27. Spieltag: Viva la Revolución?

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 1:1

Es war das Thema nach dem 1:1 gegen Bayer Leverkusen: Thomas Schaaf hat die "flache 4" im Mittelfeld für sich entdeckt. Wie Werder nach Diegos Ausfall in Leverkusen auflief, deuteten viele Beobachter als richtungsweisend für die nächste Saison. Sollte Diego uns verlassen, woran wohl kaum jemand zweifelt, könne Werder die Chance nutzen, und sich endlich vom altmodischen Rautensystem trennen.

Ich habe schon mehrfach betont, dass ich das Rautensystem absolut nicht für altmodisch halte. Die Mehrzahl der Vereine hat heutzutage keinen klassischen Spielmacher mehr, was als Argument gegen die Raute angesehen wird. Wenn man ehrlich ist, dann ist auch Diego kein klassischer Spielmacher. Im Gegensatz zu etwa Johan Micoud ist er 25 Meter vor dem Tor am gefährlichsten. Diego ist kein Stratege, der das Spiel aus der Tiefe des Raums steuert. Wann immer er in diese Rolle gedrängt wird, verhaspelt sich Diego in uneffektive Dribblings und kraftraubende Zweikämpfe mit dem gegnerischen Mittelfeld. Deshalb hängt Diegos Leistung nicht unwesentlich von der Unterstützung seiner direkten Hintermänner ab.

Torsten Frings war lange Werders Mittelfeldmotor, der Diego von diesen ungeliebten Aufgaben den Rücken freihielt. Letzte Saison, während Frings langer Verletzung, übernahm Daniel Jensen diese Rolle. In dieser Saison hat es hieran lange gehakt. In der Rückrunde zeigte sich nun, wie es gehen kann: Frings spielt nun meistens zentral vor der Abwehr, wo er aufräumen kann. Dadurch ist er im Offensivspiel jedoch weniger präsent als früher. Auf Frings ehemaliger Position, rechts in der Raute, wechseln sich Tzilois und Niemeyer ab. Beide füllen diese Position als solide Arbeiter aus, ohne spielerisch die großen Impulse zu geben, wie etwa Özil auf der Gegenseite.

So hat sich die Raute seit Saisonbeginn deutlich verschoben: Özil spielt links auf einer Höhe mit Diego, während Tziolis/Niemeyer fast auf einer Höhe mit Frings spielen. Eine schiefe Raute, sozusagen. Der Schritt zum Sonntag angewandten System war gleich aus mehreren Gründen naheliegend: Erstens ist Özil noch weniger ein klassischer Spielmacher als Diego. Zweitens ist mit Jensen der Spieler verletzt, der Özil wirklich dabei unterstützen könnte. Drittens fühlen sich sowohl Hunt als auch Özil auf den Außenpositionen besser aufgehoben als in der Mitte. Und viertens tendieren beide eher nach links, so dass Werders Spiel sehr ausrechenbar wäre.

Obwohl ich die Umstellung also richtig fand, muss ich dennoch zwei Dinge betonen: Weder die "flache Vier" noch die "Doppelsechs" sind Erfindungen der letzten Jahre. Besonders in Italien wird schon seit den 80ern so gespielt. Wirklich moderner ist das System also nicht, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Und die Aufregung über die geglückte Jungfernfahrt dieses Systems kann ich auch nicht ganz nachvollziehen. Ein schnödes 4-4-2 ist das kleine Einmaleins im Fußball, das nun wirklich jeder A-Jugendliche draufhaben sollte. Es ist ja nicht so, dass Werder mit der Raute gespielt hat, weil man nichts anderes konnte.

Ob es wirklich eine "Taktikrevolution" gibt, wird sich erst in der nächsten Saison zeigen. Es hängt vor allem davon ab, wen Werder nach Diegos Weggang für das Mittelfeld verpflichtet – oder Diego am Ende doch noch bleibt. Es ist sicher gut, verschiedene Systeme zur Auswahl zu haben. In der letzten Sommerpause experimentierte man auch fleißig mit einem 4-3-3. Wichtig ist für Werder in erster Linie, dass die Flexibilität im Angriffsspiel nicht verloren geht. Ein statisches 4-4-2 kann die Kreativspieler auf den Außenpositionen leicht isolieren. Doch ich hoffe und glaube, dass Thomas Schaaf das zu verhindern wissen wird.

Artikel teilen