24. Spieltag: Go West!

Werder – Bochum 3:0

Ich habe hier vor einiger Zeit schon einmal erwähnt, dass
ich nicht (mehr) der typische Stadionfan bin und Werderspiele lieber von Zuhause
oder einer Kneipe aus gucke. Von Zeit zu Zeit zieht es mich dann aber doch ins
Schmuckkästchen an der Weser. Während es früher immer Ostkurve sein musste,
darf es jetzt auch ab und zu mal ein Sitzplatz sein. Nachdem es zuletzt Süd-
(Barcelona) und Nordtribüne (Hannover) waren, musste heute die Westkurve dran
glauben. Nicht, dass ich zu faul wäre 90 Minuten zu stehen oder mich das
rumgehüpfe im Fanblock stören würden, aber in Begleitung dreier – um es
freundlich auszudrücken – nur gelegentlich fußball- und werderbegeisterter
Freunde, waren nicht zu teure Sitzplätze der bestmögliche Kompromiss.

Bisher dachte ich, das Beste daran in der Westkurve zu
sitzen sei die tolle Aussicht auf die Ostkurve. Noch schöner als den Fans aus
gebührendem Abstand beim Hüpfen zuzugucken (vom Gesang kommt leider nicht viel
herüber) ist jedoch der Soundtrack, der sich um einen herum aus dem Genörgel
der Sitznachbarn zusammensetzt. Es war wirklich erfrischend statt des
Fernsehkommentators mal wieder „normale Menschen“ ein ganzes Spiel kommentieren
zu hören – und das gleich von mehreren Seiten! Ich hatte also freie Auswahl, ob
ich lieber der nörgelnden Hausfrau hinter, dem rührend hölzern erklärenden
Vater mit seinen beiden kleinen Söhnen neben oder dem beißend-spöttischen Opi
vor mir zuhören wollte. Das schöne am Stadion ist, dass hier wirklich jeder
seine Meinung herausschreien kann, egal ob er Ahnung hat oder nicht. Man wird
Ohrenzeuge der unglaublichsten Sinneswandlungen und zweifelt nicht selten am
eigenen Auge, da andere Fans Szenen oft grundlegend anders gesehen haben.

In
unserem Block gab es zwei auffällige Stimmungsumschwünge: Den ersten zwischen
der 20. und 25. Minute. Vom Anpfiff an war die Stimmung, nun ja, nervös bis
gereizt. Jeder Fehler wurde umgehend mit wütenden Schmähungen der eigenen
Spieler quittiert (besonders wenn Wome der Schuldige war). Nach etwa einer
Viertelstunde war die einhellige Meinung, dass das Spiel genau wie das HSV
Spiel liefe und man auch wieder verlieren werde und dann eigentlich gleich die
ganze Saison abhaken könne. Nachdem dann aber der 2:0 Vorsprung Leverkusens
gegen Stuttgart durchgegeben wurde und Werder kurz später in Führung ging,
schallte kurze Zeit später wieder „Deutscher Meister wird nur der SVW“ durchs
Stadion. Der zweite Stimmungsumschwung war Mitte der zweiten Halbzeit
erkennbar. Kurz bevor Aaron Hunt seine Tore Nummer 2 und 3 erzielte, forderte
die Hausfrau lautstark seine Auswechslung. Ihrer Meinung schloss sich bald auch
der spöttische Opi an und eines der Kinder neben mir wechselte kurzerhand die
Seiten und rief für einige Minuten „Bochum, Bochum!“ Nach dem beruhigenden 3:0
pries der Opi „den Aaron“ als eines der größten Talente des deutschen Fußballs,
worauf die Hausfrau ihm beipflichtete und stolz verkündete: „aus dem wird ein
gaaanz Großer!“

Man könnte sich über natürlich über diesen Opportunismus ärgern
oder mit den Leuten eine Diskussion über Sinn und Unsinn ihrer Nörgelei anfangen,
doch stattdessen genieße ich es einfach nur. Eigentlich ist es nämlich gerade das,
was den Fußball so schön macht. Ein einziges Tor kann dazu führen, seine
Meinung über einen Spieler, eine Mannschaft, ein Spiel oder gleich eine ganze
Saison zu ändern. In der Ostkurve wird die Emotion direkter ausgelebt, auf den
Rängen der Westkurve wird sie verpackt in scheinbar objektive Spielanalysen,
die jedoch stets nur das Gefühlschaos widerspiegeln, das man als Fan Spiel für
Spiel durchlebt. Am Ende waren alle irgendwie mit ihrer Mannschaft versöhnt.

Und doch bin ich mir sicher, dass beim nächsten Mal wieder die Hausfrau
bemängelt, „dass der nicht einfach mal abzieht“ (vielleicht, weil er 25 Meter
weg vom Tor ist und ihm drei Verteidiger im Weg stehen). Auch der nörgelnde Opi
wird wieder bei jedem Ballverlust Womes in Schimpftiraden verfallen und der
Vater wird seinen Söhnen bestimmt noch mal erklären, „warum Borowskis Flanken
heute so schlecht kommen“ (vermutlich, weil er verletzt ist und gar nicht
mitgespielt hat).

Gegen Mainz gehe ich dann aber doch lieber mal wieder in die
Ostkurve. Ich habe nämlich einen Stuttgartfan zu Gast und der soll gar nicht
erst auf dumme Ideen kommen…

Statt eines Zitats gibt es heute ein „Wort des Spieltags“,
das letzter Zeit immer wieder von pseudointellektuellen Sportreportern
missbraucht wird:

„Effizienz“

Fremdwörter sind in Fußballreportagen allgemein überflüssig.
Wer sie trotzdem gerne benutzen möchte, sollte zumindest ihre Bedeutung kennen.
Wenn ein Reporter (wie heute im Aktuellen Sportstudio gehört) davon spricht,
dass ein Team „vor dem Tor nicht effizient genug ist“, bedeutet das nicht, dass
es ungefährlich ist und das Tor nicht trifft, sondern schlicht, dass der
Aufwand zum Torerfolg zu hoch ist. Wahrscheinlich meint er statt „nicht effizient“
eher „nicht effektiv“. Im Zweifel, liebe Reporter, sagt doch lieber: „Sie sind
vor dem Tor zu ungefährlich, machen die Buden nicht, verstolpern selbst die
einfachsten Dinger und treffen nicht mal ein offenes Scheunentor!“ Das klingt
doch viel mehr nach Fußball.

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