27. Spieltag: Another Brick in the Abwehrmauer

Cottbus – Werder 0:0

Vor ein paar Tagen behauptete ich ein wenig voreilig, in der Bundesliga spielten alle 18 Mannschaften um die Meisterschaft. Zumindest versuchen dieser Überlegung nach alle Teams von Saisonbeginn an so viele Punkte wie möglich zu holen. Seit gestern weiß ich es besser, es sind maximal 17 Teams. Energie Cottbus gehört nicht dazu.

Es grenzt fast schon an ein Wunder, dass Werder das Spiel im Stadion der Freundschaft nicht verloren hat. Versetzt man sich einmal in die Lage der Cottbuser, dann kann man sich leicht erklären, warum dieses Spiel gestern so unansehnlich war. Wie spielt man gegen eine Mannschaft, die klar besser ist als man selbst, aber im Angriff zuletzt Schwächen gezeigt hat? Man überlässt ihr 60 Minuten lang das gesamte Spielfeld, ausgenommen der 30 Meter ums eigene Tor, steht mit allen 11 Mann hinten drin und schlägt die Bälle einfach einen nach dem anderen raus. Wenn die Taktik bis dahin aufgeht, dann wird der Gegner irgendwann müde und man kann sich bis an die Mittellinie vorwagen. In den letzten Minuten ergeben sich gegen eine bedingungslos offensiv ausgerichtete, aber ausgelaugte Mannschaft dann vielleicht sogar ein paar eigene Chancen. Sollte dies die Überlegung von Petrik Sander gewesen sein, dann gebührt ihm dafür sicherlich Respekt: Sie ist voll aufgegangen.

Als Fan der Mannschaft, die aus 73,2 % Ballbesitz erstaunlich wenig
machte, verflucht man diese Mauertaktik während des Spiels unzählige
Male. Seien wir ganz ehrlich: Man muss auch mit solchen Mannschaften
fertig werden um Meister zu werden. Mit einem Tor in der ersten
Halbzeit hätte das Spiel zwar auch gut und gerne 5:0 für Werder
ausgehen können, da dann Cottbus einzige Waffe entschärft worden wäre.
Aber Fußball ist – wie Hansi Küpper so schön sagt – kein Spiel der
Konjunktive. So bleibt neben dem Ärger über die Unfähigkeit der eigenen
Mannschaft, gegen eine extrem mauernde Mannschaft die richtigen Mittel
zu finden vor allem der Ärger über den Gegner, dessen einziges Ziel die
Zerstörung des Angriffsspiels des Gegners war. Sieht so moderner
Defensivfußball aus? Das haben wir glaube ich schon anders (und besser)
gesehen. Auch wenn alle 11 Spieler in die Defensive mit einbezogen
werden, heißt das nicht zwangsläufig, dass diese alle mindestens 10
Meter hinter eigenen Mittellinie zu stehen haben. Viele Mannschaften
mit defensiver Ausrichtung versuchen vor allem den Gegner so weit wie
möglich vom Tor fern zu halten. Eine kompakt (sprich: dicht
beieinander) stehende Mannschaft und Überzahlspiel im Mittelfeld waren
bei der WM die Allheilmittel und wurden auch in der Bundesliga zuletzt
erstaunlich gut umgesetzt. Bielefeld war in der Hinrunde ein
Musterbeispiel dafür. Auch Cottbus trat im Hinspiel in Bremen mit
dieser Taktik an – und wurde mit einem Punkt belohnt.

Dass Cottbus sich nun so extrem hinten reinstellte, könnte zwei
Gründe haben: Entweder schätzte man Werders kreatives Potenzial in der
Offensive als nicht so bedrohlich ein, dass man es riskieren konnte sie
nahe ans Tor kommen zu lassen und nur den letzten Pass zu verhindern.
Oder Cottbus wollte es einfach nicht auf ein Duell der Mittelfeldreihen
ankommen lassen, da man befürchtete dort ohnehin den kürzeren zu ziehen.

Wie dem auch sei, ungeachtet des (Teil-)Erfolgs des Cottbuser
Konzepts darf man sich schon fragen, was diese Art des Spiels dem
Fußball bringt. Das 0:0 als Idealergebnis ist keine schöne
Zukunftsvision. Es ist die Negierung des eigentlichen Ziels des
Fußballspiels. Nun ist es sicher so, dass Cottbus andere Ansprüche hat
als Bremen. Für eine unterklassige Mannschaft kann ein 0:0 gegen einen
scheinbar übermächtigen Gegner höchste Glücksgefühle auslösen. Doch
Cottbus ist keine unterklassige Mannschaft, sondern eine, die den
Anspruch erhebt, zu den 18 besten Mannschaften des Landes zu gehören.
Gegen die Topmannschaften der Liga kann man so vielleicht ein paar
Punkte ermauern. Anerkennung oder gar Bewunderung erlangt damit
allerdings nicht, da es eine mutlose, fast schon feige Art ist, Fußball
zu spielen.

Was kann Werder aus dem Spiel lernen? Die Gegner werden immer wieder
versuchen, sich den veränderten Gegebenheiten anzupassen. Solange
Werder kein adäquates Mittel gegen die Ketten um den Strafraum findet,
könnte das Cottbuser Modell sogar Schule machen. Von den verbleibenden
Gegnern in dieser Saison könnte wohl jeder mit einem Punkt gegen Bremen
leben. Aufgabe einer Spitzenmannschaft ist es, sich dieser
Herausforderung zu stellen und Mittel zu finden, als Sieger daraus
hervor zu gehen. Aaron Hunt sagte nach dem Spiel treffend folgendes: "Es war wie ein Handballspiel." Positive
Erkenntnis: Im Handball fallen Tore. Nun bringt es nichts, die beiden
Sportarten zu vergleichen. Im Handball gibt es Mittel gegen einen
Abwehrblock, die der Fußball nicht hergibt. Aber auch wenn es nicht
dieselben sind: Es gibt sie auch im Fußball. Hoffen wir, dass Thomas
Schaaf und seine Mannen sie finden. Wenn möglich noch in dieser Saison.

Zitat des Spieltags:

"Cottbus hat gar nichts fürs Spiel getan. Ich weiß nicht was die zu feiern haben, nach der Leistung, die sie abgeliefert haben." Torsten Frings (ein wenig angefressen) nach dem 0:0 in Cottbus

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