3 Fragen zu Hannover 96

Vor jedem Bundesligaspiel gibt es in dieser Saison ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners. Vor dem 5. Spieltag hat mir Felix von Medien-Sport-Politik, der sowohl Werder- als auch 96-Fan ist, drei Fragen zu Hannover 96 beantwortet:

In den letzten Jahren war Hannover einer der Lieblingsgegner von Werder: 96 hat nur eins der letzten 14 Spiele gewonnen und bezog regelmäßig Prügel beim “kleinen” Nordderby. Wie wird Werder im Umfeld von Hannover wahrgenommen? Es gibt ja durchaus eine Rivalität, die bei den meisten Bremer Fans aber nicht sonderlich ausgeprägt ist. Ist das in Hannover ähnlich oder gibt es dort größere Antipathien?

Stimmt, die letzten Spiele gegen Werder waren aus Sicht von Hannover 96 wenig erfolgreich, aber für den neutralen Beobachter stets unterhaltsam. Ich habe eigentlich nie eine große Rivalität zwischen beiden Vereinen feststellen können. Die ist bei Werder in Bezug auf den Hamburger SV sicherlich viel größer und bei uns Niedersachsen immer noch ein wenig mit Eintracht Braunschweig verbunden, aber nur sehr wenig mit Werder. Und größere Antipathien sehe ich überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Ich kenne viele 96-Fans, die sich auch mit Werder Bremen über Siege freuen und den Verein äußerst sympathisch finden (aber wer findet das nicht?). Insbesondere bei der sportlichen Leitung und im Management blickt man in Hannover sehr neidisch an die Weser. Präsident Martin Kind träumt in Hannover immer ein wenig von „Bremer Verhältnissen“, mit einem Duo nach Vorbild Schaaf/Allofs, das einen Verein über Jahre hinweg erfolgreich führt. Da ist man hier in Hannover mit den vielen Trainerwechseln in den letzten Jahren aber ein ganz großes Stück von entfernt. Und ich würde aus dem Bauch heraus dem Gespann Schmadtke/Slomka nicht unbedingt drei Jahre Tätigkeit bei 96 prognostizieren. Kontinuität war in Hannover zuletzt immer ein Fremdwort. Auch auf dem Platz, selten gab es mal eine Mannschaft, die fast unverändert in eine neue Saison ging. Viele Akteure gingen, neue kamen – und waren häufig schnell wieder verletzt. Bleibt zu hoffen, dass mit den vielen jungen Spielern endlich bei Hannover 96 etwas Langfristiges aufgebaut werden kann und man damit ein ganz klein wenig dem Vorbild Werder Bremen nacheifert.

Vor der Saison sah es für Hannover 96 nicht gerade gut aus. Der Saisonstart verlief dann jedoch für viele überraschend sehr positiv, mit Siegen über Frankfurt und Schalke sowie einem Unentschieden gegen Leverkusen. Wie stark ist 96 momentan? Ist es nach Werders Fehlstart ein Duell auf Augenhöhe?

Schaut man auf die Tabelle, die bekanntlich nie lügt, ist es gar kein Duell auf Augenhöhe, sondern sogar mit leichten Vorteilen für Hannover 96. Werder wirkt mir noch zu unkonstant in den ersten Spielen, 96 hatte eigentlich nur das schlechte Spiel in Wolfsburg. Insbesondere die zweite Halbzeit im Heimspiel zum Saisonauftakt gegen Frankfurt und die Spiele gegen Schalke und Leverkusen waren mit die besten Leistungen, die ich von 96 in den letzten Jahren gesehen habe. Nicht nur, weil am Ende auch das Ergebnis gestimmt hat, sondern weil man versucht hat spielerisch mit dem „Favoriten“ mitzuhalten und auch eine glänzende Einstellung, Kampfgeist und Leidenschaft an den Tag legte. Etwas, das in der vergangenen Saison im Abstiegskampf häufig vermisst wurde.

Hannover 96 macht schon einen guten und gefestigten Eindruck, wobei man die bisherigen vier Saisonspiele für jede Mannschaft nicht überbewerten sollte. Eine Entwicklung, wo es in dieser Saison hingehen könnte, sollte man erst nach dem 10. Spieltag erkennen und bewerten können. Macht man die Momentaufnahme, ist Hannover sehr gut in die Saison gestartet. Vier Spiele, sieben Punkte, darunter ein Sieg auf Schalke und Unentschieden gegen Leverkusen ist mehr als ordentlich. Die Innenverteidigung mit Haggui und Pogatetz wirkte bis jetzt außerordentlich sicher, mit der Institution Cherundolo (seit 1999 im Verein) auf rechts und dem Ex-Bremer Christian Schulz auf links gelingt es bisher auch die Außenpositionen dicht zu machen. Und das bisher wohl größte Plus von 96 ist die Chancenauswertung. Man braucht wenige Gelegenheiten um einen Treffer zu erzielen, beispielhaft sei Ya Konan erwähnt, der letzte Saison zahlreiche Fans mit seinen vielen vergebenen Torchancen noch zur Verzweifelung brachte. Bisher alles anders in dieser Saison. Schmiedebach und Pinto spielen im defensiven Mittelfeld einen guten Part. Der Neuzugang aus Oberhausen, Moritz Stoppelkamp, wirkt manchmal noch ein wenig hektisch und verliert dann den Blick auf den besser positionierten Spieler. Aber auch hier klare Tendenz nach oben, was die Leistung angeht. Auch wenn der Auftritt in Wolfsburg schwach war, hat sich sonst bisher eine erstaunlich geschlossene und entschlossene Mannschaft präsentiert. Hätte ich nicht gedacht und kommt für viele sehr überraschend.

Hannover hat sich meiner Meinung nach gut verstärkt im Sommer. Carlitos hat sich leider gleich im ersten Spiel verletzt, aber mit Pogatetz und Beasely hat man erfahrene Spieler von der Insel verpflichtet und in Abdellaoue einen überraschend guten Torschützen. Gute Voraussetzungen für eine bessere Saison nach dem “Seuchenjahr”? Was kann 96 in dieser Spielzeit erreichen?

Ich bin froh, wenn 96 so schnell wie möglich 40 Punkte erreicht. Ziel muss trotz des guten Saisonstarts weiterhin der Klassenerhalt bleiben. Und dann kann der Verein, wenn die erste Etappe erreicht ist, immer noch neue Vorgaben aussprechen. Insofern war die Niederlage in Wolfsburg und der bisher schwächste Auftritt in dieser Saison vielleicht gar nicht so unpassend, um die Mannschaft und auch die Fans daran zu erinnern, dass nicht jedes Spiel gewonnen werden kann und dass 96 nicht immer so gute und spielerisch attraktive Leistungen wie gegen Leverkusen und auf Schalke zeigen kann. Dafür ist die Mannschaft einfach nicht gut genug. In den hannoverschen Tageszeitungen begann nach dem Sieg auf Schalke und dem guten Spiel gegen Leverkusen die Rechnerei, wie viele Tore 96 denn schießen müsste, damit sie die Tabellenführung übernehmen würden. Das sollte meiner Meinung nach die geringste Sorge sein. Oberste Priorität sollte der Klassenerhalt sein, dann schauen wir mal.

Ich war ehrlich gesagt sehr skeptisch über diese Saison. Das von dir angesprochene „Seuchenjahr“ hat hier in Hannover noch keiner vergessen und viele gute Spieler und Leistungsträger, wie Balitsch, Bruggink, Elson, Arouna Kone oder auch Jan Rosenthal haben den Verein im Sommer verlassen. Bisher konnten diese Lücken hervorragend kompensiert werden, weil Ya Konan im Sturm noch laufschneller und sicherer am Ball scheint als vergangene Spielzeit. Und – wohl am wichtigsten – braucht er deutlich weniger Chancen für den Torerfolg. Mit Abdellaoue hat 96 einen Spieler verpflichtet, der Tore schießen kann, aber sich auch hervorragend für die Mannschaft engagiert, vielen Bällen hinterher geht, viel Laufarbeit verrichtet. Etwas, das man von Mike Hanke zum Beispiel überhaupt nicht gewohnt war. Schade, dass Carlitos sein Potential noch nicht zeigen konnte. Ich halte sehr viel von DeMarcus Beasley und würde mir wünschen, dass er mal von Beginn an seine Chance bekommt.

Hannover 96 war nie bekannt für eine stringente Transferpolitik. Zu viele Spieler wurden schon verpflichtet, welche bei anderen Teams auf dem Abstellgleis standen oder lange mit Verletzungen zu kämpfen hatten. Nun probiert man es seit letzter Saison, auch durch das zeitweilige Engagement von Andreas Bergmann, der vorher die U23 von Hannover 96 trainierte und gleichzeitig Leiter des Nachwuchszentrums war, mit jungen Spielern aus der eigenen Jugend, unter anderem Konstantin Rausch, Manuel Schmiedebach und jetzt am Wochenende in Wolfsburg erstmals mit Christopher Avevor, der in der U19 bei Hannover 96 gespielt hat. Das freut mich am meisten, dass 96 endlich wieder junge, gute Spieler mit Perspektive an die Bundesligaelf heranführt und nicht länger irgendwo die Ersatzbänke von Zweitligisten abklappern muss.

Kurzum: Bisher viele gute Zeichen in den ersten Spielen, aber das heißt leider noch gar nichts. Aber ich glaube, dass der Klassenerhalt für Hannover 96 absolut zu schaffen ist. Und damit würde man etwas erreichen, was 95% der Fußballexperten Anfang August in diesem Land für ausgeschlossen hielten.

Dein Tipp?

Angesichts der Tatsache, dass bei Werder mit Pizarro, Mertesacker und Naldo drei Stammspieler fehlen und 96 eigentlich mit der Rückkehr von Haggui und Pogatetz die Erfolgself der letzten Wochen aufbieten kann, glaube ich, dass die Partie vom Spielverlauf und vom Ergebnis deutlich ausgeglichener wird, als man es von den letzten Jahren gewohnt ist. Wenn Bremen sein volles Leistungspotential abruft, sollte es für Werder zu drei Punkten reichen. Interessant wird es aber, wenn 96 in Führung geht. Hannover fehlt noch ein wenig die Fähigkeit selbst das Spiel zu machen, von daher wäre ein Rückstand aus Sicht von 96 blöd, weil Werder dann auch viel Platz zum Kontern bekäme. Ich denke, dass Hannover wieder zuallererst die Defensive stärken wird. Knappes Spiel, 2:1 für Werder nach 90 Minuten.

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