22. Spieltag: Blitzkriegtabelle

Werder – HSV 0:2

Wir schreiben den 22. Spieltag, es ist Februar und dem Kicker zufolge "biegt die Saison auf die Zielgerade ein." Lange Zielgerade! Umso verständlicher daher, das die Anzahl der während der Spiele angezeigten Blitztabellen inflationär ansteigt. Der wohl innovativsten Erfindung des Sportfernsehens der letzten 10 Jahre verdanken wir eine Menge. Ohne sie wäre Schalke wohl nie zum Meister der Herzen geworden, weil niemand gewusst hätte, dass sie überhaupt für ein paar Minuten Erster waren. Auch von der kurzzeitigen Tabellenführung des FSV Mainz 05 in der Hinrunde der Saison 2004/05 hätte kein Fan je erfahren. Es ist wirklich erstaunlich wie sehr kleine Erfindungen unser Leben vereinfachen. Musste man früher, nachdem man sich endlich an die Drei-Punkt-Regel gewöhnt hatte, noch in jedem Spiel im Kopf ausrechnen was beispielsweise 16 + 3 macht und ob das mehr ist als 18 + 0, bekommt man jetzt nach jedem Tor direkt das aktuelle Tabellenbild angezeigt. Um für perfekten Komfort zu sorgen, lesen die Kommentatoren dieses meistens noch vor, stets mit dem Zusatz: "wenn jetzt Schluss wäre!" Hätte die vorletzte Saison also nur 10 1/2  Spieltage gedauert, wäre Mainz deutscher Meister geworden…

Auch am diesem Spieltag durfte natürlich die Blitztabelle nicht
fehlen. So teilte sie uns beim Stand von 0:3 bei Frankfurt gegen
Stuttgart mit, dass die Schwaben mit dem Ergbnis an Werder vorbeiziehen
würden. Wieviel Sinn so eine Tabelle bei einem Freitagsspiel macht,
wenn die anderen 16 Mannschaften noch nicht ins Geschehen eingegriffen
haben, sei dahingestellt. Dass Stuttgart auch am Ende des 22. Spieltag
auf Platz 2 liegt, ist trotzdem nur der erneut schwachen Leistung von
Werder zuzuschreiben. Manchmal fragt man sich, was in dieser Mannschaft
eigentlich vor sich geht. Erschreckend ist vor allem, dass Werder
spielerisch momentan nur mittelmaß in der Bundesliga ist. Gegen
Mannschaften, die sich vornehmlich hinten reinstellen, rennt Werder nur
an, findet aber keine Möglichkeiten, Lücken zu reißen. Wenn der Gegner
dann noch aggressiv in die Zweikämpfe geht, kompakt verschiebt und
schon während des Spielaufbaus draufgeht sind Niederlagen im Moment
wohl vorprogrammiert. Lange Bälle, Flanken aus dem Halbfeld und Diegos
Dribblings sind die einzigen Mittel, die Werder findet. Das ist nunmal
nicht ausreichend um deutscher Meister zu werden.

Warum gab
es nach dem eigentlich guten Ajax Spiel nun diesen erneuten Rückschlag? An der
Doppelbelastung allein kann es nicht liegen. Eher scheint es so, als ob
einige Spieler völlig neben sich stehen. Die zweite Stürmerposition
neben Klose ist jedenfalls seit spätestens Anfang Dezember nicht mehr
gut besetzt. Hunts Leistungen sind indiskutabel, Almeida hat Probleme
im Kombinationsspiel und Rosenberg ist noch keine Verstärkung. Im
Mittelfeld ist Frings überragend und Diego stets bemüht und (mit
Ausnahme des Spiels gegen Hamburg) mit beständigen Leistungen.
Allerdings fällt Baumanns langfristiger Ausfall immer schwerer ins
Gewicht. Vranjes kann das mit Leistungen wie gegen Ajax vielleicht
kurzfristig ausbügeln, aber nicht beständig genug. Jensen ist nur
bedingt eine Verstärkung, erlaubt sich immer wieder unerklärliche
Formschwankungen. Borowski ist entweder verletzt oder auf Formsuche.
Schulz war vor seiner Verletzung im Herbst in Topform, zur Zeit aber
nur Ergänzungsspieler. In der Abwehr konnte zumindest die
Innenverteidigung das konstant hohe Niveau halten. Niemeyer kann ich
noch nicht einschätzen, bei seinen kurzen Einsätzen wirkte er sehr
unsicher. Auf den Außen wirkt Wome defensiv endlich etwas stabiler
(offensiv war er es ohnehin schon), dafür hat Fritz merklich
nachgelassen und Owomoyela ist immer noch verletzt.

So ist es erstmal nur den ebenfalls schwachen Leistungen der Bayern
zu verdanken, dass sich Werder (noch) keine Sorgen um Platz 3 machen
muss. Den Titel kann man wohl abschreiben, Platz 2 wird nur mit einer
großen Leistungssteigerung möglich sein. Bleibt eigentlich nur die
Hoffnung auf den UEFA-Cup. Mit einer Leistung wie gegen den HSV dürfte
aber auch das Spiel in Amsterdam am Donnerstag kein Selbstläufer werden. Werder hat schon oft bewiesen, dass man sich aus derartigen Situationen befreien kann, wie zum Beispiel nach dem Champions League Aus gegen Juve, als man ähnlich konsterniert gewirkt und dementsprechend  schlecht gespielt hat.

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