33. Spieltag: Darum!

Werder – Frankfurt 1:2

In meinem letzten Post habe ich mich gefragt, warum ich ausgerechnet jetzt so negativ denken muss. Nun weiß ich es. Da war ja noch was. Wieder mal hatte Werder die Chance einen Patzer der Konkurrenz auszunutzen und in der Tabelle nach oben zu klettern – wenn auch nur um einen Platz. Der würde allerdings immerhin die sichere Champions League Teilnahme bedeuten. Nun muss man wahrscheinlich Anfang der nächsten Saison durch die nicht ganz leichte Quali. Doch das ist alles Schnee von morgen, heute zählt nur die verpatzte letzte Chance auf die Meisterschaft.

So kurz nach dem Spiel ist es nicht leicht, die Enttäuschung in Worte zu fassen. Es waren ja nicht die Konkurrenten, die uns die Suppe versalzen haben, sondern wieder einmal wir selbst. Ein Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt rechnet man normalerweise zur Kategorie "Pflichtaufgabe". Dass die Frankfurter immerhin noch um den Klassenerhalt spielten sei mal dahin gestellt. Werder brauchte einen Sieg, kein Fußballfest. Leider hatte man von der ersten Minute an das Gefühl, dass Werder zwar mit viel Einsatz aber nicht genug Geduld in dieses Spiel ging. Die Aufstellung war ähnlich offensiv wie gegen Barcelona, als man immerhin ein 0:3 aufholen musste. Wenn es auch viele Dinge gibt, die man Werder heute vorwerfen kann (Konzentrationsschwäche in der Offensive, fehlende Passgenauigkeit, Harmlosigkeit bei Standards), muss man aber besonders diese Ungeduld hervorheben. Warum verkrampft diese Mannschaft so schnell, wenn es mal nicht direkt mit ein paar Pässen zum Torerfolg reicht? Frankfurt stand – wie viele Gegner in dieser Rückrunde – extrem defensiv und ließ Werder bis 30 Meter vor dem Tor gewähren. Eine drückende Feldüberlegenheit zeugt also noch nicht von gutem Spiel, sondern kommt fast auf Einladung des Gegners zustande. Wichtig ist es dann vor allen Dingen, konzentriert auf die Lücke zu warten und eben nicht bei jedem Angriff volles Risiko zu gehen. Hier kann man eigentlich keinem Spieler einzeln einen Vorwurf machen, das hat mit der Gesamteinstellung des Teams zu tun. Nach der Führung der Frankfurter verstärkte sich diese Ungeduld sogar noch. Vor gar nicht langer Zeit war es eine der größten Stärken Werders nach Rückständen den Druck in der Offensive noch zu erhöhen. In letzter Zeit gelingt das kaum noch, obwohl die Ausrichtung nach wie vor gleich ist. Bestes Beispiel dafür ist Aaron Hunt, der offensiv sicher viele Qualitäten hat. Spielt er im Mittelfeld, versucht er bei jedem Ballkontakt einen schnellen Angriff einzuleiten. Da allerdings weder seine Ballsicherheit noch sein Kombinationsspiel auf höchstem Niveau konstant sind, produziert er so auch viele Fehler, die das Aufbauspiel durcheinander und die Hinterleute in Bedrängnis bringen. Dieses Risiko ist Thomas Schaaf vor dem Spiel bewusst eingegangen, weil er wohl wusste, dass gegen die defensiven Frankfurter mit normalem Kurzpassspiel wenig gehen würde. Viele Fans tragen mit ihrer Einstellung aber auch dazu bei, dass Werder nicht (wie Schalke in ähnlichen Situationen) mal bis zur 60. Minute in Kauf nimmt, wenig Torchancen zu haben und dann einmal zuschlägt, wenn sich die Gelegenheit bietet. Die Ungedult wächst von Minute zu Minute und stachelt die Mannschaft zu noch mehr Risiko an. Ein Spiel wie heute ist für alle schmerzhaft: Für die Spieler, die wie die Hasen rennen und doch kaum wirkliche Chancen bekommen und für die Fans, die immer das Gefühl haben, dass gleich was gehen müsste, obwohl eigentlich gar nichts passiert. Hinzu kommen eine diskutable Leistung von Merk (der Elfmeter wohl nur noch bei Blutgrätschen gibt) sowie das unglückliche Gegentor zum 1:2 (ohne eigenen Torschuss in der 2. Halbzeit ein Tor zu erzielen, ist vor Frankfurt bestimmt noch nicht viele Mannschaften gelungen).

Als Fan, der das Spiel nur von der heimischen Couch aus verfolgt
hat, steht es mir vielleicht nicht zu, die Fans im Stadion zu
kritisieren. Doch wirklich bitter ist es nach wie vor, dass – mit
Ausnahme der Ostkurve – kaum ein Fan bereit ist, seinen Verein auch bei
einem Rückstand zu unterstützen. Nach dem 0:1 war es eine Viertelstunde
lang totenstill im Stadion. Nach dem 1:1 singen plötzlich alle wieder
von der Meisterschaft, nach dem 1:2 werden dann aber endgültig die
Fahnen eingerollt und die letzten 10 Minuten gar nicht mehr angeschaut.
Enttäuschung hin oder her, das hat die Mannschaft nicht verdient! Der
Opportunismus im Weserstadion hat ein neues Höchstmaß erreicht, der
gerade in Anbetracht des geplanten Ausbaus des Weserstadions bedenklich
ist. Was nützen 10.000 Fans mehr, wenn sie bei jedem Rückschlag sofort
am liebsten die Seiten tauschen würden? Frustration kann ich gut
verstehen (schließlich bin ich selber gerade sehr frustriert), doch das
Umschlagen von Verehrung in Verachtung nur aufgrund eines einzigen
Tores geht mir einfach extrem auf die Nerven. Wer sich ein Bild davon
machen möchte braucht nur einmal einen Blick ins Werder-Forum
zu werfen. Dort wird die Mannschaft von erschreckend vielen Usern seit
Wochen niedergemacht. Heute brauchen wir keinen Uli Höneß mehr, der uns
das Niedermachen androht; wir können es inzwischen selbst!

So hat es für mich immerhin zwei Vorteile, dass Werder in diesem
Jahr nicht Meister wird: Erstens kann ich mich in Ruhe auf meine
Klausur am 21.5. vorbereiten (die durch eine eventuelle Meisterfeier am
19./20. akut in Gefahr geraten wäre). Und zweitens bin ich froh, nicht
mit denselben Leuten feiern zu müssen, die diese tolle Mannschaft, die
vielleicht einfach noch nicht reif für einen großen Titel ist, jetzt so
gnadenlos schlecht machen. Man kann doch seine Meinung nicht von den
Ergebnissen einiger weniger Wochen abhängig machen. Nicht nur die
Mannschaft hat die Meisterschaft letztendlich nicht verdient, sondern
auch wir Fans. Wie kann man ein Lied wie "Lebenslang grün-weiß" singen,
wie kann man Miro Klose verteufeln, weil er über einen Wechsel zu
Bayern nachdenkt, wenn man selber seine Vereinstreue nur über den
Erfolg definiert? Diese Erkenntnis finde ich viel deprimierender als
die verspielte Meisterschaftschance!

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