Kategorie-Archiv: Europameisterschaft

Meine EM: Ein Schuss ins Knie

Deutschland – Italien 1:2

Italien schlägt Deutschland in einem sehr guten Spiel verdient mit 2:1 und zieht ins Finale ein. Dieses Spiel hat drei große Sieger: Mario Balotelli, den Doppeltorschützen, Andrea Pirlo, den überragenden Mann auf dem Feld, und Cesare Prandelli, der Löw in diesem Spiel ausgecoacht hat.

Nur ein Trainer zieht sein Konzept durch

Beide Trainer hatten vor dem Spiel angekündigt, dem jeweils anderen das eigene Spiel aufzwingen zu wollen. Prandelli unterstrich dies, indem er sein Team bis auf Rückkehrer Chiellini (für Abate) unverändert ließ und mit Viererkette, Raute im Mittelfeld un zwei Spitzen agierte. Löw stellte hingegen sein Team um, brachte Gomez und Podolski zurück ins Team und überraschte alle mit der Aufstellung von Toni Kroos als zusätzlichem Mittelfeldmann. Dadurch ergab sich eine etwas kuriose Raumaufteilung im 4-2-3-1 mit einem rochierenden Özil und keinem echten Rechtsaußen. Kroos sollte Pirlo unter Druck setzen und erfüllte diese Aufgabe bis zum Seitenwechsel weitgehend gut.

Beide Mannschaften versuchten sich an hohem Pressing und schoben ihre Abwehrreihen weit nach vorne. Durch die Aufstellungen beider Teams konzentrierte sich das Spiel zudem enorm auf das Zentrum, wodurch das Spielfeld extrem verknappt wurde. In der ersten Halbzeit standen häufig alle 20 Feldspieler in einem Quadrat von 25 mal 25 Metern. Deutschland versuchte mit seiner asymmetrische Aufstellung häufig das Spiel nach links zu verlagern, um dann mit einem Pass auf die rechte Seite Boateng in eine gute Flankenposition zu bringen, was einige Male ganz gut gelang. Trotzdem waren es die Italiener, denen diese Spielweise mehr zusagte. Löw muss sich hier schon Fragen gefallen lassen, warum er den Vorteil der Überzahl auf den Außen gegen die Raute zugunsten eines kompakteren Mittelfeldes geopfert hat. De Rossi und Marchisio auf den Halbpositionen wurden viel zu selten aus dem Zentrum zum Doppeln auf die Außenbahn gezogen.

Deutsche Umstellungen können Pirlo nicht stoppen

Löws Konzept ging nicht so auf, wie erhofft, auch weil Schweinsteiger wieder ein schwaches Spiel ablieferte (er wirkte auf mich auch einfach nicht fit). Es ging aber auch deshalb nicht auf, weil man allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz Andrea Pirlo vor dem 0:1 unglaublich viel Zeit ließ. Özil setzt Pirlo unter Druck, zwingt ihn in die Rückwärtsbewegung und geht dann nicht nach. So kann sich Pirlo in aller Ruhe im Mittelkreis drehen, hat fünf Meter Platz vor sich und die nötige Zeit den punktgenauen Pass auf Chiellini zu spielen. Im Eins gegen Eins lässt sich Hummels zu einem unüberlegten Herausrücken verleiten und Cassano schlägt blitzschnell zu. Ball mit Rechts um  Hummels herumgelegt und direkt mit Links geflankt. Ganz große Klasse! Balotelli lässt Badstuber im Kopfballduell keine Chance.

Beim 0:2 schaltet die deutsche Mannschaft nach einer eigenen Ecke nicht schnell genug um. Dieses Mal ist es Montolivo, dem man sehr viel Raum für seinen langen Pass lässt. Dann schießt sich die deutsche Absicherung an der Mittellinie selbst ins Bein: Podolski spielt auf Abseits, während Lahm fünf Meter weiter hinten einen etwas orientierungslos wirkenden Kreisel läuft. Balotelli nimmt den Ball perfekt mit und hämmert ihn in den Winkel. Vor, zwischen und nach den Toren gab es immer wieder Phasen, in denen die deutsche Mannschaft Druck aufbauen konnte und zu Torchancen kam. Diese waren nur selten zwingend, Abschlüsse aus guten Positionen blieben Mangelware und die Fernschüsse entschärfte Buffon gewohnt souverän.

Wechsel bringen nur kurzen Aufschwung

Zur Pause stellte Löw um, brachte mit Klose und Reus für die schwachen Gomez und Podolski zwei beweglichere Spieler. Reus spielte auf dem rechten Flügel und sorgte gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit mit einige schnörkellosen Läufen für Gefahr. Özil konnte nun vermehrt aus der Mitte heraus agieren, während Kroos auf die rechte Seite wechselte. Die zehn Minuten nach der Pause waren die besten von Deutschland, doch danach ebbte das Offensivspiel völlig ab. Deutschland schaffte es in der letzten halben Stunde des Spiels kaum einmal, einen durchdachten Angriff auszuspielen. Die Italiener zerlegten die deutsche Mannschaft nach und nach in die Einzelteile. Das Zentrum wurde verbarrikadiert und die Bälle auf die Außen umgeleitet, wo die deutschen Spieler erschreckend wenig mit ihnen anzufangen wussten. Es gab immer häufiger Situationen, in denen der ballführende Spieler lange keine Anspielstation finden konnte. Dazu kam die immer greifbarer werdende Nervosität die zu vielen Ungenauigkeiten in der Ballverarbeitung führte. Dadurch zirkulierte der Ball langsamer als gewohnt – zu langsam, um damit Löcher in der Mitte zu reißen oder über die Außenpositionen gefährlich vors Tor zu kommen.

Als Löw aufmachte und Müller für Boateng brachte, bekam Italien die Kontergelegenheiten auf dem Silbertablett serviert. Fast wäre es noch einmal spannend geworden, weil die Italiener diese Gelegenheiten kläglich vergaben. Özils Elfmetertor kam jedoch zu spät, um noch einmal Druck auf Italien aufzubauen. Bezeichnend, dass die letzte Aktion des Spiels ein kurz ausgeführter Freistoß war, statt den Ball mit letzter Hoffnung und vollster Überzeugung in den Strafraum zu schlagen. Es wird eine Menge Fragen geben nach diesem Spiel, angefangen bei der gewählten Taktik und der Leistung einzelner Spieler. Tatsache ist, dass Löw sein System an Italien angepasst hat und damit gescheitert ist. Er hat eigene Stärken geopfert und dennoch dem Gegner nicht die Stärke genommen. Auch der Trainer wird deshalb in der Kritik stehen, nicht jedoch seine hervorragende Arbeit, die er seit 2004 in der Nationalmannschaft geleistet hat.

Am Ende steht mit Italien der verdiente Sieger im Finale gegen Spanien. Dort werden die beiden Teams, die die drei letzten Welt- und Europameisterschaften gewonnen haben, auch diesen Titel unter sich ausmachen.

Meine EM: Boring, boring, España?

Portugal – Spanien 0:0 (2:4 i.E.)

Spanien besiegt Portugal im Elfmeterschießen, nachdem in einem über lange Strecken hochklassigen Spiel mit wenigen Torchancen kein Sieger gefunden wurde. Nach dem Spiel wird mehr über mangelnden Unterhaltungswert gesprochen, als über den Finaleinzug der Spanier. Eine Siegesformel gegen den Welt- und Europameister wird immer noch vergeblich gesucht, auch wenn Portugal nah dran war.

Der Tikinaccio

Es fällt noch immer vielen Beobachtern schwer, die defensive Brillanz des Tiki Taka zu erkennen. Vielleicht will man sie auch nicht erkennen. Man interpretiert die spanischen Passorgien im Mittelfeld lieber als Arroganz oder die hohe Ballbesitzquote als Selbstzweck. Dabei ist der “Tikinaccio” in den letzten Jahren das europaweit erfolgreichste Defensivsystem gewesen. Keine Vereinsmannschaft aus den fünf Top-Ligen hat in den letzten vier Jahren weniger Gegentore kassiert, als der FC Barcelona. Auf internationaler Ebene steht Spanien zum dritten Mal in Folge in einem Finale – zum dritten Mal ohne Gegentor in der K.O.-Runde.

Die geringe Beachtung der defensiven Komponente im Spiel der Spanier ist zum Teil Folge des Offensivspektakels, das mitunter dabei herauskommt. Doch gerade gegen ultradefensive Gegner steht nicht die Offensive im Vordergrund, auch wenn dies immer wieder behauptet wird. Weder Spanien noch Barcelona haben ein grundsätzliches Problem mit dem Toreschießen gegen defensive Gegner. Barcelona ist weder gegen Inter 2010 noch gegen Chelsea in diesem Jahr ausgeschieden, weil sie zu wenig Tore geschossen haben. Sie sind ausgeschieden, weil sie zu viele kassiert haben. Das Rückspiel gegen Chelsea hatte Barcelona bereits gedreht, bevor man übermütig in einen Konter lief. Phasen, in denen vorne nicht alles klappt, gibt es immer wieder mal. Trotzdem schafft es der Gegner fast nie, ein Gegentor zu verhindern. Das wiederum schafft Spanien seit Jahren in jedem wichtigen Spiel. Ich wäre sehr gespannt gewesen auf Chelseas Plan B, hätte Barcelona nach der 2:0-Führung gegen einen dezimierten Gegner den Ball so kontrolliert durchs Mittelfeld geschoben, wie Spanien häufig bei dieser EM.

Wir haben den Ansatz des ballbesitzlosen Spiels in seiner Extremform als wirksame Defensivtaktik anerkannt, auch wenn er nur höchst selten funktioniert. Warum erkennen wir den Ansatz des Verteidigens mit Ball nicht endlich an? Oder wollen wir damit warten, bis auch Deutschland wieder einmal daran gescheitert ist? (Was ich nicht hoffe und wo ich auch gute Chancen sehe, dies zu verhindern.)

Frühes Stören, schwacher Abschluss

Viel spannender als die Frage nach der Attraktivität des spanischen Spiels ist die Frage, wie man es bezwingen kann. Hier sind einige Mannschaften bei diesem Turnier bereits auf einem guten Weg gewesen. Auch Portugal lieferte lange Zeit ein hervorragendes Spiel gegen die Spanier ab und brachte sie an den Rand der Niederlage. Wie Italien und Kroatien vor ihnen, versuchte auch Portugal das Aufbauspiel der Spanier früh zu stören. Busquets und Xabi Alonso wurden bei der Ballverarbeitung direkt unter Druck gesetzt. Xavi musste viel nach hinten und zur Seite ausweichen und konnte dem Spiel nicht wie gewohnt seinen Stempel aufdrücken. Die überraschende Spitze Negredo war somit weitgehend isoliert und blieb völlig wirkungslos. Die Entwicklung des portugiesischen Mittelfelds ist beeindruckend. Die Mechanismen zwischen Veloso, Mereiles und Moutinho funktionierten hervorragend und man schaffte es durch geschickte Raumaufteilung auch die Löcher zu stopfen, die Cristiano Ronaldo offen lässt.

Das Spiel war in der ersten Halbzeit auch deswegen so interessant, weil die Außenverteidiger auf beiden Seiten weit aufrückten. Besonders auffällig war dies bei Arbeloa, der auf der rechten Seite teilweise bis auf Höhe der offensiven Dreierreihe vorschob, wodurch Silva weiter im Zentrum agieren konnte. Nicht zufällig hatte der spanische Rechtsverteidiger die erste hochkarätige Chance im Spiel. Auf der anderen Seite hatte Ronaldo dadurch einigermaßen viel Platz und Piqué hatte Mühe und Not gegen ihn zu verteidigen. Spanien fehlte insgesamt die Spielkontrolle, um die Breite durch die aufrückenden Außenverteidiger auszunutzen. Dafür ging man defensiv ein hohes Risiko ein. Del Bosque reagierte in der zweiten Hälfte darauf und stellte seine Offensive nach und nach um.

Mit Fabregas als (falschem) Neuner wurden die Passoptionen im Zentrum erhöht und Spanien bekam mehr Sicherheit ins Spiel. Mit Navas und Pedro bekam die offensive Dreierreihe mehr Breite, wodurch man weniger auf aufrückende Außenverteidiger angewiesen war. Portugals Konter wurden weniger und ebbten in der Verlängerung völlig ab, während bei Spanien vor allem Pedro einige gute Aktionen im Angriffsdrittel hatte.

Späte Dominanz, verdienter Sieger in der Lotterie

Wie zuvor gegen Italien und Kroatien wankte Spanien ein wenig, doch es fiel nicht. Es fiel auch deshalb nicht, weil Portugal es über 120 Minuten nicht fertig brachte, einen Schuss auf Cassillas Tor abzugeben. Torchancen waren ohnehin Mangelware, doch bei allem Lob, das man Bentos Mannschaft für den mutigen Ansatz und das hohe Pressing machen muss, kann man den Torabschluss nur als mangelhaft bezeichnen. Die beste Chance vergab Ronaldo in der Schlussminute  mit einem miserablen Schuss im Strafraum. Deshalb kann ich auch nicht ganz verstehen, dass manche den spanischen Sieg als unverdient bezeichneten. Auch Spanien hatte wenig Torchancen, aber sie zwangen Patricio wenigstens zu einigen guten Paraden und erspielten sich in der Verlängerung ein deutliches Übergewicht, während Portugal das Elfmeterschießen herbeisehnte.

Portugal hat sich bei diesem Turnier ein großes Lob verdient, da man sich von Spiel zu Spiel gesteigert hat und Spanien bis ins Elfmeterschießen zwang. Man war über weite Strecken des Halbfinales ebenbürtig, doch wenn man den Außenseiter-Bonus abzieht, ist die bessere Mannschaft ins Finale eingezogen.

 

Meine EM: England mauert sich zum nächsten Elfmetertrauma

England – Italien 0:0 (2:4 i.E.)

Wer hätte gedacht, dass England in einem Elfmeterschießen verliert? Offenbar nicht die Engländer, denn die taten abgesehen von den ersten 15 Minuten nur sehr wenig, um ein Tor zu schießen. So war das Elfmeterschießen die einzige Option für Hodgsons Team, dieses Spiel zu gewinnen.

Italien trat wieder im 4-3-1-2 an, England im gewohnten 4-4-2 mit zwei tief stehenden Viererketten gegen den Ball. Die Italiener dominierten wie erwartet das Zentrum. Beeindruckend, wie die beiden Spieler auf den Halbpositionen Andrea Pirlo abschirmen, der als Sechser das Spiel vor sich hat und die Bälle mit bekannter Präzision verteilt. England konnte den numerischen Vorteil auf den Flügeln nur selten ausnutzen, weil man zu langsam umschaltete und kaum einmal mit Tempo hinter die Außenverteidiger kam.

Roy Hodgson hat dem englichen Team binnen kurzer Zeit Disziplin und eine schnörkellose Kontertaktik beigebracht. Dafür gebührt ihm Respekt, viel mehr war sicherlich bis zu diesem Turnier nicht möglich. Ich habe allerdings Probleme, mich mit einem rein defensiv ausgerichteten System anzufreunden, wenn es eine Vielzahl an Torchancen des Gegners zulässt. Das war schon bei Chelsea in der Champions League so und es geht mir bei dieser EM genauso. Italien hatte 4-5 glasklare Torchancen und hätte das Spiel nach 90 Minuten gewinnen müssen. Die einzige Hoffnung, die man mit diesem System hat, ist das Versagen des Gegners. Das hat bei Chelsea ausgereicht und es brachte England immerhin bis ins Elfmeterschießen. Ziel einer Defensivtaktik sollte es sein, hochkarätige Torchancen des Gegners zu verhindern, was England gegen Italien nicht gut gelungen ist.

Was mich beim englischen Ansatz außerdem stutzig gemacht hat, ist die Zeit, die man Andrea Pirlo am Ball ließ. In einem flachen 4-4-2 muss gegen eine Raute mit einem so starken Sechser einer der Stürmer Druck auf diesen ausüben. Wayne Rooney als hängende Spitze schlich jedoch derartig demotiviert über den Platz, dass man sich schon fragen musste, ob er nicht gedanklich bereits im Sommerurlaub war. Für mich eine der schwächsten individuellen Leistungen bei diesem Turnier. So hatte Pirlo leichtes Spiel und war uneingeschränkter Chef auf dem Platz. Ein guter Anschauungsunterricht für die deutsche Mannschaft.

Das Spiel verlor nach gut einer Stunde an Fahrt und schleppte sich in eine Verlängerung, die an den Standfußball früherer Jahrzehnte erinnerte. Erstaunlich, wie schnell bei diesen warmen Temperaturen der Akku bei den Spielern leer ist. England holzte den Ball bei jeder Gelegenheit von ganz hinten nach ganz vorne auf der Suche nach Carrolls Kopf. Der Schlusspfiff kam als Erlösung für Spieler und Zuschauer. Danach bestätigten sich die alten Klischees und die englische Elfmetergeschichte ist um ein Kapitel reicher.

Italien ist sicher der stärkere Gegner im Halbfinale und ich bin gespannt, ob Prandelli wieder auf ein 3-5-2 umstellt, um Özil besser im Griff zu haben und Pirlo abzusichern. Italien mag individuell nicht mit Deutschland mithalten können, doch schon das Spiel gegen Spanien hat gezeigt, dass die Mannschaft sich taktisch hervorragend auf ihren Gegner einstellen kann. Ein Selbstläufer, wie von vielen Deutschlandfans vermutet, wird das Spiel sicher nicht. Eine gute Chance jedoch, das deutsche Trauma von 2006 zu überwinden.

Meine EM: Blancs gescheiterte Evolution

Spanien – Frankreich 2:0

Man wollte den Schatten von 2010 loswerden. Nun steht Frankreich nach vier Spielen bei dieser EM vor einem Scherbenhaufen. Die Reaktionen nach dem Ausscheiden zeigten, dass die Entwicklung in den letzten zwei Jahren nicht so viel wert waren, wie erhofft. Der Stachel sitzt noch immer tief.

Laurent Blanc versuchte es gegen Spanien mit einem sehr defensiven, asymmetrischen 4-5-1, bei dem auf der rechten Seite quasi ein zweiter Rechtsverteidiger spielte, der Jordi Albas Vorstöße eindämmen sollte. Links spielte Ribery deutlich höher. Von ihm erhoffte man sich die nötige Kreativität und Zuspiele für Karim Benzema. Der enttäuschende Nasri saß auf der Bank. Spanien spielte wie gewohnt im 4-3-3, diesmal wieder ohne echten Stürmer, dafür mit Fabregas als falscher Neun.

Über weite Strecken ließ das Spiel die Spannung vermissen. Spanien zeigte sich wie gewohnt ballsicher und war nicht gewillt, gegen einen in den ersten 45 Minuten harmlosen Gegner großes Risiko einzugehen. Nach der frühen Führung durch Xabi Alonso hielt man den Ball in den eigenen Reihen und in Frankreichs Hälfte, ohne die letzte Entschlossenheit auf dem Weg zum Tor. Es kamen Erinnerungen an 2010 hoch. Das spanische Tiki-Taka ist nicht zuletzt auch ein Defensivsystem, dem Frankreich wenig entgegen zu setzen hat.

In der zweiten Halbzeit wurde Frankreich etwas stärker, kam über die linke Seite zu einigen Chancen, von denen die meisten jedoch nicht wirklich gefährlich für Cassilas wurden. Ich hatte nie den Eindruck, dass Frankreich dieses Spiel gewinnen könnte. Spanien lässt den Esprit vermissen, den man beispielsweise vor vier Jahren ausstrahlte. Man verwaltet eher den Status als Nummer 1, als das man versucht, an den begeisternden Fußball der Jahre 2007 bis 2010 anzuknüpfen. Solange die Gegner dem so wenig entgegen zu setzen haben wie Frankreich, kann man an diesem Ansatz nicht viel kritisieren. Unterm Strich war es ein verdienter Sieg, der in Frankreich eine hitzige Diskussion um Spieler und Trainer auslöste.

Blanc wirkt angezählt, muss um seine Vertragsverlängerung bangen. Seine Taktik gegen Spanien ging nicht auf, das 0:1 fiel ausgerechnet über die rechte Abwehrseite, die Blanc mit seiner Aufstellung stärken wollte. Doch vor allem die Spieler, die schon 2010 in der Kritik standen, werden es in den nächsten Monaten nicht leicht haben. Die Disziplin in der Mannschaft ist schlecht und was einzelne Spieler im Turnier ablieferten, ist eine Frechheit. Samir Nasri bewies wieder einmal, dass er kein Mann für große Spiele ist und glänzte nach seiner Einwechslung mit einer fassungslosen Nicht-Leistung. Auch Malouda war sichtlich neben der Spur. Ribery spielte über weite Strecken mit sich selbst, hatte eine katastrophale Fehlpassquote und vorne verhungerte Karim Benzema, wenn er sich nicht weit mit nach hinten fallen ließ.

Alles in allem war der französische Ansatz in diesem Turnier interessant, aber er zahlte sich letztlich nicht aus. Die Mannschaft zerfällt unter Druck in ihre Einzelteile und wirkt nicht wie eine Einheit. Es wird wohl noch etwas dauern, bis Frankreich aus seinen hochklassigen, aber zerstrittenen Einzelspielern wieder ein Kollektiv macht und bei den großen Turnieren wieder etwas mitzureden hat. Bei dieser EM waren sie unterm Strich enttäuschend und fahren verdient nach Hause.

Meine EM: Ronaldo erlegt kollabierende Tschechen

Tschechien – Portugal 0:1

Eine Halbzeit lang hatte Portugal nicht viel zu bieten, was eine Qualifikation fürs Halbfinale rechtfertigen würde. In der zweiten Halbzeit zeigte das Team jedoch eine Leistungssteigerung, die zu einem klaren, wenn auch hart erarbeiteten Sieg reichte. Tschechien enttäuschte hingegen offensiv und hatte außer der Aussicht auf ein Elfmeterschießen nicht viel zu bieten.

Tschechische Manndeckung, rochierende Portugiesen

Tschechiens Ansatz war eine Art Zwitter aus Mann- und Raumdeckung in der Defensive, mit der Portugal lange Probleme hatte. Die Außenverteidiger verfolgten Ronaldo und Nani fast über den ganzen Platz. Dadurch kam der schwache Spielaufbau der Portugiesen über die Holzfüße Pepe und Bruno Alves noch mehr zum Vorschein. Nach und nach bekam man aber einen Dreh in das Spiel. Moutinho überzeugte als Ballverteiler in der Zentrale und Ronaldo versetzte die tschechische Abwehr mit ständigen Positionswechseln in Panik. Nani hielt dagegen die Außenbahn und sorgte für Breite im Spiel, wechselte dabei aber gelegentlich auf den linken Flügel, was Gebre Selassie vor Probleme stellte.

Nach vorne ging bei Tschechien wenig bis gar nichts. Torchancen waren Mangelware und es war überhaupt nur selten ein Ansatz zu erkennen, wie man es bis vors portugiesische Tor schaffen könnte. Rosickys Fehlen machte sich an allen Ecken und Enden bemerkbar. Sein Stellvertreter Darida blieb offensiv völlig wirkungslos und die einsame Spitze Baros durfte gelegentlich mal einem langen Ball hinterher jagen oder ein hohes Anspiel zurücklegen – mehr nicht. Auf der linken Seite sorgte Pilar sporadisch für Gefahr, doch auch er war meistens zu sehr in defensive Aufgaben eingebunden, um wirklich zum Problem für Portugal zu werden.

Portugal erhöht den Druck, Ronaldo gewinnt das Duell mit dem Pfosten

Konnte man bis zur Pause immerhin von einer starken Defensivleistung der Tschechen sprechen, die Portugal weitgehend neutralisierte, verlor man in der zweiten Halbzeit sukzessive den Zugriff auf die portugiesischen Stürmer. Nach der Einwechslung von Hugo Almeida hatte man im Zentrum einen Spieler für hohe Anspiele, was sich nicht gut mit der tschechischen Taktik vertrug, das Spiel der Portugiesen auf die Flügel zu lenken. So hielt man Portugal zwar von Schnittstellenpässen in den Strafraum ab, sah sich aber einer zunehmenden Gefahr nach Flanken ausgesetzt. Als Ronaldo zwölf Minuten vor dem Ende zum 1:0 traf, war der Treffer längst überfällig.

Bei allem Lob, das man für die portugiesische Leistungssteigerung aussprechen muss, fällt es schwer, die Mängel im Spielaufbau wegzureden. Die Defensivabteilung wurde gegen Tschechien zudem kaum gefordert, aber ich sehe Portugal nicht unbedingt als unüberwindbares Abwehrbollwerk. Gegen Spanien (oder Frankreich?) kommt nun der echte Einstufungstest. Werden sie dort so diszipliniert und abwartend spielen, wie über weite Strecken gegen Deutschland? Dort ging es auf Kosten der Offensivkraft. Das Mittelfeld der Portugiesen gefällt mir hingegen immer besser, neben dem starken Veloso vor allem auch Moutinho, der sich von Spiel zu Spiel steigerte. Zwar fehlt ohne Danny im offensiven Mittelfeld noch immer ein Spieler für die Zwischenräume, aber immerhin klappt nun die Ballverteilung aus dem zentralen Mittelfeld. Dadurch ist man nicht mehr so abhängig von den Flügeln und Ronaldos individueller Klasse – auch wenn diese hier spielentscheidend war.

Tschechien war mit dem Gruppensieg schon mehr als gut bedient und scheidet zu Recht aus dem Turnier aus.

Meine EM: 3. Spieltag: Showdown ums Viertelfinale

Gruppe A

Polen – Tschechien 0:1

Die beiden Außenseiter sind weitergekommen und ich muss zugeben, dass ich nur die beiden unterlegenen Favoriten vor dem Turnier richtig eingeschätzt habe. Polen ist letztlich vor allem an seinem zu schwachen Kader gescheitert. Über Rechts war man gefährlich und mit viel Einsatz und Motivation spielte man phasenweise gut auf. Viel mehr hatte das Team aber nicht zu bieten. Je länger die Spiele dauerten, desto einfallsloser wirkte das, was Smudas Spieler ablieferten. Dazu kam der größer werdende Druck und wohl auch die Versagensangst. Zwei Punkte sind für einen Gastgeber ein Armutszeugnis und so kann sich niemand über das Ausscheiden beschweren. Tschechien war sicher kein übermächtiger Gegner, hat aber eine technisch starke Mannschaft und konnte sich trotz taktischem Blackout gegen Russland am Ende sogar als Gruppensieger durchsetzen. Ich sehe das eher als Schwäche der Gegner, denn als Zeichen, dass Tschechien auf dem Weg zurück in die europäische Spitze ist. Im Prinzip reichte ihnen eine gute halbe Stunde gegen Griechenland und ein konzentriertes, solides Spiel gegen Polen zum Weiterkommen. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es packen.

Griechenland – Russland 1:0

Russland ist im Nachhinein dann doch eine große Enttäuschung, auch wenn sie im Prinzip nur das wahr gemacht haben, was ich vor dem Turnier vermutet habe: Als Kontermannschaft sind sie mitunter weltklasse, aber gegen einen defensiven Gegner und mit viel Zeit am Ball gehen ihnen die Ideen aus. Die offensiven Spielzüge gegen Tschechien waren großartig und sicher ein Highlight der Vorrunde. Gebracht hat es ihnen nichts außer Vorschusslorbeeren. Gegen Polen spielten sie lange auf Sparflamme und versäumten es, den Vorrundensack zuzumachen. Gegen die defensiven Griechen gerieten sie dann in Panik und fanden keine geeigneten Mittel. Da kann die Torschussstatistik noch so gut aussehen, viele echte Torchancen waren nicht dabei. Deshalb ist der Sieg der Griechen zwar etwas glücklich, beschweren können sich die Russen hingegen nicht. Damit wären wir auch schon bei der Freak-Mannschaft des Turniers. Schlechter als Griechenland kann man nicht in ein Turnier starten: Vom Gegner überrannt, 0:1 hinten, unberechtigter Platzverweis für den einen, Kreuzbandriss für den anderen Innenverteidiger. Im zweiten Spiel sah es noch schlimmer aus. Von Tschechien ließ man sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Dinger einschenken und kam trotz deutlichen Einbruch beim Gegner kaum zu eigenen Torchancen. Und dennoch steht Griechenland im Viertelfinale, weil man eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legt und im letzten Spiel gegen Russland sehr stark verteidigt hat. Ich hätte Griechenland spielerisch etwas stärker erwartet, aber Deutschland wird an der griechischen Defensive zu knabbern haben.

Gruppe B

Deutschland – Dänemark 2:1

Am Ende musste Deutschland noch mal zittern. Portugal führte gegen Holland, Deutschland brauchte einen Punkt und beim Stande von 1:1 unterzog man Bendtners Trikot im deutschen Strafraum einem gründlichen Reißtest. Über einen Elfmeter hätte man sich nicht beschweren können, aber zum Glück blieb die Pfeife stumm und wenig später entledigte Lars Bender das Team von allen unmittelbaren Sorgen. Am Ende stehen neun Punkte auf Deutschlands Konto und das in der schwersten Gruppe des Turniers. Ohne Kritikpunkte kommt man auch im dritten Spiel nicht aus, doch das sollte eher Hoffnung machen als Angst. Eine bessere Mannschaft habe ich im Turnier bislang nicht gesehen und wenn dann sogar noch Steigerungspotenzial und eine starke Bank vorhanden sind, ist das eine glänzende Ausgangslage. Aber Turniere laufen in der K.O.-Runde ja bekanntlich nur selten so ab, wie man nach der Vorrunde denkt. Um Dänemark tut es mir etwas leid, denn sie haben ein tolles Turnier gespielt und sich gut verkauft in der Gruppe. Man merkt dem Team an, dass es Olsens System verinnerlicht hat. So konnte man auch in der “Todesgruppe” mithalten. Lediglich Christian Eriksen hat mich etwas enttäuscht.

Niederlande – Portugal 1:2

Portugal ist gegen Dänemark mit einem blauen Auge davon gekommen, hat sich im letzten Spiel gegen die Niederlande jedoch rehabilitiert. Vor allem Ronaldo zeigte, dass er Portugal mit seiner individuellen Klasse auf ein anderes Niveau heben kann. Aber genau deshalb sehe ich immer noch nicht, wie sie sich mit dieser starken Abhängigkeit von den Flügeln und Ronaldos Geniestreichen sowie dessen weitgehendem Verzicht auf Defensivarbeit auf höchstem Niveau durchsetzen wollen. Gegen Tschechien sollte es aber noch reichen. Für die Niederlande fallen mir hingegen kaum noch Worte ein. Da lief von A bis Z so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann in solch einem Turnier. Zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen (schwacher Spielaufbau, kein Ineinandergreifen von Offensive und Defensive, Egoismen einzelner Spieler) ließen die Holländer immer mehr auch jeglichen Mannschaftsgeist vermissen und scheiden so völlig zurecht als Gruppenletzter aus. Zweifellos die Enttäuschung des Turniers.

Gruppe C

Italien – Irland 2:0

Vom Spiel habe ich nur die Tore gesehen. Das 2:0 von Balotelli war überaus sehenswert und verdeutlicht den Zwiespalt, in dem Prandelli steht. Das schlampige Genie spielen lassen oder nicht? Man will auf seine Klasse nicht verzichten, aber das Risiko eines Blackouts ist immer mit im Spiel. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass Italien die Pflichtaufgabe gelöst hat und diesmal nicht Opfer eines 2:2 im Parallelspiel wurde.

Spanien – Kroatien 1:0

Der Tenor war eindeutig: Langweiliges Spiel der Spanier. Überhaupt scheinen viele vom endlosen Tiki Taka inzwischen eher genervt zu sein. Aber man kann es auch umdrehen: Vielleicht ist Spanien einfach vom Rest der Fußballwelt genervt – oder schlimmer noch: gelangweilt. Als Welt- und Europameister müssen sie nichts mehr beweisen. Da kann so eine Gruppenphase gegen Gegner, die die letzten Monate damit verbracht haben, sich die perfekte Taktik gegen die Spanier zu überlegen, schon ziemlich ermüdend sein. Bei allen Zweifeln, die man ob der vermeintlichen Ineffektivität und der fehlenden Breite im Spiel haben kann und bei allem Lob, das sich Kroatien und vor allem Italien verdient haben: Geschlagen haben sie die Spanier nicht. Spanien ist das “Team to beat”, sie sind der Titelverteidiger, sie sind der Maßstab. Die Herausforderer müssen sich an ihnen abarbeiten und da ist es schon beachtlich, dass mit einiger Luft nach oben “mal eben” sieben Punkte eingefahren wurden. Spanien hat ein wenig gewankt, mehr als Deutschland sogar, aber mehr war es letztlich nicht. Ein klarer Elfmeter wurde den Kroaten verweigert, aber später hätte auch Spanien einen bekommen müssen und am Siegtor gab es regeltechnisch auch nichts auszusetzen. Kroatien fehlte am Ende ein Tor, sonst hätten sie Italien noch verdrängt. Für mich waren sie eine der positiven Überraschungen des Turniers und es ist schade, dass sie in dieser starken Gruppe nicht weitergekommen sind.

Gruppe D

Ukraine – England 0:1

Was für ein schräges Fußballspiel. Das mäßige Niveau in Gruppe A hat wohl niemanden überrascht, aber Gruppe D war keinen Deut besser. Die Ukraine wirkte wie ein ziellos zusammengeschusterter Haufen, der irgendwie den Ball zum nächsten Mann schob und hoffte, dass dabei so etwas wie ein Spielaufbau herauskommt. Jenseits der Mittellinie wurde dann der Turbo gezündet und es ging in hohem Tempo nach vorne. Die Engländer brauchten eine Weile, bis sie sich darauf eingestellt hatten. So kam die Ukraine zu einigen guten Torgelegenheiten. Mit der Zeit biss man sich am englischen Abwehrbollwerk jedoch die Zähne aus. Die Engländer erfüllten zumindest die Erwartungen, die man vor dem Turnier an sie hatten. Das sieht nicht schön aus, ist spielerisch meilenweit von Spanien oder Deutschland entfernt, aber es ist effizient und holt derzeit das beste aus den Spielern heraus. Ich bin gespannt, wie weit sie mit diesem geradlinigen und britischen Fußball kommen können. Der zweite Gastgeber ist hingegen ausgeschieden und auch hier kann man (Torrichter hin oder her) wenig Argumente finden, warum es anders sein sollte.

Frankreich – Schweden 0:2

Verkam anscheinend zu einer Art Freundschaftskick. Schweden stand schon vorher als Gruppenletzter fest und spielte befreit auf. Eigentlich habe ich zu ihnen im letzten Beitrag alles geschrieben und an meiner Meinung ändert auch der Sieg gegen Frankreich nichts. Die Franzosen verstehe ich nicht so recht, sie machen immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Ihren Ansatz in der Offensive finde ich interessant, aber es scheint eine recht breite Streuung zu geben, was die möglichen Ergebnisse angeht. An einem guten Tag Spanien schlagen? Vielleicht. Aber warum dann nicht an einem mittelmäßigen Tag Schweden besiegen und Gruppensieger werden? Ob das wirklich nur das Gefühl der Sicherheit war, dass beim anderen Spiel eh nichts mehr anbrennt? Oder das Fehlen von Cabaye? Ich weiß nicht.

Meine EM: Blogsport360

Ihr kennt wahrscheinlich den formidablen Sportradio360 Podcast (falls nicht, ist dies eine ganz dicke Hörempfehlung!). Seit einiger Zeit gibt es davon auch eine Bloggerversion. Nachdem es vorher zeitlich leider nie geklappt hatte, war ich gestern zum ersten Mal dort zu Gast, um mit den Bloggerkollegen Torsten Wieland (Königsblog) und Axel Goldmann (Der vierte Offizielle) über die Europameisterschaft zu diskutieren. Geleitet wurde die Runde von Patrick Völkner (Kommentar der Woche). Hier könnt ihr euch das Ergebnis anhören:

Blogsport360 – Episode 6

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe D

Frankreich lässt die Ukraine nach der Regenunterbrechung ziemlich hilflos aussehen. England liefert sich mit Schweden ein spannendes und offenes Spiel.

Ukraine – Frankreich 0:2

Dem Gewitter sei dank, bekam ich doch noch etwas mit von diesem Spiel, wenn auch nur die letzten 40 Minuten. Zwei Erkenntnisse gab es dabei für mich: Frankreich gehört doch zu den Mitfavoriten des Turniers, auch wenn sie die englische Mauer in der Schlussphase des Eröffnungsspiels nicht knacken konnten. Das fluide Spiel im Angriff gefällt mir gut und erinnert mich ein wenig an Werder 09/10 mit vier ständig rochierenden Offensivkräften. Ich bin sehr gespannt, wie sie sich damit gegen die Topmannschaften schlagen werden.

Die Ukraine wirkte nach dem gedrehten Spiel gegen Schweden und dem Doppelpack von Shevchenko so, als hätte sie ihr Ziel im Turnier schon erreicht. Vielleicht ist mein Eindruck etwas verzerrt, weil ich die erste Halbzeit nicht gesehen habe, aber in der zweiten waren sie völlig chancenlos und hatten auch kein erkennbares Konzept, wie sie Frankreich in ernsthafte Probleme bringen könnten. Jetzt gibt es ein Endspiel gegen England, das die Ukraine in jedem Fall gewinnen muss. Für mich sind sie dabei klarer Außenseiter und viel zu abhängig von ihren alten Stars. Aber vielleicht beschert uns das Turnier ja noch einen zweiten Abend wie beim Spiel gegen die Schweden.

England – Schweden 3:2

Nicht jedes Spiel mit vielen Toren ist unterhaltsam. Das muntere Hin und Her zwischen England und Schweden würde ich aber schon dazuzählen, auch wenn es fußballerisch eher mittelmäßig war. Die Tore waren weniger Produkte durchdachter Angriffszüge, als das Resultat aus Einzelaktionen. Die schiere Gewalt bei Carrolls Kopfballtor war beeindruckend und ein Beweis, dass eine Halbfeldflanke effektiv sein kann, wenn die gegnerische Abwehr nicht fünf Sekunden Zeit hat, sich darauf einzustellen. Danach war es vor allem der Spielverlauf, der dieses Spiel so packend machte. Erst drehte Schweden das Spiel, dann die Engländer. Dazwischen gab es viele Ungenauigkeiten, aber auch durchaus hohes Tempo.

Schwedens Abhängigkeit von Ibrahimovic ist ein hausgemachtes Problem. Die Mitspieler verlassen sich zu sehr auf ihn, bürden ihm zu viel Verantwortung auf. Ibrahimovics arrogante Körpersprache deutet darauf hin, dass er seine Mitspieler als minderwertig betrachtet. So hat man bei jedem Pass zu ihm den Eindruck, dass die Botschaft mitschwingt: Du kannst doch alles besser, also mach mal. Es ist wohl kein Zufall, dass sich die Teams, die um einen Superstar gebaut sind, bei dieser EM so schwer tun (Schweden, Portugal, teilweise auch die Ukraine). Um bei der im Fußball so beliebten Militärsprache zu bleiben: Ibrahimovic ist eine Waffe, kein General. Ähnlich ist es mit Theo Walcott bei den Engländern. Der kam in der Schlussphase und brachte mit seiner Schnelligkeit den Odonkor-Effekt ins Spiel, der England zum Sieg führte.

Schweden ist damit raus und England hat gute Chancen, mit einem Unentschieden gegen den Co-Gastgeber ins Viertelfinale einzuziehen.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe C

Italien – Kroatien 1:1

Vor einigen Tagen war Italien noch die Überraschungsmannschaft des Turniers und 45 Minuten lang knüpfte man auch gegen Kroatien an die Leistung aus dem Spanien-Spiel an. Die Kroaten hatten große Probleme gegen die beweglichen Cassano und Balotelli im Sturmzentrum. Vor allem Balotelli zeigte sich nach dem schwachen Auftaktspiel deutlich verbessert. Insgesamt dominierten die Italiener das Zentrum mit ihrem 3-5-2: In der Abwehr hatten sie gegen die beiden kroatischen Spitzen genauso eine 3 vs 2 Überzahl, wie im zentralen Mittelfeld. Diese spielten sie gut aus, während Kroatien die 2 vs 1 Überzahl auf den Flügeln nicht gut nutzen konnte. Das 1:0 erzielte Pirlo zwar durch einen Freistoß, aber es entsprach auch dem Spielverlauf.

Dann geschah jedoch etwas unerwartetes: Kroatien stellte zur Pause um auf ein 4-2-3-1, zog Mandzukic auf den Flügel und Rakitic ins Zentrum. Dadurch bekamen sie die Dominanz der Italiener besser in den Griff, ohne ihre Überzahl auf dem Flügel aufzugeben. Mit zunehmender Spieldauer gelang es immer besser, die italienischen Wingbacks unter Druck zu setzen und letztlich fiel dadurch auch der Ausgleich, wenn auch mit freundlicher Unterstützung von Chiellini, der sich bei einer Flanke gewaltig verschätzte (bei aller taktischen Klasse sind die italienischen Verteidiger immer mal für einen individuellen Patzer gut).

Ich muss sagen, dass ich positiv überrascht bin von Bilic. Während der ansonsten taktisch so flexible Prandelli das Spiel aussaß und nur personell reagierte, am 3-5-2 aber festhielt, stellte Bilic taktisch um und brachte Kroatien damit zurück ins Spiel. Am Ende war sein Team sogar näher am Sieg als die Italiener. Auch wenn Kroatien noch längst nicht im Viertelfinale steht, muss ich zugeben, dass ich sie unterschätzt habe. Ich hätte eher den komplett reaktiven und körperlich starken Iren in dieser Gruppe etwas zugetraut, als den doch recht ausrechenbaren Kroaten. Wie es scheint, habe nicht nur ich mich verrechnet.

Spanien – Irland 4:0

Wieder ein frühes Gegentor für die Iren, das Trapattonis Matchplan nach 4 Minuten über den Haufen warf. Eigentlich könnte ich jetzt auf das erste Spiel der Iren verweisen und es dabei belassen. Spanien spielte seinen Stiefel runter und ließ Irland nicht den Hauch einer Chance. Viele Erkenntnisse konnte man aus dem Spiel nicht ziehen. Irland stand nicht so tief, wie es von vielen hinterher behauptet wurde. Sie versuchten durchaus frühes Pressing zu spielen und sich nicht zu weit zurückdrängen zu lassen, doch gegen Spaniens Ballsicherheit fanden sie keine Mittel. Somit mussten sie zwangsläufig immer weiter zurückweichen und die Mitte dicht machen. Das gelang in der ersten Halbzeit gut, in der zweiten weniger.

Dennoch fanden die Spanier ihre Lücken. Es machte sich bezahlt, mit Torres wieder einen richtigen Stürmer auf dem Platz zu haben, der auf Höhe der Abseitslinie agiert und auf den Pass in die Lücke wartet. Diesmal verwertete er auch seine Chancen besser als gegen Italien. Irlands Spiel mit Ball ist nicht wettbewerbsfähig. Nach Ballgewinn geriet man ob des spanischen Pressings in Panik. Flach und kurz ging es nur nach hinten: Vom Sechser zum Innenverteidiger zum Torwart (der die meisten Ballkontakte des Teams hatte). Nach spätestens drei Pässen war der Ball entweder weg oder wurde lang und hoch nach vorne gedroschen. Um mit dieser Art Fußball zu bestehen, muss man unbedingt lange die Null halten. Irland gelang dies in beiden Spielen insgesamt sieben Minuten lang und fährt deshalb zurecht nach Hause.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe B

Portugal holt in einem schwachen, aber unterhaltsamen Spiel drei Punkte gegen Dänemark, Deutschland gewinnt das Prestigeduell gegen die Niederlande, ohne dabei vollständig zu überzeugen.

Portugal – Dänemark 3:2

Nach der Niederlage gegen Deutschland war Portugal unter Zugzwang. Gegen Dänemark setzte man auf Spielkontrolle und die Offensivpower über die Außen. Dabei zeigte man die Probleme, die man ihnen schon vor Turnierbeginn zuschrieb: Keinen starken offensiven Mittelfeldspieler und eine große Abhängigkeit von Ronaldo und Nani auf den Flügeln. Dänemark machte es im Rahmen der Möglichkeiten gut und hatte etwas Pech, am Ende mit leeren Händen dazustehen.

Portugals Spielaufbau ist grauenvoll. Pepe und Bruno Alves sind eines der holzfüßigsten Innenverteidigerduos dieses Turniers. Von der gesamten Spielanlage her wirkte Dänemark reifer und besser aufeinander abgestimmt. Allerdings merkt man schon, dass die “Olsen-Bande” fußballerisch limitierter ist, als der Gegner. Dazu machte Veloso wie schon gegen Özil auch gegen Eriksen einen guten Job und nahm ihn weitgehend aus der Partie. Portugals höhere individuelle Klasse machte zumindest in der ersten Halbzeit den Unterschied aus. Das Loch, das Ronaldo durch seine Nicht-Teilnahme am Defensivspiel hinterließ, wäre den Portugiesen dann fast zum Verhängnis geworden. Dazu ließ Ronaldo zwei Riesenchancen ungenutzt. So kam es, wie es kommen musste: Dänemark schaffte den Ausgleich und Portugal musste in der Schlussphase noch einmal anrennen.

Wie schon gegen Deutschland sorgte Varela nach seiner Einwechslung für eine Belebung des portugiesischen Offensivspiels. Umso schöner, dass er es dann auch war, der das Siegtor erzielte. Insgesamt ging der Sieg in Ordnung, denn Dänemark war defensiv längst nicht so stabil, wie man es nach dem 1:0 gegen die Niederlande gedacht hätte. Portugal geht nun mit den besten Chancen auf Platz 2 ins letzte Spiel, während Dänemark gegen Deutschland einen schweren Stand haben dürfte.

Deutschland – Niederlande 2:1

Ich bin etwas zwiegespalten, was dieses Spiel angeht. Einerseits war es eine in weiten Teilen überzeugende und taktisch wie spielerisch gute Leistung der deutschen Mannschaft. Andererseits ließ man nach 60 Minuten deutlich nach und musste noch einmal zittern, obwohl man mit der Überlegenheit eigentlich einen klaren Sieg einfahren muss.

Das deutsche Mittelfeld war dem niederländischen eine gute Stunde lang deutlich überlegen. Özil riss mit seinen cleveren Laufwegen Lücken (vor allem de Jong ließ sich oft aus dem Zentrum ziehen) und Schweinsteiger und Khedira nutzten den Platz für Vorstöße. Sie spielten dabei mutig und ging auch immer wieder beide mit nach vorne, wodurch van Bommel auf völlig verlorenem Posten stand. Das 1:0 fiel auf diese Weise, wobei auch die Ballverarbeitung von Gomez großartig war. Hummels spielte erneut stark, muss aber etwas aufpassen, dass er nicht überdreht. In der Schlussphase wirkte er etwas unkonzentriert, während Badstuber den Fels in der Brandung gab. Lahm machte defensiv ein sehr starkes Spiel gegen Robben, offensiv würde ich mir etwas mehr Mut zum schnellen Pass wünschen.

Die Niederlande wirkten über das gesamte Spiel ziemlich unrund. Aus dem zentralen Mittelfeld kam fast keine Kreativität und nur selten rückte van Bommel auf. Die vier Offensivspieler agieren nicht wie ein Kollektiv, jeder kocht mehr oder weniger sein eigenes Süppchen. Kombiniert wird nur mit dem Mitspieler in unmittelbarer Nähe. Dank der individuellen Klasse hatte man in der Anfangsphase ein paar Chancen, doch das deutsche Spiel wirkte vom Anpfiff an besser und reifer. Mit van der Vaart wurde das Spiel im Zentrum etwas stärker, besonders nachdem van Persie hinter Huntelaar als hängende Spitze agierte und Sneijder auf den Flügel ging.

Löw muss ob der Zitterpartie zwischen der 70. und 85. Minute seine Wechselstrategie hinterfragen. Statt frühzeitig auf die niederländischen Umstellungen und verlorene Spielkontrolle zu reagieren, wartete er erneut sehr lange. Gerade auf den Flügeln hätte eine Auswechslung sicher gut getan (wobei Müller und Podolski sehr diszipliniert mit nach hinten gearbeitet haben). Mit Reus oder Schürrle hätte man zudem einen konterstarken Spieler bringen können. Wenn man die Effizienz in der ersten Halbzeit loben will, muss man auch sagen, dass man am Ende nur mit einem Tor Vorsprung gewinnt, obwohl man die klar bessere Mannschaft war. Das ist zwar Jammern auf hohem Niveau, aber wenn man einen Gegner wie Holland am Boden hat, darf man ihn nicht wieder aufstehen lassen und auf den Schlusspfiff warten.

Die öffentliche Diskussion um Gomez dürfte nun vorerst vorbei sein. Dabei hat das Spiel keinerlei neue Erkenntnisse geliefert. Dass Gomez ein weltklasse Strafraumstürmer ist wusste man vorher schon. Ein mitspielender Stürmer ist er auch nach seinen beiden Toren nicht. Vor allem Özil und Müller würden davon profitieren, wenn Klose zurück ins Team kommt. Für Gomez spricht dessen eigene Torgefährlichkeit, doch man macht sich gleichzeitig ein gutes Stück weit von ihr abhängig. Wenn er seine Chancen dann effizient nutzt (wie gestern), gibt es wenig Probleme. Wenn nicht (wie im Champions League Finale), könnte es Deutschland teuer zu stehen kommen.

Gefühlt war das für Deutschland schon die Qualifikation fürs Viertelfinale. Allerdings könnte man schon mit einem 0:1 gegen Dänemark noch rausfliegen. Zeit zum Durchschnaufen hat man daher nicht. Die Niederlande sind nun auf deutsche Schützenhilfe angewiesen, haben aber eigentlich ganz andere Sorgen. Van Marwijk hat sich zu sehr auf die individuelle Qualität seiner Offensivleute verlassen und wollte mit sechs Defensivspielern hinten dicht machen. Beides rächt sich nun und die Niederlande geben mehr und mehr das Bild einer zerstrittenen Mannschaft ab. Bisher sind sie für mich die größte Enttäuschung des Turniers. Den benötigten 2:0 Sieg gegen Portugal traue ich ihnen nicht mehr zu.