Archiv für den Monat: Dezember 2011

Grünweiß – Der Werder Bremen Fußball-Stammtisch

Die Hinrunde ist vorbei, das Jahr neigt sich dem Ende zu und zu allem Überfluss ist heute auch noch Heiligabend.

Es gibt einiges aufzuarbeiten, in den nächsten Tagen folgt hier ein Rückblick auf die Hinrunde und dann machen wir uns langsam auch Gedanken über die Rückrunde. Bis dahin habe ich für meine Leser aber noch eine Kleinigkeit (genauer gesagt sind es sogar zwei Dinge, aber eins davon verrate ich noch nicht):

Nach 5 1/2 Jahren ist es an der Zeit für eine Veränderung. Ich blogge nach wie vor gerne und werde es auch weiterhin tun, auch und vor allem hier an dieser Stelle. Allerdings habe ich ein neues Projekt ins Leben gerufen, das in den nächsten Wochen und Monaten mit Leben gefüllt wird:

Grünweiß – Der Werder Bremen Fußball-Stammtisch

Gemeinsam mit drei Mitstreitern werde ich in der Rückrunde an den Wochenenden nach den Werderspielen einen kleinen Stammtisch abhalten, bei dem wir über Werder, den Fußball an sich und das Drumherum diskutieren werden. Das ganze könnt ihr dann live am Bildschirm mitverfolgen. Es wird auch einen Blog dazu geben, in dem wir uns gelegentlich zu Wort melden.

Viel mehr kann ich an dieser Stelle noch gar nicht sagen, nur dass die Seite am 1. Januar um 17 Uhr online geht und ich schon sehr gespannt bin, wie es euch gefällt. Wir werden während der Winterpause ein paar Testläufe machen und zu Beginn der Rückrunde soll es dann richtig losgehen.

Ich wünsche allen Lesern Frohe Weihnachten und hoffe euch im nächsten Jahr auch wieder hier und auf der neuen Seite www.gruenweiss.org zu sehen.

P.S. Bei Twitter und Facebook findet ihr die Seite auch schon.

Wie defensiv wird es auf Schalke?

Zum Abschluss der Hinrunde geht es gegen Schalke 04 und damit hat Werder die letzte Chance, doch noch gegen einen direkten Konkurrenten zu punkten. Mit einem Unentschieden könnte nach den letzten Auswärtsspielen wohl jeder im Verein gut leben. Mit dann 30 Punkten hätte man das Soll sicherlich erfüllt. Schon jetzt ist es die punktemäßig beste Hinrunde seit vier Jahren.

Aus Zwei mach Drei

Werders Personalsituation ist weiterhin angespannt. Zwar kommt mit Marko Marin ein Verletzter zurück und auch die angeschlagenen Naldo, Wolf und Ignjovski wurden rechtzeitig wieder fit, doch im Mittelfeld drückt der Schuh. Selbst wenn Marin schon bereit ist für die Startelf, hat man mit Fritz und Ignjovski zwei Spieler für drei Positionen. Einer von beiden muss wohl oder übel Sokratis als Rechtsverteidiger ersetzen (vermutlich Iggy). Wahrscheinlich wird Trinks dann links auf der Halbposition im Mittelfeld spielen, wo er mir gegen Wolfsburg nicht so gut gefallen hat. Er hat zwar die nötige Ruhe am Ball, aber in puncto Präsenz und Zweikampfstärke fehlt ihm noch etwas.

Die Alternativen hießen Wesley oder Trybull, kämen aber beide äußerst überraschend, da ersterer ein Risiko ist und zudem seit langem keinen nennenswerten Einsatz mehr hatte und letzterer noch unerfahren in der Bundesliga ist. Beide dürften daher auf der Bank sitzen. Offensiv sieht es dagegen richtig gut aus. Pizarro ist fit, Rosenberg strotzt plötzlich vor Selbstvertrauen und Arnautovic ist trotz seiner Slapsticknummer gegen Wolfsburg sowohl für den Angriff als auch für die 10er-Position ein starker Backup. Spannender als die Aufstellung ist daher die Frage nach der Taktik.

Duell der Rauten

Schalke ist ohne Farfan eine andere Mannschaft. Nach seiner Verletzung lahmte das Flügelspiel und die beiden Stürmer Raul und Huntelaar verhungerten im Zentrum. Zuletzt hat Stevens sein System jedoch auf ein 4-4-2 mit Raute umgestellt, wobei mit Jurado und Holtby zwei kreative Leute auf den Halbpositionen spielen. Raul ist kein Spielmacher, fühlt sich aber derzeit sichtlich wohler, weil er sich nicht ständig nach hinten fallen lassen muss, um Anschluss ans Spiel zu finden, was ihm nicht mehr wirklich liegt. Mit Pukki hat er einen laufstarken Spieler vor sich und kann seine Übersicht und Technik ausspielen. Huntelaar ist vorne eiskalt, wenn er mit Bällen gefüttert wird, was zuletzt wieder ganz gut gelang.

Wie kann Werder gegen diese Mannschaft bestehen? Im letzten “Rautenduell” gegen Mainz siegte Werder, wenn auch knapp und etwas glücklich. Schalke ist spielerisch keine Übermannschaft, hat sich unter Stevens in dieser Hinsicht nicht sonderlich weiterentwickelt. Schaut man sich Schalkes Konterstärke und Werders -schwäche an, spricht vieles für eine eher abwartende und vorsichtige Herangehensweise. Bevor man wie in Gladbach spielfreudig ins offene Messer rennt, wird Schaaf seine Mannschaft eher tief stehen lassen, dem Gegner die Initiative überlassen und im Mittelfeld die Räume eng machen. Gegen Bayern hat dies letztlich nicht funktioniert und man wurde zu weit hinten rein gedrängt. Gegen Schalke könnte es jedoch Erfolg bringen (so wie 2010, als man mit einer defensiven Taktik 2:0 auf Schalke gewann und dann im Pokalfinale gegen die Bayern mit ähnlicher Ausrichtung unterging).

Probleme mit Kontern und starken Gegnern

Eines der großen Probleme bei Werders Auswärtsspielen ist das Umschalten. Zu Saisonbeginn (Leverkusen, Hoffenheim) sah das noch gut aus, doch zuletzt tat man sich sehr schwer nach der Balleroberung im gefährlichen Bereich schnell nach vorne zu spielen. Wenn der Gegner nicht gerade so freundlich mithilft, wie Wolfsburg am letzten Samstag, strahlen Werders Konter zu wenig Torgefahr aus. Auf der anderen Seite macht Werder unabhängig von der Grundausrichtung zu viele Fehler im taktischen Defensivverhalten, die es kaum einmal ermöglichen, der Heimmannschaft das Spiel lange bei 0:0 aufzuzwingen. Dann würden Gegner und Publikum irgendwann unruhig werden, was wiederum zu mehr Fehlern und mehr Platz zum Kontern führen könnte.

Nach dem Spiel werden wir wissen, ob Werder in dieser Hinrunde nur Best of the Rest war oder tatsächlich auch gegen einen Großen etwas Zählbares holen kann. Wobei Schalke ähnliche Charakteristika aufzeigte, wie die Grün-Weißen: Ein überragender Torjäger im Team, spielerisch teils mit großen Problemen, gegen die Spitzenmannschaften überfordert (Bayern, BVB) und dennoch viele Siege und gute Platzierungen.

Somit genau der richtige Gegner zum Abschluss eines Jahres, das für Werder vor allem ein Kampf gegen sich selbst war, gegen die eigenen Probleme und dann schließlich erst gegen den Abstieg und für den Anschluss an die Bundesligaspitze.

 

10 Gründe, nach dem Sieg gegen Wolfsburg optimistisch zu sein

Normalerweise bin ich in diesem Blog bemüht, einigermaßen ausgewogen über Werder und den Fußball zu schreiben. Das gelingt mir mal mehr und mal weniger gut. Nach dem 4:1 gegen Wolfsburg lasse ich die negativen Dinge aber mal bewusst beiseite. So ist diese kleine, weihnachtlich-optimistische Liste entstanden:

1. Endlich mal wieder ein deutlicher Sieg

Früher waren deutliche Siege für Werder nichts besonderes. Heute muss man allerdings schon etwas weiter zurückdenken, um sich einen höheren Werdersieg zu erinnern. Ein 4:1 gab es zuletzt vor 14 Monaten in Gladbach. Der letzte höhere Sieg liegt sogar noch länger zurück: Im April 2010 gewann man 4:0 gegen Freiburg.

2. Werder ist eine Heimmacht

Acht Spiele, sieben Siege – nur gegen Dortmund gab es eine Niederlage. Nun sind Kaiserslautern, Freiburg, HSV, Hertha, Köln, Stuttgart und Wolfsburg sicher alle schlagbare Gegner im eigenen Stadion. Sie alle zu schlagen ist dagegen keine Selbstverständlichkeit. Als Ergebnis steht man auf Platz 1 in der Heimtabelle.

3. Werder überwintert auf einem Europacup-Platz

Wer hätte das vor der Saison gedacht: An 15 von 16 Spieltagen stand Werder unter den ersten Sechs in der Tabelle. Mehr als die Hälfte der Hinrunde sogar unter den Top Vier. Schlechter als Platz 6 wird man auch nach dem Spiel gegen Schalke nicht sein. Bei einem Sieg würde man sogar mindestens auf Platz 4 überwintern.

4. Werder kann Ausfälle kompensieren

Die Ausfälle waren nicht der Grund für Werders Absturz in der letzten Saison. Sie trugen aber viel dazu bei, die Krise zu verschärfen und Werder lange im Abstiegskampf zu halten. Gegen Wolfsburg fielen mit Marin, Hunt und Ekici die drei besten offensiven Mittelfeldspieler aus. Dennoch erspielte sich Werder eine Vielzahl hochkarätiger Torchancen. Zwei Wochen vorher schlug man Stuttgart ohne Pizarro. Werder ist nach wie vor auf gewisse Spieler angewiesen, fällt aber bei Ausfällen nicht wieder direkt in sich zusammen.

5. Naldo

Naldo habe ich vor der Hinrunde mit einem riesigen Fragezeichen versehen. Ich wäre schon zufrieden gewesen, wenn er bis zur Rückrunde wieder fit und in Bundesligaform gewesen wäre. Selbst die kühnsten Optimisten werden wohl kaum mit einer so schnellen Rückkehr gerechnet haben, vor allem aber nicht mit einer so schnellen Rückkehr zur alten Stärke. In der aktuellen Verfassung ist Naldo einer der drei besten Innenverteidiger der Bundesliga.

6. Pizarro

Werder ist abhängig von Pizarro. Man kann es auch positiv sehen: Werder hat einen Spieler wie Pizarro, der in jedem Spiel den Unterschied machen kann. Entgegen den Befürchtungen hatte Pizza bislang nur mit wenigen Verletzungssorgen zu kämpfen und trifft vorne zuverlässig. Und aller Abhängigkeit zum Trotz: Werder hat beide Saisonspiele ohne Pizarro gewonnen.

7. Rosi is back!

Gibt es einen Stürmer, der mehr von seinem Selbstbewusstsein abhängig ist? Zu Saisonbeginn war Markus Rosenberg on fire. Vor zwei Wochen schlich er mit hängenden Schultern über den Platz und wirkte so ungefährlich, dass seine Gegenspieler schon Mitleid mit ihm haben konnten. Dann das Tor gegen die Bayern und plötzlich quillt Rosi fast über vor Spielfreude. Der Zweikampf um den Platz neben Pizarro ist wieder eröffnet.

8. Das grünweiße Laufwunder

Gegen Wolfsburg hat Werder wieder einmal 125 km Laufpensum runtergespult. Drei Spieler kamen auf über 13 km Laufdistanz. Auch wenn das alleine nicht viel aussagt, die kämpferische Einstellung spiegelt sich in dieser Saison auch auf dem Papier wieder. Die vielen knappen Siege und gedrehten Rückstände sind nicht zuletzt das Ergebnis dieser Einstellung.

9. Werder bleibt Werder

Über Werders Außendarstellung lässt sich dieser Tage (und Monate) streiten. Der über die Vertragsverhandlung öffentlich ausgetragene Machtkampf zwischen Lemke und Allofs ist untypisch für den Verein. Im Vergleich zu den meisten anderen Bundesligisten, erst recht denen mit ähnlichen Ansprüchen, sticht Werder aber keineswegs negativ hervor. Insgesamt bleibt Werder ein ruhiges Pflaster für Spieler und Trainer.

10. Der beste Endspurt

Die letzten 10 Spieltage sind fast schon traditionell Werders beste, zumindest was die Ergebnisse angeht. Selbst letzte Saison gab es 16 Punkte und nur zwei Niederlagen. Im Jahr zuvor schnappte man sich noch den schon verloren geglaubten Platz 3, 2008 und 2006 wurde man jeweils im Endspurt noch Vizemeister. Wenn bloß vorher die jährliche Frühjahrskrise nicht wäre, aber wir wollen ja optimistisch bleiben.

Unter Wert

Bayern München – Werder Bremen 4:1

Zum fünften Mal aus den letzten sechs Spielen verliert Werder gegen Bayern München und verliert dadurch den Anschluss an die Spitzengruppe. Unterm Strich steht eine verdiente Niederlage, die jedoch längst nicht so deutlich zustande kam, wie es das Endergebnis suggeriert. Die Bayern wären an diesem Tag wieder schlagbar gewesen, auch für Werder.

1. Halbzeit: Mit Mann und Maus

Das Spiel begann intensiv und schnell wurde die erwartete Ausrichtung erkennbar. Die Bayern hielten den Ball in den eigenen Reihen und versuchten, ihre starken Flügelspieler in Szene zu setzen. Werder stand ähnlich kompakt, wie gegen Stuttgart, verzichtete auf Pressing in der gegnerischen Hälfte und verteidigte ab der Mittellinie konsequent nach außen, um Ribery und Müller möglichst weit entfernt vom Strafraum an den Ball kommen zu lassen. Die Gegenstöße der Bremer machten in den ersten 20 Minuten einen durchaus gefährlichen Eindruck, doch zu Torabschlüssen kam man nicht.

Eine Standardsituation brachte dann das 1:0 für die Bayern. Hunts Freistoß wurde geklärt und im Anschluss kassiert Werder mal wieder ein prototypisches Gegentor. Ich verstehe einfach nicht, warum man Jahr um Jahr dieses gewaltige Risiko bei eigenen Standards eingeht. Bargfrede als einzige Absicherung im Mittelfeld bedeutet, dass ein verlorener Zweikampf reicht, um die Bayern in Überzahl aufs Tor stürmen zu lassen. Der Konter war dann ein Musterbeispiel für durchdachtes Überzahlspiel. Die Stürmer kreuzen und machen es so für die beiden Bremer ungemein schwer, sich für den Schritt in die Mitte zu entscheiden, der einen Gegenspieler völlig frei werden ließe. So hatte Ribery die Lücke vor sich und konnte problemlos – mit einem sehr schönen Schuss – die Chance verwandeln.

Danach änderte sich kaum etwas am Spiel. Bayern drückte, Werder stand gut und hielt dem Druck insgesamt stand. Die wenigen Gegenangriffe wurden jedoch immer ungenauer und so stand unterm Strich zur Pause nur ein einziger (abgeblockter) Torschuss für Werder. Doch auch die Bayern hatten nur 5 mal aufs Tor geschossen und aus dem Spiel heraus keine einzige klare Torchance herausgespielt. Deshalb war die Partie trotz aller optischen Überlegenheit zur Pause nicht entschieden.

2. Halbzeit: Die Wechsel entscheiden das Spiel

In der Halbzeitpause brachte Schaaf Rosenberg für Arnautovic und wenige Minuten später stand es plötzlich 1:1. Es war genau die Art Spielzug, mit dem man einem überlegenen Gegner gefährlich werden kann. Ein vertikaler Pass auf Pizarro, eine gute Ballbehauptung, eine clevere Ablage, ein starkes Dribbling und ein eiskalter Torabschluss. War das wirklich der Markus Rosenberg, der vor einer Woche aus fünf Metern keinen Möbelwagen getroffen hätte?

In der Folge änderte sich das Spiel gewaltig. Werder agierte wesentlich mutiger, hatte mehr Spielanteile und schien dem zweiten Tor eine Zeit lang näher, als die Bayern. In dieser Phase zeigte sich, wie zerbrechlich die Bayern derzeit sind, wenn man selbstbewusst und mit intensivem Laufpensum dagegenhält. Leider fiel genau in diese Phase der vielleicht beste Angriff der Bayern. Kroos hervorragender Steilpass wurde von Gomez gut auf Müller weitergeleitet, der das ausgestreckte Bein von Wolf gerne annahm. Den Elfmeter verwandelte der eingewechselte Robben sicher.

Die folgenden Minuten wurden für Werder dann richtig bitter. Es war, als hätte man kollektiv den Selbstzerstörungsknopf gedrückt. Schaaf brachte Wagner für Marin und von dem Moment an schlug das Übergewicht der Bayern im Mittelfeld voll durch. Die Verunsicherung wuchs von Minute zu Minute und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Bayern einen der Ballverluste (in diesem Fall von Ignjovski) in ein Tor verwandeln würden. Bei Aaron Hunt entlud sich der Frust in einem schlimmen Foul, das Toni Kroos zum Glück unbeschadet überstand. Das war genau diese Art Foul, die häufig zu schlimmen Verletzungen führt und bei allem Verständnis für die Frustration gibt es keinerlei Rechtfertigung dafür, zumal er auch dem Team durch seine Sperre schadet. Gerade Hunt ist in dieser Saison für Werder schwer zu ersetzen (bis auf die Schlussphase in Gladbach stand er in jedem Spiel 90 Minuten auf dem Platz).

Der ewige Opportunist am Mikrofon

Ich frage mich wirklich, warum ich mich nach all den Jahren immer noch über Marcel Reifs Opportunismus ärgere. Vielleicht liegt es daran, dass er das Spiel eigentlich so gut lesen kann, wie kein anderer deutscher Fußballkommentator. Im Kleinen liegt Reif nur selten daneben, aber im Großen macht er sich komplett abhängig vom Ergebnis. Die Interpretation des Geschehens erfolgt einzig und allein bezogen auf den Spielstand. Was beim Stand von 0:0 ideenlos ist, ist bei 1:0 absolute Dominanz. Sicherlich muss man eine sehr defensiv ausgerichtete Taktik bei einem Rückstand anders bewerten, als bei einem 0:0, aber Reif tut es zu einem so frühen Zeitpunkt und mit solcher Inbrunst, dass man seine späteren Meinungsänderungen nicht mehr ernst nehmen kann.

Nach der Führung waren die Bayern nach Reif’scher Ansicht haushoch überlegen und Werder zur Pause nur mit Glück noch nicht hoffnungslos im Rückstand. Fünf Minuten nach Wiederanpfiff erkannte Reif jedoch plötzlich einen verdienten Ausgleich und viele gute Bremer Szenen, bis zum Elfmeter für die Bayern, den Robben zum natürlich ebenfalls hochverdienten 2:1 einschoss. Es scheint für ihn einfach nicht möglich zu sein, ein Spiel in seiner Gesamtheit ebenso differenziert zu bewerten, wie er es häufig bei einzelnen Spielszenen tut. Es gibt immer einen Sieger, der alles richtig gemacht hat und einen Verlierer, der so hart wie möglich zu kritisieren ist. Fußball als Tautologie. Man hat fast den Eindruck, dass Reif sich von Verlierern persönlich beleidigt fühlt. Das ist wirklich schade um einen so fähigen Kommentator.

Fazit: Nicht reif genug

Unterm Strich steht eine deutliche Niederlage, die fünfte in dieser Saison und die fünfte gegen einen direkten Konkurrenten (auch wenn Bayern nicht Werders Kragenweite ist). Aus taktischer Sicht hat Schaaf vieles richtig gemacht, zumindest was die Grundausrichtung und die Justierung in der Halbzeit angeht. Obwohl Robben und Ribery jeweils einen Doppelpack erzielten, wurde das Spiel nicht durch die Flügelzange entschieden. Letztlich hat es Werder dem FCB – vor allem gemessen am Aufwand im Spiel gegen den Ball – zu einfach gemacht und das Spiel nach dem erneuten Rückstand völlig aus der Hand gegeben.

Dass Werder keine Spitzenmannschaft ist, war schon vor dem Spiel klar. Das sollte gerade in dieser Hinrunde auch nicht der Anspruch sein. Wen man weiter so arbeitet wie bisher, könnte es aber reichen, um Best of the Rest zu werden.

5 Wege zum Erfolg bei den Bayern

Am Samstag trifft Werder auf den Ex-Tabellenführer aus München, der in einer Mini-Krise steckt. Was muss Werder tun, um sie zu einer echten Krise auszuweiten?

1. Die Statistiken vergessen

Bayern ist seit sechs Jahren in der Bundesliga ohne Heimsieg gegen Werder, Werder dafür seit über drei Jahren ohne Sieg gegen die Bayern. Wettbewerbsübergreifend hat Werder aus den letzten fünf Spielen gegen die Bayern ein mageres Unentschieden und vier Niederlagen eingefahren. Man kann sich diese Statistik also so hinbiegen, wie es einem gerade passt. Ähnliches gilt auch für die Statistiken innerhalb dieser Saison: Bayern hat nach Rückständen noch keinen Punkt geholt, Werder hingegen schon 16. Daraus kann man nur die falschen Schlüsse ziehen.

Gerade vor Spitzenspielen wird gerne auf diese Zahlenspiele zurückgegriffen. Die Spieler sollten das völlig ausblenden und sich nicht mit der Statistik beschäftigen. Außenseiter ist Werder sowieso. Was zählt ist einzig und allein die Konzentration auf den eigenen Matchplan. Rechenspielchen lenken nur vom Wesentlichen ab.

2. Laufen, laufen, laufen

Bayern München - Werder Bremen 2004

Der schönste Bremer Sieg in München vor 7 1/2 Jahren

Es klingt wie eine Plattitüde, aber in diesem Spiel wird es sehr auf die Laufstärke ankommen. In dieser Saison gehört Werder zu den laufstärksten Mannschaften der Bundesliga. Überhaupt wird in Werders Spielen sehr viel gelaufen, zumeist von beiden Mannschaften. Vieler dieser Spiele waren bis zum Ende hart umkämpft. Die Bayern kommen in der Regel mit deutlich weniger Laufstrecke aus, weil sie das Spiel mit ihrem starken Pass- und Positionsspiel meist beherrschen und damit Ball und Gegner laufen lassen. Nicht selten waren ihre Spiele nach 60 Minuten entschieden.

Natürlich sollte man die Laufdistanz nicht überbewerten. Dennoch muss Werder die Überlegenheit in diesem Bereich ausnutzen und die Bayern zum Laufen zwingen. Damit könnte man dem Gegner ein Stück weit das eigene Spiel aufzwingen. Vor allem Werders Mittelfeld mit Bargfrede, Fritz und Hunt ist ungemein laufstark. Auf sie wird es insbesondere ankommen, wenn man trotz Raute die bayerischen Flügelspieler doppeln möchte.

Extremes Vorwärtspressing ist nicht nötig. Mit dem Erfolgskonzept aus dem Spiel gegen Stuttgart (Stürmer attackieren nicht die Innenverteidiger sondern stellen die Passwege auf die Sechser zu), könnte man auch den Bayern den Spielaufbau erschweren. Darüber hinaus kommt es aber wieder auf Tempo und Laufbereitschaft an: Pressing im Mittelfeld, Doppeln auf den Außen, Nachsetzen der Stürmer gegen die Außenverteidiger und schnelle Gegenstöße.

3. Nicht zu tief stehen

Diese Warnung wirkt bei Werder fehl am Platz. Thomas Schaaf lässt zwar nicht mehr ganz so hoch verteidigen, wie noch vor ein paar Jahren, aber die Gefahr, zu tief zu stehen, ist normalerweise ziemlich gering. Gegen die Bayern ist das anders. Beim Pokalfinale letztes Jahr beispielsweise ließ sich Werder sehr tief in die eigene Hälft drängen und konnte dennoch nicht verhindern, dass Bayern zu zahlreichen Torchancen kam. Gegen die starken Flügelspieler ist es nicht ratsam, die Viererkette zu dich am eigenen Strafraum agieren zu lassen, zumal dann auch die gegnerischen Sechser viel Platz um den Mittelkreis herum haben, wenn man die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen nicht zu groß werden lassen möchte.

Andererseits ist bei einer sehr hohen Viererkette das Risiko groß, dass man mit langen Bällen ausgekontert wird und Spieler alleine aufs Tor zulaufen. Dieses Problem hatte man vor knapp zwei Jahren, als Werder gegen Bayern zuhause weitgehend chancenlos war und Robben mit Abdennour Katz und Maus gespielt hat. Es gilt also stets die richtige Höhe abzuwägen und immer wieder an den Spielverlauf anzupassen. Als Orientierung kann man die Verteidigungslinien von Mainz und Dortmund nehmen, die in den letzten Spielen einen guten Mittelweg gefunden haben.

4. Die Flügelzange festbinden

Robben und Ribery aus dem Spiel zu nehmen ist schwierig. Ständiges Doppeln ist dafür unabdingbar, was mit einem Mittelfeld mit Raute nicht leicht umzusetzen ist. Möglich ist es aber durchaus, wenn sich das Mittelfeld etwas flacher aufstellt. Dafür muss Marin als Zehner sich häufig neben Bargfrede fallenlassen, um das Loch zu stopfen, dass auf der Sechserposition entsteht, wenn die äußeren Rautenspieler weiter auf die Flügel rücken.

Andererseits wird Marin auch hinter den Spitzen als Anspielstation benötigt. Auf ihn kommt also eine anspruchsvolle Doppelrolle zu, die seine derzeitige Form auf eine harte Probe stellen wird.

Eine gute Visualisierung dazu gibt es bei ballverlust.net.

5. Den Schalter finden

Das Umschalten gehört nicht unbedingt zu Werders Stärken in dieser Saison. Gegen Stuttgart hat es aber ganz gut funktioniert. Es gab viele Balleroberungen im Mittelfeld, die sofort in Gegenangriffe umgewandelt wurden. Gegen die ballsicheren Bayern wird Werder es schwer haben, sich Torchancen herauszuspielen. Daher ist es umso wichtiger, nach Ballgewinn im Mittelfeld gegen den aufgerückten Gegner schnell zuzuschlagen und Konter einzuleiten. Wenn alles andere gut klappt, kann das den Unterschied zwischen einem hart erkämpftem Unentschieden und einem Auswärtssieg ausmachen.

Foto: Allie_Caulfield / flickr.com