Kategorie-Archiv: Andere Vereine, andere Sitten

Kleines Loblied auf die Europa League

Es wäre angesichts des Urteils gegen Uli Hoeneß fast etwas untergegangen, aber gestern wurde auch Fußball gespielt. In der viel gescholtenen Europa League und ohne Beteiligung deutscher Vereine wurden die Hinspiele im Achtelfinale ausgetragen.

Ich persönlich mag die Europa League. Vor allem in Zeiten, in denen die Champions League bis zum Viertelfinale sehr vorhersehbar ist und nur wenige Überraschungen bereit hält, ist die Europa League eine willkommene Abwechslung. Sie hat sich trotz Umbenennung und kontraproduktiver Gruppenphase ein Stück des alten Europacup-Charmes behalten. In der Europa League werden nicht die großen Schlagzeilen des europäischen Fußballs geschrieben und der Wettbewerb leidet unter seiner Funktion als Sammelbecken der Champions League Verlierer ebenso wie unter seinem vergleichsweise geringen Stellenwert. So kommt es vor, dass Vereine mit Champions League Ambitionen ihrer Spiele in der K.O.-Runde abschenken, um in der Schlussphase der Saison mehr Kraft für die Liga zu haben. Über das Niveau einzelner Spiele lässt sich daher trefflich streiten, doch einem gewöhnlichen Bundesligaspieltag steht so ein Achtelfinal-Spieltag der Europa League in nichts nach.

Ich kann einem taktisch hochwertigen 0:0 zwischen dem FC Basel und RB Salzburg genauso etwas abgewinnen, wie einem Stadtderby zwischen FC Sevilla und Real Betis oder der erneuten Lehrstunde für den englischen Fußball beim Tottenhams Heimniederlage gegen Benfica. Gut, bei Letzterem mag auch meine Antipathie gegen die Nord-Londoner eine Rolle gespielt haben. Mein Geheimfavorit Ludogorets Razgrad steht nach einer 0:3 Heimniederlage gegen Valencia hingegen leider vor dem Aus. Da spielt die No-Name-Truppe aus Bulgarien so eine tolle Saison, setzt sich gegen Teams wie PSV Eindhoven, Dinamo Zagreb und Lazio Rom durch und erwischt dann einen rabenschwarzen Tag, an dem man trotz langer Überzahl den frühen Rückstand nicht aufholen kann, einen Elfmeter verschießt und dann ins offene Messer läuft (well, sort of…). Aber so etwas kenne ich ja von anderen von mir favorisierten Mannschaften.

Persönliches Highlight war das Spiel zwischen Juventus und Fiorentina. Es ist zwar ein Klischee, aber Spiele zwischen italienischen Spitzenmannschaften sind taktisch noch immer höchst interessant. Juves System mit rustikaler Dreierabwehrkette und den Energiebündeln Vidal und Marchisio, die auf den Halbpositionen das ewige Genie Andrea Pirlo flankieren, hat es mir besonders angetan. International ist Juve damit nicht mehr allererste Güte, aber es reicht immer noch, um die Serie A klar zu dominieren. Dass es nun auf europäischer Bühne zu einer Wiederholung des Spiels vom Wochende kam, machte die Begegnung nicht uninteressanter. Und anders als am Sonntag hatte Fiorentina der Führung der Gastgeber in Gestalt des eingewechselten Torschützen Mario Gomez etwas entgegenzusetzen. Zumindest in Deutschland reicht dies dann doch zu einer größeren Schlagzeile.

Meine Top 10 der Hinrunde

Zum Jahresabschluss noch ein kleiner Countdown: Meine Top 10 Themen der Hinrunde

10. Tim Wiese

Für Wiese war es eine katastrophale Hinrunde, mit einer Flut von Gegentoren, etlichen Patzern, Verletzungen und letztlich dem Verlust des Stammplatzes. Das Kapitel Hoffenheim könnte schon bald vorbei sein. Die Häme aus Bremen geht mir aber fast schon etwas zu weit. Im Sommer regt man sich über die “blöden Hamburger” auf, die Elia unnötigerweise auspfeifen, und ein paar Monate später singt man Tim Wiese in die zweite Liga? Guter Stil geht anders.

9. Pyrotechnik

Allein heute Nacht werden sich wieder mehr Menschen an Feuerwerkskörpern verletzen, als in der gesamten Bundesligageschichte. Das soll kein Plädoyer für Pyrotechnik im Stadion sein, nur die absurden Ausmaße aufzeigen, die dieses eigentlich kleine Thema inzwischen erreicht hat. Ich wünsche mir für 2013 ein wenig mehr Sachlichkeit von allen Beteiligten beim Thema Stadionsicherheit.

8. Schiedsrichterdiskussionen

Ein leidiges Thema. Diskussionen über den Schiri gehörten schon immer zum Fußball, aber die hysterischen Züge, die sie in dieser Saison annahmen, gingen zu weit und waren am Ende einfach nur noch nervig. Grundtenor: Fehler macht jeder mal, aber bitteschön nicht gegen meine Mannschaft! Vielleicht sollten sich Spieler und Trainer zur Abwechslung mal selbst hinterfragen, ob und wie sie durch ihr ständiges täuschen, lamentieren und diskutieren zu der von ihnen kritisierten Situation beitragen.

7. Eintracht Frankfurt

Die (neben Freiburg) Überraschungsmannschaft kommt aus Frankfurt. Als Aufsteiger in die Bundesligaspitze vorgedrungen, lange Zeit Verfolger Nummer 1 der Bayern gewesen und dabei schönen Offensivfußball gespielt. Vehs Ansatz ist für die Bundesliga eher untypisch. In den letzten Jahren waren es eher die defensivstarken und offensiv effizienten Mannschaften mit gutem Umschaltspiel, die die Liga aufmischten. Frankfurt zeigt, dass es auch anders geht. Mal sehen wie lange.

6. Thomas Eichin

Kurz vor Jahresende wurde dann doch noch der neue Geschäftsführer Sport vorgestellt. Letztlich hat Werder hier vieles richtig gemacht, kühlen Kopf bewahrt, zunächst die wichtigsten internen Entscheidungen (Filbry, Baumann) getroffen und sich dann einen externen Mann mit gutem Profil dazu geholt. Schon bei den anderen Kandidaten hat sich gezeigt, dass man nicht weiter im eigenen Saft garen will, sondern dass frischer Wind von außen erwünscht ist. Dass Eichin erst nach Beendigung der DEL-Saison kommt, weil er dort noch seine “Mission zu Ende führen” will, macht ihn nicht unsympathischer.

5. 12:12

Die Stille war beeindruckend, fast schon beängstigend. Ein völlig neues Gefühl in einem Bundesligastadion, das an Sonntagnachmittage auf Amateurplätzen erinnerte. Beeindruckend auch, dass die Fans verfeindeter Vereine durchaus zusammenhalten, wenn es um eine gemeinsames Ziel geht. Beim letzten Heimspiel in Bremen kam es jedoch zu Auseinandersetzungen zwischen Unter- und Oberrang der Ostkurve, die sich gegenseitig auspfiffen.

4. Die deutsche Champions League

Alle drei deutschen Teams als Gruppensieger weiter. Wer hätte das nach der Auslosung schon gedacht? Die Bayern bis auf den Aussetzer gegen BATE gewohnt souverän, Schalke lässt Arsenal hinter sich und Dortmund macht endlich den Qualitätssprung auf internationaler Ebene. Sehr erfreulich für den deutschen Fußball. Auch wenn ich international nicht per se zu den deutschen Teams halte, gönne ich zumindest Schalke und Dortmund den Erfolg und hoffe, dass sie möglichst weit im Wettbewerb kommen.

3. Bayerischer Verfolgungswahn

Souveräner Herbstmeister. In Pokal und Champions League problemlos weiter. Dennoch wird man bei den Bayern das Gefühl nicht los, dass sie die Situation kaum genießen können. Nervöse Blicke über die Schultern, ob da nicht doch ein Klopp oder ein Di Matteo aus dem Windschatten heran gerauscht kommt. Dabei könnte man sich über das Erreichte durchaus jetzt schon freuen, denn nach dem Vize-Triple letzte Saison war das (trotz großem Portemonnaie) nicht selbstverständlich.

2. SC Freiburg

Absolut beeindruckend, was man in nur einem Jahr als Trainer bewirken kann. Streich hat sein Team innerhalb kurzer Zeit zu einer echten Pressingmaschine gemacht, die zuletzt ein bis zwei Klassen über der individuellen Stärke der Spieler agierte. Ich habe mir Streich im Sommer als Werdertrainer gewünscht und könnte mir immer noch gut vorstellen, dass sein System gut zu den Spielern hier passen würde. Zu der Hinrunde kann man Streich und den Freiburgern jedenfalls nur gratulieren.

1. Klaus Allofs

Erfüllte sich seinen Kindheitstraum und wurde Manager beim VfL Wolfsburg, in dessen Bettwäsche er große Teile seiner Jugend verbracht hatte. Hilft nun anderen Wölfe-Fans (Hecking, Arnautovic, De Bruyne) dabei, sich ebenfalls ihre Kindheitsträume zu erfüllen. Herzlichen Glückwunsch!

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen guten Rutsch und ein tolles, grünweißes Jahr 2013!

Aufbaugegner? Welcher Aufbaugegner?

Es ist allgemein bekannt, dass Werder Bremen ein beliebter Aufbaugegner für kriselnde Clubs ist. Zumindest unter Werderfans:

“Werder spielt gegen einen krisengeschüttelten Club. Seit einer gefühlten Ewigkeit eine eindeutige Angelegenheit: Werder dient als Aufbaugegner.”

- Werder Exil, “Gegen den Trend”

und

“Ein Spiel gegen einen Krisenclub löst bei mir nicht allzu viel Begeisterung aus. Nur allzu oft dient sich der SVW als gerne gesehener Aufbaugegner an.”

- Papierkugel Blog, “Der dreifache Marko”

Fragt man hingegen die Schalker, bekommt man eine überraschend andere Antwort zu hören:

“Eintracht Frankfurt kommt, seit einem 1:0 gegen Borussia Dortmund am 18. Dezember auf größtmögliche Art erfolglos. Da kommt die Reise zu einem notorischen Aufbaugegner wie Schalke 04 genau richtig.”

- Königsblog, “Fußball ist auch wichtig”

Doch das Duell um den Titel des besten Aufbaugegners des Landes scheint eigentlich ein Dreikampf zu sein:

“Nach Düsseldorf kommt mit dem Club der nächste dankbare Aufbaugegner.”

- Clubfans United, “Zum Dank ab an die Medizinbälle”

Wenn es um Titel geht, ist es aber eigentlich klar, dass auch die Bayern ein Wörtchen mitreden möchten:

“Schlimm, dass wir hier unsere Bundesliga-Lieblingsrolle geben mussten: Aufbaugegner.”

- Breitnigge, “Zwei Minuten auf Platz 2 oder Außer Arjen könnt ihr alle gehen!”

Andere Vereine entziehen sich der großen Konkurrenz und besetzen lieber eine Nische. Sie sind beispielsweise Aufbaugegner für einen ganz bestimmten Verein:

“Bayer ist immer sowas wie ein Aufbaugegner für die Bayern. Ich fass es nicht!”

catenaccio, “Live: Bayern München – Bayer Leverkusen”

An dieser Stelle muss ich eine kleine Pause einlegen, obwohl sich die Liste noch eine ganze Weile lang fortführen ließe. Mir ist schwindelig. Wer ist denn nun der ultimative Aufbaugegner der Liga? Mal die allwissende Tante Google fragen:

Werder Bremen Aufbaugegner hat 10.800 Suchergebnisse. Übertroffen wird das erwartungsgemäß von den Bayern, denn die Suchanfrage Bayern München Aufbaugegner kommt auf 14.600 Ergebnisse. Unser Nordrivale schneidet noch besser ab: 20.100 Treffer liefert die Suche nach Hamburger SV Aufbaugegner. Mit Abstand die Nummer 1 im Norden ist jedoch der kleine HSV, mit 49.200 Suchergebnissen für Hannover 96 Aufbaugegner. Überraschend knapp fällt hingegen das Revierderby aus: Schalke 04 Aufbaugegner weist stolze 59.700 Treffer auf, wird aber von Borussia Dortmund Aufbaugegner mit 62.000 Hits noch überboten. Damit liegt der Deutsche Meister der letzten beiden Jahre auch in dieser Wertung ligaweit vorne.

Erstaunlich dabei ist auch, dass jeder andere Bundesligist mehr Suchergebnisse liefert, als Werder Bremen. Sind wir also am Ende vielleicht gar kein so gern gesehener Aufbaugegner für die kriselnde Mannschaften? Ein Blick auf die Ergebnisse dieser Saison könnte Aufschluss geben. Vier der bisherigen sechs Werderniederlagen in dieser Saison kamen gegen die derzeitigen Top-4 der Liga zustande. Eine weitere setzte es gegen die zum damaligen Zeitpunkt ganz und gar nicht kriselnden Hannoveraner. Gegen andere krisengeschüttelte Clubs gab es hingegen Siege: Gegen den HSV, gegen Borussia Mönchengladbach oder zuletzt gegen Hoffenheim. Bleibt unterm Strich nur eine magere Niederlage gegen den FC Augsburg. In der letzten Saison setzte es 11 der 14 Niederlagen gegen Gegner, die am Ende vor Werder platziert waren.

Man ist eben doch nur so sehr Aufbaugegner, wie man sich fühlt.

Empfehlungen

Da ich diese Woche weder dazu kommen werde über das Spiel gegen Bayer Leverkusen zu schreiben, noch eine Vorschau für das Spiel in Hoffenheim zu verfassen, gibt es heute in Kurzform ein paar Empfehlungen von mir:

Sportradio360 / Blogspot360

Wenn ihr die regelmäßigen Podcasts von Sportradio360 noch nicht kennt, solltet ihr unbedingt mal reinhören. Sicherlich einer der (wenigen) hellen Sterne am deutschen Sportpodcast-Himmel. Blogspot360 ist die Blogger-Ausgabe davon, die wöchentlich erscheint und in der meistens in einer Viererrunde über die aktuellen Ereignisse in der Bundesliga diskutiert wird. Diese Woche war ich zusammen mit Alex (Lizas Welt), Torsten vom Königsblog und Gastgeber Patrick (Kommentar der Woche) dabei und habe unter anderem über Werders aktuelle Situation und das Spiel gegen Bayer Leverkusen gesprochen.

Aktuelle Ausgabe gibt es hier: Blogspot360 – Ausgabe 16

Fokus Fußball

Brauche ich eigentlich nicht groß vorzustellen, aber ist der Vollständigkeit halber mit dabei. Sollte irgendeiner meiner Leser Fokus Fußball tatsächlich nicht kennen, dem sei die Seite wärmstens ans Herz gelegt. Einen schnelleren und breiteren Überblick über Blog- und Presseberichte zum Thema Fußball bekommt man nirgends!

Collinas Erben

Collinas Erben ist ein Podcast über Schiedsrichter. Klingt nicht sonderlich spektakulär, ist es auch nicht, dafür aber sehr fundiert, interessant und mit aktuellem Bezug. Gemacht wird der Podcast von Klaas (Reeses Sportkultur) und dem bereits oben genannten Alex (Lizas Welt). Letzterer ist Schiedsrichterausbilder in Köln und schafft es in dem Podcast immer wieder sehr gut, dem Zuhörer die Sicht der Schiedsrichter auf bestimmte Szenen und Regelauslegungen näher zu bringen. Allen, die sich oft und gerne über Schiris aufregen (meiner Schätzung nach 99% aller Fußballfans, diesen Autor eingeschlossen), sei der Podcast daher wärmstens ans Herz gelegt.

Direkt Verwandelt

Direkt Verwandelt ist ein Fortuna Düsseldorf Blog, das bis vor kurzem unter meinem Radar geflogen ist, vermutlich weil es erst seit dem vergangenen Sommer existiert. Das hat sich – auch dank einer netten Anfrage von Autor Jens, ein paar Zeilen zur Partie zwischen Werder und der Fortuna zu schreiben – inzwischen geändert. Hat seitdem einen festen Platz in meinem Feed-Reader bekommen und zählt sicherlich zu den Vereinsblogs, die auch für Nicht-Fans interessant und gut lesbar sind.

F1eld

Hat nichts mit Fußball zu tun, aber erwähne ich hier trotzdem. Mein Arbeitgeber hat eine nette kleine App entwickelt, mit der man “location-based” chatten kann. Im Prinzip funktioniert es ähnlich wie bei Whatsapp, nur dass man nicht nur mit Freunden sondern auch mit Unbekannten in der Nähe (in seinem “F1eld”) chatten kann. Dazu gibt es noch die Möglichkeit, öffentliche, ortsbasierte Chats einzurichten, an denen jeder teilnehmen kann, z.B. an der Uni zu bestimmten Kursen oder auch im Stadion, um über den Schiri zu schimpfen. :-)

Die App ist umsonst und bislang nur fürs iPhone erschienen. Die Android-Version ist in Arbeit und sollte dann auch bald rauskommen.

Öffentlich-rechtliche Selbstverstümmelung

Was in den letzten 10 Tagen an undifferenzierter Scheiße Berichterstattung über die Vorfälle beim Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC durch die deutsche Fernseh- und Gazettenlandschaft geisterte, ist unerträglich. Alles wird in einen großen Topf geworfen und kräftig durchgemengt: Platzstürme, Bengalos, Ultras, Hooligans, Ausschreitungen. Oben drauf noch eine ordentliche Prise Empörung und Pathos fertig ist das Fußball-Süppchen. Zum Nachtisch darf Johannes B. Kerner dann noch ein gefallenes Kind flambieren. Guten Appetit!

Der Ausgangspunkt: Skandalspiel in Düsseldorf

Was ist eigentlich ein Skandal? In der Wikipedia wird er definiert als:

“(…) ein Aufsehen erregendes Ärgernis und die damit zusammenhängenden Ereignisse oder Verhaltensweisen.”

Man kann die Partie in Düsseldorf somit durchaus als Skandalspiel bezeichnen, doch worin bestand der Skandal? Zunächst waren da die Vorfälle im Auswärtsblock. Hertha-Fans warfen brennende Bengalos aufs Spielfeld. Das Spiel wurde unterbrochen, man hätte auch zu dieser Zeit schon über einen Abbruch diskutieren können. In der Nachspielzeit waren es dann die Fans der Fortuna, die eine Spielunterbrechung bewirkten, indem sie verfrüht das Spielfeld stürmten. Es war für jeden ersichtlich, dass es sich um feiernde Fans handelte, die irrtümlich dachten, das Spiel sei schon abgepfiffen. Dass einem als Hertha-Spieler da mulmig wird, wenn man in dieser Atmosphäre zurück aufs Spielfeld muss, ist verständlich. Von einer Gefahr für Leib und Leben kann man hingegen nicht sprechen.

Der Platzsturm hat Hertha die letzte Chance auf den Klassenerhalt gekostet. Er war in dieser Hinsicht höchst unsportlich, denn nach der langen Unterbrechung war kein faires Spiel mehr möglich. Ob in den 90 Sekunden sonst noch etwas passiert wäre, ist dabei unerheblich. Es wäre an den Mannschaften gewesen, dies auszutragen. Von daher kann ich die Berliner Proteste gut nachvollziehen. Andererseits wäre auch ein Wiederholungsspiel bei einer Partie, die sich bereits in der vierten Minute der Nachspielzeit befand, aus sportlicher Sicht nicht wirklich fair. So oder so bleibt am Ende ein fader Beigeschmack, fühlt sich mindestens einer der Vereine ungerecht behandelt. Bei mir persönlich hat das Spiel dazu geführt, dass ich Düsseldorf (für die ich vor dem Spiel Sympathien hatte) den Aufstieg nun genau so wenig gönne, wie ich Hertha den Klassenerhalt gegönnt hätte. Das spielt für die juristische Beurteilung seitens des DFB aber ebenso wenig eine Rolle, wie das Rechts- und Unrechtsempfinden anderer Fußballfans.

Mediale Aufarbeitung: Versagen auf ganzer Linie

Die Ebene, auf der nun die mediale Diskussion zu großen Teilen stattfindet, ist hingegen eine völlig andere: Hier wird nicht argumentativ die Sachlage diskutiert, es wird auch nicht über sportliche Fair- bzw. Unfairness gesprochen, nein, es wird skandalisiert und boulevardisiert. Der sportliche Skandal tritt gegenüber einem (angeblichen) allgemeinen, gesellschaftlichen Skandal folglich in den Hintergrund. Das Spiel musste nun als Beleg für all das herhalten, was die Klischeeschublade für Fußballfans hergibt.

Von Teilen der Medienlandschaft erwartet man nichts anderes. Wenn jedoch im gebührenfinanzierten, öffentlich-rechtlichen Fernsehen Effekthascherei über Aufklärung und Stammtischparolen über sachliche Diskussion gehen, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. (Leider ist dieses Problem weder neu noch auf den Fußball begrenzt.) Was sich bei Hart aber fair und Menschen bei Maischberger abspielte, sollte jedem Medienschaffenden zu denken geben. Oftmals werden “die Medien” von Ultras und anderen Fan-Gruppierungen pauschal als Feindbild angesehen – was man zurecht kritisieren kann. Wenn jedoch in zwei der reichweitenstärksten Diskussions-Sendungen zweier der öffentlichen Aufklärung verpflichteten Sender so offensichtlich mit falschen Karten gespielt wird, dann gibt man dieser Haltung neuen Zündstoff und beschert ihr sicherlich auch neue Sympathisanten. Ultras mit Taliban zu vergleichen ist der rhetorische Platzsturm des ZDF.

Zum Thema “Gewalt im Stadion” hätte man eine wichtige, differenzierte und sicherlich auch hitzige Diskussion führen können. Die Sendungen (als Spitze des Eisbergs der Medien-Stimmen mit ähnlichem Tenor) hatten jedoch eine klare Agenda: Zu zeigen, dass Fans gewalttätig sind und es immer schlimmer und gefährlicher wird in deutschen Stadien. Die Mittel, die dazu gewählt wurden, waren propagandistisch und nicht journalistisch. Leider ist es nicht damit getan, solche Sendungen einfach zu ignorieren. Wenn mit öffentlichen Geldern gezielt und einseitig Meinungsmache betrieben wird, dann ist dies ein Missstand, den man nicht hinnehmen kann. Erweitert man den Horizont über den Fußball hinaus, zeigt sich, dass es sich durchaus um ein flächendeckendes Problem handelt.

Wenn der Fußball zur Grundversorgung zählt und seine Übertragung im Fernsehen deshalb mit öffentlichen Geldern finanziert wird, gibt es auch ein Anrecht auf eine mediale Aufarbeitung seiner Begleitumstände. Dabei darf und muss man ein Mindestmaß an journalistischer Sorgfalt und Qualität erwarten. Ansonsten entzieht sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst jegliche Legitimation.

Schlussendlich lässt sich wieder einmal festhalten, dass Wiglaf Droste Recht hat: Niemand ist der Wahrheit ferner, als Johannes Baptist Kerner.

Die Champions League Halbfinalisten vor den Rückspielen

Heute und morgen entscheidet sich, wer im Champions League Finale in der Allianz Arena aufeinander trifft. Eine Einschätzung der vier Teams vor den Rückspielen.

Barca braucht einen Kraftakt…

Der FC Barcelona steht (für seine Verhältnisse) mit dem Rücken zur Wand. Nachdem man in der letzten Woche so viele Niederlagen kassierte, wie in der gesamten Saison zuvor, könnte man neben der Meisterschaft auch die Champions League verspielen. Der Substanzverlust macht sich bemerkbar und pünktlich zur crunch time ist die Topform nicht mehr da. Im Hinspiel gegen Chelsea waren zwar einige der von mir unterstellten Probleme zu sehen, doch letztlich hatte man auch einfach ein wenig Pech. Mit besserer Chancenverwertung (die ich abseits von Messi als Schwachpunkt Barcas sehe) hätte man Chelsea schon im Hinspiel jegliche Chancen auf ein Weiterkommen nehmen können.

Gegen Madrid wurde dann aber deutlich, was Barcelona derzeit fehlt: Knackt man den Gegner nicht im Zentrum, schafft man es nicht, alternativ über die Außen so gefährlich zu werden, wie zu besten Zeiten. Es fehlt nicht unbedingt die Breite im Spiel, sondern die Qualität der dafür zuständigen Flügelspieler. Die Stammkräfte sind entweder verletzt (Villa), angeschlagen (Alexis, Affelay) oder außer Form (Pedro). Die Nachwuchsspieler können das noch nicht kompensieren:  Tello hat gegen Madrid die dicksten Chancen vergeben, auch von Cuenca geht keine große Torgefahr aus. So bleibt zu viel Verantwortung bei Dani Alves und Andres Iniesta. Derzeit reicht es, die Räume zwischen den Linien für Messi zu schließen und ihn damit komplett ins Mittelfeld zu ziehen, um eine ernsthafte Chance gegen Barcelona zu haben.

…sonst reicht Chelsea Solidität

Beim FC Chelsea konnte man am Samstag den Eindruck gewonnen, sie hätten gerade einen großen Schritt Richtung Champions League-Qualifikation gemacht. Dabei ist jene nach dem 0:0 bei Arsenal und einem weiteren Sieg von Newcastle in weitere Ferne gerückt – auch wenn man nächste Woche noch das Nachholspiel gegen die Magpies in der Hinterhand hat. Nach dem Unentschieden gegen die Gunners fühlte man sich jedenfalls als moralischer Sieger und wähnt sich weiterhin im Aufschwung, der dem Trainerwechsel folgte. Das Erreichen des Champions League Finales würde diese Narrative weiter untermauern.

Dabei habe ich Chelseas Leistung gegen Barcelona nicht so stark gesehen, wie sie im Nachhinein gemacht wurde. Chelsea spielte defensiv zwar richtig gut und war vorne immerhin effizient, doch wenn man sich Barcelonas Großchancen anschaut, dann wirkt das Loblied auf das blaue “Bollwerk” doch etwas übertrieben. Das Spiel hätte bei identischem Verlauf und etwas besserer Chancenverwertung auch 1:3 ausgehen können. Doch es ist nicht Chelseas Verdienst, dass Barcelona bei eben jener gerade Probleme hat. Ich würde die Leistung jedenfalls nicht über der von Milan im Viertelfinale (und nicht mal sehr weit über der von Bayer Leverkusen beim 1:7, aber das ist ein anderes Thema) sehen. Das Spiel gab mehr Aufschluss über Barcelonas derzeitige Verfassung, als über Chelsea.

Was mir sehr gut gefallen hat, war das Zusammenspiel der drei Sechser, die den Raum vor den Innenverteidiger mit sehr cleverem Verschieben extrem verknappten. Die Rückkehr zum 4-3-3 (das eigentlich maximal ein 4-5-1, in der zweiten Halbzeit eher aber ein 4-5-1-0 war) in diesem Spiel hat sich schon deshalb gelohnt. In Barcelona wird Chelsea vermutlich Ähnliches versuchen, um Messi aus dem Spiel zu nehmen. Nach vorne ist gegen ein mit zunehmender Dauer wohl immer energischer anlaufendes Barca auch mit wenig Risiko etwas möglich.

Obwohl Barcelona auch in derzeitiger Verfassung die bei weitem bessere Fußballmannschaft als Chelsea ist, habe ich große Zweifel, dass man nach dem intensiven Clasico am Wochenende den Kraftakt gegen Chelsea schafft. Man muss unbedingt die Null hinten halten. Sollte Chelsea treffen, wird das Weiterkommen zur Herkulesaufgabe, die ich dem Team derzeit nicht zutraue.

Hat Mourinho zu hoch gepokert?

Real Madrid hat am Wochenende mit einem eindrucksvollen 2:1-Sieg im Camp Nou die Meisterschaft für sich entschieden. Etwas überraschend spielte Mourinho dort mit der selben Startelf wie unter der Woche gegen die Bayern. Ich hatte Madrid im Hinspiel deutlich druckvoller erwartet. In den ersten 15 Minuten war es sehr eindrucksvoll, wie sie die Außenbahnen so hoch zustellten, dass Ribery und vor allem Robben keinen Stich sahen. Im Laufe des Spiels ließ man dann aber nach und war für eine Mannschaft, die von Mourinho trainiert wird, erstaunlich häufig unsortiert. Das lag nur zum Teil an der Leistung der Bayern. Auch hier bin ich der Ansicht, dass die Partie mehr über die Gäste aus Spanien aussagte, als über die Gastgeber.

Hätte Real das Spiel gewinnen müssen, wäre es möglicherweise auch nach hinten losgegangen, doch man hätte die letzte halbe Stunde sicherlich nicht so abgeschenkt. Das war pures Ergebnis halten und es hätte auch beinahe geklappt. Vielleicht wähnte man sich nach dem 1:1 zu sicher und wollte Kraft sparen für den Clasico. Vielleicht wusste Mourinho da schon, dass er vier Tage später mit identischer Aufstellung ins Spiel gehen wollte. Wenn man am Ende ins Finale einzieht, kann man sagen: Alles richtig gemacht, Herr Mourinho. Wenn es schief geht, wird man noch oft an die zweite Halbzeit in der Allianz Arena denken.

Wie gut ist Jupp Heynckes?

Für Bayern München ist die Situation genau andersherum. In der Liga musste man dem BVB erneut den Vortritt lassen, aber in der Champions League hat man mit einer überzeugenden Leistung eine gute Ausgangsbasis für das Rückspiel in Madrid geschaffen – womit längst nicht jeder gerechnet hat. Der Traum vom Finale im eigenen Wohnzimmer lebt weiter und man ist nur ein Unentschieden in Madrid davon entfern, ihn wahr werden zu lassen. Kräftemäßig dürfte man im Vorteil sein. Während sich der Gegner im entscheidenden Spiel um die Meisterschaft voll verausgaben musste, konnten die Bayern in Bremen munter durchrotieren und viele Spieler schonen. Dieser Aspekt dürfte vor allem dann ins Gewicht fallen, wenn es bis zur Schlussphase noch ein offenes Spiel ist.

Ich bin sehr auf Bayerns Ausrichtung gespannt. Versucht man auf Konter zu spielen und den Gegner kommen zu lassen? Dafür ist man hinten eigentlich nicht stabil genug. Andererseits kommt man auch nur höchst selten in die Verlegenheit, so spielen zu müssen. Es wäre eine kleine Meisterleistung von Jupp Heynckes, wenn er seinem Team für dieses Spiel eine ähnlich diszilpinierte Spielweise ohne Ball einimpfen könnte, wie es Chelsea oder Madrid gegen Barcelona gezeigt haben. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass Bayern sich komplett zurückzieht. Man wird Madrid sicher mehr Ballbesitz gewähren, aber nicht am eigenen Strafraum auf sie warten. Das richtige Maß des Pressings zu finden, ist eine Kunst, die nicht nur einen guten Trainer sondern auch intelligente Spieler erfordert, die den richtigen Moment zum Draufgehen erkennen.

Aufgrund des Auswärtstores ist die Situation für Bayern nicht so komfortabel, wie man es gerne hätte. Solange es 0:0 steht, reicht ein Fehler zum Ausscheiden. Die Gegenstöße über die Außen werden wichtig sein, um neben Entlastung auch eine Chance auf das so wichtige Auswärtstor zu haben. Auch wenn Arjen Robben derzeit viel kritisiert wird, könnte er gegen seinen Ex-Verein zum entscheidenden Mann werden, weil er gegen ein offensives Real mehr Raum für seine Vorstöße bekommen wird.

Insgesamt sehe ich einen leichten Vorteil für Madrid, das neben einer breiten Brust auch über das Spielermaterial in der Offensive verfügt, um gegen Bayern erfolgreich zu sein. Das Rochieren zwischen Özil und Di Maria hat schon in München ganz gut funktioniert, man wird sich jedoch nicht damit begnügen können, das Spiel komplett auf Rechts zu ziehen, um Platz für den in die Mitte ziehenden Ronaldo zu schaffen. Man wird auch einen Xabi Alonso in Topform brauchen (die er gegen Barcelona hatte, im Hinspiel jedoch nicht), um den Spielaufbau flexibel zu halten und für Überraschungsmomente zu sorgen.

Meine Tipps:

FC Barcelona – Chelsea FC 2:1

Real Madrid – Bayern München 3:1 n.V.

Chelsea FC vs. FC Barcelona – Champions League Halbfinale

Wer denkt bei Chelsea gegen Barcelona nicht sofort an Övrebö und das Skandalspiel an der Stamford Bridge?

Seitdem hat sich Barcelona seinen Status als Europas Übermannschaft zementiert, während Chelsea zwar noch einmal Meister wurde, seitdem aber mit mittelgroßen Problemen zu kämpfen hat. Nicht nur, dass man den Anschluss an die beiden Teams aus Manchester verloren hat, nein, man ist derzeit auch in London nur die dritte Kraft hinter Arsenal und Tottenham.

Chelsea FC vor dem Spiel

Jetzt, wo die Saison in ihre entscheidende Phase tritt, steht Chelsea plötzlich gar nicht mehr so schlecht da. Man steht nach einem 5:1 Kantersieg gegen die Spurs im Finale des FA Cups und ist auch in Europa die einzige Mannschaft von der Insel, die den eigenen Ansprüchen nicht hinterherläuft. Selbst in der Liga ist wieder einiges möglich, da Arsenal es am Montag verpasste, auf 10 Punkte davonzuziehen und Chelsea mit einem Sieg im direkten Duell am Wochenende bis auf vier Punkte an Platz 3 herankommen kann – mit noch einem Spiel in der Hinterhand.

Um auf allen drei Hochzeiten erfolgreich zu tanzen braucht man jedoch eine richtige Serie. In der Liga darf man sich keine Ausrutscher mehr erlauben, sonst ist die Champions League Qualifikation futsch. Im Pokal ist die Aufgabe gegen den taumelnden FC Liverpool vom Papier her etwas einfacher, doch die Reds haben auch im Liga-Pokal schon überrascht. Der dickste Brocken steht jedoch mit dem FC Barcelona in der Champions League vor der Nase. Der Respekt dürfte auf Seiten der Katalanen jedoch ebenfalls groß sein, hat man sich doch in den letzten Jahren häufiger hitzige und äußerst Knappe Duelle geliefert. Vom Papier her ist Chelsea klarer Außenseiter, doch die Trendwende, die nach dem Abschied von André Villas-Boas vollzogen wurde, ist bemerkenswert. Während der Portugiese Chelsea in eine leichtfüßigere Zukunft führen wollte und mit seinem Ansatz arrivierte Spieler verprellte, ist sein Nachfolger Roberto Di Matteo erst einmal zum Erfolgsmodell vergangener Jahre zurückgekehrt. Der physische Fußball mit schnellem, direkten Passspiel in die Spitze, der Chelsea lange auszeichnete, kommt den alten Hasen Lampard, Drogba und Terry entgegen. Ob es langfristig eine kluge Entscheidung war, den Spielern klein beizugeben, statt den Trainer zu stärken, wird sich zeigen. Momentan wirkt Chelsea jedoch wie von einer Last befreit.

Das liegt auch an der Systemumstellung, die Di Matteo vorgenommen hat. Das 4-2-3-1 wirkt derzeit stabiler, als es Villas-Boas 4-3-3 jemals tat (obwohl Chelsea das 4-3-3 seit Mourinhos Zeit gewohnt war). Die Doppelsechs vor der Abwehr trägt viel zur Stabilität bei, doch auch allgemein verteidigt man enger, schiebt die zweite Viererkette dicht zusammen und verdichtet so das Zentrum, ein Aspekt, der gegen Barcelonas überladenes Mittelfeld nicht unerheblich ist. Nach vorne spielt man mit Tempo, langen Bällen und der Hoffnung, die physische Überlegenheit irgendwie in Tore ummünzen zu können, um das noch immer an den beteiligten Spielern nagende Ausscheiden vor drei Jahren vergessen zu machen.

FC Barcelona vor dem Spiel

Beim Wettrennen um die spanische Meisterschaft entscheiden kleine Details. Ein Unentschieden hier, eine Niederlage dort und schon ist man hoffnungslos abgeschlagen. Den zwischenzeitlichen 10-Punkte Rückstand auf Madrid einer angeblichen Sättigung an Titeln zuzuschreiben, halte ich für falsch, denn es übersieht, wie stark der Kontrahent seit drei Jahren spielt. Ohne die direkten Duelle wäre Barcelona seit 2009 nicht mehr Meister geworden. Eine Meisterschaft für Madrid wäre angesichts der Dominanz in der Liga einfach fällig. Dabei sind Barcelonas Statistiken auch in dieser Saison wieder beeindruckend. Nur zwei Niederlagen kassierte man in 52 Pflichtspielen. Von den letzten 15 Partien wurden 14 gewonnen, bei einem Unentschieden – dem 0:0 in Mailand.

Noch beeindruckender sind die Zahlen von Lionel Messi. Dachte man schon letzte Saison, dass nach oben hin eigentlich nichts mehr möglich ist, hat er diese Saison noch einmal alles getoppt, was im modernen Fußball auf individueller Ebene bislang erreicht wurde. 41 Tore in 32 Ligaspielen, 14 Tore in 9 Champions League-Spielen, dazu noch zwei Tore im Pokal, zwei bei der Club-WM, eins im UEFA-Supercup und drei im spanischen Supercup. Unterm Strich stehen 63 Tore in 52 Pflichtspielen und ich frage mich langsam, wo das noch hinführt in den nächsten Jahren. Trotz der großen mannschaftlichen Stärke und der Torgefährlichkeit des Mittelfelds (wo Xavi häufiger traf, als je zuvor) scheint man abhängiger von Messi geworden zu sein, was die Tore angeht. Die Chancenverwertung lässt mitunter zu wünschen übrig, was angesichts Messis Omnipotenz selten ins Gewicht fällt. Wenn jedoch eine Mannschaft die übliche Chancenflut unterbindet (wie Milan im Viertelfinale), ist Barcelona an einem weniger überragenden Tag des Argentiniers defensiv beizukommen.

Nicht zuletzt die zahlreichen Verletzungen tragen hierzu bei. Eigentlich ist es für den FC Barcelona eine Seuchensaison: Die Offensivspieler, die letzte Saison neben Messi agierten, plagen sich allesamt mit Verletzungen herum. David Villa ist seit Dezember raus und kämpf um seine EM-Chancen, Pedro hatte immer wieder körperliche Probleme und steckt auch deshalb in einem Formtief und Ibrahim Afellay kehrt gerade von einem Kreuzbandriss zurück, der ihn seit September lahmgelegt hatte. Auch in der Verteidigung traf es Barca schon häufiger, angefangen bei Carles Puyol, der die Saisonvorbereitung verpasste, über Gerard Piqué, dessen Serie an Muskelfaserrissen gut zu Werder Bremen passen würde, bis hin zu Eric Abidal, der sich kürzlich einer Lebertransplantation unterziehen musste. Auf dem Papier ist Barcelona durch die Verpflichtungen von Cesc Fabregas und Alexis Sanchez zwar noch stärker geworden, doch die paar Promille, die über den Ausgang der Meisterschaft entscheiden, könnten vor allem aufgrund der Verletzungen am Ende fehlen.

Prognose

Es fällt schwer sich ein Weiterkommen Chelseas vorzustellen – oder vielmehr ein Ausscheiden Barcelonas. Dennoch würde ich Chelsea nicht als chancenlos ansehen. Zum einen tat sich Barcelona gegen den physischen Spielstil der Blues in den letzten Jahren meist schwer. Zum anderen wirkt Barcelona nicht mehr so unantastbar, wie im Kalenderjahr 2011. Man merkt dem Team an, dass es auf dem Zahnfleisch geht. Die zahlreichen Ausfälle und der Endspurt um die schon verloren geglaubte Meisterschaft haben ihre Spuren hinterlassen. Gegen Milan kam Barcelona zwar verdient weiter, hatte jedoch in beiden Spielen Probleme, sich Torchancen zu erspielen. Zwar muss Chelsea in beiden Spielen alles abrufen, was möglich ist, um überhaupt ein ernsthafter Gegner zu sein. Wenn das gelingt und man (ähnlich wie Milan) das Zentrum verbarrikadiert, haben sie eine realistische Chance. Aber auch dann wird man darauf angewiesen sein, dass Barca nicht den besten Tag erwischt.

Eine der großen Stärken der Katalanen ist allerdings die taktische Flexibilität ihres Trainers. Pep Guardiola ist ein großartiger Analytiker, der die Stärken seiner Mannschaft genau einzuschätzen und anzuwenden weiß. Sollte Chelseas Defensive im Hinspiel zur unüberwindlichen Hürde werden, wird er im Rückspiel entsprechende Anpassungen vornehmen, siehe im Rückspiel gegen Milan, wo er mit der Aufstellung von Cuenca überraschte, der wenig am Spiel teilnahm, aber für die Breite im Spiel sorgte, die im Hinspiel gefehlt hatte. Die Optionen, die Guardiola in der Hinterhand hat, sind trotz der Ausfälle beneidenswert, zumal jeder dieser Squad Player eine neue Facette mit ins Spiel bringt, sei es Keita, Tello, Adriano, Cuenca oder Thiago Alcantara.

Ich erwarte in London ein enges Spiel, mit einem eher zurückhaltend agierenden Titelverteidiger und einem sehr kämpferischen FC Chelsea. Solange Barcelona ein Auswärtstor macht, wäre man auch bei einer knappen Niederlage weiterhin Favorit. Vorlegen muss Chelsea, wenn man ernsthafte Chancen im Rückspiel haben will. Eine interessante Konstellation, die vermutlich nicht zu einem Fußballfest, aber zu einem spannenden taktischen Duell führen dürfte.

Bayern München vs. Real Madrid – Champions League Halbfinale

Live-Blog

23.02

“Wenn ich das so sehe ist das Gelb-Rot, aber der Schiedsrichter hat sich mit Gelb begnügt.” – Regelgott Jupp Heynckes zu Marcelos Foul an Müller.

22.45

Zwei Anmerkungen zum Schluss:

1. Auch wenn es ein Kampf gegen Windmühlen ist, muss es gesagt werden: Die Bildregie ist eine Katastrophe! Eine Großaufnahme jagt die nächste, der Spielverlauf lässt sich so nicht vernünftig mitverfolgen, wenn man quasi nie eine Totalansicht des Spielfelds hat, wenn der Ball in Richtung der Strafräume läuft.

2. Die “Elfmeterszene” von Gomez kurz vor Schluss zeigte mal wieder den Unsinn der Elfmeter-Regel. Auf der linken Seite spielt der Verteidiger klar den Ball. Auf der rechten Seite trifft der andere Verteidiger nur den Spieler. An jeder anderen Position des Spielfelds wäre das ein Freistoß und das Argument, dass der Ball schon weg gewesen sei, würde niemand ernst nehmen (siehe Marcelo-Foul am Ende). Beim Elfmeter stellt die Bestrafung (80%ige Torchance) eine unverhältnismäßige Strafe dar, weshalb kaum ein Schiedsrichter diesen Elfmeter gibt. Das schwammige “Fingerspitzengefühl” soll also eine unsinnige Regel ausgleichen. Kein Wunder, dass es hier so viel Diskussionsstoff gibt.

22.37

Endstand: Bayern München – Real Madrid 2:1.

Den “hochverdienten Sieg”, den Marcel Reif den Bayern attestiert, habe ich nicht gesehen. Es war ein enges Spiel, das die Bayern nach Anfangsnervosität mit offenem Visier angegangen sind und sich schon allein deshalb den Sieg verdient. Andererseits war Bayern selten so zwingend, dass das Ergebnis unabänderlich gewesen wäre.

Eine realistische Chance hat Bayern mit dem Ergebnis in Madrid definitiv. Real wird sich deutlich steigern müssen, was im eigenen Stadion auch mehr als wahrscheinlich ist.

22.37

90+3′ Marcelo mit klar rotwürdigem Foul, sieht aber nur Gelb. Webb, wie er leibt und lebt. Madrid, wie es leibt und lebt.

22.36

90+2′ Noch einmal ein Freitstoß für Madrid, den Neuer locker abfängt. Die Führung hat sich Bayern erkämpft. Sie ist verdient, auch wenn Bayern trotz Feldüberlegenheit wenig richtig gute Chancen hatte.

Gelb gegen Higuain.

22.32

90′ Bayern München – Real Madrid 2:1, Gomez.

Lahm setzt sich stark gegen Coentrao durch und flankt von der Grundlinie flach vors Tor, vor drei Verteidiger und ein Torwart verdutzt zuschauen, wie Gomez den Ball ins Tor spitzelt.

22.29

86′ Erneut eine Kopfballchance für Gomez, dessen Kopfball aber leichte Beute für Casillas ist. Torchancen bekommen die Bayern, doch richtig zwingend werden sie kaum.

22.27

83′ Ribery mit einem Kunststück am Ball, das zwei Gegner aus dem Spiel nimmt. Seine Hereingabe verpasst Robben in der Mitte knapp und Real kann mit etwas Gewürge klären. Ribery fordert anschließend lautstark einen Handelfmeter, aber Pepe bekam den Ball deutlich sichtbar an die Brust.

84′ Letzter Wechsel Madrid: Higuain für Benzema.

22.24

81′ Auch wenn die Bayern tonangebend bleiben, hat Madrid das Zentrum ganz gut zu bekommen. Nach vorne riskiert man kaum noch etwas, warum auch. Bayern auf der Suche nach der entscheidenden Lücke. Richtig gute Torchancen sind Mangelware.

22.21

78′ Nächster Wechsel bei Madrid: Granero kommt für di Maria ins Spiel.

22.19

75′ Nun hat auch Ramos Gelb gesehen, für ein typisches Ramos-Foul: Zu spät, mit Anlauf und voll durchgezogen.

22.15

72′ Nach dem Wechsel sieht es bei Real folgendermaßen aus: Marcelo als offensiver linker Flügelspieler und Ronaldo wechselt auf die rechte Seite.

Gute Chance für Gomez nach Flanke von Lahm, doch sein Kopfball geht übers Tor.

22.13

69′ Bayern hat gut reagiert und übt viel Druck auf Madrid aus, will ein Übergewicht erspielen und Real hinten rein drücken. Madrid hält jedoch früh dagegen und sucht die Zweikämpfe. Es geht viel über Kampf derzeit, den die Bayern annehmen und so in Tornähe kommen.

Mourinho reagiert: Marcelo kommt für Özil.

22.08

64′ Gelb gegen Lahm. Das Spiel ist nicht übermäßig hart und Webb pfeift erwartungsgemäß nicht kleinlich, aber es gibt viele kleinere Fouls und auch einige klar gelbwürdige Vergehen.

22.06

63′ Webb will dann mal seinen Ruf retten und lässt zwei harte Tacklings von Luiz Gustavo weiterlaufen (gab bislang keine Zeitlupe, kann die Szenen nicht richtig beurteilen) und winkt dann auch Pepes Rempler gegen Gomez im Strafraum durch.

22.04

61′ Wechsel FC Bayern: Thomas Müller kommt für Schweinsteiger, der ungläubig guckte, als die Tafel mit seinem Namen hochging. Kroos dürfte nun den zweiten Sechser geben und alles eine Spur riskanter werden.

22.03

58′ Was ich vorhin schreiben wollte, kurz bevor das Tor fiel: Offensiv waren die ersten Minuten der 2. Halbzeit enttäuschend von Madrid. Ein wichtiger Faktor dabei: Xabi Alonso ist völlig aus dem Spiel. Muss sich immer wieder sehr weit nach hinten fallenlassen und es sieht bei weitem nicht immer freiwillig aus. Die Spieleröffnung durch die Innenverteidiger ist schwach, was nichts neues ist, doch normalerweise kann man es über Alonso ausgleichen. Heute gelingt dies weit weniger.

60′ Gelb gegen di Maria wegen Ballwegschlagens

21.56

53′ Bayern München – Real Madrid 1:1, Özil.

Gerade wollte ich Madrids Schwächen in der Offensive beschreiben, da kontert Madrid mit erschreckender Überzahl die Bayern aus. Ronaldo schiebt völlig frei vor dem Tor Neuer den Ball in die Beine, doch Madrid setzt nach und Benzemas Hereingabe wird von Ronaldo hart und flach vors Tor geschossen, wo Özil den Fuß rein hält.

56′ Gelb gegen Coentrao und Xabi Alonso innerhalb weniger Sekunden.

21.48

46′ Es geht weiter. Beide Mannschaften bleiben aufstellungstechnisch unverändert.

21.32

Halbzeit: Bayern München – Real Madrid 1:0

Pausenüberschrift: Zahn gezogen. Die Führung der Bayern ist nicht unverdient, auch wenn die guten Phasen im wesentlich nach dem – irrgulären – Tor kamen, das den Spielverlauf zu dem Zeitpunkt auf den Kopf stellte. Mit der Führung im Rücken spielte Bayern auf und kam zu weiteren Torszenen, während Madrid in vielen Bereichen des Spiels Probleme bekam. Im Zentrum hat Bayern ein Übergewicht, das sich so in den ersten 20 Minuten nicht abzeichnete.

Pausenfrage: Wie viele Zähne hat Madrid noch und wann beißen sie zu?

Ein 0:1 ist ein schlechtes Auswärtsergebnis und Madrid wird im Laufe der Partie sicher den Druck erhöhen wollen. Versucht man bereits in der Anfangsphase der 2. Halbzeit das Pressing zu verstärken oder beschränkt man sich zunächst darauf, die Ordnung, die längst nicht immer stimmte, wieder herzustellen und auf Fehler der Bayern zu warten? Solange für Real die Null steht wird irgendwann der Punkt kommen müssen, an dem man mehr Risiko geht und dann bin ich sehr gespannt auf Bayerns Reaktion.

21.31

45′ Jetzt noch mal eine gute Freistoßchance für Bayern kurz vor der Strafraumgrenze. Kroos tritt ihn, in die Mauer. Eine Minute Nachspielzeit angezeigt, die schon fast wieder rum ist.

21.29

43′ Nach einigen Minuten, als di Maria auf die Zehnerposition rückte und Özil auf den linken Flügel ging, hatten die Bayern große Probleme sich darauf einzustellen. Nach und nach wurde Özil allerdings etwas zur Randfigur. Inzwischen orientiert sich Özil wieder etwas mehr in die Mitte, der linke Flügel bleibt offensiv des öfteren unbesetzt oder wird von Benzema eingenommen.

21.26

40′ Zunächst eine Chance für Benzema, den Alaba nicht am Schuss hindern kann und im Gegenzug spielt Kroos Gomez wunderschön frei und Casillas muss eine starke Parade auspacken, um den Ball übers Tor zu lenken.

21.23

36′ Langsam aber sicher findet Real zurück in die Partie, holt zumindest Standards aus guten Positionen heraus. Alonso bringt ihn von links rein. Gefährliche Flugbahn aber gut geklärt von den Bayern

Kurz darauf übles Foul von Robben an Coentrao, für das er zurecht Gelb sieht. Voll drüber gehalten.

21.17

31′ Gelb gegen Badstuber nach Foul an di Maria, der unglaublich viel Platz im Zentrum hatte. Wieder eine Ronaldo-Position, etwas weiter weg diesmal, gut 30 Meter.

Der Ball wird abgefälscht und ist leichte Beute für Neuer.

21.15

27′ Zweite Torchance für den FCB durch einen Schweinsteiger-Fernschusss, geht knapp am rechten Pfosten vorbei.

Von einer Dominanz würde ich noch nicht sprechen, aber die Bayern haben das Momentum deutlich auf ihre Seite gezogen.

29′ Auf der Gegenseite ein etwas verunglückter Schuss von Ronaldo übers Tor.

21.12

26′ Es ist nicht so, dass Real übermäßig beeindruckt wirkt, aber die Bayern scheinen mit dem Führungstor gemerkt zu haben, dass sie hier tatsächlich eine Chance haben, nachdem sie dem Gegner 10 Minuten mehr oder weniger bewundernd zugeschaut hatten. Deutlich mehr Tempo im Spiel der Hausherren, vor allem durch Ribery, aber auch den erwachten Robben.

21.07

22′ Jetzt eine gute Freistoßchance für Madrid nach überflüssigem Foul von Lahm. Ronaldo aus 22 Metern übers Tor. Mal sehen, wie lange das Tor für die Bayern als Aufputschmittel wirkt.

21.02

17′ Bayern – Madrid 1:0, Ribery.

Ecke von der linken Seite. Der Ball trudelt durch den Strafraum und Ribery schießt ihn aus 10 Metern rein. Gleich in zweierlei Hinsicht eine knifflige Szene: Badstuber springt der Ball an den Arm. Schwer, ihm da Absicht zu unterstellen, da der Arm quasi keine Bewegung macht. Luiz Gustavo stand dagegen im Abseits und nahm Casillas deutlich die Sicht. Aber das Tor zählt und kommt für Bayern zu einem sehr glücklichen Zeitpunkt.

21.01

14′ Seit ich geschrieben habe, das Bayern am Drücker bleibt, spielt hier nur noch Madrid. Robben und Ribery werden auf den Außen zugestellt, bevor sie überhaupt einen Ball bekommen (Robben: 0 Ballkontakte). Das ist kein wirklich aggressives Pressing, aber höchst effektiv. Bayern zeigt sich beeindruckt.

15′ Bayern fordert Elfmeter, aber Webb winkt direkt ab. Schwalbe von Ribery.

20.56

11′ Di Maria ist für mich der Mann der ersten 10 Minuten. Hinten sehr aufmerksam, sehr beweglich und mit großem Aktionsradius. Wenn er in die Mitte zieht und Özil für ihn auf den Flügel rückt, ist Real am gefährlichsten.

20.53

7′ Riesenchance für Madrid. Klasse Steilpass von Özil auf Benzema in die Spitze und Neuer wehrt den harten aber mittigen Schuss des Franzosen ab. Sobald Madrid den Ball ins Angriffsdrittel bekommt, machen sie Bayern Probleme.

20.51

5′ Erste gute Freistoßsituation für die Bayern. Marcel Reif ätzt gegen Howard Webb, den er seit dem WM-Finale 2010 nicht mehr leiden kann. Die Hereingabe wird per Kopf geklärt, doch Bayern bleibt gleich am Drücker. Madrid steht nicht tief, agiert aber (noch) eher abwartend.

20.47

@Estadox: Ich drücke niemandem so richtig die Daumen. Außer Özil :-)

20.45

1′ Und los geht’s. Anpfiff in der Allianz Arena.

20.44

Die Mannschaften kommen raus. Ich bin sehr gespannt, wie Madrid dieses Spiel angehen wird. Bei den Bayern kann ich mir kaum vorstellen, dass sie ihre Spielausrichtung groß ändern, zumal sie weniger Handlungsspielraum haben als Madrid. Sie müssen heute vorlegen. Real könnte sich auch auf eine Defensivtaktik verlegen, doch dazu passen weder Aufstellung noch Selbstverständnis (solange es nicht gegen Barcelona geht). Ich denke nach wie vor, dass Mourinho Bayerns Probleme bei gegnerischem Pressing ausnutzen will.

20.39

Keine Überraschungen bei den Aufstellungen. Die Bayern wie erwartet mit Müller auf der Bank und Schweinsteiger in der Startelf. Bei Madrid spielen Özil und di Maria in einer Dreierreihe mit Ronaldo sowie Coentrao als Linksverteidiger. Marcelo, die offensivere Variante hinten links, sitzt auf der Bank, genau wie Kaka und Higuain.

20.36

Ich experimentiere heute mal mit einem neuen Liveblogging-Plugin, deshalb kann man hier heute nicht kommentieren (außer natürlich unten drunter im “normalen” Kommentarfeld). Mal sehen, wie gut es funktioniert.

20.34

Die Aufstellungen:

FC Bayern: Neuer – Lahm, Boateng, Badstuber, Alaba – Luiz Gustavo, Schweinsteiger – Robben, Kroos, Ribery – Gomez

Real Madrid: Casillas – Arbeloa, Pepe, Sergio Ramos, Coentrao – Khedira, Xabi Alonso – di Maria, Özil, Cristiano Ronaldo – Benzema

20.30

Moin, äh, Grüß Gott aus Bremen!

Vorbericht

Die Mannschaften haben vor dem Halbfinale sehr unterschiedliche Ausgangssituationen: Bayern hat die Meisterschaft spätestens am Samstag verloren, kann aber über die Champions League noch vieles retten. Das Finale in München wäre ein Traum für den Verein. Real Madrid war vor ein paar Wochen schon fast sicher Meister und muss nun doch noch einmal zittern, falls man Samstag in Barcelona verliert. Diese Saison könnte zur Wachablösung in Spanien werden, doch dazu müsste man neben der Meisterschaft Barca auch die Champions League entreißen.

Real Madrid vor dem Spiel

Madrid hat sich offensiv weiterentwickelt und verfügt personell über sehr viele nahezu gleichwertige Optionen. Neben Ronaldo spielen drei Offensivakteure aus dem Sextett Benzema, Higuain, Özil, Kaka, di Maria und Callejon in einer flexiblen 3-1 Anordnung, die je nach Gegner angepasst werden kann. Im zentralen Mittelfeld hat man ebenfalls viele Optionen von energetisch (Lass, Khedira) bis spielerisch hochwertig (Xabi Alonso, Sahin). In der Abwehr werden keine gefangenen gemacht. Rustikaler als das Innenverteidiger-Duo Pepe und Sergio Ramos geht es nicht, ohne sich strafbar zu machen. In Marcelo und Coentrao hat man Außenverteidiger, die viel Dampf nach vorne machen können, aber auch für die vorsichtiger Variante stehen mit Arbeloa Optionen zur Verfügung. Kadermäßig kann José Mourinho aus dem vollen schöpfen.

Die schiere Offensivpower Madrids ist furchteinflößend. Im Sturmzentrum besitzt man mit Benzema und Higuain zwei Spieler, die zwar unterschiedliche Stärken, aber gleichwertige Torgefährlichkeit aufweisen. Cristiano Ronaldo hat seine überragende Torquote der letzten Saison sogar noch gesteigert. Wirklich begeistert bin ich jedoch vom Zusammenspiel von Özil, di Maria und Kaka. Egal welche zwei Mourinho spielen lässt, sie lassen sich kaum aus dem Spiel nehmen und bereiten Ronaldo und den Stoßstürmern mit genialen Pässen und Läufen den Weg. Dazu wirkt auch das defensive Mittelfeld dominanter als noch vor einem Jahr, so dass die Bayern nicht davon ausgehen sollten, mehr Ballbesitz zu haben. Oder plant Mourinho in München einen Defensivcoup? Angesichts der bayerischen Probleme mit aggressivem gegnerischen Pressing kaum vorstellbar.

Bayern München vor dem Spiel

Der FC Bayern spielt eine insgesamt gute Saison, hat allerdings seit dem goldenen Herbst mit einigen Problemen zu kämpfen, die verhindern, dass aus der guten eine überragende Saison wurde und die Jupp Heynckes bislang nicht in den Griff bekam. Bayern kann immer noch Mannschaften fast jeglichen Kalibers an die Wand spielen, gerät jedoch immer dann in Bedrängnis, wenn ein Gegner aggressives Pressing spielt. Den dafür nötigen Organisationsgrad und das Selbstvertrauen haben zum Glück für die Bayern nicht allzu viele Mannschaften. Dank der individuellen Klasse der Offensivspieler und der unter Heynckes zurückgekehrten defensiven Stabilität zählt man weiterhin zu den Topteams in Europa. Einen spielerischen Fortschritt kann man abgesehen vom zwischenzeitlichen Höhenflug im Herbst jedoch nicht erkennen. So ist Bayern ein Riese, der nur innerhalb der eigenen Komfortzone zu erschrecken weiß.

Schweinsteiger ist sicher nicht die Lösung aller Probleme bei den Bayern, verleiht dem Team aber im Zentrum eine Extraportion spielerischer Klasse und ist für das Aufbauspiel enorm wichtig. Die offensive Abhängigkeit von der mitunter launischen Flügelzange „Robbery“ bleibt aber auch in seiner Anwesenheit bestehen. Die größere Gefahr geht derzeit von der linken Seite aus, wo Ribery vom bärenstarken Alaba unterstützt wird. Das Duo Robben/Lahm ist hingegen noch nicht zu alter Gefährlichkeit zurückgekehrt. Topscorer Gomez ist für mich mehr Resultat als Ausgangspunkt der bayerischen Torgefährlichkeit. Wird er mit Hereingaben gefüttert, ist er kaum zu stoppen. Schneidet man ihm hingegen den Zufluss an Bällen in die Spitze ab, nimmt man ihn damit weitgehend aus dem Spiel und er nimmt als interessierter Beobachter am Spiel teil. Ein mitspielender Stürmer oder gar eine falsche Neun ist er nicht, weshalb Olics Rückkehr zur Topform in den Spielen gegen Madrid sehr wichtig werden kann.

Prognose

Entscheidend für den Ausgang dieses Duells wird vor allem die Frage sein, ob Madrid den starken linken Flügel der Bayern stoppen kann. Zumindest im Hinspiel dürfte Mourinho die vorsichtige Variante Arbeloa als Rechtsverteidiger gegen Ribery wählen. Damit spekuliert er weniger auf den freien Raum, der sich hinter dem etwas defensivfaulen Franzosen ergibt, als es beispielsweise Piszeck beim BVB tat. Ansonsten sehe ich einen klaren Vorteil für Real Madrid, gerade auch wegen des stark verbesserten Pressings, mit dem man schon Barcelona vor große Probleme stellte. Es wird sich zeigen, ob die für Bayern sprechende Historie in dem Spiel eine Rolle spielt, doch eigentlich kann ich es mir bei Mourinhos psychologischen Fähigkeiten nicht vorstellen, dass sich seine Spieler davon beeindrucken lassen – ganz anders als bei den omnipräsenten Classicos.

Die Aufgaben für den FCB erscheinen angesichts der momentanen Probleme zu groß. Kann das Mittelfeld mit Schweinsteiger sowohl den Spielaufbau verbessern, als auch Özils Kreise eindämmen? Kann Robben den durch Marcelos oder Coentraos Vorstöße entstehenden Platz ausnutzen und gleichzeitig seine Defensivaufgaben erfüllen? Und warum gelingt es eigentlich schon seit Monaten nicht mehr so richtig, Thomas Müllers Läufe in den Raum mit den nötigen Bällen zu füttern? Erwischt Bayern einen richtig guten Tag, ist heute Abend etwas drin. Ansonsten könnte schon vor dem Rückspiel alles vorbei sein, weil die dicke Lady Cristiano Ronaldo gesungen hat.

5 Wege zum Erfolg bei den Bayern

Am Samstag trifft Werder auf den Ex-Tabellenführer aus München, der in einer Mini-Krise steckt. Was muss Werder tun, um sie zu einer echten Krise auszuweiten?

1. Die Statistiken vergessen

Bayern ist seit sechs Jahren in der Bundesliga ohne Heimsieg gegen Werder, Werder dafür seit über drei Jahren ohne Sieg gegen die Bayern. Wettbewerbsübergreifend hat Werder aus den letzten fünf Spielen gegen die Bayern ein mageres Unentschieden und vier Niederlagen eingefahren. Man kann sich diese Statistik also so hinbiegen, wie es einem gerade passt. Ähnliches gilt auch für die Statistiken innerhalb dieser Saison: Bayern hat nach Rückständen noch keinen Punkt geholt, Werder hingegen schon 16. Daraus kann man nur die falschen Schlüsse ziehen.

Gerade vor Spitzenspielen wird gerne auf diese Zahlenspiele zurückgegriffen. Die Spieler sollten das völlig ausblenden und sich nicht mit der Statistik beschäftigen. Außenseiter ist Werder sowieso. Was zählt ist einzig und allein die Konzentration auf den eigenen Matchplan. Rechenspielchen lenken nur vom Wesentlichen ab.

2. Laufen, laufen, laufen

Bayern München - Werder Bremen 2004

Der schönste Bremer Sieg in München vor 7 1/2 Jahren

Es klingt wie eine Plattitüde, aber in diesem Spiel wird es sehr auf die Laufstärke ankommen. In dieser Saison gehört Werder zu den laufstärksten Mannschaften der Bundesliga. Überhaupt wird in Werders Spielen sehr viel gelaufen, zumeist von beiden Mannschaften. Vieler dieser Spiele waren bis zum Ende hart umkämpft. Die Bayern kommen in der Regel mit deutlich weniger Laufstrecke aus, weil sie das Spiel mit ihrem starken Pass- und Positionsspiel meist beherrschen und damit Ball und Gegner laufen lassen. Nicht selten waren ihre Spiele nach 60 Minuten entschieden.

Natürlich sollte man die Laufdistanz nicht überbewerten. Dennoch muss Werder die Überlegenheit in diesem Bereich ausnutzen und die Bayern zum Laufen zwingen. Damit könnte man dem Gegner ein Stück weit das eigene Spiel aufzwingen. Vor allem Werders Mittelfeld mit Bargfrede, Fritz und Hunt ist ungemein laufstark. Auf sie wird es insbesondere ankommen, wenn man trotz Raute die bayerischen Flügelspieler doppeln möchte.

Extremes Vorwärtspressing ist nicht nötig. Mit dem Erfolgskonzept aus dem Spiel gegen Stuttgart (Stürmer attackieren nicht die Innenverteidiger sondern stellen die Passwege auf die Sechser zu), könnte man auch den Bayern den Spielaufbau erschweren. Darüber hinaus kommt es aber wieder auf Tempo und Laufbereitschaft an: Pressing im Mittelfeld, Doppeln auf den Außen, Nachsetzen der Stürmer gegen die Außenverteidiger und schnelle Gegenstöße.

3. Nicht zu tief stehen

Diese Warnung wirkt bei Werder fehl am Platz. Thomas Schaaf lässt zwar nicht mehr ganz so hoch verteidigen, wie noch vor ein paar Jahren, aber die Gefahr, zu tief zu stehen, ist normalerweise ziemlich gering. Gegen die Bayern ist das anders. Beim Pokalfinale letztes Jahr beispielsweise ließ sich Werder sehr tief in die eigene Hälft drängen und konnte dennoch nicht verhindern, dass Bayern zu zahlreichen Torchancen kam. Gegen die starken Flügelspieler ist es nicht ratsam, die Viererkette zu dich am eigenen Strafraum agieren zu lassen, zumal dann auch die gegnerischen Sechser viel Platz um den Mittelkreis herum haben, wenn man die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen nicht zu groß werden lassen möchte.

Andererseits ist bei einer sehr hohen Viererkette das Risiko groß, dass man mit langen Bällen ausgekontert wird und Spieler alleine aufs Tor zulaufen. Dieses Problem hatte man vor knapp zwei Jahren, als Werder gegen Bayern zuhause weitgehend chancenlos war und Robben mit Abdennour Katz und Maus gespielt hat. Es gilt also stets die richtige Höhe abzuwägen und immer wieder an den Spielverlauf anzupassen. Als Orientierung kann man die Verteidigungslinien von Mainz und Dortmund nehmen, die in den letzten Spielen einen guten Mittelweg gefunden haben.

4. Die Flügelzange festbinden

Robben und Ribery aus dem Spiel zu nehmen ist schwierig. Ständiges Doppeln ist dafür unabdingbar, was mit einem Mittelfeld mit Raute nicht leicht umzusetzen ist. Möglich ist es aber durchaus, wenn sich das Mittelfeld etwas flacher aufstellt. Dafür muss Marin als Zehner sich häufig neben Bargfrede fallenlassen, um das Loch zu stopfen, dass auf der Sechserposition entsteht, wenn die äußeren Rautenspieler weiter auf die Flügel rücken.

Andererseits wird Marin auch hinter den Spitzen als Anspielstation benötigt. Auf ihn kommt also eine anspruchsvolle Doppelrolle zu, die seine derzeitige Form auf eine harte Probe stellen wird.

Eine gute Visualisierung dazu gibt es bei ballverlust.net.

5. Den Schalter finden

Das Umschalten gehört nicht unbedingt zu Werders Stärken in dieser Saison. Gegen Stuttgart hat es aber ganz gut funktioniert. Es gab viele Balleroberungen im Mittelfeld, die sofort in Gegenangriffe umgewandelt wurden. Gegen die ballsicheren Bayern wird Werder es schwer haben, sich Torchancen herauszuspielen. Daher ist es umso wichtiger, nach Ballgewinn im Mittelfeld gegen den aufgerückten Gegner schnell zuzuschlagen und Konter einzuleiten. Wenn alles andere gut klappt, kann das den Unterschied zwischen einem hart erkämpftem Unentschieden und einem Auswärtssieg ausmachen.

Foto: Allie_Caulfield / flickr.com