Bremer Scheuklappen

Kaum eine Mannschaft wird in Bremen so gerne unterschätzt, wie Hannover 96. Es ist bitter zu akzeptieren, dass der gefühlt immer noch kleine Nordrivale in den letzten beiden Jahren an Werder vorbeigezogen ist. Am Anfang konnte man Hannover noch wegen des wenig attraktiven Spielstils belächeln und die starke Saison 2010/11 als Ausreißer nach oben herunterspielen. Inzwischen hat sich Hannover jedoch in der erweiterten Bundesligaspitze etabliert und fußballerisch ungemein an Klasse hinzugewonnen.

Hannover auf dem Weg zur Spitzenmannschaft

Wer 96 heute immer noch als rein defensiv ausgerichtete Kontermannschaft ohne fußballerisches Können sieht, hat entweder lange kein Spiel mehr von ihnen gesehen oder eine grünweiße Brille mit Scheuklappen auf. Dennoch hört und liest man weiterhin viele Behauptungen von Werder-Fans, die in diese Richtung gehen. Es ist richtig, dass Hannovers größte Stärke noch immer im Umschaltspiel liegt. Zwischen Ballgewinn und Torabschluss liegen häufig nur wenige Sekunden. Mit reinem Konterfußball hat das jedoch nur noch wenig zu tun. Hannover hat das kompakte Spiel gegen den Ball sehr gut verinnerlicht und variiert geschickt zwischen abwartendem Verteidigen und Angriffspressing. Aber auch in Ballbesitz gehört Hannover mittlerweile zu den besseren Bundesligamannschaften. In den letzten zwei Jahren hat sich das Passspiel verbessert, der Spielaufbau ist variabler geworden und die Laufwege der Offensivspieler sind gut abgestimmt. Schlüsselspieler ist dabei Jan Schlaudraff, der den Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners so gut ausnutzt, wie kaum ein anderer Bundesligaspieler.

Das mag für manchen Werderfan wie eine Liebeserklärung klingen, aber ich bin weit davon entfernt, Hannover 96 zu mögen oder auch nur sympathisch zu finden. Dennoch ist es bemerkenswert, was man dort seit Mirko Slomkas Amtsantritt aufgebaut hat. Zwar kann man als Bremer zu Recht darauf verweisen, dass 96 im Vergleich zu Werders Erfolgen der letzten 10 Jahre noch nicht viel erreicht hat, doch es wäre naiv zu glauben, dass sich die scheinbar natürliche Rangordnung im Norden automatisch wieder einstellen wird. Derzeit ist Werder in Hannover trotz des ansprechenden Saisonstarts jedenfalls nicht der Favorit. Zu gut ist die Form der Niedersachsen, zu gravierend noch die Mängel in Werders Spiel.

Werders Probleme mit der Kompaktheit

Nun mag man einwenden, dass Werder den letzten direkten Vergleich im Weserstadion mit 3:0 gewonnen hat, aber das Spiel taugt kaum als Beleg für eine spielerische Überlegenheit der Grünweißen, die mancher Fan noch immer sehen will. Es zeigte jedoch, dass Hannover trotz aller Stärken kein übermächtiger Gegner ist. Die individuelle Klasse der einzelnen Spieler ist bei Werder auch nach dem Umbruch noch etwas höher anzusiedeln. Ein Ausfall Schlaudraffs, schlechte Chancenverwertung und effiziente Bremer Standards können da schon ausreichen, um Hannover zu besiegen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Spielanlage auch in jenem Spiel deutlich für die Roten sprach und Hannover bis zur Halbzeit das Spiel bereits hätte entscheiden können.

Bei aller Freude über die positiven neuen Aspekte in Werders Spiel sollte man nicht übersehen, dass längst nicht alle Probleme der Vorjahre behoben sind. Die auffälligste (und gegen Hannover möglicherweise entscheidende) Schwachstelle war bislang die fehlende Kompaktheit, die vor allem zwischen Abwehrkette und Mittelfeld zu großen Lücken führte. Hannover wird genau diese Lücken suchen, um mit der zurückfallenden zweiten Spitze Schlaudraff und dem nach innen ziehenden Huszti hineinzustoßen. Thomas Schaafs Hauptsorge sollte vor dem Spiel also sein, wie er sein Team darauf einstellt. In der Vergangenheit hieß die Antwort häufig: überhaupt nicht. Der Glaube an die eigenen Stärken war so groß, dass man im Zweifel auch 2-3 Gegentore in Kauf nahm. Die Einladung nahm der Gegner dankend an. Allein aus den letzten beiden Duellen der Teams in Hannover hätte man ein Lehrvideo über modernes Umschaltspiel zusammenschneiden können.

Wie man Schlaudraff und Hannover stark macht

Jan Schlaudraff ist momentan wohl einer der besten “Lochspieler” der Liga. Er lässt sich aus seiner Position im Angriff immer wieder zurückfallen, weicht auf den Flügel aus und stößt dann in die Räume zwischen den Abwehrlinien. In seiner derzeitigen Form ist er sehr schwer zu verteidigen. In jedem Fall sollte man versuchen, die Räume zwischen den Linien gering zu halten und kompakt zu verschieben. Beides zählt nicht unbedingt zu Werders Stärken, aber die 4-1-4-1 Formation, die man in dieser Saison gegen den Ball einnimmt, eignet sich zumindest theoretisch gut dafür.

Hier ist Werders Formation aus dem Spiel gegen den HSV hypothetisch der Formation Hannovers aus dem Spiel gegen Wolfsburg gegenübergestellt:

Aufstellung Hannover 96 vs. Werder Bremen

Hannover im 4-4-2 mit Schlaudraff als hängender Spitze, Werder im 4-3-3 / 4-1-4-1

Auf dem Papier hat Werder eine 3-vs-2 Überzahl im Zentrum, die jedoch durch Schlaudraffs Bewegungsradius fast egalisiert wird.

Werders Pressingansatz aus dem Spiel gegen den HSV bestand darin, beide Achter mit nach vorne zu schieben, um die Aufbauspieler (inkl. des gelegentlich zurückfallenden Sechsers) unter Druck zu setzen und die Passwege in die Mitte zuzustellen. Die offensiven Flügelspieler agierten sehr mannorientiert und ließen sich gegen die aufrückenden Innenverteidiger weit mit nach hinten fallen. Im defensiven Zentrum klaffte deshalb ein Loch, das der HSV jedoch kaum ausnutzte:

Werders Pressing gegen den HSV

Ein Hamburger Sechser lässt sich nach hinten fallen (blauer Pfeil), beide Bremer Achter schieben nach vorne (weiße Pfeile), hinter ihnen klafft ein Loch (helle Fläche)

Gegen Hannover dürfte dieser Ansatz zu großen Problemen führen. Hannovers Spielaufbau ist darauf ausgelegt, diese Pressinglinie mit Hilfe von Dreiecken zu überspielen und den Ball zu einem der Sechser zu bringen. Dabei verschieben sie im Mittelfeld relativ weit auf die ballnahe Seite, um viele Passoptionen zu schaffen:

Hannovers Aufbauspiel gegen Werders Pressing

Hannovers Innenverteidiger, Außenverteidiger und Sechser bilden Dreiecke im Spielaufbau, um die gegnerische Pressinglinie zu umspielen

Wann immer der Ball hinter Werders Pressinglinie ins Zentrum kommt, steht der Sechser alleine in einem großen Raum. Er muss sich entscheiden, ob er den ballführenden Spieler unter Druck setzt und damit den Raum hinter sich öffnet oder riskiert, dass der Ball ungestört in die Schnittstelle gepasst wird. Schlaudraff und Huszti suchen gezielt diese Räume hinter dem gegnerischen Mittelfeld:

Angriff Hannover durchs Zentrum

Dilemma für Werders Sechser: Rückt er vor, lässt er Raum für die einrückenden Angreifer, hält er Kontakt zur Viererkette, kann der ballführende Spieler ungestört passen

Wie Werders Antwort aussehen könnte

Wie sollte Werders Defensivstrategie also aussehen? Mit einer kompakteren und etwas abwartenderen Spielweise könnte man es Hannover zumindest schwer machen, aus dem eigenen Aufbau zum Torabschluss zu kommen. Dazu müsste das Angriffspressing zurückgefahren werden und die beiden Achter müssten sich hauptsächlich darauf konzentrieren, Hannovers Mittelfeld keinen Raum zu geben. Die beiden Viererketten sollten dabei in geringem Abstand voneinander stehen, so dass der Sechser vornehmlich als Lochstopfer zwischen ihnen agieren kann. Die Flügelstürmer sollten nicht so sehr an den Außenlinien kleben und kompakt mitverschieben, wenn der Ball auf der gegenüberliegenden Seite ist:

Kompaktes Verschieben gegen den Ball

Vorsichtiges Angriffspressing erschwert es Hannover den Ball ins Mittelfeld zu einem der Sechser zu spielen, maximal einer der Achter geht ins Pressing

Werder mit kompaktem Zentrum

Durch geringere Abstände zwischen den Linien und kompakteres Verschieben (auch) der Flügelspieler wird der Raum im Zentrum eng gemacht

Gegen Hannovers größte Stärke, das schnelle Umschalten nach Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte, hilft dies allerdings nicht. Individuelle Fehler im Spielaufbau, wie beispielsweise von Josué vor dem 0:2 am letzten Spieltag, bestraft Hannover konsequent. Deshalb ist es wichtig, dass Werder im Spielaufbau variabel agiert, das schnelle Spiel über die Außen sucht und auch im Ballbesitz das Zentrum kompakt hält. Die Qualität in Werders Umschaltspiel sollte inzwischen ausreichen, um auch mit dieser Spielweise ein Tor zu erzielen.

Leider befürchte ich, dass man es dem Gegner wieder zu leicht machen wird und sich mit viel Kampf und Aufwand gegen eine erneute Niederlage im nicht mehr ganz so kleinen Nordderby stemmen muss.

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    6 Gedanken zu „Bremer Scheuklappen

    1. Eine interessante Analyse, so wie mir dieses Blog insgesamt sehr gefällt. Gratulation!
      Das Schöne an solchen Ausblicken/Prognosen ist ja, dass man nach dem Spiel ihre Haltbarkeit überprüfen kann. Und da würde mich interessieren, inwieweit du deine Befürchtungen bestätigt siehst? Meine Wahrnehmung ist, dass deine Schlussfolgerungen zwar zum Spiel passten (Werder mit viel Aufwand und Energie gegen besseren, oder zumindest effizienteren, Gegner; Pressing zu früh), aber die Erklärungen andere sind.
      Hannover hat Werders erste Pressingreihe keineswegs einfach umspielt, sondern v.a. in der ersten Halbzeit häufig lange Bälle gespielt, die zu Ballbesitz Werder führten. Ich meine Werder hätte tiefer verteidigen müssen, um Hannover stärker in Werders Hälfte zu lenken und dann selbst zu kontern (siehe erste Hälfte gegen Dortmund). Dazu passt, dass alle Tore von Hannover nicht gegen eine geordnete Werder-Defensive fielen, sondern durch Ballverlust von Werder im Aufbau. Das beschreibst du ja auch als weiterhin große Stärke Hannovers, aber ich lese deinen Text vor allem als Warnung vor Hannovers neuer Stärke bei Ballbesitz. Die konnte ich heute nicht entdecken. Bin gespannt, wie du das Spiel gesehen hast…

      1. Danke für den Kommentar.

        Meine Befürchtungen haben sich im Großen und Ganzen nicht bestätigt, was Werders Pressing angeht. Das wirkte sehr dosiert und wesentlich vorsichtiger als gegen Hamburg. Die Aufteilung zwischen Hunt und de Bruyne stimmte meistens und Werder hat insgesamt gut auf die richtige Situation zum Pressen gelauert und es dann gut umgesetzt.

        Dass die Tore gegen eine ungeordnete Defensive fallen ist ja meistens so, das hat mich nicht überrascht. Ich hätte Hannover aber spielerisch für besser gehalten und hätte nach dem 0:2 damit gerechnet, dass die es souverän herunterspielen. Da hat sicher auch Werder großen Anteil daran, dass dies nicht so war. Gegen den Ball war das mMn die beste Saisonleistung. In Ballbesitz fehlt noch etwas die Ruhe, aber das sieht schon wieder sehr nach guter, alter Anarcho-Offensive aus.

        Was mich gestört hat waren zum einen die Löcher, die auch heute wieder vor der Viererkette zugelassen wurden. Zwar längst nicht so gravierend, wie gegen den HSV, aber immer noch zu oft. Wenn man das Spiel so streckt und mit fünf Mann angreift, lässt sich das leider kaum vermeiden, außer man spielt wieder mit so hoher Viererkette, wie vor ein paar Jahren. Zum anderen hätte ich mir gewünscht, dass man in der Schlussphase nicht mehr auf Teufel komm raus die Entscheidung sucht. Ein Unentschieden in Hannover wäre (insbesondere nach dem Rückstand) ein gutes Ergebnis gewesen. Werder wollte mehr und ist großes Risiko gegangen, was dann nach hinten losging. Muss man der jungen Mannschaft vielleicht auch zugestehen, aber bei Schaaf hat das ja System. Von daher finde ich es bezeichnend, dass Hunt und de Bruyne mit letzter Kraft nach vorne sprinten und nach dem Ballverlust nicht mehr defensiv umschalten können. Junu war dann im Zentrum in Unterzahl gegen zwei Hannoveraner.

        Von Hannover war ich relativ enttäuscht. Die Anfangsphase war stark, aber da passt ja derzeit auch einfach alles. Danach haben sie ganz gut verteidigt, aber in der zweiten Halbzeit war das insgesamt doch recht schwach. Von daher doppelt schade, dass Werder keine Punkte mitnimmt.

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