26. Spieltag: Gefühltes Weichei

Werder – Mainz 2:0

Was macht einen echten Werderfan aus? Über dieses Thema könnte man sicherlich endlos streiten. Eine wichtige Eigenschaft eines guten Fans ist sicherlich, seinen Lieblingsverein durch dick und dünn begleiten. Die Frage ist nur, ob man das wörtlich nimmt oder eher sinngemäß anzuwenden versucht. Hier zeigt sich doch eine erstaunliche Ähnlichkeit zu den meisten Religionen. Auch wenn der Vergleich von Fußball und Religion immer etwas schwierig ist, kann man eine Parallele doch deutlich ziehen: Sowohl im Christentum als auch beim Fußball gibt es Leute, die alle Regeln wörtlich auslegen und versuchen, sich so gut wie möglich daran zu halten. Für den Fußballfan bedeutet das, auch körperlich immer für seinen Verein da zu sein, also nach Möglichkeit bei jedem Spiel, egal ob in Delmenhorst oder Dnjepropetrowsk, egal ob bei Schnee oder Gluthitze, im Stadion anwesend zu sein. Finanziell stellt das für die meisten Fans eine große Hürde dar, da Karten und Fahrtkosten über eine Saison gerechnet einen großen Teil des Einkommens verschlingen können.

Als weiteres Erkennungszeichen eines treuen Fan wird von
vielen die Lautstärke im Stadion angesehen. Diese Annahme ist meiner
Ansicht nach nicht wirklich zutreffend, da Fangesänge vor allem auch
das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und ausdrücken soll und immer
erst durch einen Gruppenprozess entstehen. Ein einzelner Fan würde wohl
kaum singen, wenn die restlichen 40.000 still wären. Dem mag der eine
oder andere vielleicht widersprechen, aber Grund für die Gesänge im
Stadion ist auch, dass es dort der Norm entspricht. Zum Vergleich kann
man sich einen Wettkampf im Eiskunstlauf vorstellen. Würde dort jemand
einen Schlachtruf zur Unterstützung des Lieblingsläufers anstimmen?

Trotzdem kann niemand abstreiten, dass die akustische
Unterstützung für eine Fußballmannschaft sehr wichtig ist. Als Fan
trägt man durch seine Anfeuerung einen Teil zum Erfolg der Mannschaft
bei. Ein gutes Gefühl, das den Fan noch stärker an seinen Verein
bindet. Nun ist es allerdings nicht jedermanns Sache, ein ganzes Spiel
über zu singen, zu klatschen und zu hüpfen. Ich konnte mich selbst
früher, als ich noch eine Dauerkarte für die Ostkurve hatte, kaum auf
die ganzen einstudierten Choreographien konzentrieren. Rhythmisches
Klatschen diente mir nur dazu, mich ein bisschen von der ganzen
Aufregung zu befreien. Doch eigentlich war ich immer eher der Typ Fan,
der in der Kurveme meistens stumm und gebannt auf den Rasen starrte,
vor innerer Anspannung am liebsten nicht nach links und nach rechts
gucken wollte, eine Zigarette nach der anderen rauchte, aus Angst
davor, während des Spiels auf Toilette zu müssen, lieber kein Bier
trank und auf Außenstehende wohl einen ziemlich apathischen Eindruck
machte. Inzwischen hat sich das zwar ein bisschen geändert. Ich rauche
nicht mehr, trinke dafür vor und während dem Spiel das eine oder andere
Bier und beschimpfe den Schiedsrichter nach dem Spiel nicht mehr ganz
so lange. Dafür sind meine Stadionbesuche weniger geworden. Und wenn,
dann muss es nicht mehr ausnahmslos die Ostkurve sein.

Gestern war ich nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder in der guten alten Ostkurve. Da ich ja (wie schon angekündigt)
einen Stuttgartfan zu Besuch hatte, wollte ich ihm natürlich einen
möglichst guten Eindruck vom Weserstadion vermitteln. Meine Freundin,
die sich schon letzte Saison gegen Hannover (5:0) und vor zwei Wochen
gegen Bochum (3:0) als Glücksbringer bewährt hatte, war natürlich auch
wieder dabei. Da ich mich nicht rechtzeitig um Tickets bemüht hatte,
kauften wir uns vor dem Stadion zu einem Wucherpreis drei Karten und
suchten uns einen Platz, der irgendwo zwischen Hardcorefans und
Niemandsland auf der linken Seite lag. Fünfte Reihe, unüberdacht.
Leider begann es nur eine Minute später abwechselnd zu regnen und zu
hageln, was in Verbindung mit dem kalten Wind eine höchst unangenehme
Mischung ergab. Hagelsturm ist ein gutes Stichwort. Gutes Wetter ist
man im Bremer März zwar nicht unbedingt gewohnt, aber was sich an
diesem Sonntagabend am Himmel zusammenbraute, war wirklich nicht mehr
feierlich. Ich stand also 90 Minuten in der Ostkurve und frohr. Nebenan
sangen und hüpften sich die Fans in Stimmung und ich wünschte mich nach
Hause auf meine Couch (Arena hat wohl vergessen mir den Saft
abzudrehen).

In der ersten Halbzeit bekam ich vor Kälte kaum die Hände aus den
Taschen und klatschte höchstens im Geiste mit. Wenigstens einige
Schlachtrufe bekam ich über die Lippen. Mit jeder Minute, die
verstrich, fühlte ich mich schuldiger. Schuldig, weil ich lieber im
Warmen gesessen hätte, als in der Fankurve zu stehen. Weil um mich
herum Leute waren, die zu jedem Wetter ins Stadion gehen, um ihren
Verein anzufeuern und ich mir schon nach einer Halbzeit schwor, nie
wieder bei solchem Wetter ins Stadion zu gehen. Bin ich mit 25 Jahren
schon zum Weichei unter den Fußballfans mutiert?

Sicher, als in der zweiten Halbzeit die Tore fielen vergaß ich
schlagartig die Kälte um mich herum und zum Ende hin hätte ich auch im
Weserstadion übernachtet, wenn das Spiel die ganze Nacht weitergegangen
wäre. Doch was ist, wenn Werder tatsächlich irgendwann wieder im grauen
Mittelmaß versinken sollte? Ich muss mich wohl damit abfinden, ein
Sofa- und Kneipenfan zu sein, der lieber alleine Fingernägel kaut und
bei Gegentoren den Schal gegen den Fernseher wirft, als das
Gemeinschaftsgefühl im Stadion zu genießen und seinen Verein direkt
anzufeuern. Solange ich wenigstens unabhängig vom Tabellenstand noch ab
und zu ins Weserstadion gehe, kann ich trotzdem weiterhin guten
Gewissens mitsingen: "Werder wir kommen wieder."

Zitat des Spieltags:

"Passt schon. Ich kann teilen." Jürgen Klopp auf die Frage, ob er auf die vielen Umarmungen, die Mohammed Zidan an seinen alten Club verteilte, eifersüchtig sei.

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