Berlusconi, Provenzane und Danish Dynamite (1)

Statt Vorschau auf das Spiel gegen Freiburg gibt es heute ein wenig Prosa: Eine Reiseerzählung, die nur bedingt – bzw. im ersten Kapitel gar nicht – mit Fußball zu tun hat.

Kapitel 1: Die Überfahrt

Es schaukelt. Ein langsames, beständiges und überaus starkes Schaukeln. Das Schiff bewegt sich in großen Wogen vor und zurück, vor und wieder zurück. Es ist ein Katamaran der Fährgesellschaft Virtu Ferries, die eine tägliche Verbindung zwischen Malta und Sizilien anbietet. Wir befinden uns erst wenige Kilometer vor der maltesischen Küste. Mir ist schlecht und ich bin alleine.

Ab halb fünf saßen wir im Warteraum des Virtu Ferries Terminals an der Valetta Waterfront. Wir waren die ersten dort. Teutonische Pünktlichkeit einer Amerikanerin, eines Dänen, eines Sizilianers und eines eigentlich eher unpünktlichen Deutschen. Katie, Michael, Valerio und ich hatten uns im Jahr zuvor beim Studium in Malta kennengelernt und waren nun zusammen auf dem Weg nach Sizilien. Die Fähre war der kostengünstigste Weg dorthin. Valerio hatte uns bereits vorgewarnt, dass die Fähre um diese Zeit sehr voll werden würde.

Da wir alle keine ausgeprägten Frühaufsteher waren, hatten wir gar nicht erst versucht, zu so früher Stunde aufzustehen, sondern waren gleich wachgeblieben. Entsprechend müde sanken wir in der Wartehalle in unsere Sitze. Während sich der Raum langsam mit Menschen füllte, konnten wir kaum noch unsere Augen offen halten. Wir bemerkten zunächst auch nicht, dass sich aus dem Menschenpulk im Warteraum nach und nach eine Schlange gebildet hatte. So mussten wir uns weit hinten anstellen und nach dem Öffnen der Zugangstüren noch eine ganze Weile warten.

Als wir um kurz vor Sechs endlich an Bord der Fähre gingen, war der Innenraum bereits gut gefüllt. Die Sitzreihen waren wie im Flugzeug angeordnet. Ein Block links, einer rechts und einer in der Mitte, getrennt durch zwei schmale Gänge. In den Sitzreihen waren nur noch Einzelplätze frei, auf die wir uns verteilen mussten, denn das Stehen war während der Überfahrt verboten; und das – wie wir bald rausfinden sollten – aus gutem Grund. Wir trennten uns also und ich suchte mir einen freien Platz. Im Getümmel verlor ich schnell den Überblick und bald auch meine Begleiter aus den Augen.

Hier sitze ich nun also, in der Mitte einer Dreierreihe. Rechts und links flankiert von zwei Männern, die mich keines Blickes würdigen. Ein älterer, korpulenter Herr im feinen Seidenanzug und ein jüngerer Mann um die 30, der einen ziemlich genervten Eindruck macht. Es ist genau die Umgebung, in der man sich befinden möchte, wenn man sich übergibt. Sich auf nüchternen Magen zu übergeben, ist schon schlimm genug. Es auch noch vor diesem Publikum tun zu müssen, ist der Tiefpunkt meines persönlichen Wohlbefindens. Ungerührt glotzen meine Sitznachbarn in der Gegend herum, während ich mir die Seele aus dem Leib kotze.

Auf den Gängen hasten die Schiffsbegleiter von Reihe zu Reihe. Sie haben während der Überfahrt einzig und allein zwei Aufgaben: Volle Spucktüten einsammeln und leere Spucktüten austeilen. Es ist ein Festival der Kotzerei. Rings um mich herum wird gespuckt, gekeucht und gereihert, sodass die Geräusche der peitschenden Wellen, die an die Seitenwände des Katamarans schlagen, kaum noch zu hören sind. Die Luft füllt sich mit einer Geruchsmischung aus Magensäure und Meeresbrise, wobei der säuerlich-beißende Geruch deutlich überwiegt. Es gibt mir ein Gefühl der Normalität und es ist ungemein tröstend, dass es einem großen Teil der anderen Passagiere nicht besser ergeht als mir. Ein kurzer Blick zur Seite bestätigt meine Annahme, dass ein gutes Drittel der Schiffsinsassen über braune Papiertüte gebeugt sitzen und ihre Gesichter einen grünlichen Teint annehmen. Die anderen beiden Drittel müssen Mägen aus Leder haben.

Ich versuche mich umzudrehen, um zu sehen, wie es Katie geht. Sie sitzt einige Reihen hinter mir, doch ich kann sie auf den ersten Blick nicht erkennen. Für einen zweiten Blick reicht es nicht. Mit einer hektischen Bewegung drehe ich mich zurück und ein weiterer Schub Magensäure landet in meiner Spucktüte. Es ist wohl keine gute Idee, sich noch mal umzudrehen, denke ich mir, während ich einen Blick auf die gelbliche Flüssigkeit in der Tüte werfe. Da muss sie nun wohl alleine durch, so wie ich. An Bord dieser Fähre ist jeder auf sich allein gestellt. Ein Drittel kotzt und zwei Drittel gucken blöd in der Gegend rum. Eine Art goldener Schnitt.

Da ich in meinem Leben zuvor noch nie seekrank war, habe ich mir vor der Überfahrt keine großen Gedanken darüber gemacht. Mittelmeer, Fähre, Frühling – was soll da schon schiefgehen? Ein Königreich für eine Reisetablette, für die es nun jedoch schon längst zu spät ist. Bereits eine Viertelstunde nach Abfahrt regte sich mein Magen und ich konnte dessen spärlichen Inhalt nur wenige weitere Minuten in mir halten. Das Treiben um mich herum nimmt immer absurdere Züge an. Einige Passagiere machen den Fehler aufzustehen, um auf die Toilette zu gehen und sich dort in der Privatsphäre vier dünner Wände ein wenig würdevoller zu übergeben. Das Schaukeln des Schiffes macht diesen Gang jedoch zu einem nahezu unüberwindbaren Hindernisparkours. Die mittlerweile weichen Knie tun das übrige und so kommen immer wieder Menschen auf die Sitzreihen zugestürzt und halten sich mit etwas Glück noch an einer Kopfstütze fest, bevor sie unsanft auf dem Schoß eines anderen Passagiers Platz nehmen. Eine Frau hat weniger Glück. Sie verliert kurz vor dem Ziel das Gleichgewicht und fällt wenige Meter vor der Toilette auf den Boden, wo sie sich vor Lauter Schreck direkt wieder übergeben muss. Selbst der herbeigeeilte Steward kann nicht mehr verhindern, dass sie in Tränen ausbricht.

“Was mache ich hier eigentlich?” denke ich mir. “Warum fahre ich mit diesem Höllenschiff durchs Mittelmeer auf die Mafiainsel Sizilien? Ich muss doch völlig bescheuert sein.” Es sind die Gedanken eines fatalistisch gestimmten Wracks, das seit nunmehr einer Stunde nicht aufhören kann, sich zu übergeben. Den Ausflug nach Sizilien hatten wir von langer Hand geplant. Seitdem ich mein Auslandssemester an der University of Malta im Februar beendet hatte und wieder zurück in meiner Heimat Bremen war, wollte ich zurück auf die kleine Mittelmeerinsel, was nicht nur an der Tatsache lag, dass meine amerikanische Freundin Katie dort noch ein weiteres Semester lang studierte, um ihren Master-Abschluss zu machen. Ich vermisste auch das kleine Land und dessen ganz eigenen Charme. In meinem halben Jahr, das ich dort verbracht hatte, entwickelte ich eine gesunde Hassliebe zu Malta und den Maltesern. Die Widersprüchlichkeiten, die hier auf engstem Raum gelebt wurden, hatten mich in ihren Bann gezogen.

Da ist auf der einen Seite die familiäre Spießigkeit und die Allgegenwärtigkeit der katholischen Kirche mit ihren 365 Gotteshäusern („one church for each day of the year“). Auf der anderen Seite gibt es die Partyhochburg Paceville, von den Maltesern auch Sin City genannt, in der nicht nur für die Touristen die Nacht zum Tag wird und die Röcke der Frauen selten länger sind, als bei uns ein handelsüblicher Gürtel breit. Solange das Mädchen am Sonntagmorgen mit ihrer Familie züchtig gekleidet in die Kirche geht, gibt es keine Probleme. Die Natur hat wegen der heißen und langen Sommer kaum eine Chance auf der felsigen und besonders im Norden dicht besiedelten Insel – von Katie in einer schlechten Stunde mal als „fucking piece of rock in the middle of nowhere“ bezeichnet. Lediglich in den ersten Frühlingsmonaten sprießt es hie und da grün hervor, bevor die sengende Maisonne die Triebe wieder verdorren lässt. Kulturell hat Malta dafür umso mehr zu bieten. Durch die ständig wechselnden Besatzungsmächte haben die unterschiedlichsten Kulturen ihre Spuren hinterlassen, was sich nicht zuletzt in der maltesischen Sprache, einem Gemisch aus Arabisch und Italienisch mit französischen und englischen Anleihen, widerspiegelt. Die Jahrhunderte unter fremder Bevormundung sind auch an der Bevölkerung nicht spurlos vorübergegangen. Immer wieder wurde Malta als Bastion im Mittelmeer erobert und zurückerobert, zudem im zweiten Weltkrieg heftig von den Deutschen bombardiert. Seit der Unabhängigkeit vom britischen Empire verteidigen die Malteser ihre Freiheit vehement und so verwundert es nicht, dass gerade die ältere Bevölkerung den EU-Beitritt ihres Landes mit sehr kritischen Blicken beäugt.

Einen zweiwöchigen Besuch bei Katie hatte ich im April also eingeplant. Endlich die Gelegenheit, den immer wieder aufgeschobenen Ausflug nach Sizilien nachzuholen, den wir trotz verhältnismäßig viel Freizeit während des Wintersemesters nicht geschafft hatten. Ein paar Tage nach Capo D‘Orlando, der Heimat meiner beiden sizilianischen Mitbewohner aus Apartment 104 in der University Residence, einem Studentenwohnheim extra für ausländische Gaststudenten, das jedem Besucher auf den ersten Blick die Sprache verschlug. Abgesehen von der Renovierungsbedürftigkeit der Apartments und den maßlos überteuerten Mietpreisen erinnerte die ehemalige Hotelanlage mit dem Swimmingpool in der Mitte nun wirklich nicht an eine Behausung für wissbegierige Studenten, sondern eher an ein Urlaubsmekka für Sonnenanbeter, was kein Widerspruch sein muss: Anfang Oktober bei aus mitteleuropäischer Sicht hochsommerlichen Temperaturen am Pool liegen und dort ab und an in die Unibücher schauen, so kann man durchaus studieren. Erst hier verstand ich, warum die Balkone der Wohnungen des grauen Studentenwohnblocks auf dem Boulevard der Uni Bremen mit Gittern abgesichert sind. Hätte man einem der dortigen Bewohner Bilder der University Residence gezeigt, sie hätten sich ohne zu zögern aus dem Fenster gestürzt.

In Sizilien will ich mir auch einen lange gehegten Traum erfüllen: Einmal nach Corleone, die reale Mafiahochburg und fiktionale Heimat des Paten aus dem gleichnamigen Buch und Film. Schon ewig bin ich Fan von Mafiafilmen und -geschichten gewesen. Der Pate, Goodfellas, Once Upon a Time in America, Casino, The Sopranos – ich kenne sie alle in und auswendig. Doch auch die reale Geschichte der Mafia interessiert mich. Sizilien, die Heimat der Cosa Nostra, übt schon lange einen besonderen Reiz auf mich aus. Hier hat der berühmte Richter Giovanni Falcone gewirkt und hunderte Mafiosi hinter Gitter gebracht. Hier wurden er und wenig später auch sein Kollege Paolo Borsellino 1992 aus Rache ermordet. Ich bin fasziniert von Sizilien und will mir die Gelegenheit nicht noch einmal entgehen lassen, die nördlich von Malta gelegene Insel zu besuchen. Was sind da schon ein paar Stunden quälender Übelkeit?

Nach schier endlosen zweieinhalb Stunden auf hoher See tauchen an den Bullaugen die ersten Spuren des Festlands auf und der Katamaran wird langsamer. Beton und Menschen zu beiden Seiten. Wir erreichen den Hafen von Catania. Das Schaukeln hat nun fast aufgehört und mein Magen zeigt erste Anzeichen von Erleichterung. Ich schaue irritiert umher. Der genervte junge Mann rechts neben mir bietet mir einen Kaugummi an. Voller Freude, das Schiff ohne den Geschmack von Erbrochenem im Mund verlassen zu können, nehme ich an. Durch das Kauen beginnt mein leergepumpter Magen wieder zu arbeiten. Die geschundenen Magenschleimhäute rebellieren. Unter leichten Magenkrämpfen stehe ich auf und gehe in Richtung Ausgang des Schiffs. Wo sind die anderen? Vor lauter Freude über das Ende der Überfahrt habe ich völlig die Orientierung verloren. Wo ist Valerio? Wo ist Michael? Und vor allem: Wo ist Katie?

Beim Verlassen der Fähre holen Michael und Katie mich ein. Michael sieht etwas müde aus, doch ansonsten macht er einen guten Eindruck. Ihm hat das Schaukeln offenbar nicht viel ausgemacht. Ganz anders die arme Katie. Sie hat eine ähnlich blaßgrüne Gesichtsfarbe wie ich und sieht fürchterlich aus. Ich möchte sie tröstend umarmen, doch sie weist mich von sich. „Please“, sagt sie, und ich bin mir nicht sicher, ob es ihr eigener oder mein Zustand ist, der sie auf Abstand zu mir hält. Wahrscheinlich beides, denke ich mir, während wir langsam über die Brücke aufs Pier gehen. Katie ist Amerikanerin aus dem Bundesstaat Minnesota. Viel weiter entfernt von den Meeresküsten kann man auf dem nordamerikanischen Kontinent kaum wohnen. Dennoch überrascht mich ihre Seekrankheit ein wenig, denn schließlich ist Minnesota das „Land of the 10,000 Lakes“, wo ein See neben dem anderen liegt. Katie ist passionierte Seglerin, doch auf Binnengewässern ist das eine gänzlich andere Angelegenheit. Die Wogen des Meeres ist sie noch weniger gewohnt als ich, der immerhin in einer Hafenstand in Reichweite der Nordsee aufgewachsen ist. In diesem Moment fühle ich mich ihr trotzdem sehr nah, denn was kann verbindender sein, als eine frühmorgendliche, magenentleerende Seekrankheit?

Am Pier steht Valerio und wartet mit schwer zu verbergendem Lachen auf uns. Er hat auf der Fähre weiter vorne gesessen und sich schon einige Minuten vor uns von Bord des Schiffs gekämpft. „How was your trip?“ fragt er mit halb mitleidigem, halb schadenfrohem Blick. Er ist die Strecke schon häufiger gefahren und ihm konnte das bisschen Schaukelei nichts anhaben. Vor Beginn der Fahrt hat er uns gefragt, ob wir schnell seekrank werden, was wir alle drei empört verneinten. Auf die von ihm angebotenen Reisetabletten verzichteten wir dankend. Nun versprüht jede Faser seines Körpers ein „I told you so!“, doch er kann sich einen Kommentar dazu verkneifen: “Kommt, wir gehen zum Busbahnhof und jetzt sind wir ja wieder auf dem Festland.” Valerio deutet mit der Hand in die Richtung, in der seiner Meinung nach der Busbahnhof von Catania liegen soll.

Wir gehen los. Inzwischen haben auch bei Katie die Magenkrämpfe eingesetzt. Ob wir nicht zuerst etwas frühstücken können, fragen Katie und ich fast zeit- und wortgleich. “Wir können ja unterwegs mal schauen, wo es etwas gibt”, schlägt Valerio vor. Es klingt wie ein leeres Versprechen. Michael ist verhältnismäßig wortkarg, als wir das Pier entlang laufen. Die Müdigkeit hat ihn noch fest im Griff. Michael ist ein Däne polnischer Abstammung, der in England studiert hat und fast perfekt Englisch spricht. Er ist einer der wenigen verbliebenen Residence-Bewohner aus dem Wintersemester und und absolviert den gleichen Studiengang wie Katie. Dennoch ist es eher Zufall, dass er uns auf unserem Trip begleitet. Sein Flug in die Heimat, wo er die Osterferien verbringen will, geht von Palermo aus. Auf diese Weise kann er Geld und einen Zwischenstopp in Rom sparen und gleichzeitig noch ein paar schöne Tage auf Sizilien verbringen. Am Ende würden Katie, Valerio und ich ihn zum Flughafen bringen und am nächsten Tag mit der Fähre wieder zurück nach Malta fahren. Oh, diese verdammte Fähre! Auf dieses Schiff bekommen mich keine zehn Pferde mehr. Lieber würde ich auf Sizilien sterben, als mich noch einmal diesem Katamaran und den Wellen des Mittelmeeres auszusetzen.

Den Gedanken an die Rückfahrt verwerfe ich gleich wieder. Zunächst gilt meine Aufmerksamkeit ganz der Nahrungssuche. Am Hafen von Catania ist dies keine ganz einfache Angelegenheit. Es ist wenig zu sehen von betriebsamer Hektik oder überhaupt irgendeiner Form von Arbeit, die man um diese Tageszeit – inzwischen ist es neun Uhr morgens – an einem Hafen erwarten würde. Kaum eine Menschenseele, lediglich suchend umherblickende Touristen und geraden Schrittes nach Hause eilende Einheimische strömen von der Fähre aus in Richtung Stadt. Nur ab und an kommen wir an einem Hafenarbeiter vorbei. Katie muss auf die Toilette. Valerio fragt einen der Arbeiter nach dem Weg. Er deutet im Vorbeigehen grob in eine Richtung und verliert nicht viele Worte. Gut, sagt Valerio, dort drüben ist ein Lokal. Endlich eine Toilette, endlich Frühstück! Voller Vorfreude spazieren wir auf das Gebäude zu, das wir nun schon deutlich als eine Art Geschäft oder Café erkennen können. Mein Magen tut einen kleinen, schmerzhaften Freudensprung.

Als wir den Laden betreten entpuppt er sich als eine Art Quickshop. Hinter einem Tresen steht ein junger Mann, der Kaffee kocht und sich nicht weiter um uns kümmert. Katie hastet sofort zur Toilette. Wir schauen uns im Laden um und merken schnell, dass es hier kein genießbares Frühstück für uns gibt. Hinter einer Glasscheibe liegen einige undefinierbare Gebäckstücke, die sich bei näherer Betrachtung als eine Art Sandwiches entpuppen, die ihre besten Tagen eindeutig schon hinter sich haben. Vorsichtig fragt Valerio, ob es noch etwas anderes zu essen gäbe, worauf ihm der junge Mann entgegnet: „Erst heute Mittag.“ Valerio bestellt für sich einen Kaffee, schon alleine um den missmutigen Blicken der Hafenarbeiter ein wenig zu entgehen, die Kaffee schlürfend in den Ecken des Ladens stehen und ihre lebhafte Unterhaltung unterbrochen haben, als wir den Laden betraten. Eine beklemmende Atmosphäre, denn wir stehen nun eindeutig im Mittelpunkt des Interesses und wissen nicht wie wir uns verhalten sollen. Nur dem jungen Mann hinterm Tresen scheinen wir egal zu sein. Valerio fragt uns, ob wir auch etwas wollen und blickt uns erwartungsfroh an. Wir wollen nicht. Wenn es etwas gibt, das meinen Magen nun noch mehr durcheinanderbringen könnte, dann ist es ganz sicher Kaffee. Wir warten, bis Katie von der Toilette zurückkommt, Valerio trinkt unterdessen seinen Kaffee hastig aus und wir verlassen das Geschäft unter übertriebenen Dankesgesten.

Der Weg zum Busbahnhof erweist sich als länger als gedacht, was vor allem daran liegt, dass Valerio ihn nicht kennt und wir uns hoffnungslos verlaufen. Nach etwa 10 Minuten Fußweg fragt Valerio den ersten Einheimischen nach dem Weg. Ob er denn nicht schon häufiger mit der Fähre gefahren sei, fragt ihn Katie, als wir in die angewiesene Richtung losmarschieren, die zufälligerweise mit der Richtung identisch ist, aus der wir gekommen sind. Doch, doch, schon, sagt Valerio, aber nicht so oft, meistens sei er über Pozzallo gefahren und er habe sich den Weg nun mal nicht genau eingeprägt. Aber nun seien wir ja schließlich auf dem richtigen Weg. An der nächsten Weggabelung blickt uns Valerio fragend an, so als ob er von uns, die wir alle kein Italienisch sprechen und noch nie in Catania waren, eine Orientierungshilfe erwartet. Er fragt schließlich einen weiteren Einheimischen, der sofort ein fünfminütiges Gespräch mit ihm beginnt, bei dem beide gleichzeitig zu sprechen scheinen und man schließlich noch im Reden und Gestikulieren auseinandergeht. “Hier lang”, sagt Valerio und deutet nach rechts. Wir gehen weiter. Ob wir denn nicht den Bus verpassen, frage ich vorsichtig, doch Valerio beschwichtigt mich sofort. “Keine Sorge, wir haben genug Zeit.” – “Und worüber hast du dich mit dem Mann dort unterhalten?” – “Na, ich habe ihn nach dem Weg gefragt.” – “Sonst nichts?” – “Nein. Oh, wir haben uns kurz über Politik und die anstehenden Wahlen unterhalten. Berlusconi, pezzo di merda!”

Halb verhungert erblicken wir nach nur wenigen weiteren Wegbeschreibungen und Diskussionen mit Einheimischen den Busbahnhof von Catania. Wie eine Fatamorgana erscheint er am Horizont, als wir um die letzte Straßenecke biegen. Auf der anderen Straßenseite erblicken wir aber noch etwas anderes, das uns ungleich mehr freut, als der Anblick der Busse: Eine Bäckerei! Valerio begleitet uns auf dem Weg dorthin und schwärmt von den Panini, die wir hier unbedingt probieren müssten. Es scheint, als käme die Erinnerung gerade erst zu ihm zurück, wie ihm Catania überhaupt immer abwechselnd fremd und vertraut vorzukommen scheint. Diese Bäckerei jedenfalls, die sei eine der besten auf der ganzen Insel. Hier könne man sich seine Panini nach Wunsch zusammenstellen lassen und dabei kaum etwas falsch machen, denn es schmecke einfach alles ganz wunderbar. Wir vertrauen seinem fachmännischem Urteil und werden nicht enttäuscht. Es mag zum Teil an unseren geschundenen und ausgehungerten Mägen gelegen haben, aber die Panini waren wirklich großartig. Frisch gebackenes Brot, luftgetrockneter Schinken, würziger Käse und Oliven. Ich war im siebten Frühstückshimmel. Ein Blick in Katies Gesicht reicht mir, um zu sehen, dass es ihr genauso geht. Unsere Qualen haben sich also doch gelohnt!

Frisch gestärkt erreichen wir den Busbahnhof. Der Busverkehr auf Sizilien unterscheidet sich grundlegend vom maltesischen Busverkehr. Auf beiden Inseln sind die Busse zuverlässig, nur auf völlig andere Art und Weise als in Deutschland. Die maltesischen Busse sind ausrangierte britische Modelle aus den 1960er und 70er Jahren. Sie versprühen einen ganz eigenen Charme, funktionieren jedoch einwandfrei. Dies liegt an der gründlichen Pflege seitens ihrer Fahrer. Viele maltesische Busfahrer sind gleichzeitig Eigentümer ihres Fahrzeugs, weshalb sie besonders fürsorglich darauf achten, dass dieses unversehrt bleibt. Ohne fahrtüchtigen Bus ist der Fahrer nicht mehr in der Lage seinen Lebensunterhalt zu verdienen, denn er bezieht kein Gehalt, sondern lebt von den Einnahmen aus den Ticketverkäufen im eigenen Bus. Ohne Fahrgäste kein Geld, welches beim Bezahlen vorne im Bus abgezählt und in nicht zu kleinen Münzen entrichtet werden sollte, um sich böse Blicke oder gar Flüche zu ersparen. Der maltesische Busfahrer ist ein entfernter Verwandter des Berliner Busfahrers.

Die Vernachlässigung des Femininums hat in diesem Fall einen Grund: Maltesische Busfahrer sind immer männlich. Sie sehen sich auch alle sehr ähnlich, was auf der kleinen Insel, auf der fast alle Einwohner über maximal zwei Ecken miteinander verwandt sind, nicht verwundern sollte. Markantestes Erkennungszeichen sind die von den selbst durchgeführten Wartungen und Reparaturen am Bus ölverschmierten Finger. Ich habe noch nie einen maltesischen Busfahrer mit sauberen Händen gesehen. Schon alleine deshalb ist es ratsam, auf die Herausgabe von Wechselgeld zu verzichten und den Fahrpreis passend zu entrichten.

Die Eigentümerschaft des Busses lässt sich unschwer an der Dekoration der Fahrerkabinen erkennen. Diese strotzen nur so vor Bildhaftigkeit: Fotos der Familie, Marienabbildungen, Jesusabbildungen, Heiligenabbildungen, Engelsabbildungen und in den meisten Fällen auch ein oder mehrere Fußballwimpel. Hier lassen sich zwei Arten maltesischer Busfahrer unterscheiden: Juve-Fans und Milan-Fans. Warum ausgerechnet diese beiden Mannschaften, wollte ich einmal von einem Fahrer wissen. Maltesische Busfahrer darf man während der Fahrt nicht nur ansprechen, man kann sich richtig mit ihnen unterhalten, wenn man sich nicht daran stört, dass aufgrund der Gesprächslautstärke alle anderen Fahrgäste das Gespräch mitbekommen. Ganz einfach, erhielt ich als Antwort, Juve sei schließlich der beste Verein der Welt und die andere Hälfte der Busfahrer Idioten, wie überhaupt die andere Hälfte der Menschheit Idioten seien. Dieser überzeugenden Erklärung konnte ich mich nicht verschließen.

Bei weiblichen Fahrgästen kann ein solches Gespräch schon einmal in unangenehmere Bahnen gelenkt werden. Katie konnte bei ihrer ersten Bekanntschaft mit einem maltesischen Busfahrer nur knapp einem Heiratsantrag entgehen. Sie war als einziger Fahrgast in einen leeren Bus gestiegen und musste sich minutenlang Komplimente für ihre schönen Füße und niedlichen Zehen anhören, die aus ihren Sandalen hervorschauten. Der Busfahrer beließ es jedoch nicht dabei, einen kleinen Einblick in seine Vorlieben der weiblichen Anatomie zu gewähren. Von den Füßen aus wanderten seine Blicke Stück für Stück weiter nach oben, bis er in die schönsten Augen schaute, die er je in seinem Leben gesehen hatte. So formulierte er es in seinem Überschwang jedenfalls. Ausschlaggebend dürften jedoch eher die langen blonden Haare und der helle Teint gewesen sein, die für maltesische Männer trotz der großen Anzahl ausländischer Touristen noch immer ein besonderer Hingucker waren. Die Einladung zum Essen am nächsten Abend konnte Katie gerade noch ausschlagen, doch als sie das Betteln und Drängen des Busfahrers nicht mehr ganz so energisch von sich wies, galt ihm dies als ausreichendes Signal, seine Familie vorsorglich schon einmal von den bevorstehenden Hochzeitsfeierlichkeiten in Kenntnis zu setzen.

Busfahrten auf Malta sind nur selten langweilig. Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, maltesische Busfahrer seien wegen ihrer chauvinistischen Tendenzen unangenehme Zeitgenossen oder das gesamte maltesische Bussystem eine Zumutung, denn dem ist nicht so. Auch wenn die Uhrzeit nur einer von vielen Indikatoren für die Busfahrer ist, wann sie ihr Gefährt in Bewegung setzen sollten, so kann man sich fest darauf verlassen, dass der Bus irgendwann kommt und einen dort hinbringt, wo man hinmöchte. Da das Leben auf Malta allgemein viel weniger an feste Uhrzeiten gebunden ist, kommt man mit diesem System wunderbar zurecht, wenn man sich erst einmal von der Beschränktheit des eigenen Pünktlichkeitsbestrebens gelöst hat. Besonders für verloren gegangene Ausländer legen die Busfahrer gerne auch einen kleinen Extraschlenker ein, was schon manchem Touristen einen großen Umweg erspart hat. Das Stoppsystem in den Bussen funktioniert auch ohne technische Scharmützel einwandfrei. Ein Zug an der Leine oberhalb der Fensterreihe an der Busseite bringt die kleine Glocke neben dem Fahrer zum bimmeln und er hält an der nächsten Station an. Auf Sonderwunsch auch mal zwischen zwei Stationen.

Die Reisebusse in Catania kommen weitaus moderner und komfortabler daher. Dies liegt vor allem an den deutlich längeren Strecken, die Fahrgäste in ihnen zurückliegen. Auf Malta gibt es keinen Fernverkehr. Der Bus, der uns von Catania nach Capo D‘Orlando bringen soll, wird ca. eineinhalb bis drei Stunden unterwegs sein, erklärt uns Valerio. Eine genauere Zeitangabe könne er nicht machen, denn das sei abhängig von vielen Faktoren, etwa der Laune des Busfahrers und den aktuellen Fortschritten der Bauarbeiten auf den Straßen. Immerhin, so versichert er uns, sei die Fahrzeit im Bus wesentlich besser einzuschätzen als im Zug, der schon mal bis zu fünf Stunden brauche, wenn man Pech hat. Eineinhalb bis drei Stunden erscheinen mir aufgrund der Strecke von ungefähr 180 Kilometern durchaus plausibel. Warum bei einer Luftlinie von gerade mal 80 Kilometern zwischen Catania und Capo D‘Orlando der Umweg über Messina gefahren würde, will ich wissen. “Gibt es denn keine direkte Verbindung?” Nun, das liege zum einen an den Straßenverhältnissen, klärt mich Valerio auf. An den Küsten seien diese einigermaßen gut, doch im Inland, da möchte man lieber nicht mit dem Bus fahren. Zum anderen sei Messina eine große Stadt und Capo D‘Orlando nur ein kleiner Ort, für den kein Busfahrer der Welt den lukrativen Weg entlang der Küste auslassen würde. Oh, und dann sei da auch noch dieser Vulkan im Weg, fährt er fort und zeigt aus dem Fenster. Ich schaue nach draußen und sehe zum ersten Mal in meinem Leben: Ätna.

Valerio erweist sich als guter Prophet mit seiner Zeiteinschätzung, die ich ihm bei seinem sonst eher eigenwilligen Verhältnis zur Uhrzeit gar nicht zugetraut hätte. Bei Valerio können Sekunden zu Minuten, Minuten zu Stunden und Stunden zu Tagen werden. Zeiteinheiten scheinen für ihn beliebig austauschbar zu sein und keinerlei festen, objektiv messbaren Wert zu besitzen. In diesem Fall belehrt er mich jedoch eines besseren. Nach weniger als zwei Stunden hält der Bus im Ortskern von Capo D‘Orlando an. Wir steigen aus und werden von Alessio, meinem zweiten sizilianischer Mitbewohner aus der University Residence, in Empfang genommen. Alessio ist ein kleiner, vor Energie strotzender, junger Mann, der uns freudig begrüßt und es gar nicht fassen kann, uns tatsächlich in seinem Heimatort anzutreffen. Es werden Umarmungen und Küsse ausgetauscht und die Stimmung ist so gelöst und überschwänglich, wie seit unserer Busfahrt zum Hafen von Valetta nicht mehr.

Wir schlendern durch die Straßen Capo D‘Orlandos, angeführt von Valerio und dem in einer Tour plappernden Alessio, reißen flache Mafiawitzchen und freuen uns auf den vor uns liegenden Urlaub. Der Ort liegt malerisch an der Nordküste Siziliens am Thyrrhenischen Meer. Bei schönem Wetter kann man vom Strand aus bis zur Vulkaninsel Stromboli hinüber gucken, deren gleichnamiger Vulkan von den Sizilianern wegen seiner Ausbruchsfreudigkeit „Stronzoli“ genannt wird. Nach kurzem Fußweg erreichen wir die Ferienwohnung von Valerios Eltern, die sie uns für die drei Tage unseres Aufenthalts netterweise kostenlos zur Verfügung stellen. Um diese Jahreszeit seien hier noch nicht viele Touristen, erklärt uns Valerio. Die Wohnung sei den ganzen April über noch ohne Reservierung, weshalb wir uns keine Gedanken über einen etwaigen Verdienstausfall seiner Eltern machen bräuchten, die uns diese Wohnung wirklich überaus gerne für die Dauer unseres Aufenthalts, die, so Gott will, doch länger als drei Tage sein möge, überlassen.

Unsere Unterkunft liegt direkt an der Strandpromenade, im zweiten Stock eines Neubaus. In der Etage unter uns wohnt ein litauischer Basketballprofi, der beim örtlichen Erstligaclub Orlandina Baskets spielt, dem ganzen Stolz Capo D‘Orlandos. Ein Dorfverein in der obersten italienischen Basketballliga, wie mir Valerio beim Gang durch das Treppenhaus mit einem Funkeln in den Augen erzählt. Katie, Michael und ich sind beeindruckt, als Valerio die Tür unseres Domizils aufschließt. Die Wohnung ist geräumig, mit komfortabel geschnittenen Zimmern und geschmackvoller, wenn auch etwas karger Einrichtung. Ein großes Schlafzimmer für Katie und mich, ein kleines Schlafzimmer für Michael, ein großes Wohnzimmer und ein Balkon mit Blick auf das Meer. Viel schöner kann man in Capo D‘Orlando nicht wohnen. Das Hotel nebenan kommt mir mit seinen dicht gestaffelten Fenstern und engen Balkonen dagegen vor, wie ein großes Gefängnis. So lässt es sich gut aushalten, denke ich.

Katie und ich verstauen unsere Koffer in unserem Zimmer und entschließen uns, vor dem Mittagessen noch ein kleines Sonnenbad einzulegen. Warum bei dem schönen Wetter niemand am Strand sei, möchte ich von Valerio wissen. Er zuckt mit den Schultern. Es sei schließlich erst April und 25 Grad seien nun wirklich keine Temperatur, bei der man sich hier an den Strand lege. Draußen an der Strandpromenade hupen die Motorroller. Laute Gespräche und Gelächter dringen zu uns auf den Balkon. Auf den Bänken am Straßenrand sitzen kleine Gruppen Jugendlicher, die im Laufe der Zeit immer größer werden und nach und nach zu einer einzigen großen Gruppe verschmelzen. Der Däne Michael, die schwedisch-stämmige Katie aus dem deutsch-skandinavisch geprägten Minnesota und ich, der Norddeutsche, beobachten vom Balkon die lebhaften Sizilianer. Ich fühle mich fremd, doch in guter Gesellschaft.

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