Kategorie-Archiv: Götter in Grün-Weiß

Macht euer Spiel doch alleine

Die Saison ist genau einen Spieltag und eine Pokalrunde alt, da geht in Werders Umfeld mal wieder eine Diskussion los, die inzwischen zu Bremen gehört, wie der Roland und die Stadtmusikanten. Ein echter Spielmacher fehlt Werder, einer wie (beliebigen Namen eines ehemaligen Bremer Zehners einsetzen).

Die werdernahe Lokalpresse ist sich nicht zu schade, jeden Spieler, der bei Werder ein Spiel auf der Zehnerposition absolviert hat, zu einem neuen Micoudiegözil hochzuschreiben, um dabei in einem Nebensatz nostalgisch festzustellen, dass Werder einen solchen Spielmacher schon lange nicht mehr hat. In diesem Sinne holte gestern auch die SZ zum großen Rundumschlag aus. Der Erkenntnisgewinn hält sich bei solchen Artikeln stark in Grenzen, denn auf nahezu jeder Position ist Werder im Jahr 2015 schwächer besetzt, als zu seligen Champions League Zeiten.

Die fixe Idee mit dem Spielmacher

In gewisser Hinsicht ist Bremen ein Fußballbiotop. Während in der restlichen Fußballwelt der Tod des klassischen Spielmachers schon vor über zehn Jahren besungen wurde, hat Werder dem Trend getrotzt, ist mit Micoud Meister und mit Diego und Özil Pokalsieger geworden. Auch wenn diese drei Spieler eigentlich unterschiedlicher kaum sein konnten: Wenn es irgendwo noch Spielmacher alter Schule gab, dann in Bremen.

Seit Özil den Verein im Sommer 2010 verlassen hat, ist Werder von einem regelmäßigen Champions League Teilnehmer zu einem eher unterdurchschnittlichen Bundesligateam geworden. Nicht wenige Anhänger des Vereins führen dies unmittelbar auf den Umstand zurück, dass man für Özil damals keinen direkten Ersatz verpflichtete und seitdem erfolglos nach dem nächsten großen Spielmacher sucht.

Der kausale Zusammenhang zwischen einem supertollen Spielmacher im Team und spielerischer Exzellenz hat sich so sehr in den Synapsen festgesetzt, das keine noch so offensichtlichen Entwicklungen im deutschen und europäischen Fußball daran etwas ändern können. Die Begriffe “Spielmacher” und “Zehner” werden weiterhin synonym verwendet, auch wenn dies einem Realitätscheck heutzutage kaum noch stand hält.

Ohne Raute geht es nicht

Das liegt natürlich unter anderem an der Raute, die als Spielsystem in die DNA des Vereins gebrannt zu sein scheint. Als eine der wenigen modernen Formationen im Fußball ist in ihr ein “echter” Zehner vorgesehen, während 4-4-2, 4-3-3, 4-1-4-1 und häufig auch 4-2-3-1 auf einen solchen verzichten. Diese Formationen, die in den letzten drei Jahren alle zeitweise auch in Bremen zum Einsatz kamen, konnten jedoch nichts daran ändern, dass weiterhin die Raute mit Spielmacher am höchsten im Kurs steht.

In Bremen, so hört man oft, funktionieren andere Systeme einfach nicht, hier funktioniert nur die Raute. Das überrascht schon insofern, als Werder seine (offensiv-)fußballerisch besten Phasen in diesem Jahrzehnt im 4-1-4-1 (Hinrunde 2012/13) bzw. 4-2-3-1-Verschnitt (Rückrunde 2009/10) hatte. Wenn man dazu noch den in Bremen oft gescheuten Blick über den Tellerrand wagt, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass man sich hier in einer fixe Idee verrannt hat. Welche national und international erfolgreichen Teams spielen noch mit einem klassischen Spielmacher auf der 10? Bayern nicht, Dortmund nicht, Gladbach nicht, Wolfsburg nicht, Leverkusen nicht, Barcelona nicht, Madrid nicht, Juventus (trotz Raute) nicht. Selbst Özil musste in Deutschlands Weltmeisterelf auf den linken Flügel weichen.

Was bedeutet dies aber nun für Werders aktuelle Situation? Viktor Skripnik hat sich auf die Raute als sein präferiertes System festgelegt, durchaus mit Erfolg. Die Ausrichtung des Systems hat er dabei immer wieder variiert, mal mit einem klassischen Spielmacher auf der 10 (Aycicek), mal ohne (Bartels, Öztunali), mal als Variante des 4-3-3-, mal als Variante des 4-3-2-1. Eine feste Besetzung der Position gibt es bis heute nicht, auch wenn im Sommer Maximilian Eggestein nahezu in jedem Spiel dort aufgeboten wurde. Nun, da Skripnik zum Bundesligastart doch nicht auf ihn gesetzt hat, geht die Diskussion um die Besetzung der Position in die nächste Runde.

Bloß nicht zu viel Komplexität

Dabei geht es eigentlich um zwei Fragen, die jedoch vereinfacht in den Medien als eine behandelt werden: “Ist Werder auf der Zehnerposition gut genug besetzt?” und “Was ist der Grund für Werders spielerische Schwäche?”

Die Antwort auf die erste Frage ist derzeit zweifellos nein. Bartels und Aycicek sind außer Form, Eggestein hat noch kein Bundesligaspiel von Anfang an bestritten, Öztunali kommt die Position nicht entgegen und Junuzovic ist auf der Achterposition eigentlich besser aufgehoben. Das wusste man bereits vor der Saison und hat sich bewusst dafür entschieden, auf das vorhandene, junge Personal zu setzen. Das Transferbudget wurde (auch bedingt durch Abgänge) für andere Positionen ausgegeben. Vor der etablierten Achse aus Fritz, Bargfrede und Junuzovic setzt man im offensiven Mittelfeld bewusst darauf, dass sich einer der jungen Kandidaten durchsetzt. Dort nun einen wundersamen Leistungssprung von einem der Spieler zu erwarten, ist völliger Quatsch.

Die zweite Frage ist weitaus schwieriger zu beantworten, macht jedoch deutlich, wie die Erwartungen an einen Zehner in Bremen gesteckt sind. Der Glaube daran, dass ein einziger Spieler das Bremer Mittelfeld in neue spielerische Sphären führen kann, ist spätestens seit Johan Micouds Zeit tief verwurzelt. Schaut man sich jedoch die Zusammenstellung und Ausrichtung des aktuellen Teams an, fällt es schwer, diese Sichtweise nachzuvollziehen. Zu keinem Zeitpunkt in den letzten zweineinhalb Jahren war Werder eine Mannschaft, die Ballbesitzfußball spielen konnte oder wollte. Aufbau mit langen Bällen, Gegenpressing, schnelles Umschaltspiel – das war gerade in der letzten Saison das Credo. Nichts deutete im Sommer darauf hin, an dieser grundsätzlichen Ausrichtung etwas ändern zu wollen oder zu können.

Gegen Schalke musste bzw. durfte Werder überraschend viel Zeit am Ball verbringen. Durch das löchrige Schalker Pressing konnte man das Mittelfeld weitgehend kontrollieren. Das altbekannte Bremer Problem im Spielaufbau verlagerte sich somit eine Reihe weiter nach vorne. In diesem einen Spiel hätte ein klassischer Spielmacher auf der 10er-Position sicherlich geholfen, doch sehr wahrscheinlich ist es nicht, dass sich dieses Szenario oft wiederholt. Die meisten Spiele in der Bundesliga sind deutlich pressinglastiger und erfordern vom gesamten Team ein größeres Maß an Ballsicherheit bei hohem Tempo und Pressingresistenz. Daran würde auch ein verjüngter Micoud im Team nichts ändern.

Der Zeitpunkt der Diskussion überrascht mich ein wenig, auch wenn er sicherlich mit dem näherrückenden Ende des Transferfenster zu tun hat. Das Spiel gegen Schalke gibt für mich jedenfalls wenig Anlass, nach einem neuen Spielmacher zu schreien. Dazu genügt schon ein Blick auf den Gegner: In Schalkes System gab es keinen Zehner, als “Spielmacher” könnte man am ehesten den Sechser Johannes Geis bezeichnen, der bei Ballbesitz oft als letzter Mann agierte und die beiden entscheidenden Tore wurden von einem Innenverteidiger vorbereitet. Man könnte allerdings auch Julian Draxler dafür kritisieren, dass er kein Spielmacher im Stile Johan Micouds ist, doch dafür müsste er wohl erst nach Bremen wechseln.

Zum Abschluss zehn einfache Merksätze

  • Werders spielerische Probleme können nicht durch einen einzelnen Spieler gelöst werden.
  • Werder ist auf der Zehnerposition nicht schlechter besetzt als in der letzten Saison, in der man auch recht erfolgreich mit einer Raute spielte.
  • Ohne einen “Spielmacher” erfolgreichen und schönen Fußball zu spielen, ist heutzutage nicht nur möglich, sondern auch üblich.
  • Würde sich bei einem Verein ohne große finanzielle Möglichkeiten nicht eher eine Diskussion anbieten, ob das System zum vorhandenen Kader passt, als andersherum?
  • Man kann über Werders Spielstil diskutieren, aber nicht, ohne auch über die Eckpfeiler des Teams (Fritz, Junuzovic, Bargfrede) zu diskutieren.
  • Eine solche Diskussion bietet sich nicht unbedingt nach dem 1. Spieltag an.
  • Eine Diskussion bietet sich erst recht nicht nach einem für Werder völlig untypischen Spiel an.
  • Die Namen Herzog, Micoud, Diego und Özil sind wunderschön, aber für eine Diskussion über Werder im Jahr 2015 kein bisschen hilfreich.
  • Jedes Argument, das sich auf einen oder mehrere dieser Namen stützt, läuft zwangsläufig ins Leere.
  • Zum Glück ist heute Abend wieder Fußball.

Meine Saisonvorschau 2015/16

Am Samstag beginnt für Werder in Würzburg die Pflichtspielsaison. Zeit für eine, nun ja, gar nicht mal so kurze Saisonvorschau. Was hat sich bei Werder im Sommer getan? Wie sind die Spieler drauf? Was ist dem jungen Team und dem jungen Trainer in den nächsten zehn Monaten zuzutrauen?

Tor – Große Auswahl, viele Verletzte

Im Tor hat Werder nach den vielen Wechseln der letzten 12 Monate ein Überangebot an Spielern. Gleich sechs Torhüter zählen zum erweiterten Profikader: Felix Wiedwald, Raphael Wolf, Ed Michael Zetterer, Raif Husic, Eric Oelschlägel und Tom Pachulski. Eigentlich sind nur die ersten drei Genannten für den Profikader vorgesehen, doch die Verletzungen von Wolf und Zetterer sowie Husics Teilnahme an der U19-EM bedeuteten eine Chance für die Nachwuchsleute Oelschlägel und Pachulski, sich im Trainingslager der Profis zu beweisen. Besonders Oelschlägel bekam viel Lob von Torwarttrainer Vander, aber zumindest vorerst müssen er und Pachulski den Weg zurück in die U23 bzw. U19 antreten.

Die klare Nummer 1 ist zum Saisonstart Rückkehrer Felix Wiedwald. Ein Duell mit Wolf fand wegen dessen Verletzung nicht statt, doch es gibt kaum jemanden im Werder-Umfeld, der ernsthaft daran gezweifelt hat, dass Wiedwald den Vorzug erhalten würde. Die Eindrücke aus den Testspielen waren bislang ziemlich gut und es besteht die Hoffnung, mit ihm einen sowohl selbstbewussten als auch relativ kompletten Torwart gefunden zu haben. Er wirkt deutlich aktiver im Strafraum als Wolf, antizipiert gut und traut sich auch den flachen Pass zu.

Raphael Wolf wird sich nach seiner Verletzung neu beweisen müssen, nachdem die letzte Saison ein Rückschritt für ihn war. Ich halte ihn nach wie vor für eine solide Nummer 2 bei einem Verein von Werders derzeitiger Kragenweite. Bei Teilen der Fans ist er aufgrund der Rückrunde allerdings verbrannt und ich glaube auch nicht wirklich, dass er eine Chance hat, Wiedwald im Tor zu verdrängen. Doch auch als Ersatztorwart könnte Wolf nur eine Übergangslösung sein, bis Zetterer, den ich bislang nur wenig einschätzen kann, soweit ist, seinen Platz einzunehmen. Die Frage ist natürlich auch, wie sich Wolf mit seinem neuen Status arrangiert. Da ein möglicher Abgang in diesem Sommer immer mal wieder diskutiert wurde: Mir ist mit Wolf im Kader wesentlich wohler. Fünf Torhüter, von denen keiner mehr als ein Dutzend Bundesligaspiele vorzuweisen hat, sind doch etwas dünn. In einem Jahr sieht die Situation aber eventuell schon ganz anders aus.

Die Hackordnung auf den Plätzen drei bis sieben scheint weit weniger in Stein gemeißelt, weil hier auch noch der erfahrene Tobias Duffner hinzukommt, der fest für die U23 eingeplant ist. Vor einem Jahr galt Raif Husic als die neue Torwarthoffnung für Werders Zukunft, heute muss er um seinen Status als Nummer 4 und damit die Aussicht, in der U23 zumindest auf der Bank zu sitzen, bangen. Es ist spannend, den Dreikampf zwischen ihm, Oelschlägel und Pachulski zu verfolgen, doch große Hoffnungen auf einen baldigen Durchbruch in den Bundesligakader mache ich mir nach den Enttäuschungen der Vorsaison auf dieser Position bei keinem von ihnen.

Eigentlich sind sieben Torhüter für drei Mannschaften (Profis, U23, U19) zu viel, doch das Verletzungspech von Wolf, Zetterer und nun auch Oelschlägel sorgt derzeit dafür, dass es genügend Einsatzmöglichkeiten gibt. Bis zum Ende der Transferperiode könnte sich die Situation allerdings noch ändern und eine Leihe von beispielsweise Husic ein Thema werden.

Innenverteidigung – Zwei Abgänge und doch kein Personalbedarf?

Nachdem die Problemstelle Innenverteidigung bereits im Winter angegangen wurde, ist es im Sommer trotz Prödls Abgang und Caldirolas Leihe sehr ruhig zugegangen. Mit Jannik Vestergaard und Alejandro Gálvez hat man bereits das Duo gefunden, das Werders Hintermannschaft endlich auch mal über einen längeren Zeitraum stabilisieren soll. Assani Lukimya ist nominell die Nummer 3, doch hat Gálvez in der Vorbereitung den Rang abgelaufen. Das dürfte vor allem an der noch etwas wackeligen Form des Spaniers liegen und nur von kurzer Dauer sein – allerdings dachte man das vor einem Jahr auch bei Caldirola. Die Gerüchte, die man über Gálvez Fitnesszustand zum Saisonbeginn hörte, waren jedenfalls nicht gerade ermutigend.

Eigentlich sollte ein fitter Gálvez schon aufgrund seiner guten Spieleröffnung gesetzt sein. Mit ihm und dem defensiv in eigentlich allen Bereichen starken Vestergaard hätte man eine gute Mischung in der Innenverteidigung. Leider konnten die beiden in der letzten Rückrunde nicht oft zusammen spielen. Von allen Innenverteidigerpärchen der letzten Jahre haben sie mir allerdings am besten gefallen. Großen Respekt muss man aber vor Lukimyas Hartnäckigkeit haben. Die Bundesligatauglichkeit wurde ihm oft genug abgesprochen und auch ich habe seinen Stil und seine mangelnde Grundtechnik häufig kritisiert. Dennoch ist er nicht nur immer noch im Kader, sondern macht den in der Hierarchie vor ihm stehenden Spielern ordentlich Druck. Ich werde zwar in diesem Leben kein Fan seiner Spielweise mehr werden, doch als Ergänzungsspieler ist er allein schon durch seine Zweikampfstärke gut zu gebrauchen.

Um die Position als Innenverteidiger Nummer 4 haben sich im Sommer die beiden Rückkehrer Mateo Pavlovic und Oliver Hüsing duelliert, wobei sich Hüsing dem Vernehmen nach durchgesetzt hat. Grundsätzlich finde ich die Option ok, bei nur 35-38 Saisonspielen auf einen Nachwuchsspieler als vierten Innenverteidiger zu setzen. Da Hüsing in seinem Stärken-/Schwächen-Profil aber eine gewisse Ähnlichkeit zu Lukimya aufweist, sehe ich das in diesem konkreten Fall etwas anders. Das Passspiel der Bremer Innenverteidiger ist seit Jahren auf dürftigem Niveau. Gálvez ist hier der einzige Lichtblick, doch schon in der letzten Rückrunde hat man gesehen, dass Werder seinen Ausfall nicht kompensieren konnte. Das Duo Vestergaard/Lukimya hat mir in dieser Hinsicht nicht gut gefallen.

Der Trainer mag das selbstverständig anders sehen, doch mir wäre mit einem weiteren aufbaustarken Innenverteidiger als Nummer 3 oder 4 weitaus wohler. Auch wenn andere Problemzonen dringender nach einer Lösung schreien und Werder knapp bei Kasse ist, wäre es nicht unmöglich, eine solche Lösung zu finden, wenn man sich gleichzeitig von Pavlovic und Hüsing oder Lukimya trennt.

Wie sinnvoll ein solcher Schritt wäre, hängt jedoch auch vom geplanten Stil im Spielaufbau ab. Skripnik wird nicht müde zu betonen, dass er Werder spielerisch wieder stärker machen möchte. Diese allgemeine Aussage lässt viel Interpretationsspielraum, doch bisher deutet die Vorbereitung daraufhin, dass Werder den Fokus auf Pressing und schnelles Umschaltspiel noch weiter verstärken möchte und sich der „spielerische“ Aspekt vor allem auf schnelles Direktpassspiel im letzten Drittel bezieht und weniger auf einen gepflegten Spielaufbau aus den eigenen Reihen. Das Mittel der Wahl dürfte für die Innenverteidiger auch weiterhin der lange, hohe Ball nach vorne sein, der dann im Gegenpressing erobert werden soll. In dieser Hinsicht zählen beim eröffnenden Pass die Positionierung des restlichen Teams sowie der richtige Zeitpunkt mehr, als die Präzision des Passes selbst. Dass Werder sich dessen ungeachtet auch in der Ballzirkulation und der Passgenauigkeit verbessern muss, dürfte allerdings auch klar sein. Ich sehe weder Lukimya noch Hüsing als Spieler, die Werder in dieser Hinsicht voranbringen.

Insgesamt ist Werder in der Innenverteidigung allerdings sehr solide aufgestellt und zumindest Vestergaard und Gálvez genügen auch höheren Ansprüchen. Wie sinnvoll ein Verbleib des inzwischen 25-jährigen Mateo Pavlovics als fünftes Rad am Wagen ist, müssen die Verantwortlichen beantworten. Vermutlich ist hier in erster Linie die fehlende Nachfrage der Grund, weshalb der Kroate noch auf Werders Payroll steht.

Außenverteidigung – Ein Plus an Qualität

Bei den Außenverteidigern entwickelte sich die letzte Saison deutlich anders als erwartet. War man vor einem Jahr auf der rechten Seite mit dem wackeligen Clemens Fritz weitaus anfälliger als links, wurde spätestens in der Rückrunde die linke Seite zum Problemkind. Santiago Garcia hatte mit Formproblemen und Verletzungen zu kämpfen, während Nachwuchsmann Janek Sternberg trotz einiger guter Anlagen letztlich kein Bundesliganiveau nachweisen konnte. Auf der anderen Seite war Theodor Gebre Selassie nach seiner Rückversetzung in die Viererkette die Konstanz in Person. Er profitierte dazu auch von der Tatsache, mit Clemens Fritz einen defensiv kompetenteren Spieler vor sich auf der Halbposition zu haben, als die anderen Beiden mit Zlatko Junuzovic.

Richtig viel getan hat sich im Sommer auf den ersten Blick nicht: Mit Ulisses Garcia wurde lediglich ein Nachwuchsmann für die linke Abwehrseite verpflichtet, dem ein direkter Sprung in die Bundesliga nicht unbedingt zugetraut wurde. Auf den zweiten Blick hat die Situation im Vergleich zur Vorsaison klar verbessert, da Garcia direkt einen starken Eindruck hinterließ und somit trotz der Verletzung seines Namensvetters keine allzu große Not besteht. Auf der anderen Seite ist Luca-Milan Zander endlich wieder fit und hat Marnon Busch wie erwartet den Rang als Nummer zwei bei den Rechtsverteidigern abgelaufen. Durch Clemens Fritz Sperre im Pokal und die Option, Gebre Selassie dafür ins Mittelfeld zu ziehen, besteht sogar die Chance auf einen Startelfeinsatz im ersten Pflichtspiel der Saison. Auffällig ist, dass sowohl U. Garcia als auch Zander klare spielerische Verstärkungen für das Team darstellen und trotz ihres jungen Alters schon sehr zuverlässig ihren Job erledigen.

Es stellt sich aber auch die Frage, wie mit den jeweils Dritten im Bunde Busch und Sternberg weiter verfahren werden soll. Durch den Aufstieg der U23 besteht nicht unbedingt die Notwendigkeit, sie zu verleihen, doch gerade bei Sternberg könnte ich mir vorstellen, dass die 3. Liga nach einem Jahr als erweiterter Stammspieler in einem Bundesligateam nicht mehr den größten Reiz hat. Eine Leihe in die 2. Bundesliga wäre eine sinnvolle Option, eventuell sogar ein Verkauf, falls man nicht mehr daran glaubt, dass er noch zu Bundesligaformat heranreift. Dagegen spricht jedoch ganz klar die Verletzung von S. Garcia, die einen Abgang zu einem großen Risiko werden ließe. Es dürfte sich also frühestens am Ende der Transferperiode noch etwas tun. Bei Marnon Busch hat sich eine mögliche Leihe nach Darmstadt zerschlagen und ich rechne nach Eichins klaren Worten mit seinem Verbleib in der U23.

Alles in allem sieht die Situation bei den Außenverteidigern so gut aus, wie schon lange nicht mehr bei Werder. Garcia und Zander werden noch Lehrgeld bezahlen müssen, doch beide sind von den Anlagen her zukünftige Stammspieler bei einem Club mit internationalen Ambitionen. Selassie ist flexibel genug einsetzbar, um Zander den Einstieg zu erleichtern und Santiago Garcia kann den Konkurrenzkampf hinten links richtig anheizen, wenn er wieder einhundertprozentig fit ist.

Defensives Mittelfeld – die ewige Problemzone

Das defensive Mittelfeld ist inzwischen schon traditionell eine große Problemzone in Werders Kader. Seit Frank Baumanns Karriereende vor sechs Jahren kann man die Neuzugänge auf dieser Position an einer halben Hand abzählen. Cedric Makiadi ist auf der Liste noch der prominenteste Name, doch dass dieser weder ein klassischer Sechser noch ein tiefer Spielgestalter ist, war schon vor seiner Verpflichtung klar. Da Skripnik mit seinen Rautenvarianten und dem als Alternative gehandelten 4-1-4-1 ganz klar auf einen alleinigen Sechser im Mittelfeld setzt, fällt der “Box-to-Box”-Spieler Makiadi für diese Position durchs Raster und kommt lediglich als Notlösung in Frage, ebenso wie der im rechten Mittelfeld zunächst gesetzte Clemens Fritz.

Der unter U23-Beobachtern und Taktikexperten hoch gehandelte Julian von Haacke dürfte nach seiner langen Verletzung noch kein Thema für diese Position sein und zunächst in der U23 eingesetzt werden. Mit seinen tollen spielerischen Anlagen ist er eine spannende Option für die Zukunft, doch schon seine Einsätze in der Vorbereitung zeigen, dass Skripnik ihn derzeit noch weiter vorne im Mittelfeld sieht. Lukas Fröde verkörpert eher den klassischen Sechsertyp und weckt daher nicht die ganz großen Hoffnungen. Auch bei ihm ist noch nicht klar, ob der Sprung in den Profifußball gelingen wird und ich sehe ihn momentan eigentlich nur als Kaderergänzung, die zwischen U23 und Profis pendelt. Angesichts der dünnen Personalsituation könnte er jedoch mehr Bundesligaminuten sammeln und unter Beweis stellen, dass er dort mithalten kann.

Der Platzhirsch auf der Sechserposition ist weiterhin Philipp Bargfrede, in meinen Augen eine gute, wenn auch keine optimale Lösung. Eigentlich würde ich Bargfrede wegen seiner nicht so ausgeprägten strategischen Fähigkeiten lieber in einer Doppelsechs oder rechts in der Raute sehen. Hinter diesen Überlegungen steht jedoch ein großes „Aber“: Bargfredes Verletzungshistorie macht es zu einer höchst fahrlässigen Angelegenheit, weiter mit ihm als Stammspieler für die Bundesliga zu planen. In den letzten drei Jahren kam Bargfrede auf gerade einmal 49 Bundesligaeinsätze, was durchschnittlich nicht einmal die Hälfte aller Saisonspiele bedeutet. Einen Grund, weshalb sich sein körperlicher Zustand in dieser Saison bessern sollte, sehe ich nicht. Es ist ihm zu wünschen, doch darauf bauen sollte der Verein nicht.

Bargfredes Ersatzmann Felix Kroos ist ein komplett anderer Spielertyp, sicherer im Passspiel, aber mit Problemen im Zweikampf und im Stellungsspiel. Seit zwei Jahren ist Kroos nun fest im Profikader eingeplant, ohne die Entwicklung zu nehmen, die man sich von ihm erhofft hat. Das sieht immer mal ganz nett aus, dann wieder ganz fürchterlich, was es den Verantwortlichen nicht einfach macht. Kroos ist weder so schlecht, dass man ihn aussortieren müsste, noch so gut, dass man mit ihm als Stammspieler planen könnte. Schon allein aufgrund Bargfredes Verletzungsanfälligkeit müsste er aber genau das sein: Ein Stammspieler, ein Sechser, der zuverlässig und beständig Leistungen bringt, die zumindest Bundesligamittelmaß bedeuten.

Mich verwundert (vielmehr: irritiert) die Haltung des Vereins zu der Position des Sechsers schon seit langer Zeit. Einerseits setzten die Trainer überwiegend auf Systeme mit einem alleinigen Sechser, was höhere Anforderungen an die Kandidaten stellt. Andererseits wird die Situation auf dieser Position völlig verkannt. Man wird nicht müde, Bargfredes Wichtigkeit zu betonen, während man sehenden Auges in eine weitere Saison ohne vernünftige Alternative geht. Angeblich hat intern inzwischen ein Umdenken stattgefunden, doch solange sich dies nicht personell bemerkbar macht, kann sich Werder davon wenig kaufen. Das Argument des klammen Geldbeutels lasse ich an dieser Stelle nicht gelten, denn für Offensivspieler ist wie in den Jahren zuvor durchaus ein stattliches Transferbudget vorhanden. Es ist vielmehr eine Frage der Prioritäten und die scheinen mir nach wie vor fragwürdig gesetzt.

Halbpositionen – Große Auswahl, schwierige Balance

Zu den Besonderheiten der Raute gehören die Halbpositionen im Mittelfeld, die es in dieser Form in anderen Formationen nicht gibt. Im Laufe der Jahre hat Werder hier höchst unterschiedliche Spielertypen eingesetzt und somit die Ausrichtung des Mittelfelds immer wieder angepasst. Vor allem diese beiden Spieler links und rechts in der Raute sind für deren Balance zuständig. Das Anforderungsprofil ist sehr komplex: Die Kandidaten müssen einerseits zentrale Mittelfeldspieler sein, haben andererseits aber keinen Außenspieler neben oder vor sich. Zu ihrem Aufgabengebiet gehören die defensive Unterstützung des Sechsers und Außenverteidigers, die offensive Unterstützung des Zehners und Stürmers, sowie eine gewisse Verantwortung in der Spielgestaltung. Anders als in einer flachen Vier gibt es im Defensivspiel häufig keinen Nebenmann, an dem man sich orientieren kann, weshalb es besonders auf das Raumgefühl der Spieler ankommt. Kurz: Ein Spieler auf der Halbposition muss eigentlich alles können. Da sich dies in der Praxis kaum vorfindet, kommt der Zusammensetzung der beiden Positionen eine große Bedeutung zu: Können die Schwächen des einen durch die Stärken des anderen kompensiert werden?

Wie passen in dieses Geflecht an Anforderungen nun die beiden Hauptakteure Clemens Fritz und Zlatko Junuzovic? Beide sind einerseits fast schon ideale Rautenspieler, weil sie gute Allrounder sind und sich in vielen Phasen des Spiels gut einbringen können. Zudem sind beide sehr beweglich und laufstark. Andererseits gibt es bei beiden auch gewisse Bedenken, was ihre Spielweise, vor allem in Kombination miteinander, angeht.

Fritz hat nach seinem schon länger andauernden Leistungsabbau als Rechtsverteidiger eine Position gefunden, auf der er Werder doch noch helfen kann. Die Lobgesänge auf den Kapitän hören nicht auf, was mich etwas ratlos zurücklässt. Unverkennbar sind der Einsatz und die Spielfreude, mit denen Fritz zu Werke geht. Szenenapplaus gibt es für gewonnene Dribblings und engagierte Zweikämpfe. Was dabei häufig ausgeblendet wird, sind die Schwächen, die Fritz ebenfalls an den Tag legt, die Fehler im Passspiel, die strategischen Unzulänglichkeiten. Seine in einem Jahrzehnt als Rechtsverteidiger angelernte vertikale Spielweise sieht auch im Mittelfeld gut aus, ist aber nur selten wirklich effektiv. Fritz lässt einfache Dinge kompliziert aussehen und erhält dann Lob dafür, dass er sie trotzdem bewältigt. Der herausgeholte Freistoß fällt also mehr ins Gewicht, als die verpasste Gelegenheit zum Abspiel und der gewonnene Defensivzweikampf mehr als der vorherige Fehlpass.

Damit möchte ich Fritz nicht (mehr) aufs Altengleis schieben. In der derzeitigen Kaderzusammensetzung hat er nicht nur seine Berechtigung sondern auch eine große Wichtigkeit. Der Mangel an Konkurrenz ist jedoch ein Problem, das Werder durch die Saison begleiten wird. Nahezu alle Kandidaten für die Halbpositionen sind offensiver eingestellt als Fritz und kommen daher nur in Kombination mit einer Änderung der oben beschriebenen Balance als Ersatz in Frage. Am ehesten könnte Theodor Gebre Selassie seine Position einnehmen, wenn Zander sich nicht wieder verletzt.

Was für Fritz gilt, gilt auch für Junuzovic – wenn auch ganz anders. Zieht man die gefährlichen Standards inklusive der direkten Freistöße ab, ist er für mich kein Kandidat für den “Spieler des Jahres”. Zieht man sie ab, ist Werder (zumindest auf Grundlage der letzten Saison) aber auch ein sehr eindeutiger Abstiegskandidat. Damit ist über Junuzovics Wichtigkeit eigentlich schon genügend gesagt. Seinen Stammplatz wird er ohne Frage sicher haben, solange er fit bleibt und sich kein anderer Spieler mit ähnlich guten Freistößen und Ecken hervortut.

Die Kritik an Junos angeblich rein aufs Läuferische beschränkte Spielweise kann ich weiterhin nicht nachvollziehen. Technisch zählt er ganz sicher zu den Besseren bei Werder und auch sein Passspiel ist brauchbar – in einem auf Konter ausgerichteten System sogar weit mehr als das. Was ihm leider ebenso fehlt wie Clemens Fritz ist das strategische Geschick. Eine Kluge Positionierung und das durchdachte Einleiten von Angriffszügen über mehrere Stationen sind nicht seine Sache. Gegen den Ball ist er zwar bissig, jedoch häufig auch zu spät dran, wenn es darum geht, sich ins Defensivspiel einzuschalten.

Die Liste der möglichen Alternativen ist lang, doch sie zeigt auch, wie schwierig die Wahl für das Trainergespann ist, wenn es darum geht, einen der Stammspieler zu ersetzen. Cedric Makiadi spielte letzte Saison für die Startelf kaum eine Rolle und es würde mich wundern, wenn er es in der neuen Saison täte. Eigentlich ist er aufgrund seines Gehalts ein klarer Verkaufskandidat, doch auch hier spricht wohl die mangelnde Nachfrage dagegen. Als Einwechseloption ist Makiadi jedoch weiterhin brauchbar und dank seiner Erfahrung auch nicht unwichtig. Julian von Haacke ist (siehe oben) aktuell noch nicht bereit für regelmäßige Einsätze in der Bundesliga und sollte genügend Zeit zur Stabilisierung erhalten. Izet Hajrovic und Levin Öztunali kamen zwar bereits auf den Halbpositionen zum Einsatz, sind jedoch mit den defensiven Aufgaben überfordert und gehören eigentlich weiter nach vorne. Mit Fin Bartels und dem aufstrebenden Florian Grillitsch stehen zwei weitere Spieler parat, die eigentlich weiter vorne anzutreffen sind, ihre Sache in der Raute aber auch gut machen. Hinzu kommen noch die jeweils nicht aufgestellten Kandidaten für die Sechserposition (Kroos, Fröde).

Man kann durchaus den Eindruck bekommen, dass die Halbposition auch ein Auffangbecken für alle Spieler ist, für die sich in Werders System keine rechte Position findet oder die auf ihrer besten Position nur Ersatz sind. Dafür sind die Anforderungen der Positionen – wie oben gezeigt – aber eigentlich zu komplex. Die Zeiten, in denen Werder hier die Wahl zwischen Allroundern wie Fabian Ernst, Tim Borowski, Torsten Frings, Krisztian Lisztes oder Daniel Jensen hatte, sind schon lange vorbei. Für sich genommen sind sowohl Junuzovic als auch mit Abstrichen Fritz gut geeignet für die Halbpositionen. Beide zusammen, noch dazu in Kombination mit einem Sechsertyp wie Bargfrede, sind jedoch auch eine klare Absage an Ballbesitzfußball und eine Verbesserung des Passspiels im Mittelfeld.

Offensives Mittelfeld – Spielwiese für den Nachwuchs

Anders als die Sechserposition ist die Zehnerposition und ihre Besetzung immer Thema in den Werder-nahen Medien. Kaum ein Artikel, in dem nicht Özil, Diego, Micoud und sogar Herzog bemüht werden, um den selbst gesteckten Anspruch an den “Spielmacher” zu betonen. Das Problem: Der einzige wirkliche offensive Spielmacher in Werders Kader heißt Levent Aycicek und ist im Kalenderjahr 2015 bislang das Sorgenkind. Nachdem er in der Rückrunde nicht überzeugen konnte und nur selten eingesetzt wurde, war die Vorbereitung auf die neue Saison ein weiterer Rückschritt. Über die Gründe dafür lässt sich viel spekulieren und diskutieren, aber Tatsache ist, dass Aycicek trotz seines überragenden Talents in der Bundesliga bislang noch nicht überzeugt hat und derzeit in der U23 nach seiner Form sucht.

Wie schon Robin Dutt experimentierte auch sein Nachfolger mit unterschiedlichen Spielertypen auf der Zehnerposition. Die beste Figur machte dabei in der letzten Saison Fin Bartels, der mit seiner Beweglichkeit und seinem guten Gespür für Kontersituationen eine für Werder völlig neue Komponente auf der Position einbrachte. Eher enttäuschend waren Levin Öztunalis Auftritte als Zehner. Bei ihm kann man gut sehen, dass der Übergang zum Profifußball noch nicht komplett vollzogen ist. Er verlässt sich noch zu sehr auf seine individuelle Klasse am Ball und sucht zu selten das Zusammenspiel, was gerade auf dieser Position schwierig ist. In dieser Hinsicht haben Überflieger im Nachwuchsbereich vielleicht auch einen Nachteil, denn bis zur letzten Stufe vor dem Profifußball kommen sie problemlos damit durch. Öztunali sehe ich derzeit eher als Option für einen zweiten Stürmer oder eine Außenposition (wenn das System umgestellt wird). Er wird aber sicherlich auch Chancen auf der Zehn bekommen.

Der Sieger der Vorbereitung heißt im offensiven MiIttelfeld ganz klar Maximilian Eggestein. Auch er ist kein wirklicher Spielmachertyp, aber aus anderen Gründen. Sein Passspiel ist auf hohem Niveau und es macht großen Spaß ihm dabei zuzuschauen. Körperlich hat er noch ein paar Defizite und Schnelligkeit gehört nicht unbedingt zu seinen Stärken, aber dafür ist er ein Spieler, der die Stürmer gut einsetzen kann, eine gute Übersicht hat und in Verbund mit seiner Technik dadurch sehr vertikal spielen kann. Als großer Stratege ist er mir dagegen bislang nicht aufgefallen und an seiner Präsenz muss er arbeiten. Gut gefallen mir jetzt schon seine Bewegungen ohne Ball.

Ein weiterer Kandidat hat sich im Testspiel gegen West Ham herauskristallisiert, wo das Spiel oft an Eggestein vorbei lief und dafür Florian Grillitsch auf der rechten Halbposition mit Spielmacherqualitäten auf sich aufmerksam machen konnte. Ob es ausreicht, um Eggestein dort zu verdrängen, ist schwer zu sagen. Testen kann man ihn dort aber allemal. Bei Özkan Yildirim, der sein einziges Spiel in der letzten Saison ebenfalls auf der Zehn bestritt, bin ich sehr vorsichtig geworden und rechne auch in dieser Saison nicht mit ihm, sondern wünsche ihm vor allem, dass sein Körper irgendwann einmal mitspielt und er überhaupt wieder “richtig” Fußballspielen kann.

Sowohl bei Eggestein als auch weiterhin bei Aycicek habe ich die Phantasie, dass sie in dieser Saison den Durchbruch in der Bundesliga schaffen können. Bartels ist der einzige erfahrene Kandidat und in Werders Kontersystem einer, der die Rolle auf der Zehn zuverlässig ausfüllen kann. Insgesamt kann ich die Sehnsucht nach einem neuen Micoud oder Diego zwar nachvollziehen, doch es war nicht zuletzt die Suche nach einem solchen Spieler, die dazu geführt hat, dass Werder in der Vergangenheit einige taktische Entwicklungen verschlief und mit Spielern wie Ekici oder Wesley auf die Nase gefallen ist. Insgesamt ist Werder hier ordentlich besetzt, mit viel Potenzial für die nächsten Jahre.

Angriff – Alles auf Ujah

Selke verkauft, Di Santo verkauft, Petersen verkauft, Lorenzen mit körperlichen Problemen. Vom Angriff der letzten Saison sind nur noch die “Mehr-oder-weniger-Stürmer” Fin Bartels und Izet Hajrovic übrig. Da Viktor Skripnik jedoch derzeit ein System mit zwei “echten” Spitzen bevorzugt, musste Werder hier im Sommer ordentlich klotzen.

Mit Anthony Ujah wurde ein torgefährlicher Spieler verpflichtet, der sehr gut zu Werders Konterfokus passt. Spielerisch ist Ujah sicherlich kein Überflieger, aber seine Technik genügt, um in den meisten Disziplinen eines Stürmers gut abzuschneiden. Ujah kann Bälle behaupten, auf einigermaßen engem Raum kombinieren, flache wie hohe Zuspiele verarbeiten. Dazu positioniert er sich in Tornähe clever und verfügt über einen guten Torabschluss. In der Vorbereitung wirkte er bereits sehr gut integriert und man braucht wenig Phantasie, um zu dem Schluss zu kommen, dass er auch in der Bundesliga ein Gewinn für Werder sein wird. Schade, dass es nicht zu einem Zusammenspiel mit Di Santo kommen wird, denn die beiden sahen im Gespann wirklich vielversprechend aus.

Kurz vor dem Pflichtspielstart wurde mit Aron Johannsson ein weiterer Stürmer verpflichtet. Da ich die niederländische Liga nicht wirklich verfolge, fällt mir eine Einschätzung schwer. Johannssons Leistungsdaten lesen sich gut, werden sich so aber nicht auf die Bundesliga übertragen lassen. Zumindest scheint er ein umtriebiger und kombinationssicherer Stürmer zu sein, was sicherlich nicht schaden kann. Die kolportierten viereinhalb Millionen Euro Ablöse hätte ich lieber in ins defensive Mittelfeld investiert, aber vielleicht belehrt mich Johannsson hier ja eines besseren.

Die Notwendigkeit einer weiteren Neuverpflichtung im Angriff lag auch darin begründet, dass die zweite Reihe hier derzeit im Vergleich zu anderen Positionen recht weit weg ist. Melvyn Lorenzen traue ich durchaus zu, diese Saison eine Entwicklung wie Selke letztes Jahr hinzulegen. Dagegen sprechen jedoch seine andauernden Verletzungsprobleme, die eine schnelle Rückkehr in den Bundesligakader fraglich erscheinen lassen. Sehr erfreulich ist es daher, dass Ousman Manneh so eine erstaunliche Entwicklung hingelegt und auch die Chance bei den Profis erhalten hat. Das Testspiel gegen West Ham hat hier zwar gezeigt, dass der Weg nach oben für ihn nicht linear verläuft, aber auch hier ist Selkes Werdegang ein gutes Beispiel dafür, dass man sich mit harter Arbeit oben festbeißen kann. Die Erwartungshaltung sollte jedoch nicht in diese Richtung gehen. Sollte Manneh in dieser Saison überwiegend in der U23 zum Einsatz kommen, wäre das ganz sicher kein Rückschritt für den Jungen, der vor etwas mehr als einem Jahr noch in der Wilden Liga gekickt hat.

Ob Johannes Eggestein, Maximilians jüngerer Bruder, in dieser Saison schon ein Thema für die Profis wird, bleibt offen. Dem letzte Saison noch in der U17 angesiedelten Angreifer werden große Taten zugetraut und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis er auch für Skripnik eine ernsthafte Option darstellt. In dieser Saison gehört er zum Stamm der U19, doch es bleibt abzuwarten, ob er dort ausreichend gefordert wird. In der letzten Saison erzielte er in seinem ersten Einsatz in der U19-Bundesliga direkt fünf Tore, von seiner beachtlichen Quote in der U17 ganz zu schweigen. Es würde mich nicht wundern, wenn er in dieser Saison zumindest sporadisch schon im Bundesligakader auftaucht und bei entsprechender Personallage sein Debüt feiert. Sollte dies vor Ende April geschehen, würde er damit übrigens Thomas Schaaf als jüngsten Bremer Bundesligaspieler ablösen.

Auch wenn ich Skripniks Überlegungen in puncto Pressing und Vertikalität nachvollziehen kann, gefällt mir eine Variante mit einer eher hängenden Spitze vor der Raute weiterhin gut, gerade wenn sie gegen den Ball als 4-3-2-1 interpretiert wird,  Der geeignetste Kandidat für diese Position ist Fin Bartels, der mich in der Vorbereitung aber nicht unbedingt überzeugt hat und dem ein wenig die Spritzigkeit zu fehlen scheint. Von Izet Hajrovic erwarte ich nicht mehr viel, obwohl er für eine solche Position natürlich auch in Frage käme. Seine Ansätze wecken in mir wenig Phantasie, dass er sein Spiel so umstellen könnte, um eine wirklich passende Position in Werders System zu finden. Warum man einen eher eindimensionalen Außenstürmer im Kader behalten sollte, erschließt sich mir nicht, daher rechne ich noch mit einem Abgang, sofern Werder ein vernünftiges Angebot bekommt. Weitere Kandidaten für eine hängende Stürmerposition wären Levin Öztunali, Florian Grillitsch und eventuell auch Özkan Yildirim.

Mit Ujah gibt es zunächst eine klare Nummer eins in der Stürmerhierarchie. Je nachdem wie sich Johannsson schlägt, wird es immer wieder Chancen für die Nachwuchsleute geben und auch die Offensivleute, die keine Vollblutstürmer sind, werden dort zum Einsatz kommen. Da im Angriff die Transferausgaben mit Abstand am höchsten waren, ist die Erwartungshaltung entsprechend. Die Fußstapfen von Di Santo und Selke sind nicht die kleinsten, auch wenn sie kein perfekt harmonierendes Duo waren.

Das 4-1-4-1 als Alternative?

Da Skripnik auf die Raute als Grundsystem fixiert ist, kann ich mir eine große Taktikdiskussion sparen. In der Sommerpause wurde allerdings das 4-1-4-1 als Alternativsystem getestet. Ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich, das wir dieses System häufig zu sehen bekommen, aber interessant ist es schon, weil es eine Variante ist, die Spielern wie Hajrovic oder Öztunali zu Gute kommen könnte.

Wie unterschiedlich das 4-1-4-1 interpretiert werden kann, zeigt ein Vergleich des Werdersystems von 2012/13 und dem System, das beispielsweise Portugal bei der Europameisterschaf 2012 spielte. Auf dem Papier ändert sich im Vergleich zur Raute nur die Formation im Angriff, wo nur eine Spitze, kein Zehner, dafür aber zwei Außenstürmer ins Spiel kommen. Im Mittelfeld bleibt es bei einer “1-2-Stellung” mit einem Sechser und zwei Achtern. Die Dynamik ändert sich jedoch auch im Mittelfeld grundlegend. Mindestens einer der Achter muss sich ins Offensivpressing einschalten, will man dem Gegner nicht komplett das Spiel überlassen. Je nachdem wie hoch sich die Flügelstürmer positionieren, wird das System gegen den Ball zu einem 4-3-3, 4-5-1 oder 4-1-3-1-1.

Genug zur Theorie, im Wesentlichen kommen zwei neue Positionen auf den Außenbahnen hinzu, für die Werder nicht allzu viele, aber doch ein paar Kandidaten hat. Hajrovic ist wohl der Spieler, der am offensichtlichsten von diesem System profitieren würde. Als Rechtsaußen kann er seine Stärken am besten einbringen. Die Einsätze im flachen 4-4-2 zeigten allerdings auch, dass er relativ weit vorne eingesetzt werden muss und sich auf Höhe der Mittellinie auch auf dem rechten Flügel häufig verzettelt. Levin Öztunali könnte mit seiner Dribbelstärke auf beiden Seiten eingesetzt werden. Auch Fin Bartels ist die Position nicht fremd, obwohl ich ihn zentral deutlich lieber sehe. Lorenzen bietet sich aufgrund seiner Schnelligkeit ebenfalls an, wenngleich auch er kein prototypischer Flügelspieler ist. Für Spieler wie Aycicek, Grillitsch oder Junuzovic wäre die Position hingegen nicht gut geeignet.

An dieser Stelle zeigt sich auch schon, warum das 4-1-4-1 nur bedingt für den aktuellen Kader geeignet ist. Selbst wenn man den langzeitverletzten Yildirim mit berücksichtigt, hätte man nur 3-4 Spieler für zwei Positionen und müsste zugleich mindestens einen Stammspieler opfern. Von den veränderten Anforderungen an die Achter ganz zu schweigen. Ich denke, wir werden das System eher mal in seiner defensiveren Ausprägung in der Schlussphase einer Partie sehen, in der eine Führung verteidigt werden muss (dann eventuell mit gelernten Außenverteidigern im Mittelfeld). Bei Rückstand kurz vor Schluss kommt eher ein echtes 4-3-3 oder sogar 4-2-4 in Frage.

Trainerbank – Wie gut ist Skripnik wirklich?

Die Frage nach Skripniks wahrer Qualität begleitet nun bereits einen Großteil seiner Zeit als Cheftrainer der Profis. Es gibt große Unterschiede bei der Wahrnehmung seiner bisherigen Amtszeit. Unter Werderfans hat er schnell einen Kultstatus erreicht, der weit über die sportlichen Erfolge hinausgeht. Man könnte den Eindruck bekommen, dass er bereits heute als Trainer für die nächsten zehn Jahre feststeht. Von außerhalb wird Skripnik dagegen teilweise auf die Erfolgsserie im letzten Winter reduziert, die durch die fußballerisch eher dünnen Leistungen in der Schlussphase der Saison konterkariert wird. Beides tut dem Trainer Viktor Skripnik unrecht.

Betrachtet man die Hypothek, mit der er im Herbst bei Werder an den Start gegangen ist, gehörte weitaus mehr als eine kleine Serie dazu, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Diskussionen zu der damaligen Zeit, als die Behauptung en vogue war, Werders Kader reiche kaum für die 2. Bundesliga. Nur vier Mannschaften holten in der restlichen Saison mehr Punkte als Werder unter VIktor Skripnik, selbst Dortmund mit seinem starken Saisonendspurt kam nur auf die gleiche Punktzahl. Dennoch wurde Skripniks Leistung nicht von allen gewürdigt, die in Werder vor neun Monaten einen sicheren Absteiger sahen.

Die Ansicht, dass sich Werder unter Skripnik schon auf Europa League Niveau befindet, ist jedoch ebenso falsch. Die Besonderheiten der letzten Saison erschweren eine Einordnung. Zieht man die großen Ausschläge nach unten (Saisonstart) und oben (Serie im Winter) ab, war Werder zumeist eine recht durchschnittliche Bundesligamannschaft. Das ist im Angesicht der sportlichen Talfahrt ab 2010 und der Kaderentwicklung ein Erfolg, den sich Skripnik und sein Trainerteam zuschreiben können.

In taktischer Hinsicht hat Skripnik seit seiner Amtsübernahme hinzugelernt und sich als pragmatischer Trainer erwiesen, der zwar klare Vorstellungen von dem Fußball hat, den er von seinem Team gerne sehen möchte, aber diese nicht über die Gegebenheiten des Kaders stellt. Von daher könnte es sogar ein Vorteil für ihn gewesen sein, dass er mitten in der Saison anfangen musste und wenig Einfluss auf die Kaderzusammensetzung hatte. Vielleicht wäre er ansonsten mit mehr Idealismus und im schlimmsten Fall Naivität an die Sache herangegangen (selbstverständlich reine Spekulation). Aus dem Nachwuchs war er es gewohnt, dass seine Teams zu den spielerisch besten der jeweiligen Ligen zählten und daher viel dominanter auftreten konnten. Sein Satz vor Beginn der Siegesserie im Winter hängt mir jedenfalls noch immer im Ohr: “Wir haben als Trainerteam nicht so viel Erfahrung gehabt in der Bundesliga, aber jetzt wissen wir, wo es langgeht.”

Für Skripnik und sein Trainerteam wird die zweite Saison ein echter Härtetest. Die Erwartungshaltung ist hoch, das Vertrauen groß, die Mittel überschaubar. Gerade für das junge Bremer Team ist Skripnik meiner Meinung nach der ideale Trainer. Das Bundesligageschäft ist allerdings gnadenlos und auch Skripnik muss weiterhin dazulernen, um dort langfristig bestehen zu können. Solange sein Team nicht in eine richtig tiefe und anhaltende Krise schlittert, hat er jedoch einen der sichersten Trainerstühle der Liga inne.

Fazit

Das Fazit meiner Saisonvorschau lautet vor allem: Ich freue mich wie schon lange nicht mehr auf diese Saison. Werders Kader ist eine Wundertüte, mit der vieles möglich, aber wenig sicher ist. In puncto Bundesligaerfahrung spielt man am unteren Ende mit, hat mit einigem guten Willen 15-16 gestandene Profis in den eigenen Reihen. Trotz der beschriebenen Defizite, die ich im Kader noch sehe, beeindruckt mich die Konsequenz mit der die Verantwortlichen nun auf die Jugend setzen. Es sei dahingestellt, inwieweit sie wirtschaftlich dazu gezwungen sind, doch die Zeiten in denen es zwanzigjährige Debütanten nur in Ausnahmefällen gab, sind erstmal vorbei. Gleich elf Spieler aus dem Profikader sind nicht älter als 21 Jahre. Auf sechs Positionen ist einer der beiden wahrscheinlichsten Kandidaten ein Nachwuchsspieler.

Das größte Problem könnte eine zu hohe Erwartungshaltung im Umfeld sein. Von Talenten wie Zander, von Haacke, Aycicek, den Eggestein-Brüdern, Ulisses Garcia und Manneh darf man sich ohne Zweifel viel versprechen. Für jeden dieser Spieler wäre es jedoch schon ein Erfolg, sich in Werders erster Elf festzusetzen und sich in der Bundesliga zu etablieren. Daher ist für mich absolut nicht gesagt, dass Werder mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird, auch wenn das Thema Klassenerhalt nicht groß thematisiert wird derzeit. Die Schere in der Bundesliga sorgt dafür, dass zwischen Platz 7 und Platz 16 nur Details den Unterschied machen. Um das internationale Geschäft anpeilen zu können, muss Werder wie so viele andere auch, auf einen Ausrutscher von Dortmund, Schalke, Leverkusen, Gladbach oder Wolfsburg hoffen und zugleich Best-of-the-Rest werden. Dass so etwas keine Utopie ist, zeigen die Beispiele Augsburg, Mainz und Freiburg aus den letzten Jahren.

Die drei frühzeitig feststehenden Neuzugänge haben in der Vorbereitung soweit überzeugt, dass sie zum Saisonbeginn einen Stammplatz innehaben. Sollte es Werder noch gelingen, nach Eljero Elia auch den aussortierten Ludovic Obraniak (eventuell auch noch Izet Hajrovic) zu verkaufen und im Gegenzug einen akzeptablen Sechser zu verpflichten, wäre ich mit der Transferperiode unter den gegebenen Voraussetzungen sehr zufrieden.

Betrachtet man Werders Kaderstruktur, wird deutlich, warum die Verantwortlichen so hartnäckig um den Verbleib von Clemens Fritz gekämpft und auch einen rein sportlich sinnvollen Verkauf von Cedric Makiadi nicht forciert haben. Bundesligaerfahrung ist ein knappes Gut geworden in Bremen. Dafür ist die Identifikation mit der Mannschaft nun umso größer, angeführt von einem sehr beliebten Trainerteam, ein paar langjährigen Spielern und vielen jungen Talenten aus dem eigenen Nachwuchs (wobei an dieser Stelle unerheblich ist, ob die Spieler mit 6 oder mit 18 nach Bremen gekommen sind). Wie lange dies im Falle eines sportlichen Absturzes wie zu Beginn der letzten Saison der Fall wäre, werden wir hoffentlich nicht herausfinden.

Und jetzt, nach 5.789 Wörtern, darf es dann auch endlich losgehen.

Die Professionalisierung des Fußballfans

Zu den unangenehmsten Begleiterscheinungen des Fanseins gehört der Wechsel eines wichtigen eigenen Spielers zu einem Konkurrenzverein. Während man sämtliche sportliche Berg- und Talfahrten mit seinem Selbstbild als treuer und durch Dick und Dünn gehender Fans vereinbaren kann, bringt ein Spielerwechsel selbiges zumindest kurzzeitig zum wanken. Gestern noch hat man dem Spieler zugejubelt, sich über positive Aussagen zum gemeinsamen Verein gefreut. Morgen kickt der Spieler in einem anderen Trikot, küsst ein anderes Wappen und lässt sich von einer anderen Fankurve feiern.

Dilemma zwischen Emotion und Zynismus

Und heute? Hat der Fan die Wahl, sich entweder als naiver Emotionsmensch zu outen und dem Spieler verbal nachzutreten oder aber zum Zyniker zu werden, der schon von vornherein immer vom schlimmsten im Fußballer aus- und erst gar keine emotionale Bindung zu den eigenen Spielern eingeht. Anders ist es kaum möglich, das Gefühlschaos des Vereinsfans zu ordnen und verarbeiten. Natürlich bleibt auch noch die Option, als kühler Realist die Unabdingbarkeit der Vorgänge festzustellen: So ist es halt, das Profigeschäft. Was hättest du denn gemacht? Jeder hätte das Geld genommen. Komm runter von deinem hohen Ross der moralischen Überlegenheit. Für den Spieler ist der Verein nur ein Arbeitgeber.

Es bleibt der schwache, in diesen Momenten aber Mantra-artig beschworene Trost, dass der Verein größer sei, als ein Spieler es jemals sein könnte. Schwach ist er deshalb, weil das Fandasein immer mehr auf einen kaum greifbaren, fast schon metaphysischen Kern reduziert wird. Die Spieler können noch so wenig Bezug zum Verein haben, die sportliche Leitung noch so inkompetent, die Ergebnisse noch so mies, die Sponsoren noch so moralisch bedenklich sein: Über allem steht ein (über die Jahre mehr oder weniger unverändertes) Wappen, das alle Fans vereinen soll, auch wenn niemand weiß, was genau das eigentlich bedeutet.

Professionalisierung als logischer Schritt

Eigentlich erfordern die Vorgänge im modernen Fußball schon lange einen anderen Umgang seitens der Fans. Während sich die Spieler, die Vereine, die Verbände, ja selbst die Balljungen professionalisiert haben, singen die Fans weiterhin ihre alten Lieder und reagieren auf jeden Spielerwechsel so, wie sie es vor zwanzig Jahren auch schon gemacht haben bzw. hätten. Mit Buhrufen, Boykotts und Busblockaden zieht man heutzutage nur noch Spott und Kopfschütteln auf sich. Es muss eine grundlegende Änderung her, eine Professionalisierung der Fußballfans. Das Paradigma der ewigen Treue und bedingungslosen Vereinsliebe ist überholt. Trainer Baade wusste das schon vor vielen Jahren.

Man sollte sich in der heutigen Fußballwelt auch als Fan alle Optionen offen halten. Zumindest während der Transferperiode müssen auch Fans ohne Restriktionen ihren Verein wechseln dürfen. Um die Gefühle anderer Fans nicht zu verletzen, ist dabei generell auf eine neutralere Wortwahl zu achten. Formulierungen wie „lebenslang Grün-Weiß“ oder „echte Liebe“ sind kontraproduktiv und sollten nicht mehr verwendet werden. Ein simples „ich fühle mich in der Ost-/Süd-/West-/Nordkurve sehr wohl“ oder „Verein XY wird immer mein erster Ansprechpartner sein“ genügt völlig. Hier ergeben sich auch für das Merchandising ganz neue Möglichkeiten (von außen und innen mit unterschiedlichen Vereinsfarben bedruckte Trikots sind hier nur eine von vielen guten Ideen), zumal durch wechselwillige Fans auch ein steigender Bedarf an Basisartikeln wie Trikots, Schals und Fahnen entstehen dürfte.

Welche Vereinsfarben kommen zum Vorschein, wenn sich der Rauch gelegt hat?

Den Regeln des Marktes unterwerfen

Um die Professionalisierung voranzutreiben, empfiehlt sich der Einsatz von persönlichen Beratern ebenso wie eine Medienschulung, um unangenehmen Nachfragen zu Vereinswechseln mit möglichst wohlklingenden und inhaltsleeren Floskeln den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Berater könnten außerdem dabei behilflich sein, möglichst gute Konditionen beim neuen Verein des Herzens auszuhandeln. Vereine betonen immer wieder, wie wichtig die Fans doch für den Erfolg sind – nun können sie es beweisen. Ein Begrüßungspaket bestehend aus Fanartikeln, Dauerkarten und Autogrammkarten oder – warum nicht? – ein kleines Handgeld. Es darf keine Denkverbote mehr geben!

Ohnehin ist es an den abgebenden Vereinen, durch ein ausgeklügeltes Bestandskundenmanagement und –marketing dafür zu sorgen, wechselwillige Fans bei der Stange zu halten. Niemand hindert einen Verein daran, ein besseres Angebot für einen verdienten Fan abzugeben und ihn so zu einem Verbleib zu bewegen. Ob langfristige Fanverträge hier ebenfalls ein Weg sein können, muss der Praxistest zeigen. Durch den in der Folge entstehenden Transfermarkt für Fußballfans sollte dies aber eigentlich kein Problem sein. Über die Höhe der Ablösesummen entscheiden wie üblich Angebot und Nachfrage.

Positive Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft

Die genannten Änderungen werden dank der ungebrochen großen Beliebtheit des Fußballs nicht nur ökonomische sondern auch gesundheitliche, soziale und sogar ökologische Vorteile für unsere Gesellschaft mit sich bringen. Kein Fan sollte sich bis zum Magengeschwür ärgern oder bis zum Herzinfarkt aufregen müssen, nur um nicht gegen einen längst überholten Fan-Kodex zu verstoßen. Die Zeiten, in denen das Wort „Erfolgsfan“ als Schimpfwort verwendet wurde, sind dann endgültig vorbei. Streit mit den eigenen Freunden oder der Familie ob der jeweiligen Vereinspräferenz kann ebenso vermieden werden, wenn man sich zur neuen Saison einfach einen gemeinsamen neuen Verein suchen kann. Umweltbewusste Menschen berücksichtigen bei ihrer Vereinswahl die Fahrstrecken zu den Heim- und Auswärtsspielen. Ein für die Entscheidung maßgeblicher Durchschnittswert ist einfach zu ermitteln.

Obwohl es eigentlich selbstverständlich ist, sei noch eine Kleinigkeit angemerkt, bevor die Professionalisierung der Fußballfans beginnen kann: Von emotionsgeladenen Abschiedsbriefen an einen ehemaligen Verein ist abzusehen. Solch kindisches Verhalten wird von den Adressaten schnell durchschaut und sollte eher den Amateuren überlassen werden.

Werder nach Europa – ja, nein, vielleicht?

“Unsere Ambition: Wir wollen zurück nach Europa!”

– Werder Bremen, Unternehmenspräsentation

Nach der turbulenten Hinrunde rechnete bei Werder wohl niemand mehr damit, dass man im Laufe der Saison noch einmal in die Verlegenheit kommen würde, sich mit der Qualifikation für den internationalen Wettbewerb auseinandersetzen zu müssen. Ob Spieler, Trainer oder Manager – allen Beteiligten ist anzumerken, wie schwer es ihnen fällt, die neue Situation anzunehmen und zu bewerten.

Man sollte meinen, dass die unerwartete Chance auf einen Erfolg, der für diese Saison noch nicht vorgesehen war, neue Kräfte freisetzt. Wenn man sich die Aussagen der letzten Wochen anhört, scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Nach dem kräftezehrenden Abstiegskampf werden plötzlich neue Ansprüche an das Team gestellt. War die Entwicklung vom chancenlosen Absteiger zum Team der Stunde im Winter noch eine Befreiung, ist die gestiegene Erwartungshaltung an die Mannschaft mehr Bürde als Belohnung.

“Ich kann das Europa-Geschwafel nicht mehr hören!”

– Thomas Eichin, wütend

Klar ist, dass Werder die Rückkehr ins internationale Geschäft in den nächsten Jahren angepeilt hat. Nach vier schwierigen Jahren, die von Abstiegskampf und Umbrüchen im Kader geprägt waren, liegt es jedoch nahe, dem Braten noch nicht so recht zu trauen. Ein Jahr der Stabilisierung, der Mannschaftsentwicklung hatte man sich gewünscht; mit möglichst wenig Abstiegskampf, einem Platz im gesicherten Mittelfeld und der Tendenz nach oben. Bekommen hat man zunächst ein miserables erstes Saisonviertel, einen Trainerwechsel und einen Machtkampf zwischen Fischer und Lemke. In diesem Jahr gab es dann das Kontrastprogramm: Eine Siegesserie, viel gute Stimmung und den Anschluss an die internationalen Plätze.

Es ist verständlich, dass diese Entwicklung den Verein auf Trab hält und man sich schwer tut, die richtigen Aussagen dazu zu treffen. Soll man sich zurückhalten und auf die Situation vor ein paar Monaten verweisen? Oder soll man sich aus dem Fenster lehnen und Ansprüche formulieren, die einem zum Saisonende auf die Füße fallen können? Zu häufig wurde schließlich in den letzten vier Jahren von einzelnen Akteuren der Anspruch formuliert, schon bald wieder in der Europa League mitzuspielen – hauptsächlich von Spielern (und einem Manager), die inzwischen nicht mehr bei Werder aktiv sind.

“Wir müssen uns damit beschäftigen. Alles andere wäre eine Verarschung den Fans gegenüber.”

– Viktor Skripnik über die Europa League

Das erklärt vielleicht, warum auf jeden Vorstoß eines Akteurs sofort ein der anderer auf die Bremse tritt. Skripnik bremst Eichin, Eichin bremst die Mannschaft, Junuzovic bremst Gálvez. So ist es vermutlich nicht gemeint, aber so kommt es durch das Timing der Aussagen herüber. Deutlich wird jedoch, dass keine Einigkeit herrscht, ob die Europa League nun das neue Saisonziel ist oder nicht. Offensiv formuliert wird es nicht, ein konsequentes Verneinen dieser Frage sieht indes anders aus.

Die Ambivalenz ist durchaus verständlich, auch ungeachtet des Saisonverlaufs. Es fällt schließlich nach wie vor schwer, den Wert einer EL-Qualifikation für den Verein einzuschätzen. Einerseits wären die finanziellen Möglichkeiten und das steigende Renommee durch die Teilnahme gut für den Verein. Andererseits wäre Werder nicht der erste Verein, dem die Mehrfachbelastung in der Liga zum Verhängnis werden könnte. Ein Club, der in den letzten vier Jahren durchschnittlich 35,5 Pflichtspiele zu bestreiten hatte und die Kaderkosten in dieser Zeit deutlich reduzieren musste, müsste schon einen kleinen bis mittleren Richtungswechsel im Sommer durchführen, um sich auf das Abenteuer Europa League vorzubereiten.

“Wir kamen aus der Hölle. Im Herbst waren wir doch schon abgestiegen. Wann haben wir denn die Situation gehabt, dass wir mal frei aufspielen konnten? Erst haben wir gegen den Abstieg gekämpft, dann ging es plötzlich um die Europa League. 26 Punkte in der Rückrunde sind doch super. Wir müssen lernen, das auch mal zu genießen.”

– Zlatko Junuzovic, Freistoßgott

Und dennoch erstaunt es, dass auch die Spieler nicht die ganz große Euphorie ausstrahlen, wenn es um die Chance auf europäischen Fußball geht. Man sollte doch meinen, dass es für einen Fußballer weitaus einfacher wäre, den “Druck”, das Ziel Europa League zu erreichen, in positive Energie umzuwandeln, als den Druck des ständigen Abstiegskampfs. Zlatko Junuzovics Aussagen zeigen jedoch sehr deutlich, dass dem nicht so ist. Der ständige Kampf um den Klassenerhalt führte anscheinend dazu, dass jeglicher Anspruch an die Mannschaft von dieser inzwischen als Belastung wahrgenommen wird.

Widerspricht die Aussicht auf Platz 6 oder 7 wirklich dem Bedürfnis, “frei aufspielen” zu können (im Profigeschäft ohnehin ein frommer Wunsch)? Im Gegensatz zu Schalke oder Dortmund und selbst dem Überraschungsteam aus Augsburg hat Werder in diesem, mitunter an ein Schneckenrennen erinnernden, Endspurt wenig zu verlieren. Niemand wird den Spielern den Kopf abreißen, wenn am Ende ein gesicherter Mittelfeldplatz herauskommt. Sollte Werder hingegen in der kommenden Saison erneut um die Europa League Plätze mitspielen, wird die Erwartungshaltung vermutlich schon eine andere sein.

Werders Spieler und sportliche Leiter täten also gut daran, sich Junuzovics letzten Satz zu Herzen zu nehmen und zu lernen, wie man eine unerwartete Chance genießt. Man kann die aktuelle Situation, in der man ohne großen Druck ums internationale Geschäft mitspielen kann, nämlich auch als großen Glücksfall betrachten. Das gab es schließlich zuletzt in den Anfangsjahren der Ära Thomas Schaaf und die ist bekanntlich schon ein paar Jahre her.

17 Spiele Skripnik – eine Zwischenbilanz

Der späte Ausgleichstreffer der Kölner war ernüchternd, denn ansonsten wäre der 26. ein perfekter Spieltag gewesen. Von Platz 5 bis 8 hat kein Team gewonnen, sodass man sich im Kampf um die Europa League Plätze einen Vorteil hätte erarbeiten können. Dass man überhaupt wieder vom internationalen Wettbewerb sprechen kann, verdankt Werder vor allem einem Mann: Viktor Skripnik.

Platz 4 in der “Skripnik-Tabelle”

Seitdem Skripnik und sein Trainerteam das Kommando übernommen haben, läuft es bei Werder richtig gut. Für diese Erkenntnis genügt bereits ein Blick auf die ominöse “Skripnik-Tabelle”, also der Tabelle ab dem 10. Spieltag. Am Anfang noch eine Spielerei, gibt sie nun Aufschluss über die Erfolge aus Skripniks erster kompletter Halbserie. Nachdem gegen jeden Gegner einmal gespielt wurde, scheiden Faktoren wie “günstiger Spielplan” oder “glückliche Serie” aus. Jeder hat einmal gegen jeden gespielt und Werder hat aus diesen Spielen mehr Punkte geholt, als 14 andere Bundesligisten. Werder hatte – rein punktemäßig – unter Skripnik Champions League Niveau.

Das sollte man, bei allen Diskussionen um aktuelle Themen, nicht vergessen: Ein Trainerteam ohne jede Bundesligaerfahrung holte mit einem Kader, der landauf, landab für nicht bundesligatauglich erklärt wurde, 30 Punkte aus 17 Spielen. 10 mehr als Hoffenheim, 8 mehr als Frankfurt, 4 mehr als Augsburg, 2 mehr als Schalke, 1 mehr als Leverkusen und genauso viele wie Bayern-Bezwinger Gladbach.

Skripniks Trainerlaufbahn – der Bremer Weg?

Wie hat Skripnik diesen Aufschwung geschafft? Diese Frage stellt sich vermutlich die halbe Bundesliga. Die Liste der möglichen Erklärungen ist lang, doch vielerorts begnügt man sich mit der Begründung, dass Skripnik nun mal ein echter Werderaner ist und bemüht die Parallelen zu Thomas Schaaf: Beim Karriereende bereits den Einstieg in den Trainerberuf hinter sich gehabt, viel Erfahrung und Erfolge mit den Jugendteams gesammelt und schließlich in großer Not das Ruder bei den Profis übernommen. Doch es ist keineswegs so, dass dieser Weg bei Werder Tradition hätte, auch wenn man es inzwischen gerne so hinstellt. Vielmehr war Schaafs Werdegang bis vor kurzem ein absoluter Einzelfall. Andere Ex-Spieler, die sich als Trainer im Nachwuchs versuchten, wie etwa Mirko Votava oder Thomas Wolter, hatten weitaus weniger Erfolg und genießen nicht unbedingt die beste Reputation in der Branche.

Skripnik hingegen ragte mit seiner U17 schnell aus der Nachwuchsabteilung heraus, welche in dem Ruf stand, eher die körperlichen Frühentwickler als die fußballerisch vielversprechendsten Talente zu fördern. Skripniks Nachwuchsmannschaften zeichneten sich hingegen durch eine gepflegte Spielkultur und technisch anspruchsvollen Angriffsfußball aus. In der letzten Saison gelang es ihm, seine Spielidee auch mit der U23 in der Regionalliga erfolgreich umzusetzen. Unter Wolters Führung war diese ebenfalls nicht gerade für ansprechenden Fußball oder gar als Talentschmiede für die Profis bekannt. Verständlich also, dass Skripnik und sein Trainerteam als einzige echte Alternativen aus den eigenen Reihen galten, als sich die Trennung von Robin Dutt andeutete. Die Parallelen zu Thomas Schaaf sind ein schöner Nebenaspekt. Ich hoffe trotzdem inständig, dass Skripniks Fähigkeiten als Trainer für die Entscheidung der Vereinsführung maßgeblich waren und nicht sein “Stallgeruch”.

Ganz davon ab ist es natürlich Unsinn, dass man nur als Bremer Urgestein Erfolge auf Werders Trainerbank feiern kann. Wer daran zweifelt, sollte sich Otto Rehhagels Werdegang vielleicht noch mal etwas genauer anschauen.

Skripnik, der Talente-Förderer

Immer wieder betont wird, wie gut Skripnik die Nachwuchsspieler kenne, die für den Aufschwung mitverantwortlich seien. Mit einigen seiner Schützlinge arbeitet Skripnik tatsächlich schon seit vielen Jahren zusammen. Von diesen hat bislang allerdings nur Levent Aycicek sichtbare Spuren in der Bundesliga hinterlassen. Mit Luca Zander und Julian von Haacke sind zwei weitere große Talente durch langwierige Verletzungen vorübergehend gestoppt worden. Marnon Busch spielt seit Skripniks Amtsantritt hingegen wieder in der U 23. Die anderen Spieler, die in dieser Saison ihren Durchbruch im Profiteam schafften (namentlich Davie Selke, Melvyn Lorenzen und Jannek Sternberg), haben hingegen in der Jugend nicht bei Werder gespielt und befinden sich erst seit der letzten Saison in Skripniks Obhut. Selke und Lorenzen wurden zudem bereits unter Dutt an die Profis herangeführt.

Mit dieser Auflistung möchte ich nicht Skripniks Verdienste um Werders Jugendarbeit in Frage stellen. Die Behauptung, Skripnik verfolge eine völlig andere Personalpolitik als sein Vorgänger, ist allerdings sehr fragwürdig. Skripnik geht dabei zweifellos mutiger vor, hat andere personelle Vorlieben (bspw. die Personalien Busch und Aycicek) und auch etwas Glück (Selkes Entwicklung nach Di Santos Verletzung). Der Kern des Teams ist jedoch unter Skripnik der gleich geblieben wie schon unter Dutt. Junuzovics Standards und Di Santos individuelle Klasse sind weiterhin Werders wichtigste Erfolgsfaktoren. Ein Jugendwahn ist bei Werder hingegen nicht ausgebrochen. Mit Selke und Sternberg kommt auch Skripnik “nur” auf 1 1/2 Stammplätze für den eigenen Nachwuchs (der wiederum genau genommen gar nicht der eigene Nachwuchs ist).

Während man Dutt gegen Ende seiner Amtszeit einiges vorwerfen konnte, gehören die Verletzungen von Selassie und Bargfrede nun wirklich nicht dazu. Dennoch werden die Kommentatoren auf Sky nicht müde zu betonen, dass beide unter Dutt kaum noch eine Roll gespielt hätten. Zu dieser Unterstellung gehört schon eine gehörige Portion Frechheit oder Unwissen. Unbestritten ist hingegen, dass Werder als Kollektiv seit Skripniks Amtsantritt ungleich besser funktioniert und viele Spieler auch individuell zugelegt haben. Skripniks initiale Umstellungen tun dem Team bis heute gut. Fritz ist im Mittelfeld noch einmal aufgeblüht (mehr dazu unten) und Gálvez zeigt in der Innenverteidigung starke Leistungen (aber hätte Dutt ihn überhaupt im Mittelfeld aufgestellt, wenn Bargfrede sich nicht verletzt hätte?).

Wie gut ist Werder wirklich?

Werder hat unter Skripnik deutliche spielerische Fortschritte gemacht. Unterhält man sich allerdings mit Kennern der Bremer Nachwuchsabteilungen, wird schnell deutlich, dass Werder derzeit keineswegs so spielt, wie man es von Skripniks U23 oder U17 gewohnt war. Das Ideal, das Skripnik mit seinen Mannschaften anstrebte, war ein dominantes und technisch anspruchsvolles Kurzpassspiel gepaart mit einer offensiven Grundausrichtung und flexiblem Positionsspiel (manche sagen, er habe Schaafs System fit für das aktuelle Jahrzehnt gemacht). Davon ist Werders Profimannschaft eindeutig noch weit entfernt. Zwar ist eine klare spielerische Verbesserung seit letztem Oktober zu erkennen, doch letztlich agiert Werder noch immer sehr vertikal, setzt auf schnelles Umschaltspiel und hat nur selten mehr Ballbesitz als der Gegner. Es ist zweifellos clever, dass Skripnik seinem Team keine komplett neue Marschroute verordnet hat, sondern die unter Dutt gebildeten Strukturen (ja, die gibt es tatsächlich) aufgegriffen und verfeinert hat. Fraglich ist jedoch, wie er sich die weitere Entwicklung seines Teams vorstellt.

Einerseits sprechen die Erfolge dieser Saison durchaus dafür, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Es würde mich trotzdem überraschen, wenn sich Skripnik damit begnügen würde. Bei aller Freude über die 30 Punkte wird er nämlich nicht übersehen haben, dass sein Team noch in vielen Bereichen Nachholbedarf hat. Denn auch, wenn die Mannschaft inzwischen gefestigt wirkt und nur noch selten größere Ausschläge nach unten in der Leistungskurve aufweist, ist Werder in vielen Belangen noch keine Top-Mannschaft. Einen Hinweis darauf, dass die 30 Punkte ein Stück weit über den eigentlichen Fähigkeiten liegen, erhält man beim Blick aufs Torverhältnis: 31:31 Tore stehen dort zu Buche, trotz einem Sieg-Niederlagen-Verhältnis von 9:5. Die Siege werden derzeit eher knapp eingefahren. Den einzigen hohen Sieg feierte man beim 4:0 gegen Paderborn, sechsmal gewann man mit nur einem Tor Vorsprung, während man bei den Niederlagen immer mindestens mit zwei Toren Rückstand verlor. Damit will ich nicht anzweifeln, dass Werder die 30 Punkte verdient hat, aber es wird deutlich, dass sich eine leichte Formschwankung nach unten stärker auswirken würde, als eine leichte Formschwankung nach oben. Mit anderen Worten: Die Punkteausbeute ist besser, als man es bei der Torverteilung erwarten würde.

Das hohe Niveau, das die Punktzahl suggeriert, kann Werder noch nicht konstant auf den Platz bringen. Dies zeigt sich zumeist schon im Laufe einzelner Spiele, in denen Werder selten 90 Minuten auf hohem Niveau durchhält. Auffällig ist, wie häufig Werder einen guten Start hinlegt, insbesondere im Offensivspiel, dann jedoch auf eine ausgeprägte Defensivtaktik umstellen muss, um knappe Führungen über die Zeit zu schaukeln. Manchmal geht dies gut, manchmal nicht. In den meisten Fällen geht es aber sehr zu Lasten der offensiven Schlagfähigkeit. Teilweise verzichtet Werder in der Schlussphase fast vollständig auf das eigene Angriffsspiel und konzentriert sich komplett auf die Verteidigung des eigenen Tores. Dafür gibt es gute Gründe: Die Anzahl der Gegentore hat sich unter Skripnik zwar verringert (von 2,55 auf 1,82 pro Spiel), doch noch immer gehört Werder zu den Teams, die die meisten Treffer kassieren. Auch seit Skripniks Amtsübernahme mussten mit Paderborn und Frankfurt nur zwei Mannschaften mehr Gegentore hinnehmen.

Durchlaufstation auf dem Weg zum “Skripnik-Ball”?

Das alles ist zum aktuellen Zeitpunkt weder schlimm, noch wäre es anders zu erwarten gewesen. Für die neue Saison wird man sich dennoch einige Änderungen vorgenommen haben, auf taktischer wie personeller Ebene. Ob dies tatsächlich in Richtung eines dominanten Ballbesitzfußballs geht, ist allerdings fraglich. Denkbar wäre auch ein weiterhin reaktiver Ansatz mit verbesserten Defensivabläufen. Die bisherige Personalpolitik lässt durchaus beide Vermutungen zu. Dennoch wird jede Personalentscheidung für die Zukunft unter dem Aspekt der Tauglichkeit des Spielers für Skripniks Fußball bewertet. Dies führt häufig zu einer Schwarz-Weiß-Betrachtung, die die weiteren Zusammenhänge im Mannschaftsgefüge außer Acht lässt (Aycicek-Verlängerung und Profivertrag für Maxi Eggestein gut, Junuzovic-Verlängerung und Verhandlungen mit Fritz und Prödl schlecht). Auch mir fällt es schwer, mich davon bei der Bewertung frei zu machen.

Einer sich abzeichnenden Verlängerung mit Clemens Fritz stehe ich beispielsweise trotz des Formanstiegs seit der Rückversetzung ins Mittelfeld kritisch gegenüber. Eine Besetzung der Halbpositionen der Raute mit Fritz und Junuzovic ist aus meiner Sicht nicht geeignet, um dominanten Ballbesitzfußball zu spielen – sie steht einer spielerischen Entwicklung im Mittelfeld sogar entgegen. Doch wenn Skripnik selbst sich so sehr für den Verbleib des Kapitäns einsetzt, wird er seine Gründe dafür haben. Möglicherweise liegen diese nicht im spielerischen Bereich, sondern nur in seinen Führungsqualitäten und der Eigenschaft als Integrationsfigur. Angesichts eines sich ebenfalls abzeichnenden Abgangs Sebastian Prödls wäre diese Überlegung allemal verständlich (wenngleich sie mir persönlich nicht ausreicht).

Neue, alte Rahmenbedingungen

Ein Stück weit wird man sich von der Überlegung lösen müssen, dass Werder im kommenden Herbst schon auf einem Niveau angelangt sein wird, auf dem man mit einem Mittelfeld aus von Haacke, Eggestein, Öztunali und Aycicek die Gegner schwindelig kombinieren kann. An eine (langsamere) spielerische Weiterentwicklung in der kommenden Saison glaube ich aber durchaus. Durch den Selke-Wechsel hat sich die sportliche Leitung die gröbsten finanziellen Nöte vorerst vom Leib geschafft und den Handlungsspielraum für den Sommer vergrößert. Es ist auch ein Signal, dass in Bremen wieder Werte geschaffen und nicht nur vernichtet werden. Man wird aber auch damit leben müssen, dass dies Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen weckt und man vermutlich jedes Jahr Leistungsträger ersetzen muss. Dies sind die Rahmenbedingungen, unter denen Werder schon in der Vergangenheit nach oben und schließlich auch wieder nach unten geklettert ist.

Für Skripnik wird der Umgang damit die größte Herausforderung als Trainer bei Werder Bremen. Thomas Schaaf ist letztlich daran gescheitert, immer neue und unpassendere Spieler das Korsett seines Systems pressen zu wollen und müssen. Damit es Skripnik nicht ähnlich ergeht, wird er sich immer wieder anpassen und flexibel bleiben müssen. Bislang gibt es jedoch keinerlei Grund zum Zweifel daran, dass er für diese Aufgaben genau der richtige Trainer ist.

Rückrundenvorschau 2015

Gestern Abend startete die Rückrunde mit einem fulminanten Spiel in Wolfsburg. Für Werder geht es jedoch erst morgen los, es bleibt also noch Zeit für eine Rückrundenvorschau. Eine Unterteilung in Taktik und Kader spare ich mir, erstens aus Zeitgründen und zweitens, da Skripnik darauf verzichtet hat, in der Winterpause ein anderes System als die Raute zu testen. Wir wissen also, was auf uns zu kommt.

Tor: Mehr Konkurrenz = bessere Leistung?

Das Theater im Tor wurde lang und breit diskutiert. Die Situation hat sich zur Hinrunde insofern nicht verändert, da Wolf weiterhin als Nummer Eins zwischen den Pfosten stehen wird. Da sich die Personalsituation dahinter jedoch komplett gedreht hat, stimmt das nur bedingt. Trotz der Bekenntnisse zu Wolf dürfte klar sein, dass Skripnik und Eichin mit seinen Leistungen in der Hinrunde nicht zufrieden waren. Casteels soll, anders als der nun verliehene Strebinger, Druck ausüben und für den Fall, dass Wolf weiterhin schwächelt, als kurzfristige Alternative dienen. Dass im Sommer mit Wiedwald ein Torwart verpflichtet wird, der Wolf als Stammspieler verdrängen soll, pfeifen die Spatzen von den Bremer Dächern. Husic dürfte ebenso wie Strebinger keine Rolle mehr spielen. Wenn die Nummer Drei ins vierte Glied versetzt wird und nicht mehr mit den Profis trainieren darf, dann ist das eine klare Ansage. Husic war Dutts Wunschspieler, nicht Skripniks. Seine Rolle wird in der Rückrunde von Zetterer eingenommen.

Wirklich zufriedenstellend ist die Situation im Tor weiterhin nicht. Da man Wiedwald (noch) nicht bekommen hat, war es unter den gegebenen Bedingungen aber wohl die sinnvollste Lösung. Casteels hat mich bislang wenig überzeugt, doch er verfügt im Gegensatz zu Strebinger und Husic über Bundesligaerfahrung und ist leistungsmäßig so dicht an Wolf, dass dieser unter erhöhtem Druck steht. Man versucht also, eine Situation wie in der letzten Saison zu schaffen, in der Hoffnung, Wolf wieder auf das damalige Niveau zu heben. Ob das funktioniert, ist fraglich. Der sehr defensive Stil unter Dutt kam Wolfs Spielweise sicher gelegen. In dieser Saison wird dem Torwart mehr abverlangt und Wolf ist den Beweis bisher schuldig geblieben, dass er auch ein mitspielender und vor allem antizipierender Torhüter sein kann. Ich hoffe trotzdem, dass Werders Führung mit ihrer Einschätzung richtig liegt und der Verein nicht aufgrund eines Torwartproblems absteigt.

Abwehr: Die Viererkette steht – aber steht sie endlich sicher?

Die Viererkette war unter Skripnik bislang fast eine Konstante. Rechts ist Gebre Selassie gesetzt, zumindest solange, bis Luca Zander wieder eine ernste Alternative ist. Marnon Busch kommt beim neuen Trainer nicht über die Rolle als Backup hinaus. Seine energetische, aber bisweilen etwas unkontrollierte Spielweise ist bei Skripnik auf der Außenbahn weniger gefragt, als bei seinem Vorgänger. In der Mitte waren Prödl und Gálvez gerade auf dem Weg, das Bremer Abwehrzentrum endlich in den Griff zu bekommen, als Prödls Verletzung einen Strich durch die Rechnung machte. Neuzugang Vestergaard dürfte vorerst Prödls Rolle einnehmen und scheint mir auch im Sommer als Nachfolger des Österreichers angedacht zu sein. Wann immer Prödl nicht gespielt hat, waren seine fehlende Präsenz in der Strafraumverteidigung und vor allem seine Kopfballdominanz deutlich zu sehen. Hier sollte Vestergaard Abhilfe schaffen können. Gálvez hatte eine schwache Vorbereitung, doch sollte weiterhin gesetzt sein, da die Konkurrenz ebenfalls schwächelt. Lukimya als Spielertyp neben Vestergaard mag ich mir ohnehin nicht vorstellen. Caldirola befindet sich im fortwährenden Formloch und soll eigentlich noch abgegeben werden.

Damit hätte Werder neben Gálvez aber gleich drei Abwehrspieler vom Typ “Kante”. Caldirola ist hingegen ein weitgehend unterschätzter Innenverteidiger. Seine Stärken liegen in völlig anderen Bereichen, als die seiner Konkurrenten. Er verteidigt vorausschauender (und damit meine ich nicht den “Alles-oder-Nichts-Zweikampf” an der Mittellinie) und alles in allem “italienischer” als seine Kollegen. Letzteres wird in Deutschland wenig geschätzt bzw. selten überhaupt erkannt. Nicht ohne Grund wurde der Erfolg italienischer Mannschaften hierzulande häufig auf “Glück” zurückgeführt. In der aktuellen Form kann Caldirola der Mannschaft tatsächlich nicht helfen. Doch warum sollte sich dies im Laufe der Rückrunde nicht ändern? Mit ihm als viertem Innenverteidiger wäre mir deutlich wohler als mit Lukimya, der aufgrund seiner Zweikampfstärke bei vielen als “konstant” gilt, obwohl bei ihm – abgesehen von seinen sonstigen Schwächen – die spielentscheidenden Fehler in großer Regelmäßigkeit auftreten (eine Form der Konstanz, die Werder den Klassenerhalt kosten könnte). Es mag für einen Abstiegskandidaten ein Luxusproblem darstellen, sich um den vierten Innenverteidiger Sorgen zu machen, doch wenn sich drei der vier Verteidiger nicht gut miteinander kombinieren lassen, entsteht automatisch eine Abhängigkeit von einem einzelnen Spieler. Ein Risiko auf einer problematischen Position.

Eine solche ist die des Linksverteidigers wieder geworden, nachdem das Problem letzte Saison schon gelöst schien. Garcia ist jedoch – ähnlich wie Busch – nicht der bevorzugte Spielertyp des Trainers. Zu überdreht, zu riskant ist seine Spielweise für Skripniks System. Unter Dutt kam ihm der Linksfokus noch sehr zugute. Als weit aufrückender Außenverteidiger hatte er durch die Überladungen mit Elia, Hunt, Junuzovic und/oder Obraniak viele Optionen für seine bevorzugten Doppelpässe. Nicht zuletzt wurde er auch gut von Caldirola abgesichert. In dieser Saison hatte er zunächst eine schwache Form und musste sich dann den veränderten Anforderungen durch den Trainerwechsel anpassen. Mit Sternberg hat er seitdem einen Konkurrenten, den wenige auf dem Zettel hatten und der in seinen beiden Bundesligaeinsätzen höchst unterschiedliche Eindrücke hinterlassen hat. Sein Debüt war gut, doch beim zweiten Einsatz war seine Leistung nicht bundesligareif. Solche Leistungsschwankungen muss man einem unerfahrenen Nachwuchsspieler zugestehen. Es würde mich daher aber wundern, wenn er Garcia schon in dieser Rückrunde verdrängen könnte. Nicht wenige forderten deshalb eine Neuverpflichtung für hinten Links. Angesichts der finanziellen Situation und der anderen Problemstellen im Kader, halte ich es aber für eine kluge Entscheidung, damit bis zum Sommer und somit auch Sternbergs Entwicklung abzuwarten.

Mittelfeld: Alternativlose Raute mit Anpassungen im Detail

Die Raute steht unter Skripnik nicht zur Debatte. Eine andere Formation wurde im Winter nicht eingeübt. Ein Fehler? Zumindest in der konkreten Auslegung ist Skripniks Raute sehr anpassungsfähig und hat uns in der Hinrunde von flachem 4-4-2 über einen 4-3-2-1 Tannenbaum bis zur Schaaf’schen flexiblen 4-1-2-1-2-Raute durchaus Abwechslung beschert. Das größte Problem, das ich bei einer Raute sehe, sind die sehr unterschiedlichen Anforderungen in Defensive und Offensive. Um die defensiven Vorteile nutzen zu können, müssen die Halbraumspieler sehr darauf bedacht sein, die Zwischenräume zu schließen, also bei gegnerischem Ballbesitz neben den Sechser zu rücken. Das bringt einige Probleme fürs Pressing mit sich. Unter Dutt haben die Achter meist sehr hoch agiert im Pressing, so dass die Formation zu einem 4-1-3-2 wurde, wodurch es im Zentrum große Lücken gab, wenn die Pressinglinie überspielt wurde. Bleiben die Achter hingegen tief, erhalten die gegnerischen Außenverteidiger meist viel Raum. Es entstehen eher schmale 4-3-3/4-3-1-2/4-3-2-1-Stellungen, die – die nötige Kompaktheit vorausgesetzt – den Gegner früh auf die Außenbahnen leiten sollen. Dies bringt aber Probleme im Umschalt- und Flügelspiel mit sich.

Offensiv liegt der große Vorteil der Raute in der nominellen Überzahl im Mittelfeld gegen fast alle anderen Systeme. Die Abstände können kurz gehalten werden, Seitenüberladungen werden vereinfacht und es ergeben sich interessante Passwege. Dazu ist es aber erforderlich, dass sich alle vier Mittelfeldspieler offensiv mit einschalten und flexibel agieren. Die daraus entstehende Unordnung hat weitreichende Konsequenzen gegen gut geordnete und schnell umschaltende Gegner, wie man bei Werder vor allem in den Jahren 2008-2012 schmerzhaft festgestellt hat. Skripnik hat bislang versucht, aus diesen beiden Elementen der Raute das beste herauszuholen (zuhause vor allem das offensive Potenzial, auswärts das defensive). Er hat es aber noch nicht geschafft, sie zu verbinden, was mit dem vorhandenen Personal auch nicht ganz einfach sein dürfte. Sein Pragmatismus als Trainer liegt eher darin, je nach Einschätzung der Ausgangslage eine von beiden Optionen zu wählen. Anders als Dutt ist er bislang allerdings kein Spezialist darin, im Spiel passende Umstellungen vorzunehmen. Nach dem Nordderby brachte ihm dies viel Kritik ein. Als jungem Trainer sollte man Skripnik eine gewisse Lernkurve jedoch zugestehen.

Über die Besetzung der Defensivpositionen im Mittelfeld habe ich mich vor ein paar Tagen schon ausgelassen. Ich halte es für einen Fehler, dass Werder im Winter keinen neuen Sechser verpflichtet hat. Das Warten auf Julian von Haacke wird noch eine Weile dauern, und wenn Werder bis dahin abgestiegen ist, nützt das auch nichts mehr. So geht Werder mit dem Trio Fritz – Bargfrede – Junuzovic in die Rückrunde. Spielerische Fortschritte erwarte ich mir davon nicht. Davor wird es interessant. Bartels ist ebenfalls gesetzt. Bei ihm stellt sich die Frage, ob er als Zehner oder zweite Spitze aufläuft. Ich denke, Skripnik wird hier wie in der Hinrunde je nach Gegner entscheiden. Mit Öztunali ist ein vielseitiger Offensivakteur hinzugekommen. Ich würde ihn zunächst eher auf der 10 oder im Angriff sehen als auf der Halbposition. Gleiches gilt für Aycicek. Beide verfügen über großes spielerisches Potential und sind gerade auch als Einwechseloptionen interessant, um z.B. auf Rückstände zu reagieren.

Angriff: Zwei Stürmer, aber welche Stürmertypen?

Es wäre zu schön gewesen, hätte Skripnik im Angriff endlich aus dem vollen schöpfen können. Obwohl mit Petersen und Elia zwei  Stürmer verliehen wurden, hatte man mit dem wieder genesenen Di Santo, Selke und Lorenzen gleich drei Spieler im Kader, die das Prädikat “echter Stürmer” tragen. Skripnik hätte also nicht mehr nur die Option, neben dem gesetzten Di Santo eine zweite Spitze (Selke, Lorenzen) oder einen Halbstürmer (Bartels, Hajrovic, Öztunali) zu bringen, sondern auch innerhalb dieser Optionen je nach Anforderung viel Auswahl gehabt: Lieber den beweglicheren und schnelleren Lorenzen oder den torgefährlicheren und körperlich robusten Selke? Durch Lorenzens erneute Verletzung entfällt diese Option nun leider fürs erste.

Derzeit scheint Selke im Rennen um den Startelfplatz die Nase vorn zu haben, wobei sein größter Konkurrent nicht etwa Bartels (der spielt sowieso) oder Hajrovic heißt, sondern Aycicek. Entweder Bartels hinter Di Santo und Selke oder Aycicek hinter Di Santo und Bartels lauten also die beiden Möglichkeiten für den Rückrundenauftakt. Selke hat mich gegen Dortmund zum ersten Mal richtig überzeugt. Es bleiben naturgemäß ein paar Zweifel, dass er solche Leistungen wiederholen kann, aber dass er überhaupt zu einer solch kompletten Stürmerleistung fähig ist, war eine wichtige Erkenntnis. Es wäre daher verständlich, ihn zunächst als Sturmpartner für Di Santo zu bevorzugen. Hajrovic wirkt nach wie vor nicht so richtig glücklich über seine Rolle als Backup für eine Position, die er nicht gerne mag (was ein schiefes Licht auf seine Verpflichtung wirft; die positionellen Vorstellungen dürften doch bei den Vertragsverhandlungen mal zur Sprache gekommen sein). Derzeit ist er maximal Stürmer Nummer 4, doch dank der unterschiedlichen offensiven Ausrichtungen und Lorenzens Verletzung hat er dennoch gute Einsatzchancen als Joker.

Im Gegensatz zu einigen anderen Positionen ist Werders Kader im Angriff so tief besetzt, dass der Ausfall von Lorenzen keinen unmittelbaren Bedarf nach Ersatz weckt. Selbst die Abhängigkeit von Di Santo konnte unter Skripnik (gezwungenermaßen) etwas aufgebrochen werden. In diesem Mannschaftsteil muss man sich personell keine großen Sorgen machen.

Trainer: Skripniks Etablierung

Sein Einstand war spektakulär und überzeugend. Die ersten Anpassungsprobleme bekam Skripnik ebenfalls in den Griff. 13 Punkte aus acht Spielen sind überzeugend, vor allem wenn man bedenkt, dass Di Santo in sechs dieser Spiele ersetzt werden musste. In der Rückrunde wird sich nun aber zeigen, wohin Werder mit Skripnik steuert. War es nur ein Zwischensprint aus dem ganz tiefen Keller, getrieben von Aufbruchsstimmung und begünstigt vom Spielplan? Mein Eindruck ist: Nein. Skripnik hat ein totes Team spielerisch wiederbelebt. Er hat durch den Einbau junger Spieler neue Hoffnung versprüht und ohne Geld auszugeben die Kaderbreite erweitert (wären die Abgänge von Petersen, Elia und Obraniak sonst in dieser Form möglich gewesen?). Nebenbei ist er in kürzester Zeit zur Identifikationsfigur des Vereins geworden, in einer Zeit, wo diese nur schwer zu finden sind.

Offene Fragen bleiben dennoch. Die größte davon ist die anhaltenden Defensivproblematik. Zu Beginn konzentrierte sich Skripnik vornehmlich darauf, die defensiven Lücken zu schließen. Gegen Mainz und Stuttgart gelang dies erfolgreich, gegen den HSV wurde es am Ende zum Verhängnis. Danach ging Werder in Heimspielen in den Angriffsmodus über, was immerhin sieben weitere Punkte einbrachte. Defensiv zeugen sechzehn Gegentore in acht Spielen jedoch weiterhin von einem großen Problem. Zu häufig sorgte eine Kombination aus individuellen Fehlern und strukturellen Defiziten bei der Absicherung eigener Angriffe für Probleme. Die Testspiele gegen Duisburg und Hannover ließen wenig Besserung erkennen. Meine Hoffnungen sind in der Hinsicht eher gering.

Skripnik wird Werder nicht zu einem Abwehrbollwerk machen müssen, um die Klasse zu halten. Er wird jedoch die Defensivabläufe deutlich verbessern müssen, wenn er mit Werder in Zukunft mehr erreichen will, als nur einen knappen Klassenerhalt. Das Argument, dass er trotzdem einen Punkteschnitt erreicht hat, der Werder hochgerechnet in die Nähe der Champions League Plätze bringen würde, lasse ich an dieser Stelle nicht gelten. Über einen kurzen Zeitraum lassen sich zwei Gegentore pro Spiel verkraften, aber nicht über eine ganze Saison. Es ist zwar wie ein Kampf gegen Windmühlen, aber es muss erneut gesagt werden: Werder hat unter Schaaf lange Zeit weniger Gegentore kassiert. VIEL weniger! Vereinzelte 5:4 Siege vernebeln das Gedächtnis vielleicht ein wenig, doch erst im Jahr 2007 begann der schrittweise Anstieg der Gegentore pro Saison. Stand heute hat sie sich verdoppelt.

Ich fordere allerdings nicht, dass Skripnik die Defensive zur alleinigen Priorität erklärt. Verbesserungen in der Offensive können ebenfalls zu einer geringeren Anzahl an Gegentreffern führen. Weniger Ballverluste in gefährlichen Zonen, mehr Ballbesitz und eine bessere offensive Raumaufteilung tragen dazu bei, die Defensive zu entlasten. Nicht alle Positionen scheinen mir jedoch so besetzt zu sein, dass kontrolliertes oder gar dominantes Ballbesitzspiel in der gegnerischen Hälfte möglich ist. Der noch immer krankende Spielaufbau dürfte sich mit Wolf, Prödl, Lukimya und Vestergaard, aber auch Garcia und Fritz kaum verbessern lassen (ganz zu schweigen von den Problemen, die eine hohe Abwehrkette ohne Gálvez dann nach sich ziehen würde). Skripniks wichtigster Job ist es daher, neben der spielerischen Entwicklung der Mannschaft auch die Defensivstrukturen zu verbessern. Es muss (hoffentlich) nicht gemauert werden, um die Klasse zu halten. Ich hoffe jedoch auch, dass Skripnik weiterhin pragmatisch genug bleibt, um im Zweifel mit 1:0-Siegen in der Liga zu bleiben, als mit Pauken, Trompeten und 80 Gegentoren abzusteigen.

Winterpausengedanken

1. Testspiele

Drei Siege und eine deftige Niederlage – so sieht die Bilanz bisher aus. Gesehen habe ich nur das Testspiel in Duisburg, und das war grauenvoll. Ergebnisse aus Testspielen sind mir zwar relativ egal und zur Einordnung der Leistungen muss man die Trainingsumstände mit einbeziehen (Wurde vor dem Spiel noch trainiert? Gab es eine Vorbereitung wie bei einem Pflichtspiel? Was waren die Maßgaben des Trainers?). Unabhängig davon kann man aber festhalten, dass Werder gegen den Drittligisten nicht den Hauch einer Chance hatte, defensiv so trottelig wie eh und je agierte, sowie insgesamt den Eindruck erweckte, nicht sonderlich an diesem Spiel interessiert zu sein. Laufbereitschaft? Kompaktes Verschieben? Einstudierte Offensivaktionen? Alles Fehlanzeige. Man sollte meinen, dass knapp zwei Wochen vor Beginn der Rückrunde jede Chance gesucht wird, sich dem Trainer auf seiner Position aufzudrängen. Allerdings macht es dem Trainer die Auswahl auch nicht leichter, wenn keiner der in Frage kommenden Spieler eine ansprechende Leistung zeigt. Am ehesten wusste noch Aycicek zu überzeugen, da er zumindest einige gute Ideen in der Offensive hatte, aber es war, um es deutlich zu sagen, keineswegs eine Leistung, mit der man in einer Bundesligamannschaft positiv herausstechen sollte.

Zu hoch hängen sollte man das Spiel jedoch nicht. Schon die Testspiele zuvor haben gezeigt, dass defensiv noch viel Arbeit vor dem Team liegt. Skripnik sprach denn auch von einer “gesunden Niederlage”, weil den Spielern nun die Defiziten deutlicher gemacht werden könnten. Das war hoffentlich eine Standardfloskel, denn wenn das Team ernsthaft Spiele wie in Duisburg bräuchte, um auf die tiefgreifenden Probleme im Defensivspiel aufmerksam gemacht zu werden, könnte man die Hoffnung auf den Klassenerhalt wohl schon jetzt begraben.

2. Abgänge

Weiß endlich wo’s lang geht: Eljero Elia

Drei Spieler wurden in der Winterpause abgegeben und bei allen Dreien war es sowohl absehbar, als auch vernünftig. Ludovic Obraniak hatte zwar eine neue Chance bekommen unter Viktor Skripnik, war jedoch schnell wieder aus der erweiterten Stammelf gerutscht und stand zuletzt nicht nur hinter Nachwuchshoffnung Aycicek, sondern auch hinter dem Siebzehnjährigen Eggestein. Eine Trennung war somit unausweichlich. Nils Petersens Wechsel zu Freiburg überraschte nur insofern, als dass man damit einen direkten Konkurrenten vermeintlich stärkte (wobei auch der Witz die Runde machte, dass man die Freiburger damit gezielt schwächen wollte). Bei Petersen kamen zwei Dinge zusammen, die ihn bei Werders aufs Abstellgleis beförderten: 1.) Ein anhaltendes Formtief, gepaart mit langen Durststrecken ohne Treffer, was – wie bei Stürmern üblich – zu einem Verlust des Selbstbewusstseins führte. 2.) Generelle Vorbehalte gegen seine Tauglichkeit, da seine Schwächen (Technik, Ballbehauptung, Spiel mit dem Rücken zum Tor) auch in guten Phasen allzu deutlich sichtbar waren. Die erstarkte Konkurrenz mit Selke und Lorenzen bedeutete letztlich Petersens Aus in Bremen.

Etwas anders gelagert ist der Fall bei Eljero Elia. Nachdem er die letzte Saison mit recht ansprechenden Leistungen als zweiter Stürmer neben Di Santo beendete, wurde er im Laufe der Hinrunde wieder zum Pflegefall auf zwei Beinen. An Elias sportlichem Potential bestanden nie Zweifel, doch es gibt gute Gründe dafür, dass er in der Bundesliga auf seiner Position nie zu einem überdurchschnittlichen Spieler wurde – und erst recht nicht zu einem Leistungsträger, der seinen qua Gehalt herausragenden Status im Kader rechtfertigen würde. Einerseits zählt Elia zu den Spielern, deren einziger Treibstoff das Selbstbewusstsein ist. Das wurde immer dann deutlich, wenn er eines seiner spärlichen Erfolgserlebnisse hatte und in der Folge sichtlich aufblühte. Andererseits scheint Elia kaum zur kritischen Selbstreflexion fähig. Das wurde immer dann deutlich, wenn Kritik an ihm aufkam oder er nicht berücksichtigt wurde. Weder konnte er aus diesen Rückschlägen irgendwelche Lehren ziehen, noch die Kritik in positive Energie umwandeln. Die Diskrepanz zwischen dem Bild, das er in der Öffentlichkeit gerne von sich zeichnen wollte (“bester Linksaußen Europas”) und seinen überdeutlichen Selbstzweifeln auf dem Platz, die nach jeder schlechten Szene zu wachsen schienen, könnte größer kaum sein. Elia wäre gerne ein Künstler, lässt aber das einfache Handwerk vermissen. Das kann sich ein Verein wie Werder in der aktuellen Situation nicht leisten. Bei Southampton, einem gut eingespielten Kollektiv mit der besten Defensive der Premier League, mag das anders aussehen. Ob Elia dort jedoch mit den unweigerlich kommenden Rückschlägen besser fertig wird, steht auf einem anderen Blatt.

3. Zugänge

Alle drei Abgänge spielten unter Skripnik keine Rolle mehr im Team. Sie müssen somit nicht direkt ersetzt werden. Die Forderung nach Neuzugängen ist daher auch losgelöst von diesen Transfers. Die Schlagrichtung hat sich dabei in den letzten Monaten jedoch ein Stück weit geändert. Zwar fordern Teile der Fans immer noch einen Großeinkauf und “dass der Verein endlich mal richtig ins Risiko geht”. Eine grundlegende Änderung der Einkaufspolitik hat es trotzdem nicht gegeben. Das dürfte zu einem nicht unwesentlichen Teil an der gelungenen Integration mehrerer Nachwuchsspieler unter Viktor Skripnik liegen. Der als “alternativlos” bezeichnete Weg der Einbindung eigener Talente wird nun auch gegangen, nicht nur ausgemalt. Ohne Neuzugänge dürfte es dennoch schwierig werden, die Klasse zu halten. Dabei stehen nun nicht mehr offensive Hoffnungsträger wie Bryan Ruiz im Mittelpunkt des Interesses, sondern erfahrene Spieler auf den wichtigsten Defensivpositionen: Torwart (siehe unten), Innenverteidigung und defensives Mittelfeld.

Wird entweder der der neue Micoud oder der neue Diego: Levin Öztunali

In der Innenverteidigung stehen theoretisch vier erfahrene Spieler zur Verfügung, doch durch Prödls Verletzung (und schwierige Vertragssituation) und Caldirolas tiefes Formloch ist die Position, die im Sommer noch tief genug besetzt schien, zum großen Problem geworden. Nachwuchsmann Hüsing scheint mir noch nicht weit genug zu sein und Lukimya sollte in einer Bundesligamannschaft nicht mehr als ein Ergänzungsspieler sein. Bleibt lediglich Gálvez als Konstante, der bislang aber auch nur an Prödls Seite wirklich überzeugen konnte. Ein weiterer Innenverteidiger wäre wünschenswert, ergibt aber nur bei einem gleichzeitigen Abgang Sinn. Einziger Kandidat dafür wäre Caldirola (Lukimyas Vertrag wurde erst verlängert und wer kauft schon einen verletzten Prödl, der im Sommer ablösefrei zu haben ist?). Ob man die Hoffnung in den Italiener aber schon vollständig aufgegeben hat, weiß ich nicht. Mehr als ein weiteres Leihgeschäft kann ich mir dennoch nicht vorstellen.

Die Problematik im defensiven Mittelfeld besteht schon so lange, dass ich schon nicht mehr damit gerechnet habe, dass man sie bei Werder noch bemerkt. Es ist mir unbegreiflich, dass seit Baumanns Karriereende, also seit fünfeinhalb Jahren bzw. elf Transferphasen, nie Geld für einen richtig guten Sechser in die Hand genommen wurde (Makiadi lasse ich nicht gelten, denn bei ihm war vorher klar, dass er kein eigentlicher Sechser ist, sondern wahlweise Achter/Box-to-Box-/Verbindungsspieler). Wahlweise setzte man auf den Nachwuchs (Bargfrede), holte unerfahrene Talente (Trybull) oder schulte Spieler um (Kroos, Gálvez). Wie konnte ein Verein, der soviel auf seine Tradition mit der Raute im Mittelfeld gibt, nur die Bedeutung einer solch wichtigen Position so massiv unterschätzen? Doch auch die lokale Presse träumt noch immer von einem neuen Johan Micoud, statt sich die Konkurrenz anzuschauen und einen Daniel Baier zu fordern. Neuzugang Levin Öztunali ist für mich daher eher eine “Zugabe”, ein Spieler für die Breite in der Offensive, der im Sommer für ein Jahr die Nachfolge Junuzovics antreten könnte.

Auf der Sechserposition ist der Bedarf im Kader meiner Meinung nach am Größten (siehe Punkt 5). Im Winter wird es doppelt schwer, dieses Versäumnis nachzuholen. Gesucht wird kein reines Kampfschwein oder Zweikampfgott, sondern ein intelligenter und technisch starker Spieler vor der Abwehr, der gutes Positionsspiel, Passicherheit und strategische Fähigkeiten mitbringt. Kein leichtes Anforderungsprofil, aber andere Vereine haben bewiesen, dass man keinen dicken Geldbeutel braucht, um dort fündig zu werden.

4. Torwartdiskussion

Die dritte kritische Position ist die des Torwarts. Hier ist Eichin alles andere als clever vorgegangen, hat sich sehr früh weit aus dem Fenster gelehnt und somit dazu beigetragen, dass Werder in diesem Winter ein großes Torwartproblem hat. In erster Linie liegt der Grund dafür natürlich in Wolfs Leistungen. Leider konnte er sich nach seiner soliden Rückrunde nicht weiterentwickeln, sondern ließ genau die Mängel erkennen, die ihm seine Kritiker schon lange vorhalten: Probleme bei der Strafraumbeherrschung, Antizipation und Spieleröffnung. Wolf geht wenige Risiken ein und schießt daher auch nur selten richtige (offensichtliche) Böcke. Mit seiner passiven Art hat er dennoch seinen Anteil an Werders wackliger Defensive. Ob er in der Hinrunde der schwächste oder nur einer der schwächsten Stammtorhüter der Liga war, möchte ich nicht beurteilen. Festhalten kann man aber, dass er mit den gezeigten Leistungen nicht die unumstrittene Nummer 1 sein sollte.

Doch keine Konkurrenten: Richard Strebinger und Raphael Wolf

Durch Eichins Äußerungen wurde dieses Problem jedoch nach außen getragen und inzwischen zeigen sich alle Beteiligten so genervt von der Situation, dass jedes noch so überzeugend vorgetragene Bekenntnis zu Wolf nicht mehr glaubwürdig ist. Die Diskussion soll mit aller Macht beendet werden. Wie aber soll das gehen, wenn offensichtlich wurde, dass Werders Vereantwortliche Strebinger und Husic für (noch?) nicht bundesligatauglich halten und aus dem Wunsch Felix Wiedwald als Herausforderer für Wolf zu verpflichten, nie einen Hehl machten? Wie könnten sie auch mit dem Status Quo zufrieden sein, dass die Nummer 1 schwächelt und niemand da ist, der (analog zu Wolf/Mielitz letzte Saison) die Situation nutzen könnte? Die nun gefundene Übergangslösung mit Casteels als Leihgabe bis Saisonende ist zumindest aus vertraglicher Sicht sinnvoll (sofern man mit Wiedwald bereits einig ist, wovon ich ausgehe). Sportlich sind jedoch gewisse Zweifel angebracht. Es ist nicht optimal, angesichts der Situation nur eine vorgebliche Nummer 2 zu verpflichten, doch zumindest hat Skripnik nun zwei Torhüter mit Bundesligaerfahrung im Kader und einen größeren Konkurrenzkampf auf der Position.

5. Gegentorflut

39 Gegentore setzte es in der Hinrunde, so viele wie noch nie in Werders Bundesligageschichte. Das ist überaus besorgniserregend und der Schlüssel zum Klassenerhalt wird sein, diese Flut an Gegentoren einzudämmen. Nur wie? Sowohl Schaaf (Rückrunde 2013) als auch Dutt (2013/14) haben dieses Problem nur zeitweise und unter weitgehendem Verzicht auf eigene Offensivbemühungen in den Griff bekommen. Bislang deutet wenig darauf hin, dass sich dies unter Skripnik ändert. Zwar ist Werder im Vergleich zum desaströsen ersten Saisonviertel etwas stabiler geworden, doch auch unter Skripnik setzte es im Schnitt zwei Gegentore pro Bundesligaspiel.

Die größte Stärke, die die Rautenformation in der Defensive hat, ist die 4-3-Stellung in Abwehr und Mittelfeld, mit der sich die Schnittstellen im Zentrum (zumindest in der Theorie) gut verschließen lassen. Diese Stärke muss Werder nutzen. Ich bin kein Fan davon, möglichst viele Offensivspieler in die Raute zu integrieren. Viel wichtiger ist die richtige Balance der hinteren drei Rautenspieler, zumal die Viererkette dahinter alles andere als sattelfest ist. Da Junuzovic auf der linken Halbposition gesetzt sein dürfte, sollte die rechte Halbposition meiner Meinung nach standardmäßig defensiver besetzt werden. Dies war in der Hinrunde der Fall, als Clemens Fritz von Skripnik dorthin versetzt wurde. Der in die Jahre gekommene Fritz hat jedoch bei allen verbliebenen Qualitäten deutliche Schwächen und funktioniert meiner Meinung nach nur vor einem deutlich überdurchschnittlichen Sechser. Ich sehe Bargfrede potentiell immer noch als solchen, aber mangels konstantem Aufbauspiel und strategischem Geschick nicht in einer Raute. Felix Kroos hingegen ist in diesen Bereichen stärker und an guten Tagen ein geeigneter Spieler für diese Position. Allerdings ist er zu unkonstant und zweikampfschwach, braucht somit zwingend einen zuverlässigen Ausputzer an seiner Seite – einen wie Bargfrede.

Vieles spricht also dafür, Kroos und Bargfrede neben Junuzovic spielen zu lassen, doch damit schafft man sich ein neues Problem: Wohin mit Clemens Fritz? So oder so sind es nur Notlösungen, die Werder mit dem aktuellen Kader aufbieten kann. Versucht Skripnik also die Flucht nach vorne, wie gegen Duisburg? Oder wird Werder doch noch auf dem Transfermarkt tätig?

6. Prognose

Die “Skripnik-Bilanz”, nach der Werder seit dem Trainerwechsel auf Platz 5 der Tabelle liegt, macht in der Tat Hoffnung, dass Werder in der Rückrunde mehr Punkte holen könnte, als in der Hinrunde. Vor allem in den Heimspielen hinterließ Werder einen guten Eindruck und holte 10 von 12 möglichen Punkten. Da man zum Rückrundenauftakt in den ersten vier Spielen dreimal im Weserstadion antreten darf, liegt der Gedanke nahe, dass Werder sich schon nach dem 21. Spieltag vom Tabellenende abgesetzt haben könnte. Da die Gegner jedoch Hertha, Leverkusen und Augsburg heißen, glaube ich nicht daran, dass dies so eintreten wird. Auch einen anhaltenden Aufwärtstrend erwarte ich nicht in der Rückrunde. Ich rechne mit einem Kampf um den Klassenerhalt bis zum Saisonende.

Torsten Frings und Viktor Skripnik: Hütchen- oder Hoffnungsträger?

Die Hypothek von vier Punkten aus den ersten neun Spielen wiegt noch immer schwer. Nichtsdestotrotz besteht bei der jungen Mannschaft die Chance, im Laufe der Rückrunde das Spielniveau zu steigern. Wenn es wider erwarten gelingt, die Defensive zu stabilisieren und Werder von Verletzungen verschont bleibt, möchte ich nicht ausschließen, dass das Team die guten Ergebnisse unter Skripnik fortsetzt und sich im Mittelfeld der Liga etabliert. Es gibt etliche Spieler im Kader, von denen man einen Formanstieg (Garcia, Caldirola, Kroos) bzw. eine Weiterentwicklung (Aycicek, Öztunali, Selke, Lorenzen, Zander) erwarten kann. Doch Entwicklungen verlaufen im Fußball selten linear. Gleichzeitig ist nicht sicher, ob Junuzovic, Di Santo und Bartels ihre Form aus der Hinrunde konservieren können.

Letztlich sind es vor allem die vielen Variablen in Werders Erfolgsformel, die mich an einem Leistungsschub zweifeln lassen. Solange die defensiven Probleme im Zentrum nicht gelöst sind – und hierzu zähle ich ausdrücklich Verstärkungen auf der Sechs und in der Innenverteidigung – zählt Werder für mich daher zu den vier bis fünf wahrscheinlichsten Abstiegskandidaten. Vom Potential her braucht es aber nicht viele Anpassungen, um aus dem Kader wieder ein Team fürs gesicherte Mittelfeld zu machen. Dies war – man erinnere sich – auch das vor der Saison ausgegebene Ziel. Noch ist es möglich, dies zu erreichen, aber durch das dünne Eis unter den Füßen schimmert weiterhin bedrohlich der Abgrund der zweiten Liga.

Der Kopf des Fischs

Mitgliederversammlungen sind bei Werder Bremen traditionell eine ziemlich dröge Angelegenheit. Bestenfalls werden die eingefahrenen Erfolge beklatscht. Kritische Fragen sind dagegen selbst in finsteren Zeiten die Ausnahme. So kann Geschäftsführer Klaus Filbry vor den versammelten Mitgliedern ein Minus von 9,8 Millionen Euro präsentieren, dies mit einem höchst unglaubwürdigen Verweis auf “Abschreibungen für Spielertransfers der Vergangenheit begründen und muss sich dafür nicht weiter rechtfertigen. Die Werderfamilie feiert lieber das (unbestritten sehr große) Lebenswerk des neuen Ehrenpräsidenten und denkt an vergangene glorreiche Zeiten.

Es ist durchaus möglich, dass die vernichtend schlechten Geschäftszahlen – und als solche muss man sie im Vergleich zur Vergangenheit und zu anderen Bundesligisten bezeichnen – ein Überbleibsel der im nachhinein noch finstereren Jahre 2010 – 2013 sind. Eventuell sind mit dem Jahresabschluss einige Leichen aus dem Keller geholt worden, die sich schon im fortgeschrittenen Verwesungszustand befanden. Hinreichend Anlass dies zu glauben, geben Filbrys Aussagen allerdings nicht. Kommunikativ war die Präsentation der Zahlen ein Debakel. Entweder hat Filbry also bewusst gelogen oder er hat schlicht selbst keinen Überblick über Werders Finanzen. Welches Szenario schlimmer wäre, ist nicht leicht zu sagen. Tragbar wäre Filbry als Geschäftsführer nach meinem Dafürhalten in beiden Fällen nicht mehr.

Nehmen wir dennoch einmal an, dass Filbry in sofern die Wahrheit sagt, als dass im laufenden Geschäftsjahr mit einem deutlich verbesserten Ergebnis gerechnet werden kann (von der vielzitierten “schwarzen Null” möchte ich gar nicht reden). Zurück bleibt die Frage, wodurch Werders Kostenapparat so dermaßen aufgebläht wurde, dass trotz eines um drei Millionen Euro gestiegenen Umsatzes und eines um sechs Millionen Euro reduzierten Spieleretats noch immer der zweithöchste Verlust der Unternehmensgeschichte eingefahren wurde. Wenn die Fehler in der (nicht ganz so nahen) Vergangenheit liegen, müssten doch die Verantwortlichen, die damals schon am Steuer saßen, stärker hinterfragt werden. An vorderster Front stehen hier Fischer und Lemke (Allofs, Born und Müller lassen sich schlecht noch befragen). Stattdessen reicht ein lapidarer Hinweis darauf, dass “wir alle Fehler gemacht haben” und schon ist Ruhe im Karton. Mehr noch: Es kommt zur unerwarteten Versöhnung der zerstrittenen Altvorderen. Die Werder-Familie ist wieder intakt.

Über ihre tatsächlichen finanziellen Verhältnisse wird hingegen der Mantel des Schweigens gehüllt. Man muss wahrlich kein Finanzexperte sein, um Filbrys Nebelkerze als solche zu erkennen. Selbst Kreiszeitung und Weser-Kurier, die nicht für ihre allzu kritische Berichterstattung über Werder Bremen bekannt sind, haben große Zweifel an der offiziellen Begründung. Den mit den Transfers von Sokratis, Arnautovic und Avdic verbundenen Aufwendungen, die Filbry als Grund für die “einmaligen Effekte” nennt, stehen die erzielten Transfererlöse gegenüber. Selbst wenn die Anschaffungskosten dieser Spieler über den angenommenen Werten liegen, dürften die Spieler in Summe kaum mit so hohen Restwerten in den Büchern gestanden haben, dass diese die Transfererlöse übersteigen. Die Transfereinnahmen nun zum operativen Ergebnis zu zählen, die (völlig normalen und bei vielen Transfers anfallenden) buchhalterischen Aufwendungen hingegen als einmalige Effekte zu bezeichnen, ist irreführend und in meinen Augen unredlich.

Die Mitgliederversammlung hinterlässt mehr als nur einen schalen Beigeschmack. Sie zeichnet das Bild eines Vereins, der Probleme weiterhin lieber schönredet als offen anspricht. In der Kommunikation wird der gleiche Weg gegangen, mit dem schon die in einem Beitrag des NDR erhobenen Vorwürfe gegen Klaus-Dieter Fischer gekontert wurden: Was sich noch dementieren lässt, wird dementiert. Was sich nicht mehr leugnen lässt, ist längst bekannt und liegt in der Vergangenheit, also Schwamm drüber. Ein paar Fehler wurden gemacht, von wem ist nicht genau zu sagen und über verschüttete Milch lohnt es sich nicht zu weinen. Der Blick geht voraus in Richtung Zukunft. Der Glaube daran, dass die für Werder positiver wird als die triste Gegenwart, ist bei mir indes nicht mehr vorhanden. Der Verein befindet sich strukturell in einer andauernden Krise, die auch mit den vollzogenen Personalwechseln noch längst nicht überwunden ist.

Robin Dutt und die Suche nach der Balance

Es hat sich nicht unbedingt angedeutet, dass nach nur fünf Spieltage dieser Saison eine Trainerdiskussion beginnt. Nachdem Robin Dutts Team in den bisherigen Spielen mehr Fragen als Antworten aufgegeben hat, scheint es jedoch ohnehin nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Diskussion den Verein erreicht.

Lost in transition

Wirklich schlecht hat Werder bislang kaum gespielt in dieser Saison. Im Pokal war die Leistung über weite Strecken schwach. Gegen Hertha schien sich diese zu bestätigen, doch immer wieder konnte Werder zulegen und war insgesamt spielerisch mit den Gegnern auf Augenhöhe – Leverkusen einmal außen vor. Dennoch hat Werder in dieser Saison wieder etwas sehr Fragiles an sich, das man letzte Saison (trotz der insgesamt 66 Gegentore) überwunden glaubte. Der unverkennbare offensive Fortschritt steht auf tönernen Füßen. Robin Dutt sieht den Grund für die 13 Gegentore nicht in der offensiveren Spielweise und in der Tat war es nur selten so, dass Werder ausgekontert wurde oder sich hinten in Unterzahl befand. Und doch ist Robin Dutt bislang den Beweis schuldig geblieben, dass er mit seiner Mannschaft auch dann erfolgreich sein kann, wenn der Fokus nicht komplett auf der Defensive liegt.

Zu Beginn der letzten Saison und zu Beginn der Rückrunde zeigte Werder jeweils erschreckende fußballerische Mängel, konnte jedoch mit konzentriertem und sehr simplem Defensivfußball genügend Punkte holen, um sich aus dem gröbsten Abstiegssumpf herauszuhalten. Es gab auch zu jener Zeit Spiele, in denen Werder völlig unterging. Schön anzusehen war der Stil ohnehin nicht. Aber er war pragmatisch genug, um trotz spielerischer Unterlegenheit genügend Punkte zu holen. Dazwischen gab es eine Phase, in der Dutt mehr Offensive gewagt hat und damit kräftig auf die Nase gefallen ist. Zwischen dem 10. und dem 16. Spieltag kassierte man 25 Gegentore (3,6 pro Spiel). Gängige Meinung damals: Der Schritt kam zu früh für die Mannschaft, also kehrte man zum Defensivstil zurück. Im letzten Saisondrittel gab es einen erneuten Versucht und diesmal schien der Weg erfolgreicher zu sein. Mit dem Rückenwind des fast sicheren Klassenerhalts steigerte sich Werder spielerisch. Es bildeten sich mehr feste Abläufe in Werders Spiel. Dutt hielt an einem System und einem Kreis von 13-14 Spielern fest. Es war der Anfang einer fußballerische Entwicklung, die man lange Zeit in der Saison vermisst hatte.

Eine Fortführung dieser Entwicklung war für diese Saison erhofft worden und eigentlich kann man nicht bestreiten, dass Werder sich diesbezüglich auf eine recht guten Weg befindet – wenn die alten Defensivschwächen nicht aufgetreten wären. Es wäre falsch, diese ausschließlich auf individuelle Fehler zu schieben, doch es ist schon frappierend, wie häufig Werder in Situationen Gegentore kassiert, in denen das Team eigentlich recht geordnet steht. Das Tor zum 1:1 in Augsburg war ein gutes Beispiel hierfür. 20 Meter vor dem eigenen Tor einen ballführenden gegnerischen Spieler nicht unter Druck zu setzen, kann man sich in der Bundesliga nicht erlauben. Dass Fritz seinen Gegenspieler aus den Augen verliert, nachdem Augsburg von der ersten Minute an versucht hatte, die Bälle in seinen Rücken zu spielen, kommt erschwerend hinzu.

O captain, my captain

Hier wären wir leider auch schon beim nächsten Problem: Der Kapitän hat einen Punkt erreicht, an dem er eigentlich spielerisch nicht mehr tragbar ist für seine Mannschaft. So wichtig er im sozialen Gefüge des Teams sein mag, so sehr trägt er in der Defensive zur Verunsicherung der Mannschaft bei. Bereits im ersten Spiel der Saison in Illertissen verschuldete Fritz auf erschreckende Weise ein Gegentor. Das Tor war exemplarisch für die Schwächen, die sich wie ein roter Faden durch die letzten beiden Jahre ziehen. Selbst im Strafraum wird der aktive Zweikampf gescheut, getreu dem Motto: Lieber den Gegner schießen lassen, als von ihm ausgetanzt zu werden. Das ist Alibifußball, den man sich als Kapitän nicht erlauben darf.

Es ist ohnehin frappierend, wie häufig Fritz offenkundig abschaltet, schon bevor das Gegentor gefallen ist, wie zum Beispiel beim 0:1 gegen Hoffenheim, als Fritz zunächst fragwürdig einrückte und dann an der Strafraumgrenze stehen blieb, statt auf einen eventuellen Abpraller zu spekulieren. In Berlin gab es eine ähnliche Szene beim 0:1. In beiden Fällen hätte Fritz das Gegentor nicht mehr verhindern können, doch dass er dies schon vorher als gegeben sieht und an der Stelle das Mitspielen einstellt, ist ein schlechtes Zeichen an die Mannschaft. Nicht zufällig wird von den meisten Gegnern inzwischen Werders rechte Abwehrseite von den Gegnern gezielt angespielt und auch Dutts Präferenz für einen sehr linkslastigen Angriffsstil dürfte unter anderem darauf abzielen, für ein wenig Entlastung auf den Schultern des Kapitäns zu sorgen.

Die ersten Saisonspiele haben deutlich gemacht, dass der Wechsel hin zu Busch (bzw. Zander) eher früher als später erfolgen muss. Zumindest aber braucht Fritz wie in der letzten Saison viel Unterstützung vom Spieler vor ihm. Ein Konterspieler wie Bartels ist da nicht ideal. Gut denkbar daher, dass Busch zunächst die Rolle von Selassie aus der letzten Saison übernimmt und zusammen mit Fritz die rechte Seite dicht machen soll.

Aufs falsche Pferd gewettet?

Bartels könnte somit auf die andere Seite hinüber wechseln, wo Eljero Elia weiterhin sein bekanntes, phlegmatisches Spiel an den Tag legt. Den immer wieder durchschimmernden starken Aktionen folgen genauso regelmäßig absurde Fehler und zeitweiliges Abtauchen. Dazu kommen die bekannte Abschlussschwäche (die Werder gegen Schalke eines der schönsten Kontertore der letzten Jahre verwehrte) und die mentale Anfälligkeit, die ihn gegen Augsburg und Schalke völlig aus dem Spiel brachte. Für einen Spieler seiner Gehaltsklasse und mit seiner Erfahrung ist das viel zu wenig.

Umso erstaunlicher ist es, dass Dutt den in der U23 groß aufspielenden Aycicek genauso wenig beachtet, wie den in Ungnade gefallenen Obraniak. Aycicek wurde durch die Ausfälle am Dienstag zumindest in den Kader gespült und kam zu seinem ersten Saisoneinsatz. Obraniak scheint nur noch gebraucht zu werden, um den freien Platz auf der Bank auszufüllen. Es müsste wohl schon einiges passieren, damit der Pole noch einmal ins Team rutscht. Da auch Neuzugang Hajrovic noch weit davon entfernt ist, die Mannschaft spielerisch zu beleben, bleibt ein riesiger Berg an Verantwortung auf Zlatko Junuzovics Schultern liegen. Als offensiverer (oder auf vertikaler) Sechser ist er Werders wichtigster Umschaltspieler, der – auch systembedingt durch das Fehlen eines 10ers im 4-4-2 – einen riesigen Raum zwischen Abwehrkette und Sturmspitze beackern muss. Ein wenig erinnert dies an seine Rolle vor zwei Jahren in Schaafs 4-1-4-1- System. Anders als damals hat er heute jedoch einen weiteren Sechser neben bzw. hinter sich. Leider zeigt Gálvez in der Position trotz vielversprechender Ansätze bisher mehr Schatten als Licht. Insbesondere im Zweikampfverhalten tut sich der gelernte Innenverteidiger in der ungewohnten Rolle noch schwer.

Viel Richtiges im Falschen

Die Gefahr der drei Unentschieden zu Beginn war immer, dass sie im Licht der folgenden Ergebnisse gedeutet werden würden. Vor acht Tagen war Werder noch ohne Niederlage, heute ist man fünf Spiele sieglos. Solche Serien haben Auswirkungen auf den mentalen Zustand der Mannschaft. Gegen Schalke hatte Werder zum ersten Mal nach dem Rückstand nichts mehr gegenzusetzen. Die individuellen Fehler von Wolf und Galvez wogen zu schwer, als dass Werder gegen die folglich selbstbewussteren Schalke eine erneute Aufholjagd starten konnten. Die Gewissheit, Rückstände drehen zu können, die sich in den Köpfen der Spieler verfestig zu haben scheint, beginnt spätestens jetzt zu bröckeln. Es war ohnehin klar, dass dies nicht über längere Zeit möglich sein würde – wer ständig in Rückstand gerät, verliert die meisten Spiele.

Nun droht sie die Entwicklung zu verselbstständigen, wie so häufig im Fußball. Ich halte Dutt für einen geeigneten Trainer, um dagegen zu lenken. Seine größte Stärke war bislang sein Pragmatismus, der in Bremen schon für einige Verwirrung gesorgt hat. Vielleicht muss Dutt dazu jedoch erneut von seinem eingeschlagenen Weg abweichen und würde somit zum zweiten Mal eingestehen, dass Werders spielerischer Entwicklung das Fundament fehlte. Eine Rückkehr zum Stil der letzten Saison wünscht sich vermutlich niemand, doch ich glaube nicht, dass Dutt davor zurückschrecken würde, wenn er es für den einzigen Weg aus dem Tabellenkeller hielte. Eine erneute Niederlage heute gegen Wolfsburg könnte den entscheidenden Anstoß dafür liefern, denn dann wird auch Dutt wissen, dass all seine Bemühungen ein Spiel auf Zeit sind, solange Werder im Tabellenkeller steht.

Solange der größte Trumpf des Teams, die immer wieder betonte “Mentalität” der Mannschaft, nicht zu bröckeln beginnt, wird Dutt intern meiner Auffassung nach den nötigen Rückhalt bekommen. Die Mannschaft machte auf mich bislang nicht den Eindruck, dass ihr grundsätzlich etwas fehle, um in der Bundesliga mitzuhalten. Auch gegen Schalke machte man vieles richtig und hätte gegen die taktisch nicht überzeugenden und spielerisch verunsicherten Gäste durchaus gewinnen können. Zum Abschluss ein sinngemäßes Zitat, das ich vor kurzem im Worum aufgeschnappt habe und das ich sehr treffend finde: Es sind schon häufiger Mannschaften aus der Bundesliga abgestiegen, die vieles richtig gemacht haben, in der letzten Saison zum Beispiel Nürnberg. Es kommt vielmehr darauf an, wenig falsch zu machen.

Treffender kann man Werders derzeitige Probleme in zwei Sätzen kaum beschreiben.

Saisonvorschau – Der Kader

Nach den Gedanken zum System nun eine Einschätzung zu Werders Bundesligakader und meinen Erwartungen an die Spieler.

Tor:

Raphael Wolf #1 - Geht nach seiner starken Rückrunde als klare Nummer 1 in die Saison. Es hat mich beeindruckt, wie er trotz fehlender Bundesligaerfahrung zu Werke ging. Wolf ist kein Torwart, der große Phantasie weckt, was die Zukunft angeht, doch seine Unauffälligkeit war in der letzten Saison auch seine Stärke: Er ist ein ruhiger Torwart ohne große Schwächen, auch wenn seine Ballverteilung noch nicht gut ist. Anders als der talentiertere Mielitz hat er keine größeren Leistungsschwankungen und macht somit auch weniger große Fehler. Unterm Strich war das die beste Halbserie eines Werdertorwarts seit vier Jahren und die gilt es nun in der neuen Saison zu bestätigen.

Richard Strebinger #30 – Ins zweite Glied aufgerückt, könnte Strebinger in der kommenden Saison seine ersten Spuren in der Bundesliga hinterlassen. Seine Situation ist dennoch etwas unvorteilhaft: Spielzeit dürfte er nur bei einer Verletzung oder Sperre von Wolf erhalten. Ansonsten kann er sich nur noch im Training und nicht mehr in den Spielen der U23 empfehlen. Von hinten rückt ihm mit Husic ein großes Talent auf die Pelle. Ist Strebinger nur Platzhalter, bis Husic weit genug ist, in den Bundesligakader aufzurücken? Dafür ist er eigentlich zu gut und mit 21 hat er noch seine gesamte Torwartkarriere vor sich. Gut möglich daher, dass er den Abstand auf Wolf in dieser Saison verkürzt und 2015 selbst einen Angriff auf die Position im Bundesligator startet.

Raif Husic #40 – Bislang Eichins Königstransfer in diesem Sommer – zumindest was die Ablösesumme von stattlichen 100.000 Euro angeht (an dieser Stelle bitte beliebigen Fluch gegen Klaus Allofs einfügen). Keine Frage, Husic gehört zu den größten Torwarttalenten seines Jahrgangs, hat bislang alle DFB-Juniorenteams durchlaufen und kurz nach seinem 18. Geburtstag den Sprung in die Startelf von Bayerns Regionalligateam geschafft (ein Torwart, der weiß, wie man gegen Illertissen die Null hält). Schwer vorstellbar, dass Husic sich in den nächsten Jahren gemütlich in der Regionalliga einrichtet und darauf wartet, dass irgendwann einer der Torhüter vor ihm geht. Husic wurde ganz sicher für die Bundesliga geholt und dürfte nach einem Jahr der Akklimatisierung in der U23 am Bundesligakader anklopfen.

Abwehr:

Sebastian Prödl #15 - Vor einem Jahr für viele überraschend zum Abwehrchef ausgerufen, haben Dutt und vor allem Prödl selbst dem Taten folgen lassen. In Dutts System konnte Prödl viele seiner Schwächen ablegen und erspielte sich so viel Sicherheit, dass er in der Rückrunde Werders bester Abwehrspieler wurde. Eigentlich ist er aus Werders Abwehr derzeit nicht wegzudenken, doch es ist nicht unmöglich, dass er am Ende der Transferperiode kein Werderaner mehr ist. Das wäre schade, könnte jedoch angesichts seiner Vertragssituation und Werders knapper Kassen für beide Seiten sinnvoll sein. Mit Gálvez hat Werder den Konkurrenzkampf in der Abwehr erhöht und könnte den Abgang etwas besser kompensieren als vor einem Jahr. Es wäre dennoch sehr schade, Prödl nun, nachdem er endlich bei Werder überzeugt hat, gleich wieder zu verlieren. Wahrscheinlicher ist ohnehin, dass er bleibt und noch ein weiteres Jahr Zeit hat, sich mit guten Leistungen für einen neuen Vertrag zu empfehlen – bei welchem Verein auch immer.

Luca Caldirola #3 - Ein solcher Spieler kann nur Publikumsliebling sein. Kam zu Werder und hat von Beginn an auf und außerhalb des Spielfelds überzeugt. Seine taktischen Fähigkeiten und sein Spielverständnis waren für Werder ungemein wichtig. Er ergänzt sich sowohl mit Prödl als auch mit Garcia sehr gut, hat ein tolles Stellungsspiel und macht für sein Alter erstaunlich wenige Fehler. Größtes Manko war (neben der mangelnden Schnelligkeit) in der vergangenen Saison noch die Spieleröffnung, die er meistens Prödl überließ, obwohl sie doch zu seinen Stärken gehören sollte. In diesem Bereich muss er sich in der kommenden Saison noch steigern, erst recht wenn Werder wieder kombinationsstärker werden will. Ansonsten ist er auf dem Weg, ein sehr kompletter Innenverteidiger zu werden.

Alejandro Gálvez #4 - Wie kann Werder solch einen Spieler ablösefrei verpflichten? Das war die erste Frage, die sich mir im Winter stellte, als durchsickerte, dass der Transfer nur noch Formsache sei. Gálvez ist ein Verteidiger, der nahezu alles beherrscht, was ein Defensivspieler können muss: Gutes Stellungsspiel, gepaart mit großer Zweikampf- und Kopfballstärke, guter Grundtechnik, starkem Passspiel und einer super Übersicht. Wenn man eine Schwäche sucht, dann am ehesten sein manchmal etwas zu hartes Einsteigen, das ihm zu viele gelbe Karten einbringt. Er hat sich aber trotzdem ganz gut im Griff und wandelt nur selten an der Schwelle zum Platzverweis. Seine Verpflichtung macht es Dutt schwer, einen der drei Innenverteidiger draußen zu lassen – und öffnet taktisch ganz neue Möglichkeiten, etwa ein 3-5-2 oder eine Raute mit Galvez als tiefem Sechser. Wenn Gálvez bei Werder das abruft, was er in Spanien gezeigt hat, werden wir viel Freude mit ihm haben.

Assani Lukimya #5 - Er ist der Leidtragende der Gálvez-Verpflichtung. Anders als erwartet steht er jedoch nicht kurz vor dem Absprung, sondern nimmt die verschärfte Konkurrenzsituation an. Sollte Gálvez tatsächlich im Mittelfeld auflaufen (wonach es aussieht), wäre Lukimya nicht weiter von einem Einsatz entfernt als in der letzten Saison. Gleiches gilt für eine mögliche Umstellung auf eine Dreierkette. Lukimya selbst konnte im letzten halben Jahr seinen Status als Fehlerteufel ein wenig ablegen und zeigte einige wirklich starke Leistungen. Fußballerisch bleibt er beschränkt, doch wenn er sich auf seine Stärken besinnt, die im direkten Spiel gegen den Mann liegen, ist er allemal ein adäquater Ersatzmann für die Viererkette.

Oliver Hüsing #25 - Was kann man dem 21-Jährigen Nachwuchsmann zutrauen, der nun fest in den Profikader aufrückt? Nominell ist er Innenverteidiger Nummer 5 und somit weit von Bundesligaeinsätzen entfernt. Er dürfte daher überwiegend in der U23 auflaufen. Doch im Fußball kann es auch sehr schnell gehen, Hüsing wäre letzte Saison bestimmt schon Thema für den Spieltagskader gewesen, hätte ihn nicht ein Mittelfußbruch den Großteil der Hinrunde gekostet. Hüsing ist zudem taktisch flexibel einsetzbar und könnte im Notfall auch auf den nicht gerade üppig besetzten Außenbahnen zum Einsatz kommen. Mit Gálvez im Mittelfeld wäre er auch nicht weit von einem regelmäßigen Kaderplatz entfernt.

Clemens Fritz #8 - Der Kapitän geht wohl in seine letzte Saison, auch wenn schon wieder über eine Fortsetzung seines Vertrags über 2015 hinaus diskutiert wird. Für viele Fans ein Horrorszenario. Im Trainerteam und dem Vernehmen nach auch in der Mannschaft ist Fritz jedoch weiterhin hoch angesehen. Seine Rolle als Integrationsfigur und Bindeglied zwischen Trainer und Spielern stehen öffentlich weniger zur Diskussion als seine Leistungen auf dem Platz, wo Fritz schon seit längerem nicht mehr so überzeugt, dass man ihn als Führungsspieler bezeichnen könnte. Spielt wie gewohnt eine starke Saisonvorbereitung. In den letzten beiden Jahren zeigte die Leistungskurve nach ein paar Spieltagen dann jedoch nach unten. Am Ball hat Fritz immer noch seine Stärken, defensiv ist er der Schwachpunkt der Bremer Viererkette. Umso wichtiger für Werder, dass man in dieser Saison den Übergang schafft und Luca Zander oder Marnon Busch als Nachfolger aufbaut.

Luca-Milan Zander #19 – Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird Zander durch eine Verletzung beim Angriff auf den Profikader gestoppt. Eigentlich sollte er innerhalb der nächsten sechs Monate soweit sein, dass er sich den Stammplatz hinten rechts sichern könnte. Seine Bewegungsabläufe sind schon sehr schick und er scheint weitaus mehr zu sein, als eines der vielen Talente, die einzig wegen ihrer Jugend ins Team gewünscht werden. Problem scheint vor allem die Physis zu sein, die für ihn bislang zum Stolperstein wurde. Hat seine Position als Backup hinter Fritz dadurch erstmal an Marnon Busch verloren, ist aber der talentiertere der Beiden.

Marnon Busch #38 - Gegen Chelsea spielte er sich zum ersten Mal ins Rampenlicht. Mit seiner Schnelligkeit ist Busch ein Spieler, der sofort ins Auge fällt. Kann dadurch auch die eine oder andere Schwäche im Stellungsspiel ausgleichen, was langfristig aber kein Vorteil ist. Physisch für einen Spieler seines Alters schon sehr weit. Leider sehr “einfüßig”, ansonsten aber ein Spieler mit guten Anlagen, der Fritz in dieser Saison Druck machen kann.

Santiago Garcia #2 - Die Linksverteidigerposition ist die einzige, die rein formell nicht doppelt besetzt ist (Caldirola dürfte hier wohl der Ersatzmann sein, wenn Garcia verletzt ist). Garcia spielt also ohne wirkliche Konkurrenz, wenngleich auch der abgewanderte Lukas Schmitz letzte Saison nur ein inadäquater Ersatz und keine Konkurrenz war. Garcias Leistungen stimmen jedenfalls und an seiner Disziplin hat er ebenfalls gearbeitet. Nach seiner ärgerlichen Sperre letzten Winter kassierte er nur noch zwei gelbe Karten. Knüpft er an diese Leistungen an, wird es auch in der kommenden Saison kein Gerede mehr über Werders Probleme bei der Verpflichtung von Linksverteidigern geben.

Mittelfeld:

Philipp Bargfrede #44 - Hat sich in der letzten Saison nach seiner Verletzung als Stamm-Sechser in der Raute etabliert. Setzte damit das fort, was er vor drei Jahren schon einmal geschafft hatte, bis ihm eine Verletzung einen Strich durch die Rechnung machte. Nun geht er erneut verletzt in die Saison, weshalb es schwierig ist, seine Rolle zu bewerten. Früher oder später wird er sich zurück in die Startelf kämpfen, wenn er fit ist und bleibt. Ist nicht der ganz große Stratege, aber dennoch ein sehr brauchbarer Sechser, auch in einer Raute. Könnte auch auf der rechten Halbposition spielen, falls Gálvez sich als Sechser festspielt. In einer Doppelsechs sowieso. Bei ihm alles nur eine Frage der Fitness.

Felix Kroos #18 - Der Vertrag mit ihm wurde verlängert und er hat in der letzten Saison angedeutet, dass er ein guter Ballverteiler vor der Abwehr sein kann. Das heißt aber auch: Er ist es noch nicht. Kroos muss weiter an seinem Passspiel und seiner Übersicht feilen, denn er hat alle Anlagen dazu. Körperlich muss er noch etwas robuster werden und vor allem seinen Körper cleverer einsetzen. Im Zweikampfverhalten stellt er sich noch zu ungeschickt an, begeht zu viele unnötige Fouls. Das hängt auch mit seinem Stellungsspiel zusammen. Wenn er dazulernt, kann er in ein bis zwei Jahren mit 50% weniger Zweikämpfen auskommen und dennoch mehr Bälle erobern. Wird regelmäßig seine Chancen bekommen.

Cedrick Makiadi #6 - Ganz so verkorkst, wie häufig dargestellt, war seine Saison nicht. Die Rolle, die ihm zugedacht war, konnte er jedoch nicht erfüllen. Das lag auch daran, dass Makiadi zu oft in die Position des Ballverteilers gedrängt wurde, die ihm nicht liegt. Der Sprung von Freiburg, wo er in einem etablierten und perfekt eingespielten System in der Rolle als Box-to-Box-Spieler glänzen konnte, zu Werder, das sich in der Findungsphase befand, war für ein nicht leicht. Ein Führungsspieler war er daher nicht, könnte dies aber ein Jahr später noch werden. Seine Tendenz ging im letzten Saisondrittel klar aufwärts, als er Bargfrede hinter sich hatte. Muss sich aber weiter steigern, um seinen Platz im Team zu behaupten. Als Achter in der Raute gut aufgehoben.

Theodor Gebre Selassie #23 - War vor einem halben Jahr schon abgeschrieben. Als Außenverteidiger mit zu vielen Fehlern in der Defensive, insbesondere im Stellungsspiel. Eine Reihe weiter vorne lief es dann besser, zunächst als Einwechseloption im 4-2-3-1, dann als Stammkraft in der Raute. Nach vorne hat er viele gute Ideen und kann diese aus dem Mittelfeld besser einbringen. Defensiv auch dort nicht ganz sattelfest, obwohl er sich gut mit Clemens Fritz ergänzt. Ist ein Kandidat für die Startelf, zumindest aber für die ersten 14.

Julian von Haacke #26 - Ein weiterer Nachwuchsmann mit Verletzungsproblemen. Ein Kreuzbandriss stoppte von Haacke auf dem Weg in den Profikader und wird ihn noch mindestens bis zum Herbst aus dem Spiel nehmen. Ein Thema für die Profis wird er daher frühestens wieder zur Rückrunde, wenn er bis zum Wintertrainingslager wieder voll auf der Höhe ist. Wäre dann ein passsicherer Kandidat fürs defensive Mittelfeld oder die Halbpositionen der Raute.

Zlatko Junuzovic #16 - An ihm scheiden sich die Geister. Viele reduzieren ihn auf seine Lauf- und Kampfbereitschaft, doch er ist auch immer noch ein offensiv denkender und technisch starker Mittelfeldspieler. Als 10er in Werders Raute gefällt er mir dennoch nicht so richtig, dafür fehlt es ihm an Präsenz und Laufwegen im letzten Drittel. Als Sechser ist er mir wiederum zu ungestüm und verfügt über zu wenig Raumgefühl. Bleibt also eigentlich nur die ungeliebte Halbposition in der Raute, wo er einen verkappten Spielmacher geben kann, aber dessen Last nicht alleine auf seinen Schultern trägt – ein wenig wie Krisztian Lisztes ab 2002. Solange Obraniak auf der 10 nicht überzeugt, wird er aber auch immer ein Kandidat für die Position hinter den Spitzen bleiben.

Ludovic Obraniak #7 - Bislang war er eine Enttäuschung, doch sein Einstieg bei Werder war vom Zeitpunkt her alles andere als optimal. Wirklich beurteilen kann man ihn erst nach Ende seiner ersten richtigen Vorbereitung mit dem Team. Die Wasserstandsmeldungen lesen sich nicht unbedingt positiv. Er scheint weiterhin unzufrieden zu sein und dürfte auf einen Wechsel drängen, wenn er sich in den nächsten Monaten keinen Stammplatz erspielt. Muss dafür hart an sich arbeiten, denn eigentlich kann Werder auf seine technischen Qualitäten nicht verzichten. Im aktuellen System wäre er als 10er oder als offensiverer der beiden 8er denkbar. Für letztere Rolle müsste er noch mehr an seinem Defensivverhalten arbeiten. Kann immer noch ein großer Gewinn für Werder werden.

Fin Bartels #22 - Ein vielseitiger Spieler, der auf mehreren Positionen gut eingesetzt werden kann: Linksaußen, hängende Spitze, auch als 10er in einer Kontertaktik – auf der Halbposition der Raute hätte ich ihn allerdings nicht gesehen. Dort kam er jedoch gegen Bilbao und Chelsea zum Einsatz und machte seine Sache nicht schlecht, zeigte aber auch, dass es ihm dafür noch etwas an defensivem Geschick mangelt. Bislang sehe ich Bartels eher in der Rolle des flexiblen Ergänzungsspielers, doch er dürfte nicht nur bei Verletzungen von Kollegen zu regelmäßigen Einsätzen kommen.

Levent Aycicek #21 - Endlich ist er mal längere Zeit verletzungsfrei und kann seinen Sturm auf die Bundesliga beginnen. Bis dahin ist es aber trotz allem Talent noch ein weiter Weg, schon allein, weil man einen Spieler mit Ayciceks Verletzungshistorie nur schrittweise an den Profifußball heranführen sollte. Er hat quasi die gesamte A-Jugend verpasst und die Zweifel, dass sein Körper die Strapazen des Bundesligafußballs mitmacht, sind noch nicht ausgeräumt.  Verständlich daher, dass man ihn letzte Saison über die U23 aufgebaut hat. Macht sein Körper mit, wird sich seine Qualität durchsetzen. Dann ist er nicht nur Kandidat für den 18er-Kader sondern bis Ende der Saison auch für die Startelf. Ob als 10er, Außenspieler, hängende Spitze oder offensiver Achter wird sich zeigen.

Mehmet Ekici #10 - Er steht ganz oben auf der Liste mit Spielern, die Werder gerne verkaufen möchte. An einen Durchbruch Ekicis möchte nach drei enttäuschenden Jahren niemand mehr glauben und es wäre im Interesse beider Seiten, wenn eine Trennung bis zum 31.8. noch erfolgen sollte. Ansonsten wird er Werders teuerster Tribünengast.

Angriff:

Franco Di Santo #9 – Hat sich im Laufe der letzten Saison deutlich gesteigert. Durfte allerdings auch erst im Laufe der Rückrunde wirklich in der Spitze ran. Bringt vieles mit, was ein Stürmer haben sollte und kann als einziger aus dem derzeitigen Kader ganz vorne Bälle behaupten. Zu einem wirklich guten Mittelstürmer fehlt ihm noch ein wenig, doch wenn er die Entwicklung der letzten Rückrunde fortsetzt, kommt er dort bald hin. Dann wäre auch ein System mit nur einer Spitze wieder eine echte Alternative für Dutt.

Nils Petersen #24 - Bei kaum einem Spieler bin ich so zwiegespalten. Petersen hat durchaus seine Qualitäten im Torabschluss und ist aufgrund seiner Torgefahr für Werder nicht unwichtig. Gegen den Ball ist er gut, er setzt sich voll für das Team ein und ist ein äußerst positiver Typ. Doch ich kann mich mit seiner Spielweise weiterhin nicht anfreunden, er ist einfach kein moderner Stürmertyp. Mit dem Rücken zum Tor ist er schwach, er behauptet zu wenig Bälle, hat selten gute Laufwege und technisch ist er recht limitiert. Als alleinige Spitze daher unbrauchbar, aber auch in einem Angriffsduo nur in Kombination mit einem spielstarken Partner wirklich zu gebrauchen. Für eine klare Nummer 2 hinter Di Santo eigentlich zu teuer.

Davie Selke #27 - Ist durch die U19-EM momentan in aller Munde. Seine Leistung sollte man eher anhand der Saison in der Regionalliga beurteilen als anhand eines Turniers gegen Gleichaltrige. Dort muss man zu dem Schluss kommen, dass es für Selke noch nicht ganz reicht, um zum neuen Shooting Star der Profis zu werden. Dennoch hat Selke großes Potenzial, muss sein Spiel allerdings etwas umstellen, weniger auf physische Vorteile setzen, die er im Herrenfußball nicht mehr hat. Er geht viele Wege und erwischt dabei auch immer mal wieder den Richtigen. Etwas mehr Cleverness kann er sich dabei noch aneignen. Seine mangelnde Grundtechnik könnte zum Stolperstein werden, aber die muss er durch andere Qualitäten ausgleichen. Ein weiteres Jahr in der U23 mit Training bei den Profis wird ihm guttun und Aufschluss über seine tatsächliche Leistungsfähigkeit geben.

Martin Kobylanski #20 – Er ist schon einen Schritt weiter als Selke, daher ist es schade, dass er wohl verliehen werden soll. In der letzten Saison machte er einen riesigen Fortschritt, den ihm viele nicht zugetraut hätten. Ist technisch gut und hat vor allem einen starken Abschluss aus vielen Positionen, der ihn von den anderen Stürmern abhebt. Eine Saison in der zweiten Liga wäre für seine Entwicklung aber sicherlich besser, als weiter in der Regionalliga zu spielen. Solange mit Di Santo, Elia, Hajrovic und Petersen vier Stürmer vor ihm stehen, ist der Weg ins Profiteam zu lang, um dort regelmäßig eingesetzt zu werden.

Joseph Akpala #35 - Steht ebenfalls weit oben auf der Verkaufsliste. Ohne seine Verletzung wäre er wohl kaum noch bei Werder. Nimmt seine Situation sehr professionell an und kann sich hoffentlich noch bis Ende des Transferfensters für einen anderen Club empfehlen. Bei Werder spielt er keine Rolle mehr.

Eljero Elia #11 – War letzte Saison die Notlösung als hängende Spitze, weil Dutt keinen spielstarken Stürmer in den eigenen Reihen hatte. Zeigte dann einige ansprechende Leistungen und kann auch in der kommenden Saison ein Gewinn für Werder sein. Eine weitere Steigerung muss allerdings her, nicht nur um das eigene Preis-Leistungsverhältnis auszugleichen. Im Rautensystem ist sein Konkurrent um den zweiten Stürmerplatz Izet Hajrovic, den Werder sicher nicht für die Bank verpflichtet hat. Doch wenn Elia den Konkurrenzkampf annimmt, wonach es derzeit aussieht, dann hat er durchaus Chancen auf einen Stammplatz.

Izet Hajrovic #14 - Ein großer Coup von Thomas Eichin, den jungen Bosnier ablösefrei zu verpflichten. Um Hajrovics Stärken zu beschreiben, werden gerne Vergleiche mit Arjen Robben, Marco Reus und Kevin De Bruyne angestellt. Diese Namen wecken hohe Erwartungen, doch man wird ihn bei Werder realistischer einschätzen können. Unübersehbar ist seine große Stärke beim Dribbling von der Außenbahn in die Mitte und beim Torabschluss mit dem linken Fuß. Wie gut er diese Qualitäten einbringen kann, wird auch von seinen Mitspielern abhängen. Einen torgefährlichen Außenstürmer hatte Werder jedenfalls schon lange nicht mehr. Im Rautensystem wird sein Spiel ohne Ball auf der Position des zweiten Stürmers noch mehr gefordert sein als auf dem Flügel. Unter normalen Bedingungen für Werder eine große Bereicherung, sobald er seinen Fitnessrückstand aufgeholt hat.

Özkan Yildirim #17 - Ein gebrauchtes Jahr liegt hinter ihm, sein Körper spielt einfach nicht mit. Für mich wäre Yildirim ein klarer Kandidat für eine Leihe, denn ich sehe derzeit keinen Weg für ihn ins Team. Rückblickend betrachtet machen selbst seine Leistungen in der Rückrunde der Saison 2012/13 nicht wirklich große Hoffnung, dass er sich bald in der Bundesliga etabliert. Seiner Dribbelstärke und Schnelligkeit stehen taktische Defizite und Langsamkeit im Passspiel gegenüber. In ein Rautenmittelfeld passt er so nicht und um die Position als zweiter Stürmer streiten sich mindestens drei bessere Spieler als er.