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Abschiedsrunde

Düster und grau, so lässt sich die Stimmung rund um Werder Bremen in diesem Winter wohl am besten beschreiben. Nach einer Hinrunde, die wenig Lust auf mehr gemacht hat, steht der Verein mal wieder mit dem Rücken zur Wand.

Mir fallen genügend Ansätze an, um Werders voraussichtlichen Weg in die 2. Bundesliga zu skizzieren, aber mir fehlt, wie schon in den letzten Wochen und Monaten, die Motivation dazu. Stattdessen möchte ich lieber den Hauch von Vorfreude auf die Rückrunde nutzen und nach den Strohhalmen greifen, die Werder in der Rückrunde zu einem besseren Team werden lassen könnten.

Neue Impulse von außen

Die Aussagen zu Beginn der Winterpause (keine Transfers, größtes Plus ist die Eingespieltheit) waren wie erwartet nur Vorgeplänkel. Mit Lukimya und Aycicek haben seitdem zwei Spieler den Verein verlassen, Innenverteidiger Djilobodji und Offensivspieler Kleinheisler wurden verpflichtet. Dazu gibt es noch die Bestrebung, je einen defensiven Mittelfeldspieler zu holen (Onazi) und abzugeben (Kroos). Auf dem Papier machen diese Wechsel Werder stärker, auf dem Platz werden sie etwas Eingewöhnungszeit benötigen.

Wer dagegen auf mehr Einbeziehung des eigenen Nachwuchs gehofft hatte, wurde in der Vorbereitung enttäuscht. Grillitsch, Eggestein und Fröde haben es zum Auftakt gegen Schalke in den Spieltagskader geschafft – allesamt keine Überraschungen. Die einstiegen Hoffnungsträger für ein spielerisch besseres Werder (Aycicek, von Haacke und Zander) wurden hingegen schon vor dem Trainingslager – zumindest vorerst – in die U23 abgeschoben. Überraschend war diese Maßnahme nach der Hinrunde keineswegs, bedauern darf man sie trotzdem, zumal die dafür nachgerückten Guwara (Bänderriss) und Papunashvili auch noch keine große Rolle spielen.

Taktisch nicht viel Neues

Nach der spielerisch enttäuschenden Hinrunde ist mir nach wie vor nicht ganz klar, wo Viktor Skripnik mit seinem Team hin will. Taktisch dürfte es Zuhause wieder auf eine Raute hinauslaufen, auswärts auf das zuletzt gezeigte 4-4-2 mit Pizarro als hängender Spitze. Bei beiden Systemen gibt es einige Unwägbarkeiten, auf die Werder wenig Einfluss hat:

Bis zu Johannssons Genesung hat Werder nur zwei echte Stürmer (den seit der “Baguette-Affäre” *hust* nicht überzeugenden Lorenzen lasse ich hier außen vor), von denen einer altersbedingt nicht für 17 Spiele eingeplant werden kann. Für ein echtes Rautensystem müssen entweder Eggestein oder Kleinheisler sich in der Bundesliga festspielen. Alternativ läuft es wieder auf das nur bedingt überzeugende Mischsystem heraus, bei dem Junuzovic als nomineller zweiter Sechser eine Freirolle einnimmt. Im flachen 4-4-2 macht sich das weitgehende Fehlen von Flügelspielern im Kader bemerkbar. U. Garcia und Fritz können jeweils für eine defensive Variante eingesetzt werden, wobei dem System so die offensive Gefährlichkeit genommen wird. Öztunali kommt das System am meisten entgegen. Von einer Leistungssteigerung im letzten Drittel seiner Leihe dürfte es daher auch abhängen, wie gut sich das System bewährt.

Hoffnungsträger

Clemens Fritz dreht so oder so seine Abschiedsrunde bei Werder. An seinem Einsatz gibt es keinen Zweifel, es wäre dennoch gut, wenn er in seinen letzten Spielen nicht mehr so dringend gebraucht würde. Neben der möglichen Verpflichtung von Onazi hängt dies auch von Form und Fitness seines designierten Nachfolgers als Mannschaftskapitän ab. Wenn Junuzovic an seine Leistungen aus der letzten Saison anknüpfen kann, bedeutet das nicht zwangsläufig den Klassenerhalt – ein Klassenerhalt ohne Leistungssteigerung von Junuzovic scheint mir jedoch kaum möglich.

Insgesamt hängt viel vom Prinzip Hoffnung ab bei Werder. Der Klassenerhalt ist für Werder keine Utopie, die Qualität des Kaders sollte dafür reichen, wenn nicht zu viele unplanbare Dinge eintreten. Leistungsträger wie Wiedwald, Vestergaard, Bargfrede und Ujah dürfen nicht länger ausfallen. Aus den Reihen von Öztunali, Eggestein, Kleinheisler, Fröde und Lorenzen sollten ein bis zwei einen Leistungsschub bekommen, um die Schwachpunkte im Kader auszugleichen.

Der von mir zu Saisonbeginn als “mutig” titulierte Versuch, mit 14-15 gestandenen Bundesligaspielern durch die Saison zu kommen, hat sich als Ritt auf der Rasierklinge erwiesen. Über die möglichen Konsequenzen eines Abstiegs denke ich ein anderes Mal nach. Jetzt ist erstmal Spieltag und seit langer Zeit verspüre ich dabei mal wieder so etwas wie Vorfreude.

Ach ja: Taktik gegen Schalke? 4-4-1-1 mit Bargfrede/Fritz im Zentrum und Junuzovic/Öztunali auf den Flügeln. Nicht ganz auf Offensivpressing verzichten und versuchen, Geis  durch Pizarro (oder Grillitsch?) aus dem Aufbauspiel zu nehmen. Öztunali etwas zocken lassen und über seine Seite kontern. Ansonsten konzentriert die Viererketten gegen den Ball verschieben und auf das Beste hoffen. Klingt doch eigentlich ganz einfach.

6. Spieltag: Es bröckelt

Darmstadt 98 – Werder Bremen 2:1 (1:1)

Mit der völlig verdienten Niederlage in Darmstadt ist Werder nach der von Pizarros Rückkehr ausgelösten Euphorie wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. In einer fußballerisch grauenhaften Partie enttäuschten Mannschaft und Trainer auf ganzer Linie.

Skripnik verzichtet aufs Mittelfeld

Viktor Skripnik reagierte auf die Ausfälle von Bargfrede und Ulisses Garcia nicht wie erwartet und ließ Ersatzsechser Kroos wie auch Nachwuchssechser Fröde auf der Bank. Stattdessen durfte Galvez auf der ungeliebten Position vor der Abwehr ran und Sternberg rutschte für Garcia links ins Mittelfeld. Der fast vollständige Verzicht auf (gelernte) Mittelfeldspieler in der Startelf machte sich auch in Werders Spiel bemerkbar, wobei dies keine neue Entwicklung ist. Gegen die spielerisch ganz sicher schwächste Mannschaft der Bundesliga überspielte Werder das Mittelfeld noch rigoroser als zuletzt und suchte in der ersten Halbzeit sein Heil in langen Bällen auf Ujah und Johannsson.

In der ersten halben Stunde musste man froh sein, die Teams durch ihre Trikotfarben eindeutig identifizieren zu können, denn sonst hätte man Werder sicherlich für Darmstadt gehalten. Die Taktik, nach Ballgewinn direkt den Konter mit einem langen Ball in die Spitze zu suchen, kannte man sonst eher von den Gastgebern, die jedoch selten so hoch standen, dass ihnen dies Probleme bereiten konnte. Der Aufsteiger zeigte in der ersten Halbzeit fußballerisch die vielleicht beste Leistung der Saison, ohne jedoch wirklich zu überzeugen. Werder bekam im Pressing keinen Zugriff, lief viel hinterher und brachte den Ball kaum einmal kontrolliert aus dem ersten Drittel heraus. Dadurch ergaben sich auch kaum Möglichkeiten zum Aufrücken. Die Bälle kamen postwendend zurück in Werders Hälfte und das Spiel begann von neuem.

Verbesserte Spielkontrolle, fehlende Kreativität

Die zweite Halbzeit war in einigen Belangen besser. Werder hatte mehr Ballbesitz und konnte etwas Sicherheit gewinnen, ohne jedoch offensiv Gefahr zu erzeugen. Die Stürmer blieben häufig vom Mittelfeld isoliert und konnten so – abgesehen von den langen Bällen – kaum ins Spiel eingebunden werden. Ujah scheint für diese Art Fußball weitaus besser gemacht zu sein als Johannsson, der jedoch bei jeder Gelegenheit den Torabschluss suchte und somit trotzdem Werders gefährlichster Spieler war. Die Einwechslung des angeschlagenen Junuzovic und die Umstellung auf die Raute verpufften weitgehend und Pizarro kam in zehn Minuten Spielzeit je nach Datenquelle auf ein oder zwei Ballkontakte.

Wie schon gegen Ingolstadt waren es am Ende individuelle Fehler, die die Niederlage herbeiführten. Felix Wiedwald hatte einen schlimmen Abend und machte auch abgesehen von den beiden Gegentoren ein schwaches Spiel. Für Werder war die entscheidende Phase jedoch eher zwischen der 45. und der 70. Minute, als man aus der eigenen Feldüberlegenheit viel zu wenig Offensivgefahr entfachte. Eine Schlussoffensive fand nach dem 1:2 und dem Platzverweis gegen Bartels nicht mehr statt, dafür fehlten Werder einerseits die spielerischen Mittel und andererseits am Ende auch die Kraft für die Brechstange.

Viele Fragen an den Trainer

Nach einem solchen Spiel muss sich nicht nur die Mannschaft hinterfragen. Die Leistung erinnerte doch in weiten Teilen an das, was Werder vor gut einem Jahr unter Robin Dutt auf den Rasen brachte – ohne die Gesamtsituation mit damals vergleichen zu wollen. Viktor Skripnik war sein Amt auch mit der Absicht angetreten, sein Team fußballerisch zu verbessern. Davon ist in dieser Saison bislang nicht viel zu sehen, auch wenn die Punkteausbeute nach sechs Spielen durchaus im Rahmen ist. Werder spielt größtenteils reinen Ergebnisfußball mit viel Kampf und Krampf. Stimmen die Ergebnisse nicht, bleibt auf der Habenseite nicht viel übrig. Derzeit entscheidet sich Skripnik in Personalfragen meist gegen die spielerisch bessere Lösung (Lukimya statt Galvez, Galvez statt Kroos, Bartels statt Eggestein). Das ist natürlich legitim und er wird seine Gründe haben. Es spricht aber gerade in einem Spiel gegen ein Team wie Darmstadt nicht unbedingt für großes Vertrauen in die fußballerische Qualität seiner Mannschaft.

Über den richtigen Wechselzeitpunkt und die Tauglichkeit der Optionen auf der Bank kann man streiten. Wenn jedoch schon in den ersten 10 Minuten eines Spiels deutlich wird, dass die eigene Taktik nicht aufgeht, wäre eine Anpassung wünschenswert. Das flache 4-4-2 funktionierte gegen Darmstadt überhaupt nicht, daran änderte auch ein glücklicher Führungstreffer nichts. In der zweiten Halbzeit, als Werder das Spiel besser kontrollierte und mehr Ballbesitz hatte, wären ein bis zwei Umstellungen im Mittelfeld hin zu mehr Kreativität angebracht gewesen. Es verwundert doch sehr, dass Skripnik sich dieses Spiel stoisch mit ansah, bis die verbleibende Zeit kurz genug war, um die nicht vollständig fitten Edeljoker Pizarro und Junuzovic zu bringen.

Auch vom einstigen Mut, junge Spieler nicht nur kurz anzutesten, sondern wirklich einzubinden, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Im Sommer sah es so aus, als wären Eggestein und Grillitsch auf dem Sprung in die erste Elf und Zander nicht weit davon entfernt. Nun kommen die drei zusammen auf zwei Einsätze und weniger als 90 Minuten Einsatzzeit in der Bundesliga. In allen drei Fällen gibt es Gründe, die gegen einen sofortigen Einbau in der ersten Elf sprechen, doch die gibt es bei Nachwuchsspielern fast immer. Es erstaunt mich sehr, dass Werder mit einem (wenn man nur die gestandenen Bundesligaspieler zählt) Rumpfkader in die Saison geht, mit der Prämisse, voll und ganz auf die Jugend setzen zu müssen (Stichwort „alternativlos“), das Trainerteam sich nun aber augenscheinlich nicht traut, dies auch in die Tat umzusetzen.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn mit Bargfrede und Junuzovic zwei Drittel der gewünschten Achse im Mittelfeld ausfallen. Gerade bei Bargfrede musste man jedoch damit rechnen (wenn auch nicht durch eine Rotsperre). Dass Galvez im Mittelfeld nicht die Antwort ist, hat die letzte Saison gezeigt und war einer der ersten Missstände, die Skripnik damals behoben hat. Wenn Kroos und Fröde nicht gut genug sind, um Bargfrede in solchen Spielen zu ersetzen, warum hat man dann im Sommer nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um einen Sechser zu verpflichten?

Ein Fehler namens Pizarro?

Stattdessen holte man Pizarro zurück. Ich mache mich damit wahrscheinlich bei einem Großteil der Werderfans unbeliebt, aber ich halte das für einen Fehler. Natürlich kann ich verstehen, warum Werder ihn verpflichtet hat. Allein die Begeisterung, die seine Rückkehr ausgelöst hat, war für den Verein viel wert. Zusätzlich verkaufte Trikots, Zuschüsse von Sponsoren, mediale Aufmerksamkeit – alles gut für den Verein. Ich glaube auch, dass Pizarro selbst mit seinen 36 Jahren noch ab und zu den Unterschied machen kann und für Werder sportlich zumindest teilweise wertvoll ist, von seiner positiven Ausstrahlung aufs Team ganz abgesehen. Dennoch ist die Verpflichtung in erster Linie Balsam für die geschundene Werderseele und fällt für mich in eine Kategorie mit den Abschiedsspielen für Frings und Ailton: Man kann noch mal schön in Erinnerungen schwelgen an Zeiten, in denen Werder noch ein großer Name war. Nüchtern betrachtet hat man sich einen sehr alten und sehr teuren Ergänzungsspieler geholt, der eine Saison lang eventuell noch ab und an mannschaftliche Mängel mit individueller Klasse überdecken kann.

Für sich gesehen könnte ich durchaus damit leben, doch bindet Pizarro trotz Zuschuss von Wiesenhof Gehaltsbudget, das an anderer Stelle meiner Meinung nach sinnvoller und zukunftsorientierter hätte eingesetzt werden können. Werders Mittelfeld ist sträflich unterbesetzt, die Ausfälle bei Bargfrede werden leider auch nach Ende seiner Rotsperre kommen und bei Clemens Fritz würde ich auch nicht davon ausgehen, dass es für 30-34 Spiele reicht. Die Risiken lagen und liegen auf der Hand. Werder ist sie eingegangen und muss nun mit den Konsequenzen leben.

Back to square one: Mut zum Fußball

Umso wichtiger, dass Skripnik und sein Team sich jetzt auf ihre Stärken besinnen, die Werder in der letzten Saison vor dem Abstieg gerettet haben. Ich bin weit davon entfernt, Skripniks Ablösung zu fordern. Seine Bilanz ist insgesamt immer noch sehr gut und Werder steht sportlich nicht dort, wo man in der Endphase unter Dutt stand. Was die fußballerische Entwicklung angeht, habe ich jedoch große Zweifel, dass Werder derzeit auf dem richtigen Weg ist. Ich wünsche mir mehr Mut und mehr Konsequenz auf dem Weg, der Werder auch spielerisch voran bringen soll.

Ich könnte weitaus besser mit Niederlagen gegen Teams wie Ingolstadt und Darmstadt leben, wenn sie Konsequenz einer noch nicht ausgereiften fußballerischen Entwicklung wären. Diese muss nicht unbedingt auf ausgeprägtem Ballbesitzfußball beruhen, eine Weiterentwicklung der Pressing- und Konterstrategie der letzten Rückrunde würde mir auch genügen. Stattdessen wirkt diese Saison auf mich bislang so, als wäre alles, was man sich in der Sommerpause vorgenommen hatte, mit Di Santos Abgang hinfällig gewesen und nun wurschtelt man ohne richtigen Plan vor sich hin. Selbst nach der Partie gegen Darmstadt scheint man sich nicht einig zu sein, ob das jetzt zu viel oder zu wenig Fußball war. Derzeit ist Werder nur eines der Teams, die auf eigenes Spiel weitgehend verzichten und mit Physis, langen Bällen und Standards ihr Glück versuchen. Das kann für den Klassenerhalt reichen, macht aber wenig Hoffnung auf mehr.

3. Spieltag: Das alte Werder

Werder Bremen – Borussia Mönchengladbach 2:1 (1:1)

Am dritten Spieltag besinnt sich Werder auf die Stärken der letzten Rückrunde und gewinnt verdient gegen Gladbach. Die Borussia hatte große Probleme im eigenen Spiel, die Werder mit einer passenden Taktik und verbesserten Abläufen ausnutzen konnte.

Das Mittelfeld verflacht

Wie im Vorfeld aufgrund der drei nominierten Linksverteidiger im Kader schon spekuliert worden war, setzte Viktor Skripnik auf der linken Seite auf beide Garcias und stellte sein System auf ein flaches 4-4-2 um. Schon gegen Schalke hatte Werder es ähnlich versucht, diesmal war die Abkehr von der Raute jedoch noch deutlicher, auch wenn in Ballbesitz weiterhin Rautenstrukturen zu sehen waren. Junuzovic rückte neben Bargfrede auf die zweite Sechserposition, besetzte offensiv teilweise aber auch den Zehnerraum.

Gladbach spielte wie gewohnt ebenfalls im 4-4-2, wobei das System deutliche Unterschiede zu Werders aufwies. Während Werder im Mittelfeld recht statisch die Positionen hielt und insbesondere Garcia und Fritz auf ihren Außenpositionen klebten, rückten Hazard und Herrmann häufiger ein und gaben im Ballbesitz eher Außenstürmer. Mit der Hereinnahme von Nordtveit und damit der Trennung des Sechsergespanns Xhaka / Stindl ging Favre zudem eine der Problemzonen der letzten Spiele an.

Mehr Disziplin, mehr Kompaktheit, mehr Mannorientierungen

Die Ausrichtung gestaltete sich im Spiel so, wie es zu erwarten war. Gladbach versuchte mit viel Ballbesitz das Spiel geordnet aufzubauen, während Werder eher auf Pressing und Umschaltspiel setzte. Es ergaben sich sehr eindeutige Mannorientierungen, wie es bei einem Spiel zweier 4-4-2 Formationen nicht unüblich ist. Ulisses Garcia und Clemens Fritz agierten als eine Art zweite Außenverteidiger, deren Hauptaufgabe es war, Vorstöße der gegnerischen Außenverteidiger einzudämmen und gegen die Außenstürmer zu doppeln. Diese Aufgabe erledigten sie sehr diszipliniert. Auch Bargfrede (gegen Xhaka) und Junuzovic (gegen Nordtveit) hatten ihre Hauptaufgabe im Bewachen ihrer Gegenspieler.

Werder Bremen vs Borussia Mönchengladbach Aufstellungen

Im Defensivspiel zeigten sich klare Mannorientierungen für die gesamte Werdermannschaft.

So defensiv und destruktiv wie auf dem Papier war Werders Taktik in der Praxis allerdings nicht. Werder schob häufig weit heraus und hatte eine deutlich verbesserte Kompaktheit zwischen den Mannschaftsteilen im Vergleich zum Schalke-Spiel. Die Abstände wurden nach vorne gering gehalten, was nicht immer ohne Risiko war, da Bargfrede im Mittelfeld und Lukimya in der Abwehr des öfteren sehr weit herausrückten und somit Räume hinter sich öffneten. Dies konnte mannschaftlich jedoch kompensiert werden und hatte den gewünschten Effekt, dass die Gladbacher wenig Zeit am Ball hatten. Auf den Außen sicherten sich die beiden Flügelpärchen sehr diszipliniert gegenseitig ab.

Gladbacher Probleme und Bremer Standards

Es zeigte sich schnell, dass Gladbach derzeit weit weg ist von der Souveränität und Spielkultur der letzten Rückrunde. Mit der aggressiven Bremer Spielweise kamen sie nicht gut zurecht. Immer wieder konnte Werder Ballverluste im Gladbacher Aufbau provozieren und mit den beiden Sturmspitzen direkt Offensivdruck aufbauen. So gelang es, das Spiel häufig in Gladbachs Hälfte zu verlagern und trotz des Gladbacher Plus an Ballbesitz die wichtigen Räume zu kontrollieren.

Auffällig war außerdem, dass einige Bremer Spieler deutliche Leistungssteigerungen verzeichnen konnten. Philipp Bargfrede nähert sich seiner Bestform und konnte seine Stärken im direkten Duell gegen Xhaka gut ausspielen. Junuzovics tiefere Positionierung kam ihm ebenfalls zu Gute. Hinzu kamen gute Ideen im Spielaufbau (selten so viele sinnvolle Verlagerungen von ihm gesehen), auch wenn in der einen oder anderen Situation deutlich wurde, dass es ihm an Übersicht im Zentrum mangelt. Auch Neuzugang Jóhannsson zeigte sich verbessert, bzw. konnte zum ersten Mal überhaupt seine Bundesligatauglichkeit unter Beweis stellen. Sein cool verwandelter Elfmeter ragte heraus, doch wichtiger waren seine Zweikampfpräsenz und seine Laufwege. Auch das Zusammenspiel mit Ujah sah besser aus als gegen Hertha.

Mehr geht derzeit nicht

Entscheidend waren aber wieder einmal die Standardsituationen, da sich Werder weiterhin schwer tut, aus dem offenen Spiel heraus gute Abschlussmöglichkeiten zu erspielen. Umso wichtiger, dass man mit Ujah einen Spieler hat, der in jeder Situation die Möglichkeit zum Abschluss sucht. Gegen Gladbach hatte Werder mit Verstergaard, Lukimya, Santi Garcia und den beiden Stürmern die Lufthoheit, was sich nicht nur bei eigenen sondern auch gegnerischen Ecken und Freitstößen zeigte. Gladbach führte Freistöße bis 30 Meter vor dem Bremer Tor meistens kurz aus.

Obwohl Werder ein gutes Spiel zeigte und verdient die drei Punkte holte, wurde wieder einmal offensichtlich, wo die Limitierungen des Teams liegen. Das war (noch) nicht der neue Jugendstil, sondern ein Revival der letzten Rückrunde, mit einer Startelf, in der nur zwei Spieler unter 24 Jahren standen. Gegen die verunsicherte Gladbacher Mannschaft wäre mit etwas mehr Ruhe im Passspiel sicher noch mehr möglich gewesen. Die phasenweise Dominanz war jedoch mit enorm viel Laufarbeit und Zweikämpfen verbunden. Sobald diese ein wenig nachließen, bekam Werder sofort Probleme in der Defensive.

Daran wird sich in den nächsten Wochen und vielleicht auch in der gesamten Hinrunde nicht viel ändern. Kleine Verbesserungen im Ballbesitzspiel sind zwar zu erkennen, doch es wird auch in der nächsten Zeit vor allem darum gehen, die Stärken gegen den Ball und die Gefährlichkeit nach Standards ins Spiel zu bringen. Solange die Achse des Teams Junuzovic-Bargfrede-Fritz heißt, muss Werder deren Stärken so gut es geht zur Geltung bringen. Für die fußballerische Entwicklung, die sich viele erhoffen, werden zwei bis drei Spieler aus dem Nachwuchs den Sprung schaffen müssen. Wie das Spiel gegen Gladbach aber gezeigt hat, ist man mit der aktuellen Spielweise durchaus konkurrenzfähig und kann begeisternde Spiele absolvieren.

1. Spieltag: Ernüchterung mit Lichtblicken

Werder Bremen – FC Schalke 04 0:3 (0:1)

Ein 0:3 Heimniederlage zum Auftakt gegen Schalke kann man wohl nur als Fehlstart bezeichnen. Am Ende siegte ein nicht gerade überzeugende Schalker Mannschaft zu deutlich, aber verdient in Bremen.

Werder Bremen vs FC Schalke 04 Aufstellung

Alibi-Pressing und Scheindominanz

Etwas überraschend setzte Skripnik auf Levin Öztunali als zweiten Stürmer neben Ujah und zog Bartels dafür ins Mittelfeld zurück. Eggestein und Grillitsch rutschten dafür aus dem Team. Ansonsten begann Werder so wie erwartet, mit einem 4-4-2, das in Ballbesitz als Raute, gegen den Ball jedoch meistens als flache Vier im Mittelfeld ausgelegt wurde. Bartels gab somit häufig einen zweiten Sechser neben Bargfrede.

Schalke spielte ebenfalls in einem 4-4-2 mit einer Doppelspitze aus Di Santo und Huntelaar sowie einem Flügelfokus mit den offensivstarken Choupo-Moting und Draxler als äußere Mittelfeldspieler. Im Aufbau ließ sich Geis tief zwischen die Innenverteidiger fallen und verteilte von dort die Bälle. Die Außenverteidger rückten weit vor und es ergab sich eine Art 3-5-2/3-3-2-2.

Insgesamt war das Pressing auf beiden Seiten eher alibimäßig. Werder wollte Geis nicht zu viel Zeit am Ball geben und die beiden Stürmer liefen ihn früh an. Dahinter war der Abstand zum Mittelfeld jedoch recht groß weshalb es selten zu Balleroberungen direkt aus dem Angriffspressing kam. Auf der anderen Seite war es noch extremer. Während Geis durch seine tiefe Positionierung meist vor Ujah und Öztunali aufbaute, konnte Bargfrede häufig im Rücken der Schalker Stürmer angespielt werden. Die Bremer Innenverteidiger hatten mit Wiedwald und häufig auch mit dem zurückfallenden Ulisses Garcia genügend Optionen, um das Pressing von Di Santo und Huntelaar zu umspielen.

Dies sorgte für relativ viel Platz für Bargfrede, der häufig einige Schritte am Ball aufs Schalker Mittelfeld zu machen konnte, bevor er das Spiel verlagerte. Mit der Raute hatte Werder im Mittelfeld personelle Überzahl und kontrollierte diesen Raum ganz gut, ohne jedoch offensiv viel daraus zu machen. Häufig wurde der direkte Weg in die Spitze gesucht, indem ein scharfer Vertikalpass in den Rücken der Schalker Abwehr weitergeleitet wurde. Die Außenverteidiger wurden ebenfalls oft eingebunden, vor allem Garcia, der seine Stärke im Kombinationsspiel zeigen konnte.

Starker Matip entscheidet das Spiel

Torchancen sprangen für Werder jedoch kaum heraus, da Schalke im und am Strafraum sehr gut verteidigte und kaum Fehler beging. Dafür hatten die Schalker einige gute Kontergelegenheiten, bei denen Werder erst im letzten Moment klären konnte. Werder beging zu viele Fehler im Aufbau (Fritz!) und hatte daher etwas Glück, nicht früher in Rückstand zu geraten. Auch wenn Schalke in dieser Phase spielerisch keine Bäume ausriss, lag die Führung für die Gäste immer in der Luft.

Das 0:1 war ein Tor aus der Abteilung Slapstick, doch in seiner Entstehung zeigte sich, was an diesem Tag den Unterschied ausmachen sollte. Mit zunehmender Spielzeit waren es immer häufiger die Innenverteidiger, die mit aufrückten, um so Lücken in den gegnerischen Defensivverbund zu reißen. Auf Werders Seite war dies meistens Vestergaard, der einige kluge Verlagerungen spielte. Auf Schalkes Seite war es Joel Matip, der beste Spieler auf dem Platz. Defensiv spielte er nach meiner Erinnerung fehlerfrei und offensiv war er der entscheidende Faktor bei den ersten beiden Toren.

Man kann sich über mangelndes Rückwärtspressing der Stürmer beschweren, doch auch aus dem Mittelfeld fühlte sich niemand berufen, Matip 30 Meter vor dem Tor unter Druck zu setzen, so dass er unbedrängt zwei präzise Pässe in die Spitze spielen konnte, die das Spiel entschieden. Das Kontertor in der Schlussphase machte das Ergebnis für Werder zu einer ekeligen Angelegenheit, obwohl das Spiel eigentlich keinen solchen Leistungsunterschied zwischen den Teams hergab. Schalke siegte insgesamt verdient, weil das Team individuell stärker ist und in den entscheidenden Details besser war.

Da waren sie wieder, meine drei Probleme

Zu Beginn der zweiten Halbzeit hatte Werder die wohl stärkste Phase des Spiels und durch Bartels auch die beste Chance. Ansonsten bemühte man sich, den Ball in Richtung Spitze zu spielen, hatte aber offensiv wenig gute Ideen. Mit Ballbesitz kommt Werder weiterhin nicht gut klar, betreibt sehr viel Aufwand, der die Unzulänglichkeiten nur teilweise kaschieren kann. Auch individuell hatte Werders Offensive keinen guten Tag. Ujah wurde von Matip völlig aus dem Spiel genommen und Öztunali beendete nahezu alle seine Ballaktionen mit überhasteten Abspielen oder Abschlüssen.

Bartels steckt in einer Formkrise, ist für diese Art des Ballbesitzfußballs aber auch nicht gemacht. Seine (und auch Werders) Stärken konnte er kaum einmal ausspielen, denn Konter und Gegenpressing gab es nur vereinzelt zu sehen. Das restliche Mittelfeld zeigte sich gewohnt unkreativ und wenig passsicher. Es geht noch immer (zu) viel über Laufstärke und Kampf. Dabei kann man den Spielern nicht den Einsatz absprechen, mit dem sie sich in die nach dem 0:2 fast unlösbare Aufgabe geworfen haben.

Personell und taktisch muss sich das Trainerteam ein paar Fragen gefallen lassen. Warum mussten Grillitsch und Eggestein auf die Bank, obwohl sie in der Vorbereitung deutlich näher an einem Stammplatz waren, als Öztunali? Eggestein spielte zuletzt nicht überzeugend, doch Bartels war in diesem Spiel ein denkbar ungeeigneter Zehner. Warum wird Grillitsch dort nicht getestet? Warum stellte man taktisch auf ein flaches 4-4-2 gegen den Ball um, was in der Vorbereitung so nicht zu sehen war? Das Pressing wirkte in diesem System schlecht koordiniert. Der große Abstand zwischen Angriff und Mittelfeld war nicht nur hier ein Problem, sondern begünstigte auch die Entstehung der ersten beiden Tore.

Mut oder kalte Füße?

Nach dem ersten Spieltag müssen aber keine (neuen) Grundsatzfragen gestellt werden. Die Probleme sind bekannt, die Abhängigkeit von einzelnen Spielern auch. Sich hinter der der mangelnden Erfahrung des Teams zu verstecken, ist nach diesem Spiel nicht angebracht, da lediglich zwei Spieler unter 23 auf dem Platz standen und Schalkes Team im Schnitt sogar jünger war. Es war jedoch der unerfahrenste Spieler auf dem Platz, der den größten Mut bewies und dessen Leistung Hoffnung auf mehr machte, auch wenn Garcia am Ende für sein hohes Tempo bezahlen musste und in den letzten 15 Minuten deutlich nachließ.

Gegen Hertha wünsche ich mir wieder etwas mehr Mut seitens der Trainer und eine Ausrichtung, die mehr an die Stärken des Teams angepasst ist. Mit Ballbesitzfußball wird Werder nach heutigem Stand und in der aktuellen Besetzung nicht zum Erfolg kommen.

 

Werder nach Europa – ja, nein, vielleicht?

“Unsere Ambition: Wir wollen zurück nach Europa!”

– Werder Bremen, Unternehmenspräsentation

Nach der turbulenten Hinrunde rechnete bei Werder wohl niemand mehr damit, dass man im Laufe der Saison noch einmal in die Verlegenheit kommen würde, sich mit der Qualifikation für den internationalen Wettbewerb auseinandersetzen zu müssen. Ob Spieler, Trainer oder Manager – allen Beteiligten ist anzumerken, wie schwer es ihnen fällt, die neue Situation anzunehmen und zu bewerten.

Man sollte meinen, dass die unerwartete Chance auf einen Erfolg, der für diese Saison noch nicht vorgesehen war, neue Kräfte freisetzt. Wenn man sich die Aussagen der letzten Wochen anhört, scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Nach dem kräftezehrenden Abstiegskampf werden plötzlich neue Ansprüche an das Team gestellt. War die Entwicklung vom chancenlosen Absteiger zum Team der Stunde im Winter noch eine Befreiung, ist die gestiegene Erwartungshaltung an die Mannschaft mehr Bürde als Belohnung.

“Ich kann das Europa-Geschwafel nicht mehr hören!”

– Thomas Eichin, wütend

Klar ist, dass Werder die Rückkehr ins internationale Geschäft in den nächsten Jahren angepeilt hat. Nach vier schwierigen Jahren, die von Abstiegskampf und Umbrüchen im Kader geprägt waren, liegt es jedoch nahe, dem Braten noch nicht so recht zu trauen. Ein Jahr der Stabilisierung, der Mannschaftsentwicklung hatte man sich gewünscht; mit möglichst wenig Abstiegskampf, einem Platz im gesicherten Mittelfeld und der Tendenz nach oben. Bekommen hat man zunächst ein miserables erstes Saisonviertel, einen Trainerwechsel und einen Machtkampf zwischen Fischer und Lemke. In diesem Jahr gab es dann das Kontrastprogramm: Eine Siegesserie, viel gute Stimmung und den Anschluss an die internationalen Plätze.

Es ist verständlich, dass diese Entwicklung den Verein auf Trab hält und man sich schwer tut, die richtigen Aussagen dazu zu treffen. Soll man sich zurückhalten und auf die Situation vor ein paar Monaten verweisen? Oder soll man sich aus dem Fenster lehnen und Ansprüche formulieren, die einem zum Saisonende auf die Füße fallen können? Zu häufig wurde schließlich in den letzten vier Jahren von einzelnen Akteuren der Anspruch formuliert, schon bald wieder in der Europa League mitzuspielen – hauptsächlich von Spielern (und einem Manager), die inzwischen nicht mehr bei Werder aktiv sind.

“Wir müssen uns damit beschäftigen. Alles andere wäre eine Verarschung den Fans gegenüber.”

– Viktor Skripnik über die Europa League

Das erklärt vielleicht, warum auf jeden Vorstoß eines Akteurs sofort ein der anderer auf die Bremse tritt. Skripnik bremst Eichin, Eichin bremst die Mannschaft, Junuzovic bremst Gálvez. So ist es vermutlich nicht gemeint, aber so kommt es durch das Timing der Aussagen herüber. Deutlich wird jedoch, dass keine Einigkeit herrscht, ob die Europa League nun das neue Saisonziel ist oder nicht. Offensiv formuliert wird es nicht, ein konsequentes Verneinen dieser Frage sieht indes anders aus.

Die Ambivalenz ist durchaus verständlich, auch ungeachtet des Saisonverlaufs. Es fällt schließlich nach wie vor schwer, den Wert einer EL-Qualifikation für den Verein einzuschätzen. Einerseits wären die finanziellen Möglichkeiten und das steigende Renommee durch die Teilnahme gut für den Verein. Andererseits wäre Werder nicht der erste Verein, dem die Mehrfachbelastung in der Liga zum Verhängnis werden könnte. Ein Club, der in den letzten vier Jahren durchschnittlich 35,5 Pflichtspiele zu bestreiten hatte und die Kaderkosten in dieser Zeit deutlich reduzieren musste, müsste schon einen kleinen bis mittleren Richtungswechsel im Sommer durchführen, um sich auf das Abenteuer Europa League vorzubereiten.

“Wir kamen aus der Hölle. Im Herbst waren wir doch schon abgestiegen. Wann haben wir denn die Situation gehabt, dass wir mal frei aufspielen konnten? Erst haben wir gegen den Abstieg gekämpft, dann ging es plötzlich um die Europa League. 26 Punkte in der Rückrunde sind doch super. Wir müssen lernen, das auch mal zu genießen.”

– Zlatko Junuzovic, Freistoßgott

Und dennoch erstaunt es, dass auch die Spieler nicht die ganz große Euphorie ausstrahlen, wenn es um die Chance auf europäischen Fußball geht. Man sollte doch meinen, dass es für einen Fußballer weitaus einfacher wäre, den “Druck”, das Ziel Europa League zu erreichen, in positive Energie umzuwandeln, als den Druck des ständigen Abstiegskampfs. Zlatko Junuzovics Aussagen zeigen jedoch sehr deutlich, dass dem nicht so ist. Der ständige Kampf um den Klassenerhalt führte anscheinend dazu, dass jeglicher Anspruch an die Mannschaft von dieser inzwischen als Belastung wahrgenommen wird.

Widerspricht die Aussicht auf Platz 6 oder 7 wirklich dem Bedürfnis, “frei aufspielen” zu können (im Profigeschäft ohnehin ein frommer Wunsch)? Im Gegensatz zu Schalke oder Dortmund und selbst dem Überraschungsteam aus Augsburg hat Werder in diesem, mitunter an ein Schneckenrennen erinnernden, Endspurt wenig zu verlieren. Niemand wird den Spielern den Kopf abreißen, wenn am Ende ein gesicherter Mittelfeldplatz herauskommt. Sollte Werder hingegen in der kommenden Saison erneut um die Europa League Plätze mitspielen, wird die Erwartungshaltung vermutlich schon eine andere sein.

Werders Spieler und sportliche Leiter täten also gut daran, sich Junuzovics letzten Satz zu Herzen zu nehmen und zu lernen, wie man eine unerwartete Chance genießt. Man kann die aktuelle Situation, in der man ohne großen Druck ums internationale Geschäft mitspielen kann, nämlich auch als großen Glücksfall betrachten. Das gab es schließlich zuletzt in den Anfangsjahren der Ära Thomas Schaaf und die ist bekanntlich schon ein paar Jahre her.

17 Spiele Skripnik – eine Zwischenbilanz

Der späte Ausgleichstreffer der Kölner war ernüchternd, denn ansonsten wäre der 26. ein perfekter Spieltag gewesen. Von Platz 5 bis 8 hat kein Team gewonnen, sodass man sich im Kampf um die Europa League Plätze einen Vorteil hätte erarbeiten können. Dass man überhaupt wieder vom internationalen Wettbewerb sprechen kann, verdankt Werder vor allem einem Mann: Viktor Skripnik.

Platz 4 in der “Skripnik-Tabelle”

Seitdem Skripnik und sein Trainerteam das Kommando übernommen haben, läuft es bei Werder richtig gut. Für diese Erkenntnis genügt bereits ein Blick auf die ominöse “Skripnik-Tabelle”, also der Tabelle ab dem 10. Spieltag. Am Anfang noch eine Spielerei, gibt sie nun Aufschluss über die Erfolge aus Skripniks erster kompletter Halbserie. Nachdem gegen jeden Gegner einmal gespielt wurde, scheiden Faktoren wie “günstiger Spielplan” oder “glückliche Serie” aus. Jeder hat einmal gegen jeden gespielt und Werder hat aus diesen Spielen mehr Punkte geholt, als 14 andere Bundesligisten. Werder hatte – rein punktemäßig – unter Skripnik Champions League Niveau.

Das sollte man, bei allen Diskussionen um aktuelle Themen, nicht vergessen: Ein Trainerteam ohne jede Bundesligaerfahrung holte mit einem Kader, der landauf, landab für nicht bundesligatauglich erklärt wurde, 30 Punkte aus 17 Spielen. 10 mehr als Hoffenheim, 8 mehr als Frankfurt, 4 mehr als Augsburg, 2 mehr als Schalke, 1 mehr als Leverkusen und genauso viele wie Bayern-Bezwinger Gladbach.

Skripniks Trainerlaufbahn – der Bremer Weg?

Wie hat Skripnik diesen Aufschwung geschafft? Diese Frage stellt sich vermutlich die halbe Bundesliga. Die Liste der möglichen Erklärungen ist lang, doch vielerorts begnügt man sich mit der Begründung, dass Skripnik nun mal ein echter Werderaner ist und bemüht die Parallelen zu Thomas Schaaf: Beim Karriereende bereits den Einstieg in den Trainerberuf hinter sich gehabt, viel Erfahrung und Erfolge mit den Jugendteams gesammelt und schließlich in großer Not das Ruder bei den Profis übernommen. Doch es ist keineswegs so, dass dieser Weg bei Werder Tradition hätte, auch wenn man es inzwischen gerne so hinstellt. Vielmehr war Schaafs Werdegang bis vor kurzem ein absoluter Einzelfall. Andere Ex-Spieler, die sich als Trainer im Nachwuchs versuchten, wie etwa Mirko Votava oder Thomas Wolter, hatten weitaus weniger Erfolg und genießen nicht unbedingt die beste Reputation in der Branche.

Skripnik hingegen ragte mit seiner U17 schnell aus der Nachwuchsabteilung heraus, welche in dem Ruf stand, eher die körperlichen Frühentwickler als die fußballerisch vielversprechendsten Talente zu fördern. Skripniks Nachwuchsmannschaften zeichneten sich hingegen durch eine gepflegte Spielkultur und technisch anspruchsvollen Angriffsfußball aus. In der letzten Saison gelang es ihm, seine Spielidee auch mit der U23 in der Regionalliga erfolgreich umzusetzen. Unter Wolters Führung war diese ebenfalls nicht gerade für ansprechenden Fußball oder gar als Talentschmiede für die Profis bekannt. Verständlich also, dass Skripnik und sein Trainerteam als einzige echte Alternativen aus den eigenen Reihen galten, als sich die Trennung von Robin Dutt andeutete. Die Parallelen zu Thomas Schaaf sind ein schöner Nebenaspekt. Ich hoffe trotzdem inständig, dass Skripniks Fähigkeiten als Trainer für die Entscheidung der Vereinsführung maßgeblich waren und nicht sein “Stallgeruch”.

Ganz davon ab ist es natürlich Unsinn, dass man nur als Bremer Urgestein Erfolge auf Werders Trainerbank feiern kann. Wer daran zweifelt, sollte sich Otto Rehhagels Werdegang vielleicht noch mal etwas genauer anschauen.

Skripnik, der Talente-Förderer

Immer wieder betont wird, wie gut Skripnik die Nachwuchsspieler kenne, die für den Aufschwung mitverantwortlich seien. Mit einigen seiner Schützlinge arbeitet Skripnik tatsächlich schon seit vielen Jahren zusammen. Von diesen hat bislang allerdings nur Levent Aycicek sichtbare Spuren in der Bundesliga hinterlassen. Mit Luca Zander und Julian von Haacke sind zwei weitere große Talente durch langwierige Verletzungen vorübergehend gestoppt worden. Marnon Busch spielt seit Skripniks Amtsantritt hingegen wieder in der U 23. Die anderen Spieler, die in dieser Saison ihren Durchbruch im Profiteam schafften (namentlich Davie Selke, Melvyn Lorenzen und Jannek Sternberg), haben hingegen in der Jugend nicht bei Werder gespielt und befinden sich erst seit der letzten Saison in Skripniks Obhut. Selke und Lorenzen wurden zudem bereits unter Dutt an die Profis herangeführt.

Mit dieser Auflistung möchte ich nicht Skripniks Verdienste um Werders Jugendarbeit in Frage stellen. Die Behauptung, Skripnik verfolge eine völlig andere Personalpolitik als sein Vorgänger, ist allerdings sehr fragwürdig. Skripnik geht dabei zweifellos mutiger vor, hat andere personelle Vorlieben (bspw. die Personalien Busch und Aycicek) und auch etwas Glück (Selkes Entwicklung nach Di Santos Verletzung). Der Kern des Teams ist jedoch unter Skripnik der gleich geblieben wie schon unter Dutt. Junuzovics Standards und Di Santos individuelle Klasse sind weiterhin Werders wichtigste Erfolgsfaktoren. Ein Jugendwahn ist bei Werder hingegen nicht ausgebrochen. Mit Selke und Sternberg kommt auch Skripnik “nur” auf 1 1/2 Stammplätze für den eigenen Nachwuchs (der wiederum genau genommen gar nicht der eigene Nachwuchs ist).

Während man Dutt gegen Ende seiner Amtszeit einiges vorwerfen konnte, gehören die Verletzungen von Selassie und Bargfrede nun wirklich nicht dazu. Dennoch werden die Kommentatoren auf Sky nicht müde zu betonen, dass beide unter Dutt kaum noch eine Roll gespielt hätten. Zu dieser Unterstellung gehört schon eine gehörige Portion Frechheit oder Unwissen. Unbestritten ist hingegen, dass Werder als Kollektiv seit Skripniks Amtsantritt ungleich besser funktioniert und viele Spieler auch individuell zugelegt haben. Skripniks initiale Umstellungen tun dem Team bis heute gut. Fritz ist im Mittelfeld noch einmal aufgeblüht (mehr dazu unten) und Gálvez zeigt in der Innenverteidigung starke Leistungen (aber hätte Dutt ihn überhaupt im Mittelfeld aufgestellt, wenn Bargfrede sich nicht verletzt hätte?).

Wie gut ist Werder wirklich?

Werder hat unter Skripnik deutliche spielerische Fortschritte gemacht. Unterhält man sich allerdings mit Kennern der Bremer Nachwuchsabteilungen, wird schnell deutlich, dass Werder derzeit keineswegs so spielt, wie man es von Skripniks U23 oder U17 gewohnt war. Das Ideal, das Skripnik mit seinen Mannschaften anstrebte, war ein dominantes und technisch anspruchsvolles Kurzpassspiel gepaart mit einer offensiven Grundausrichtung und flexiblem Positionsspiel (manche sagen, er habe Schaafs System fit für das aktuelle Jahrzehnt gemacht). Davon ist Werders Profimannschaft eindeutig noch weit entfernt. Zwar ist eine klare spielerische Verbesserung seit letztem Oktober zu erkennen, doch letztlich agiert Werder noch immer sehr vertikal, setzt auf schnelles Umschaltspiel und hat nur selten mehr Ballbesitz als der Gegner. Es ist zweifellos clever, dass Skripnik seinem Team keine komplett neue Marschroute verordnet hat, sondern die unter Dutt gebildeten Strukturen (ja, die gibt es tatsächlich) aufgegriffen und verfeinert hat. Fraglich ist jedoch, wie er sich die weitere Entwicklung seines Teams vorstellt.

Einerseits sprechen die Erfolge dieser Saison durchaus dafür, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Es würde mich trotzdem überraschen, wenn sich Skripnik damit begnügen würde. Bei aller Freude über die 30 Punkte wird er nämlich nicht übersehen haben, dass sein Team noch in vielen Bereichen Nachholbedarf hat. Denn auch, wenn die Mannschaft inzwischen gefestigt wirkt und nur noch selten größere Ausschläge nach unten in der Leistungskurve aufweist, ist Werder in vielen Belangen noch keine Top-Mannschaft. Einen Hinweis darauf, dass die 30 Punkte ein Stück weit über den eigentlichen Fähigkeiten liegen, erhält man beim Blick aufs Torverhältnis: 31:31 Tore stehen dort zu Buche, trotz einem Sieg-Niederlagen-Verhältnis von 9:5. Die Siege werden derzeit eher knapp eingefahren. Den einzigen hohen Sieg feierte man beim 4:0 gegen Paderborn, sechsmal gewann man mit nur einem Tor Vorsprung, während man bei den Niederlagen immer mindestens mit zwei Toren Rückstand verlor. Damit will ich nicht anzweifeln, dass Werder die 30 Punkte verdient hat, aber es wird deutlich, dass sich eine leichte Formschwankung nach unten stärker auswirken würde, als eine leichte Formschwankung nach oben. Mit anderen Worten: Die Punkteausbeute ist besser, als man es bei der Torverteilung erwarten würde.

Das hohe Niveau, das die Punktzahl suggeriert, kann Werder noch nicht konstant auf den Platz bringen. Dies zeigt sich zumeist schon im Laufe einzelner Spiele, in denen Werder selten 90 Minuten auf hohem Niveau durchhält. Auffällig ist, wie häufig Werder einen guten Start hinlegt, insbesondere im Offensivspiel, dann jedoch auf eine ausgeprägte Defensivtaktik umstellen muss, um knappe Führungen über die Zeit zu schaukeln. Manchmal geht dies gut, manchmal nicht. In den meisten Fällen geht es aber sehr zu Lasten der offensiven Schlagfähigkeit. Teilweise verzichtet Werder in der Schlussphase fast vollständig auf das eigene Angriffsspiel und konzentriert sich komplett auf die Verteidigung des eigenen Tores. Dafür gibt es gute Gründe: Die Anzahl der Gegentore hat sich unter Skripnik zwar verringert (von 2,55 auf 1,82 pro Spiel), doch noch immer gehört Werder zu den Teams, die die meisten Treffer kassieren. Auch seit Skripniks Amtsübernahme mussten mit Paderborn und Frankfurt nur zwei Mannschaften mehr Gegentore hinnehmen.

Durchlaufstation auf dem Weg zum “Skripnik-Ball”?

Das alles ist zum aktuellen Zeitpunkt weder schlimm, noch wäre es anders zu erwarten gewesen. Für die neue Saison wird man sich dennoch einige Änderungen vorgenommen haben, auf taktischer wie personeller Ebene. Ob dies tatsächlich in Richtung eines dominanten Ballbesitzfußballs geht, ist allerdings fraglich. Denkbar wäre auch ein weiterhin reaktiver Ansatz mit verbesserten Defensivabläufen. Die bisherige Personalpolitik lässt durchaus beide Vermutungen zu. Dennoch wird jede Personalentscheidung für die Zukunft unter dem Aspekt der Tauglichkeit des Spielers für Skripniks Fußball bewertet. Dies führt häufig zu einer Schwarz-Weiß-Betrachtung, die die weiteren Zusammenhänge im Mannschaftsgefüge außer Acht lässt (Aycicek-Verlängerung und Profivertrag für Maxi Eggestein gut, Junuzovic-Verlängerung und Verhandlungen mit Fritz und Prödl schlecht). Auch mir fällt es schwer, mich davon bei der Bewertung frei zu machen.

Einer sich abzeichnenden Verlängerung mit Clemens Fritz stehe ich beispielsweise trotz des Formanstiegs seit der Rückversetzung ins Mittelfeld kritisch gegenüber. Eine Besetzung der Halbpositionen der Raute mit Fritz und Junuzovic ist aus meiner Sicht nicht geeignet, um dominanten Ballbesitzfußball zu spielen – sie steht einer spielerischen Entwicklung im Mittelfeld sogar entgegen. Doch wenn Skripnik selbst sich so sehr für den Verbleib des Kapitäns einsetzt, wird er seine Gründe dafür haben. Möglicherweise liegen diese nicht im spielerischen Bereich, sondern nur in seinen Führungsqualitäten und der Eigenschaft als Integrationsfigur. Angesichts eines sich ebenfalls abzeichnenden Abgangs Sebastian Prödls wäre diese Überlegung allemal verständlich (wenngleich sie mir persönlich nicht ausreicht).

Neue, alte Rahmenbedingungen

Ein Stück weit wird man sich von der Überlegung lösen müssen, dass Werder im kommenden Herbst schon auf einem Niveau angelangt sein wird, auf dem man mit einem Mittelfeld aus von Haacke, Eggestein, Öztunali und Aycicek die Gegner schwindelig kombinieren kann. An eine (langsamere) spielerische Weiterentwicklung in der kommenden Saison glaube ich aber durchaus. Durch den Selke-Wechsel hat sich die sportliche Leitung die gröbsten finanziellen Nöte vorerst vom Leib geschafft und den Handlungsspielraum für den Sommer vergrößert. Es ist auch ein Signal, dass in Bremen wieder Werte geschaffen und nicht nur vernichtet werden. Man wird aber auch damit leben müssen, dass dies Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen weckt und man vermutlich jedes Jahr Leistungsträger ersetzen muss. Dies sind die Rahmenbedingungen, unter denen Werder schon in der Vergangenheit nach oben und schließlich auch wieder nach unten geklettert ist.

Für Skripnik wird der Umgang damit die größte Herausforderung als Trainer bei Werder Bremen. Thomas Schaaf ist letztlich daran gescheitert, immer neue und unpassendere Spieler das Korsett seines Systems pressen zu wollen und müssen. Damit es Skripnik nicht ähnlich ergeht, wird er sich immer wieder anpassen und flexibel bleiben müssen. Bislang gibt es jedoch keinerlei Grund zum Zweifel daran, dass er für diese Aufgaben genau der richtige Trainer ist.

21. Spieltag: Der Guardiola der Ukraine

Werder Bremen – FC Augsburg 3:2 (3:1)

Vor nicht allzu langer Zeit wäre Werder selbst zuhause als Außenseiter in das Spiel gegen den FC Augsburg gegangen. Nach der jüngsten Erfolgsserie durfte sich Werder aber auch gegen das Überraschungsteam (kann man es überhaupt noch so nennen?) der Saison gute Chancen ausrechnen.

Pressing und Umschaltspiel auf hohem Niveau

 

Augsburg spielte zwar auf dem Papier ein 4-1-4-1, das durch Hojbergs tiefe und Altintops hohe Positionierung im Aufbau jedoch eher zum 4-2-3-1 wurde. Werder presste im inzwischen bekannten 4-3-3, wobei sich die beiden Stürmer auf Augsburgs Innenverteidiger und Bartels auf den einrückenden Sechser konzentrierten. Anders als etwa gegen Hertha und Hoffenheim wurde der gegnerische Torwart nicht angelaufen. Manninger wurden lediglich alle Anspielstationen genommen. Die zweite Dreierreihe postierte sich erst ein gutes Stück dahinter auf Höhe der Mittellinie, sodass es zwar einen recht großen Raum hinter zwischen den beiden Linien gab, in den der Torwart jedoch selten per Flachpass kam, sondern lange Bälle schlagen musste, die im Seitenaus oder auf Vestergaards Kopf landeten. So zogen sich die Augsburger Innenverteidiger nach einer Viertelstunde im Aufbau extrem weit zurück und standen nur noch fünf Meter vor der Torauslinie, um Anspielstationen für den sichtlich überforderten Manninger zu schaffen, was nur selten gelang.

Viktor Skripnik wird nicht zuletzt dafür gelobt, dass Werder unter seiner Führung spielerisch enorme Fortschritte gemacht hat. Doch auch im Umschaltspiel hat sein Team in den letzten Monaten eine gute Entwicklung genommen. Nach der Balleroberung geht es häufig mit geradlinigem Passspiel direkt nach vorne. Die vorderen drei Spieler harmonieren dabei enorm gut, unabhängig von der Zusammensetzung. Bartels ist im Aufspüren von Räumen zwischen den Linien herausragend. Mit Selke und Di Santo hatte Werder zudem auch häufig Abnehmer für lange Vertikalpässe in die Schnittstellen der Viererkette. Leider wurden die Konter diesmal nicht so konsequent zu Ende gespielt, wie in den Spielen zuvor, sodass Werder zu weniger klaren Torchancen kam, als im Spielverlauf möglich gewesen wären.

Schwache Augsburger, gute Standards

Der Erfolg kam somit wieder einmal über die eigenen Standardsituationen. Zwei Kopfballtore nach Freistößen von Junuzovic sowie ein Elfmetertor von Di Santo reichten letztlich für den Sieg. Eine Schwächephase der Augsburger nach dem Seitenwechsel nutzte Werder leider nicht zur vorzeitigen Entscheidung, sodass es am Ende sogar noch einmal eng wurde. Aufgrund der Chancenverteilung war dies unnötig. Augsburg brachte offensiv wenig zustande, kam in der ersten Halbzeit aus dem Spiel heraus nur zu einem Fernschuss durch Bobadilla. Werder war spielerisch und auch taktisch überlegen, überzeugte auch jenseits der ersten Pressinglinie in der Arbeit gegen den Ball. Eröffnete Augsburg über die Außen, schob der Spieler auf der ballnahen Halbposition sofort auf den Flügel und das Team rückte konsequent nach. Versuchte es Augsburg durchs Zentrum auf die zurückfallenden Ji oder Altintop, rückten Werders Innenverteidger aggressiv heraus. Dies war zwar etwas riskant, wurde aber selten gefährlich, da Augsburg den Ball nicht in den Raum dahinter bekam – nicht zuletzt, weil Vestergaard und Lukimya mit ihrem Herausrücken häufig den Ball gewannen.

Werder Bremens Pressing im 4-3-3 gegen den FC Augsburg

Kam der Ball tatsächlich einmal in die markierte Zone, spielten Werders Stürmer gutes Rückwärtspressing

So gut Werder taktisch auf den Gegner eingestellt war, so schwach präsentierte sich Augsburg im Weserstadion. Daniel Baier mühte sich in der Zentrale darum, das Spiel seines Teams zu ordnen, doch letztlich war Augsburg auf allen Offensivpositionen unterlegen. Selassie hatte Werner gut im Griff und Garcia war gegen das Kraftpaket Bobadilla die passende Wahl hinten links. Auch sonst erwiesen sich Skripniks Personalentscheidungen als richtig. Gálvez-Vertreter Lukimya machte ein weitgehend fehlerfreies Spiel, brachte seine Stärken gut ein und traf zum 1:0. Felix Kroos lieferte als Sechser ebenfalls eine starke Partie ab, vielleicht sogar seine beste der Saison.

Momentaufnahme mit Potential

Mit dem Sieg gegen Augsburg ist das Thema Klassenerhalt endgültig abgeschlossen. Die Europa League ist nicht mehr nur ein Hirngespinst irgendwelcher Überoptimisten, sondern ein durchaus realistisches – wenn auch nicht das wahrscheinlichste – Szenario. Skripnik und seinem Team gelingt es immer besser, Werders Spieler auf den Gegner einzustellen, Schwachpunkte und Schwächephasen auszunutzen und eigene Spielfreude mit taktischer Disziplin zu verbinden. Die aktuelle Serie von fünf Siegen in Folge muss man zwar realistisch einschätzen (vier Heimspiele, teils formschwache Gegner), doch ist sie kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis akribischer und durchdachter Arbeit.

“Wir haben als Trainerteam nicht so viel Erfahrung gehabt in der Bundesliga, aber jetzt wissen wir, wo es langgeht.”

- Viktor Skripnik, nach der Niederlage in Gladbach, vor fünf Siegen in Folge

In den nächsten Wochen warten nun noch härtere Brocken auf Werder. Auf Schalke hat man die Gelegenheit, ganz dicht an die internationalen Plätze heranzurücken. Die Schalker sind unter Di Matteo nicht unbedingt durch attraktiven oder spielerisch hochwertigen Fußball aufgefallen. In der Defensivorganisation hat die Mannschaft jedoch große Fortschritte gemacht und ist, bis auf die unglückliche Niederlage in Frankfurt, erfolgreich in die Rückrunde gestartet. Für Werder könnte es ungeachtet der phänomenalen Heimbilanz unter Skripnik ein Vorteil sein, gegen Schalke auswärts anzutreten. Zum einen muss Werder nicht das Spiel machen und kann das Risiko minimieren, in Schalker Gegenstöße zu laufen. Zum anderen liegt Schalke die Spielgestaltung nicht unbedingt. Je nach Ausgang des Champions League Spiels gegen Real Madrid könnten auch die nicht für ihre große Geduld bekannten Schalker Fans ein Faktor werden, wenn Werder lange das 0:0 hält oder in Führung geht.

20. Spieltag: Zweckpessimismus

Werder Bremen – Bayer Leverkusen 2:1 (2:1)

Eine Halbzeit toller Fußball, eine Halbzeit großer Kampf – am Ende steht ein recht glückliches 2:1 über Bayer Leverkusen, das den vierten Sieg in Folge für Werder bedeutet. Ist das Kapitel Abstiegskampf damit beendet?

Gefühlter Elfmeter: Zlatko Junuzovic beim Freistoß

Neue Gewohnheit: Starke erste Halbzeit

Zu den größten Unterschieden zwischen Werder unter Skripnik und Werder unter Dutt zählt für mich, dass Werder deutlich bessere erste Halbzeiten spielt. Dutt hatte eine seiner Stärken darin, das laufende Spiel zu analysieren und gute Anpassungen vorzunehmen. Dafür startete sein Team häufig schwach und war vor der Anpassung deutlich unterlegen. Bei Skripnik schien es bislang eher andersrum zu sein. Gegen Hamburg und Hannover wurde ihm von Teilen der Experten schwaches In-Game-Coaching vorgeworfen. Gegen Hertha und Hoffenheim wurden seine Anpassungen hingegen weitgehend gelobt. Der Grundstein für den Erfolg wurde aber stets in der ersten Halbzeit gelegt.

Im dritten Rückrundenspiel kam Werder zum dritten Mal besser ins Spiel als der Gegner. Zwar hatte Leverkusen schnell eine strategische Schwachstelle (den zweikampfschwachen Sternberg hinten links) ausgemacht, konnte diese aber trotz eines starken Rechtsfokus im Angriff zu wenig nutzen. Kroos, Junuzovic und Vestergaard unterstützten Sternberg immer wieder auf seiner Seite gegen Bellarabi und Hilbert. Kroos gab statt eines Halbraumspielers fast einen klassischen linken Mittelfeldspieler. Durch Junuzovics Einrücken wurde die Raute in tiefen Zonen häufig zu einer flachen Vier. Im Angriffsspiel setzte Werder – anders als im Heimspiel gegen Hertha – nicht auf ruhiges Aufbauspiel und Überladungen, was gegen Leverkusen auch nur schwerlich möglich bzw. sehr riskant gewesen wäre. Stattdessen suchte Werder den Erfolg mit direktem Spiel über das Offensivtrio Junuzovic, Bartels und Selke. Hinzu kam die inzwischen gewohnte Stärke nach Standards.

Leverkusen zieht an, Werder hält dagegen

Das Gegentor kurz vor der Pause war ärgerlich, weil Werder die Partie zu diesem Zeitpunkt im Griff zu haben schien. Letztlich war es dann doch ein verlorener Zweikampf zu viel auf der linken Abwehrseite. Ob dies der Hauptgrund für das veränderte Momentum nach dem Seitenwechsel war, ist schwer auszumachen. Die Einwechslung Sons balancierte Leverkusens Spiel jedenfalls etwas und Bellarabi konnte nun auf dem gesamten Platz mit seiner individuellen Klasse Lücken in Werders Defensive reißen. Etwas überraschend ließ Skripnik Sternberg auf dem Feld, musste dann aber ungewollt in der Viererkette umstellen, da Gálvez verletzt raus musste. Nach vorne gelang Werder in dieser Phase überhaupt nichts mehr. Die Passquote sank von 57% auf 44%, auch weil die Mittelfeldspieler kein übermäßiges Risiko eingingen und das Sturmduo wenig unterstützten. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Leverkusen aus der Überlegenheit den Ausgleich machen würde.

Wie schon gegen Hoffenheim schaffte es Werder jedoch, in den letzten 20 Minuten des Spiels die Luft aus den Angriffen des Gegners zu lassen. Hier spielt auch die Fitness eine Rolle, die bei Werder zu stimmen scheint. Sobald der Gegner körperlich etwas nachlässt, kann Werder die Gefahr in unmittelbarer Tornähe auf ein Minimum reduzieren. So konnte die Zahl der gegnerischen Abschlüsse insgesamt gering gehalten werden. Zwar hatte Werder nach Junuzovics Freistoßtor nur noch einen einzigen Torschuss, doch auch Leverkusen wurde nach Kießlings Pfostentreffer kaum noch richtig gefährlich. Mit seinen Wechseln (Öztunali für Selke, Garcia für Junuzovic) lag Skripnik ebenfalls richtig. So kann man den Sieg zwar als glücklich, in der Gesamtbetrachtung der 90 Minuten aber nicht als unverdient bezeichnen.

Zwischen Europacup und Abstiegskampf

Innerhalb von vier Spieltagen hat Werder den Sprung von Platz 18 in die obere Tabellenhälfte geschafft. So schnell hätte ich dem Team diese Entwicklung nicht zugetraut und ich sehe sie immer noch mit einem letzten Rest Skepsis. Dies ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass das Thema Europapokal langsam auch ohne vorgehaltene Hand diskutiert wird. Einerseits ist es nur zu verständlich, die momentane Euphorie bis ins letzte auszukosten, schließlich gab es in den letzten Jahren nur wenig Grund dazu. Andererseits steckt die Abstiegsangst noch in den Knochen und Werders Spiel hat auch in der Rückrunde noch genügend Schwachpunkte offenbart, um einen weiteren Durchmarsch zumindest anzuzweifeln. Wenn von den nächsten fünf Spielen (gegen Augsburg, Schalke, Wolfsburg, Freiburg und Bayern) drei verloren gingen, wäre das keine große Überraschung und für die Entwicklung der Mannschaft – im Gegensatz zu etwaigen Ambitionen auf Platz 6 – auch nicht hinderlich.

Anders sieht es mit dem Thema Abstiegskampf aus. Mit 26 Punkten ist Werder natürlich noch nicht gerettet, doch scheinen einige Teams so große Probleme zu haben, dass Werder schon einen richtig herben Einbruch erleben müsste, um wirklich noch abzusteigen. (Dass man dies nach dem 20. Spieltag bereits schreiben kann, ist schon ein so großer Verdienst des neuen Trainerteams, dass mir der Europapokal erstmal völlig egal ist.) Paderborn und Freiburg haben erhebliche spielerische Probleme, Stuttgart tritt auf der Stelle und Hertha scheint mir ebenfalls zu schwach zu sein, um Werder zu gefährden – wobei man bei einem Trainerwechsel mit anschließendem Auswärtssieg in Mainz ja weiß, wohin das führen kann. Realistisch gesehen braucht Werder noch drei Siege und vielleicht ein bis zwei Unentschieden, um sicher die Klasse zu halten. Bei noch 14 ausstehenden Spielen sollte das machbar sein, solange im Team niemand abhebt und denkt, dass es nun ganz von selbst läuft. Es kann der entspannteste Werder-Frühling seit fünf Jahren werden.

Skripniks Handschrift

Werder Bremen – Hertha BSC 2:0 (1:0)

Gegen einen schwachen Gegner aus Berlin gelingt Werder ein Rückrundenauftakt nach Maß. Der vierte Sieg im fünften Heimsieg unter Skripnik bedeutet tabellarisch den Sprung auf Platz 12. Es waren jedoch auch altbekannte Defensivschwächen zu erkennen.

Skripniks Raute dominiert lahme Hertha

Skripnik hatte in seiner Startaufstellung zwei kleine Überraschungen parat. Jannek Sternberg erhielt hinten links den Vorzug vor Garcia und machte seine Sache ordentlich, auch wenn seine Zweikampfschwäche gegen stärkere Gegner zum Problem werden kann. Im Mittelfeld durfte Leihgabe Öztunali von Beginn an hinter den Spitzen ran. Er gab ein zufriedenstellendes Debüt, ohne große Höhepunkte, aber mit einigen guten Pässen und starkem Pressing gegen Lustenberger. Kapitän Fritz blieb dafür auf der Bank. Mit Junuzovic und Bartels waren die Halbpositionen im Mittelfeld somit sehr offensiv besetzt, was für das Defensivspiel ein paar Probleme bedeutete (dazu später mehr), in der Offensive aber für ein Bremer Übergewicht sorgte, mit dem Hertha kaum zurecht kam.

Luhukay war ein Tannenbaum wohl nicht schmal genug und so schickte er sein Team in einem 3-3-2-2 aufs Feld, das nur zu einem 5-3-2 wurde, wenn Werder mit dem Ball ins Angriffsdrittel vorstieß. Im Mittelfeldpressing agierten die Wingbacks meist auf einer Höhe mit Niemeyer und so eng, das sie horizontal fast schon auf einer Linie mit den äußeren Innenverteidigern standen. Auch wenn Hertha damit das Zentrum zumindest personell dicht machte, hatte Werder wenig Probleme, im Mittelfeld den Ball laufen zu lassen. In puncto Ballbesitz und -zirkulation war dieses Spiel schon ein großer Schritt im Vergleich zur Hinrunde und vor allem dem Fußball unter Dutt. Hier war die Handschrift des Trainers nach seiner ersten Vorbereitung mit dem Team deutlich zu erkennen.

Werders Glück: Hertha kann nicht kontern

Bei allem Jubel über den starken Einstand von Jannik Vestergaard und die allgemein starke Abwehrleistung (Gebre Selassie ist hier besonders hervorzuheben) zeigte Werder jedoch auch wieder die altbekannten Probleme beim Umschalten nach Ballverlusten. Das Mittelfeld rückte häufig weit auf und gab große Räume vor der Viererkette preis. Bargfrede spielte auf der Sechs weiträumig und umsichtig, verlor jedoch ebenfalls teilweise die Bindung zu seinen Hinterleuten. Hertha konnte aus dieser Anfälligkeit allerdings keinen Profit schlagen, weil das Team die Kontergelegenheiten nicht oder nur schwach ausspielte. Anhand zweier Szenen aus der Anfangsphase lässt sich dies veranschaulichen:

10. Minute: Bartels verliert am rechten Flügel den Ball. Selassie ist aufgerückt und befindet sich gute 10 Meter vor dem Ball. Vestergaard muss einrücken und ist in dieser Situation der einzige Bremer im Zentrum. Vor ihm ist ein großer, freier Raum, in den ein Gegenspieler mit Tempo stoßen könnte. Alle vier Berliner Offensivspieler sind jedoch auf der Ballseite. Die Wingbacks stehen in der eigenen Hälfte und können nicht eingreifen. Letztlich verpufft der Angriff, weil der ballführende Spieler warten muss, bis sich in Teamkollege in Tornähe positioniert. Die Hereingabe ist letztlich auch zu ungenau.

13. Minute: Berliner Ballgewinn am eigenen Strafraum. Das gesamte Bremer Mittelfeld ist an den gegnerischen Strafraum gerückt. Der Abstand zwischen Mittelfeld und Abwehr beträgt mehr als 20 Meter. Der ballführende Spieler stößt in diesen Raum vor, wird dann aber von Selke auf Kosten einer gelben Karte gefoult.

Strategie schlägt Taktik

Es gab etliche weitere Situationen in der ersten Halbzeit, die ganz ähnlich verliefen. In taktischer Hinsicht war Werder also nicht ganz überzeugend. Das war an diesem Tag aber nicht so wichtig, denn Skripnik machte aus strategischer Sicht alles richtig. Die Konterräume kann man wohlwollend als kalkuliertes Risiko bezeichnen, denn es wurde schnell deutlich, dass sie gegen Hertha kein allzu großes Problem darstellen würden. Die viel beschworene Balance hat Skripniks Team mangels defensivem Umschaltspiel noch nicht gefunden, daher ging man in der ersten Halbzeit dieses Risiko ein, konnte dafür aber offensiv so dominant auftreten, wie seit Jahren nicht. In der zweiten Halbzeit, mit der Führung im Rücken, spielte Werder weitaus vorsichtiger. Dies ging auf Kosten des Ballbesitzes und der Dominanz im Mittelfeld, doch Hertha hatte auch spielerisch nicht die Mittel, um Werder vor Probleme zu stellen. Dafür kam Werder nun seinerseits zu einigen Konterchancen.

Obwohl die zweite Halbzeit nicht so spektakulär war wie die erste, gefiel mir Werders Leistung dort deutlich besser. Bargfrede hielt nun seine Position, Bartels und Junuzovic hielten ihren Vorwärtsdrang ebenfalls zurück und dahinter schwang sich Vestergaard zum Spieler des Spiels auf. Wobei: Führt hier ein Weg vorbei an Franco Di Santo? Bei seinem Pflichtspielcomeback erzielte er direkt zwei wunderbare Tore und obwohl er noch nicht ganz bei 100% ist und nicht so dominant auftrat wie vor seiner Verletzung, machte der Auftritt große Hoffnung. Das liegt auch an seinem Sturmpartner Selke, der kein wirklich gutes Spiel machte, aber gerade deshalb gereift wirkte. Das war keine Galavorstellung auf purem Adrenalin, sondern eine schwierige Partie, in der er sich nicht beirren ließ und einige gute und vor allem clevere Aktionen hatte.

Härtetest in Sinsheim

Gegen Hoffenheim wartet eine vermutlich härtere Probe auf Werder. Auswärts trat das Team unter Skripnik in der Hinrunde deutlich vorsichtiger auf als zuhause. Hoffenheim hat gegen Augsburg zwar nicht überzeugt und war gerade in der Innenverteidigung anfällig (schöne Grüße von Vestergaard!), hat aber offensiv das Zeug dazu, Werder das Leben richtig schwer zu machen. Solche Lücken wie gegen die Hertha wird man sich nicht erlauben können. Dank des Heimsiegs kann Werder jedoch ohne großen Druck agieren und sich taktisch an der zweiten Halbzeit gegen Hertha orientieren. Die Sperre gegen Junuzovic macht dem Trainer die Entscheidung leicht, Clemens Fritz in die Startelf zurückzuholen. Weitere Wechsel wären auf der Zehn (Aycicek statt Öztunali) oder hinten links (Garcia für Sternberg) denkbar.

Es bleibt zu hoffen, dass man sich bei Werder nicht vom Sieg gegen einen wirklich schwachen Gegner blenden lässt und der Verlockung widersteht, sich schon mit höheren Zielen zu befassen. Eine über 90 Minuten konzentrierte Leistung gegen einen Europa League Kandidaten wäre ein guter nächster Schritt auf dem Weg zum Klassenerhalt.

13. Spieltag: Richtige Schlüsse

Werder Bremen – SC Paderborn 4:0 (1:0)

Genau das hat es nach den letzten Wochen gebraucht: Einen deutlichen Werdersieg – es war der höchste seit 25 Monaten – und ein aufmunterndes Zeichen, dass der Nachwuchs auf Bundesliganiveau mithalten kann.

Gute Reaktionen

Nach der Niederlage im Nordderby musste Viktor Skripnik gleich in mehrfacher Hinsicht umstellen. Von vielen wurde insbesondere die defensive Ausrichtung kritisiert. Gegen das Überraschungsteam aus Paderborn wählte Skripnik wie zu erwarten eine offensivere Gangart, kehrte (auch defensiv) zur Raute im Mittelfeld zurück und ließ sein Team schon in der gegnerischen Hälfte ins Pressing gehen. Personell gab es durch die Sperren von Fritz und Garcia zwei offene Planstellen. Skripnik griff nicht zu den etablierten Lösungen Makiadi und Caldirola, sondern setzte auf den Nachwuchs. Janek Sternberg kam zu einem etwas überraschenden Bundesligadebüt und Levent Aycicek durfte als Zehner hinter den Spitzen zum ersten Mal von Beginn an ran. Zusätzlich musste die Frage beantwortet werden, wie der Angriff nach dem schwachen Auftritt in Hamburg aussehen sollte. Skripnik wählte auch hier den jugendlichen Weg, ließ Selke für den enttäuschenden Petersen ran. Hajrovic erhielt eine Bewährungschance, während Elia den Platz im Kader räumen musste.

Der Mut machte sich schnell bezahlt. Gegen Breitenreiters 4-1-4-1 zeigte sich Werders Pressing sehr effektiv. Zum einen wurde Paderborn aus dem Zentrum ferngehalten. Die Ostwestfalen stellten sich zwar keineswegs nur hinten rein, bekamen den Ball aber trotzdem nur selten in gefährliche Zonen im offensiven Mittelfeld. Zum anderen eroberte Werder viel mehr Bälle um die Mittellinie herum und hatte einen kürzeren Weg zum Tor. Das Team spielte defensiv wie offensiv sehr kompakt und aggressiv. Die Räume zwischen den Mannschaftsteilen wurden gering gehalten, sodass bei Balleroberungen meist zwei bis drei Anspielstationen zur Verfügung standen. Dies machte sich in einem verbesserten Passspiel bemerkbar, das durch die offensive Besetzung des Mittelfelds mit Junuzovic, Aycicek und Bartels begünstigt wurde. Insbesondere Aycicek konnte viele seiner Vorschusslorbeeren rechtfertigen. Er ist (noch?) kein dominanter Lenker im Mittelfeld, sondern ein intelligenter und technisch beschlagener Offensivspieler, der mit seiner Handlungsschnelligkeit für plötzliche Rhythmuswechsel sorgen kann. Allein dadurch ist er für Werders Offensive schon ein riesiger Gewinn.

Zlatko Juninhovic und ein Fragezeichen

Bei aller Freude über die spielerischen Verbesserungen waren es zunächst wieder einmal die Standardsituationen, mit denen Werder das Spiel vorentschied. Junuzovics grandioses Freistoßtor hätte sich auch gut in Juninhos Gallerie einreihen können. Später bereitete er mit einer Freistoßflanke auch das 2:0 durch Selke vor. Nachdem seine Standards häufiger kritisiert wurden, muss man spätestens jetzt festhalten, dass sie für Werder in dieser Saison eine der wichtigsten Waffen in der Offensive sind. Auch aus dem Spiel heraus hatte Junuzovic viele gute Aktionen. Gerade er profitiert meiner Meinung nach davon, von der “Last” der Zehnerposition befreit zu sein (auch wenn er diese im Sommer einforderte), weil er seine Stärken so besser ins Spiel einbringen kann. Den Vergleich mit Lisztes habe ich schon einmal verwendet und ich finde ihn nach wie vor sehr passend (ohne Aycicek mit Micoud oder Werders heutige Situation mit der damaligen vergleichen zu wollen).

Abgesehen von der Viertelstunde vor der Halbzeitpause hatte Werder das Spiel weitgehend im Griff. Wenn man Werder einen Vorwurf machen konnte, dann den, dass man zur Pause nur mit einem Tor Vorsprung führte. Genügend Torchancen waren vorhanden (auch aus dem Spiel heraus), doch im Torabschluss war man nicht zwingend genug. Beides lag zu einem nicht unerheblichen Teil an Davie Selke. Selke machte sein bislang wohl bestes Bundesligaspiel, bewegte sich viel, war dadurch häufig anspielbar und hatte auch individuell am Ball gute Szenen. Auch wenn er die Lücke, die Di Santos Ausfall hinterlässt, schon aufgrund seiner vergleichsweise schwächeren Technik nicht auffüllen kann, war er doch wesentlich näher dran, als zuletzt Petersen. Mit seinem unermüdlichen Einsatz kann Selke die eine oder andere Schwäche wettmachen, doch um den nächsten Entwicklungsschritt zu vollziehen, muss er unbedingt seine Schusstechnik verbessern. Der Torriecher ist hingegen vorhanden, wie der Abstauber zum 2:0 unter Beweis stellte. Es hätte jedoch keiner weitaus besseren Leistung bedurft, um in diesem Spiel zwei oder sogar drei Tore zu erzielen – ein besserer Torabschluss hätte ausgereicht. Dann hätte er sich eventuell auch die Eigensinnigkeit in der 67. Minute sparen können, die ein ziemlich sicheres Tor verhinderte. So bleibt trotz der Verbesserung ein Fragezeichen.

Parderboring statt Partyborn?

Zur Einordnung der Bremer Leistung muss auch der Gegner betrachtet werden. Paderborn hat nicht ohne Grund an den ersten zwölf Spieltagen die Bundesliga aufgemischt und zeigte auch gegen Werder in Ansätzen, wie man hätte gefährlich werden können. Hätte – weil es erst beim Stand von 0:3 aus Paderborner Sicht passierte. Es ist bekannt, dass Paderborn erst in den zweiten 45 Minuten offensiv richtig gefährlich wird. Der Doppelschlag kurz nach der Pause war insofern noch wertvoller, als es zwei Tore in einem Fußballspiel ohnehin sind. Die verbesserte Offensive der Gäste führte nie dazu, dass Werder ins Wanken geriet. Auf der anderen Seite bekam Paderborn keinen Rückenwind, wie es bei einem ähnlichen Spielverlauf ab der 60. Minute bei einem Unentschieden oder einer knappen Werderführung der Fall gewesen wäre. Man kann somit einerseits den Bremern Matchglück attestieren, auf der anderen Seite den Spielverlauf aber auch als immanentes Risiko der Paderborner Strategie bezeichnen. Wer eine Halbzeit lang so ungefährlich auftritt, wird damit nicht durchgängig punkten.

Für Werder kam in diesem Spiel einiges zusammen: Eine mutige, offensive Aufstellung und Ausrichtung, ein durchgängig konzentriertes, gut eingestelltes Spiel gegen den Ball, verbesserte Abläufe im Passspiel, die bekannte Stärke nach eigenen Standardsituationen und eben das schon erwähnte Matchglück. So bleibt unterm Strich ein 4:0-Sieg, der auch in der Höhe in Ordnung geht. Noch wichtiger als das Ergebnis ist allerdings die Erkenntnis, dass Werder mit einer mutigen Ausrichtung und einigen Nachwuchsleuten in der Startelf in der Bundesliga mithalten kann. Zum ersten Mal spielte Werder in der Bundesliga so, wie man es von Skripniks Teams bislang kannte, und lief damit nicht etwa ins offene Messer. Deshalb greift auch die Einschränkung “war ja nur gegen Paderborn” ins Leere. Gerade gegen ein solches Team, noch dazu in einem Heimspiel, kann man so mutig aufstellen und spielen lassen. Denn so stark Paderborn taktisch und kämpferisch auch bislang auftrat: Individuell gehören sie ganz sicher zum unteren Drittel der Liga. Das Risiko für einen Spieler wie Janek Sternberg ist somit überschaubar – anders als wenn er beispielsweise gegen Arjen Robben direkt im ersten Spiel drei Gegentore verantworten müsste.

Gegen andere Gegner wird Skripnik wieder Abstriche machen müssen im spielerischen Bereich, eventuell schon in Frankfurt, wo der fürs Aufbauspiel wichtige Galvez fehlen wird. Die Raute dürfte dann wieder eine Spur defensiver besetzt sein, eventuell mit Fritz für Bartels, der für den erneut wenig überzeugenden Hajrovic in die Spitze rücken könnte. Bis dahin darf Skripnik sicherlich noch einige Komplimente entgegen nehmen. Aus der Niederlage im Nordderby zog er in jeder Hinsicht die richtigen Schlüsse und so steht nach vier Spieltagen unter seiner Führung folgende kuriose Bilanz: Das einzige Team, dass in dieser Zeit mehr Punkte geholt hat, war der FC Bayern. Fast wie früher.