entgegenzusetzen. So stehen am Ende mit dem 3:2-Sieg, einer mitreißenden Aufholjagd und Pizarros Hattrick die Feel-Good-Momente, die man sich als Fan wünscht. Nach 12 Spieltagen steht man auf einem mehr als zufriedenstellenden 3. Platz.

Doch so schön die fünf gedrehten Spiele in dieser Saison auch waren, Werder ist in 9 der bisherigen 12 Saisonspiele mit 0:1 in Rückstand geraten – und das nicht ohne Grund. Gegen die kleinen bis mittelgroßen Gegner mag dies zu kompensieren sein, gegen Leverkusen, Hannover und Dortmund war es das nicht. Man darf bezweifeln, dass es gegen Gladbach, Stuttgart, Bayern und Schalke anders sein wird.