25. Spieltag: Momentum

Bayern – Werder 1:1

Zu Beginn etwas Statistik: Stellen wir uns einmal ein Fußballspiel vor, Mannschaft A gegen Mannschaft B. Mannschaft A geht in Führung und hält diese bis kurz vor dem Ende. Zehn Minuten vor Schluss schießt Mannschaft B den Ausgleich. Ist es jetzt wahrscheinlicher, dass Mannschaft A gewinnt oder Mannschaft B?

Die meisten Leute würden wohl "B" sagen. Ich kann natürlich nicht
nachweisen, ob es stimmt oder nicht. Doch aus irgend einem Grund sollte
man meinen, dass Mannschaft B nach dem späten Ausgleich nochmal alle
Kräfte mobilisiert und vielleicht noch das Siegtor schießen könnte.
Mannschaft A hingegen ist niedergeschlagen und kann nur hoffen, das
Unentschieden über die Zeit zu retten. Ähnlich verhält es sich auch mit
Sieges- oder Niederlagenserien: Von einer Mannschaft, die die letzten
Spiele alle gewonnen hat, nimmt man an, dass sie auch das nächste
gewinnt. Fußballkommentatoren sprechen in solchen Momenten von einem
"psychologischen Vorteil". Nun ist es nicht so, dass alle deutschen
Fußballkommentatoren Hobbypsychologen sind und die unergründliche
Psyche des Fußballers erforscht haben. Es gibt im Deutschen nur leider
kein wirklich passendes Wort. Im Englischen nennt man das ganze
"Momentum", was im Prinzip dasselbe bedeutet wie "psychologischer
Vorteil", aber besser mit "Schwung" oder "Impuls" zu übersetzen ist.
Man nimmt also den Schwung eines gewonnenen Spieles mit ins nächste.

Was hat das mit dem Spiel zwischen Bayern und Werder zu tun? Nicht
viel. Werder schoss den Ausgleich früher als in der 80. Minute, von
Schwung konnte keine Rede sein und – so ehrlich muss man sein – wenn
eine Mannschaft das Siegtor hätte schießen können, dann die Bayern. So
war es ein glücklicher Punkt, der den Verfolger von der Isar auf
Distanz und die Tabellenführung in Greifweite hielt. Mit typischem
Bayernglück ein Unentschieden in München zu holen, das hat allerdings
auch was. Warum sollen es immer die anderen Mannschaften sein, die für
die Unterhaltung sorgen, während Bayern am Ende dann doch Meister wird
und sich dafür als  "cool" und "abgezockt" feiern lassen darf?

Ganz ohne Zusammenhang zum Bayernspiel ist die Einleitung dann aber
doch nicht. Auch im Kampf um die Meisterschaft hatten schon einige
Mannschaften "Momentum". Kurz nach der Winterpause war es Werder, da
Bayern patzte und Schalke von der Mehrheit der Leute noch nicht
wirklich ernst genommen wurde. Dann waren es die Schalker, die
plötzlich 6 Punkte Vorsprung hatten und die Schwäche der Konkurrenz
ausnutzte. Dann war es Stuttgart, da auch Schalke nicht jedes Spiel
gewann und die Schwaben plötztlich wieder voll im Titelrennen waren.
Vor dem Spiel am Sonntag war es wohl Bayern. Aus 12 Punkten Rückstand
waren in nur zwei Spieltagen 6 geworden und die Angst der Konkurrenz
war spürbar. Eigentlich wäre es in dieser Situtation nicht
verwunderlich gewesen, wenn Bayern gegen Bremen gewonnen und den
Schalker richtig auf die Pelle gerückt wäre. Dann hätte alles seinen
gewohnten Gang gehen können: Bayern jagt Schalke ein bisschen, überholt
sie schließlich und gewinnt doch noch die Schale. Hätte Werder
gewonnen, hätten sie wieder "Momentum" gehabt, da sie dann innerhalb
kurzer Zeit einen 7 Punkte Rückstand auf Schalke aufgeholt hätten.
Wäre. Hätte. Es scheint fast so zu sein, dass in dieser Saison jede
Mannschaft immer dann patzt, wenn sie "Momentum" hat. Bestätigen hier
nur ein paar Ausnahmen die Regel oder ist das ein Zeichen dafür, dass
die Ligaspitze wieder etwas ausgeglichener ist? Und im zweiten Fall:
Liegt das daran, dass die Topmannschaften schwächer geworden sind oder
ist der Rest der Liga einfach nur stärker geworden?

Zum Abschluss noch eine Frage: Was ist eine Tätlichkeit? Wenn ein
Spieler eine Kopfbewegung in Richtung Gesicht des anderen Spielers
macht und dieser wie vom Blitz getroffen umfällt, fordert jeder
drittklassige Regionalradioreporter eine rote Karte für den Sünder.
Wenn ein Spieler einem anderen zwei mal nach dem der Ball weg ist von
hinten in die Beine tritt, wie Willy Sagnol es gegen Christian Schulz
getan hat, dann ist es aber keine Tätlichkeit, sondern nur Gelb. Pierre
Wome, der eigentlich schlichtend dazwischen gehen wollte, durfte sich
dank Sagnols anschließendem Schauspiel, bei dem er glaubhaft seinen
eigenen Tod durch Ersticken imitierte, ebenfalls eine gelbe Karte
abholen. Ist das angemessen? Ähnliche Situation: Aachens Dum sieht Rot,
weil er einen angedeuteten "Scheibenwischer" in Richtung des Schiris
machte. Kurz vorher sieht der Cottbuser Kapitän McKenna keine Karte,
obwohl er in Richtung des Schiedsrichters mehrmals deutlich erkennbar
"fuck you" sagt. Jemand sollte Peter Gagelmann Englisch beibringen oder
ihm zumindest erklären, welche dieser beiden Beleidigungen schlimmer
war.

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