Kategorie-Archiv: Götter in Grün-Weiß

Gedanken zu Werders System 2014/15

Wohin geht die Reise bei Werder in dieser Saison? Im Verein gibt man sich betont optimistischer als in der letzten Saison. Ein Mittelfeldplatz soll her, möglichst ein Einstelliger. Die Zeichen dafür sehen trotz des Abgangs von Aaron Hunt nicht schlecht aus. Mit Galvez und Hajrovic hat Eichin zwei starke Transfers zum Nulltarif eingetütet und dazu mit Bartels eine brauchbare Alternative verpflichtet. Das Gerüst des Kaders steht, auch wenn es noch Positionen gibt, auf denen Werder etwas dünn besetzt ist. In der zweiten Reihe wird es daher auch darauf ankommen, dass zwei bis drei Spieler aus dem Nachwuchs den Anschluss schaffen. Aussichtsreichste Kandidaten hierfür sind Zander und Aycicek, aber auch dem bei der U19-EM auftrumpfenden Selke kann man Chancen einräumen.

Eine sehr wichtige Frage ist auch, wie Robin Dutt in der kommenden Saison das Team taktisch weiterentwickeln möchte. In der letzten Saison war viel Basisarbeit gefragt, deren Erfolg erst gegen Ende der Saison sichtbar wurde. Darauf gilt es nun aufzubauen. Präferiertes System scheint dabei weiterhin die im letzten Saisondrittel gut funktionierende Raute zu sein. In der Vorbereitung wurde auch schon mit einer Dreierkette getestet, die spätestens seit der WM wieder im Mainstream angekommen ist. Möglich ist auch, dass Dutt ohne Hunt auch noch einmal sein früher präferiertes 4-3-3/4-3-2-1 auspackt. Ein 4-2-3-1 scheint hingegen eher unwahrscheinlich.

Dutts Raute

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Es ist noch nicht lange her, dass die Raute als Auslaufmodell galt, vor allem in Bremen. Das lag natürlich vor allem an Werders Defiziten in den letzten Jahren unter Schaaf, die allerdings nicht nur im Rautensystem, sondern auch im 4-2-3-1 und 4-1-4-1 zum Vorschein kamen. In der letzten Saison zeigte sich dann auch in Bremen, dass Raute nicht gleich Raute ist. Vor allem im Spiel gegen den Ball wurde dies deutlich, namentlich im Pressing und Gegenpressing. Die Raute wird nun ähnlich wie bei Tuchels Mainzern dazu verwendet, den Gegner früh auf eine Seite zu locken und dort anzupressen. Die Überzahl im Zentrum (bspw. gegen ein 4-2-3-1) wird für mehr Kompaktheit genutzt. Das von mir in der Vergangenheit gerne kritisierte Loch vor der Viererkette taucht nur noch selten auf.

Dennoch lässt die Raute der letzten Saison noch Wünsche offen. Das Flügelspiel war bestenfalls durchschnittlich, wobei die Stürmer gegen Ende der Saison hier klar aufsteigende Tendenz zeigten und häufiger im richtigen Moment den Weg auf die Flügel suchten. Hier steht Dutt nun vor der Frage, ob er die Außenverteidiger noch offensiver agieren lassen will (wie vor einem Jahr versucht) oder lieber auf eine konservativere Ausrichtung setzt. Letzte Saison spielte Garcia häufig offensiver als Fritz auf der anderen Seite, sodass eine Asymmetrie entstand, die sich mit Werders linkslastiger Ausrichtung deckte. Luca Zander böte auf der rechten Seite sicherlich andere Möglichkeiten, was das Offensivspiel angeht.

In Ballbesitz lässt sich der Sechser häufig zwischen die Innenverteidiger fallen, so dass im Aufbau ein 3-4-1-2 entsteht. Spielen beide Außenverteidiger offensiv, kommt es nicht nur auf die Abstimmung mit den außen absichernden Innenverteidigern an – die links mit Caldirola und Garcia schon sehr gut funktioniert – sondern auch auf die Rolle der beiden Achter. Ihnen kommt in dieser Auslegung der Raute die wohl wichtigste Funktion im Team zu. Sie müssen sowohl die Flügel als auch den Sechser absichern, situativ in die Spitze vorstoßen, die richtige Balance beim Pressing finden und zum Überladen die Seiten wechseln. Für Dutt besteht die Herausforderung darin, die richtige Mischung aus kreativen und destruktiven Spielern zu finden. Wohl auf keiner Position hat er soviel Auswahl: Mit Bargfrede, Makiadi, Selassie, Obraniak, Aycicek, Junuzovic und Bartels kommen gleich sieben Spieler für zwei Positionen in Frage.

Das Aufbauspiel, das letzte Saison zwar gute Ansätze zeigte, jedoch kaum weiterentwickelt wurde, ist eine weitere Baustelle. Spielerisch war das Mittelfeld zu schwach, um per Kombinationsspiel ins Angriffsdrittel zu gelangen. Die langen Bälle auf den linken Flügel erwiesen sich als probates Mittel, waren jedoch eher aus der Not geboren und machten Werder sehr ausrechenbar. Das soll in der neuen Saison anders werden. Der Schlüssel hierzu ist in der Raute der Sechser, der von ganz hinten die Bälle verteilt und somit das Aufbauspiel dirigiert. Hier steht mit Kroos ein talentierter, aber noch kein richtig guter Ballverteiler zur Verfügung. Bargfredes Passspiel ist besser als von vielen behauptet, aber er hat seine stärken eher im Kurzpassspiel als in der strategischen Spieleröffnung. Gut möglich daher, dass Dutt hier auf Neuzugang Galvez setzt, der von einem der passsichersten Vereine Europas kommt. Dies wird auch davon abhängen, ob Prödl noch verkauft wird und Glavez in der Innenverteidigung benötigt wird. Seine Ansätze im Testspiel gegen Bilbao waren jedenfalls vielversprechend.

Das Weltmeister-System

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Auch wenn es in nahezu allen deutschen Medien ab dem Viertelfinale falsch dargestellt wurde: Deutschland spielte bis zu Kramers Verletzung im Finale bei der WM durchgängig ein 4-3-3. Nun ist Werder in puncto Passspiel und Pressingresistenz nicht annähernd auf vergleichbarem Niveau wie die Nationalmannschaft und kann sich deren Spielweise nicht als Vorbild nehmen. Dutts 4-3-3/4-3-2-1 System, mit dem er bei Freiburg, Leverkusen und auch zu Beginn in Bremen agieren ließ, weist dennoch einige Parallelen zum deutschen WM-System auf. Hierzu zählen die Asymmetrie auf dem Flügel, die einrückenden Außenspieler und der Fokus auf die Kontrolle des Zentrums. In der letzten Saison konnte Dutt seinen wichtigsten Offensivspieler Aaron Hunt nicht sinnvoll in dieses System einbauen. Zudem verfügte er nicht über einen geeigneten Mittelstürmer für ein Ein-Stürmer-System. Nach Hunts Abgang und Di Santos Formanstieg scheint der Weg für das 4-3-3 in dieser Saison frei zu sein. Gegenüber der Raute hat das System den Vorteil, dass die Flügel in der Offensive besser genutzt sowie Elia und Hajrovic gemeinsam eingebaut werden können.

Das 4-3-3 dürfte wohl vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn in der Raute keiner der Kandidaten für die 10er-Position überzeugen kann und man ein direkteres Spiel über die Flügel bevorzugt. Defensiv ändert sich durch die 4-3-Stellung von Abwehr und Mittelfeld nicht viel, doch das System hat den Vorteil, dass aufrückende Außenverteidiger einen direkten Gegenspieler haben. Anders als in Schaafs 4-1-4-1 vor zwei Jahren gehen die Außenstürmer jedoch nicht mannorientiert jeden Weg mit, sondern es wird insgesamt schmaler gestanden und der Gegner erst dann gestellt, wenn der Ball bereits auf dem Flügel ist (vgl. Pressingfalle). Auch schalten sich die Achter nur selten ins Angriffspressing ein.

Schwachpunkt des Systems ist die Vernachlässigung des 10er-Raums. Hier muss es zwischen Außenstürmern und Achtern eine gute Abstimmung geben, da ansonsten eine Lücke im offensiven Zentrum klafft und der Mittelstürmer isoliert wird. Wie man es richtig macht, zeigte bspw. Atletico Madrid in der letzten Saison, die in einem flachen 4-4-2 trotzdem ständig Anspielstationen im Zehnerraum schufen. Defensiv kann die Formation dann problematisch werden, wenn sich die Außenstürmer unzureichend am Defensivspiel beteiligen und der Gegner das Dreiermittelfeld auseinander ziehen kann.

Experiment Dreierkette

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Der Taktiktrend der WM hinterlässt Spuren im Vereinsfußball: Louis Van Gaal versucht gerade sein 3-5-2-System zu Manchester United zu importieren und Pep Guardiola experimentiert wie vor drei Jahren in Barcelona mit einem 3-4-3. Nicht weiter verwunderlich also, dass auch bei Werder ein System mit Dreierkette diskutiert wird, zumal man mit Galvez einen passstarken Innenverteidiger verpflichtet hat, der eigentlich zu stark für die Ersatzbank ist. Neben der Option, Galvez im defensiven Mittelfeld einzusetzen, bleibt auch die Möglichkeit, ihn zwischen Prödl und Caldirola als dritten Innenverteidiger aufzubieten. Im Spielaufbau dürfte dies auch in den anderen Systemen häufig zu dieser Aufstellung kommen, warum also die Abwehr nicht gleich zu einer Dreierreihe umformieren?

Besonders wichtig ist in diesem System die Rolle der Außenspieler, Wingbacks genannt, die sowohl in der Offensive für die Breite sorgen als auch defensiv die Dreierkette unterstützen müssen. Ihre Rolle ist der in einer Raute nicht unähnlich, nur dass sie noch mehr offensive Verantwortung tragen und defensiv zumindest theoretisch besser durch die Innenverteidiger abgesichert werden können. Garcia liegt diese Spielweise sicherlich eher als Fritz, sodass neben Newcomer Zander auch Gebre Selassie eine Alternative als rechter Wingback wäre. Das Risiko eines solchen Systems besteht darin, dass man von passsicheren Gegnern mit starken Außenstürmern weit nach hinten gedrängt werden kann und dann Probleme bekommt, das 5-3-2 wieder aufzulösen. Im Extremfall werden auch noch die Sechser weit nach hinten gedrängt (wie es etwa den Niederlanden bei der WM gegen Mexiko passierte), sodass bis zu sieben Spieler auf einer Linie stehen.

Eine wichtige Frage wäre dann noch, ob Dutt im Mittelfeld die in Raute und 4-3-3 verwendete “1-2-Stellung” im Mittelfeld bevorzugt (also ein Sechser und zwei Achter) oder ob man lieber mit einer “2-1-Stellung” spielt. Letztere ist die gebräuchlichere Variante, die im Ballbesitz (auch hier eine Parallele zur Raute) zu einem 3-4-1-2 wird. Das 3-3-2-2, das im erstgenannten Fall entsteht, ist risikoreicher, bietet in der Offensive aber mehr Möglichkeiten. Konsequent wäre die 2-1-Variante, weil durch den dritten Innenverteidiger ein Einrücken eines Mittelfeldspielers in die Abwehrkette nicht mehr nötig ist – der Sechser des 1-2-Mittelfelds steht quasi schon eine Reihe weiter hinten. Für die beiden Sechserpositionen kommen dann auch Spieler wie Makiadi und Selassie in Frage, die eigentlich eher Box-to-Box Spieler sind als klassische Sechser. Eine Variante mit nur einem Stürmer (3-3-3-1 bzw. 3-3-1-3) halte ich für äußerst unwahrscheinlich.

Ohnehin dürfte das 3-5-2 zunächst nur eine taktische Alternative sein, nicht jedoch der Plan A des Trainers. Bei Werder hätte das System wohl vor allem den Zweck, die Defensive zu verstärken und nicht (wie etwa bei Bayern oder Chile) mehr Spieler im Mittelfeld zu haben. Man kann es sich nicht leisten, die Wingbacks im Stile von Außenstürmern agieren zu lassen und wäre so noch mehr von der individuellen Stärke der Offensivleute abhängig. Das kann angesichts des Substanzverlusts der letzten Jahre in diesem Bereich nicht das Ziel sein. Eine WM, die nur einen Monat lang andauert und bei der jedes Gegentor das Aus bedeuten kann, ist dann eben doch etwas anderes, als eine Bundesligasaison, in der die Gegner viel Zeit haben, sich auf ihre Gegner einzustellen und in der man ein Defensivsystem im Laufe der Spielrunde. Dennoch: Das 3-5-2 ist eine spannende Option, die Werder mit dem aktuellen Personal gut spielen kann.

Das 4-2-3-1 als Notlösung

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Vorbei die Zeiten, in denen das 4-2-3-1 die automatische Default-Taktik im Weltfußball war. Eine Entwicklung, die vor vier Jahren noch nicht ersichtlich war, die jedoch wieder einmal beweist, dass keine Formation der anderen per se überlegen ist, sondern immer in Abhängigkeit zum jeweiligen Entwicklungsstand des Fußballs steht. Es wäre allerdings falsch zu behaupten, dass das 4-2-3-1 und seine nahen Verwandten, das 4-4-2 und das 4-4-1-1 gegen den Ball, ausgedient haben. Und auch wenn derzeit nichts daraufhin deutet, dass Dutt einer Rückkehr zum 4-2-3-1 plant, sollte man diese Variante nicht ausschließen. Ein paar Vorteile bietet dieses System nämlich schon noch. Es gehört inzwischen zur Grundausbildung des Fußballs und wird von allen Spielern verstanden, sodass es keiner großen Umstellung bedarf, auf ein 4-2-3-1 umzustellen. Daher kann es auch im Laufe der Saison oder auch im Laufe eines Spiels problemlos eingesetzt werden, wenn es die Umstände erfordern. Diese Umstände dürften dann eher im defensiven Bereich oder der Taktik des Gegners begründet sein, denn in der Offensive scheint dieses System auch weiterhin nicht optimal zu Werders Personal zu passen.

Wofür entscheidet sich Dutt?

Derzeit deutet alles darauf hin, dass Dutt sich zum Saisonbeginn für die Raute entscheidet. In den nächsten Wochen kann zwar noch viel passieren, doch es müsste wohl schon einiges schief laufen, damit Dutt von der Taktik abweicht. Weitere Abgänge und/oder Neuverpflichtungen könnten dabei ebenfalls eine Rolle spielen. Das Gerüst des Teams steht jedoch und solange keine tragenden Säulen den Verein verlassen, wird Dutt daran festhalten. Offene Planstellen sind derzeit eigentlich nur im Mittelfeld zu finden, wo die Auswahl groß ist und kein Spieler als gesetzt gilt. Hier bleibt abzuwarten, ob sich bis zum Saisonauftakt eine klare Hackordnung herausbildet oder Dutt in den ersten Pflichtspielen noch puzzelt.

Dutt ist jedoch kein Trainer, der stur an einem System festhält. Es würde mich schon sehr überraschen, wenn die Raute die komplette Saison über verwendet würde. Werders taktische Flexibilität ist mit den Neuverpflichtungen gewachsen und abhängig von Gegner, Spielstand und aktueller Form wird Dutt sicherlich die Formation anpassen. Gut möglich also, dass wir alle vier hier vorgestellten Varianten früher oder später zu sehen bekommen. Wichtig bleibt vor allem, dass Dutt mit seinem System den geeigneten Rahmen schafft, in dem er die taktischen Feinheiten und das Passspiel seiner Mannschaft weiterentwickeln kann. Denn 2014/15 dürfte für Werder eine “Trainersaison” werden, eine Spielzeit, in der es sehr auf die Entwicklung der Mannschaft ankommt, wenn man sich tatsächlich von Anfang an aus dem Abstiegskampf heraushalten möchte.

Ist Dutt in Bremen schon am Ende?

In meinem letzten Beitrag habe ich anklingen lassen, dass die Luft für Robin Dutt als Werder-Trainer langsam dünn wird und mein Vertrauen darin, dass er Werder zurück auf den richtigen Weg führen kann, schwindet. Dafür wurde mir von manchen Lesern ein zu hartes und von manchen ein zu weiches Urteil vorgeworfen. Deshalb soll es hier statt um die wie erwartet deutliche Niederlage gegen Borussia Dortmund um eine etwas detailliertere Bewertung von Robin Dutts Arbeit gehen. Dabei sind für mich zwei Punkte entscheidend: Wie groß ist Dutts Anteil an der sportlich schlechten Situation und welche Argumente sprechen noch für den Trainer?

Ist das Fußball oder kann das weg?

Spielerisch gehört Werder in dieser Saison zu den schlechtesten Mannschaften der Bundesliga. Bei Ballbesitz und Passquote liegt das Team auf dem letzten Platz. Gerade Werder ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, dass gute Werte bei Ballbesitz und Passquote keinen Erfolg garantieren, bzw. nur begrenzt als Qualitätsbeweis taugen. In der Vergangenheit wurde Werder oft genug von Mannschaften geschlagen, die deutlich schlechtere Passquoten und wesentlich weniger Ballbesitz hatten. Das Paradebeispiel dafür war FSV Mainz, die bei ihren Auswärtssiegen in Bremen 2013/14 (69% Passquote, 43% Ballbesitz) und 2011/12 (64% Passquote, 35% Ballbesitz) in diesen Kategorien jeweils deutlich schlechter abschnitten, als ihr Gegner.

Die schlechten Werte sind nicht nur Resultat einer allgemeinen Verschlechterung des Bremer Passspiels, sondern auch einer Abkehr von Schaafs Kurzpassfußball hin zu einem reaktiven Stil. Dieser Stilwechsel kam nicht überraschend und ich halte ihn auch nach wie vor für richtig. Die Grundlagen, die Werder in den letzten Jahren der Ära Schaaf fehlten, und die noch immer fehlen, waren eher im taktischen Bereich und in der Defensivorganisation zu suchen, während man spielerisch noch immer konkurrenzfähig war. Man geht nun also bewusst einen Schritt zurück. Der Aufbau einer neuen spielerischen Identität, so das Kalkül dahinter, braucht weitaus mehr Zeit, als die Vermittlung einer pragmatischen Spielweise, die mangelnde Klasse durch hohe Bälle und viel Kampf zumindest vorübergehend wettmachen kann. Deshalb ist die desolate spielerische Verfassung der Mannschaft für mich derzeit nicht der Maßstab, um Dutts bisherige Arbeit zu bewerten – wohl aber seine zukünftige Arbeit, sofern er in der nächsten Saison noch Trainer ist, denn die momentane Spielweise darf nur eine Momentaufnahme, ein Mittel zum Zweck sein.

Verzweifelt gesucht: Defensive Stabilität

Ist also alles Gut im Werder-Land? Nein, denn die Ausführung der beschriebenen pragmatischen Spielweise lässt noch zu wünschen übrig. Bei 45 Gegentoren in 20 Spielen lässt sich nicht von einer defensiven Stabilisierung sprechen. Normalerweise müsste diese Bilanz in Verbindung mit den oben genannten spielerische Schwächen dazu führen, dass Werder chancenlos absteigt. Warum aber steht Werder auf dem 13. Platz? Zum einen liegt es an der Schwäche der Konkurrenz. Am gleichen Spieltag der Vorsaison hätten Werders 20 Punkte den Relegationsplatz bedeutet. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass Werder allen Gegentoren zum Trotz bereits sechs Mal ohne Gegentor blieb, was seit vier Jahren nicht mehr gelungen ist.

Diese Spiele ohne Gegentor sind der (einzige?) Schlüssel zum Erfolg in dieser Saison. 14 der 20 Punkte wurden in diesen Spielen geholt. Es versteht sich von selbst, dass Spiele ohne Gegentor zu Erfolg führen, doch für Werder gilt dies in besonderem Maße, weil offensiv so wenig Gefahr ausgestrahlt wird, dass es kaum möglich ist, einen Rückstand aufzuholen. Darum verwundert es umso mehr, dass Dutt zur Hälfte der Hinrunde vom bis dahin recht erfolgreichen Defensivstil abwich und sich an einer offensiveren Ausrichtung versuchte. Statt tief zu verteidigen wollte man nun im Mittelfeld das Gegenpressing suchen und dadurch zu höheren Ballgewinnen kommen. Wenn schon kaum einmal drei Pässe in Folge ankommen, dann soll wenigstens der Ball höher auf dem Spielfeld gewonnen werden, um den Weg zum Tor gering zu halten. Paradebeispiel dafür war Kroos Tor auf Schalke. Zwischen dem 11. und dem 16. Spieltag erzielte Werder die Hälfte aller Saisontore. Allerdings kassierte man zu dieser Zeit auch die Hälfte aller Saisontore. Bei einem Torverhältnis von 24:45 kann das nicht wünschenswert sein.

Bitte Umschalten

Im letzten Spiel vor der Winterpause korrigierte Dutt seinen Fehler und stellte sein Team gegen Bayer Leverkusen wieder sehr defensiv ein. Werder gewann das Spiel nicht einmal unverdient und besiegte damit zum ersten Mal seit Mai 2011 wieder ein Team aus den Top 4 der Tabelle. Dennoch scheint Dutt nicht richtig davon überzeugt zu sein, es bis auf weiteres bei dieser Spielweise zu belassen. Gegen Braunschweig zuhause erwies sie sich als ungeeignetes Mittel, in Augsburg bewegte ihn erst Garcias Platzverweis dazu. Gegen Dortmund pendelte Junuzovic in einer Rolle zwischen zweitem Sechser und vorderstem Angreifer im Pressing. Es gehört im heutigen Fußball zur Normalität, dass Teams zwischen verschiedenen Systemen wechseln. Dutt täte aus meiner Sicht jedoch gut daran, sein Team vorerst in einem einfachen System aufzustellen und es bei der besagten defensiven Spielweise zu belassen (wie es nebenbei bemerkt auch Schaaf am Ende der letzten Saison getan hat, was mMn. ein wichtiger Faktor für den Klassenerhalt war).

Zu den wichtigsten Eigenschaften erfolgreicher reaktiver Mannschaften gehört im modernen Fußball ein gutes Umschaltspiel. Dies ist aus meiner Sicht Werders größtes Versäumnis in dieser Saison. Wer wenig Ballbesitz hat, sich also nicht aus dem eigenen Aufbau in den gegnerischen Strafraum kombinieren kann, muss andere Wege finden, um zu Torchancen zu kommen. Ein hohes Pressing kann Werder nicht riskieren, wie die zweite Hälfte der Hinrunde gezeigt hat. Die Lösung müsste daher ein schnelles und direktes Umschaltspiel sein, bei dem der Ball über wenige Stationen direkt in die Spitze geleitet wird. Hierzu scheint Werders Kader nicht geeignet besetzt zu sein. Elia und Petersen sind zwar schnell, doch ihnen mangelt es an Spielintelligenz und cleveren Laufwegen. Im defensiven Mittelfeld fehlt dazu ein zuverlässiger Umschaltspieler. So ist es meistens Aaron Hunt, der gesucht wird. Mit seiner für Werder einzigartigen Technik und Ballbehauptung kann er in der gegnerischen Hälfte Bälle verarbeiten, die sonst meistens verloren gehen. Allerdings geht dabei zumeist das Tempo verloren. Der Ball wird mangels direkter Anspielstationen gehalten und bis Spieler nachrücken wurde Hunt bereits gedoppelt.

Ich könnte mir vorstellen, dass Werders Schwächen im Umschaltspiel der Hauptgrund dafür sind, dass Dutt nicht konsequenter auf ein tiefes Defensivsystem setzt. Vor diesem Hintergrund erscheint die Verpflichtung von Fin Bartels vielversprechend.

Leitwölfe und Nachwuchsspieler

Derzeit spalten sich die Fans zunehmend in diejenigen, die Dutt die (Haupt-)Schuld an Werders schlechter Saison geben und diejenigen, die Werders Kader als zu schwach ansehen, um sich aus dem Abstiegskampf heraushalten zu können. Ich halte Werders Kader für bestenfalls durchschnittlich, aber nicht so schwach, dass Platz 13 das höchste aller Gefühle ist. Ich teile Thomas Eichins Einschätzung, dass mit dem Kader Platz 8 bis 14 realistisch ist. Das Hauptproblem, gerade im Vergleich zu Mittelklasseteams wie Augsburg oder Mainz, ist, dass Werders Kader nicht gut ausgewogen erscheint. Während auf einigen Positionen ein Überangebot an Alternativen vorhanden ist, können andere über Monate nur notdürftig besetzt werden. Hervorzuheben wäre hier die Position des defensiven, sprich: aufbauenden Sechsers. Hier ist Felix Kroos die einzige echte Option, während für die Position des offensiveren Sechsers (oder Achters, Box-to-Box Spielers, wie auch immer man ihn nennen will) mit Makiadi, Bargfrede, Junuzovic und Ignjovski gleich vier Spieler zur Auswahl stehen. Mit Di Santo spielte lange Zeit ein Mittelstürmer auf der linken Außenbahn. Spieler wie Elia und Petersen sind trotz ihrer oben angesprochenen Schwächen gesetzt.

Trotz der beschränkten Möglichkeiten hat Dutt einige riskante Personalentscheidungen in dieser Saison getroffen. Die Ausbootung von Mielitz mag man menschlich für hart und sportlich für falsch halten, sie wird aber keinen allzu großen Einfluss auf den Saisonverlauf haben. Das Festhalten an Fritz und Makiadi hingegen ist bzw. war ein Risiko. Zwar hat keiner von beiden in der Hinrunde durchgehend schlecht gespielt (bei Fritz wird gerne seine starke Form zu Saisonbeginn übersehen), doch die von Dutt auserkorenen Führungsspieler sind in dieser Saison keine Leistungsträger. Das Zögern des Trainers ist an dieser Stelle verständlich, da solche Wechsel mehr als nur sportliche Auswirkungen haben. Ich sehe es aber als positives Zeichen, dass Dutt Makiadi gegen Dortmund auf die Bank gesetzt hat, allein schon als Signal, dass sich die Mannschaft nicht von selbst aufstellt und die Lieblinge des Trainers eine Einsatzgarantie haben.

Ein weiterer Kritikpunkt an Robin Dutt ist sein zögerliches Einbinden des eigenen Nachwuchses. Vor der Saison wurde die Wichtigkeit der Nachwuchsarbeit für Werders Zukunft propagiert und Dutts Fähigkeiten in diesem Bereich gepriesen. Verständlich also, dass die bislang nur partielle Einbindung von Jugendspielern für Irritationen sorgt. Allerdings sollte man dabei nicht übersehen, dass mit Kobylanski, Lorenzen, Selke und Aycicek bereits vier Spieler unter Dutt ihr Bundesligadebut gaben und auch andere Spieler wie von Haacke, Zander, Hilßner und Rehfeldt bereits im Kader standen. Mir erscheint die Kritik aber ohnehin zu kurz gedacht, denn das Heranführen der vorhandenen Jugendspieler an den Profibereich ist nur eines der Probleme in Werders Jugendarbeit. Mindestens ebenso wichtig ist die strukturelle Überarbeitung der Abteilung, die bereits begonnen hat und die mittelfristig zu Ergebnissen führen sollte. Die Vorgehensweise, junge Spieler erst bei den Profis reinschnuppern zu lassen und sie dann in der Folgesaison zu verleihen (siehe Füllkrug und Wurz), damit sie Spielpraxis auf höherem Niveau sammeln, scheint mir ebenfalls sinnvoll, um den Sprung aus der A-Jugend bzw. der Regionalliga in die Bundesliga zu schaffen.

Should he stay or should he go?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich weiterhin hinter Dutt stehe oder nicht. Zieht man die nüchternen Fakten heran, muss man klar zu dem Schluss kommen, dass Dutt den Erwartungen hinterherhinkt. Werder kassiert nicht weniger Gegentore als in den letzten Jahren, ist spielerisch so schwach wie noch nie zu meiner Zeit als Fußballfan und rückt immer näher an die Abstiegsplätze heran. Was also spricht noch für Dutt?

Der grundsätzliche Weg, den Werder vor einem Jahr mit dem Dienstantritt von Thomas Eichin eingeschlagen hat, ist nach wie vor richtig. Es war eine bewusste Entscheidung, sich von Thomas Schaaf zu trennen und einen Trainer zu verpflichten, der seine Stärken im analytischen und taktischen Bereich hat. Ich sehe Dutt noch immer als passenden Trainer für die Aufgabe, Werder zunächst taktisch und dann spielerisch wieder flott zu machen. Das wichtigste sportliche Ziel dieser Saison, der Klassenerhalt, ist zwar in Gefahr, aber noch nicht so akut, dass es ein Eingreifen der Geschäftsführung zwingend erforderlich macht. Das kann sich im Fußball schnell ändern, doch Eichin hat mit seinem letzten Treueschwur noch einmal deutlich gemacht, dass er einen Wechsel auf der Trainerbank nicht anstrebt.

Ob er diese Haltung bis zum Ende der Saison durchhalten kann, wird sich in den nächsten 5-6 Wochen entscheiden. Nach dem Spiel gegen Gladbach kommen gleich fünf Partien gegen direkte Konkurrenten (Frankfurt, Hamburg, Nürnberg, Stuttgart, Freiburg), in denen man sich entweder Luft verschaffen oder ganz tief in den Abstiegskampf rutschen kann. Übersteht Dutt diese Phase, wird er die Chance bekommen, die Mannschaft weiter nach seinen Vorstellungen zu formen und im Sommer weiter an der Neuaufstellung des Kaders zu arbeiten.

Auch wenn ich nicht zu einem endgültigen Urteil komme, ob Dutt weiterhin Trainer bleiben soll, muss ich feststellen, dass mir diese Frage gar nicht so wichtig ist. Entscheidend ist für mich, dass Werder den eingeschlagenen Weg weitergeht. Damit ist weniger das derzeitige Geschehen auf dem Platz gemeint, als die Umstrukturierung der wichtigen Bereiche im Verein: Die Vorbereitung auf den Abschied der alten Hasen Fischer und Lemke, die Anpassung der Jugendarbeit an die Anforderungen des Vereins oder auch die Neubesetzung im Scouting. Kurz: Die Beantwortung der Frage, wie Werder nach der Konsolidierung zu einem Mittelklasseverein wieder nach oben kommen kann, erscheint mir wichtiger, als die Trainerfrage. Deshalb war eine der wichtigsten Nachrichten der letzten Monate aus meiner Sicht auch diese hier.

Einmal Torhüterdiskussion bitte

Da haben wir sie also endlich: Die Torhüterdiskussion. So sehr ich mich über den tollen Empfang für Tim Wiese im Weserstadion gefreut habe, so vorhersehbar war die folgende Themensetzung in den Medien: Der in Hoffenheim aussortierte Ex-Nationaltorwart soll bitte schön nach Bremen zurück kommen und den “Unsicherheitsfaktor” Mielitz ersetzen. Gute, alte Zeit.

Das Abschiedsspiel von Torsten Frings war eine schöne Gelegenheit, noch mal ein paar Werder-Legenden in Aktion zu sehen. Wer beim Empfang von Diego, Johan Micoud und Thomas Schaaf keine Gänsehaut hatte, muss schon sehr abgehärtet sein. Das darauf folgende Spiel war schön anzusehen, inklusive leichtfüßiger Offensivaktionen aus dem Hause Micoud, Ailton, Diego und Klasnic. Zum Schluss dann die obligatorische Auswechslung des eigentlichen Stars des Abends mit anschließender Lasershow und Musik. Ein rundum gelungener Abend, um kurzzeitig aus der tristen Gegenwart zu entfliehen und sich an der schönen Vergangenheit zu ergötzen. Nostalgie pur mit Klatschpappen und La Ola.

Wie man jedoch auf die Idee kommen kann, aus einem Kirmes-Kick im Altherren-Tempo irgendwelche Ableitungen auf Werders gegenwärtige Situation zu machen, ist mir schleierhaft. Aus lautem Beifall für Tim Wiese und gelegentlichen “Wiese für Bremen” Rufen (die jedoch deutlich leiser waren als die “Wiese für Deutschland” Rufe) wurde in der Regenbogenpresse nun also die Forderung nach einer Wiese-Rückkehr. Und tatsächlich gibt es nach wie vor Werderfans, die Wiese gerne wieder als Torwart in Bremen sehen würden. Das erklärt aber noch nicht, warum dies in den letzten Tagen zu einem öffentlich diskutierten Thema wurde.

Das Transferfenster ist geschlossen, Trainer Robin Dutt hat Mielitz früh in der Vorbereitung zu seiner Nummer Eins erklärt und es gab und gibt keinerlei Anzeichen, dass Werder auf der Torwartposition in näherer Zukunft eine Veränderung anstrebt. Im Gegenteil, wurden doch mit Wolf und Strebinger vor einem Jahr gleich zwei Torhüter verpflichtet, die als Ersatz und Konkurrenten für Mielitz herhalten sollen. Doch selbst wenn man diese Punkte ausblendet und unterstellt, dass Werder zukünftig nicht auf Mielitz setzen will und auf der Suche nach einem Nachfolger ist, warum um alles in der Welt sollten sie dann Tim Wiese zurückholen?

Die beiden häufigsten Kritikpunkte an Mielitz sind seine angeblich fehlende Ausstrahlung sowie eine zu hohe Fehlerquote, weshalb er für das Team kein echter Rückhalt sei. Während man Wiese in puncto Ausstrahlung durchaus hinterher trauern kann, leistete er sich in Bremen doch auch immer wieder kleinere wie größere Fehler. Trotz folgenschwerer Aussetzer wie in Turin und Glasgow kommen bei Wiese zuerst die Derby-Wochen 2009 gegen den HSV in Erinnerung. Damals war Wiese auf dem Höhepunkt seiner Karriere, stand im Kader der Nationalmannschaft und war trotz einer starken nachwachsenden Torhütergeneration unumstritten einer der besten deutschen Torwärte.

Schon damals war jedoch absehbar, dass Wiese auf kurz oder lang durch seine limitierten Fähigkeiten jenseits der Torlinie von jüngeren Konkurrenten überholt werden würde. Ab der Saison 2010/11 kamen seine Schwächen bei hohen Bällen, beim Herauslaufen und vor allem beim Mitspielen immer mehr zur Geltung – auch weil immer mehr andere Torhüter in der Bundesliga in diesen Bereichen gut waren. Offensichtlich wurde jedoch auch, dass das Bremer Umfeld Wiese seine Fehler lange Zeit schnell und gerne verzieh, was zunächst einmal ein positives Zeichen ist. Im Verein selbst sieht es jedoch anders aus, hier konnte man sich schon fragen, ob man den richtigen Zeitpunkt zum Wechsel auf der Torhüter-Position nicht verpasst hatte. Mielitz zeigte zwischen 2010 und 2012 gute bis sehr gute Leistungen in den Spielen, in denen er den verletzten oder gesperrten Wiese vertreten durfte. Aus sportlicher Sicht wäre der Wechsel ab Winter 2010 vertretbar, aus perspektivischer Sicht sogar angebracht gewesen.

Dehnen wir die Torwartdiskussion ein wenig allgemeiner aus

Es ist schon erstaunlich, dass bei einem ehemaligen Vorreiter des modernen Fußballs innerhalb weniger Jahre die meisten Entwicklungen verschlafen oder sogar bewusst ignoriert wurden: Modernes Aufbauspiel, moderne Sechser, modernes Flügelspiel, modernes Pressing, modernes Torwartspiel. Fast so, als wolle man sich plakativ den Trends im Fußball verweigern. Torsten Frings war Anfang des letzten Jahrzehnts eine fast schon revolutionäre Besetzung auf der Sechserposition – 2010 war er es nicht mehr. Im neuen Jahrzehnt zeichnete sich Werder vor allem dadurch aus, dass man der guten, alten Zeit hinterhertrauerte und sich sehnlichst die alten Verhältnisse zurückwünschte. Fast so, als hätte man im Biotop Bremen die Entwicklungen des deutschen wie europäischen Fußballs der letzten fünf Jahre nicht mitbekommen. Als Dortmund mit perfektem Pressing und Gegenpressing deutscher Meister wurde, sehnten wir uns nach einem neuen Spielmacher in der Tradition von Micoud und Diego. Als unterklassige Gegner Werder reihenweise mit Tempofußball auskonterten, sehnten wir uns nach einem besseren Sturmpartner für Claudio Pizarro, der ebenfalls 20 Tore pro Saison schießt. Als hoch-pressende Gegner unser Aufbauspiel völlig lahmlegten, wünschten wir uns einen Führungsspieler wie Frings im Mittelfeld zurück. Und nun, wo wir nach und nach endlich auf dem Weg sind, diese ganzen Versäumnisse langsam aufzuholen (dazu zähle ich die letzte Saison schon mit; Stichpunkte Pressing und Flügelspiel), möchten wir also einen Torwart zurück, der wie kaum ein anderer aktiver Bundesligatorwart noch die “alte” Torhüterschule repräsentiert.

So schön das Abschiedsspiel war, es sollte auch als Schlussstrich dienen. Die Zeit damals war toll und wird schwer jemals zu toppen sein. Aber sie ist Vergangenheit und wir werden sie nicht dadurch zurückbekommen, dass wir uns krampfhaft an sie zu klammern versuchen. War Werder unter Schaaf etwa erfolgreich, weil er versucht hat, die Tugenden der Rehhagel-Zeit wieder aufleben zu lassen? Hat er Bratseth als Libero und Borowka als Vorstopper zurückgeholt? Im Gegenteil, Schaaf hat ein Spielsystem perfektioniert, mit dem Frankreich ein Jahr vor seiner Amtsübernahme Weltmeister geworden ist, hat auf Viererkette, flexible Stürmer (Pizarro, Klasnic, Klose) und spielstarke Sechser (Baumann, Ernst, Frings) gesetzt. Er hat als einer der ersten deutschen Profitrainer Angriffspressing spielen lassen. Das war damals alles state of the art. Werder wurde nicht zu einem der beliebtesten Vereine der Liga, weil der Fußball so schön an die 80er und 90er Jahre erinnert hat, sondern weil er erfrischend neu und anders war, als das, was viele andere Vereine gemacht haben. Nur: Er ist es nicht mehr, das sollte nach ein paar Jahren so langsam jeder verstanden haben. Die Phase der Neu(er)findung ist selten schön, aber sie ist wichtig. Ein nostalgischer Blick zurück hingegen ist immer schön, sollte jedoch nicht den Blick voraus trüben.

Danke, Jungs, für das tolle Abschiedsspiel. Es war schön euch wieder zu sehen und ich denke gerne an euch zurück. Aber ihr seid unsere Vergangenheit, nicht unsere Zukunft. So long, and thanks for all the fish.

Krise? Ja – aber welche?

Die Bundesliga hat noch nicht mal begonnen und schon macht das Wort “Krise” die Runde, wenn über Werder Bremen berichtet wird. Ist es wirklich angebracht, nach nur einem verlorenen Pflichtspiel direkt wieder die Krisenrhetorik auszupacken?

Thomas Schaaf pflegte sich in solchen Situationen gerne darüber zu echauffieren, wie schnell die Medien dazu neigen, trotz weniger gespielter Partien bereits Abstiegskandidaten und sichere Meisterschaftsanwärter zu benennen. Das waren allerdings auch noch Zeiten, in denen Werder um die Champions League Plätze mitspielte und ein 2:2 in Bochum noch ein peinlicher Ausrutscher war. Ein Erstrundenaus im DFB-Pokal gegen einen Drittligisten gehört hingegen so langsam zum Bremer Fußballalltag. Deshalb stellt sich die berechtigte Frage: Ist das noch Krise oder ist das schon Normalzustand? Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd: Die Krise ist Normalzustand geworden.

An dieser Stelle stellt sich die Frage nach einer Begriffsdefinition. In der boulevardesken Welt des Fußballjournalismus wird die Etikettierung an den letzten drei Ergebnissen festgemacht: Drei Mal verloren? Krise! Drei Mal gewonnen? Höhenflug! Mit dieser, auf kurzfristige Effekte fokussierten Betrachtungsweise kommen wir hier jedoch nicht zum Ziel. Wir drehen uns munter im Kreis und konstatieren mal eine Testspielkrise her, mal eine Pokalkrise dort. Immer in der Hoffnung, dass nun bitte der “Befreiungsschlag” kommen möge, der dem ganzen Spuk eine Ende bereitet. Aber weder war die Krise der Vorsaison mit dem Beginn der Sommervorbereitung vorbei, noch kann man davon ausgehen, dass sie es bei einem Sieg in Braunschweig wäre. Werder befindet sich vielmehr in einer strukturellen Krise. Diese Krise hat sich über Monate und Jahre mal mehr, mal weniger schleichend im Verein ausgebreitet und wird sich nicht in kurzer Zeit vertreiben lassen. Sollte Werder am Samstag in Braunschweig gewinnen, so ist das kein Befreiungsschlag, sondern lediglich eine (wenngleich wichtige) Genugtuung in Reaktion auf das Pokalaus.

Dies soll nicht die Wichtigkeit der Partie herunterspielen. Bei einer erneuten Niederlage droht die ohnehin schon angespannte Stimmung vollends zu kippen. Fans haben in der Regel ein ganz gutes Gespür dafür, ob ihre Mannschaft in einem Spiel alles gibt oder eher ein Pflichtprogramm herunter spult. In sportlich mageren Zeiten sind sie besonders dafür sensibilisiert. Wenn es schon keinen schönen Fußball zu bestaunen gibt, dann sollen die Herren Profis wenigstens Gras fressen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Mannschaft Fans und Umfeld wieder auf ihre Seite bekommt. Nur darauf lassen sich spielerische und taktische Feinheiten aufbauen, die aus Werder wieder mehr als nur ein Team aus dem unteren Tabellendrittel machen können.

Anders als in der Schlussphase der letzten Saison geht es derzeit nicht darum, den Karren noch schnell aus dem Dreck zu ziehen, bevor der Abstieg unvermeidlich wird. So mag die Angst vor einer Saison, in der der Klassenerhalt erneut erzittert werden muss, begründet sein. Deshalb von “Abstiegskampf ab dem 1. Spieltag” zu sprechen wäre dennoch falsch. Werder muss nicht nach vier Spieltagen zu drastischen Maßnahmen greifen, um das Ruder noch irgendwie rumreißen zu können. Vielmehr ist Robin Dutt gefordert, seinem Team nach und nach sein System so gut einzutrichtern, dass es funktioniert. Selbst ein Verein wie Augsburg hat vorgemacht, wie man trotz eines miserablen Starts mit fußballerischen Mitteln (selbstredend auf Grundlage großer Kampfbereitschaft) wieder nach oben kommen kann.

Wir können lange in Selbstmitleid versinken, weil unser Kader so schwach ist und keinen gehobenen Ansprüchen mehr genügt. Das ist der Stand heute, und er war schon vor der Saison ebenso bekannt wie der Umstand, dass nicht viel Geld vorhanden ist, um daran etwas zu ändern. Die Altlasten des Kaders lassen sich nicht in nur einer Transferperiode loswerden, wie Thomas Eichin treffend feststellte. Lautstark war in letzter Zeit eine bessere Einbindung der Jugendspieler gefordert worden, welche nun mangels Alternativen in der zweiten Reihe sicherlich kommen wird.

Wie lange wird es dauern, bis Werder die Krise hinter sich gelassen hat? Und befindet man sich noch im Abwärts- oder schon wieder im Aufwärtstrend? Das wird man erst mit etwas Abstand feststellen können. Wie bereits in meinem Post zum Saisonauftakt geschrieben, bin ich der Meinung, dass Werder die richtigen Weichen bereits gestellt hat. Doch Fußballvereine in langandauernden Krisen sind sensible Gebilde. Manch ein Verein hat sich nie mehr davon erholt. Werder hat sich immer durch Geduld und eine gewisse Gelassenheit ausgezeichnet, sowohl was die Vereinsführung als auch was die Fans angeht. Beides wird es auf dem schwierigen und mutmaßlich langen Weg zurück nach oben brauchen. Die Geduld gegenüber Leistungen wie beim Spiel in Saarbrücken ist hingegen am Ende.

Werder Bremen vor der Saison 2013/14

Am Sonntag beginnt für Werder in Saarbrücken die Saison Eins nach Thomas Schaaf. Nachdem die letzten drei Jahre – egal wie man es dreht und wendet – die in Kombination erfolglosesten seit dem Wiederaufstieg 1981 waren, soll unter der Leitung von Robin Dutt und Thomas Eichin alles besser werden. Dabei werden die beiden neuen Entscheidungsträger nicht müde zu betonen, dass eine Umkehr der sportlichen Talfahrt Zeit braucht. Wird die kommende Saison also nicht mehr als ein Aussähen der Erfolgsspur für kommende Jahre?

“Besser als letzte Saison”

Sowohl der neue Trainer als auch der neue Sportdirektor wissen nur zu gut, dass sie es sich nicht leisten können, rein auf zukünftige Erfolge zu spekulieren, wenn in der Gegenwart der Abstiegskampf droht. Sie haben keinen Erfolgsbonus aus der Vergangenheit, der Schaaf und Allofs lange Zeit vor übermäßiger Kritik schützte. Andererseits hat sich die Erwartungshaltung in Bremen inzwischen der neuen Realität angeglichen. Kaum jemand erwartet für die Saison 2013/14 ernsthaft mehr als einen gesicherten Mittelfeldplatz oder würde einen solchen gar als Misserfolg bewerten. Deshalb tun Dutt und Eichin derzeit auch gut daran, die Erwartungen nicht grundlos zu schüren und jenseits des “besser als letzte Saison” kein offizielles Saisonziel auszuloben. Wie schnell aus einer trostlosen Stimmung eine Euphorie entstehen kann, die Werder auf dem Weg zurück in die Champions League Ränge sieht, haben wir zu Beginn der letzten Saison festgestellt.

In dieser Sommerpause ist die allgemeine Stimmungslage wohl mit “vorsichtig optimistisch” am besten beschrieben, wobei sich der Optimismus vor allem darauf bezieht, nicht erneut bis kurz vor Saisonende gegen den Abstieg kämpfen zu müssen. An einer überzogenen Erwartungshaltung wird man in dieser Spielzeit gewiss nicht scheitern. Nicht einmal die zwischenzeitliche Niederlagenserie in der Vorbereitung sorgte – außerhalb der einschlägig bekannten Medienerzeugnisse – für großen Wirbel. Zwar ist die Verunsicherung als Folge der miserablen letzten Rückrunde noch immer spürbar, doch die Bereitschaft der meisten Fans, dem neuen Trainer Zeit beim Formen seiner Mannschaft zugewähren, scheint ungebrochen.

Drahtseilakt für Dutt und Eichin

Dies kann sich freilich schnell ändern, wenn der Saisonbeginn ähnlich schwache Ergebnisse bereithält. Nicht umsonst hört man in diesem Sommer noch häufiger als sonst die Floskel, dass es auf einen guten Saisonstart ankomme. Hierbei wird jedoch auch der Drahtseilakt offensichtlich, den Dutt und Eichin zu bewältigen haben. Einer der Kritikpunkte lautete zuletzt immer wieder, dass junge Spieler bei Werder zu wenig Chancen und Einsatzzeit bekämen. Ein Vorwurf, der mit der Verjüngung des Kaders in den letzten Jahren nur bedingt ausgeräumt werden konnte. Denn problematisch war weniger eine generelle Vernachlässigung junger Spieler als eine zu geringe Durchlässigkeit zwischen eigenem Nachwuchsbereich und Profiteam. Dies zu ändern ist eine Aufgabe, die nur langfristig und mit großen Anstrengungen des gesamten Vereins gemeistert werden kann. Die Jugendarbeit soll verbessert und unter ein einheitliches Konzept gestellt werden, die U23 sich von Ihrem Image als Talentfriedhof befreien und die Profiabteilung den jungen Spielern mehr Einsatzzeiten ermöglichen. Gleichzeitig muss aber auch noch eine Bundesligasaison absolviert werden, in der klare Verbesserungen zumindest zur letzten Rückrunde erkennbar sein sollen.

Während bei der Jugendarbeit jedem noch so ungeduldigen Kritiker klar sein dürfte, dass die Erfolge der ergriffenen Maßnahmen frühestens in einigen Jahren beurteilt werden können, setzt in der Bundesliga schnell das ein, was als “Gesetzmäßigkeit der Branche” bezeichnet wird: Nur wer gewinnt hat recht. Solange Werder sich aus der Abstiegszone fernhält, wird die B-Note für die Bewertung von Robin Dutts Arbeit herangezogen: Wie entwickelt sich das Team? Wie funktioniert das neue System? Sind Verbesserungen im individual- und mannschaftstaktischen Bereich erkennbar? Stimmt die Einstellung? Gerät Werder jedoch erneut in den Abstiegsstrudel ist es schnell vorbei mit dem Blick für die Details. Dann werden erneut Fragen nach der Qualität des Kaders aufkommen und ob es nicht ein viel zu hohes Risiko war, erneut mit einer solch jungen Mannschaft in die Saison zu starten. Eichin wird sich für fehlende Transfers verantworten müssen und Dutt für die Fehler in seinem System.

Weichenstellungen für die Zukunft

Ich persönlich gehe mit einer gehörigen Portion Optimismus in die neue Saison. Nicht, weil ich glaube, dass nun, wo Schaaf nicht mehr Trainer ist, automatisch alles besser wird. Auch nicht, weil ich einen kometenhaften Aufstieg in den kommenden Jahren erwarte (der Vergleich mit dem BVB von 2008 hält sich hartnäckig), sondern weil Werder Bremen im Jahr 2013 etwas geschafft hat, was ihm viele Kritiker – und da will ich mich nicht ausnehmen – nicht mehr zugetraut haben: Der Verein hat sich von selbst erneuert. Es wurde mit Eichin ein Geschäftsführer von Außen hinzugeholt, der einen distanzierteren Blick auf die sportliche Situation hatte und somit frei von Sympathiebonus und Dankbarkeit für vergangene Erfolge Entscheidungen treffen konnte. Mit Dutt wurde ein Trainer verpflichtet, der sowohl zur jungen Generation der “Konzepttrainer” zählt, als auch schon Erfolge im Bundesligafußball vorweisen kann. Dazu kommen einige Personalentscheidungen im Nachwuchsbereich sowie die Einbindung des noch immer recht neuen Aufsichtsratsmitglieds Marco Bode, der sich die Jugendförderung auf die Fahnen geschrieben hat.

Häufiger habe ich in den letzten Monaten die Meinung gehört, Werder habe durch die Trennung von Thomas Schaaf sein Gesicht verloren. Dahinter steht jedoch auch immer die Chance, sich ein neues Gesicht anzueignen. Ich glaube, dass in diesem Jahr die entscheidenden Weichen dafür gestellt wurden. Vereine, die aufgrund ausbleibender Erfolge hauptberuflich in Erinnerungen an vergangene Heldentaten schwelgen, gibt es im deutschen Fußball wahrlich genug. Werder Bremen soll nicht einer von ihnen werden.

In diesem Sinne: Auf eine schöne und erfolgreiche Saison 2013/14!

Rückrundenzeugnisse 2013

Die Sommerpause ist – vor allem aus Bremer Sicht – nun schon ein paar Tage alt und es hat sich längst ein vorsichtiger Optimismus, vielleicht sogar eine Aufbruchstimmung, in jedem Fall aber eine gewisse Vorfreude auf die neue Saison breit gemacht. Bevor es hier jedoch um Dutt, Neueinkäufe und Ausblicke geht, soll die abgelaufene Saison noch entsprechend gewürdigt werden. Beginnen wir mit der Einzelkritik, wie schon in der Hinrunde ohne (ohnehin völlig sinnlose) Noten:

1 – Sebastian Mielitz

In der Rückrunde schwächer als in der Hinrunde. Hatte in Werders größter Schwächephase selbst eine Krise. Zum Ende der Saison wieder stabilisiert. Insgesamt war seine erste Saison als Stammtorwart schwächer als erwartet. In der nächsten Saison hoffe ich auf eine Steigerung, weil er in vielen Belangen eine Bereicherung für Werders Spiel ist. Hat durch seine Abwürfe sicher 8-10 Torchancen direkt eingeleitet.

4 – Mateo Pavlovic

Hat gute Anlagen und könnte sich nächste Saison zum Stammspieler entwickeln. In der Spieleröffnung klar Werders bester Innenverteidiger (was Affolter vor einem Jahr allerdings auch nicht geholfen hat). Hatte ein halbes Jahr Zeit, um sich an die Bundesliga zu gewöhnen und das hat er auch gebraucht. Von ihm erwarte ich mir viel in der kommenden Saison.

5 – Assani Lukimya

In Erinnerung bleiben vor allem seine drei katastophalen Fehler in Folge. Hat sich dadurch leider schnell wieder aus der Mannschaft gespielt. Im Winter musste man sich noch fragen, warum er trotz Prödls Fehlerquote so wenige Einsätze bekommen hat. In der Rückrunde war er selbst ein Unsicherheitsfaktor. Dennoch glaube ich, dass er zumindest eine gute Nummer 3 in der Innenverteidigung ist.

6 – Kevin de Bruyne

Tolle Rückrunde. Hatte großen Anteil daran, dass Werder letztlich den Klassenerhalt geschafft hat. Sprühte nur so vor Spielfreude und riss das Spiel immer mehr an sich. Im Winter hatte ich noch ein paar Zweifel, aber jetzt halte ich ihn definitiv für bereit, den nächsten Schritt zu einem europäischen Top-Team zu machen. Wenn Chelsea ihn nicht will, wird sich jemand anders finden.

7 – Marko Arnautovic

Auf die starke Hinrunde folgte eine enttäuschende Rückrunde. War zu Jahresbeginn außer Form und verfiel dann wieder zu oft in seine alten Muster (erst übermotiviert, dann entnervt). Verhielt sich im Abstiegskampf unprofessionell, wurde zurecht suspendiert. Mal sehen, ob Werder ihm noch eine Chance gibt und wie er mit Dutt klar kommt. Ich tippe eher auf einen Wechsel. Schade um sein Talent wäre es allemal.

8 – Clemens Fritz

Brauchte lange, bis er in der Rückrunde seine Form fand. Gegen Saisonende gefiel er mir wieder ganz gut. Seine Formschwäche hatte sicher auch mit seinen Verletzungsproblemen zu tun. Ich habe meine Zweifel, ob er in der neuen Saison noch als Führungsspieler vorangehen kann. Andererseits hat er eigentlich die fußballerischen Fähigkeiten dazu. Wenn er fit bleibt, who knows?

10 – Mehmet Ekici

Auch in der Rückrunde ein Rätsel. Zunächst sah es so aus, als habe er endlich seine Rolle unter Schaaf gefunden. Landete dennoch schnell wieder auf der Bank und findet noch immer keine schnellen Lösungen in seinem Spiel. Deshalb passte Werders wohl bester Passer paradoxerweise nicht in Werders kurzpasslastiges Spiel. Ein weiterer Spieler, dessen Zukunft bei Werder unklar ist.

11 – Eljero Elia

In der Hinrunde mehr solider Arbeiter als Kämpfer, in der Rückrunde oft völlig verunsichert. Pendelte zwischen Bank und Startelf und hatte dabei nur wenige Lichtblicke. Ansonsten: Siehe Arnautovic.

13 – Lukas Schmitz

Spielte eine durchwachsene Rückrunde. Der Spielaufbau lief unverständlicherweise häufig über ihn, auch Mielitz’ Abwürfe landeten vorzugsweise bei ihm. Ansonsten bleibe ich bei meiner Einschätzung: Brauchbare Aktionen nach vorne, hinten teilweise mit Stellungsfehlern und durch seine Einfüßigkeit limitiert im Spielaufbau. Müsste irgendwann von einem der Talente aus den eigenen Reihen (Hartherz, Röcker) überholt werden.

14 – Aaron Hunt

Das Niveau aus der Hinrunde konnte er nicht ganz halten. Seine Rückrunde war aber dennoch sehr anständig. Hält den Ball teilweise zu lange, ist aber ansonsten in puncto Spielintelligenz gewachsen. Ein Abgang wäre sehr bitter für Werder, denn eigentlich käme ihm in der nächsten Saison ohne De Bruyne eine noch wichtigere Rolle im Mittelfeld zu.

15 – Sebastian Prödl

Insgesamt eine Saison zum Vergessen. Spielte sich immer wieder aus der Mannschaft, kam aber durch Lukimyas Platzverweise und Fehler und Pavlovics Eingewöhnungszeit immer wieder zurück ins Team. Wenn man Prödls Entwicklung in seinen fünf Jahren bei Werder anschaut, fällt es schwer, sich große Hoffnungen auf eine Verbesserung zu machen. Er sollte in Bremen zum Abwehrchef reifen, macht aber immer noch die gleichen Fehler, wie zu seiner Anfangszeit. Funktionierte zum Saisonende hin etwas besser, als zwei defensive Mittelfeldspieler vor ihm standen.

16 – Zlatko Junuzovic

War der große Leidtragende des Systems der Hinrunde. Werders Probleme im defensiven Mittelfeld wurden von vielen an ihm festgemacht, dabei hat er trotz ungewohnter Position durchgehend auf hohem Niveau gespielt. Als alleiniger Sechser war er dennoch überfordert (die Gründe dafür würden hier den Rahmen sprengen). In der Rückrunde auf offensiveren Positionen überzeugend. Seine Vielseitigkeit in der Offensive wird auch in der kommenden Saison gefragt sein.

17 – Aleksandar Ignjovski

In der Rückrunde kam er durch seine Vielseitigkeit wieder häufiger zum Einsatz und zeigte meistens brauchbare Leistungen. Ich habe bei ihm immer noch das Gefühl, dass er eigentlich noch eine Klasse besser spielen könnte, wenn er mehr Ruhe in seine Aktionen bekommt.

18 – Felix Kroos

Im Sommer zum Innenverteidiger umgeschult kam er über ein paar Nominierungen für den 18er-Kader nicht hinaus. In der zweiten Hälfte der Rückrunde spielte er plötzlich als Teil einer Doppelsechs sehr solide vor der Abwehr. Ich hatte ihn bei Werder schon abgeschrieben, aber jetzt hat er zurecht einen neuen Vertrag bekommen und wird hoffentlich zu einer echten Alternative im Mittelfeld.

19 – Joseph Akpala

Alle Hoffnungen auf Besserung wurden durch seine schwache Vorbereitung in der Winterpause zerstört. Verletzte sich dann und ist eigentlich kaum zu bewerten. Seine Stärken kamen bislang jedenfalls nicht groß zum Vorschein.

22 – Sokratis Papastathopoulos

Gute Rückrunde, gewohnt kämpferisch, aber auch an ihm ging die Rückrundenkrise nicht spurlos vorüber. Durfte neben seiner Stammposition auch als Rechtsverteidiger, Linksverteidiger und Sechser aushelfen, was das Team nicht unbedingt stabilisierte. Die Organisation einer Viererkette gehört nicht zu seinen Stärken. Rieb sich häufig in verbissenen Zweikämpfen auf und hatte mit den häufigen Fehlern seiner Nebenleute zu kämpfen. Dürfte in Dortmund den Sprung machen, den er diese Saison bei Werder nicht machen konnte.

23 – Theodor Gebre Selassie

Durfte in genau einem Saisonspiel den offensiven Außenverteidiger geben, der wohl am ehesten seinen Qualitäten entspricht – am 34. Spieltag, nach Schaafs Abgang. Ansonsten war er insgesamt solide, wenn auch defensiv noch der ein oder andere Wackler zu viel dabei ist.

24 – Nils Petersen

Von seinen Qualitäten blieb über weite Strecken der Rückrunde nur noch sein Spiel gegen den Ball übrig. Spielerisch ist und bleibt er limitiert, verarbeitet Zuspiele in die Spitze zu schlecht und ist erstaunlicherweise auch bei langen, hohen Bällen eher schwach. In der Hinrunde konnte er das durch seine Trefferquote kompensieren, in der Rückrunde nicht. Allerdings ist es nicht seine Schuld, dass Werder keine Alternative im Angriff hatte und vom Einsatz her kann man ihm keinen Vorwurf machen, ganz im Gegenteil. Neben dem Platz ein absoluter Sympathieträger. Seine feste Verpflichtung freut mich und ich hoffe, dass er in der nächsten Saison zurück zur Treffsicherheit findet und an seiner Ballverwertung arbeitet.

25 – Tom Trybull

Vor der Saison Hoffnungsträger, dann aufgrund von körperlichen Problemen kein Thema mehr für den Profikader. Mitte der Rückrunde kam er zurück ins Team und zeigte gleich wieder, dass er ein ganz wichtiger Spieler für Werder werden kann. Leider verletzte er sich dann direkt wieder. Insgesamt daher leider ein verschenktes Jahr.

27 – Johannes Wurtz

Kam nur zu einigen Kurzeinsätzen, zeigte da aber, dass er grundsätzlich in der Bundesliga mithalten kann. War aber viel zu inkonstant und konnte sich in der Regionalliga auch nur selten empfehlen. Von ihm hatte ich mir mehr erhofft.

32 – Özkan Yildirim

Einer der Lichtblicke der Rückrunde. Gerade erst von einer 18-monatigen Verletzung erholt, schaffte er direkt den Anschluss an den Profikader und kam immerhin auf acht Einsätze. Seine Vertragsverlängerung ist ein wichtiges Zeichen, dass man in Zukunft stärker auf den eigenen Nachwuchs setzen will und Yildirim ist einer der talentiertesten Offensivspieler, die Werder in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

34 – Aleksandar Stevanovic

Zwei Kurzeinsätze in der Rückrunde, nachdem die Leihe nach Zwolle im Winter nicht geklappt hat. Ich verstehe noch immer nicht, was Werder mit ihm (und seinem Bruder) vorhat. Talent ist zweifellos vorhanden, aber er wirkt noch immer wie ein Schüler, der sich zu den Profis verlaufen hat. Körperlich scheint es einfach nicht zu reichen.

41 – Niclas Füllkrug

Die gesamte Rückrunde über verletzt. Hoffentlich bekommt er in der kommenden Saison endlich eine Chance in der Spitze. Halte ihn für talentierter und spielstärker als Petersen. Könnte in den nächsten 1-2 Jahren ein moderner Mittelstürmer auf hohem Bundesliganiveau werden.

44 – Philipp Bargfrede

Eine Saison voller Verletzungssorgen. Half nach seiner Rückkehr in der zweiten Hälfte der Rückrunde dabei, Stabilität vor die Abwehr zu bekommen. Ich hoffe er erholt sich nächste Saison von seiner Stagnation in den letzten 18 Monaten, denn eigentlich halte ich ihn noch immer für einen potentiell ziemlich guten Sechser.

Thomas Schaaf

Seine große Aufgabe in der Rückrunde hieß: Defensive Stabilisierung. Sie gelang erst zum Ende der Saison. Auf dem Weg dorthin gingen Werder viele der positiven Entwicklungen der Hinrunde verloren. Letztlich hat Schaaf vermutlich sogar mehr richtig gemacht, als in den beiden Jahren davor, doch immer wieder stellte sich Werder mit einfachen Fehlern selbst ein Bein. Unterm Strich musste Schaaf 2012/13 Werders zweitschlechteste Bundesligasaison, die schlechteste Rückrunde und die meisten Gegentore seit 1980 verantworten.

Thomas Eichin

Kam man bislang kaum beurteilen. Wirkt sehr souverän im Umgang mit den Medien, bei den anstehenden Vertragsverlängerungen und auch bei der Trainersuche. Sein Job beginnt aber erst.

Abschied von Thomas Schaaf

Was soll ich schreiben? Thomas Schaaf verlässt Werder Bremen nach 14 Jahren als Cheftrainer, 13 Jahren als Nachwuchstrainer, die sich mit seiner 17-jährigen Profikarriere überschnitten, sowie insgesamt 41 Jahren Vereinszugehörigkeit. Bis auf den Pokalsieg 1961 und die Meisterschaft 1965 war Thomas Schaaf an jedem großen Erfolg des Vereins als Spieler oder Trainer beteiligt. Dazu zählen drei Deutsche Meisterschaften, fünf DFB-Pokalsiege und ein Europapokalsieg der Pokalsieger.

Ich halte die Trennung (vom merkwürdigen Zeitpunkt einmal abgesehen) für richtig, wie ich hier seit längerer Zeit geschrieben habe. Trotzdem macht mich die Meldung ein Stück weit sprachlos. Eigentlich hatte ich für den Tag der Tage einen längeren Blogpost vorgesehen, inklusive Rückblick auf Schaafs Amtszeit in Bremen. Dazu bin ich im Moment nicht in der Lage. Im Moment spüre ich nur Trauer und Dankbarkeit. Und da diese Saison de facto für Werder gelaufen ist, nehme ich mir Zeit bis zu einer Einordnung, einem Rückblick oder gar einem Ausblick.

Heute möchte ich nur eines sagen: Danke, Thomas Schaaf!

 

Das Ailton

Bevor gegen 17:20 endlich der Klassenerhalt feststand, hatte ich das Vergnügen mit einem der wohl prominentesten Werderspieler überhaupt zu sprechen. Werder-Sponsor Tipico lud zu einem Hangout bei Google+ ein, bei dem ich mit drei anderen Gästen Fragen an den “Kugelblitz” stellen durfte. So erfuhren wir, dass Ailton noch immer nicht gerne nach hinten arbeitet, lieber zurück ins Dschungelcamp als ins Trainingslager nach Norderney möchte und sich noch fit genug für eine Halbzeit Bundesligafußball fühlt. Der Klassenerhalt hat dann ja zum Glück auch ohne ihn geklappt.

Wer die Live-Übertragung verpasst hat, kann den Hangout als Video bei YouTube anschauen:

Bremer Reflexe

Die Ente befindet sich im Umzugsstress, deshalb ist hier im Blog derzeit nicht viel los. Statt einzelner Spiele widme ich mich deshalb nur dem großen Ganzen.

Vor ein paar Tagen hat Werders Stadionsprecher Arnd Zeigler einen beachtlichen Artikel für den Weser-Kurier geschrieben. Er beschreibt dort etwas, das er den “mittlerweile legendären, bremen-typischen Reflex” nennt, den wir seit Beginn der Amtszeit von Thomas Schaaf 1999 etwa zwanzigmal erlebt hätten. Gemeint ist die Trainerdiskussion, die nun seit einigen Wochen immer kontroverser geführt wird. Der Inhalt des Textes lässt sich schnell zusammenfassen. Im Kern trifft Zeigler zwei Aussagen: Erstens sind Trainerdiskussionen normal und wir erleben sie ständig, zweitens beruhten Werders Erfolge darauf, sich stets selbst treu zu bleiben. Hätte man der Kritik am Trainer in den Jahren vor 2003/04 nicht standgehalten, hätte es die Erfolge in den Jahren darauf nicht gegeben.

Man kann von dem Text halten, was man will. Ich persönlich finde ihn argumentativ sehr dünn und sehe keinen großen Beitrag zur aktuellen Diskussion. Dennoch ist der Text alles andere als belanglos. Zeigler ist zwar nicht in verantwortungsvoller Position für den Verein tätig, doch er gehört zum engeren Zirkel, der viel beschworenen Werderfamilie. Der Text spiegelt ziemlich gut die Denkweise wider, die dem Verein und seinem Umfeld häufig unterstellt wird. Grundlage ist die Annahme, dass wir die Guten sind und deshalb das “Bremer Modell” von seinem Wesen her der Konkurrenz überlegen ist:

“Denn wir sind Werder Bremen. Und auch wenn man auf so manches neidisch sein kann, wäre niemand von uns gerne lieber Bayern München. Denn Werder Bremen steht für etwas. Ganz altmodisch gesagt: Werder steht für Werte, für eine Mentalität, für eine Philosophie, auf die wir alle stolz sein können. Alles, was Werder ist, verdanken wir der Tatsache, dass der Verein sich treu geblieben ist.”

Nun mag man es einem Fan nicht verübeln, den eigenen Verein als besser als den Rest anzusehen. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Denkweise den Bereich der Fanfolklore verlässt und zur scheinbar rationalen Maxime erhoben wird, von der jegliches Handeln und Denken innerhalb des Vereins ausgeht. Hier zeigt sich ein Weltbild, das dem von Religionen nicht unähnlich ist. Der eigene Überlegenheitsanspruch muss nicht begründet werden, denn er ist in sich selbst begründet. Die von Zeigler angesprochenen Werte, Philosophie und Mentalität leiten sich direkt hiervon ab.

Konkret auf die aktuelle Situation bezogen, lässt sich aus dem Text schließen, dass eine Entlassung des Trainers vor allem deshalb falsch wäre, weil sie Werders Philosophie widerspräche. Die sportlichen und wirtschaftlichen Kriterien, nach denen Sportunternehmen (und ein solches ist die Werder Bremen GmbH & Co KGaA ) ihre Entscheidungen für gewöhnlich ausrichten, spielen nur eine untergeordnete Rolle. Auch hier zeigt sich ein religionsähnlicher Ansatz: Wenn wir nur brav an unseren Werten und an unserem Weg festhalten, dann werden wir am Ende belohnt werden. So war es schon immer und so wird es auch immer sein. Jeder Stein, der uns auf dem Weg dorthin in den Weg gelegt wird, ist nur eine weitere Prüfung auf dem Weg zur Erlösung.

Es ist wohl kein Zufall, dass Zeigler in seinem Text nicht ins Detail geht, sondern im Allgemeinen bleibt, denn so kann man ihn nur schwerlich widerlegen. Doch auch wenn der “Bremer Weg” dem Verein viele Sympathien eingebracht hat, hält die Behauptung der moralischen Überlegenheit einer näheren Betrachtung kaum stand. Dafür braucht man nicht einmal die Kooperationen mit umstrittenen Unternehmen wie Wiesenhof oder Kik bemühen, dafür genügt es bereits, sich ein Spiel der D-Jugend anzuschauen. Schon dort zeigt sich im Umgang zwischen Trainern und Spielern eine extrem erfolgs- und wettbewerbsorientierte Haltung, ohne die Leistungssport kaum möglich ist.

In den guten Jahren wurde das “Bremer Modell” als Paradebeispiel für erfolgreichen Fußball dargestellt, das für den Rest der Liga ein leuchtendes Vorbild sein sollte. Werder war erfolgreich, weil man anders war, weil man langfristig dachte, weil man nicht bei jeder Minikrise den Trainer entließ. Weil man nicht Schalke, der HSV oder Bayern München war. In den schlechten Jahren dient es nun als Auffangnetz: War ja klar, dass das kleine Werder Bremen da oben nicht lange mitspielen kann, wir sind schließlich nicht Bayern München. Nun lässt sich der Standortnachteil gegenüber den Teams aus Hamburg, Berlin oder dem Ruhrgebiet mit allen damit verbundenen Folgen nicht wegdiskutieren. Dennoch gibt es für den sportlichen und damit auch finanziellen Niedergang des Vereins viele Gründe, die nichts mit den begrenzten “natürlichen” Möglichkeiten zu tun haben.

Der viel beschworene Umbruch im letzten Sommer war richtig und notwendig. Die Hoffnung auf eine neue, erfolgreiche Ära mit einem jungen, spielfreudigen Team bestand zurecht. So wagt auch Zeigler zum Ende seines Artikels nicht zufällig einen Vergleich mit Borussia Dortmund, das vor ein paar Jahren ebenfalls einen Umbruch durchführen musste:

“Eine ganz ähnliche Konstellation hat auch bei Borussia Dortmund in Jürgen Klopps Anfangszeit ganz und gar nicht sofort funktioniert.”

Der BVB wurde in Klopps erster Saison Sechster, in seiner zweiten Saison Fünfter und in der dritten Saison Meister. Es bleibt jedem selbst überlassen, dort die Parallelen zu Werders Entwicklung in dieser Saison zu suchen und finden. Die Anspruchshaltung ist bei den meisten Werderfans längst nicht mehr so groß, wie Zeigler uns glauben machen will. Hier erwartet niemand Champions League Siege und Meisterschaften in Serie. Die meisten wären mit einer leicht positiven Entwicklung und erkennbaren Fortschritten an den größten Problemstellen wohl vorerst schon zufrieden. Wie man mit geringen finanziellen Mitteln relativ erfolgreich sein kann, machen uns längst Vereine vor, die weitaus beschränkter in ihren Möglichkeiten sind, als Werder Bremen.

Letztlich muss sich der Verein entscheiden, ob und wie lange er der eigenen Folklore noch glauben will. Die Diskrepanz zwischen dem jährlich formulierten Ziel “internationaler Wettbewerb” und den tatsächlichen Ergebnissen ist inzwischen so groß, dass Männer wie Thomas Eichin und Klaus Filbry (die mir nicht übermäßig affin für sentimentale Entscheidungen zu sein scheinen) ins Grübeln geraten werden. Der immer noch zweiterfolgreichste Fußballverein Deutschlands in den letzten 50 Jahren hat schon schlimmere Krisen erlebt, als die derzeitige. Werder ist nicht dazu verdammt, auf Jahre hinweg im Niemandsland der Tabelle zu versauern. Dazu müssen jedoch die richtigen Entscheidungen getroffen werden, die bekanntlich nicht immer die bequemsten sind. Manchmal ist die bequemste Entscheidung, bei Misserfolgen den Trainer zu entlassen. Manchmal ist die bequemste Entscheidung, an einem langjährigen, fest verwurzelten Trainer festzuhalten.

Was Arnd Zeigler sagen wollte, war wohl: Man darf als Verein nicht immer dem Druck der Straße nachgeben, wenn man erfolgreich sein will. Man muss an den eigenen Werten und Zielen festhalten. Was er gesagt hat, war: Jegliche Diskussion um Thomas Schaaf war falsch, ist falsch und wird auch immer falsch bleiben. Bis in alle Ewigkeit, Amen.

Zeugnisausgabe – Die Einzelkritik

Im letzten Teil meiner Hinrundenbilanz geht es an die Einzelkritik. Da wir uns in einem Umbruch befinden und die sensiblen Jungs nicht gleich wieder demotiviert werden sollen, verzichte ich dabei dieses Jahr auf Schulnoten.

Sebastian Mielitz

Macht seine Sache gut. Es ist ein deutlicher Unterschied zu Wiese erkennbar. Kein Linientorwart. Baut das Spiel fast immer über Abwürfe auf und sucht auch die schnelle Option, die ihm seine Mitspieler noch zu selten bieten. Hat noch Steigerungspotenzial und ein Gurkenspiel gegen Augsburg war auch dabei, aber insgesamt war das absolut in Ordnung.

Assani Lukimya

Nicht unbedingt der Prototyp des modernen Verteidigers. Spielaufbau lässt zu wünschen übrig. Kennt aber seine Grenzen und geht kaum Risiken ein. Erfüllt defensiv seine Aufgaben und hat gute körperliche Präsenz. Ohne die beiden Platzverweise hätte er vielleicht schon einen Stammplatz.

Kevin de Bruyne

Gehört für mich zu den talentiertesten Spielern in Werders jüngerer Geschichte. Ist aber längst noch nicht so weit, dass er sein Potenzial voll ausschöpft, sonst hätte Chelsea ihn wohl auch nicht nach Bremen ausgeliehen. Zentimetergenaue Flügelwechsel und tolle Tempodribblings wechseln sich ab mit Fehlpässen über fünf Meter. Übertreibt es mit seinen Freiheiten ein wenig und lässt teilweise Spieler drei Meter von ihm entfernt kampflos ziehen, im Angriffspressing ansonsten aber gut. Insgesamt eine Bereicherung und es wäre toll, wenn man ihn noch ein Jahr behalten könnte.

Marko Arnautovic

Blüht auf dem rechten Flügel auf. Starke Flankenläufe, gute Dribblings und auch gutes Kombinationsspiel. Arbeitet viel mit nach hinten. Könnte noch torgefährlicher sein, wenn er weniger linear spielen würde. Seine Hereingaben sind teils zu unüberlegt. Lässt sich noch immer zu leicht entmutigen. Insgesamt aber klar seine beste Halbserie bisher.

Clemens Fritz

Eine Enttäuschung, auch wenn die Verletzung sicher einiges dazu beigetragen hat. Als Kapitän und Stammsechser in die Saison gegangen, dann zunächst auf die linke Verteidigerposition abgeschoben und dort wechselhaft gespielt. Nach der Verletzung waren seine Leistungen bestenfalls solide und der Stammplatz ist weg. Von ihm muss man mehr erwarten.

Mehmet Ekici

Kaum zu bewerten. Gegen Ende der Vorbereitung mal wieder verletzt gewesen. Wird von Schaaf seitdem komplett ignoriert und nur noch in Spielen eingewechselt, in denen es um nichts mehr geht (zuletzt beim 1:4 gegen Leverkusen). Unverständlich, warum er dann überhaupt nominiert wird, wobei er erst seit Bargfredes Verletzung regelmäßig im 18er-Kader ist. Bei drei Kurzeinsätzen mit 25 Minuten Spielzeit kann die Lösung eigentlich nur eine Trennung im Winter sein, doch die ist nicht in Sicht.

Eljero Elia

Das komplette Gegenteil von dem, was ich erwartet habe. Elia spielt einen absolut soliden Part auf dem linken Flügel, arbeitet diszipliniert mit nach hinten und fällt auch sonst nicht negativ auf. Die erhofften Geniestreiche hat er jedoch kaum einmal gezeigt. Für einen Flügelstürmer zu torungefährlich, aber das könnte mehr am System liegen, als an ihm. Um seine Ablösesumme zu rechtfertigen, muss er sich noch steigern.

Lukas Schmitz

Verlor nach guter Vorbereitung seinen Stammplatz und es sah so aus, als würde er keine große Rolle mehr spielen. Profitierte dann von Fritzs Verletzung und konnte sich nach dem sehr schwachen Auftritt in Augsburg immer mehr steigern. Zum Ende hin unumstrittene Nummer 1 als Linksverteidiger. Hat den rechten Fuß leider nach wie vor nur zum stehen, dadurch ist er im Spielaufbau limitiert. Insgesamt besser als erwartet.

Aaron Hunt

Es wurde viel über seine Führungsrolle gesprochen und er ist ihr weitgehend gerecht geworden. Konnte das hohe Niveau meiner Ansicht nach nicht ganz über die Hinrunde retten, aber insgesamt war es ein starkes halbes Jahr von ihm. Hat offenbar Strafraumverbot und bleibt selbst dann an der 16er-Grenze stehen, wenn der Ball auf dem Flügel ist und kein anderer Mitspieler mitgelaufen ist. Der neue Status in der Mannschaft scheint ihm gut zu tun und ich hoffe auf eine weitere Steigerung in der Rückrunde.

Sebastian Prödl

Seit Naldos Abgang ist er die Nummer 2 und war zunächst der bessere, der beiden Innenverteidiger. Während sich Sokratis im Saisonverlauf steigerte, ist Prödl jedoch stagniert und stand kurz davor, seinen Stammplatz an Lukimya zu verlieren. Zum Ende der Hinrunde mit vielen Fehlern. Immerhin der einzige verbleibende Innenverteidiger, der konstruktiven Spielaufbau versucht. Trotzdem zu wenig für einen Spieler mit seinen Ansprüchen.

Zlatko Junuzovic

In allen Belangen gesteigert im Vergleich zu seinem enttäuschenden ersten halben Jahr. Fegt als Staubsauger durchs Bremer Mittelfeld und ist mit enormer Laufstärke und Bissigkeit ein guter defensiver Mittelfeldspieler geworden. Dazu kommen gute Übersicht und Stärken im Umschaltspiel. Ich würde mir von ihm teilweise mehr Beruhigung des Spiels wünschen. Die fehlende Balance im Mittelfeld will ich ihm aber nicht persönlich ankreiden. Insgesamt eine starke Hinrunde.

Aleksandar Ignjovski

Zunächst als Linksverteidiger für Schmitz ins Team gerutscht, doch nach dem schwachen Auftritt in Dortmund war er den Platz auch schon wieder los. Beste Saisonleistung gegen Hoffenheim, wo er einen bärenstarken Part auf der Sechserposition spielte. Ich traue ihm eine größere Rolle zu und hoffe Schaaf setzt ihn in der Rückrunde häufiger im Mittelfeld ein. Für eine kleine Nebenrolle eigentlich zu talentiert.

Joseph Akpala

Wurde in nahezu jedem Spiel eingewechselt und konnte dabei kaum etwas von dem zeigen, was ihn in Belgien stark gemacht hat. Wirkt in seinen Bewegungen etwas ungelenk und seine Schnelligkeit kommt nicht zur Geltung. Wurde aber auch spät verpflichtet und man sollte ihm eine längere Eingewöhnungszeit zugestehen. In der Hinrunde kein gleichwertiger Ersatz für Petersen.

Sokratis Papastathopoulos

Nach dem Ärger im Sommer und den Problemen zu Saisonbeginn hat sich Sokratis über die Saison hin gesteigert und ist inzwischen wieder der beste Bremer Innenverteidiger. Gewohnt kampfstark, bissig und unangenehm für die Gegenspieler. Lamentiert mir zu oft und zu viel. Weiterhin Schwächen im Spielaufbau, weshalb er eher den Pass auf den Außenverteidiger und den gelegentlichen hohen Ball nach vorne sucht.

Theodor Gebre Selassie

Brauchte eine Weile, um sich an Tempo und Intensität der Bundesliga zu gewöhnen. Defensiv mit der Zeit stabilisiert, was etwas zulasten seiner Offensivqualitäten geht. Das Bremer Spiel ist nicht auf offensive Außenverteidiger ausgelegt, sonst könnte er seine Stärken wohl noch besser einbringen. Insgesamt erfüllt er seinen Part aber.

Nils Petersen

Lange Zeit habe ich nicht verstanden, warum Petersen bei den Bayern gespielt hat. Technisch schien er mir doch zu limitiert und gerade im Vergleich zu Pizarro (Vorgänger in Bremen, möglicher Konkurrent in München) ist sein Kombinationsspiel recht dürftig. Seine große Stärke liegt aber im Pressing und insgesamt in der Arbeit gegen den Ball. Da hatte Werder noch nie einen besseren. Insgesamt auch ein guter und kopfballstarker Strafraumstürmer. Die Chancenverwertung mit dem Fuß muss noch besser werden. Ich hoffe auf eine feste Verpflichtung im Sommer.

Niclas Füllkrug

Schaaf sieht in ihm hauptsächlich einen Flügelstürmer. Ich fand seine Auftritte auf der linken Außenbahn nur selten überzeugend. Als Option für eine direktere Spielweise auf dem Flügel sicher tauglich, aber in der Mitte würde er meiner Meinung nach mehr zur Geltung kommen. Sehr erfreulich, dass zumindest er (im Gegensatz zu Trybull und Hartherz) weiter eine Rolle bei den Profis gespielt hat.

Philpp Bargfrede

Bis zu seiner Verletzung nah dran an der ersten Elf und immer einer der ersten Einwechselspieler. Wegen der langen Verletzung kaum zu bewerten.

Thomas Schaaf

Hat sein Team in zwei Bereichen deutlich verbessert: Flügelspiel und Pressing. Werder spielt im neuen System phasenweise richtig guten Fußball, kann jedoch selten über 90 Minuten ein hohes Niveau halten. Defensiv ist es noch immer ein Ritt auf der Rasierklinge; Werder kassierte mehr Gegentore als in der letzten Rückrunde. Allerdings scheint mir Schaaf nicht mehr unbedingt auf Spektakel aus zu sein und Werder lässt sich nicht mehr so häufig auskontern. Nach dem Weggang von Allofs sitzt Schaaf trotz mageren Ergebnissen wohl noch fester im Sattel.

Klaus Allofs

Unwürdiger Abgang. Alles andere ist gesagt.

Die Hinrundenbilanz:

Teil 1: Werders Hinrunde in Zahlen
Teil 2: Mit neuem System zu neuen Höhen?
Teil 3: Zeugnisausgabe – Die Einzelkritik