31. Spieltag: Cup der Verlierer

Bielefeld – Werder 3:2

Welch ein Spiel! Eine ganze Saison in nur 90 Minuten. Durch eigene Unkonzentriertheit und Nachlässigkeit in Rückstand geraten, mit viel Aufwand und Engagement zurückgekommen, wieder in Rückstand geraten, wieder zurückgekommen, wieder in Rückstand geraten. Dann war’s leider vorbei. Immer dann, wenn für kurze Zeit das Gefühl aufkam, jetzt könnte was gehen, jetzt könnte Werder das Spiel herumreißen und alles würde gut, genau in diesem Moment wurde alles wieder zunichte gemacht.

Die Moral war da, die Arbeitsbereitschaft war da, nur die Klasse hat gefehlt. Klasse ist eben nicht nur die Fähigkeit dem Gegner das eigene Spiel aufzuzwingen, sondern auch in den wichtigen Momenten voll konzentriert zu sein. Bei einem Freistoß beispielsweise eine gewisse Ordnung einzuhalten oder bei aufgerückter Abwehr einen Zweikampf so anzugehen, dass entweder der Ball gewonnen wird oder zur Not der Gegenspieler durch ein Foul gestoppt wird – aber eben nicht mit dem Ball durchkommt. Diskussionen über Torwartentscheidungen oder -leistungen, über Vertragsverhandlungen oder Verletzungspech lenken vom eigentlichen Problem ab. In den letzten Spielen einer Saison werden bekanntermaßen die Titel vergeben. Die Grundlagen dafür werden zwar vorher geschaffen, aber nun kommen die Spiele, in denen es um viel mehr geht, als um drei Punkte. Egal wie abgedroschen diese Floskel auch sein mag, sie stimmt in sofern, als dass die Nervosität auch bei Profis ein wichtiger Einflussfaktor auf die Leistung ist. Höchstleistung unter größtem Druck abliefern zu können, ist das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen einer Mannschaft, die am Ende die Schale bzw. den Pokal hochhält und einer, die mit hängenden Köpfen den Trostpreis entgegen nimmt.

Sicher gibt es auch Jahre, in denen der Leistungsunterschied so groß
ist, dass eine Mannschaft in der Liga alle anderen überragt (meistens
Bayern). Doch die enge Tabellenkonstellation in diesem Jahr lässt an
den letzten Spieltagen sehr viel zu. Meisterschaft oder Champions
League Quali? Wer Fehler macht, wie Werder am Sonntag, der kann
ansonsten noch so gut sein; Meister wird er nicht. Zum Glück scheint in
dieser verrückten Saison tatsächlich alles möglich zu sein. Noch drei
Spieltage, an denen vermeintliche Punktelieferanten wie Mainz,
Bielefeld und Wolfsburg plötzlich zu Angstgegnern mutieren. Das
Stimmungsbarometer zeigt jetzt Stuttgart als kommenden Meister an.
Genau so wie es am Samstag noch Werder und wenige Tage zuvor Schalke
angezeigt hat. Gut, dass die Bayern nicht mehr mitmischen.

Dank einiger überflüssiger Fouls und eines wieder einmal grauenhaft
kleinlichen Schiedsrichters Weiner (habe ich schon erwähnt, dass er
aussieht wie er heißt?) wird beim nächsten Bundesligaspiel in Berlin
die halbe Mannschaft ausgetauscht werden – zumal Wiese und Fritz ja im
UEFA Cup gesperrt sind. Einen Ausblick wagt man kaum noch. Je ein
Unentschieden der Konkurrenten würde Werder bei voller Punktausbeute
zur Meisterschaft reichen. Doch diese Rechnung hat sich in den letzten
Wochen schon oft als Kokolores (Otto Rehagel) erwiesen. Wer
hätte im Winter gedacht, dass diese Saison für mich noch turbulenter
wird, als für einen HSV-Anhänger.

Die Presselandschaft trägt natürlich viel dazu bei, indem sie Werder
abwechselnd über den grünen Klee lobt und dann für die (durch sie
selbst, wenn nicht hergestellte, dann zumindest propagierte)
übertriebene, unerfüllte Erwartungshaltung zum Teufel jagt. Die Dauer
zwischen den Ausschlägen zu einem dieser beiden Extrempunkte wurde im
Saisonverlauf immer kürzer. Was wohl passiert, wenn Werder heute
tatsächlich das Wunder schaffen sollte? Sollte es schiefgehen, lag es
an Klose bzw. den Bayern, Andi Reinke oder auch daran, dass diese
Mannschaft keinen Charakter hat. Ich könnte mir vorstellen, dass einige
Sportjournalisten ihre Artikel schon fertig geschrieben in der
Schublade haben, für den einen wie für den anderen Ausgang. Für den
positiven Fall steht Werder ein großes Finale im Cup der Verlierer bevor – eine Bezeichnung, die angesichts des Saisonverlaufs besser zum Meisterschaftskampf in der Bundesliga passen würde.

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    Ein Gedanke zu „31. Spieltag: Cup der Verlierer

    1. Auch wenn es nur ein Buchstabe ist distanziere ich mich ganz arg vom Schiedsrichter. Musste mal gesagt werden

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