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31. Spieltag: Fast geschafft

Werder Bremen – TSG 1899 Hoffenheim 3:1 (1:1)

Nachdem es hier beruflich bedingt einige Zeit still war, gibt es heute den vermutlich entscheidenden Schritt zum Klassenerhalt zu feiern. Werder besiegt im vorletzten Heimspiel die TSG Hoffenheim etwas glücklich mit 3:1 und hat drei Spieltag vor Ende neun Punkte Vorsprung auf den HSV.

Kampf und Kompaktheit

Dutt ersetzte den gesperrten Junuzovic durch Selassie und brachte wie erwartet den nicht mehr gesperrten Di Santo für Petersen zurück ins Team. Ansonsten blieb es bei der Rautenformation der letzten Wochen, mit Elia als beweglichem Halbstürmer. Hoffenheim ist die Freak-Mannschaft dieser Saison, mit einem bizarren Torverhältnis und spielerisch sehr starken Ansätzen. Gisdol setzte wie gewohnt auf die Offensivstärke seines Teams und ließ Volland, Firmino, Salihovic und Elyounoussi im formellen 4-2-3-1 System rochieren. Die Bremer Abwehr sollte durch quirlige Spielertypen und schnelle Kombinationen am Boden unter Druck gesetzt werden und nicht etwa mit der physischen Präsenz eines Modeste. Dies gelang in der Anfangsphase sehr gut. Hoffenheim nimmt im Angriffsdrittel keine Gefangenen, spätestens der dritte Pass geht vertikal in die Schnittstelle. Beim 0:1 in der 3. Minute bekommt Werders Mittelfeld trotz Überzahl Firmino nicht in den Griff, der auf Volland durchsteckt – eine symptomatische Szene für die erste Viertelstunde. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Hoffenheim das zweite Tor nachlegen würde.

Zum Glück ist Fußball ein Sport, bei dem sich mit einer einzigen Aktion die Dynamik des Spiels ändern kann. Bargfredes abgefälschter Schuss in den Winkel brachte Werder mit einem Schlag ins Spiel und plötzlich sah man, warum Hoffenheim trotz aller Qualitäten im Ligamittelfeld herumdümpelt. Werder erkämpfte sich im Mittelfeld ein leichtes Übergewicht, Rudy und Polanski kontrollierten das Zentrum nicht mehr und schon war Hoffenheims Offensive vom Spiel abgeschnitten und kam für den Rest der ersten Halbzeit nur noch sporadisch zu guten Situationen. Das technisch feinen Offensivspiel der Anfangsphase kam nicht mehr zum Tragen. Die Partie wurde immer mehr zu einem Kampfspiel zweier sehr eng agierender Teams, was Werder offensichtlich mehr behagte. Nun konnte man wieder die Mechanismen sehen, die schon in den letzten Wochen immer besser griffen. Di Santo behauptet die Bälle in der Spitze inzwischen ganz gut, während Elia auf seiner neuen Position aufblüht und sehr beweglich die Flügel besetzt (wäre er doch bloß etwas effektiver am und im Strafraum). Das Dreiermittelfeld hinter Hunt suchte leidenschaftlich die Zweikämpfe und besonders Torschütze Bargfrede erwies sich wieder einmal als Antreiber.

Großer Wille, glückliches Ende

Auch nach dem Seitenwechsel blieb das Spiel intensiv und kompakt. Nicht selten rückten beide Teams so weit auf die rechte oder linke Seite, dass eine gesamte andere Spielhälfte verwaist war. Dazu machten die Teams auch in der Vertikalen das Spielfeld eng. Längere Passstaffetten waren in dem engen Raum kaum zu sehen, was sich in schwachen Passquoten beiderseits sowie absurden 74 Einwürfen (dürfte ein Ligahöchstwert sein, gibt es dazu Statistiken?) niederschlug. Spannend wurde es folglich immer dann, wenn es einem Team gelang, die Kompaktheit des jeweils anderen zu überwinden. Dies gelang Hoffenheim in der zweiten Halbzeit etwas häufiger als Werder, obwohl die Hausherren insgesamt mehr vom Spiel hatten und auch größeren Aufwand betrieben, um das Spiel noch zu gewinnen. Im Gegensatz zur Anfangsphase war Hoffenheim vor dem Tor nun jedoch nicht mehr so effektiv und vergab seine Kontergelegenheiten fahrlässig. Der größere Siegeswille auf Seiten der Bremer brachte so – gepaart mit einer Portion Glück – die Entscheidung.

Die Geschehnisse der letzten Viertelstunde waren dann wie gemalt für den Jahresrückblick: Garcia bewies sein Gespür für wichtige Tore, Wolf hielt mit seinem abgewehrten Elfmeter gegen Salihovic den Sieg fest und Petersen sorgte nach seinem fürchterlichen Eigentor letzte Woche für das Happy End. Dank der Hamburger Niederlage am Abend dürfte Werder mit diesem Sieg gerettet sein. Mit nun 36 Punkten ist auch das angestrebte Saisonziel von 40 Punkten nicht außer Reichweite.

Auf ein abschließendes Wortspiel mit Ostern, Eiern und/oder Nest wird an dieser Stelle verzichtet.

25. Spieltag: Unentschieden mit Fragezeichen

Werder Bremen – VfB Stuttgart 1:1 (0:0)

Mit einem glücklichen Punkt gegen Stuttgart setzt Werder die positive Serie im Abstiegskampf fort und hält sich einen weiteren Konkurrenten vom Leib. Stuttgart dominierte die zweite Halbzeit, aber Werder hatte mit Hunts Freistoß die passende Antwort parat.

Mittelfeldvermeidung

Robin Dutt ließ sein Team im Vergleich zum Auswärtssieg in Nürnberg unverändert und vertraute erneut auf eine Mittelfeldraute. Huub Stevens stellte sein Team wie erwartet etwas defensiver auf als zuletzt und ließ sein Team recht tief verteidigen. Wer den VfB unter dem neuen, für Defensivkünste bekannten Trainer jedoch mit einer abwartenden Herangehensweise in der Anfangsphase erwartet hatte, wurde überrascht. Stuttgart übernahm wenn möglich selbst das Kommando und versuchte den ebenfalls tief stehenden Gegner über lange Pässe auf die Flügel unter Druck zu setzen. Werder blieb nicht ganz so passiv wie in den letzten Spielen und wurde durch Stuttgarts weitgehenden Verzicht auf Angriffspressing zu einem langsamen Spielaufbau gezwungen. Wie gehabt resultierte dies in Querpässen und langen Bällen, die meistens auf die Flügel gespielt wurden, um Kopfballduellen mit Niedermeier und Rüdiger zu entgehen. Auch Stuttgart war darauf bedacht, das Mittelfeld schnell zu um- bzw. überspielen, um die eigenen Schwächen im Spielaufbau nicht zum Tragen kommen zu lassen.

Insgesamt spielten beide Mannschaften viel über die Flügel (auf beiden Seiten kamen nur je 19% aller Angriffe durchs Zentrum) und tendierten dabei jeweils zu ihrer linken Angriffsseite. Dadurch, dass Werder öfter und weiter aufrückte als zuletzt, ergaben sich oft Räume zwischen Mittelfeld und Abwehrkette, in denen besonders Traoré häufig anspielbar war. Auch deshalb hatte Werders Raute in diesem Spiel früher Probleme mit dem breit angelegten Stuttgarter Spiel. Bargfrede musste in der Defensive häufig auf die Außenbahn hinausschieben (vor allem nach rechts). Da Obraniak erneut etwas höher und flügellastiger agierte, als Junuzovic auf der anderen Seite, taten sich Lücken im Zentrum auf, die der VfB jedoch nur unzureichend nutzte.

Dutt wartet, Niedermeier trifft

Zur Pause hatte ich fest mit einer Umstellung bei Werder gerechnet, doch Dutt behielt die Raute zunächst bei, was vielleicht auch an der relativen Ungefährlichkeit der Stuttgarter beim Abschluss lag. Trotz Elfmeters hatte der VfB bis zur Pause keinen einzigen Schuss aufs Tor. Nach dem Wechsel war Stuttgart jedoch präsenter und bespielte noch gezielter die Lücken in Werders Formation. Es ist erstaunlich wie ballsicher die Gäste dabei phasenweise agierten, während sie ansonsten doch massive Probleme im Passspiel offenbarten. Werder gelang es in dieser Phase nicht mehr, den Stuttgarter Druck vom Strafraum fernzuhalten. Das Führungstor fiel dennoch nach einer Standardsituation, als sich Prödl bei einer Flanke verschätzte und Niedermeier so frei vor Wolf an den Ball kam. Gibt es in der Situation eine Möglichkeit für den Torwart den Ball zu antizipieren und wegzufausten?

Dutt reagierte auf den Rückstand mit der Einwechslung Kobylanskis für den erneut schwachen Petersen. Es blieb zunächst bei der Raute, doch schon nach kurzer Zeit wechselte Kobylanski auf die rechte Außenbahn und Werder verteidigte fortan im flachen 4-4-2. Mit der Einwechslung von Elia für den ebenfalls schwachen Obraniak sollte der Druck über die Außenbahnen erhöht werden. Zwischen der 60. und 75. Minute hätte Stuttgart das Spiel entscheiden müssen, vergab aber die beste Chance durch Sakai. Für Werder ergaben sich auf der anderen Seite nur wenige gute Gelegenheiten. Somit war es wenig überraschend eine weitere Standardsituation, die das Spiel ausglich. Das Tor war wohl in erster Linie Lukimyas Verdienst.  Hunt gab nach dem Spiel zu, den Ball eigentlich über die Mauer zu spielen versucht zu haben.

Hunts Ausgleich kaschiert die Defizite

Nach dem Ausgleich schien das Momentum in Werder Richtung zu kippen, doch letztlich blieben die Angriffe zu ungefährlich, um den Sieg noch zu erzwingen. Unterm Strich bleibt ein etwas glücklicher Punkt in einem schwachen Spiel gegen einen VfB Stuttgart, der nicht wirklich überzeugte, jedoch die gegnerischen Schwächen besser auszunutzen wusste. Mit dem Punkt kann Werder gut leben, mit dem Spielverlauf weniger. Zwei Erkenntnisse sollten Dutt zu denken geben: Verteidigt der Gegner seinerseits tief, hat Werder nur wenige Mittel, um offensiv Druck zu machen. Hohe Bälle an die Seitenlinie sind als prägnantester Spielzug im Aufbau nicht überzeugend. Auf der anderen Seite zeigte Stuttgart immer wieder auf, wie Werders Raute verwundbar ist: Mit schnellem Spiel über die Flügel, sobald Werder etwas aufgerückt ist. Geht die Kompaktheit der Raute verloren, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die individuellen Schwächen in Werders Abwehr wieder aufgedeckt werden. Gegen die spielstarken Gegner, die in der Schlussphase der Saison warten, wird sich Dutt wohl etwas anderes einfallen lassen müssen.

Spielerisch gab es leichte Fortschritte zu sehen, wie sich auch an Ballbesitz und Passquote erkennen lässt. Das Angriffsspiel bleibt jedoch sehr von Aaron Hunt abhängig. Auch mit einer Doppelspitze gelingt es nur selten, die Bälle in der Angriffsreihe zu kontrollieren und zu halten, bis das Mittelfeld nachrückt. Kobylanski überzeugte nicht vollständig, wäre jedoch eine Option, wenn Petersen weiterhin so wenig zu Werders Spiel beiträgt. Mit acht Punkten aus den ersten vier Spielen gegen die direkten Konkurrenten liegt Werder weiterhin im Soll. In Freiburg sollte tunlichst gewonnen werden, will man bei einem eventuellen Lauf des HSV oder Stuttgart (im schlimmsten Fall von Beiden) nicht mehr zurück in den Abstiegskampf gezogen werden.

24. Spieltag: Großer Schritt zum Klassenerhalt

1. FC Nürnberg – Werder Bremen 0:2 (0:1)

Werder hat die Leistung aus dem Nordderby in Nürnberg bestätigt und nutzt mit einem Auswärtssieg die schwachen Ergebnisse der Konkurrenz, um sich ein Stück aus der Abstiegszone abzusetzen.

Linkslastigkeit auf beiden Seiten

Werder begann wie im Nordderby mit einer Raute im Mittelfeld hinter der Doppelspitze Di Santo und Petersen. Rückkehrer Caldirola ersetze den verletzten Garcia links in der Viererkette. Nürnberg stellte vom unter Verbeek gewohnten 4-1-4-1 auf ein 4-2-3-1 mit Frantz und Campaña als Doppelsechs um. Den dichten Bremer Mittelfeldblock versuchte Nürnberg nach einer kurzen Abtastphase gezielt durch Angriffe über die linke Angriffsseite zu umspielen. Über weite Strecken der ersten Halbzeit standen die Teams versetzt zu dieser Seite. Bei Nürnberg schoben neben den beiden Außenspielern auch immer wieder einer der Sechser sowie Drmic und Kiyotake in Richtung linker Flügel. Werders Mittelfeldraute rückte ebenfalls weit auf diese Seite hinaus, um Rechtsverteidiger Ignjovski gegen die Nürnberger Überzahl zu unterstützen. Nachdem letzterer Mitte der 1. Halbzeit einige Male überspielt werden konnte, stabilisierte sich die Bremer Defensive und ließ nur noch wenige Angriffe über diese Seite bis zum Strafraum zu. Nürnbergs Spiel wirkte trotz überlegenen Passspiels somit recht eindimensional.

Auf der anderen Seite zeigte sich Werder bei den wenigen, aber gefährlichen Gegenstößen ebenfalls etwas linkslastig. Auf diese Weise konnte man den Platz nutzen, den die Nürnberger Überladungen des linken Flügels auf der anderen Seite ließen. Obraniak spielte im Vergleich zum oft einrückenden Junuzovic deutlich breiter und rückte nach Ballgewinn häufiger an die linke Außenlinie. Mit seiner Ballsicherheit und dem deutlich verbesserten Di Santo hatte man dort die nötigen Mittel, um Nürnberg in Bedrängnis zu bringen. Auch wenn eine leicht verbesserte Abstimmung und somit ein verbessertes Passspiel zwischen Werders Offensivleuten zu erkennen war, entstanden die Torchancen durch einfaches Spiel nach Ballgewinnen (Hunts Pfostenschuss, Bargfredes Tor) und individuelle Klasse (Di Santos Lattenschuss + Tor). Die Führung zur Halbzeit war dennoch nicht unverdient, da Werder insgesamt ein Chancenplus hatte und wie schon gegen Hamburg sehr präsent in den Zweikämpfen war.

Wiederholungstäter Dutt und Bargfrede

In der zweiten Halbzeit änderte Verbeek seine Strategie und ließ nicht mehr ganz so linkslastig angreifen. Das Spiel wurde nun schneller verlagert, was Werder Mühe beim Verschieben bereitete. Angesichts der Nürnberger Ballsicherheit schien es nur noch eine Frage von Minuten zu sein, bis der Ausgleich fallen würde. Parallelen zum Nordderby vor einer Woche waren klar zu erkennen. Dutt reagierte mit der Einwechslung Makiadis für Petersen und der Umstellung auf ein 4-2-3-1. Wie schon gegen den HSV stabilisierte diese Umstellung das Bremer Spiel und half dem Team, den Zugriff auf das Nürnberger Mittelfeld wiederzufinden. Verbeek reagierte mit der Einwechslung von Tomas Pekhardt, was jedoch nicht die gewünschte Torgefahr brachte.

Dazu kam Werder auch eine Portion Matchglück entgegen, als Bargfredes Schuss von Pinola glücklich wie unhaltbar abgefälscht wurde. Das zweite Tor kippte die Spieldynamik endgültig zu Werders Gunsten. Während Nürnberg die zuvor beeindruckende Ruhe im Spielaufbau immer mehr abging, entwickelte Werder in der Schlussphase fast vergessene Tugenden im Kombinationsspiel. Zwar hatte Nürnberg kurz vor Schluss noch eine Großchance, die in einem Lattenkopfball von Drmic endete, doch kam in der letzten Viertelstunde nur noch einmal richtig Spannung auf, als Hunt ein Elfmetergeschenk von Gräfe dankend ablehnte. Ob er für die Korrektur eines vorherigen Fehlverhaltens (immerhin einer Schwalbe, die normalerweise mit Gelb bestraft wird) eher einen Fair-Play-Preis verdient hat als Kiyotake für den Verzicht auf einen unberechtigten Eckball, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Schöne Gesten im Abstiegskampf waren beide Szenen allemal.

Mit Schach aus der Abstiegszone

Mit dem Sprung auf Platz 11 und der Vergrößerung des Vorsprungs auf die Abstiegszone scheinen Werder und Dutt wieder zurück in die Spur gefunden zu haben. Erneut konnte Dutt als geschickter Schachspieler glänzen und sein Team gut auf veränderte Taktiken des Gegners einstellen. Die Raute ist als Kompromiss zwischen defensiver Stabilität und eigener Torgefahr die derzeit passendste Formation – und wenn der Gegner sie knackt, stellt Dutt um. Zumindest gegen die direkten Konkurrenten lässt sich so punkten und mehr kann man nach den Problemen der letzten Monate kaum erwarten.

Die Zeit für Lobgesänge oder Entspannung ist hingegen noch nicht gekommen. Der Klassenerhalt ist in greifbarer Nähe, aber noch nicht gesichert. Wenn in den nächsten beiden Spielen gepunktet wird und sich die verbesserten Abläufe in der Defensive langsam einschleifen, gibt es in der zweiten Hälfte der Rückrunde vielleicht doch noch die nötige Ruhe, um sich der spielerischen Entwicklung der Mannschaft widmen zu können. Die gegen Hamburg angedeuteten Verbesserungen im Umschaltspiel und in der Verarbeitung langer Bälle wurden bestätigt, wenngleich noch an etlichen Stellen Defizite zu erkennen sind. Solange dies mit dem nötigen Einsatz und der Entschlossenheit der letzten Spiele wettgemacht wird, wird Werder im Abstiegskampf bestehen. Gleiches gilt für die Nürnberger, die mit ihrer Spielstärke eigentlich problemlos den Klassenerhalt schaffen sollten.

23. Spieltag: Sieg der Kampfschweine

Werder Bremen – Hamburger SV 1:0 (1:0)

In einem sehr kampfbetonten Spiel gewinnt Werder das 100. Nordderby und verschafft sich ein wenig Luft im Abstiegskampf.

Erzwungene Zweikampfschlacht

Etwas überraschend hielt Robin Dutt nach Hunts Rückkehr an seiner Doppelspitze fest und setzte im Mittelfeld auf eine Raute mit Bargfrede, Junuzovic, Obraniak und Hunt. Makiadi blieb zunächst auf der Bank. Der HSV spielte im flachen 4-4-1-1 mit derselben Besetzung, die letzte Woche mit 3:0 gegen Dortmund gewonnen hatte.

Das Spiel war von der ersten Minute an sehr umkämpft. Werder konnte sich dabei in der Anfangsphase einen Vorteil verschaffen, indem die Innenverteidiger im Spielaufbau sehr konsequent und aggressiv angelaufen und zu langen Bällen gezwungen wurden. Hunt spielte eine Art Manndeckung gegen Badelj, so dass Werder gegen den Ball manchmal in einem 4-3-3 stand. Werder gelang es so, den HSV in viele Zweikämpfe zu verwickeln. Dabei wirkten Werders Spieler fast über die gesamte Spieldauer konzentrierter und entschlossener als die des HSV. Dies zeigte sich auch bei den zweiten Bällen, von denen es mangels konstruktivem Aufbauspiels und vielen langen Bällen auf beiden Seiten eine Menge gab. Den Hamburgern gelang es kaum, die Bremer Raute über die Außenbahnen unter Druck zu setzen. Gegen die dynamischen Ignjovski und Garcia taten sich Rincon und Jiracek sichtlich schwer, auch weil die Hamburger Außenverteidiger nur zögerlich nachrückten. Lasogga konnte mit dem Rücken zum Tor einige Bälle behaupten, wurde von Prödl und Lukimya im Strafraum aber fast komplett abgeschaltet.

Das Führungstor fiel nach einer Standardsituation und auch hier war es ein zweiter Ball, den Garcia erlief und direkt wieder an den Strafraum brachte. Hunts akrobatische Vorlage wurde von Junuzovic verwertet. Danach blieb das Spiel kampfbetont, auch weil der HSV fast nie in die – durchaus vorhandenen – gefährlichen Räume vor der Bremer Viererkette vorstoßen konnte.

Dutts Wechsel entscheiden das Spiel

Nach dem Wechsel lieferten Slomka und Dutt sich ein kleines Schachspiel an der Seitenlinie. Zur Pause kam Van der Vaart für Rincon ins Spiel. Callhanoglu wechselte auf den rechten Flügel und kam dort wesentlich besser zur Geltung, als in der ersten Halbzeit (trotz seines Lattenschusses). Der HSV verlagerte das Spiel nun schneller auf die Außenbahnen und schaffte mit aufrückenden Außenverteidigern oft Überzahl. Dutt reagierte früh auf die sich ausbreitende Hamburger Dominanz, brachte Gebre Selassie für Di Santo und stellte auf ein 4-2-3-1 um. Das optische Übergewicht des HSV blieb zunächst noch bestehen, aber die Gefahr über die Flügel wurde eingedämmt.  So konnte sich Werder in der Folge über die Zweikämpfe wieder einen Vorteil erspielen, auch weil Dutt mit Makiadi einen zweiten nominellen Sechser brachte.

In der Schlussphase hätte Werder das Spiel mit einem zweiten Tor entscheiden müssen. Hier lag Dutt auch mit seiner dritten Einwechslung richtig, denn mit Elia hatte Werder bei Kontern einen Tempovorteil, den Junuzovic mit seinem egoistischen Torabschluss kurz vor dem Ende jedoch ignorierte. Der HSV wurde in dieser Phase überhaupt nicht mehr gefährlich und verlor auch sichtlich den Glauben an den eigenen Erfolg. Am Ende war es deshalb ein verdienter und trotz des knappen Ergebnisses ungefährdeter Heimsieg für Werder.

Der nächste Schritt

Zum ersten Mal in diesem Jahr gelingt Werder ein Ausrufezeichen im Abstiegskampf. Im Nordderby zu siegen war ungemein wichtig für die Stimmung im Umfeld und sechs Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz verschaffen Team und Trainer erst mal etwas Luft zum Atmen. Zudem ist es sehr erfreulich, dass auch die in der Kritik stehenden Spieler wie Lukimya und Petersen überzeugen konnten. Lukimya zeigte wieder das einfache, rustikale und kompromisslose Spiel, mit dem er zu Beginn seiner Zeit bei Werder durchaus überzeugen konnte. Petersen, dem ich letzte Woche mit dem Rücken zum Tor die Bundesligatauglichkeit abgesprochen hatte, konnte seine Stärke im Spiel gegen den Ball zeigen und harmoniert langsam besser mit Di Santo. Die Chance von Petersen in der ersten Halbzeit demonstrierte das gut, als Di Santo einen langen Ball mit dem Kopf in Petersens Lauf verlängerte.

Die spielerische Dürftigkeit (nur 43% Ballbesitz, 62% Passquote insgesamt und 50% Passquote im Angriffsdrittel) kam diesmal kaum zum Tragen und nach dem achten Saisonspiel ohne Gegentor (so viele wie in den letzten zwei Jahren unter Schaaf zusammen) darf man der Defensive durchaus eine Entwicklung attestieren. Wolf rechtfertigt inzwischen den Torwartwechsel und hat vielleicht doch gute Chancen, länger als nur bis zum Sommer Werders Nummer 1 zu bleiben. Mit Ignjovski hat Dutt vielleicht den letzten Mosaikstein für die Viererkette gefunden.

Was der Sieg wert ist, werden wir erst in ein paar Wochen wissen. Nach zwei der fünf direkten Duelle um den Abstieg liegt Werder mit vier Punkten im Soll. In Nürnberg wird es wiederum vor allem darum gehen, intensiv und konzentriert gegen den Ball zu arbeiten und sich nicht auf einen offenen Schlagabtausch einzulassen wie im Hinspiel. Dafür scheint mir das Team jetzt wieder besser gerüstet als noch vor einigen Wochen.

22. Spieltag: Totaaldefensievevoetbal

Eintracht Frankfurt – Werder Bremen 0:0

In Unterzahl ermauert Werder ein 0:0 bei Eintracht Frankfurt. Dabei profitierte man von der Ideenlosigkeit und Abschlussschwäche der Gastgeber sowie einem guten Defensivspiel in Unterzahl. Werder bleibt damit vor dem Nordderby in akuter Abstiegsgefahr.

Frankfurter Dominanz, Bremer Ungeschick

Frankfurt spielte mit einer Raute, in der Schwegler den Sechser und Flum den Zehner gaben. Meier spielte neben Joselu in der Doppelspitze. Dutt setzte auf das 4-4-2 aus dem Spiel gegen Gladbach und brachte wie erwartet Kroos für Lukimya in der Innenverteidigung. Garcia blieb zunächst auf der Bank. Obraniak gab in Abwesenheit des verletzten Hunt den verkappten Spielmacher auf dem linken Flügel. Über seine Seite liefen zunächst auch die meisten der Bremer Angriffe. Dies sollte wohl auch ein Mittel gegen die Frankfurter Überzahl in der Mitte sein. Petersen und Di Santo pressten nur gelegentlich gegen die Innenverteidiger, sondern versuchten etwas tiefer den Spielaufbau durchs Zentrum zu verhindern. Dennoch gelang es Frankfurt in der Anfangsphase einige Mal mit recht einfachen Mitteln durchs Zentrum zu spielen. Werders Mittelfeld stabilisierte sich dann jedoch etwas, verengte die Mitte und lenkte Frankfurts Spiel auf die Außen, von wo in der ersten Halbzeit keine Gefahr drohte.

Die besten Frankfurter Chancen entstanden durch hohe Bälle in die Spitze. Bei der besten Frankfurter Chance der ersten 45 Minuten verlor Bargfrede ein Kopfballduell gegen Meier, während Kroos aus der Viererkette ins Niemandsland vorrückte. In seinem Rücken kam Joselu an den Ball, doch Wolf bestätigte seine zuletzt guten Leistungen und lenkte den Schuss um den Pfosten. Mit einer schlecht gestellten Mauer hätte er dies fast wieder zunichte gemacht, doch Meiers Freistoß landete am Außenpfosten. Ansonsten gab es wenig Torchancen in einem insgesamt schwachen Spiel. Werder setzte sich in der Offensive kaum einmal durch, hatte durch Makiadi und Junuzovic nur im weiteren Sinne überhaupt Torchancen. Obraniak wurde häufig isoliert und in (erfolglose) Zweikämpfe verwickelt und die hohen Bälle führten trotz Doppelspitze nur selten zu Ballgewinnen. Nils Petersen ist leider 20 Jahre zu spät dran, sonst hätte er ein guter Strafraumstürmer werden können. Mit dem Rücken zum Tor ist er nicht bundesligatauglich.

Zentrum vs. Flügel

Der Platzverweis gegen Kroos änderte wenig an der Dynamik des Spiels, verstärkte eher noch Werders Bemühungen, mit zwei engen und tiefen Viererketten das Zentrum vor der Abwehr dicht zu machen. Veh reagierte in der Pause mit der Einwechslung von Aigner für Madlung. Das Spiel wurde daraufhin sehr berechenbar: Werder kontrollierte ohne Ball das Zentrum, Frankfurt griff mit Ball über die Flügel an, vornehmlich über die linke Seite. Dabei kamen die Gastgeber nur selten zur Grundlinie durch und versuchten es meist mit Flanken aus tieferen Positionen. Insgesamt 23 Flanken segelten in Werders Strafraum und brachten Werder Innenverteidigung nur selten in ernsthafte Bedrängnis.

Erst mit der Einwechslung von Inui erhöhte Frankfurt den Druck noch einmal und hätte das Spiel mit besserer Chancenverwertung eigentlich gewinnen müssen. Dennoch holte Frankfurt aus der langen Überzahl wenig heraus und schaffte es fast nie Werders Defensive zu überraschen. Während man Werder in der zweiten Halbzeit defensiv wenig vorwerfen kann, fand die Offensive schlicht nicht statt. Nach Ballgewinn versuchte Werder gar nicht erst, konstruktiv nach vorne zu spielen, sondern blieb in der 4-4-1 Ordnung. Dies wurde in der Schlussphase noch verstärkt, als Selassie für Obraniak ins Spiel kam. Das Spiel hatte eine gewisse Ähnlichkeit zu Werders Partie gegen Augsburg, mit dem wichtigen Unterschied, dass es hier noch remis stand.

Mit bedingungsloser Defensive zum Klassenerhalt?

Mit der unattraktiven Spielweise hat Werder einen Punkt gewonnen – mehr war nicht drin. Der Zweck heiligte also wieder einmal die Mittel. Bei allem Verständnis für den ultradefensiven Ansatz bei Unterzahl bleibt es erschreckend, wie schlecht Werders Passspiel ist und wie wenig man in der Lage ist, den Ball vorübergehend in den eigenen Reihen zu halten. Dies war wohlgemerkt schon vor dem Platzverweis der Fall. Gegen Top-Mannschaften mag die Taktik der kompletten Risikominimierung derzeit die einzig mögliche Herangehensweise sein, dafür spricht zumindest der Sieg gegen Leverkusen (der einzige Sieg gegen eine Top-4 Mannschaft der letzten 2 1/2 Jahre). Gegen Mannschaften, mit denen man auf Augenhöhe sein sollte, wenn man den Klassenerhalt anstrebt, ist sie hingegen schon sehr ernüchternd, zumal Werder nicht in der Lage ist, aus dieser Grundhaltung heraus für Torgefahr oder auch nur Entlastungsangriffe zu sorgen. Gewinnen kann man so nur in Ausnahmefällen.

Was kann man aus dem Spiel für die restliche Saison mitnehmen? Das von Dutt nach dem Augsburgsspiel propagierte Einstellungsproblem ist offensichtlich behoben. In der Defensivorganisation sind Fortschritte zu erkennen. Die Hoffnung auf ein deutlich verbessertes Umschalt- und Konterspiel habe ich für diese Saison jedoch aufgegeben. Bleibt nur die Hoffnung, dass mit Hunts Rückkehr und einer voranschreitenden Integration Obraniaks das Kombinationsspiel so aufgewertet wird, dass Werder mit den restlichen Teams im unteren Drittel spielerisch wieder mithalten kann. Viel Zeit dafür hat man nicht, wenn man nach den direkten Duellen der nächsten Wochen nicht tief im Tabellenkeller stehen will. Vielleicht ist es gut, dass am Samstag der HSV nach Bremen kommt. Im Nordderby ticken die Uhren bekanntlich anders.

21. Spieltag: Gerechter Obraniak

Werder Bremen – Borussia Mönchengladbach 1:1 (0:1)

“Das ist doch nur ein Spiel!” gehört (…) zum Verlogensten, was man im Stadion hören kann. Nur “Möge die bessere Mannschaft gewinnen” ist noch schlimmer. Wer so etwas sagt, will sich vernünftig verlieben, geschützt vor der Möglichkeit der Enttäuschung. Das ist die Angst davor, sich dem Schicksal auszuliefern, und der Irrglaube, dass man das vermeiden kann, und natürlich ist das falsch, ganz falsch! Denn es muss heißen: Möge meine Mannschaft gewinnen! Und spiele sie noch so schlecht. Sei sie noch so unfähig und hölzern, inkompetent und von allen guten Geistern verlassen. Bitte, wenn es da oben einen gerechten Gott gibt, lass mein Team in diesem Kampf des Guten gegen das Böse gewinnen.

- Christoph Biermann, “Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen”

Das Buch, aus dem dieses Zitat stammt, ist nun fast 20 Jahre alt. Das Werder Bremen der Saison 2013/14 im Allgemeinen und Assani Lukimya im Speziellen kann Biermann also nicht im Sinn gehabt haben. Doch selten schien mir diese universelle Fußballweisheit so passend, wie in der aktuellen Situation.

Ich habe das Spiel gegen Gladbach nicht gesehen, aber nichts, was ich in diesen 90 Minuten Bundesligafußball verpasst habe, hätte den Moment relativieren können, als mir Ludovic Obraniaks Ausgleichstor auf dem Handy angezeigt wurde. Ein Punkt gegen Gladbach, ein gefühlter Sieg, egal wie verdient oder unverdient er gewesen sein mag. Ein Moment, der einen Wendepunkt in dieser Rückrunde bedeuten kann. Der dem gebeutelten Team und seinem Trainer einen entscheidenden Schub für die Moral geben kann. Für die folgenden direkten Duelle um den Klassenerhalt.

Wir haben noch nichts erreicht, aber wir sind wieder dabei.

 

19. Spieltag: Dünne Luft

FC Augsburg – Werder Bremen 3:1 (1:1)

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Werder konnte trotz früher Führung nie das Spiel des Gegners kontrollieren und geriet schon in der Anfangsphase schnell unter Druck. Dutt hatte vor dem Spiel völlig zurecht Daniel Baier als Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Augsburger ausgemacht. Die Offensivabteilung um Petersen, Junuzovic, Di Santo und Elia versuchte daher, das gegnerische Spiel schon im Aufbau zu stören, das eher halbherzige Pressing bereitete dem FCA aber keine großen Probleme. Sobald die vier überspielt waren, geriet Werder in große Bedrängnis. Auf den Außenbahnen waren Selassie und Garcia auf sich gestellt und die beiden Sechser Kroos und Makiadi sahen sich in schöner Regelmäßigkeit in Unterzahl gegen das Augsburger Mittelfeld. In der Folge kam Werder meistens zu spät in die Zweikämpfe, wodurch von Anfang an zahlreiche Fouls Werders Spiel prägten. Dies führte schon nach kurzer Zeit zu guten Augsburger Chancen, zunächst ein Freistoß an den Pfosten, dann ein fast identischer Freistoß ins Tor. Beide Male bot Werders Mauer die gleichen Lücken an, die Tobias Werner dankend ausnutzte.

Offensiv fand Werder in Abwesenheit von Aaron Hunt schlicht und einfach nicht statt. Zur Pause war Augsburg deshalb klarer Punktsieger, auch wenn Werder in den letzten 15 Minuten den Druck etwas herausnehmen konnte. Dann kam Garcia. Viele lasten Dutt den Platzverweis (mit) an – ich nicht. Zum einen weil Dutt schon einige Male mit frühen Auswechslungen auf drohende gelb-rote Karten reagiert hat, sich der Problematik also durchaus bewusst ist. Ich glaube, dass Garcia in der Halbzeit in der Kabine geblieben wäre. Zum anderen weil man einem Fußballprofi ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung abverlangen muss. Mit Kroos und Garcia begaben sich schon früh zwei Spieler auf sehr dünnes Eis. Ein Doppelwechsel nach 30 Minuten ist für einen Trainer mehr als bitter, daher verständlich, dass Dutt zumindest bis zum Pausenpfiff warten wollte. Garcia ist nicht vom Platz geflogen, weil er sich gelbvorbelastet in einen brenzligen Zweikampf schmeißen musste, sondern weil er völlig übermotiviert im gegnerischen Strafraum ein überflüssiges Tackling ansetzte. Dass er seinen Gegenspieler dabei nicht traf, spielt für die Entscheidung des Schiedsrichters keine Rolle. Gelb ist für Garcias gefährliches Spiel in jedem Fall vertretbar. Somit bekam jeder was ihm zustand: Garcia den Platzverweis und Ostrzolek die Goldene Himbeere als schlechtester Nebendarsteller.

Die zweite Halbzeit ging Werder dann so an, wie ich es schon in der ersten Halbzeit – erst recht nach dem Führungstor – erwartet hätte: Mit zwei tiefen Viererketten, die das Zentrum dicht machten. Augsburgs Spiel wurde so auf die Außenbahnen gelenkt, wo nun gezielt auf die gegnerischen Flügelspieler gepresst werden konnte, um diese zu isolieren oder zu frühen Flanken zu zwingen – zumindest in der Theorie. Denn als die Taktik zu greifen anfing, war das Spiel für Werder bereits verloren. Zuerst unterschätzte Selassie eine Flanke, dann leisteten sich Schmitz und Wolf eine Slapstick-Einlage. Mit solchen individuellen Aussetzern nützt kein Defensivkonzept etwas. Augsburg konnte in der Folge die eigene Ballsicherheit zur Schau stellen und Werder kam kaum noch in Ballbesitz.

Nachdem ich in der letzten Woche schrieb, dass Eintracht Braunschweig der denkbar unpassendste Gegner zu Werders proklamierten Zielen für die Wintervorbereitung war, muss ich sagen, dass Augsburg nun der ideale Gegner war. Inzwischen haben die meisten gemerkt, dass Augsburg guten Fußball spielt und Werder dort keineswegs als Favorit ins Spiel geht und schon gar nicht das Spiel machen muss. Man hätte jede noch so dreckige Defensivtaktik als Mittel zum Zweck rechtfertigen können, und das ohne ungeduldige Fans im Nacken. Andererseits ist Augsburg nicht so stark, dass man allein aufgrund der individuellen Qualität des Gegners trotzdem verliert. Man hätte in diesem Spiel ein Zeichen setzen können, den Weg für die nächsten Spiele vorzeichnen können. Diese Chance hat man völlig vergeigt. Selbst wenn man die individuellen Aussetzer von Garcia, Selassie, Schmitz und Wolf ausblendet, war Werders Leistung vor allem in der ersten Halbzeit eines Erstligisten nicht würdig. Dass man sich beim Stand von 1:3 bei völligem Verzicht auf eigenes Offensivspiel einigermaßen Stabilisieren kann, ist nun wirklich kein Trost.

Langsam wird die Luft damit auch für Robin Dutt dünn. Von den vor der Saison angekündigten Zielen ist bislang keines erreicht oder auch nur in Sicht. Der Weg dahin ist ebenfalls nur mit viel gutem Willen in Ansätzen zu erkennen. Mit dem schwachen Pass- und Aufbauspiel könnte ich noch leben; ich hatte mich auf eine Saison mit reaktivem und eher unansehnlichem Fußball eingestellt. Zu Torchancen kann man auch mit gutem Umschaltspiel, starkem Angriffspressing und/oder intelligenten Laufwegen im Angriff kommen. Doch davon ist bei Werder ebenfalls nicht viel zu sehen. Sich nur auf zweite Bälle und leicht chaotisches Gegenpressing zu verlassen, ist etwas arg wenig. Zumal sich diese Offensivtaktik allem Anschein nach nicht richtig mit der defensiven Stabilität verträgt. Zwischen dem 10. und 16. Spieltag, als man vermehrt darauf setzte, kassierte man zwei Drittel aller bisherigen Gegentore. Deshalb sind die sechs Spiele ohne Gegentor auch nur ein schwacher Trost. Zur Wahl stehen allem Anschein nach nur die totale Defensive und ein Offensivkonzept, bei dem hinten sämtliche Schleusen geöffnet werden. Das ist, mit Verlaub, eine miserable Zwischenbilanz.

Bislang war ich mit Dutt relativ geduldig. Er hat eine schwierige Aufgabe übernommen und dabei von Anfang an sehr viel Demut gezeigt, sich nicht über den Zustand des Kaders beklagt, den er übernommen hat, von seinem Vorgänger nur in höchsten Tönen gesprochen, nicht öffentlich Verstärkungen gefordert, etc.. Was auch immer man Dutt alles vorwerfen mag, er hat nicht nach billigen Ausreden gesucht, um seine Arbeit zu verteidigen. Vor allem deshalb hatte er bei mir einen gewissen Vertrauensvorschuss, auch wenn in der Hinrunde nur sporadisch eine Entwicklung in Werders Spiel zu Erkennen war.

Mittlerweile ist dieser Vorschuss mehr als aufgebraucht. Die für die ersten 2-3 Monate angekündigte defensive Stabilisierung ist nur vorübergehend eingetreten. Mit nunmehr 40 Gegentoren gehört Werder weiterhin zu den defensivschwächsten Mannschaften der Liga. Offensiv hat Dutt ein Jahr Zeit eingefordert, um seine Spielidee umzusetzen. Auch wenn solche Entwicklungen selten linear sind, sollten so langsam zumindest Ansätze davon erkennbar werden. Bleibt die spielerische und taktische Entwicklung weiterhin aus, könnte die Ära Dutt allen Beteuerungen zum Trotz ein vorzeitiges Ende finden.

18. Spieltag: Das Gegenteil von sexy

Werder Bremen – Eintracht Braunschweig 0:0

Arbeiten an den Basics und am Defensivverhalten, war das Credo, das für die Wintervorbereitung ausgegeben wurde. Angesichts des bisherigen Saisonverlaufs und der entgegen aller Beteuerungen keineswegs verbesserten Gegentorbilanz ein mehr als verständliches Vorgehen. Allerdings keines, das attraktiven Fußball verspricht und keines, das die Herzen der Fans höher schlagen lässt. Zumal die Frage, warum man Bundesligafußballern noch die Basics beibringen muss, nicht leicht zu beantworten ist, ohne schwerwiegende Vorwürfe an alle sportlich Verantwortlichen der letzten Jahre zu erheben.

Vor diesem Hintergrund war das Heimspiel gegen den Tabellenletzten Eintracht Braunschweig der denkbar unpassendste Rückrundenauftakt. Im vermeintlich einfachsten Saisonspiel kann man für eine solide Defensivleistung kein Lob erwarten, wenn die Offensive weiterhin so vor sich hin rumpelt, wie über weite Strecken der Hinrunde. Da hilft auch die Tatsache wenig, dass Werder mit nun 6 „Zu Null“-Spielen schon doppelt so oft ohne Gegentor geblieben ist, wie in der gesamten letzten Saison. Wenn nicht einmal im Heimspiel gegen Braunschweig eine spielerisch überzeugende Leistung möglich ist, wann denn dann?

Risikovermeidung auf schwachem Niveau

Das Spiel begann verhalten und blieb es – im taktischen Sinne – auch über weite Strecken der 90 Minuten. Beide Teams waren sehr darauf bedacht, kein großes Risiko einzugehen und spielten im Zweifel lieber die „sichere“ Variante, die nicht selten aus einem langen Pass nach vorne bestand. Insgesamt wirkte Werders Aufbauspiel etwas ruhiger und kontrollierter als zuletzt. Die Innenverteidiger suchten zunächst nach der Lücke für den Pass ins Mittelfeld und wählten erst später den hohen Ball direkt in die Spitze. Kroos agierte sehr variabel, ließ sich mal zwischen und mal neben die Innenverteidiger fallen, blieb aber teilweise auch etwas höher an der Mittellinie (was an Prödls Rückkehr liegen dürfte, dem man in der Spieleröffnung mehr zutraut als Lukimya).

Braunschweig hielt mit gutem Mittelfeldpressing dagegen, stellte den Bereich um die Mittellinie gut zu und zwang Werder so zu viel Ballgeschiebe zwischen den Verteidigern und den Sechsern. Werders Kombinationsspiel reichte – wie zu erwarten – nicht, um sich gegen einen kompakten Gegner im Mittelfeld durchzusetzen. Folglich wurde Werder vornehmlich dann gefährlich, wenn man das Mittelfeld schnell überbrücken konnte, sei es mit hohen Bällen, über die Flügel oder dank Hunts starker Ballkontrolle, mit der er häufiger zwei bis drei Gegenspieler auf sich zog. Braunschweig verlegte sich nicht nur auf Konter sondern wollte Werder mit zunehmender Spielzeit immer mehr durch Mittelfeldkombinationen nach hinten drücken.

Passivität – erst defensiv, dann offensiv

Auffällig war dabei, dass Werder im Abwehrdrittel recht passiv verteidigte und großen Wert auf Positionstreue legte. Dem Wort “Passivität” wohnt im Fußball häufig ein Vorwurf inne, hier ist es jedoch anders gemeint: Die Innenverteidiger rückten im Zweifel bis an die Strafraumgrenze zurück, statt direkt den Zweikampf zu suchen. Besonders auffällig war dies bei Prödl, der sonst eher dafür bekannt ist, sehr aggressiv und risikoreich herauszurücken. Die Sechser Kroos und Bargfrede hielten den Abstand zur Viererkette gering, wodurch Braunschweig kaum durch die Mitte kam und es vorwiegend mit Flanken versuchte bzw. versuchen musste. Dies bereitete Werder nur selten Probleme, hätte aber dennoch das Spiel entscheiden können, weil einmal Selassie das Abseits aufhob (und sich dafür einen Rüffel von Prödl einholte) und einmal Caldirola zu langsam reagierte. Beide Male blieb Nilsens Kopfball ungefährlich.

Werders beste Offensivphase kam in den ersten 20 Minuten der zweiten Halbzeit, als Bargfrede (Pfostenschuss) und Elia (vermeintliches Abseitstor) die besten Chancen hatten. Danach verflachte die Partie. Bei Werder schienen einige Spieler körperlich abzubauen, was Dutts Verzicht auf zwei seiner Wechsel fragwürdig erscheinen lässt. Folglich ging das Team immer weniger Risiko und in der Schlussphase waren es sogar die Gäste, die mehr fürs Spiel taten als Werder.

Don’t Panic

Unterm Strich bleibt ein leistungsgerechtes Unentschieden in einem unterdurchschnittlichen Spiel, in dem Werder die besseren Torchancen hatte, aber nur selten überzeugen konnte. Dass man ohne Gegentor geblieben ist, war nach den besagten Schwerpunkten im Trainingslager wichtig, taugt gegen die schwächste Offensivmannschaft der letzten 25 Jahre aber nicht unbedingt als Gütesiegel. Ob die Rückkehr zur „totalen Defensive“ Früchte tragen wird, lässt sich erst nach den nächsten Partien beurteilen.

Auch in die entgegengesetzte Richtung sollte man das Spiel nicht überinterpretieren. Die teils fatalistischen Reaktionen nach Abpfiff erscheinen mir eine Spur zu pessimistisch. Spiel und Ergebnis waren nicht gut, aber zumindest mit Ersterem musste man rechnen. Die zu frühe Verlagerung des Fokus auf das Offensivspiel wurde häufig genug als Grund für die Gegentorflut zwischen dem 10. und 16. Spieltag der Hinrunde genannt. Die Rückbesinnung auf die defensive Spielweise verspricht in naher Zukunft keine Fußballfeste für Werderfans, wohl aber eine Verhinderung eines erneuten Negativrekords in Sachen Gegentoren. Dies allein wird freilich nicht reichen, um ohne große Abstiegssorgen durch die Rückrunde zu kommen, ist aber der erste Schritt dorthin. Hoffentlich gelingt er diesmal und wird nicht wieder einem (angeblich von den Fans gewollten) Versuch Offensivfußball zu spielen geopfert.

10 Zeilen, die 7 Gegentore schrieben*

Es drohte schon vorher: Debakel!
„Zweistellig!“ unkt das Orakel.
Man hoffte auf Xaver,
Und den langen Hafer,
Doch spielte der Gast ohne Makel.

Ein Abgesang nach sieben Toren
der Bayern, historisch verloren!
Die Kurve: verstummt.
Der Glühwein: verdummt.
Und quillt später aus allen Poren.

* Das Ergebnis des Projekts: “Nach Glühweingenuss den inneren Kamke entdecken”

9. Spieltag: Zerfahren

Werder Bremen – SC Freiburg 0:0 (0:0)

In einem äußerst schwachen Fußballspiel trennen sich Werder und Freiburg 0:0. Einen zusammenhängenden Spielbericht will ich mir für dieses zerfahrene Spiel nicht aus den Fingern saugen. Stattdessen ein paar lose Beobachtungen:

  • Werders Passspiel war unterirdisch. Die (im Saisonvergleich gar nicht so schlechte) Fehlpassquote von 26% erzählt dabei nur die halbe Geschichte. Das Problem waren vielmehr die zahlreichen Pässe, die zwar beim Mitspieler ankamen, jedoch so schlecht getimt waren, dass kein flüssiges Kombinationsspiel möglich war. Insbesondere die Pässe auf die Außenbahnen wurden häufig ohne jeden Druck oder in den Rücken des Mitspielers gespielt. Obwohl Werder in dieser Saison bislang allgemein nicht mit gutem Passspiel geglänzt hat, stach das Spiel gegen Freiburg dabei noch einmal heraus.
  • Werders Offensivspiel ist nicht hoffnungslos. Es waren durchaus Ideen erkennbar, wie Werder in der Offensive spielen wollte. Das Problem ist nicht mangelnde Kreativität, sondern die Umsetzung. Die lag nicht nur am mangelhaften Passspiel, sondern auch an der noch fehlenden Feinabstimmung. Dutt lässt offensiv relativ kompliziert spielen, mit 4-5 ständig rotierenden Spielern. Das kann nur funktionieren, wenn Automatismen in Lauf- und Passwegen entstehen.
  • Freiburg verteidigt weiterhin ziemlich hoch, presst in dieser Saison aber nicht mehr so kompromisslos auf den gegnerischen Spielaufbau. Werder hatte aber (zumindest in der Theorie) die richtigen Antworten auf das Freiburger Pressing. Abkippende Sechser sind unter Dutt zur Normalität bei Werder geworden. Gegen Freiburg kippte Kroos jedoch nicht zur Seite, sondern rückte zwischen die nach außen schiebenden Innenverteidiger und spielte eine Art Libero. Die Außenverteidiger rückten hingegen weit auf in die gegnerische Hälfte und Makiadi gab den Verbindungsmann zwischen der Dreierkette und den vier rotierenden Offensivleuten. So hatte Werder im Aufbau stets eine Überzahl: Rückten die Freiburger Außenstürmer auf, war der Außenverteidiger an der Mittellinie anspielbar. Rückte einer der Sechser mit auf, ergaben sich Lücken im Mittelfeld.

Werders Spielaufbau gegen Freiburg

  • Nils Petersen ist ein denkbar schlechter Verwerter von langen Bällen. Es hat Gründe, warum Petersen bei langen Abschlägen in dieser Saison oft auf die Außenbahnen ausweicht. Dort hat er gegen die gegnerischen Außenverteidiger eine Chance im Kopfballduell. In der Mitte ist er meistens auf verlorenem Posten. Sein Timing ist schlecht und er setzt seinen Körper nicht ein (in einer Szene gestern reichte ein klitzekleiner Körperkontakt von Ginter, um Petersen meterweit am herunterkommenden Ball vorbeilaufen zu lassen). Hier erhoffe ich mir von Di Santo eine Verbesserung.
  • Defensiv war Werders Leistung ok. Freiburg ist derzeit wahrlich nicht der offensivstärkste Gegner, den man sich vorstellen kann, und dennoch bekam er einige gute Torchancen. Auf das vierte “Zu Null” sollte man sich daher nicht zu viel einbilden. Doch die Fortschritte zur letzten Saison sind deutlich sichtbar – noch nicht in jeder Phase des Spiels, aber hier befindet sich Werder auf dem richtigen Weg.
  • Bester Defensivspieler gestern: Eljero Elia.
  • Ich habe in der letzten Saison genau solche Spiele gefordert: Wenn es spielerisch nicht läuft, dann wenigstens ein 0:0 erkämpfen.
  • “Prödl ist ein Dödl.”(Zitat meines Neffen)

Die Teams unterhalb von Bayern/BVB/Leverkusen liege in der Tabelle derzeit noch so eng beisammen, dass man noch nicht abschätzen kann, ob Werder sich tatsächlich aus dem Abstiegskampf heraushalten kann. Mit einem 2:0-Sieg wäre man gestern vorübergehend auf Platz 4 vorgerückt. Die nächsten Spieltage werden die Abstände zwischen Platz 4 und 15 vermutlich etwas vergrößern. Gegen Wolfsburg, Hannover, Schalke und Mainz muss Werder dann die bisherigen Ergebnisse bestätigen und zeigen, dass man zurecht im gesicherten Mittelfeld steht.