21. Spieltag: Wilde Riten

Stuttgart – Bremen 4:1

Als Fußballfan bildet man sich grundsätzlich nicht nur ein, sowohl über
Aufstellung, Taktik und seit einiger Zeit auch Management besser bescheid zu
wissen, als Trainer und Vereinsführung – als HSV-Fan momentan vielleicht sogar
berechtigterweise. Man bildet sich ebenso ein, auf das Geschehen auf dem Platz
indirekt Einfluss zu haben. Damit ist nicht die Stimmung im Stadion gemeint,
von wegen zwölfter Mann, sondern gewisse Marotten, die man sich über die Jahre
angeeignet hat, da sie sich irgendwann mal als Glück bringend herausgestellt
haben. Warum sollte der Fan da anders sein als der Spieler, den er verehrt?
Fußballer sind wohl die abergläubigsten Menschen der Welt. Nahezu jeder Spieler
hat ganz persönliche Rituale um sich auf ein Spiel vorzubereiten. Der eine
betritt den Platz immer mit dem rechten Fuß zuerst, der nächste lässt sich
eine/n hässliche/n Schnauzer und/oder Matte wachsen bis das nächste Mal
gewonnen/verloren wird und der dritte lässt sich direkt aus der Kneipe zum
Spiel abholen. Selbst bei Trainern sind solche Rituale beliebt – man erinnere
sich an Thomas Schaafs graue Meistermacherjacke.

Verwunderlich ist die Entstehung eines solchen Aberglaubens nicht, denn es
erscheint durchaus sinnvoll im Falle eines Erfolges beim nächsten Mal alles
wieder genau so machen zu wollen. Das gilt insbesondere für Fans. Ein Spieler
kann im Notfall durch seine eigene Leistung auf dem Platz noch direkt Einfluss
auf das Spiel nehmen, ein Fan hat diese Möglichkeit nicht. Es wird daher darauf
geachtet, dass der Stadion- oder Kneipenbesuch immer nach demselben Schema
abläuft. Man trifft sich immer zur gleichen Zeit am selben Ort, sitzt auf dem
selben Platz, isst und trinkt das gleiche, kauft die Wurst immer an der gleichen
Bude, usw. Selbstverständlich lässt sich solch ein Ritual nur aufrechterhalten,
wenn man sich einredet, dass es auch funktioniert. Dazu muss man sich alle
Abweichungen erklären. Hat die eigene Mannschaft verloren, obwohl man sich an
alle Regeln gehalten hat muss man entweder etwas entdecken, das man doch falsch
gemacht hat (zuviel Senf auf der Bratwurst) oder zumindest einen unglücklichen
äußeren Einfluss erkennen, der außerhalb der eigenen Macht liegt (ungerader
Spieltag auf einem Sonntag mit Regen gibt auswärts immer Niederlagen), da sonst
ein Ritual nicht über längere Zeit aufrecht erhalten werden kann.

Ich selbst habe kein Ritual, das sich langfristig durchhalten ließ. Eine Zeit
lang glaubte ich, dass Werder bei meiner Anwesenheit im Stadion eine höhere Siegesquote
hätte. Ein Trugschluss, dem die meisten Fans aufsitzen und vermutlich der Grund
warum die Stadien überhaupt jedes Wochenende voll sind. Seit einigen Jahren
tippe ich bei Sportwetten nicht mehr auf Werder, da ich schlechte Erfahrungen
damit gemacht habe. Für ein Ritual aber zu wenig. Dafür hat sich in dieser
Saison ein anderer Aberglaube breitgemacht: mein Diego Trikot. Im September
geschenkt bekommen, war es unter anderem für die Niederlagen gegen Pirmasens,
Chelsea und Stuttgart verantwortlich und wanderte nach dem Unentschieden in
Hamburg erst einmal in den Schrank. Ins Stadion zum Barca Spiel ging ich
sozusagen "nackt".

Erste Erfolge stellten sich ein, so dass ich dem Trikot beim Spiel gegen Sofia
eine neue Chance gab. Danach ließ es sich mit Ausnahme der Unentschieden gegen
Cottbus und Aachen nichts mehr zu Schulden kommen (an der Niederlage gegen
Dortmund war es unbeteiligt und in Barcelona hätten wir eh ein Wunder
benötigt). Bis zum Auftakt der Rückrunde hatte sich das Trikot bei mir eine astreine
Reputation erarbeitet und so kam es für mich eher unerwartet, dass gegen
Schalke trotzdem verloren wurde. Vielleicht, so dachte ich mir, bringt das
Trikot nur am Anfang einer Spielserie Unglück. Gegen Stuttgart blieb es wieder
im Schrank und das Ergebnis ist bekannt.

Gleichzeitig kam die Einsicht, dass ich auf Werders Ergebnisse leider doch
keinen Einfluss habe. Ein kleiner Restzweifel bleibt jedoch: Bei Jan gucke ich
in nächster Zeit keine Spiele mehr, was nicht nur daran liegt, dass ich in den
nächsten drei Wochen Arena umsonst empfangen kann, sondern mehr an dem Umstand,
dass seine Wohnung nun mal ein ganz schlechtes Pflaster für mich ist und
außerdem der Fußballgott nicht will, dass ich dort gucke. Mindestens.

Wer beim lesen dieses Beitrags den Eindruck bekommen hat, ich würde mich darum
drücken wollen, über die hohe Niederlage gegen die Schwaben zu schreiben – hat
vollkommen recht. Und das obwohl ich über Aufstellung, Taktik und Management
selbstverständlich besser bescheid weiß, als Trainer und Vereinsführung!

Zitat des Spieltags:
„Friedhelm Funkel hat eine bestürzende äußerliche Ähnlichkeit mit Mahmud
Ahmadinedschad.“
Jens Kirschneck und Dirk Gieselmann von 11 Freunde.

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