Kategorie-Archiv: Testspiele a.k.a. Methadon

Winterpausengedanken

1. Testspiele

Drei Siege und eine deftige Niederlage – so sieht die Bilanz bisher aus. Gesehen habe ich nur das Testspiel in Duisburg, und das war grauenvoll. Ergebnisse aus Testspielen sind mir zwar relativ egal und zur Einordnung der Leistungen muss man die Trainingsumstände mit einbeziehen (Wurde vor dem Spiel noch trainiert? Gab es eine Vorbereitung wie bei einem Pflichtspiel? Was waren die Maßgaben des Trainers?). Unabhängig davon kann man aber festhalten, dass Werder gegen den Drittligisten nicht den Hauch einer Chance hatte, defensiv so trottelig wie eh und je agierte, sowie insgesamt den Eindruck erweckte, nicht sonderlich an diesem Spiel interessiert zu sein. Laufbereitschaft? Kompaktes Verschieben? Einstudierte Offensivaktionen? Alles Fehlanzeige. Man sollte meinen, dass knapp zwei Wochen vor Beginn der Rückrunde jede Chance gesucht wird, sich dem Trainer auf seiner Position aufzudrängen. Allerdings macht es dem Trainer die Auswahl auch nicht leichter, wenn keiner der in Frage kommenden Spieler eine ansprechende Leistung zeigt. Am ehesten wusste noch Aycicek zu überzeugen, da er zumindest einige gute Ideen in der Offensive hatte, aber es war, um es deutlich zu sagen, keineswegs eine Leistung, mit der man in einer Bundesligamannschaft positiv herausstechen sollte.

Zu hoch hängen sollte man das Spiel jedoch nicht. Schon die Testspiele zuvor haben gezeigt, dass defensiv noch viel Arbeit vor dem Team liegt. Skripnik sprach denn auch von einer “gesunden Niederlage”, weil den Spielern nun die Defiziten deutlicher gemacht werden könnten. Das war hoffentlich eine Standardfloskel, denn wenn das Team ernsthaft Spiele wie in Duisburg bräuchte, um auf die tiefgreifenden Probleme im Defensivspiel aufmerksam gemacht zu werden, könnte man die Hoffnung auf den Klassenerhalt wohl schon jetzt begraben.

2. Abgänge

Weiß endlich wo’s lang geht: Eljero Elia

Drei Spieler wurden in der Winterpause abgegeben und bei allen Dreien war es sowohl absehbar, als auch vernünftig. Ludovic Obraniak hatte zwar eine neue Chance bekommen unter Viktor Skripnik, war jedoch schnell wieder aus der erweiterten Stammelf gerutscht und stand zuletzt nicht nur hinter Nachwuchshoffnung Aycicek, sondern auch hinter dem Siebzehnjährigen Eggestein. Eine Trennung war somit unausweichlich. Nils Petersens Wechsel zu Freiburg überraschte nur insofern, als dass man damit einen direkten Konkurrenten vermeintlich stärkte (wobei auch der Witz die Runde machte, dass man die Freiburger damit gezielt schwächen wollte). Bei Petersen kamen zwei Dinge zusammen, die ihn bei Werders aufs Abstellgleis beförderten: 1.) Ein anhaltendes Formtief, gepaart mit langen Durststrecken ohne Treffer, was - wie bei Stürmern üblich – zu einem Verlust des Selbstbewusstseins führte. 2.) Generelle Vorbehalte gegen seine Tauglichkeit, da seine Schwächen (Technik, Ballbehauptung, Spiel mit dem Rücken zum Tor) auch in guten Phasen allzu deutlich sichtbar waren. Die erstarkte Konkurrenz mit Selke und Lorenzen bedeutete letztlich Petersens Aus in Bremen.

Etwas anders gelagert ist der Fall bei Eljero Elia. Nachdem er die letzte Saison mit recht ansprechenden Leistungen als zweiter Stürmer neben Di Santo beendete, wurde er im Laufe der Hinrunde wieder zum Pflegefall auf zwei Beinen. An Elias sportlichem Potential bestanden nie Zweifel, doch es gibt gute Gründe dafür, dass er in der Bundesliga auf seiner Position nie zu einem überdurchschnittlichen Spieler wurde – und erst recht nicht zu einem Leistungsträger, der seinen qua Gehalt herausragenden Status im Kader rechtfertigen würde. Einerseits zählt Elia zu den Spielern, deren einziger Treibstoff das Selbstbewusstsein ist. Das wurde immer dann deutlich, wenn er eines seiner spärlichen Erfolgserlebnisse hatte und in der Folge sichtlich aufblühte. Andererseits scheint Elia kaum zur kritischen Selbstreflexion fähig. Das wurde immer dann deutlich, wenn Kritik an ihm aufkam oder er nicht berücksichtigt wurde. Weder konnte er aus diesen Rückschlägen irgendwelche Lehren ziehen, noch die Kritik in positive Energie umwandeln. Die Diskrepanz zwischen dem Bild, das er in der Öffentlichkeit gerne von sich zeichnen wollte (“bester Linksaußen Europas”) und seinen überdeutlichen Selbstzweifeln auf dem Platz, die nach jeder schlechten Szene zu wachsen schienen, könnte größer kaum sein. Elia wäre gerne ein Künstler, lässt aber das einfache Handwerk vermissen. Das kann sich ein Verein wie Werder in der aktuellen Situation nicht leisten. Bei Southampton, einem gut eingespielten Kollektiv mit der besten Defensive der Premier League, mag das anders aussehen. Ob Elia dort jedoch mit den unweigerlich kommenden Rückschlägen besser fertig wird, steht auf einem anderen Blatt.

3. Zugänge

Alle drei Abgänge spielten unter Skripnik keine Rolle mehr im Team. Sie müssen somit nicht direkt ersetzt werden. Die Forderung nach Neuzugängen ist daher auch losgelöst von diesen Transfers. Die Schlagrichtung hat sich dabei in den letzten Monaten jedoch ein Stück weit geändert. Zwar fordern Teile der Fans immer noch einen Großeinkauf und “dass der Verein endlich mal richtig ins Risiko geht”. Eine grundlegende Änderung der Einkaufspolitik hat es trotzdem nicht gegeben. Das dürfte zu einem nicht unwesentlichen Teil an der gelungenen Integration mehrerer Nachwuchsspieler unter Viktor Skripnik liegen. Der als “alternativlos” bezeichnete Weg der Einbindung eigener Talente wird nun auch gegangen, nicht nur ausgemalt. Ohne Neuzugänge dürfte es dennoch schwierig werden, die Klasse zu halten. Dabei stehen nun nicht mehr offensive Hoffnungsträger wie Bryan Ruiz im Mittelpunkt des Interesses, sondern erfahrene Spieler auf den wichtigsten Defensivpositionen: Torwart (siehe unten), Innenverteidigung und defensives Mittelfeld.

Wird entweder der der neue Micoud oder der neue Diego: Levin Öztunali

In der Innenverteidigung stehen theoretisch vier erfahrene Spieler zur Verfügung, doch durch Prödls Verletzung (und schwierige Vertragssituation) und Caldirolas tiefes Formloch ist die Position, die im Sommer noch tief genug besetzt schien, zum großen Problem geworden. Nachwuchsmann Hüsing scheint mir noch nicht weit genug zu sein und Lukimya sollte in einer Bundesligamannschaft nicht mehr als ein Ergänzungsspieler sein. Bleibt lediglich Gálvez als Konstante, der bislang aber auch nur an Prödls Seite wirklich überzeugen konnte. Ein weiterer Innenverteidiger wäre wünschenswert, ergibt aber nur bei einem gleichzeitigen Abgang Sinn. Einziger Kandidat dafür wäre Caldirola (Lukimyas Vertrag wurde erst verlängert und wer kauft schon einen verletzten Prödl, der im Sommer ablösefrei zu haben ist?). Ob man die Hoffnung in den Italiener aber schon vollständig aufgegeben hat, weiß ich nicht. Mehr als ein weiteres Leihgeschäft kann ich mir dennoch nicht vorstellen.

Die Problematik im defensiven Mittelfeld besteht schon so lange, dass ich schon nicht mehr damit gerechnet habe, dass man sie bei Werder noch bemerkt. Es ist mir unbegreiflich, dass seit Baumanns Karriereende, also seit fünfeinhalb Jahren bzw. elf Transferphasen, nie Geld für einen richtig guten Sechser in die Hand genommen wurde (Makiadi lasse ich nicht gelten, denn bei ihm war vorher klar, dass er kein eigentlicher Sechser ist, sondern wahlweise Achter/Box-to-Box-/Verbindungsspieler). Wahlweise setzte man auf den Nachwuchs (Bargfrede), holte unerfahrene Talente (Trybull) oder schulte Spieler um (Kroos, Gálvez). Wie konnte ein Verein, der soviel auf seine Tradition mit der Raute im Mittelfeld gibt, nur die Bedeutung einer solch wichtigen Position so massiv unterschätzen? Doch auch die lokale Presse träumt noch immer von einem neuen Johan Micoud, statt sich die Konkurrenz anzuschauen und einen Daniel Baier zu fordern. Neuzugang Levin Öztunali ist für mich daher eher eine “Zugabe”, ein Spieler für die Breite in der Offensive, der im Sommer für ein Jahr die Nachfolge Junuzovics antreten könnte.

Auf der Sechserposition ist der Bedarf im Kader meiner Meinung nach am Größten (siehe Punkt 5). Im Winter wird es doppelt schwer, dieses Versäumnis nachzuholen. Gesucht wird kein reines Kampfschwein oder Zweikampfgott, sondern ein intelligenter und technisch starker Spieler vor der Abwehr, der gutes Positionsspiel, Passicherheit und strategische Fähigkeiten mitbringt. Kein leichtes Anforderungsprofil, aber andere Vereine haben bewiesen, dass man keinen dicken Geldbeutel braucht, um dort fündig zu werden.

4. Torwartdiskussion

Die dritte kritische Position ist die des Torwarts. Hier ist Eichin alles andere als clever vorgegangen, hat sich sehr früh weit aus dem Fenster gelehnt und somit dazu beigetragen, dass Werder in diesem Winter ein großes Torwartproblem hat. In erster Linie liegt der Grund dafür natürlich in Wolfs Leistungen. Leider konnte er sich nach seiner soliden Rückrunde nicht weiterentwickeln, sondern ließ genau die Mängel erkennen, die ihm seine Kritiker schon lange vorhalten: Probleme bei der Strafraumbeherrschung, Antizipation und Spieleröffnung. Wolf geht wenige Risiken ein und schießt daher auch nur selten richtige (offensichtliche) Böcke. Mit seiner passiven Art hat er dennoch seinen Anteil an Werders wackliger Defensive. Ob er in der Hinrunde der schwächste oder nur einer der schwächsten Stammtorhüter der Liga war, möchte ich nicht beurteilen. Festhalten kann man aber, dass er mit den gezeigten Leistungen nicht die unumstrittene Nummer 1 sein sollte.

Doch keine Konkurrenten: Richard Strebinger und Raphael Wolf

Durch Eichins Äußerungen wurde dieses Problem jedoch nach außen getragen und inzwischen zeigen sich alle Beteiligten so genervt von der Situation, dass jedes noch so überzeugend vorgetragene Bekenntnis zu Wolf nicht mehr glaubwürdig ist. Die Diskussion soll mit aller Macht beendet werden. Wie aber soll das gehen, wenn offensichtlich wurde, dass Werders Vereantwortliche Strebinger und Husic für (noch?) nicht bundesligatauglich halten und aus dem Wunsch Felix Wiedwald als Herausforderer für Wolf zu verpflichten, nie einen Hehl machten? Wie könnten sie auch mit dem Status Quo zufrieden sein, dass die Nummer 1 schwächelt und niemand da ist, der (analog zu Wolf/Mielitz letzte Saison) die Situation nutzen könnte? Die nun gefundene Übergangslösung mit Casteels als Leihgabe bis Saisonende ist zumindest aus vertraglicher Sicht sinnvoll (sofern man mit Wiedwald bereits einig ist, wovon ich ausgehe). Sportlich sind jedoch gewisse Zweifel angebracht. Es ist nicht optimal, angesichts der Situation nur eine vorgebliche Nummer 2 zu verpflichten, doch zumindest hat Skripnik nun zwei Torhüter mit Bundesligaerfahrung im Kader und einen größeren Konkurrenzkampf auf der Position.

5. Gegentorflut

39 Gegentore setzte es in der Hinrunde, so viele wie noch nie in Werders Bundesligageschichte. Das ist überaus besorgniserregend und der Schlüssel zum Klassenerhalt wird sein, diese Flut an Gegentoren einzudämmen. Nur wie? Sowohl Schaaf (Rückrunde 2013) als auch Dutt (2013/14) haben dieses Problem nur zeitweise und unter weitgehendem Verzicht auf eigene Offensivbemühungen in den Griff bekommen. Bislang deutet wenig darauf hin, dass sich dies unter Skripnik ändert. Zwar ist Werder im Vergleich zum desaströsen ersten Saisonviertel etwas stabiler geworden, doch auch unter Skripnik setzte es im Schnitt zwei Gegentore pro Bundesligaspiel.

Die größte Stärke, die die Rautenformation in der Defensive hat, ist die 4-3-Stellung in Abwehr und Mittelfeld, mit der sich die Schnittstellen im Zentrum (zumindest in der Theorie) gut verschließen lassen. Diese Stärke muss Werder nutzen. Ich bin kein Fan davon, möglichst viele Offensivspieler in die Raute zu integrieren. Viel wichtiger ist die richtige Balance der hinteren drei Rautenspieler, zumal die Viererkette dahinter alles andere als sattelfest ist. Da Junuzovic auf der linken Halbposition gesetzt sein dürfte, sollte die rechte Halbposition meiner Meinung nach standardmäßig defensiver besetzt werden. Dies war in der Hinrunde der Fall, als Clemens Fritz von Skripnik dorthin versetzt wurde. Der in die Jahre gekommene Fritz hat jedoch bei allen verbliebenen Qualitäten deutliche Schwächen und funktioniert meiner Meinung nach nur vor einem deutlich überdurchschnittlichen Sechser. Ich sehe Bargfrede potentiell immer noch als solchen, aber mangels konstantem Aufbauspiel und strategischem Geschick nicht in einer Raute. Felix Kroos hingegen ist in diesen Bereichen stärker und an guten Tagen ein geeigneter Spieler für diese Position. Allerdings ist er zu unkonstant und zweikampfschwach, braucht somit zwingend einen zuverlässigen Ausputzer an seiner Seite – einen wie Bargfrede.

Vieles spricht also dafür, Kroos und Bargfrede neben Junuzovic spielen zu lassen, doch damit schafft man sich ein neues Problem: Wohin mit Clemens Fritz? So oder so sind es nur Notlösungen, die Werder mit dem aktuellen Kader aufbieten kann. Versucht Skripnik also die Flucht nach vorne, wie gegen Duisburg? Oder wird Werder doch noch auf dem Transfermarkt tätig?

6. Prognose

Die “Skripnik-Bilanz”, nach der Werder seit dem Trainerwechsel auf Platz 5 der Tabelle liegt, macht in der Tat Hoffnung, dass Werder in der Rückrunde mehr Punkte holen könnte, als in der Hinrunde. Vor allem in den Heimspielen hinterließ Werder einen guten Eindruck und holte 10 von 12 möglichen Punkten. Da man zum Rückrundenauftakt in den ersten vier Spielen dreimal im Weserstadion antreten darf, liegt der Gedanke nahe, dass Werder sich schon nach dem 21. Spieltag vom Tabellenende abgesetzt haben könnte. Da die Gegner jedoch Hertha, Leverkusen und Augsburg heißen, glaube ich nicht daran, dass dies so eintreten wird. Auch einen anhaltenden Aufwärtstrend erwarte ich nicht in der Rückrunde. Ich rechne mit einem Kampf um den Klassenerhalt bis zum Saisonende.

Torsten Frings und Viktor Skripnik: Hütchen- oder Hoffnungsträger?

Die Hypothek von vier Punkten aus den ersten neun Spielen wiegt noch immer schwer. Nichtsdestotrotz besteht bei der jungen Mannschaft die Chance, im Laufe der Rückrunde das Spielniveau zu steigern. Wenn es wider erwarten gelingt, die Defensive zu stabilisieren und Werder von Verletzungen verschont bleibt, möchte ich nicht ausschließen, dass das Team die guten Ergebnisse unter Skripnik fortsetzt und sich im Mittelfeld der Liga etabliert. Es gibt etliche Spieler im Kader, von denen man einen Formanstieg (Garcia, Caldirola, Kroos) bzw. eine Weiterentwicklung (Aycicek, Öztunali, Selke, Lorenzen, Zander) erwarten kann. Doch Entwicklungen verlaufen im Fußball selten linear. Gleichzeitig ist nicht sicher, ob Junuzovic, Di Santo und Bartels ihre Form aus der Hinrunde konservieren können.

Letztlich sind es vor allem die vielen Variablen in Werders Erfolgsformel, die mich an einem Leistungsschub zweifeln lassen. Solange die defensiven Probleme im Zentrum nicht gelöst sind – und hierzu zähle ich ausdrücklich Verstärkungen auf der Sechs und in der Innenverteidigung – zählt Werder für mich daher zu den vier bis fünf wahrscheinlichsten Abstiegskandidaten. Vom Potential her braucht es aber nicht viele Anpassungen, um aus dem Kader wieder ein Team fürs gesicherte Mittelfeld zu machen. Dies war – man erinnere sich – auch das vor der Saison ausgegebene Ziel. Noch ist es möglich, dies zu erreichen, aber durch das dünne Eis unter den Füßen schimmert weiterhin bedrohlich der Abgrund der zweiten Liga.

Sommerpausenunterbrechung

Werder Bremen – 1860 München 1:1

Die persönliche Sommerpause kam dann leider doch, bevor die letzte Saison hier im Blog aufgearbeitet werden konnte. Nun wird sie für ein Testspiel gegen die Löwen unterbrochen.

Spielidee und Fortschritte

Die wichtigsten Fragen waren natürlich: Was hat sich unter Dutt schon geändert und welche Spielidee lässt sich erkennen? Werder spielte in einem 4-2-3-1, dessen genaue Aufteilung sich je nach Spielsituation änderte. Vor allem im zentralen Mittelfeld gab es häufige Rochaden, wodurch teilweise ein 4-3-3, dann wieder ein 4-4-2 entstand. Man konnte recht schnell erkennen, dass in den vergangenen Tagen vor allem die Defensivabläufe trainiert wurden. Dies wurde insbesondere bei Ballverlusten deutlich, wo Makiadi als gutes Beispiel voranging und vorbildlich umschaltete. Auch das Pressing war trotz müder Beine schon auf gutem Niveau. Beim Angriffspressing hielt man sich eher zurück, aber das Mittelfeldpressing wurde konsequent umgesetzt.

Im Offensivspiel ließ sich ebenfalls schon in Grundzügen eine Spielidee erkennen. Der Spielaufbau lief häufig über die rechte Seite, wo der jeweilige Sechser in die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger rückte und den Ball forderte. Der zweite Sechser besetzte dabei das Zentrum, während die vier Offensivspieler viel rochierten und so versuchten, Löcher in den Defensivverbund der Löwen schlagen. Auffällig waren die häufigen Positionswechsel zwischen Ekici und Hunt, die sich die 6er und 10er Position quasi teilten. Immer wieder ließ sich Hunt im Spielaufbau nach hinten fallen, während Ekici vorrückte. Die Aufgabenteilung zwischen den Sechsern war dennoch nicht so eindeutig, wie ich es erwartet hätte. Zwar gab Makiadi eher den Verbindungsspieler, doch insgesamt schienen beide Spieler gleichberechtigt zu sein, was das Aufrücken im Laufe der Angriffe anging. Die Außenverteidiger standen im Aufbau nicht so tief wie unter Schaaf, rückten aber eher situativ vor, wenn der Außenstürmer vor ihnen nach innen einrückte.

Dominanz ohne Torchancen

Die erste Halbzeit war geprägt von Bremer Dominanz am Ball. Durch die Passsicherheit im Mittelfeld und den schnellen Rückgewinn des Balls kam Werder auf knapp 2/3 Ballbesitz. Im gegnerischen Spielfelddrittel merkte man jedoch, dass die Abläufe in der Offensive noch nicht richtig sitzen. Spätestens ab dem vorletzten Pass war Schluss mit lustig und wenn man vorher von einer klaren Spielidee sprechen konnte, verwandelte sie sich hier in Ratlosigkeit. Sinnbildlich dafür war Werders beste Angriffsaktion der ersten Halbzeit, die nicht in einer Torchance endete: Mielitz fängt eine Flanke ab und wirft schnell ab auf Fritz, der sofort Tempo aufnimmt und den Ball ins Zentrum passt. Der Ball wird abgelegt auf Hunt, Petersen zieht von halblinks in die Mitte und plötzlich ist der Passweg zu Elia auf dem linken Flügel offen. Bis dahin ein perfekter Konter, aber dann rennt sich Elia fest und 1860 gewinnt den Ball. Wirkliche Torgefahr kam in der ersten Halbzeit folglich nur selten auf – zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison und nach den bisherigen Trainingsschwerpunkten nicht verwunderlich.

In der zweiten Halbzeit verflachte das Spiel nach vielen Wechseln auf beiden Seiten zusehends. Auf beiden Seiten kam es vermehrt zu Fehlern im Spielaufbau, wodurch beide Teams nun mehr Torchancen bekamen. Trotz der verlorenen Souveränität war deutlich erkennbar, dass Werder in den Defensivaktionen hundert Prozent gab. Fast immer war im letzten Moment noch ein Fuß vor dem Ball, bevor ein gegnerischer Angreifer abschließen konnte. Die Tore fielen spät im Spiel und das Ergebnis war am Ende verdient, auch wenn Mielitz in der letzten Minute noch zwei Mal in höchster Not klären musste.

Das Gesehene deckt sich mit dem Gelesenen und Gehörten der letzten Tage. Die Mannschaft arbeitet konzentriert und der Schwerpunkt lag bislang in der Defensive. Weitere Erkenntnisse konnte man aus dem Spiel kaum ziehen, daher noch drei Sätze zu den beiden Neuzugängen. Cedric Makiadi wirkte von Anfang an sehr selbstbewusst und scheint eine Führungsrolle im Team übernehmen zu wollen. Luca Caldirola war dagegen viel verhaltener und überließ dem neuen Abwehrchef Prödl die dominante Rolle in der Innenverteidigung. Dabei machte er dennoch einen abgeklärten Eindruck, geriet kaum in Bedrängnis und fühlt sich mit dem Ball am Fuß sichtlich wohl.

In zwei Wochen geht es hier weiter mit der Saisonvorschau.

Das 4-2-4-0 – einmaliges Experiment oder echte Alternative?

Thomas Schaaf überraschte im Testspiel gegen Trabzonspor mit einem taktischen Experiment: Ohne echten Stürmer, aber dafür mit einem flexiblen Sechser-Mittelfeld trat Werder die Partie an. Marko Arnautovic blieb dabei außen vor, mit der Begründung, dass er im ersten Rückrundenspiel gegen Dortmund ohnehin gesperrt ist. Haben wir also die Formation gesehen, mit der Schaaf den Doublesieger bezwingen will? Könnte das 4-2-4-0 sogar als Alternative zum in der Hinrunde gespielten System werden?

Ohne Mittelstürmer – mit variabler Doppelsechs

Bislang spielte Werder in dieser Saison personell ein 4-3-3, welches meist als 4-1-4-1 ausgelegt wurde. Das neue System unterscheidet sich hauptsächlich dadurch, dass ein zusätzlicher Mittelfeldspieler im Zentrum eingesetzt wird und dafür die Sturmspitze wegfällt. Konkret bedeutete dies im Testspiel gegen Trabzonspor, dass Clemens Fritz im Zentrum neben Junuzovic spielte und Nils Petersen aus der Sturmspitze auf Arnautovics rechte Außenbahn versetzt wurde. Auf dem Papier ist dies also zunächst eine defensive Umstellung.

Im Spiel gegen den Ball war dies auch tatsächlich so zu beobachten: Die Außenstürmer spielten mannorientiert gegen die gegnerischen Außenverteidiger und rückten dadurch oft neben oder sogar hinter Fritz und Junuzovic. Hunt und De Bruyne pressten an vorderster Front, wodurch sich eine 4-4-2 Formation ergab. Interessant waren die Verschiebungen, mit denen Werder das System immer wieder veränderte. Nur einer der Sechser (meist Junuzovic) spielte fest vor der Abwehr, während sich der zweite immer wieder ins Angriffspressing einschaltete. Das Ergebnis war ein fluider Wechsel zwischen dem in der Hinrunde dominierenden 4-1-4-1 und besagtem 4-4-2 im Spiel gegen den Ball. Gegen Hoffenheim, als Ignjovski und Fritz für Hunt und Junuzovic ran mussten, hatte man bereits ähnlich agiert.

Falsche Neun oder falsche Zehn?

Damals hatte man jedoch eine klare Sturmspitze in den eigenen Reihen, die gegen Trabzonspor nicht vorhanden war. Interessanter war denn auch das Spiel in Ballbesitz und wie Werder versuchte, die Überzahl im Mittelfeld auszunutzen. Wie üblich unter Schaaf hatte jeder Mittelfeldspieler auch in der Offensive seine Aufgabe zu erfüllen. Einer der Sechser schob bei so ziemlich jedem Angriff mit vor, während der andere für die Absicherung sorgte. Die beiden im 4-1-4-1 als Achter bezeichneten Hunt und De Bruyne spielten hingegen so weiträumig in der Offensive, dass sie sich einer konkreten Bezeichnung fast entzogen. Meiner Meinung nach trifft hier weder die „falsche Neun“ noch die „falsche Zehn“ den Nagel auf den Kopf.

Häufig war De Bruyne der offensivere der beiden und besetzte sporadisch auch die Sturmspitze. Anders als bei einer „falschen Neun“ bestand seine Aufgabe jedoch nicht vor allem darin, die Innenverteidiger durch geschicktes Entgegenkommen aus der Viererkette zu ziehen. Vielmehr versuchte er, sich durch Läufe aus dem Sturmzentrum auf den Flügel Platz zu verschaffen, etwa so, wie es letzte Saison Markus Rosenberg getan hatte. Hunt agierte häufig ein paar Meter dahinter und stieß ebenfalls nur teilweise ins Sturmzentrum vor. Den gegnerischen Innenverteidigern sollte somit der Zugriff entzogen werden.

Werders 4-2-4-0-System

Werder im 4-2-4-0-System. In weiß sind die wichtigsten Offensiv-Varianten markiert, in schwarz die wichtigsten Defensivvarianten

Die Rolle von Nils Petersen

Hierfür gab es einen triftigen Grund: Die Rolle von Nils Petersen. Anders als Arnautovic ist er auf dem Flügel vieler seiner Stärken beraubt, während seine Schwächen noch mehr zum Vorschein kommen. Man müsste also von einer glatten Fehlbesetzung sprechen (was viele getan haben), wenn er seine Position an der Außenbahn strikt eingehalten hätte. Im gegnerischen Drittel wurde aus dem Rechtsaußen jedoch regelmäßig ein Mittelstürmer, der den direkten Weg vom Flügel in den Strafraum suchte. Das Ziel war es dabei, ihn im Rücken der Innenverteidiger in gefährliche Abschlusspositionen zu bringen und dann mit Hereingaben zu füttern. Diese Taktik funktionierte über das gesamte Spiel gesehen relativ gut, wobei Werder schon anzumerken war, dass es noch Abstimmungsbedarf bei Lauf- und Passwegen gibt. Leider vergab Petersen einige hochkarätige Gelegenheiten, doch Trabzonspors Hintermannschaft hatte große Probleme, sich auf Werders Spielweise einzustellen.

Durch Petersens häufiges Einrücken fehlte Werders Spiel auf der rechten Seite die Breite. Dadurch bekam das Offensivspiel von Rechtsverteidiger Gebre Selassie eine große Bedeutung. Er spielte ein gutes Stück höher als sein Gegenstück Schmitz auf der anderen Seite und schaltete sich häufiger in Werders Angriffe ein. Um das Risiko auf der rechten Seite nicht zu groß werden zu lassen, erwies sich der zusätzliche Mittelfeldspieler als wichtig, denn Fritz deckte häufig den Halbraum hinter Selassie ab, wenn dieser einen Vorstoß wagte. Dennoch besteht hier ein Risiko und einige Male wären Werder schlechte Abstimmungen fast zum Verhängnis geworden, als Trabzonspor in Selassies Rücken kontern konnte.

Hat das neue System Zukunft?

Wenn man das Spiel gegen Trabzonspor als Experiment betrachtet, wie soll man es bewerten? Zumindest in Teilen ist es geglückt. Der Gegner wurde überrascht und mit Hunt und De Bruyne hat man die Spielertypen im offensiven Mittelfeld, die man für ein stürmerloses Spiel braucht. Aus einer 4-4-2 Defensivformation kann offensiv durch situatives Verschieben schnell zwischen 4-2-4-0, 4-2-3-1 und 4-1-4-1 gewechselt werden.

Bei vier zentralen Mittelfeldspielern besteht jedoch auch die Gefahr, dass sie sich gegenseitig die Wege zustellen und das Offensivspiel vor dem Strafraum versandet. Teilweise wirkten die Bewegungen im Mittelfeld so unorthodox, dass es schwer fiel zu unterscheiden, was gewollte Rochaden und was schlecht abgestimmte Laufwege waren. Letztlich wird auch entscheidend sein, ob der Vorteil, den Werder durch Petersens Abtauchen auf dem Flügel und das folgende, überraschende Auftauchen im Strafraum hat, den Nachteile seiner Schwächen auf der Außenbahn und das Fehlen eines Mittelstürmers übertrifft.

Ob das neue System gegen Borussia Dortmund eine brauchbare Option ist, lässt sich nach einmaliger Ansicht schlecht beurteilen. In der Hinrunde überraschte man Dortmund schon einmal mit einem System ohne echten Mittelstürmer. Damals hielt De Bruyne jedoch meistens die Position vor dem Mittelfeld, während dies gegen Trabzonspor nicht der Fall war. Ich bin gespannt, ob Werder auch im nächsten Spiel gegen Wolfsburg das System weiter testet oder doch zur Ausgangsformation zurückkehrt. Ob das System auch nach Arnautovics Rückkehr weiterhin ein Thema ist, wird sich zeigen. Interessant ist es allemal, dass Schaaf den Verzicht auf einen (klassischen) Stürmer nicht völlig aus den Augen verloren hat.

Fluch beendet – Werder in Belek Tag 8

In der Reihe “Werder in Belek” berichtet Gastautor Sebastian Cario täglich in kleinen Notizen aus dem Trainingslager der Bremer.

Am heutigen Tag wurde trotz aller widrigen Umstände endlich wieder gewonnen. Und das in der Türkei, in einem „Auswärtsspiel“. Da das Vormittagstraining keine besonderen Erkenntnisse brachte und nur die zuhause gebliebenen Spieler länger trainierten, möchte ich diesen Eintrag ganz dem Test gegen Alkmaar widmen.

Im Vorfeld des Spiels ging es in der Planung drunter und drüber. Gestern wurde der Anpfiff des Spiels auf Bitten von Alkmaar erst eine Viertelstunde und kurze Zeit später um eine halbe Stunde nach hinten verlegt. Heute dann die nächste Hiobsbotschaft, der Platz in Antalya war durch die starken Regenfälle der letzten Tage unbespielbar geworden. Doch – und das ist das schöne hier in Belek – fand sich dank unzähliger Stadien schnell Ersatz. Das Spiel fand direkt hier in Belek auf dem Trainingsplatz des Calisto Hotels statt. Jener Platz, der von Alkmaar zum Training genutzt wird. Es sollte also doch ein „Auswärtsspiel“ werden.

Trainer Schaaf gab einigen Akteuren eine Pause, so dass neben Düker, Wagner und Wesley auch Marin, Trinks, Wolf, Rosenberg und Wiese nicht im Kader standen. Gespielt wurde im bekannten 4-4-2 mit Raute und Spielmacher Ekici. In die Startaufstellung wechselten im Vergleich zum letzten Testspiel am Montag gegen Anderlecht nur Mielitz und Arnautovic, sonst änderte sich nichts.

Aufstellung

Mielitz
Fritz – Prödl – Sokratis – Schmitz
Iggy – Bargfrede – Trybull
Ekici
Arnautovic – Pizarro

Bank: Vander, Silvestre, Kroos, Boenisch, Thy, Füllkrug

Spielbericht

Die ersten 15 Minuten gehörten klar dem holländischen Tabellenführer, der sehr körperbetont zur Sache ging. Vor allem Ekici hatte mit dieser Spielweise so seine Probleme. Echte Chancen erspiele sich der AZ zu dieser Zeit allerdings nicht. Das Spielgeschehen wendete sich aber, als Pizarro in der 19. Minute Ekici auf dem rechten Flügel in abseitsverdächtiger Position freispielte und dieser bis zur Grundlinie durchgehen konnte. In der Mitte startet Arnautovic, konnte den guten Pass des Deutschtürken allerdings nicht im Tor unterbringen.

Marko Arnautovic

Es war nicht der Tag des Marko Arnautovic / Bild www.andreasgumz.com

Diese Aktion war die Initialzündung für einige weitere Torversuche. In der 21. Minute setzte Pizarro die Innenverteidigung unter Druck, gewann den Ball und scheiterte dann freistehend vor dem gut reagierenden Keeper. Auch der Nachschuss von Ekci wurde vom Torwart pariert. Eine solche Möglichkeit lässt sich der Peruaner normalerwiese nicht nehmen. 26 Minuten waren gespielt, als es das erste Mal lichterloh in der Werderabwehr brannte. Martens setzte sich in der Mitte durch, übersah jedoch einen startenden Mitspieler. Sein zu eigensinniger Schuss verfehlte das Tor deutlich. Nach gut einer halben Stunde übernahm Alkmaar wieder das Zepter, ohne jedoch klare Torchancen herauszuspielen.

Mit tatkräftiger Unterstützung des Schiedsrichters gingen die Holländer in der 41. Minute in Führung. Er hatte überraschend auf den Punkt gezeigt, als US-Stürmerstar Altidore nach einem Zweikampf mit Sokratis im Strafraum zu Fall kam. Elm verwandelte den fälligen Strafstoß in den linken Winkel. Mielitz war trotz richtig antizipierter Ecke chancenlos. Die nächste Hiobsbotschaft folgte auf dem Fuß, als Bargfrede in der 42. Minute mit einer Beckenprellung ausgewechselt werden musste. Für ihn kam Felix Kroos ins Spiel und übernahm die Position von Trybull, der auf die 6 rückte. Doch die richtige Antwort gab Werder sofort auf dem Platz. Fritz spielt Pizarro auf der rechten Seite frei, der zog nach innen und scheiterte erneut am Torwart. Den Abpraller schob Ekici mit viel Übersicht aus gut 12 Metern ins kurze Eck ein. Mit einem 1:1 ging es in die Pause.

In der Halbzeit wechselte Alkmaar das komplette Team aus, so dass sich die Bremer elf neuen Spielern gegenüber sahen. Werder kam wach aus der Kabine und erarbeitete sich wenigen Minuten nach Wiederanpfiff einen Eckball. Schmitz brachte diesen auf den lange Pfosten, wo Prödl zum Kopfball hochstieg und zur Führung traf. Der Ball war direkt unter der Latte eingeschlagen, keine Chance für den AZ-Keeper. In der 53. Minute wurde Arnautovic auf dem rechten Flügel geschickt, seine Flanke aus vollem Lauf verfehlte Pizarro aber leider um wenige Zentimeter. 63 Minuten waren gespielt, als Werder doppelt wechselte. Für Fritz kam Boenisch nach einem Jahr und neun Monaten zu seinem Comeback. Für Schmitz betrat Nachwuchsmann Hartherz das Spielfeld. Werder ließ sich nun etwas hinten hineindrängen, ohne dass aber echte Torchancen entstanden.

Tom Trybull

Tom Trybull und Schlussmann Mielitz: Garanten für den Sieg / Bild www.andreasgumz.com

In der 71. Minute durften auch die restlichen Feldspieler von der Bank aufstehen. Für Pizarro, Anautovic und Torschütze Prödl, kamen Thy, Füllkrug und Silvestre. Die erste Aktion der Sturmfraktion „Jugend forscht“ war gleich sehr sehenswert. Füllkrug hatte sich im Zusammenspiel mit Thy in der Mitte durchgesetzt und konnte nur noch mit einem Foul knapp außerhalb des Sechzehners gestoppt werden. Den fälligen Freistoß schoss Silvestre allerdings in den Beleker Abendhimmel. In der 80. Minute gab es erneut einen Freistoß aus gefährlicher Position, etwa 22 Meter zentral vor dem Tor der Holländer. Ekici verfehlte mit einem guten Schuss nur um Zentimeter das Tor. Auf der Gegenseite fiel in der 82. Minute aus dem Nichts fast der Ausgleich. Silvestre spielte einen Katastrophenpass quer vor dem eigenen Sechzehner in die Füße von Boymans, der mutterseelenallein auf Mielitz zulief. Der Werder-Keeper wartete lange und fischte dann den Schuss aus dem unteren Eck. Eine Riesentat!

Werder hatte in der Offensive nun viel Platz und nutzte das auch konsequent aus. Thy und Füllkrug spielten einige gefällige Kombinationen und kamen noch zu einer Reihe (86. Füllkrug, 88. Kroos, 91. und 92. Thy) guter Möglichkeiten. Im Abschluss fehlte leider die nötige Genauigkeit, um den Sack endlich zuzumachen. Es ist unklar, welche Motivation der türkische Schiedsrichter hatte, um handgestoppte 9 Minuten und 58 Sekunden nachspielen zu lassen, aber es brannte trotz dreier lächerlicher Freistöße in guter Position für den AZ nichts mehr an. Werder gewann verdient mit 2:1 und brach den „Fluch von Belek“.

Schaaf an der Seitenlinie

Diskussionen an der Seitenlinie über 10 Minuten Nachspielzeit / Bild www.andreasgumz.com

Analyse

Insgesamt war das Tempo der Partie und der Einsatz der Akteure – für ein Testspiel wohlgemerkt – sehr hoch. Werder begann etwas verhalten, bekam aber mit der Spieldauer den Gegner besser in den Griff. Die Abstimmung in der Defensive klappte heute schon sehr gut, Prödl führte die Abwehrreihe mit klaren Kommandos. Allerdings waren Chancen vor allem in Halbzeit eins doch eher Mangelware. Das körperbetonte Spiel der Holländer war für Ekici eine Nummer zu reboust, häufig wurde der Spielgestalter mit Fouls gestoppt. Im zweiten Durchgang bot die Hintermannschaft des AZ deutlich mehr Räume, die Füllkrug und Thy aber nicht in Zählbares umsetzen konnten.

Es war gut zu sehen, welche „Dinge“ (Zitat Schaaf) im Training geübt und nun im Testbetrieb umgesetzt wurden. Freistöße, Ecken, Defensivverhalten, Spieleröffnung. Alles Punkte, die langsam fruchten. Endlich konnte auch mal wieder ein Treffer nach einer Ecke erzielt werden, hier ist Werder seit langer Zeit sehr ungefährlich. Die Chancen für den AZ über das ganze Spiel gesehen waren wirklich übersichtlich, sodass getrost von einem verdienten Sieg gesprochen werden kann. Auch wenn der AZ Alkmaar zwei verschiedene Mannschaften auf den Platz schickte, war dies ein echter Härtetest und ein erkenntnisreiches Spiel.

Einzelbewertung

Mielitz – Note 2+
Sicher in allen Aktionen und löste viele Situationen spielerisch. Beruhigte auch ab und an das Spiel. Rettete den Sieg mit Riesentat gegen Boymans.

Fritz (bis 63.) – Note 3-
Hinten meist sicher, nach vorne mit einigen guten Pässen, aber ohne sich selbst einzuschalten. Wirkte in Halbzeit zwei platt und ging alsbald vom Feld.

Prödl (bis 71.) – Note 2+
Dirigierte die Abwehr und stand sehr sicher. Machte beim Kopfball alles richtig. Einmal zu weit weg vom Gegenspieler.

Sokratis – Note 1-
Zweikampfstark und kompromisslos im Spiel. Die Gegenspieler sahen kein Land gegen ihn. Leider „verschuldete“ er den Elfmeter zur AZ-Führung, der nicht in die Bewertung eingeht.

Schmitz (bis 63.) – Note 3+
Tolle Ecke zur Führung. Hinten nur einmal überlaufen. Bot sich immer wieder an, wurde aber selten in die Laufwege geschickt. Kam mit Kroos im linken Mittelfeld nicht gut klar.

Bargfrede (bis 42.) – Note 3-
Bis zu seiner Auswechslung unauffällig. Ohne große Fehler im Spielaufbau, aber oft zu weit weg vom Geschehen.

Ignjovski – Note 1-
Kämpfte, biss, rackerte! In Halbzeit zwei mit etwas mehr Platz noch auffälliger. Ging weite Wege und brachte sich immer wieder in das Spiel ein.

Trybull – Note 2-
Im linken Mittelfeld unauffällig, konnte der Aushilfskapitän auf der 6 sein wahres Potenzial zeigen. Sehr gut im direkten Passspiel. Mit nur kleinen Fehlern im Spielaufbau.

Ekici – Note 2
Gute Ideen, überlegter Abschluss zum Ausgleich. Konnte häufig nur mit Fouls gestoppt werden. Hielt ab und zu den Ball zu lang.

Arnautovic (bis 71.) – Note 4-
Viele Ballverluste und ungenaue Pässe. Vergab seine beste Möglichkeit und glänzte auch nur einmal mit toller Vorlage für Pizarro. Konnte seinen Körper nie richtig einsetzen.

Pizarro (bis 71.) – Note 3
Ging weite Wege aber glücklos im Abschluss. Erarbeitete sich Chancen selbst und leitete Angriffe mit ein.

Kroos (ab 42.) – Note 3-
Im linken Mittelfeld überfordert und zu weit weg im Defensivverhalten. Mit ein paar guten Pässen. Schade, dass sein sehenswerter Fernschuss das Ziel knapp verfehlte.

Boenisch (ab 63.) – Note 2-
Gutes Comeback vom „Bouncer“. Kochte hinten alles ab und war nur einmal unaufmerksam. Brachte sich häufig in die Offensive mit ein.

Hartherz (ab 63.) – Note 3
Brauchte 10 Minuten, um sich bei seinem Profidebut im Spiel zurechtzufinden. Blieb meist Zweikampfsieger und machte seine Seite zu. Traute sich auch gegen Ende auch nach vorn.

Füllkrug (ab 71.) – n. z. b.
War sofort im Spiel und kombinierte hervorragend mit Thy. Nutzte seine Chancen leider nicht eiskalt aus. Muss körperlich noch etwas zulegen.

Thy (ab 71.) n. z. b.
Deutete an, dass er großes Spielverständnis und Zug zum Tor hat. Lies aber wieder zu viele Möglichkeiten ungenutzt.

Silvestre (ab 71.) n. z. b.
Häufig zu weit weg vom Gegner. Verursachte beinahe den Ausgleich durch einen Fehlpass vor der Abwehr.

Suboptimales & Anderlecht – Werder in Belek Tag 6

In der Reihe “Werder in Belek” berichtet Gastautor Sebastian Cario täglich in kleinen Notizen aus dem Trainingslager der Bremer.

Am heutigen Morgen trat wie gewohnt um 11:00 Uhr – bis auf die weiterhin verletzten Naldo und Avdic – die komplette Mannschaft auf den Trainingsplatz. Nach ein paar lockeren Aufwärmübungen wurde in drei Gruppen das Kurzpassspiel trainiert. Danach war für den Kader des Testspiels gegen Anderlecht am Nachmittag schon Schluss. So verblieben nur die Nichtnominierten. Neben Vander, Düker, Hartherz, Füllkrug, Thy, Kroos und Boenisch, reihte sich auch überraschend Arnautovic in die Garde der Aussortierten ein.

Arnautovic nicht für Test nominiert

Warum der Österreicher nicht für das Spiel nominiert wurde, zeigte sich bereits nach den ersten 10 Minuten 4 gegen 4 auf Kleinfeld mit Großtor: Der Stürmer war schon völlig aus der Puste und konditionell am Ende. Auch die „aufmunternden Worte“ von Matthias Hönerbach halfen nichts, der Nationalspieler konnte und wollte nicht mehr. Mit „Dann musst Du mal früher ins Bett gehen und mehr schlafen.“ und „Wenn Du krank bist, dann musst Du zum Doc gehen und Dich krankschreiben lassen, hier ist jetzt Training.“ versuchte der Co-Trainer sanften Druck aufzubauen. Was erst nach latenter Lustlosigkeit klingt, entpuppte sich schnell als Erkältung, die ihn die Luft zum Atmen nahm und für reichlich Frustration sorgte. Nach all den positiven Meldungen der letzten Wochen, ist dies ein kleiner Rückschlag, den der Stürmer aber wegstecken sollte. Suboptimal bleibt es trotzdem.

Testspiel gegen Anderlecht

Am Nachmittag um 15:00 Uhr stand dann das Testspiel gegen den RSC Anderlecht an. Schaaf setzte dabei genau auf die Formation, die bereits in den letzten Trainings das A-Team stellte.

Wiese
Fritz – Prödl – Sokratis – Schmitz
Iggy – Bargfrede – Trybull
Ekici
Rosenberg – Pizarro

Einen ausführlichen Spielbericht gibt es hier. Ich möchte mich mehr der Analyse der 1:2 Testspielniederlage widmen.

Kurzzusammenfassung

Markus Rosenberg

Markus Rosenberg mit dem Abschluss zum 1:0 / Bild: Andreas Gumz

Erst nach gut 10 Minuten fanden beide Teams richtig ins Spiel. Werder machte ordentlich Druck und ging nach 33 Minuten verdient in Führung, als Rosenberg nach einem starken Zuspiel von Ekici einnetzte. Vor der Pause hätten die Werderaner die Führung noch deutlicher gestalten müssen, aber Trybull (Fernschuss) und Pizarro (nach Freistoßvariante) scheiterten am guten Keeper der Anderlechter.

Nach der Pause drehte sich das Bild grundlegend und Werder gab die Partie ab der 60. Minute völlig aus der Hand. Nachdem die Belgier schon ein paar Chancen liegenließen, hob Wolf in der 73. Minute das Abseits auf und ermöglichte so den Ausgleich durch Jakowenko. Ein weiterer Angriff über die linke Abwehrseite brachte in der 87. Minute den hochverdienten Siegtreffer. Mit zwischenzeitlich zwei weiteren Aluminiumtreffern der Anderlechter war Werder noch gut bedient, nicht höher verloren zu haben.

Claudio Pizarro

Claudio Pizarro blieb torlos / Bild: Andreas Gumz

Insgesamt war deutlich zu merken, dass ein Mittelfeld mit Marin, Trinks und Wesley defensiv viel zu schwach ist. Bargfrede allein konnte in der 2. HZ die Löcher nicht mehr stopfen, die seine Vorderleute hinterließen. Ein konditioneller Einbruch durch das harte Training – wie so häufig angeführt – war aus meiner Sicht jedenfalls nicht die Ursache für die Niederlage. Die Leistung vor der Pause macht allerdings Hoffnung, dass Werder die Defensive noch stabilisieren kann, auch wenn die Belgier nicht wirklich Ernst machten. Größter Kritikpunkt ist die Spieleröffnung aus der Verteidigung und dem defensiven Mittelfeld. Hier agierte Werder schon vor der Pause nicht sehr gut und in der zweiten Halbzeit war keine Spieleröffnung mehr zu sehen. Des Weiteren ging jede Aktion durch die Mitte, das Flügelspiel ist anscheinend abgeschafft.

Einzelkritik

Tim Wiese – Note 3-
Hielt was zu halten war. Sah schlecht aus, als er einen Freistoß unterschätzte, der vom Gegner gefährlich verlängert wurde und eine gute Gelegenheit ergab. Verwarf sich einmal bei dem Versuch, das Spiel schnell zu machen.

Clemens Fritz – Note 4+
Defensiv stand er 80 Minuten lang sicher, kam aber kaum aus der eigenen Hälfte. Lies sich am Ende ein paar Mal überlaufen. Für einen Leader gab er zu wenige Anweisungen auf dem Platz.

Sebastian Prödl – Note 2-
Räumte viel weg und gab die Kommandos in der Abwehr. Ein paar Mal zu ungeschickt, sodass sich gute Freistoßsituationen ergaben.

Sokratis (bis 68.) – Note 3-
Hatte bis zu seiner Auswechslung die Gegenspieler im Griff. Kleinere Probleme bekam er nur bei hohen Bällen.

Lukas Schmitz (bis 76.) – Note 3
Der aktivere der beiden Außenverteidiger, aber noch immer kein Maicon. Eroberte durch gute Übersicht einige Bälle. Hinten mit nur ganz wenigen Unsicherheiten.

Philipp Bargfrede – Note 4
War sehr aktiv, aber auch mit haarsträubenden Fehlpässen. Räumte im Rückwärtsgang vieles ab. In Halbzeit zwei von seinen Vorderleuten im Stich gelassen.

Alexander Ignjovski (bis 45.) – Note 4
Hatte nur wenige gute Szenen in der Offensive. Lief viel, aber ging nicht mit dem letzten Willen zum Ball. Wirkte angeschlagen und gehemmt.

Tom Trybull (bis 45.) – Note 3-
Schaltete sich immer wieder in die Angriffe mit ein und spielte mit guter Übersicht. Nicht alles gelang, aber der Nachwuchsmann war sehr konzentriert bei der Sache. Könnte die Alternative für den verletzten Hunt werden.

Mehmet Ekici (bis 45.) – Note 2
Gutes Spiel des Türken, dem einige kluge Pässe gelangen. Auch die Freistöße und Ecken kamen gefährlich vor das Tor. Manchmal noch zu behäbig im Umschalten.

Mehmet Ekici

Mehmet Ekici machte ein gutes Spiel / Bild: Andreas Gumz

Markus Rosenberg – Note 2-
Nutzte seine beste Möglichkeit eiskalt aus. Vergab aber eine weitere mit einem zu harmlosen Abschluss, als niemand mitgelaufen war. Könnte noch ein paar Wege mehr gehen und wirkte am Ende sehr platt.

Claudio Pizarro (bis 68.) – Note 3+
Holte sich viele Bälle aus dem Mittelfeld und bot sich immer wieder an. Vergeigte leider seine beste Chance im Spiel.

Wesley (ab 45.) – Note 6
War fünf Minuten lang sehr aktiv, verlor aber danach erst die Übersicht und dann jeden Zweikampf. Kam mit der Spieleröffnung gar nicht klar und spielte nur nach hinten.

Marin (ab 45.) – Note 5-
Wurde von den Belgiern robust abgekocht und ging in der Mitte völlig unter. Hatte immerhin ein paar gute Szenen, aber blieb letztendlich ohne Idee nach vorne.

Wolf (ab 68.) – Note n. z. b.
Hob beim Ausgleich das Abseits auf und sah auch beim zweiten Treffer nicht gut aus.

Trinks (ab 68.) – Note n. z. b.
War nicht zu sehen und hatte kaum Ballkontakte. Kam nie wirklich im Spiel an.

Wagner (ab 68.) – Note n. z. b.
Vergab seine beste Möglichkeit – nachdem er sich gut durchgesetzt hatte – viel zu eigensinnig. Rackerte viel, blieb aber ohne Fortune.

Silvestre (ab 78.) – Note n. z. b.
Der erste Einsatz seit Mai 2011. Spielte routiniert und suchte in der Schlussphase auch mal den Weg nach vorn.

Es bleibt zu hoffen, dass der Test am Mittwoch gegen den starken AZ Alkmaar besser wird.

Und sonst so? Junuzovic soll kurz vor einem Wechsel nach Bremen stehen.

Disclosure: Die Bilder zum Spiel wurden freundlicherweise von Andreas Gumz bereitgestellt. Danke!

Guter Test gegen schwache Toffees

Werder Bremen – FC Everton 1:0

Drei Tage nach dem Pokalaus in Heidenheim hat Werder das letzte Testspiel der Saison gegen den FC Everton 1:0 gewonnen und sich dabei in vielen Bereichen verbessert gezeigt. Es war jedoch auch deutlich zu sehen, dass Everton zehn Tage vor dem Premier-League-Start noch längst nicht in der Verfassung ist, über 90 Minuten hohes Tempo zu gehen.

Nur 30 Minuten auf Augenhöhe

Auf sieben Positionen umgestellt ging Werder mit einer etwas ungewöhnlichen Aufstellung in die Partie: Mertesacker gab sein Comeback in der Startelf, Sokratis rückte auf die Rechtsverteidigerposition und Wesley spielte im defensiven Mittelfeld. Wie schon gegen Heidenheim versuchte Werder, über das Kombinationsspiel in der Mittelfeldraute Torchancen zu erspielen und hatte dabei mäßigen Erfolg. Dies lag zum einen daran, dass Ekici sich weit zurückfallen ließ, um die Angriffe von der Mittellinie aus zu initiieren, weshalb er im offensiven Mittelfeld ein Loch hinterließ. Zum anderen fehlte in den entscheidenden Momenten häufig das Tempo im Spiel. Vor dem Strafraum wurde nicht schnell genug verschoben, um Löcher in die Defensive der Toffees zu reißen. Everton hatte ein paar gute Szenen, in denen das aufgerückte Bremer Mittelfeld schnell überwunden wurde und mit Tempo über die Außen angegriffen wurde.

Nach einer halben Stunde wurde Werder stärker, brachte immer wieder Wagner im Strafraum ins Spiel. Das 1:0 zog Everton bereits den Zahn, was gegen einen Gegner, der nicht mehr in der Vorbereitung steckt, kaum möglich sein dürfte. In der zweiten Halbzeit kombinierte Werder flüssiger durchs Mittelfeld. Everton setzte Werder bis 30 Meter vor dem Tor fast gar nicht mehr unter Druck und hatte keine wirkliche Chance, ins Spiel zurück zu kommen. Trotz zahlreicher Wechsel blieb Werder dem bekannten Kombinationsspiel treu und hielt Everton auf Distanz ohne wirklich auf das 2:0 zu drängen. Am Ende war es ein ungefährdeter und hochverdienter Sieg, bei dem Everton nur 30 Minuten auf Augenhöhe agierte.

Kombinationsfußball in Torchancen umwandeln

Dass Werder anspruchsvollen Kombinationsfußball spielen kann, ist nicht neu. Problematisch wird es jedoch, gegen tief stehende Gegner auf diese Weise Torchancen herauszuspielen. Dies war selbst gegen passive Engländer in der zweiten Halbzeit ein Manko und wird in der Bundesliga sicher zur – von den bekannten Problemen in der Defensive abgesehen – schwierigsten Aufgabe für Thomas Schaaf werden.

Einige positive Dinge lassen sich für Werder aus diesem Spiel mitnehmen: Das Team wirkt gerade im Vergleich zur letzten Saison homogener und auf eine Spielidee eingestellt (ob diese so funktionieren wird, ist eine andere Sache), Per Mertesacker gab ein erstaunlich gutes Comeback und zeitweise lief der Ball auch bei erhöhtem Tempo flüssig durch die eigenen Reihen.

Bloß den Saisonstart nicht verpatzen

Das Spiel war keine Wiedergutmachung für das Pokalaus, sondern eine gelungene Vorbereitung auf das Spiel gegen Kaiserslautern. Vom Start in die Bundesliga wird vieles abhängen, vor allem psychologisch. Bei einer Auftaktpleite im eigenen Stadion brennt der Baum in Bremen schon Anfang August wieder so lichterloh, wie im vergangenen Frühjahr. Mit ein paar Siegen in den ersten Wochen könnte man sich dagegen die Ruhe in Umfeld und Team verschaffen, die man für den angestrebten Neuanfang braucht.

Quatsch mit Sosa

Sommerpause, Nach-WM-Kater, Vorbereitungszeit. Alles irgendwie nicht schön für den gemeinen Fußballfan, der nach seiner wöchentlichen Dosis lechzt. Aus diesem Grund gibt es Wettbewerbe wie den LIGA total!™ Cup©®. Testspiele sind für die Saisonvorbereitung natürlich wichtig und da ist es doch umso schöner, wenn man ein paar namhafte Teams gegeneinander antreten lässt. Ich muss auch ehrlich zugeben, dass mit ein Spiel gegen Schalke oder Bayern besser gefallen würde, als eine 1:2-Testspielniederlage gegen Szombathelyi Haladás. Trotzdem machen die von Sat.1 übertragenen Spiele des besagten sog. Blitzturniers vielmehr deutlich, was mir momentan fehlt, als dass sie diese Lücke zumindest ansatzweise ausfüllen. Als Ersatzdroge verfehlen sie eindeutig ihren Zweck.

Bayerntrainer Louis van Gaal würde sicherlich auch lieber auf das Turnier verzichten, als mit einem Team ohne die urlaubenden WM-Teilnehmer für ein paar Extraeinnahmen zwei halbwegs von der Öffentlichkeit beachtete Spiele auszutragen. Ein ernsthafter sportlicher Test ist es jedenfalls nicht. Wenigstens bleiben den Bundesligateams die Strapazen einer Nordamerika- oder Asienreise aus Vermarktungsgründen erspart, die englische und spanische Spitzenvereine in der Sommerpause durchmachen.

Normalerweise lassen sich solche Nicht-Events ganz einfach ignorieren, aber der Mangel an echtem Fußball verändert auf Dauer die Wahrnehmung. Deshalb: Schluss mit dem Vorgeplänkel, ich möchte Bundesliga, Pokal, CL-Quali!

Vier-Dri-Dri

Werder Bremen – Racing Santander 3:1

Das sieht langsam schon ganz gut aus. Für mich die spannendste Frage: Ist das 4-3-3 als ernsthafte Alternative vorgesehen, falls Özil gehen sollte? Und falls ja, wird die Angriffsreihe tatsächlich so offensiv besetzt sein? Almeida als Außenstürmer, das kann ich mir noch nicht so recht vorstellen, auch wenn er am Sonntag einen ganz guten Job gemacht hat. Arnautovic scheint die Position dagegen sehr zu liegen und deshalb könnte ich mir das System inzwischen zumindest als Ausweichtaktik gut vorstellen: Zwei Sechser und davor ein zentraler Spielgestalter (wenn Özil geht Hunt, Borowski oder eventuell Wesley) im Mittelfeld. Arnautovic mit vielen Freiheiten auf rechts und links könnte man je nach Gegner einen echten Stürmer oder Marko Marin einsetzen. Von unserem momentanen Kader könnte sicherlich auch Marin (oder Arnautovic?) in einem 4-2-3-1 zentral hinter Pizarro spielen, aber gerade bei Marin sehe ich da noch einige Defizite in der Spielgestaltung.

Das größte Problem bei einem 4-3-3: Werder müsste die Spielweise deutlich umstellen. Bislang dienen die Flügel eher als Ausweg, wenn der Weg durch die Mitte versperrt ist. Ohne einen offensiven Spielmacher hinter der Spitze müssten die Bälle viel konsequenter auf die Außenstürmer gespielt werden, damit diese für Torgefahr sorgen können. Falls die Umstellung gelingt (sofern sie denn wirklich geplant ist) könnte Arnautovic genau der Spieler sein, der uns für dieses System bislang gefehlt hat.

Schaaf ist in puncto Formation inzwischen viel pragmatischer geworden, das hat gerade die letzte Saison gezeigt. Vor vier Jahren äußerte er sich bei einem Vortrag zur WM 2006 noch sehr abfällig über den “neuen Trend 4-2-3-1″. Letztlich wird er die Mannschaft wieder nach den individuellen Stärken seiner favorisierten Spieler zusammenstellen und für die Beobachter, die von 4-4-2, 4-3-3, Raute oder Quadrat sprechen, nur ein müdes Lächeln übrig haben.

Quadratur der Raute

VfL Wolfsburg – Werder Bremen 1:2

Der erste ernsthaftere Test der noch jungen Saison ist geglückt: Werder gewinnt mit 2:1 beim Deutschen Meister VfL Wolfsburg den (inoffiziellen) Volkswagen Supercup. Das Spiel hatte nur wenig Aussagekraft, was das Kräfteverhältnis der beiden Mannschaften angeht. Noch stehen die Trainingsarbeit und die Komplettierung des Kaders im Vordergrund. Allerdings war schon zu erkennen, dass beide Trainer den Test durchaus nicht auf die leichte Schulter nahmen.

Ich habe versucht, während des Spiels verstärkt auf Werders neues System zu achten. Das Tempo des Spiels war nicht hoch genug, um dabei stichfeste Erkenntnisse zu gewinnen. Doch trotz des Testspielcharakters gibt es zwei Dinge, die mir aufgefallen sind:

1. Das Mittelfeld. Bei gegnerischem Ballbesitz formierte sich das Bremer Mittelfeld zu einer Viererkette (auch "flache Vier" genannt). Somit stand man in einem klassischen 4-4-2 System, das so von vielen Mannschaften auf der Welt gespielt wird. Bei eigenem Ballbesitz agierte man jedoch wie in der Vergangenheit sehr flexibel, tauschte munter Positionen und versuchte so, Lücken in die Defensive des Gegners zu reißen. Der große Unterschied zu früher ist dabei das Fehlen einer zentralen Anspielposition, wie Diego sie bis vor kurzem ausgefüllt hat. Die beiden offensiven Außen zogen immer wieder in die Mitte, so dass die Bezeichnung "Quadrat" für Werders Mittelfeldsystem nicht ganz abwägig ist. Ich frage mich jedoch, ob Werders Mittelfeld das Umschalten von frei formierter Offensive auf defensive Viererkette auch bei hohem Tempo schafft. Die taktische Disziplin offensiv gepolter Spieler wie Mesut Özil oder Marko Marin wird hier sicher stark gefordert sein.

2. Der Angriff. Gestern standen Marcelo Moreno und Boubacar Sanago in der Starformation. Moreno zeigte einige gute Ansätze. Technisch spielt er auf hohem Niveau, doch seine Abschlüsse waren noch etwas überhastet. Dies trifft bei Sanogo auf dessen gesamtes Spiel zu. Es war deutlich zu merken, dass er hoch motiviert ins Spiel ging und seine Kritiker von sich überzeugen wollte. Leider führte dies nur selten zu durchdachten Aktionen. Dennoch kann sich Sanogo mit dieser Einstellung (sofern er sie denn längere Zeit aufrecht erhalten kann) wieder zu einem Spieler entwickeln, der Werder weiterhelfen kann. Da in der kommenden Saison vermutlich kein Spieler zentral hinter den Spitzen agieren wird, sind die Stürmer noch mehr gefordert, sich häufig ins Mittelfeld zurückfallen zu lassen uns selbst Chancen mit einzuleiten. Sanogo und Hugo Almeida können dabei vor allem hohe Bälle verwerten und für ihre Mitspieler ablegen. Moreno macht auf mich den Eindruck, als könne er hier auch spielerisch Akzente setzen. Leider sehe ich diese Potential (abgesehen von – mit Abstrichen – Almeida) sonst bei keinem anderen der Kandidaten. Aus spielerischer Sicht wäre eine Rückkehr Pizarros deshalb umso wichtiger.

Langsam steigt bei mir endlich die Vorfreude auf die neue Saison.

Ruhe ist die beste Disziplin

Werder – Lech Posen 3:2

Das Thema Disziplin wird bei Werder seit geraumer Zeit immer wieder angesprochen. Bereits vor einem Jahr wurde die Disziplin innerhalb des Teams in Frage gestellt, als es vor allem um Carlos Alberto immer wieder zu Zwischenfällen kam. Auch nachdem der "Problemfall" Alberto nach Brasilien abgeschoben wurde, wurde es nicht ruhiger: Reihenweise rote Karten (6 in der letzten Saison und 3 weitere in dieser Hinrunde), das Theater um Diegos Olympia-Teilnahme, Verspätungen im Training (Diego) und zum Spiel (Almeida), um nur einige Beispiele zu nennen. Ist Werder Bremen im Jahr 2009 ein "Sauhaufen"?

Werders Führung verneint das, obwohl sie selbst die Disziplin des Teams zu Beginn der Vorbereitung auf die Rückrunde zum Thema gemacht hat. Man muss vermutlich wirklich trennen, zwischen der Disziplin auf und der neben dem Platz. Es gibt in der Geschichte des Fußballs unzählige Geschichten scheinbar disziplinloser Mannschaften, die – sobald sie auf dem Platz standen – eine eingeschworene und charakterstarke Truppe bildeten. Vermutlich kennt jeder, der mal aktiv Fußball gespielt hat, Geschichten von Spielern, die regelmäßig das Training schwänzten oder am Spieltag mit einem Alkoholpegel von George Best'schem Ausmaß antanzten – und dann im Spiel trotzdem die Besten auf dem Platz waren.

Im Profibereich lassen sich solche Verfehlungen nicht so einfach kompensieren, doch auch hier gibt es ähnliche Beispiele. Man kann also nicht unbedingt von einem Zusammenhang zwischen den Verfehlungen neben und den Leistungen auf dem Platz ausgehen. Zumindest nicht, wenn es um relativ harmlose Dinge wie Verspätungen beim Training geht.

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