Ausgelutscht

Der Vertrag zwischen Werder und Torsten Frings wird nicht verlängert. Zugleich eine gute und traurige Nachricht. Aus sportlicher Hinsicht ist es meiner Meinung nach die einzige richtige Entscheidung gewesen. Trotzdem hinterlässt es immer ein schales Gefühl, wenn ein solch verdienter Spieler aufhört. Zum Abschied ein (nicht wirklich) kurzer Rückblick auf seine Karriere.

Vom Stürmer zum Rechtsverteidiger

Torsten Frings kommt in der Winterpause der Saison 1996/97 von Alemannia Aachen zu Werder, derselben Saison, in der Werder Viktor Skripnik, Jens Todt und Heimo Pfeifenberger verpflichtet. Derselben Saison, in der Andi Herzog von den Bayern zurückkehrt. Im Jahr 2 nach Rehhagel. Die vielbesungenen “Jahre voller Frust”. Werders Trainer heißt damals Dixie Dörner und der junge Stürmer muss sich vorerst hinter den arrivierten Marco Bode, Bruno Labbadia und Bernd Hobsch einreihen. Frings fällt in seiner ersten halben Saison durch zwei Dinge auf: Seine für einen Stürmer nicht unbedingt förderliche Torungefährlichkeit und seine für einen Fußballer allgemein sehr förderliche Vielseitigkeit. So stehen am Ende 15 Einsätze zu Buche, teils im Angriff, teils im Fünfermittelfeld in Werders 3-5-2-System.

Auf Dixie Dörner folgen Wolfgang Sidka und schließlich Felix Magath, bei dem Frings aneckt und in seiner Entwicklung stehenbleibt. Trotz einiger Lichtblicke, wie seinem Doppelpack im Pokalspiel gegen Fortuna Düsseldorf (damals trainiert von einem gewissen Klaus Allofs) im Oktober 1998, kommt er nicht über die Rolle des Ergänzungsspielers hinaus, zumal Magath ihn meistens in der Sturmspitze spielen lässt. Für einen Stürmer ist Frings Trefferquote jedoch weiterhin blamabel: Als Thomas Schaaf im Mai 1999 den Trainerposten übernimmt, hat Frings gerade einmal 5 Bundeligatore erzielt – in zweieinhalb Jahren. In Schaafs erstem Spiel für Werder, dem zum Abstiegsendspiel hochstilisierten Nachholspiel gegen den FC Schalke, läuft Frings wieder im rechten Mittelfeld auf, wo er in der folgenden Saison seinen Stammplatz innehat.

Unter Schaaf spielt Frings konstant, steht jedoch im Schatten der Mittelfeldstars Herzog und Dieter Eilts sowie des neuen Traumsturms Ailton und Claudio Pizarro. Die Versetzung auf die rechte Verteidigerposition hat er den Undiszipliniertheiten des jungen Razundara Tjikuzu zu verdanken, der sich in der Saison 2000/01 aus dem Team katapultiert. Schaaf experimentiert damals in der Abwehr noch mit Viererkette, Dreierkette und Libero und Frings ist mit seiner Vielseitigkeit genau der richtige Mann für die vakante Position hinten rechts. Vielleicht wäre Frings einer der vielen zum Rechtsverteidiger umgeschulten Stürmer der Ära Schaaf geblieben (Stalteri, Fritz, Harnik), wenn es im Herbst 2001 nicht ganz anders gekommen wäre.

Die Geburt eines Mittelfeldmotors

Meistens sind es dramatische Ereignisse, die zum Umdenken eines Trainers führen, wie Frings nun am eigenen Leib erfahren muss. Vor zehn Jahren war er einer der Profiteure von Thomas Schaafs Umdenken. Nach Werders Fehlstart in die Saison 2001/02 setzt Schaaf kurzerhand Eilts und Herzog auf die Bank und holt Frings zurück ins Mittelfeld, nun in verantwortungsvollerer Position vor der Abwehr. Das Experiment geht zunächst schief, gegen den 1. FC Kaiserslautern verliert man mit 0:1 und im folgenden Spiel gegen den 1. FC Köln gibt es nur ein 1:1. Schaaf bleibt jedoch stur, lässt Eilts und Herzog auf der Bank und wird schließlich für sein konsequentes Handeln belohnt. In Hamburg und beim “Meister der Herzen” Schalke feiert Werder Kantersiege, Weltpokalsieger Bayern München wird geschlagen und schließlich fügt man auch Tabellenführer Bayer Leverkusen die erste Saisonniederlage zu.

Mit Ivica Banovic und Krisztian Lisztes hat Werder zwei junge, potentielle Spielmacher im Kader, von denen nur der Letztere überzeugen kann. Der wahre Mittelfeldmotor heißt jedoch Torsten Frings. Werder wird “Ganzjahresmeister” 2001 und Frings ist einer der Hauptgründe dafür, dass man nach Pizarros Verkauf nicht in ein Loch gefallen ist. Die überragenden Leistungen sorgen jedoch für Begehrlichkeiten anderer Clubs. Als der frisch gebackene Deutsche Meister Borussia Dortmund die Finger nach ihm ausstreckt wird er schwach. Es beginnt ein unwürdiges Schachern zwischen den Vereinen und dem Spieler, bei dem Werder letztlich als Verlierer dasteht, auch weil Frings sich öffentlich zu seinen Wechselabsichten bekennt und damit Druck auf Werder ausübt.

Von den Werderfans als Verräter geächtet wechselt Frings schließlich zum BVB. Eine sportliche Verbesserung ist es für ihn jedoch nur kurzzeitig. Während Werder mit der Mittelfeldraute um Frank Baumann, Fabian Ernst und Johan Micoud den deutschen Fußballgipfel erklimmt, rutscht der BVB langsam ab. Es sind die letzten Zuckungen vor dem finanziellen Kollaps, dem Frings mit seinem Wechsel zum FC Bayern im Sommer 2004 gerade noch entgeht. Seine früheren Kollegen haben gerade das Double gewonnen und er hat nichts dazu beigetragen (auch wenn man argumentieren könnte, dass es ohne seinen Wechsel zum BVB möglicherweise nicht zur Verpflichtung von Micoud wenige Monate später gekommen wäre), obwohl er doch nach Dortmund gewechselt war, um seine Chancen auf eine Meisterschaft zu erhöhen. Ein Jahr später ist er dann tatsächlich Deutscher Meister. Es ist die einzige Meisterschaft seiner Karriere, doch einen Grund zur Freude hat er nicht. Kurz nach seiner Unterschrift beim Rekordmeister verpflichtet dieser Felix Magath als Trainer, mit dem Frings schon in Bremen nicht zurecht gekommen ist. Er spielt in der folgenden Saison zwar regelmäßig, doch auf der Spielmacherposition, die Magath ihm zeitweise zuweist, kann er nicht wirklich überzeugen und findet sich nach nur einem Jahr auf dem Abstellgleis wieder.

Rückkehr und Zenit

Die Rückkehr nach Bremen kommt eher unerwartet zustande. Wochenlang halten sich die Gerüchte um einen Wechsel des Bremer Abwehrchefs Valerien Ismael zu den Bayern, bis am 10. Juni 2005 ein Tauschgeschäft zustande kommt. Im besten Fußballeralter von 28 Jahren kommt Frings zurück an die Weser, wo er zunächst auf Skepsis bei den Fans stößt, die ihm seinen Abgang drei Jahre zuvor noch nicht verziehen haben. Auch sportlich ist die Aufgabe nicht leicht, denn Frings soll den nach seinem Abgang aufgeblühten Fabian Ernst ersetzen. Doch schon nach wenigen Spielen zeigt sich, dass Frings Verpflichtung ein Volltreffer ist, sowohl für den Verein als auch für den Spieler. Rechts in der Mittelfeldraute kommen Frings Stärken voll zur Geltung. Mit Frank Baumann hat er einen verlässlichen Sechser hinter sich und kann mit seiner Dynamik und seinem Kampfgeist Werders Spiel antreiben. Frings findet endlich das, was er bei seinem Weggang aus Bremen gesucht hat: Eine Schlüsselrolle in einer Spitzenmannschaft.

Der Sommer 2006 kommt und in Deutschland bricht mit Oliver Neuvilles Tor gegen Polen die WM-Begeisterung aus. Das Sommermärchen wird geschrieben. Torsten Frings ist fester Bestandteil der Nationalmannschaft und rückt nach dem Systemwechsel zum 4-4-2 mit Doppelsechs mehr in den Fokus. Neben Kapitän Michael Ballack avanciert Frings immer mehr zum Chef im deutschen Mittelfeld, steigert sich von Spiel zu Spiel und liefert im Viertelfinale gegen Argentinien eines der besten Spiele seiner Karriere ab. Fans und Experten sind begeistert und überschütten ihn mit Lob und Anerkennung. Vor dem Halbfinale kommt es jedoch zum Eklat: Italienische Medien zeigen einen Videoausschnitt, in dem zu sehen ist, wie Frings einem Argentinier ins Gesicht schlägt. So lautet zumindest die Interpretation der FIFA, die Frings für ein Spiel sperrt – das Halbfinale gegen Italien. Die Unverhältnismäßigkeit gegenüber den Strafen gegen die Argentinier, von denen die Aggressionen auf dem Spielfeld ausgehen, und die Tatsache, dass es eine italienische Medienkampagne ist, die zu den Ermittlungen gegen Frings führt, nähren in Deutschland die Verschwörungstheorien. Nicht wenige Stimme melden sich nach dem verlorenen Halbfinale, die behaupten, mit Frings hätte Deutschland das Spiel gewonnen.

Im Jahr 2006 erreicht die Entwicklung der Ära Schaaf ihren Höhepunkt. Werder ist drauf und dran den Bayern dauerhaft auf die Pelle zu rücken, holt im Kalenderjahr 2006 die meisten Punkte aller Bundesligisten und steht zu Weihnachten auf Platz 1. Torsten Frings ist einer der absoluten Stars der Mannschaft und meldet sich auch häufig außerhalb des Platzes zu Wort. Als es im Endspurt der Saison 2006/07 zum Transfertheater um Miroslav Klose kommt, gibt er den Lautsprecher des Teams und kritisiert Kloses Verhalten öffentlich. Nur wenige Wochen zuvor hat er sich medienwirksam zum SV Werder bekannt, nachdem er mit einem Wechsel zu Juventus geliebäugelt hatte und sogar zu einem Besuch in Turin war. Es bleibt der letzte Abwanderungsgedanke. Frings ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt und das verdankt er nicht zuletzt seiner Rückkehr nach Bremen. Der große Triumph bleibt ihm jedoch verwehrt, die Mannschaft kann den hohen Erwartungen nicht vollständig gerecht werden. In der Champions League scheitert man auf dramatische Weise an Juventus Turin bevor man ein Jahr später kurz davor ist den FC Barcelona rauszuwerfen. Am Ende gelingt der Sprung in die Fußballelite Europas nicht. Auch national bleibt der große Erfolg aus. 2007 verspielt man trotz großer Vorschusslorbeeren in der Rückrunde die Meisterschaft. Ein Jahr später bleibt man den übermächtigen Bayern mit dem geplünderten Festgeldkonto bis Weihnachten auf den Fersen, bevor nach der Winterpause der Einbruch kommt. Werder und Frings bleiben unvollendet.

Der Kampf gegen das Abstellgleis

Der Anfang vom Niedergang kommt in Form einer Verletzung. Es ist Herbst 2007 und Werder wird von der vielleicht schlimmsten Verletzenmisere der Vereinsgeschichte heimgesucht. Frings fällt 10 Wochen lang aus, kommt in der Winterpause zurück und verletzt sich direkt wieder. Erst Ende März 2008 kann er wieder für Werder auflaufen. Das Team befindet sich zu diesem Zeitpunkt im freien Fall und droht auch die letze Chance auf die Champions League zu verspielen. Frings findet schnell zu seiner alten Form zurück und trägt entscheidend mit dazu bei, dass sich Werder im Saisonendspurt doch noch die Vizemeisterschaft sichern kann. Die Europameisterschaft im Sommer verläuft für ihn jedoch enttäuschend. Durch einen Rippenbruch verpasst er nach einer durchwachsenen Vorrunde das Viertelfinale gegen Portugal und zwingt Trainer Jogi Löw damit zu seiner taktischen Meisterleistung im Turnier, dem Umstieg vom 4-4-2 zum 4-2-3-1. Statt Frings spielen nun Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes auf der Sechserposition und sichern hinter Michael Ballack ab. Zum Halbfinale ist Frings wieder zurück, doch es bleiben Zweifel an seiner Fitness. Löw lässt ihn zunächst auf der Bank, bringt ihn jedoch zur Halbzeit für Rolfes. Deutschland zieht ins Finale ein, wo Frings wieder in der Startelf steht. Deutschland ist den Spaniern spielerisch klar unterlegen und auch läuferisch kann das Mittelfeld mit den angeschlagenen Frings und Ballack nicht gegenhalten. Nach dem Turnier ruft Löw das Leistungsprinzip aus, dem sich nun auch Ballack und Frings zu unterwerfen hätten. Ein unverhohlener Vorwurf an seine Stars.

Bei Werder und Frings verläuft die folgende Saison holprig. In der Liga bleibt die Mannschaft klar hinter den Erwartungen zurück, auch wenn spektakuläre Siege gegen die Bayern, Hoffenheim und Hertha BSC für Aufsehen sorgen. Besser läuft es dagegen in den Pokalwettbewerben, wo nicht zuletzt die Derbysiege gegen den HSV die Saison aus Bremer Sicht retten. Im UEFA-Cup erreicht Werder das Finale. Für Frings ist es das einzige internationale Finale auf Clubebene und es geht in die Hose. Besser läuft es im DFB-Pokal, wo Werder das Finale gegen Bayer Leverkusen gewinnt und Frings seinen zweiten Titelgewinn mit Werder nach dem Pokalsieg 1999 feiern kann. Im Sommer beendet Kapitän Frank Baumann seine Karriere. Torsten Frings übernimmt sein Amt und seine Position auf dem Spielfeld. Die Verletzungen der letzten Jahre haben jedoch Spuren hinterlassen. Frings wirkt nicht mehr so spritzig wie in den Jahren zuvor und hat sichtlich größere Probleme, nach Verletzungspausen zurück zu seiner Topform zu finden. Im Verein bekommt er mit Philipp Bargfrede einen jungen Spieler an die Seite gestellt, der sofort einschlägt und Frings in der neu eingeführten Doppelsechs unterstützt.

Weniger Unterstützung erfährt er in der Nationalmannschaft, wo Löw im Vorfeld der WM 2010 auf andere, jüngere Spieler setzt und Frings lange Zeit ignoriert. Spätestens als Bastian Schweinsteiger bei den Bayern zum Sechser umgeschult wird und dort überragende Leistungen zeigt, ist Frings Zeit als Nationalspieler abgelaufen. Bei einem Treffen im Bremer Parkhotel teilt der Bundestrainer dem Spieler seine Entscheidung mit, knapp ein Jahr nachdem Frings sein letztes Spiel für den DFB absolviert hat. Zuvor hat Frings mehrfach in der Öffentlichkeit seine Ansprüche angemeldet. Im Endspurt der Saison 2009/10 kann er endlich auch wieder auf dem Rasen überzeugen. Er profiliert sich als Antreiber, Tor- und sicherer Elfmeterschütze und hat wie schon zwei Jahre zuvor großen Anteil daran, dass Werder die Saison noch retten kann. Seine Defizite im taktischen Bereich kann er jedoch immer weniger durch seinen Kampfgeist kompensieren. Die Saison 2010/11 wird zur bittersten in Frings Karriere. Er verkörpert nicht den modernen Sechser, der Werders Spiel in den letzten Jahren abgeht. Sein Status im Team und beim Trainer ist jedoch gefestigt und trotz anhaltender Probleme gerät sein Stammplatz nie in ernsthafte Gefahr.

Abschied nach zwölf Jahren Werder

Es kann auch Thomas Schaaf und Klaus Allofs trotz aller Treueschwüre nicht verborgen geblieben sein, dass Frings spätestens in seiner letzten Saison zum Problemfall geworden ist. Diesen Umstand kann man kaum dem Spieler zuschreiben, denn es ist nur logisch, dass sein Körper diese kraftaufwändige Spielweise nicht ewig auf höchstem Niveau durchhalten kann. Den rechtzeitigen Umbruch hat Werder verpasst und muss in der nun abgelaufen Saison den Preis dafür zahlen. Shootingstar Bargfrede lange im Leistungsloch, Ersatzmann Niemeyer ohne Not abgegeben, die erfahrenen Borowski und Jensen dauerverletzt. Torsten Frings hat sich nie davor gescheut, Verantwortung zu übernehmen, wenn er dies auch nach meinem Geschmack häufig zu sehr medial inszenierte. Er hat sich für Werder aufgerieben und muss nun seinem Alter Tribut zollen. Die sportliche Führung scheint es mit dem Umbruch nun ernst zu meinen. Schaafs engster Vertrauter im Team ist nach Jensen und Pasanen nun der nächste, der diesem Umbruch zum Opfer fällt.

Kaum ein Spieler stand in den letzten 10 Jahren so sehr für Werder Bremen, wie Torsten Frings. Er hat eine sehr bewegte Karriere hinter sich und konnte sich trotz seines unrühmlichen Abgangs 2002 nach seiner Rückkehr schnell wieder in die Herzen der Fans spielen. Dort wird er auch in Zukunft immer einen Platz haben. Danke für deinen unermüdlichen Einsatz für Werder Bremen. Mach’s gut, Lutscher!

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    2 Gedanken zu „Ausgelutscht

    1. Eine schöne Würdigung (auch wenn er die halbwegs verdrängte Dixie-Sidka-Magath-Zeit nach oben spült).

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