22. Spieltag: Linksausleger

Werder – Bayern 0:0

Nach dem begeisternden Auftritt in Mailand hat Werder den Schwung mit in die Bundesliga nehmen können. In einem packenden und in der ersten Halbzeit schnellen und hochklassigen Spiel erwiesen sich die Grünweißen auch in Unterzahl als ernsthafter Gegner für die Bayern. Nach einem offenen Schlagabtausch in der Anfangsphase und der roten Karte gegen Naldo, zog sich Werder ab der 25. Minute weiter zurück. Die Bayern übernahmen die Initiative und nutzten die gelegentlichen Lücken in der Werderabwehr geschickt aus. Auch zu Beginn der zweiten Halbzeit spielten die Bayern besser und drückten Werder hinten rein. In dieser Phase war es dem eigenen Glück, dem Unvermögen der Bayern und dem überragenden Schlussmann Christian Vander zu verdanken, dass unsere Mannschaft nicht in Rückstand geriet.

Doch mit zunehmender Spieldauer fiel den Bayern immer weniger kreatives ein, um den Sieg noch zu erzwingen. Fast alle Angriffe gingen über die linke Seite, das ist man bei den Bayern seit Franck Ribery gewohnt. Werder versuchte sich an Kontern, mit langen Bällen auf Mesut Özil, der nach Hugo Almeidas Auswechslung und der damit verbundenen taktischen Umstellung einen klassischen Linksaußen spielte. In den letzten 20 Minuten hätte Werder mit etwas mehr Konzentration bei den Gegenstößen das Spiel sogar gewinnen können. Als Schiedsrichter Gräfe das Spiel nach exakt 90 Minuten abpfiff, konnten sich die Bremer dennoch als moralischer Sieger fühlen, während sich die Bayern fragen müssen, warum sie ihre Überzahl nicht besser ausgenutzt haben.

Da große Problem der Bayern ist ihr taktisch limitiertes Angriffsspiel: Auf der linken Seite gibt es mit Ribery, Ze Roberto und Lahm eine Achse, die es mit jeder Mannschaft der Welt aufnehmen kann. Über diese Achse läuft die gesamte Offensive. Die Pendants auf der rechten Seite heißen Oddo und Schweinsteiger. Van Bommel bleibt mehr in der Zentrale, zieht nicht so häufig nach rechts wie Nebenmann Ze Roberto nach links. Die Alternativen wären Altintop und Lell. Alles keine schlechten Spieler, doch sie können das Spiel über ihre Seite nicht annähernd so dominieren, wie ihre Kollegen auf Links. Gegen viele Mannschaften mag das kein Problem sein, doch gegen die Topmannschaften, gerade auch in der Champions League, könnte es den Bayern das Genick brechen.

Bedingt durch die rote Karte musste Werder taktisch umstellen und legte effektiv die gesamte rechte Seite blank. Schaaf wusste wohl, dass gegen Ribery und Ze Roberto kein Werderkraut gewachsen ist. Einfach defensiv so gut es geht gegenhalten und sonst auf der Seite keine Initiative zeigen, lautete das Motto. Özil wurde im Mittelfeld geopfert und auf die linke Außenbahn beordert, im Wissen, dass man kein in Unterzahl kein dominantes Spiel aufziehen kann und die Bayern durch die Mitte keine zu große Bedrohung sein würden. Das eigene Angriffsspiel wurde ebenso wie das der Bayern sehr linkslastig, um die schwächere Seite der Bayern auszunutzen. Soviel zum Thema Schaaf und mangelnde taktische Flexibilität…

Schön, wenn man das alles so aus der eigenen Sicht beschreiben kann, aber noch viel schöner, wenn man es auch anhand einiger Statistiken veranschaulichen kann. Ich hab dazu mal ein paar Grafiken von ESPNsoccernet aufbereitet:

Bayern positionen
Werder positionen 

Die beiden Abbildungen zeigen die durchschnittlichen Positionen der Spieler während des Spiels. Die obere die der Bayern, die unter von Werder. Man kann gut erkennen, dass Ribery (#7) bei Bayern und Özil (#11) bei Werder als zusätzliche Kraft auf Links agieren, weitestgehend losgelöst von der restlichen Formation. Für Werder sehr unüblich, dort bewegt sich im Offensivspiel sonst eigentlich alles in der Mitte (wer will, kann ja mal vergleichen; auf ESPNsoccernet gibt es solche Abbildungen zu jedem Bundesligaspiel).

Die Verteilung der Angriffe bestätigt dies: Bei Bayern gingen 44% der Angriffe über die linke Seite (24% durch die Mitte, 33% über Rechts). Bei Werder waren es immerhin 42% (30% Mitte, 29% Rechts). Für Bayern ist dieser Wert nicht ungewöhnlich, bei Werder kommen im Schnitt knapp 40% der Angriffe durch die Mitte.

Entsprechend sieht dann auch die Schussverteilung aus: Links sind die Torschüsse der Bayern, rechts die von Werder
eingezeichnet. Wenn die Torhüter etwas zu tun bekamen, dann von links:

Torschüsse

Hinterher lässt sich immer leicht sagen, ob eine Entscheidung richtig war oder nicht. Hätten die Bayern irgendwann das Siegtor gemacht, bräuchte man darüber vielleicht nicht mehr zu reden. Doch mit der Umstellung nach Naldos Platzverweis hat Werder genau das richtige taktische Mittel gewählt, um gegen Bayern zu bestehen. Das ersetzt zwar nicht Kampf- und Laufbereitschaft, doch die stimmen bei Werder zum Glück inzwischen ja auch wieder.

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