Kategorie-Archiv: Die Eu-Europa League

Kleines Loblied auf die Europa League

Es wäre angesichts des Urteils gegen Uli Hoeneß fast etwas untergegangen, aber gestern wurde auch Fußball gespielt. In der viel gescholtenen Europa League und ohne Beteiligung deutscher Vereine wurden die Hinspiele im Achtelfinale ausgetragen.

Ich persönlich mag die Europa League. Vor allem in Zeiten, in denen die Champions League bis zum Viertelfinale sehr vorhersehbar ist und nur wenige Überraschungen bereit hält, ist die Europa League eine willkommene Abwechslung. Sie hat sich trotz Umbenennung und kontraproduktiver Gruppenphase ein Stück des alten Europacup-Charmes behalten. In der Europa League werden nicht die großen Schlagzeilen des europäischen Fußballs geschrieben und der Wettbewerb leidet unter seiner Funktion als Sammelbecken der Champions League Verlierer ebenso wie unter seinem vergleichsweise geringen Stellenwert. So kommt es vor, dass Vereine mit Champions League Ambitionen ihrer Spiele in der K.O.-Runde abschenken, um in der Schlussphase der Saison mehr Kraft für die Liga zu haben. Über das Niveau einzelner Spiele lässt sich daher trefflich streiten, doch einem gewöhnlichen Bundesligaspieltag steht so ein Achtelfinal-Spieltag der Europa League in nichts nach.

Ich kann einem taktisch hochwertigen 0:0 zwischen dem FC Basel und RB Salzburg genauso etwas abgewinnen, wie einem Stadtderby zwischen FC Sevilla und Real Betis oder der erneuten Lehrstunde für den englischen Fußball beim Tottenhams Heimniederlage gegen Benfica. Gut, bei Letzterem mag auch meine Antipathie gegen die Nord-Londoner eine Rolle gespielt haben. Mein Geheimfavorit Ludogorets Razgrad steht nach einer 0:3 Heimniederlage gegen Valencia hingegen leider vor dem Aus. Da spielt die No-Name-Truppe aus Bulgarien so eine tolle Saison, setzt sich gegen Teams wie PSV Eindhoven, Dinamo Zagreb und Lazio Rom durch und erwischt dann einen rabenschwarzen Tag, an dem man trotz langer Überzahl den frühen Rückstand nicht aufholen kann, einen Elfmeter verschießt und dann ins offene Messer läuft (well, sort of…). Aber so etwas kenne ich ja von anderen von mir favorisierten Mannschaften.

Persönliches Highlight war das Spiel zwischen Juventus und Fiorentina. Es ist zwar ein Klischee, aber Spiele zwischen italienischen Spitzenmannschaften sind taktisch noch immer höchst interessant. Juves System mit rustikaler Dreierabwehrkette und den Energiebündeln Vidal und Marchisio, die auf den Halbpositionen das ewige Genie Andrea Pirlo flankieren, hat es mir besonders angetan. International ist Juve damit nicht mehr allererste Güte, aber es reicht immer noch, um die Serie A klar zu dominieren. Dass es nun auf europäischer Bühne zu einer Wiederholung des Spiels vom Wochende kam, machte die Begegnung nicht uninteressanter. Und anders als am Sonntag hatte Fiorentina der Führung der Gastgeber in Gestalt des eingewechselten Torschützen Mario Gomez etwas entgegenzusetzen. Zumindest in Deutschland reicht dies dann doch zu einer größeren Schlagzeile.

Europa League Finale: Sehnsucht nach Diego?

Vor drei Jahren wurde Diego sein UEFA-Cup Finale verweigert. Eine umstrittene gelbe Karte brachte ihn um die Teilnahme am Spiel gegen Schachtar Donezk. Der Ausgang ist bekannt. Am Mittwoch nun bekam der kleine Brasilianer seine Chance im “kleinen” europäischen Endspiel und gewann mit Atletico Madrid die Europa League.

In Deutschland unter Wert verkauft

Das Finale des angeblich so unbedeutenden Wettbewerbs hatte trotz des deutlichen Ergebnisses einiges an Dramatik und Klasse zu bieten. Schon die Ausgangsposition sprach für eine überaus interessante Partie: Auf der einen Seite Trainerlegende Marcelo Bielsa, der Athletic Bibao innerhalb kürzester Zeit intensives Pressing und Kurzpassspiel beigebracht hat. Als Lohn durfte man lange in der erweiterten Spitze der Liga mitmischen und erreichte neben dem Europa League Finale auch das des Copa del Rey. Auf der anderen Seite Bielsas Schüler und ehemaliger Mannschaftskapitän Diego Simeone, der das bis dahin enttäuschende Starensemble von Atletico Madrid seit dem Winter in die richtige Spur geführt hat. Die Liste der Gegensätze ist lang: Hauptstädter gegen baskische Separatisten, zusammengekaufte Stars gegen Eigengewächse, individuelle Klasse gegen Kollektiv.

Über so viele potenzielle Aufhänger sollte sich jeder Sportjournalist freuen. Daher erstaunt es, wie wenig die deutschen Sportberichterstatter mit diesem Spiel anzufangen wussten. Ohne deutsche Beteiligung ist die Europa League nichts wert, egal, wie sportlich gehaltvoll ein Spiel ist. Besonders Sky fiel hier negativ auf. Mit 15 Minuten uninspirierterVorberichterstattung und einem Einspieler, der eher Klischees pflegte, statt den interessierten Zuschauer zu informieren. Athletic und Atletico – so der Aufhänger des Berichts – seien quasi kaum auseinander zu halten, da sie beide aus Spanien kommen und rot-weiße Trikots tragen. Wir kennen das Problem ja aus Deutschland, wo Bayern München und Fortuna Düsseldorf seit je her verwechselt werden… Eine wirklich enttäuschende Leistung von Sky. Gerade angesichts der guten Vor- und Nachberichterstattung, die der Sender in den letzten Monaten bei als wichtig erachteten Spielen abgeliefert hat. Die Kommentierung von Marco Hagemann war jedoch gut, wie auch Mirko Slomka und Holger Pfandt bei Kabel 1 ein wirklich gutes Gespann abgaben.

Schüler Simeone coacht Lehrmeister Bielsa aus

Das Spiel hielt nicht alle Versprechungen, war aber insgesamt auf hohem Niveau und bot deutlich mehr Unterhaltung als das enttäuschende Finale des Vorjahres. Bilbao hatte große Probleme das eigene Spiel aufzuziehen. Vor allem in der Anfangsphase zeigte man sich überrascht vom hohen Anfangsdruck und aggressiven Forechecking des Gegners. Zwar hatte man nach dem frühen Gegentor mehr vom Spiel, doch bis zur Halbzeit blieb Atletico das gefährlichere Team. Falcao war mit seiner Torgefahr und seiner exzellenten Ballbehauptung nie in den Griff zu bekommen und schoss Atletico konsequenter Weise bis zur Halbzeit mit 2:0 in Front.

Marcelo Bielsa wirkte ratlos, denn er war von Diego Simeone ausgecoacht worden, was ihm nicht oft passiert. Atletico fand die richtige Mischung aus Pressing gegen Bilbaos Spielaufbau und dem Verschließen des Zentrums durch kompaktes, tiefes Verteidigen. Durch die weit aufrückenden Außenverteidiger hatte Bilbao zwar nominell genug Breite im Spiel, doch schaffte man kaum Überzahlsituationen am Flügel, da die Außenstürmer sehr eng agierten. Im zentralen Mittelfeld schaffte es Atletico dazu hervorrangend, den tiefen Spielmacher Iturraspe aus dem Spiel zu nehmen. Er wurde nach Ballgewinn seiner Mannschaft sofort attackiert, so dass er kaum Zeit am Ball bekam. Zur Halbzeit wechselte Bielsa ihn aus.

Nicht nur die individuelle Klasse siegt

Auch die Umstellung zur Pause brachte nicht den gewünschten Effekt. Zwar erhöhte Athletic Bilbao den Druck und erspielte sich die eine oder andere Chance, doch insgesamt wirkte die Mannschaft nicht so frisch und energetisch wie gewohnt. Vielleicht war auch “Finalangst” ein Faktor. Bielsa holte schon nach gut einer Stunde die Brechstange heraus und brachte mit Toquero einen zweiten Mittelstürmer. Gefährlichster Mann auf dem Platz blieb allerdings Falcao, der alleine immer wieder 2-3 Spieler binden konnte und kurz vor Schluss das 3:0 knapp verpasste. Für die endgültige Entscheidung sorgte am Ende dann Diego mit einer tollen Einzelaktion. Diesen Aspekt seines Spiels kannte man bereits aus der Bundesliga. Interessant war aber vor allem, wie gut Diego gegen den Ball gearbeitet hat. Beim Pressing gegen Iturraspe war er der Schlüsselspieler.

Am Ende triumphierte das Team mit den besseren Einzelspielern. Falcao und Diego machten den Unterschied aus. Vor allem der Kolumbianer Falcao steht mit “seinem” verteidigten Titel im Mittelpunkt der Berichterstattung. Zum zweiten Mal hintereinander holte er Pokal und Torjägerkanone in der Europa League. Doch mit einer starken Teamleistung und einer bestens auf den Gegner eingestimmten Taktik schaffte Atletico in diesem Finale erst die Grundlage dafür. Das ist vor allem ein Verdienst des Trainers Simeone, der in den wenigen Monaten seiner Amtszeit beachtliches geleistet hat.

Diego mit dem Pokal zu sehen weckt Erinnerungen an eine Werder-Vergangenheit, die noch nicht so lange zurück liegt und derzeit doch so fern erscheint. Es weckt auch Sehnsüchte nach seinen Geniestreichen. Was Werder derzeit vor allem fehlt, ist jedoch weniger die individuelle Klasse eines Diegos, als ein funktionierendes Konzept, das aus einem jungen Team eine starke Mannschaft formt. Wie man das mit bescheidenen finanziellen Mitteln schaffen kann, durfte man in dieser Saison bei Athletic Bilbao anschauen.

Höhepunkte der letzten 3 Jahre

Nicht im Sinne von beste Spiele sondern im Sinne von Dramatik, Spannung und (mal mehr, mal weniger) Happy End:

2007/2008

22.9.2007: Werder – VfB Stuttgart 4:1 – Der erste Lichtblick nach schwachem Saisonstart. Almeida mit dem schnellsten Doppelpack der Bundesligageschichte.
29.9.2007: Werder – Arminia Bielefeld 8:1 – Einen Tag später bin ich einen Halbmarathon gelaufen. Vor dem Spiel habe ich noch gescherzt, dass ich im Werdertrikot laufe, falls Werder 10 Tore macht. War knapp.
28.11.2007: Werder – Real Madrid 3:2 – Mit einer B-Elf gegen das große Real. Es wurde eines der besten Spiele unter Thomas Schaaf. Das 2:1 durch Sanogo inklusive der wunderbaren Vorarbeit von Rosenberg war für mich das schönste Tor in Werder Champions League Geschichte.
15.12.2007: Werder – Bayer Leverkusen 5:2 – Zwei Auswechslungen nach 30 Minuten. Borowskis letzte Aktion ist ein Assist: Das 1:1 durch Klasnic – ein Tor für die Geschichtsbücher. Nach überstandener Nierentransplantation sein erstes Tor bei den Profis. Später trifft er noch einmal. Feel-Good-Spiel vor der Winterpause.
12.4.2008: Werder – Schalke 04 5:1 – Nach einer bis dato enttäuschenden Rückrunde platzt der Knoten ausgerechnet gegen Schalke. Beim 5:1 wird der direkte Konkurrent demontiert.
10.5.2008: Werder – Hannover 96 6:1
– Viel wichtiger als das 6:1 gegen Hannover am 33. Spieltag waren die Auswärtssiege in Leverkusen und Hamburg am 34. bzw. 32 Spieltag. Trotzdem ein schöner Abschied aus dem Weserstadion für Ivan Klasnic.

2008/2009

9.8.2008: Eintracht Nordhorn – Werder 3:9 – Eigentlich war es ein lockerer Spaziergang. 10 Minuten vor Ende stand es 1:9. Dass man gegen einen Oberligisten drei Gegentore kassiert, sagt eine Menge über Werders Saison aus.
20.9.2008: Bayern München – Werder 2:5 – Schwacher Saisonstart und dann das. Man nimmt den Rekordmeister mal eben im vorbeigehen auseinander. 0:5 zum Oktoberfestanstich, da können auch die beiden Tore durch Borowski nichts mehr retten. Ein Feiertag für alle Werderfans
27.9.2008: Werder – 1899 Hoffenheim 5:4 – Die direkte Fortsetzung, allerdings gegen einen zum damaligen Zeitpunkt besseren Gegner. Zwischenzeitliche 4:1-Führung, dann der Ausgleich zum 4:4 und ein Sturmlauf der Hoffenheimer in Überzahl. Am Ende trifft Özil zum 5:4 in einem der wahnsinnigsten Spiele der jüngeren Bundesligageschichte.
1.11.2008: Werder – Hertha BSC 5:1 – Hertha, das Abwehrbollwerk mit Meisterschaftsambitionen. Klingt wie aus einem Paralleluniversum. Hat sich damals auch so angefühlt.
29.11.2008: Werder – Eintracht Frankfurt 5:0 - Werder siegte nicht oft in dieser Hinrunde, aber wenn dann richtig.
9.12.2008: Werder – Inter Mailand 2:1 – Vier Unentschieden und eine Niederlage. So scheidet man aus der Champions League aus. Gegen das Team von Mourinho zeigte Werder jedoch eine starke Leistung und qualifizierte sich immerhin für den UEFA-Cup.
26.2.2009: AC Milan – Werder 2:2 - Dort traf man auf Inters Stadtrivalen. Nach 1:1 im Hinspiel fing man sich gegen ein schwaches Milan einen unnötigen 0:2-Rückstand ein. Dann kam Pizarro und Werder kam verdient eine Runde weiter.
4.3.2009: VfL Wolfsburg – Werder 2:5 – Keine Heimniederlage in der Bundesliga in der gesamten Saison. Grandiose Aufholjagd und Meisterfeier am Ende. Nur im Pokal kam Wolfsburg im eigenen Stadion unter die Räder. 2:5 gegen den späteren Pokalsieger.
15.3.2009: Werder – VfB Stuttgart 4:0 – In den Pokalwettbewerben lief es rund, aber in der Liga musste Werder bis Mitte März auf den ersten Sieg der Rückrunde warten. Besonders Jens Lehmann war nach dem Diego-Feuerwerk bedient.
5.4.2009: Werder – Hannover 96 4:1 – Mal wieder Hannover. Bis kurz vor Schluss sah es nach einem Unentschieden aus, aber die letzten 15 Minuten reichten Diego und Pizarro, um eine komfortablen Sieg herauszuschießen.
22.4.2009: Hamburger SV – Werder 2:4 n.E. – Derbywochen, Teil 1. Drei gehaltene Elfmeter von Tim Wiese.
7.5.2009: Hamburger SV – Werder 2:3 – Derbywochen, Teil 2. Nach der Niederlage im Hinspiel und einem frühen Rückstand ein Kraftakt, der sich auf ewig in einer ominösen Papierkugel manifestiert hat.
10.5.2009: Werder – Hamburger SV 2:0 – Derbywochen, Teil 3. Ein 2:0 gegen einen Gegner, der schon vor Anpfiff geschlagen war.
13.5.2009: Eintracht Frankfurt – Werder 0:5 – Wie schon im Hinspiel ein 5:0 gegen Frankfurt. Eine schwache 1. Halbzeit wird durch ein Feuerwerk in der 2. Halbzeit wettgemacht. Fünf Tore in 26 Minuten.
30.5.2009: Bayer Leverkusen – Werder 0:1
– Der Pokalsieg zum Abschluss einer nervenaufreibenden Saison.

2009/2010

2.8.2009: Union Berlin – Werder 0:5 – Der hochgelobte Zweitligaaufsteiger kommt gegen Werder böse unter die Räder. Saisonauftakt nach Maß.
20.8.2009: Werder – FK Aktobe 6:3 – Mal wieder so ein Spiel, das alle Stärken und Schwächen aufzeigt. Drei Gegentore gegen Aktobe sind einfach zu viel, egal wie oft man selbst trifft.
25.10.2009: VfL Bochum – Werder Bremen 1:4 – Nach nur einer Minute war das Gerede um Tim Wieses Serie ohne Gegentor verstummt. Werder brauchte eine Weile, aber dann kam man zurück ins Spiel und siegte mit deutlichem Vorsprung.
31.10.2009: 1.FC Nürnberg – Werder Bremen 2:2 – Was für eine schwache Partie von Werder! Und doch gibt es am Ende noch einen Punkt, weil Aaron Hunt den Ball in der Schlussminute in den Winkel jagt. Dieses Schema bekam im Laufe der Saison System.
21.11.2009: SC Freiburg – Werder Bremen 0:6 – Werders Lieblingsgegner zurück in der Bundesliga.
28.11.2009: Werder Bremen – VfL Wolfsburg 2:2 – Zweimal gerät Werder in Rückstand. Diesmal ist es Mertesacker, der in der letzten Minute ausgleicht.
3.12.2009: Werder – Nacional Funchal 4:1 – Mit einer B-Elf im letzten Heimspiel der Gruppenphase.
13.2.2010: Hannover 96 – Werder 1:5 – Und wieder Hannover. 0:3 nach 25 Minuten. Für ein noch kriselndes Werder der perfekte Aufbaugegner.
21.2.2010: Werder – Bayer Leverkusen 2:2 – Das nächste Unentschieden in letzter Minute. Wieder durch ein Tor von Per Mertesacker.
25.2.2010: Werder – Twente Enschede 4:1 – Eine halbe Stunde Tempofußball mit hoher Präzision reichten, um den späteren niederländischen Meister aus Enschede zu schlagen.
6.3.2010: Werder – VfB Stuttgart 2:2 – Die gute Nachricht: Es dauerte diesmal nicht bis zur 90. Minute, bis der 0:2 Rückstand aufgeholt war. Die schlechte: Man lag wieder 0:2 hinten. Bis zur 75. Minute. Dann kamen Almeida und Frings.
18.3.2010: Werder – FC Valencia 4:4 – Fußballwahnsinn. Werder gibt sich trotz unterirdischer Abwehrleistung nie auf und sammelt fleißig Karmapunkte. Die kann man nach den vielen Last-Minute-Treffern der bisherigen Saison auch brauchen.

20.3.2010: Werder – VfL Bochum 3:2 - Schon zwei Tage später gibt es die nächste Aufholjagd. Das bekannte Spiel: Bochum geht zweimal in Führung, Werder gleicht aus. Diesmal gibt es ein richtiges Happy End: Frings trifft per abgefälschtem Fernschuss zum Sieg, und das ganze neun Minuten vor dem Ende. Rekordverdächtig.
10.4.2010: Werder – SC Freiburg 4:0 – Freiburg zuhause macht nie so viel Spaß, wie Freiburg auswärts.
17.4.2010: Wolfsburg – Werder 2:4 - Nachdem Werder gegen Bochum gelernt hat, wie es geht, kann auch der doppelte Rückstand gegen Wolfsburg die Spieler nicht mehr schocken. Drei Tore in der zweiten Halbzeit und Werder macht es diesmal nicht bis zum Ende spannend.
24.4.2010: Werder – Köln 1:0 – Das tut man dafür gegen Köln. Ein mageres 0:0 wie im Hinspiel, doch dann fasst sich Geromel ein Herz und schenkte Werder einen Elfmeter. Frings bedankte sich. Selbstverständlich in der Nachspielzeit.
1.5.2010: Schalke – Werder 0:2
– Verkehrte Welt in Gelsenkirchen. Werder abgeklärt und konterstark gegen eine hilflos anrennende Schalker Mannschaft. Das war man bislang andersherum gewöhnt. Özil mit seinem besten Spiel in der Rückrunde.

2010/2011

24.8.2010: UC Sampdoria – Werder 3:2 n.V. – Es ändert sich nichts. Andere gewinnen oder verlieren, Werder macht Spektakel. 3:1 im Hinspiel, 1:3 im Rückspiel durch ein Tor in letzter Sekunde. Bei den Bayern nennt man es “Dusel”, bei Werder ein “Fußballwunder”. Pizarro schießt Werder in der Verlängerung in die Champions League. Die weiteren Ergebnisse? 4:0, 1:4, 4:2. Darunter geht es nunmal nicht.

Phantomschmerz

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt man. In dieser Woche spüre ich das besonders: Es ist die erste Europacup-Runde seit Mai 2008, in der Werder nicht mitspielt. Gut, man kann nach dem Thriller gegen Valencia auch irgendwie ganz froh sein, dass die Nerven nun ein bisschen geschont werden. Werders Ligaspiele reichen schließlich aus, um den Puls konstant auf einem erhöhten Level zu halten. Der Ärger über die absurde Sperre gegen Torsten Frings kommt noch dazu. Eigentlich also kein Problem. Eigentlich.

Trotzdem ist da eine Leere. So ein Gefühl “da müssten wir dabei sein”, wenn es in die entscheidende Phase der europäischen Wettbewerbe geht. Die Champions League findet zu diesem Zeitpunkt immer ohne uns statt, aber in der Europa League, da sollten wir eigentlich noch mitspielen. Da gehören wir hin. Wolfsburg und der HSV sind ja schließlich auch noch drin und dazu gab es die Chance, ein Endspiel in Hamburg zu erreichen. Man sollte nicht mehr drüber nachdenken, es ist immer noch viel zu ärgerlich. So beschäftige ich mich stattdessen lieber mit den Spielen der anderen.

Bayern München – Manchester United 2:1

Ganz schön überraschend, was sich am Dienstag in München abspielte. Es dauerte nur 64 Sekunden, bis der Favorit in Führung ging. Ein Freistoß wurde von van Bommel abgefälscht und Rooney hatte in der Mitte alle Zeit der Welt, um den Ball zu verwerten, weil Demichelis wegrutschte. Bei vielen Bayernfans läuteten nun wohl die Alarmglocken und die Angst vor einem Debakel wie in Barcelona kam auf. Schon bald zeigte sich aber, dass diese Angst unbegründet war. Die Bayern investierten in der Folge mehr in das Spiel, wie man so schön sagt, während United seine Abgeklärtheit zur Schau stellte und nur sporadisch am Spiel teilnahm, dann aber sehr gefährlich wurde. Zur Pause hatte die knappe Führung bestand und sie war nicht unverdient, wenngleich die Leistung der Bayern nicht schlecht war. In der zweiten Hälfte legten die Bayern ein wenig zu und brachten Manchester immer wieder in Bedrängnis. Edwin van der Sar hielt seinen Kasten vorerst jedoch sauber, ohne wirklich geprüft zu werden, da Bayerns Torabschlüsse eher harmlos waren. Auf der anderen Seite fehlte Manchester die Präzision bei den Pässen in die Spitze auf Rooney. Auf den Außen bekamen Badstuber und Lahm ihre Gegenspieler Nani und Park immer besser in den Griff, so dass Alex Ferguson eine taktische Umstellung vornahm, um die Bälle besser zu halten. Der in den letzten Wochen sehr starke Berbatov und Routinier Giggs kamen ins Spiel. Dafür opferte Sir Alex mit Carrick einen zentralen Mittelfeldspieler und änderte das System von 4-5-1 auf 4-2-3-1. Genau in dieser Phase fiel der Ausgleichstreffer für die Bayern: Ein Freistoß von Ribery wurde von Rooney unhaltbar ins Tor abgefälscht. Glückliches Zustandekommen, aber insgesamt zu diesem Zeitpunkt absolut verdient. Nach dem Ausgleich bekam Manchester das Spiel wieder besser in den Griff und konnte den Ball länger vom eigenen Tor weghalten. Vidic köpfte an die Latte und man hatte nicht den Eindruck, die Bayern könnten noch etwas entgegensetzen. Van Gaal hatte ebenfalls offensiv gewechselt und mit Klose und Gomez zwei weitere Stürmer gebracht. Letzterer hatte die beste Chance für Bayern auf dem Fuß, schloss jedoch aus nicht idealer Position ab und van der Sar hielt den Ball. Als keiner mehr mit einem Tor rechnete, beging Evra einen Fehler, als er einen Ball im eigenen Strafraum unaufmerksam stoppte und den hinter ihm anrennenden Olic nicht bemerkte. Der nahm ihm den Ball vom Fuß, verlud van der Sar und sorgte in der letzten Sekunde des Spiels für den Siegtreffer.

Insgesamt geht das Ergebnis so in Ordnung. Manchester wirkte nicht so, als wollten sie dieses Spiel unbedingt gewinnen. Nach dem frühen Auswärtstor verwaltete man zu viel und schenkte vor allem auf den Außen zu viel her. Das Ergebnis lässt das Rückspiel völlig offen. Die Ausgangssituation hat sich durch das Olic-Tor allerdings verändert: Nun muss United in jedem Fall treffen und gewinnen, dürfte das Spiel im Old Trafford daher ganz anders angehen als in München. Für die Bayern ist der Sieg in jedem Fall ein Achtungserfolg. Ein kleines Ausrufezeichen, dem man nächste Woche gerne ein großes folgen lassen würde. Die Chancen dafür würde ich auf etwa 40% einstufen. Robben und Schweinsteiger sind dann wieder mit von der Partie, deren Fehlen im Hinspiel nicht wirklich auffiel, was hauptsächlich an der starken Leistung von Altintop und dem Formanstieg bei Pranjic und Müller lag. Lahm gefällt mir auf rechts inzwischen richtig gut, schlägt auch gefährliche Flanken, die meistens flach an den Fünfmeterraum kommen. Demichelis war der einzige Spieler, der deutlich abfiel. Man könnte fast sagen, Bayern hat trotz seines Mitwirkens gewonnen. Manchester wirkt vor allem auf den Außen anfällig, Evra ist nicht mehr in der Form der vergangenen Jahre und Neville wirkte gegen Ribery mehrfach überfordert (sein Handspiel führte auch zum Ausgleich). Sollte Rooney ausfallen, könnte es ein sehr unangenehmes Spiel für United werden. Andererseits müssen die Bayern noch zeigen, dass der Sieg mehr war, als ein kleiner Ausreißer nach oben.

Arsenal FC – FC Barcelona 2:2

Vor dem Spiel schwärmten die Freunde des gepflegten Fußballspiels vom Duell der Puristen unter den europäischen Topclubs. Nur eine Mannschaft präsentierte sich dann so, dass sie den hohen Ansprüchen gerecht wurde: Der FC Barcelona. Barca hatte von der ersten Minute an die Zügel in der Hand und setzte Arsenal derart unter Druck, dass man fast Mitleid bekommen musste. Arsenal kam nur selten in Ballbesitz und verlor diesen dann meist schon vor der Mittellinie wieder. Die Balleroberer um Keita und Busquets (man ist der gut!) leisteten fast perfekte Arbeit, rückten früh auf die Gegenspieler auf. Da auch Barcelonas Offensivkräfte jedem Ball hinterhergingen, wurden Arsenals Spieler stetig in der eigenen Hälfte gedoppelt und wussten nicht viel mit den Bällen anzufangen. Wenger war mit hohem Risiko in das Spiel gegangen, hatte die angeschlagenen Fabregas und Gallas in die Anfangsformation berufen. Besonders Fabregas, der aus Barcelonas Jugendabteilung kommt, merkte man die körperlichen Probleme noch deutlich an. Gallas hielt eine knappe Halbzeit lang durch, musste dann jedoch ausgewechselt werden, dazu kam eine weitere Verletzung bei Arshavin. Wenger stellte Mittelfeldspieler Song in die Innenverteidigung, wohl auch, weil er dem alternden Campbell nicht zumuten wollte, gegen die quirligen Messi und Pedro zu spielen und brachte dafür Denilson im Mittelfeld, während Arshavin durch den defensivstärkeren Eboué ersetzt wurde. Es war einer gehörigen Portion Glück und einer bärenstarken Leistung von Torhüter Almunia zu verdanken, dass es zu diesem Zeitpunkt noch 0:0 stand. Barcelona kontrollierte das Spiel nach Belieben und kam immer wieder gefährlich vor das Tor der Gunners. Messi, der immer wieder die Seiten tauschte, hauptsächlich aber in der Mitte hinter Ibrahimovic agierte, war eine ständige Gefahr, konnte von den defensiven Mittelfeldspielern Song und Diaby nur selten gestellt werden und war immer wieder im Raum zwischen Viererkette und Mittelfeld anspielbar. Xavi zog dahinter in bekannter Manier die Fäden. Das Fehlen von Iniesta machte sich kaum bemerkbar. Das größte Problem bereiteten den Gunners aus meiner Sicht die Außenverteidiger Alves und Maxwell, die so offensiv agierten, dass die Bezeichnung “Viererkette” ad absurdum geführt wurde, und die von Arshavin und Nasri nur wenig dabei gestört wurden. Häufig konnten sie 40 Meter mit dem Ball die Linie entlang laufen und wurden erst kurz vor dem Strafraum von Arsenals Außenverteidigern in Empfang genommen. Den Platz, der sich dadurch in Barcelonas Hintermannschaft bot, konnte Arsenal kaum nutzen. Dennoch gelang es Barcelona nicht, die Überlegenheit vor der Pause in Tore umzumünzen und es ging mit einem 0:0 in die Pause. Almunias Leistung in den ersten 45 Minuten war nach Aussage seines ehemaligen Konkurrenten Jens Lehmann “die beste Torwartleistung, die ich seit langer Zeit gesehen habe.”

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich dieses Urteil relativieren sollte. Ein langer Ball auf Ibrahimovic brachte diesen frei vors Tor, allerdings weit auf der rechten Seite. Anstatt bloß den Winkel zu verkürzen kam Almunia überhastet aus dem Tor gelaufen, zögerte dann kurz und wurde überlupft. Ein sehr einfaches Tor für Ibrahimovic, das in krassem Gegensatz zu den vielen herausgespielten Chancen der ersten Halbzeit steht. Vielleicht macht aber auch gerade das die Stärke Barcelonas in diesem Jahr aus: Eine größere Variabilität. Arsenal bekam daraufhin das Spiel besser in den Griff als über weite Strecken der ersten Hälfte, doch diese Phase war nur von kurzer Dauer. Barca nahm wieder Fahrt auf und drückte auf das 2:0. Trotz vieler schneller Passstaffetten und schneller Angriffszüge war es erneut ein hoher langer Ball, der zum Erfolg führte. Song, der kurz zuvor noch durch eine tolle Rettungsaktion aufgefallen war, darf sich diesen Gegentreffer ankreiden, wobei Almunia bei Ibrahimovics Schuss erneut keine wirklich gute Figur machte und zu früh abtauchte. Es ist jedoch fraglich, ob er an diesen Ball sonst herangekommen wäre. Durch das 0:2 schien nicht nur dieses Spiel, sondern auch das Viertelfinale entschieden. Arsène Wenger hatte jedoch noch einen Trumph im Ärmel, den er nun ausspielte. Er brachte den pfeilschnellen Walcott für Sagna, dessen Position von Eboué eingenommen wurde. Walcott agierte vor ihm auf der rechten Seite und stellte Maxwell endlich defensiv vor Probleme. Ihm blieb dann auch der Anschlusstreffer vorbehalten. Von Bendtner bedient schob er den Ball an Valdes vorbei. Auch in diesem Fall keine gute Aktion des Torhüters, denn der Ball war weder hart noch platziert geschossen. Nun entwickelte sich ein Schlagabtausch, den viele von vornherein erhofft hatten. Arsenal konnte sich immer wieder über die rechte Seite durchsetzen und phasenweise auch Barcas Passspiel im Mittelfeld unterbinden. Guardiola brachte Henry für Ibrahimovic und setzte fortan mehr auf Konter. In der 87. Minute kam es dann zu einer folgenschweren Situation für dieses Duell: Puyol foulte im Strafraum Fabregas, der erneut von Bendtner klasse bedient worden war. Elfmeter für Arsenal und Platzverweis für Kapitän Puyol, der damit ebenso wie sein Nebenmann Pique und sein Gegenstück Fabregas im Rückspiel fehlen wird. Fabregas verwandelte den Elfmeter, verletzte sich dabei jedoch erneut. Da das Wechselkontingent bereits aufgebraucht war, humpelte der Kapitän die letzten fünf Minuten über das Spielfeld. Am Ende war es Arsenal, das sogar noch auf das Siegtor drängte.

Dennoch ist das 2:2 ein glückliches Resultat für die Gunners und entspricht nicht dem Spielverlauf. Durch die starke kämpferische Leistung verdienten sie sich das Ergebnis zumindest ein Stück weit. Im Rückspiel wird auch spielerisch und vor allem taktisch eine bessere Leistung notwendig sein, wenn man eine Chance auf ein Weiterkommen haben möchte. Insgesamt war es ein sehr gutes Fußballspiel, sicher eines der besten dieser Saison, was die Kombination aus spielerischer Klasse, Tempo und Dramatik angeht. Arsenal gebe ich nur geringe Chancen für das Rückspiel. Es muss wohl ein Sieg im Camp Nou her und dazu müsste schon ein mittleres Fußballwunder passieren. Um die Abwesenheit Barcelonas Stamm-Innenverteidiger auszunutzen, muss erst einmal Barcas Dominanz am Ball ein Stück weit durchbrochen werden (oder eben über 90 Minuten konzentriert gegen die ballführenden Spieler gearbeitet werden, siehe Chelsea letztes Jahr, was aber überhaupt nicht Arsenals Ding ist). 65%-35% Ballbesitz, 533-265 erfolgreiche Pässe und 23-6 Torschüsse aus dem Hinspiel sprechen da eine eindeutige Sprache zu Ungunsten der Gunners. Ganz nebenbei sind die Ersatzleute Millito und Marquez ja auch keine Laufkundschaft. Ich schätze Arsenals Chancen auf ein Weiterkommen auf maximal 20%.

Der ganz normale Wahnsinn

Valencia C.F. – Werder Bremen 1:1

1899 Hoffenheim – Werder Bremen 0:1

Werder Bremen – Valencia C.F. 4:4

Werder Bremen – VfL Bochum 3:2

Was haben sich die feinen Herren eigentlich dabei gedacht, als sie am 4. Februar 1899 diesen Wahnsinnsverein gründeten? Schlaflose Nächte, graue Haare, Bluthochdruck, Herzrasen, unkontrolliertes Muskelzucken, Heiserkeit – ich hätte mich wirklich vorher über die Nebenwirkungen informieren sollen, bevor ich Werderfan wurde. Was ich in den letzten Tagen durchgemacht habe, lässt sich nur noch mit football in a nutshell beschreieben. Die Nussschale ist dabei das Weserstadion, das mal wieder Zeuge eines Fußballspiels wurde, das nur am entfernt mit diesem Sport verwandt zu sein schien.

Los ging es eine Woche vorher in Valencia. Ein Wahnsinnsspiel. Werder bekommt einen Elfmeter geschenkt und steuert auf ein gutes Auswärtsergebnis zu. Valencia fährt wütende Angriffe, Werder kontert mitunter gefährlich. Dann gibt es eine rote Karte für eine Tätlichkeit abseits der Kameras. In der Folge spielt Werder in Überzahl und Valencia mit der Leidenschaft eines verliebten Teenagers und der Vehemenz eines angriffslustigen Stiers. Die Bremer verlieren die Bälle nach spätestens drei Stationen wieder, bekommen den Ball nur durch hohe Bälle aus der eigenen Hälfte. Die Kontergelegenheiten werden so hilflos hergeschenkt, als wüsste man nicht über die eigenen Defensivschwächen. In dieser Phase servierte man Valencia das Weiterkommen auf dem Silbertablett, doch die Spanier griffen nicht zu. Am Ende kam Werder ohne blaues Auge davon, hatte ein sehr akzeptables 1:1 im Gepäck, das man zuhause verteidigen durfte. “Verteidigen” – man hätte es da schon wissen müssen.

Am Wochenende zwischen Valencia spielte Werder gegen die ebenfalls 1899 gegründete, aber erst ein Jahrhundert später entdeckte TSG Hoffenheim. Eigentlich konnte man es sich nicht leisten, hier Kräfte zu schonen und Punkte herzuschenken. Ersteres tat man trotzdem, während man letzteres vermeiden konnte. Ein biederes, von Taktik geprägtes Spiel. Völlig untypisch für Werder. Es erinnerte ein wenig an die letzte Rückrunde, als man diese Spiele ähnlich anging, dann aber meistens nichts entgegenzusetzen hatte, wenn der Gegner ernst machte. Zum Glück machte Hoffenheim nicht ernst, spielte nur eine Handvoll Chancen heraus, die allesamt das Ziel verfehlten. So musste Tim Wiese keinen einzigen Schuss abwehren und durfte beobachten, wie Werder es in der Schlussphase besser machte. Claudio Pizarro. Wer sonst?

1:0 gewonnen, beste Auswärtsmannschaft der Liga, nun also volle Konzentration auf Valencia. Musste ja kein Spektakel werden. Auf ein 0:0 durfte man kaum hoffen (“auf ein 0:0 hoffen” ist ein Gedankengang, der den meisten Nicht-Werderfans wohl ohnehin völlig fremd sein dürfte), aber vielleicht ein schönes 2:1. Bloß nicht zu viel riskieren am Anfang. Lieber nur mit einem Stürmer auflaufen, Almeida dann als Joker rein und hoffen, dass Frings und Borowski mal ein gutes Spiel zusammen vor der Abwehr abliefern. Und bevor der Gedankengang zu Ende geführt wurde, stand es auch schon 0:1. In den folgenden 20 Minuten suchte ich unser zentrales Mittelfeld vergeblich. Der Raum vor der Abwehr war völlig verwaist, 6 Spieler ständig in des Gegners Hälfte, die anderen 4 formierten sich bei Bedarf zur Viererkette, über deren Wirkungslosigkeit man die Spieler ruhig mal aufklären dürfte, wenn eben jenes besagte defensive Mittelfeld fehlt. Hunt, Marin und Özil sind tolle Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, allerdings auch mit außergewöhnlichen Schwächen. Sobald der Ball nicht mehr in den eigenen Reihen ist, stellen sie den Spielbetrieb komplett ein, folgen Laufwegen, die so beliebig wirken, dass man Angst haben muss, sie könnten sich auf dem Spielfeld verlaufen und den Weg zurück in die Kabine nicht finden. Wie sollen die defensiven Mittelfeldspieler ihren Aufgaben im Spielaufbau nachkommen, wenn sich keiner der genannten genötigt sieht, mal ein paar Sekunden für sie abzusichern? Werder überspielte diese Fehler eine Zeit lang mit guten, aber erfolglosen Angriffen. Sah doch eigentlich ganz gut aus und noch war auch nichts verloren. Und schon stand es 0:2.

Es dauerte nur 20 Minuten bis Schaaf einsehen musste, dass mit dieser Formation heute kein Blumentopf zu gewinnen war. Doch was tun? Bargfrede gesperrt, Niemeyer verletzt und eigentlich auch schon viel zu spät, um defensiv noch etwas zu retten. Nein, der Trainer ging lieber zum totalen Angriff über. Wenn schon untergehen, dann richtig! Lieber 3:6 als 0:3! Almeida kam für den bedienten Borowski, der somit gleich zweimal in diesem Spiel zum Opfer der Bremer Taktik wurde. Es dauerte keine 5 Minuten bis sich der Wechsel im Ergebnis bemerkbar machte und Almeida auf 1:2 verkürzte. Den Chancen nach war dieses Ergebnis schon zu diesem Zeitpunkt ein Hohn, doch das interessierte den Ball nicht, der bekanntermaßen nur dann ins Tor fliegt, wenn von einem der Sportskameraden dorthin befördert wird. Ein wahrer Experte in dieser Disziplin ist David Villa, der von Werder kurz vor dem Pausenbier erneut eingeladen wurde, seine Künste zu präsentieren. Den besten Platz hatte sich Mesut Özil gesichert, der aus nächster Nähe gebannt zuschaute, wie Villa Silvas Hereingabe verwertete. Überhaupt David Silva. Hatte den Bremern niemand erzählt, dass dieser kleine Mann gut mit dem Ball umgehen kann und ihn auch gerne mal seinen Mitspielern in den Lauf passt? Im Nachhinein betrachtet war es keine tolle Idee, ihn da in der Zone zwischen Mittellinie und Strafraum einfach mal machen zu lassen was er wollte. So bändigt man keinen spanischen Nationalspieler.

Der Bremer Weg schien direkt in den Untergang zu führen. Nach der Pause zeigte Werder jedoch, dass man dorthin wenigstens mit fliegenden Fahnen reiten laufen wollte. Das Bremer Stehaufmännchen kennen wir aus den entscheidenden Spielen dieser und der letzten Saison zur Genüge. Meistens wurde es belohnt. Viel fehlte dazu auch gegen Valencia nicht. Die zweite Hälfte war eine Orgie des bedingungslosen Angriffsfußballs – also eine nahtlose Fortsetzung der ersten Hälfte. Auf die 60 Meter in der Mitte des Spielfelds hätte man bei der Verlegung des neuen Rasens vor diesem Spiel getrost verzichten dürfen. Das Resultat waren wieder Torchancen im Minutentakt, doch nun fast nur noch für Werder. Im Gegensatz zur ersten Hälfte belohnte sich Werder dafür. 2:3 durch einen von Frings verwandelten Elfmeter. 3:3 durch eine Bauernfinte von Özil und Marin. Wieder einmal einen doppelten Rückstand aufgeholt, wie schon in der Liga gegen Nürnberg, Wolfsburg, Leverkusen und Stuttgart. Doch erstens reichte das an diesem Tag nicht und zweitens wartete man diesmal nicht bis in die Schlussminuten, sodass Villa aus Abseitsposition einen aus einer Bremer Ecke resultierenden Konter zum 3:4 vollenden durfte. Das durfte doch nicht wahr sein! Da hatten sich Valencias Spieler ab der 46. Minute darauf beschränkt, den Ball möglichst lange aus dem Spiel zu halten und nun das. Das war so ungerecht, so… typisch Werder!

Wer zuhause vier Tore kassiert, kann einfach nicht weiterkommen. Das geht eben nicht! Doch Werder weigerte sich beharrlich, diese bittere Wahrheit einzusehen. Die Einstellung dieser Mannschaft ist schon Wahnsinn. Was man in der Rückwärtsbewegung nicht an Metern zu laufen bereit ist, macht man in der Vorwärtsbewegung um das Dreifache wieder gut. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Sollen doch die anderen den starren Regeln der Fußballlehre folgen, wir machen lieber Spektakel. Allen voran Marko Marin, der in dieser Rückrunde der bessere Özil ist und immer effektiver wird. Unglaublich, was der Junge am Ball alles kann! Unermüdlich kurbelte er Werders Angriffe an, verlor kaum Bälle, obwohl er volles Risiko ging. Es zahlt sich nun aus, dass Schaaf ihn in der Hinrunde behutsam aufbaute und ihn selten länger als 70 Minuten spielen ließ. Bei Mesut Özil ist das Gegenteil der Fall. Ihm muss man einfach zugestehen, dass er seit 1 1/2 Jahren quasi ohne Pause in drei Wettbewerben plus A- und U21-Nationalmannschaft spielt und momentan kräftemäßig nicht mehr drin ist. Sonst wäre er womöglich der Spieler gewesen, der nach Pizarros erneutem Ausgleich den Unterschied ausgemacht hätte. Verzwiefelt rannte Werder an, den unerschütterlichen Glauben an das Fußballwunder im Gepäck. Das erlösende 5:4 wollte gegen die spanischen Bodenturner aber einfach nicht gelingen. So schied diese Mannschaft, die sich bis in die 5. Minute der Nachspielzeit nicht mit ihrem Schicksal abfinden wollte, aus dem Wettbewerb aus und ließ trotzdem ein Stadion voller stolzer und glücklicher Menschen zurück.

Dieses Spiel will erstmal verdaut werden. Offensiv ist das europäische Spitzenklasse, defensiv Amateurklasse, doch diese beiden Tatsachen lassen sich nicht trennen, sie bedingen einander. Und auf Dauer gesehen verzichtet man als Fan (als Spieler sowieso) lieber auf einen Teil des Spektakels, wenn man dafür nicht immer wieder aussichtslosen Rückständen hinterher laufen muss. Die Mannschaft hat sich Respekt verdient, die Fans in Ekstase versetzt und  für einen weiteren besonderen Abend im Weserstadion gesorgt. Doch obwohl ich wirklich stolz auf diese Mannschaft bin, die mit besserer Chancenverwertung auch 5-8 Tore hätte schießen können, würde ich doch gegen ein langweiliges 0:0 und das damit verbundene Weiterkommen tauschen. Zwei Herzen schlagen uswusf.

Es dauerte nur zwei Tage, bis Werder demonstrierte, dass man wenig bis gar nichts aus dem Spiel gegen Valencia gelernt hatte und ich einsehen musste, dass mir das eigentlich ganz recht ist. Mit einer stark veränderten Mannschaft spielte Werder 45 Minuten lang Fußball zum Abgewöhnen. Der VfL Bochum war zu Gast und war nicht gewillt, den Bremern Spalier zu stehen. Prokoph nutzte eine der vielen Unachtsamkeiten in der Defensive zu einem perfekt getimeten Pass auf Werderschreck Sestak, der Wiese keine Chance ließ und das 0:1 erzielte. Eingeladen hatten zu diesem Pass Naldo und Prödl, die so schlecht sortiert standen, dass Prokoph den sich bietenden Raum einfach nutzen musste. Hinten also alles wie gewohnt. Nach vorne ging ohne Özil, Hunt und Pizarro wenig bis gar nichts. Rosenberg ist momentan einer der schlechtesten Stürmer der Bundesliga und tat auch gestern wieder einiges dafür, diesen Ruf zu untermauern. Es tut mir wirklich Leid für ihn, denn eigentlich kann er es ja viel besser, aber bei Werder hat er nun genügend Chancen verstreichen lassen und sollte zum Saisonende woanders sein Glück suchen. Auch sonst lief wenig zusammen und so gab es zur Halbzeit Pfiffe, wo die Fans zwei Tage zuvor noch elektrisiert waren.

Es war die zweite Halbzeit in der Werder dann endlich sein ganzes Repertoire zeigte. Naldo mit hohem Ball in den Strafraum, den Pizarro volley so sicher vollstreckte, wie er es bei hundertprozentigen Einschussmöglichkeiten nur selten vermag. Dann das obligatorische Einreißen des Erreichten mit dem Hintern, als man einen Konter der Bochumer in drei Zweikämpfen nicht entscheidend behindern konnte und Dedic frei vor Wiese die erneute Führung erzielte. Wir kennen das: 0:1 und 1:2 gegen Wolfsburg und Leverkusen hinten, 0:2 gegen Nürnberg und Stuttgart hinten und jedesmal am Ende noch 2:2 gespielt. Diesmal dauerte es nur zwei Minuten, bis Werder den Fehler ausbügelte. Marin mit einer großartigen Einzelaktion. Perfektes Timing, technisch eine Augenweide und endlich auch mit dem unbedingten Zug zum Tor. Wieder mal 2:2. Und diesmal sollte es endlich auch gelingen, mehr als einen Punkt aus so einem Spiel mitzunehmen. “Joker” Torsten Frings, der für den stark blutendenen Tim Borowski spät ins Spiel gekommen war, fasste sich ein Herz, knallte den Ball aus 30 Metern volley aufs Tor und profitierte von einem Bochumer Abwehrspieler, der den Schuss unhaltbar ins eigene Tor abfälschte. Richtigerweise spielte Werder die Führung dann nicht souverän über die Zeit, sondern gab Tim Wiese noch zwei Gelegenheiten, sich in höchster Not auszuzeichnen. Am Ende war es Rückkehrer Sebastian Boenisch, der den letzten Bochumer Angriff auf der Torlinie abblockte und Werder den Sieg rettete.

So schön diese unwahrscheinlichen Comebacks auch sind, so sehr sie einen an diesen Verein fesseln und so wenig ich mit dem erfolgreichen 1:0-Fußball der Schalker tauschen möchte – würde man einfach auf die katastrophalen Aussetzer verzichten, stünde Werder nun im Viertelfinale der Europa League und wäre auch in der Bundesliga noch im Kampf um die Meisterschaft vertreten. Aber man kann eben nicht alles haben. Und so bleibt das bekannte Gefühl, dieses Mittelding aus Ärger und Freude über unseren so außergewöhnlichen Verein, der mit unseren Gefühlen in einem Spiel mehr Karussel fährt, als andere Vereine mit denen ihrer Fans in einer ganzen Saison. Und mit etwas Distanz betrachtet könnte genau dies der Grund dafür sein, dass es so unglaublich geil ist, ein Werderfan zu sein.

Damals, im Herbst 2004

Normalerweise stelle ich an dieser Stelle immer unsere Gegner in den europäischen Wettbewerben vor – wenn es die Zeit zulässt. Werders Gegner am Donnerstag in der Europa League hat jedoch einen sehr bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, als er in der Champions League zweimal gegen uns antreten musste. Deshalb statt einer Vorstellrunde ein Blick zurück:

Im Herbst 2004 ist Werder Deutscher Meister und darf zum ersten Mal seit 1993/94 wieder in der Champions League antreten. Nach einer ärgerlichen Niederlage bei Inter Mailand holt Werder aus den verbleibenden fünf Gruppenspielen 13 Punkte und zieht ins Achtelfinale ein. Gegen Valencia, den Spanischen Meister und UEFA-Cup-Sieger, gelingen unseren Grün-Weißen zwei Siege, die letztendlich entscheidend für das Weiterkommen waren. Vor dem Rückspiel im Mestalla benötigt Werder lediglich ein Unentschieden. Nach einer tollen und konzentrierten Leistung hält Werder bis in die Schlussphase ein 0:0. Nelson Valdez erlöst die Fans schließlich mit zwei späten Toren. Werder feiert den Triumph ausgelassen, die Spanier schleichen mit hängenden Köpfen vom Platz. So hätte es jedenfalls laufen können.

Es kommt jedoch anders. Valencias Spieler haben sich nicht unter Kontrolle, fühlen sich von Werders Torjubel nach dem 0:1 provoziert und versuchen nicht etwa, das Spiel noch zu drehen, sondern suchen nach Vergeltung auf dem Platz. In jedem Zweikampf muss man Angst um die Gesundheit unserer Spieler haben, da es Valencia weniger um das Erobern des Balls geht als darum, den Gegner möglichst hart zu treffen. Angulo schafft es schließlich, Valdez mit voller Wucht umzutreten, ohne die geringste Chance, an den Ball zu kommen. Eines der häßlichsten Fouls, die ich je im Fußball gesehen habe. Nach der fälligen roten Karte spuckt er beim Rausgehen noch Tim Borowski an. Valdez reagiert auf die beste Weise, die es im Fußball gibt: Er schießt den Ball nach dem Freistoß zum entscheidenden 0:2 ins Tor. Danach brechen dann alle Dämme. Tim Borowski wird von einem Mob Valencianischer Spieler verfolgt, von den Rängen regnet es seit Minuten alle erdenklichen Gegenstände auf das Spielfeld. Mehrere Werderspieler kassieren Schläge und Tritte. Bei aller Freude über das Weiterkommen bin ich nach dem Spiel doch sehr entsetzt über das, was sich dort auf dem Platz abgespielt hat.

Das finanzielle Gebahren des Vereins macht ihn nicht sympathischer: Eine halbe Milliarde Euro Schulden. Trotzdem lässt man ein neues Stadion für 250 Millionen Euro bauen. Solchen Scheißvereinen gönne ich nicht das Schwarze unter den Fingernägeln! Es geht mir gegen den FC Valencia daher nicht nur um das Weiterkommen, sondern um Revanche. Ich möchte diese Mannschaft nach den Spielen gegen uns am Boden liegen sehen.* Sicherlich ist das heute eine andere Mannschaft, die über tolle Spieler verfügt, wie etwa David Villa, David Silva oder Joaquin. Auch bei uns hat sich einiges getan, nur Tim Borowksi, Petri Pasanen (der damals eine Ohrfeige kassierte) und Daniel Jensen stehen aus der damaligen Mannschaft noch im Kader. Ihnen wird es (hoffentlich) nicht in erster Linie um Revanche gehen. Sie sind Profis, müssen mit solchen Situationen anders umgehen, einen kühlen Kopf bewahren und sich nicht zu Dummheiten hinreißen lassen. Ich als Fan brauche mir darüber keine Gedanken zu machen. Ich kann mich über jeden Valencianischen Fehlpass freuen, bei jedem Foul aufspringen und eine Unsportlichkeit wittern. Wenn ich Spieler wie Vincente, Marchena oder Baraja sehe, kann ich an damals zurückdenken, mir die Szenen vor Augen führen und mich dann umso mehr über jede gelungene Aktion unseres Team freuen.

Also bitte, Özil, Marin, Pizarro und Co., zeigt diesem Möchtegern-Weltklasseverein wozu ihr fähig seid! Spielt eure Klasse aus und werft sie – wie damals – aus dem Wettbewerb!

* Wir reden hier trotzdem von Sport. Ich möchte Valencia durch fußballerische Mittel gedemütigt sehen, nicht durch Unfairness oder Gewalt!

Europa League, 1/16-Finale: Der heimliche Spielmacher

Twente Enschede – Werder Bremen 1:0
Werder Bremen – Twente Enschede 4:1

Als Werderfan kann man heute wirklich zufrieden sein. Aus der schwierigen Ausgangsposition, mit zwei Toren Vorsprung gewinnen zu müssen, hat sich Werder souverän ins Achtelfinale geballert und  dabei über weite Strecken richtig guten Fußball gespielt. Wie schon im Hinspiel vor einer Woche gehörte die erste halbe Stunde des Spiels Werder. Wie im Hinspiel erzielte Enschede dann wie aus dem Nichts ein Tor. Anders als vor einer Woche hatte Werder zu diesem Zeitpunkt aber schon die eigenen Chancen genutzt und mit 3:0 in Führung gelegen. Am Ende kam ein 4:2 Gesamtergebnis heraus, das nach den gezeigten Leistungen über 180 Minuten so in Ordnung geht. Twente hatte insgesamt nur eine Halbzeit lang Oberwasser gegen Bremen, verpasste es dort jedoch, eine noch bessere Ausgangssituation für das Rückspiel herauszuholen.

Die hätte es gestern Abend gebraucht, um gegen eine sehr konzentrierte und kombinationsfreudige Bremer Mannschaft etwas zu holen. Der Knackpunkt für Enschede war sicherlich die vergebene Chance durch Parker, bei der Vander seine – von vielen im Stadion unbemerkte – beste Aktion hatte, und dem folgenden Tor durch Claudio Pizarro. Vander war sehr lange stehen geblieben, gab Parker dadurch nicht die einfache Option, ihn auszugucken und dann einzuschieben. Dass der Schuss  nur an den Außenpfosten ging war dann natürlich auch Glückssache. Dennoch eine (sehr, sehr seltene!) Situation, in der ich ganz froh war, nicht den mit Messer zwischen den Zähnen heranrauschenden Tim Wiese im Kasten zu haben. Im Gegenzug dann Abdennour mit seiner besten Szene, einem gewonnenen Tackling im Mittelfeld und Özils Pass auf Pizarro, der sein bereits zwölftes Tor im zehnten Europa League Spiel erzielte. Danach war die Messe gelesen, ein Aufbäumen Twentes fand nicht mehr statt, obwohl Werder nicht mehr voll konzentriert wirkte.

Bei Özils Auswechslung nur verhaltener Beifall, obwohl er eine gute Leistung gezeigt hatte und an allen Toren beteiligt war. Es läuft noch längst nicht alles rund bei ihm, aber die Formkurve zeigt seit dem Spiel gegen Leverkusen wieder nach oben. Möglicherweise einer der Gründe: Özil musste gestern nicht Spielmacher und Vollstrecker zugleich sein. Die Umstellung mit Almeida und Pizarro gemeinsam im Angriff – zum ersten Mal in dieser Saison von Beginn an – machte sich deutlich bemerkbar. Während Marin und Özil mehr die Außenbahnen beackerten, ließ sich Pizarro (wie auch schon in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim) häufig  gute zehn Meter hinter Almeida fallen und beteiligte sich am Spielaufbau. Eigentlich keine Besonderheit, doch gestern hatte er mit Almeida noch einen wirklichen Stürmer vor sich, der a) auch hoch anspielbar war und b) die Bälle wiederum für Pizarro ablegen konnte – eine Aufgabe die Pizarro zuvor in Personalunion schlecht selbst bewerkstelligen konnte. Trotzdem kann man seine Leistung gar nicht hoch genug bewerten. Großartiges Spielverständnis, gutes Auge, technisch ohnehin klasse. Die Lücke zwischen den defensiv überzeugenden, aber im Aufbauspiel verbesserungswürdigen Frings und Niemeyer und den kleinen Wirblern füllte er blenden aus. Es war, als hätte Werder endlich das fehlende Puzzlestück gefunden. Dazu nutzte Pizarro diesmal auch seine Chancen.

Nach einem zwar konzentrierten, aber etwas zähen Start war es Torsten Frings Pass, der das 1:0 einleitete. In dieser Situation hatte er am schnellsten gedacht, war den Niederländern um einen Schritt voraus und Werder brauchte es über die Stationen Özil, Almeida und Pizarro “nur” noch sauber zuende spielen. Almeidas punktgenaue Hereingabe ist dabei sicherlich ebenfalls hervorzuheben. Danach spielte sich Werder in einen Rausch und die Gäste fanden eine Viertelstunde lang keinen Weg, dem etwas entgegenzusetzen. Werder belohnte sich mit zwei weiteren Toren. Pizarro und Naldo behielten vor ihren jeweiligen Treffern die Nerven und schlossen überlegt ab. Gibt es einen anderen Innenverteidiger in Europa, der auf so viele unterschiedliche Weisen torgefährlich ist, wie Naldo? Kopfbälle, Freistöße und nun im Stile eines abgezockten Klassestürmers den Torwart verladen. Dazu in der Defensive oft im richtigen Moment aus der Viererkette gelöst und dadurch das Angriffsspiel unterbunden. Gerne hätte ich das bei seinem Nebenmann Mertesacker in den beiden Spielen zuvor gegen Janssen und Kroos auch gesehen! Mertesacker war auch gestern für mich neben dem übermotivierten Abdennour der einzige, mit dessen Leistung ich nicht ganz einverstanden war. Er war mit einer Grippe ins Spiel gegangen, was einerseits eine gute Entschuldigung, andererseits natürlich auch ziemlich leichtsinnig ist. Eine wirklich schlechte Leistung war es allerdings auch von ihm nicht. In der Spieleröffnung konnte er Pluspunkte sammeln. Mit Stürmer de Jong hatte er jedoch einige Probleme, weil dieser mit viel Körper- und Armeinsatz in die Luftzweikämpfe ging und sich so erstaunlich gut behaupten konnte.

Es war sicherlich noch nicht alles Gold, was da gestern im Weserstadion schon wieder sehr ansehnlich glänzte, aber es war eindeutig die beste Mannschaftsleistung des Jahres und ein Fingerzeig, wozu diese Mannschaft in der Saison noch fähig sein könnte. Das Comeback von Bargfrede macht zusätzlich Hoffnung. Thomas Schaaf steht nun jedoch vor dem Problem, über drei sehr gute offensive Mittelfeldspieler zu verfügen, die wunderbar harmonieren, nicht jedoch mit dem Zweiersturm Pizarro/Almeida zusammen aufgestellt werden können. Wäre Frings doch nur vier Jahre jünger! So dürfte es in den nächsten Spielen, in denen es nicht von der ersten Minute an einen Rückstand aufzuholen gilt, wieder auf die bekannte Formation hinauslaufen, mit Almeida als Backup für die Sturm- und Drangphase in den letzten dreißig Minuten. Alternativ könnte man natürlich auch einen der drei zuvor genannten auf der Bank lassen, am ehesten wohl Marin, der dann in der Schlussphase dem erschöpften Gegner Knoten in die Beine dribbelt. Nun geht es mit nur einem Tag Pause zum Auswärtsspiel nach Mainz. Eine ohnehin schwierige Aufgabe, bei der Werders Fitness und/oder Reservebank auf eine harte Probe gestellt werden.

Ein paar Randnotizen aus dem Stadion: Viertes Heimspiel in der Europa League, zum vierten Mal live vor Ort, vierter Sieg. Die Sicht vom VIP-Rang ist phänomenal, die Stimmung nicht so ganz. Genörgel über Özil allerorten und nur wenig Interesse fürs oder gar Verständnis vom Spiel. Ein wenig deplatziert fühle ich mich dort schon, auch wenn es vor dem Fernseher mit einer Tüte Chips TrailMix kaum weniger spießig ist. Dafür immer wieder Begegnungen mit altgedienten Werderspielern (diesmal Mirko Votava). Vor dem Stadion wäre ich dann fast noch von Aaron Hunt über den Haufen gerannt worden, der es wohl sehr eilig hatte, zu seinem Auto zu kommen. Gut so, Aaron, diesen Einsatz will ich von dir in den nächsten vier Jahren bei Werder weiterhin sehen!

Europa League, 5. Spieltag: B-Beitrag

Werder Bremen – Nacional Funchal 4:1

So stellt man sich das als Stadionbesucher vor. Mit einer B-Elf auflaufen, zur Halbzeit eine 2:0-Führung herausspielen, nach dem Wechsel die Konzentration verlieren und es nochmal spannend machen, damit man auch was zu meckern hat und am Ende dann doch ein lockeres 4:1 mitnehmen. Besonders freue ich mich für alle, die nach dem 3:1 den Heimweg antraten und so das Zuckertor von Marin verpassten. Ansonsten gibt es nicht viel zu schreiben über das Spiel, was sich gut trifft, da ich keine Zeit habe, viel zu schreiben. Für Funchal hatte die Partie ohnehin keine hohe Bedeutung, da ihr Trainer Manuel Machado nach einer OP im künstlichen Koma liegt und die Spieler das sicherlich nicht vollständig ausblenden konnten. Da kann man nur Daumen drücken, dass er es übersteht. Gute Besserung!

Europa League, 4. Spieltag: Dekadent

Werder Bremen – Austria Wien 2:0

Mit dem Taxi kurz vor dem Anpfiff in die VIP-Loge, kurz nach dem Abpfiff mit dem Taxi zurück nach Hause. So in etwa stellt man sich den Stadionbesuch eines begeisterten Fans vor. Nicht. Aber da sowohl meine Freundin als auch ich schon vor dem Spiel kränkelten, das Wetter in Bremen um diese Jahreszeit gegen die Genfer Konvention verstößt und eine Fahrt mit dem Auto zum Weserstadion unmöglich ist, blieb uns gestern keine andere Wahl. Außer natürlich zu Hause zu bleiben und die Karten verfallen zu lassen, aber das wäre noch eine Spur dekadenter gewesen.

Dekadent war auch das, was die Mannschaft gestern auf dem glitschigen Rasen ablieferten. Ich muss schon sagen: Ohne große Anstrengung ein 2:0 gegen eine bemitleidenswerte Wiener Austria zu holen – Respekt meine Herren! Wozu unnötige Kräfte vergeuden und ein Feuerwerk wie gegen Bilbao auf den Platz zaubern? Es geht doch auch so. Man nehme einen auswärtsschwachen Gegner, einen Torwart von internationaler Klasse, der die paar sehr guten Torchancen dieses Gegners entschärft, einen Linienrichter, der die Abseitsposition vor dem 1:0 übersieht, das alles gepaart mit dem Wissen um das eigene Können und einem nach drei Monaten ohne Niederlage aufgeblähten Sack, dessen Inhalt (frei nach Olli Kahn) zur Standardausstattung erfolgreicher Fußballmannschaften gehört, und – zack – steht man in der nächsten Runde.

Werder zeigte alle Symptome einer Diva, die sich zu fein ist, für den gewöhnlichen Pöbel zu spielen. Selten erreichte ein Spieler eine Laufgeschwindigkeit, die sich signifikant von meinem Joggingtempo im Bürgerpark unterscheidet, und wenn, dann war es nur der Ballführende Spieler, dessen Bewegungen auf erhöhten Pulsschlag hindeuteten. Böse Zungen behaupten Tim Borowskis einziger Sprint im Spiel sei der nach seinem Tor zur Eckfahne gewesen. Vielleicht waren es die Pfiffe der eigenen Fans, die das Team in der Ehre kränkten. In den letzten 10 Minuten zeigte es jedenfalls, wozu es fähig sein kann. Am Ende steht ein 2:0, über dessen Zustandekommen schon bald keiner mehr sprechen wird. Kann man so machen, gegen die kleinen Gegner, zu denen ich Austria bei allem Respekt zähle. Doch am Sonntag gegen Dortmund muss wieder mal ein Spiel über 90 Minuten mit voller Konzentration angegangen werden. Nicht, um die letztendlich bedeutungslose Serie zu retten, sondern um uns Fans ein paar Nerven und abgekaute Fingernägel zu sparen. Wir sind schließlich krank.

Nach Diktat mit heißem Tee zu Bett.