Kategorie-Archiv: Überflüssiges Gedankengut

10 Zeilen, die 7 Gegentore schrieben*

Es drohte schon vorher: Debakel!
„Zweistellig!“ unkt das Orakel.
Man hoffte auf Xaver,
Und den langen Hafer,
Doch spielte der Gast ohne Makel.

Ein Abgesang nach sieben Toren
der Bayern, historisch verloren!
Die Kurve: verstummt.
Der Glühwein: verdummt.
Und quillt später aus allen Poren.

* Das Ergebnis des Projekts: “Nach Glühweingenuss den inneren Kamke entdecken”

Berlusconi, Provenzane und Danish Dynamite (1)

Statt Vorschau auf das Spiel gegen Freiburg gibt es heute ein wenig Prosa: Eine Reiseerzählung, die nur bedingt – bzw. im ersten Kapitel gar nicht – mit Fußball zu tun hat.

Kapitel 1: Die Überfahrt

Es schaukelt. Ein langsames, beständiges und überaus starkes Schaukeln. Das Schiff bewegt sich in großen Wogen vor und zurück, vor und wieder zurück. Es ist ein Katamaran der Fährgesellschaft Virtu Ferries, die eine tägliche Verbindung zwischen Malta und Sizilien anbietet. Wir befinden uns erst wenige Kilometer vor der maltesischen Küste. Mir ist schlecht und ich bin alleine.

Ab halb fünf saßen wir im Warteraum des Virtu Ferries Terminals an der Valetta Waterfront. Wir waren die ersten dort. Teutonische Pünktlichkeit einer Amerikanerin, eines Dänen, eines Sizilianers und eines eigentlich eher unpünktlichen Deutschen. Katie, Michael, Valerio und ich hatten uns im Jahr zuvor beim Studium in Malta kennengelernt und waren nun zusammen auf dem Weg nach Sizilien. Die Fähre war der kostengünstigste Weg dorthin. Valerio hatte uns bereits vorgewarnt, dass die Fähre um diese Zeit sehr voll werden würde.

Da wir alle keine ausgeprägten Frühaufsteher waren, hatten wir gar nicht erst versucht, zu so früher Stunde aufzustehen, sondern waren gleich wachgeblieben. Entsprechend müde sanken wir in der Wartehalle in unsere Sitze. Während sich der Raum langsam mit Menschen füllte, konnten wir kaum noch unsere Augen offen halten. Wir bemerkten zunächst auch nicht, dass sich aus dem Menschenpulk im Warteraum nach und nach eine Schlange gebildet hatte. So mussten wir uns weit hinten anstellen und nach dem Öffnen der Zugangstüren noch eine ganze Weile warten.

Als wir um kurz vor Sechs endlich an Bord der Fähre gingen, war der Innenraum bereits gut gefüllt. Die Sitzreihen waren wie im Flugzeug angeordnet. Ein Block links, einer rechts und einer in der Mitte, getrennt durch zwei schmale Gänge. In den Sitzreihen waren nur noch Einzelplätze frei, auf die wir uns verteilen mussten, denn das Stehen war während der Überfahrt verboten; und das – wie wir bald rausfinden sollten – aus gutem Grund. Wir trennten uns also und ich suchte mir einen freien Platz. Im Getümmel verlor ich schnell den Überblick und bald auch meine Begleiter aus den Augen.

Hier sitze ich nun also, in der Mitte einer Dreierreihe. Rechts und links flankiert von zwei Männern, die mich keines Blickes würdigen. Ein älterer, korpulenter Herr im feinen Seidenanzug und ein jüngerer Mann um die 30, der einen ziemlich genervten Eindruck macht. Es ist genau die Umgebung, in der man sich befinden möchte, wenn man sich übergibt. Sich auf nüchternen Magen zu übergeben, ist schon schlimm genug. Es auch noch vor diesem Publikum tun zu müssen, ist der Tiefpunkt meines persönlichen Wohlbefindens. Ungerührt glotzen meine Sitznachbarn in der Gegend herum, während ich mir die Seele aus dem Leib kotze.

Auf den Gängen hasten die Schiffsbegleiter von Reihe zu Reihe. Sie haben während der Überfahrt einzig und allein zwei Aufgaben: Volle Spucktüten einsammeln und leere Spucktüten austeilen. Es ist ein Festival der Kotzerei. Rings um mich herum wird gespuckt, gekeucht und gereihert, sodass die Geräusche der peitschenden Wellen, die an die Seitenwände des Katamarans schlagen, kaum noch zu hören sind. Die Luft füllt sich mit einer Geruchsmischung aus Magensäure und Meeresbrise, wobei der säuerlich-beißende Geruch deutlich überwiegt. Es gibt mir ein Gefühl der Normalität und es ist ungemein tröstend, dass es einem großen Teil der anderen Passagiere nicht besser ergeht als mir. Ein kurzer Blick zur Seite bestätigt meine Annahme, dass ein gutes Drittel der Schiffsinsassen über braune Papiertüte gebeugt sitzen und ihre Gesichter einen grünlichen Teint annehmen. Die anderen beiden Drittel müssen Mägen aus Leder haben.

Ich versuche mich umzudrehen, um zu sehen, wie es Katie geht. Sie sitzt einige Reihen hinter mir, doch ich kann sie auf den ersten Blick nicht erkennen. Für einen zweiten Blick reicht es nicht. Mit einer hektischen Bewegung drehe ich mich zurück und ein weiterer Schub Magensäure landet in meiner Spucktüte. Es ist wohl keine gute Idee, sich noch mal umzudrehen, denke ich mir, während ich einen Blick auf die gelbliche Flüssigkeit in der Tüte werfe. Da muss sie nun wohl alleine durch, so wie ich. An Bord dieser Fähre ist jeder auf sich allein gestellt. Ein Drittel kotzt und zwei Drittel gucken blöd in der Gegend rum. Eine Art goldener Schnitt.

Da ich in meinem Leben zuvor noch nie seekrank war, habe ich mir vor der Überfahrt keine großen Gedanken darüber gemacht. Mittelmeer, Fähre, Frühling – was soll da schon schiefgehen? Ein Königreich für eine Reisetablette, für die es nun jedoch schon längst zu spät ist. Bereits eine Viertelstunde nach Abfahrt regte sich mein Magen und ich konnte dessen spärlichen Inhalt nur wenige weitere Minuten in mir halten. Das Treiben um mich herum nimmt immer absurdere Züge an. Einige Passagiere machen den Fehler aufzustehen, um auf die Toilette zu gehen und sich dort in der Privatsphäre vier dünner Wände ein wenig würdevoller zu übergeben. Das Schaukeln des Schiffes macht diesen Gang jedoch zu einem nahezu unüberwindbaren Hindernisparkours. Die mittlerweile weichen Knie tun das übrige und so kommen immer wieder Menschen auf die Sitzreihen zugestürzt und halten sich mit etwas Glück noch an einer Kopfstütze fest, bevor sie unsanft auf dem Schoß eines anderen Passagiers Platz nehmen. Eine Frau hat weniger Glück. Sie verliert kurz vor dem Ziel das Gleichgewicht und fällt wenige Meter vor der Toilette auf den Boden, wo sie sich vor Lauter Schreck direkt wieder übergeben muss. Selbst der herbeigeeilte Steward kann nicht mehr verhindern, dass sie in Tränen ausbricht.

“Was mache ich hier eigentlich?” denke ich mir. “Warum fahre ich mit diesem Höllenschiff durchs Mittelmeer auf die Mafiainsel Sizilien? Ich muss doch völlig bescheuert sein.” Es sind die Gedanken eines fatalistisch gestimmten Wracks, das seit nunmehr einer Stunde nicht aufhören kann, sich zu übergeben. Den Ausflug nach Sizilien hatten wir von langer Hand geplant. Seitdem ich mein Auslandssemester an der University of Malta im Februar beendet hatte und wieder zurück in meiner Heimat Bremen war, wollte ich zurück auf die kleine Mittelmeerinsel, was nicht nur an der Tatsache lag, dass meine amerikanische Freundin Katie dort noch ein weiteres Semester lang studierte, um ihren Master-Abschluss zu machen. Ich vermisste auch das kleine Land und dessen ganz eigenen Charme. In meinem halben Jahr, das ich dort verbracht hatte, entwickelte ich eine gesunde Hassliebe zu Malta und den Maltesern. Die Widersprüchlichkeiten, die hier auf engstem Raum gelebt wurden, hatten mich in ihren Bann gezogen.

Da ist auf der einen Seite die familiäre Spießigkeit und die Allgegenwärtigkeit der katholischen Kirche mit ihren 365 Gotteshäusern („one church for each day of the year“). Auf der anderen Seite gibt es die Partyhochburg Paceville, von den Maltesern auch Sin City genannt, in der nicht nur für die Touristen die Nacht zum Tag wird und die Röcke der Frauen selten länger sind, als bei uns ein handelsüblicher Gürtel breit. Solange das Mädchen am Sonntagmorgen mit ihrer Familie züchtig gekleidet in die Kirche geht, gibt es keine Probleme. Die Natur hat wegen der heißen und langen Sommer kaum eine Chance auf der felsigen und besonders im Norden dicht besiedelten Insel – von Katie in einer schlechten Stunde mal als „fucking piece of rock in the middle of nowhere“ bezeichnet. Lediglich in den ersten Frühlingsmonaten sprießt es hie und da grün hervor, bevor die sengende Maisonne die Triebe wieder verdorren lässt. Kulturell hat Malta dafür umso mehr zu bieten. Durch die ständig wechselnden Besatzungsmächte haben die unterschiedlichsten Kulturen ihre Spuren hinterlassen, was sich nicht zuletzt in der maltesischen Sprache, einem Gemisch aus Arabisch und Italienisch mit französischen und englischen Anleihen, widerspiegelt. Die Jahrhunderte unter fremder Bevormundung sind auch an der Bevölkerung nicht spurlos vorübergegangen. Immer wieder wurde Malta als Bastion im Mittelmeer erobert und zurückerobert, zudem im zweiten Weltkrieg heftig von den Deutschen bombardiert. Seit der Unabhängigkeit vom britischen Empire verteidigen die Malteser ihre Freiheit vehement und so verwundert es nicht, dass gerade die ältere Bevölkerung den EU-Beitritt ihres Landes mit sehr kritischen Blicken beäugt.

Einen zweiwöchigen Besuch bei Katie hatte ich im April also eingeplant. Endlich die Gelegenheit, den immer wieder aufgeschobenen Ausflug nach Sizilien nachzuholen, den wir trotz verhältnismäßig viel Freizeit während des Wintersemesters nicht geschafft hatten. Ein paar Tage nach Capo D‘Orlando, der Heimat meiner beiden sizilianischen Mitbewohner aus Apartment 104 in der University Residence, einem Studentenwohnheim extra für ausländische Gaststudenten, das jedem Besucher auf den ersten Blick die Sprache verschlug. Abgesehen von der Renovierungsbedürftigkeit der Apartments und den maßlos überteuerten Mietpreisen erinnerte die ehemalige Hotelanlage mit dem Swimmingpool in der Mitte nun wirklich nicht an eine Behausung für wissbegierige Studenten, sondern eher an ein Urlaubsmekka für Sonnenanbeter, was kein Widerspruch sein muss: Anfang Oktober bei aus mitteleuropäischer Sicht hochsommerlichen Temperaturen am Pool liegen und dort ab und an in die Unibücher schauen, so kann man durchaus studieren. Erst hier verstand ich, warum die Balkone der Wohnungen des grauen Studentenwohnblocks auf dem Boulevard der Uni Bremen mit Gittern abgesichert sind. Hätte man einem der dortigen Bewohner Bilder der University Residence gezeigt, sie hätten sich ohne zu zögern aus dem Fenster gestürzt.

In Sizilien will ich mir auch einen lange gehegten Traum erfüllen: Einmal nach Corleone, die reale Mafiahochburg und fiktionale Heimat des Paten aus dem gleichnamigen Buch und Film. Schon ewig bin ich Fan von Mafiafilmen und -geschichten gewesen. Der Pate, Goodfellas, Once Upon a Time in America, Casino, The Sopranos – ich kenne sie alle in und auswendig. Doch auch die reale Geschichte der Mafia interessiert mich. Sizilien, die Heimat der Cosa Nostra, übt schon lange einen besonderen Reiz auf mich aus. Hier hat der berühmte Richter Giovanni Falcone gewirkt und hunderte Mafiosi hinter Gitter gebracht. Hier wurden er und wenig später auch sein Kollege Paolo Borsellino 1992 aus Rache ermordet. Ich bin fasziniert von Sizilien und will mir die Gelegenheit nicht noch einmal entgehen lassen, die nördlich von Malta gelegene Insel zu besuchen. Was sind da schon ein paar Stunden quälender Übelkeit?

Nach schier endlosen zweieinhalb Stunden auf hoher See tauchen an den Bullaugen die ersten Spuren des Festlands auf und der Katamaran wird langsamer. Beton und Menschen zu beiden Seiten. Wir erreichen den Hafen von Catania. Das Schaukeln hat nun fast aufgehört und mein Magen zeigt erste Anzeichen von Erleichterung. Ich schaue irritiert umher. Der genervte junge Mann rechts neben mir bietet mir einen Kaugummi an. Voller Freude, das Schiff ohne den Geschmack von Erbrochenem im Mund verlassen zu können, nehme ich an. Durch das Kauen beginnt mein leergepumpter Magen wieder zu arbeiten. Die geschundenen Magenschleimhäute rebellieren. Unter leichten Magenkrämpfen stehe ich auf und gehe in Richtung Ausgang des Schiffs. Wo sind die anderen? Vor lauter Freude über das Ende der Überfahrt habe ich völlig die Orientierung verloren. Wo ist Valerio? Wo ist Michael? Und vor allem: Wo ist Katie?

Beim Verlassen der Fähre holen Michael und Katie mich ein. Michael sieht etwas müde aus, doch ansonsten macht er einen guten Eindruck. Ihm hat das Schaukeln offenbar nicht viel ausgemacht. Ganz anders die arme Katie. Sie hat eine ähnlich blaßgrüne Gesichtsfarbe wie ich und sieht fürchterlich aus. Ich möchte sie tröstend umarmen, doch sie weist mich von sich. „Please“, sagt sie, und ich bin mir nicht sicher, ob es ihr eigener oder mein Zustand ist, der sie auf Abstand zu mir hält. Wahrscheinlich beides, denke ich mir, während wir langsam über die Brücke aufs Pier gehen. Katie ist Amerikanerin aus dem Bundesstaat Minnesota. Viel weiter entfernt von den Meeresküsten kann man auf dem nordamerikanischen Kontinent kaum wohnen. Dennoch überrascht mich ihre Seekrankheit ein wenig, denn schließlich ist Minnesota das „Land of the 10,000 Lakes“, wo ein See neben dem anderen liegt. Katie ist passionierte Seglerin, doch auf Binnengewässern ist das eine gänzlich andere Angelegenheit. Die Wogen des Meeres ist sie noch weniger gewohnt als ich, der immerhin in einer Hafenstand in Reichweite der Nordsee aufgewachsen ist. In diesem Moment fühle ich mich ihr trotzdem sehr nah, denn was kann verbindender sein, als eine frühmorgendliche, magenentleerende Seekrankheit?

Am Pier steht Valerio und wartet mit schwer zu verbergendem Lachen auf uns. Er hat auf der Fähre weiter vorne gesessen und sich schon einige Minuten vor uns von Bord des Schiffs gekämpft. „How was your trip?“ fragt er mit halb mitleidigem, halb schadenfrohem Blick. Er ist die Strecke schon häufiger gefahren und ihm konnte das bisschen Schaukelei nichts anhaben. Vor Beginn der Fahrt hat er uns gefragt, ob wir schnell seekrank werden, was wir alle drei empört verneinten. Auf die von ihm angebotenen Reisetabletten verzichteten wir dankend. Nun versprüht jede Faser seines Körpers ein „I told you so!“, doch er kann sich einen Kommentar dazu verkneifen: “Kommt, wir gehen zum Busbahnhof und jetzt sind wir ja wieder auf dem Festland.” Valerio deutet mit der Hand in die Richtung, in der seiner Meinung nach der Busbahnhof von Catania liegen soll.

Wir gehen los. Inzwischen haben auch bei Katie die Magenkrämpfe eingesetzt. Ob wir nicht zuerst etwas frühstücken können, fragen Katie und ich fast zeit- und wortgleich. “Wir können ja unterwegs mal schauen, wo es etwas gibt”, schlägt Valerio vor. Es klingt wie ein leeres Versprechen. Michael ist verhältnismäßig wortkarg, als wir das Pier entlang laufen. Die Müdigkeit hat ihn noch fest im Griff. Michael ist ein Däne polnischer Abstammung, der in England studiert hat und fast perfekt Englisch spricht. Er ist einer der wenigen verbliebenen Residence-Bewohner aus dem Wintersemester und und absolviert den gleichen Studiengang wie Katie. Dennoch ist es eher Zufall, dass er uns auf unserem Trip begleitet. Sein Flug in die Heimat, wo er die Osterferien verbringen will, geht von Palermo aus. Auf diese Weise kann er Geld und einen Zwischenstopp in Rom sparen und gleichzeitig noch ein paar schöne Tage auf Sizilien verbringen. Am Ende würden Katie, Valerio und ich ihn zum Flughafen bringen und am nächsten Tag mit der Fähre wieder zurück nach Malta fahren. Oh, diese verdammte Fähre! Auf dieses Schiff bekommen mich keine zehn Pferde mehr. Lieber würde ich auf Sizilien sterben, als mich noch einmal diesem Katamaran und den Wellen des Mittelmeeres auszusetzen.

Den Gedanken an die Rückfahrt verwerfe ich gleich wieder. Zunächst gilt meine Aufmerksamkeit ganz der Nahrungssuche. Am Hafen von Catania ist dies keine ganz einfache Angelegenheit. Es ist wenig zu sehen von betriebsamer Hektik oder überhaupt irgendeiner Form von Arbeit, die man um diese Tageszeit – inzwischen ist es neun Uhr morgens – an einem Hafen erwarten würde. Kaum eine Menschenseele, lediglich suchend umherblickende Touristen und geraden Schrittes nach Hause eilende Einheimische strömen von der Fähre aus in Richtung Stadt. Nur ab und an kommen wir an einem Hafenarbeiter vorbei. Katie muss auf die Toilette. Valerio fragt einen der Arbeiter nach dem Weg. Er deutet im Vorbeigehen grob in eine Richtung und verliert nicht viele Worte. Gut, sagt Valerio, dort drüben ist ein Lokal. Endlich eine Toilette, endlich Frühstück! Voller Vorfreude spazieren wir auf das Gebäude zu, das wir nun schon deutlich als eine Art Geschäft oder Café erkennen können. Mein Magen tut einen kleinen, schmerzhaften Freudensprung.

Als wir den Laden betreten entpuppt er sich als eine Art Quickshop. Hinter einem Tresen steht ein junger Mann, der Kaffee kocht und sich nicht weiter um uns kümmert. Katie hastet sofort zur Toilette. Wir schauen uns im Laden um und merken schnell, dass es hier kein genießbares Frühstück für uns gibt. Hinter einer Glasscheibe liegen einige undefinierbare Gebäckstücke, die sich bei näherer Betrachtung als eine Art Sandwiches entpuppen, die ihre besten Tagen eindeutig schon hinter sich haben. Vorsichtig fragt Valerio, ob es noch etwas anderes zu essen gäbe, worauf ihm der junge Mann entgegnet: „Erst heute Mittag.“ Valerio bestellt für sich einen Kaffee, schon alleine um den missmutigen Blicken der Hafenarbeiter ein wenig zu entgehen, die Kaffee schlürfend in den Ecken des Ladens stehen und ihre lebhafte Unterhaltung unterbrochen haben, als wir den Laden betraten. Eine beklemmende Atmosphäre, denn wir stehen nun eindeutig im Mittelpunkt des Interesses und wissen nicht wie wir uns verhalten sollen. Nur dem jungen Mann hinterm Tresen scheinen wir egal zu sein. Valerio fragt uns, ob wir auch etwas wollen und blickt uns erwartungsfroh an. Wir wollen nicht. Wenn es etwas gibt, das meinen Magen nun noch mehr durcheinanderbringen könnte, dann ist es ganz sicher Kaffee. Wir warten, bis Katie von der Toilette zurückkommt, Valerio trinkt unterdessen seinen Kaffee hastig aus und wir verlassen das Geschäft unter übertriebenen Dankesgesten.

Der Weg zum Busbahnhof erweist sich als länger als gedacht, was vor allem daran liegt, dass Valerio ihn nicht kennt und wir uns hoffnungslos verlaufen. Nach etwa 10 Minuten Fußweg fragt Valerio den ersten Einheimischen nach dem Weg. Ob er denn nicht schon häufiger mit der Fähre gefahren sei, fragt ihn Katie, als wir in die angewiesene Richtung losmarschieren, die zufälligerweise mit der Richtung identisch ist, aus der wir gekommen sind. Doch, doch, schon, sagt Valerio, aber nicht so oft, meistens sei er über Pozzallo gefahren und er habe sich den Weg nun mal nicht genau eingeprägt. Aber nun seien wir ja schließlich auf dem richtigen Weg. An der nächsten Weggabelung blickt uns Valerio fragend an, so als ob er von uns, die wir alle kein Italienisch sprechen und noch nie in Catania waren, eine Orientierungshilfe erwartet. Er fragt schließlich einen weiteren Einheimischen, der sofort ein fünfminütiges Gespräch mit ihm beginnt, bei dem beide gleichzeitig zu sprechen scheinen und man schließlich noch im Reden und Gestikulieren auseinandergeht. “Hier lang”, sagt Valerio und deutet nach rechts. Wir gehen weiter. Ob wir denn nicht den Bus verpassen, frage ich vorsichtig, doch Valerio beschwichtigt mich sofort. “Keine Sorge, wir haben genug Zeit.” – “Und worüber hast du dich mit dem Mann dort unterhalten?” – “Na, ich habe ihn nach dem Weg gefragt.” – “Sonst nichts?” – “Nein. Oh, wir haben uns kurz über Politik und die anstehenden Wahlen unterhalten. Berlusconi, pezzo di merda!”

Halb verhungert erblicken wir nach nur wenigen weiteren Wegbeschreibungen und Diskussionen mit Einheimischen den Busbahnhof von Catania. Wie eine Fatamorgana erscheint er am Horizont, als wir um die letzte Straßenecke biegen. Auf der anderen Straßenseite erblicken wir aber noch etwas anderes, das uns ungleich mehr freut, als der Anblick der Busse: Eine Bäckerei! Valerio begleitet uns auf dem Weg dorthin und schwärmt von den Panini, die wir hier unbedingt probieren müssten. Es scheint, als käme die Erinnerung gerade erst zu ihm zurück, wie ihm Catania überhaupt immer abwechselnd fremd und vertraut vorzukommen scheint. Diese Bäckerei jedenfalls, die sei eine der besten auf der ganzen Insel. Hier könne man sich seine Panini nach Wunsch zusammenstellen lassen und dabei kaum etwas falsch machen, denn es schmecke einfach alles ganz wunderbar. Wir vertrauen seinem fachmännischem Urteil und werden nicht enttäuscht. Es mag zum Teil an unseren geschundenen und ausgehungerten Mägen gelegen haben, aber die Panini waren wirklich großartig. Frisch gebackenes Brot, luftgetrockneter Schinken, würziger Käse und Oliven. Ich war im siebten Frühstückshimmel. Ein Blick in Katies Gesicht reicht mir, um zu sehen, dass es ihr genauso geht. Unsere Qualen haben sich also doch gelohnt!

Frisch gestärkt erreichen wir den Busbahnhof. Der Busverkehr auf Sizilien unterscheidet sich grundlegend vom maltesischen Busverkehr. Auf beiden Inseln sind die Busse zuverlässig, nur auf völlig andere Art und Weise als in Deutschland. Die maltesischen Busse sind ausrangierte britische Modelle aus den 1960er und 70er Jahren. Sie versprühen einen ganz eigenen Charme, funktionieren jedoch einwandfrei. Dies liegt an der gründlichen Pflege seitens ihrer Fahrer. Viele maltesische Busfahrer sind gleichzeitig Eigentümer ihres Fahrzeugs, weshalb sie besonders fürsorglich darauf achten, dass dieses unversehrt bleibt. Ohne fahrtüchtigen Bus ist der Fahrer nicht mehr in der Lage seinen Lebensunterhalt zu verdienen, denn er bezieht kein Gehalt, sondern lebt von den Einnahmen aus den Ticketverkäufen im eigenen Bus. Ohne Fahrgäste kein Geld, welches beim Bezahlen vorne im Bus abgezählt und in nicht zu kleinen Münzen entrichtet werden sollte, um sich böse Blicke oder gar Flüche zu ersparen. Der maltesische Busfahrer ist ein entfernter Verwandter des Berliner Busfahrers.

Die Vernachlässigung des Femininums hat in diesem Fall einen Grund: Maltesische Busfahrer sind immer männlich. Sie sehen sich auch alle sehr ähnlich, was auf der kleinen Insel, auf der fast alle Einwohner über maximal zwei Ecken miteinander verwandt sind, nicht verwundern sollte. Markantestes Erkennungszeichen sind die von den selbst durchgeführten Wartungen und Reparaturen am Bus ölverschmierten Finger. Ich habe noch nie einen maltesischen Busfahrer mit sauberen Händen gesehen. Schon alleine deshalb ist es ratsam, auf die Herausgabe von Wechselgeld zu verzichten und den Fahrpreis passend zu entrichten.

Die Eigentümerschaft des Busses lässt sich unschwer an der Dekoration der Fahrerkabinen erkennen. Diese strotzen nur so vor Bildhaftigkeit: Fotos der Familie, Marienabbildungen, Jesusabbildungen, Heiligenabbildungen, Engelsabbildungen und in den meisten Fällen auch ein oder mehrere Fußballwimpel. Hier lassen sich zwei Arten maltesischer Busfahrer unterscheiden: Juve-Fans und Milan-Fans. Warum ausgerechnet diese beiden Mannschaften, wollte ich einmal von einem Fahrer wissen. Maltesische Busfahrer darf man während der Fahrt nicht nur ansprechen, man kann sich richtig mit ihnen unterhalten, wenn man sich nicht daran stört, dass aufgrund der Gesprächslautstärke alle anderen Fahrgäste das Gespräch mitbekommen. Ganz einfach, erhielt ich als Antwort, Juve sei schließlich der beste Verein der Welt und die andere Hälfte der Busfahrer Idioten, wie überhaupt die andere Hälfte der Menschheit Idioten seien. Dieser überzeugenden Erklärung konnte ich mich nicht verschließen.

Bei weiblichen Fahrgästen kann ein solches Gespräch schon einmal in unangenehmere Bahnen gelenkt werden. Katie konnte bei ihrer ersten Bekanntschaft mit einem maltesischen Busfahrer nur knapp einem Heiratsantrag entgehen. Sie war als einziger Fahrgast in einen leeren Bus gestiegen und musste sich minutenlang Komplimente für ihre schönen Füße und niedlichen Zehen anhören, die aus ihren Sandalen hervorschauten. Der Busfahrer beließ es jedoch nicht dabei, einen kleinen Einblick in seine Vorlieben der weiblichen Anatomie zu gewähren. Von den Füßen aus wanderten seine Blicke Stück für Stück weiter nach oben, bis er in die schönsten Augen schaute, die er je in seinem Leben gesehen hatte. So formulierte er es in seinem Überschwang jedenfalls. Ausschlaggebend dürften jedoch eher die langen blonden Haare und der helle Teint gewesen sein, die für maltesische Männer trotz der großen Anzahl ausländischer Touristen noch immer ein besonderer Hingucker waren. Die Einladung zum Essen am nächsten Abend konnte Katie gerade noch ausschlagen, doch als sie das Betteln und Drängen des Busfahrers nicht mehr ganz so energisch von sich wies, galt ihm dies als ausreichendes Signal, seine Familie vorsorglich schon einmal von den bevorstehenden Hochzeitsfeierlichkeiten in Kenntnis zu setzen.

Busfahrten auf Malta sind nur selten langweilig. Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, maltesische Busfahrer seien wegen ihrer chauvinistischen Tendenzen unangenehme Zeitgenossen oder das gesamte maltesische Bussystem eine Zumutung, denn dem ist nicht so. Auch wenn die Uhrzeit nur einer von vielen Indikatoren für die Busfahrer ist, wann sie ihr Gefährt in Bewegung setzen sollten, so kann man sich fest darauf verlassen, dass der Bus irgendwann kommt und einen dort hinbringt, wo man hinmöchte. Da das Leben auf Malta allgemein viel weniger an feste Uhrzeiten gebunden ist, kommt man mit diesem System wunderbar zurecht, wenn man sich erst einmal von der Beschränktheit des eigenen Pünktlichkeitsbestrebens gelöst hat. Besonders für verloren gegangene Ausländer legen die Busfahrer gerne auch einen kleinen Extraschlenker ein, was schon manchem Touristen einen großen Umweg erspart hat. Das Stoppsystem in den Bussen funktioniert auch ohne technische Scharmützel einwandfrei. Ein Zug an der Leine oberhalb der Fensterreihe an der Busseite bringt die kleine Glocke neben dem Fahrer zum bimmeln und er hält an der nächsten Station an. Auf Sonderwunsch auch mal zwischen zwei Stationen.

Die Reisebusse in Catania kommen weitaus moderner und komfortabler daher. Dies liegt vor allem an den deutlich längeren Strecken, die Fahrgäste in ihnen zurückliegen. Auf Malta gibt es keinen Fernverkehr. Der Bus, der uns von Catania nach Capo D‘Orlando bringen soll, wird ca. eineinhalb bis drei Stunden unterwegs sein, erklärt uns Valerio. Eine genauere Zeitangabe könne er nicht machen, denn das sei abhängig von vielen Faktoren, etwa der Laune des Busfahrers und den aktuellen Fortschritten der Bauarbeiten auf den Straßen. Immerhin, so versichert er uns, sei die Fahrzeit im Bus wesentlich besser einzuschätzen als im Zug, der schon mal bis zu fünf Stunden brauche, wenn man Pech hat. Eineinhalb bis drei Stunden erscheinen mir aufgrund der Strecke von ungefähr 180 Kilometern durchaus plausibel. Warum bei einer Luftlinie von gerade mal 80 Kilometern zwischen Catania und Capo D‘Orlando der Umweg über Messina gefahren würde, will ich wissen. “Gibt es denn keine direkte Verbindung?” Nun, das liege zum einen an den Straßenverhältnissen, klärt mich Valerio auf. An den Küsten seien diese einigermaßen gut, doch im Inland, da möchte man lieber nicht mit dem Bus fahren. Zum anderen sei Messina eine große Stadt und Capo D‘Orlando nur ein kleiner Ort, für den kein Busfahrer der Welt den lukrativen Weg entlang der Küste auslassen würde. Oh, und dann sei da auch noch dieser Vulkan im Weg, fährt er fort und zeigt aus dem Fenster. Ich schaue nach draußen und sehe zum ersten Mal in meinem Leben: Ätna.

Valerio erweist sich als guter Prophet mit seiner Zeiteinschätzung, die ich ihm bei seinem sonst eher eigenwilligen Verhältnis zur Uhrzeit gar nicht zugetraut hätte. Bei Valerio können Sekunden zu Minuten, Minuten zu Stunden und Stunden zu Tagen werden. Zeiteinheiten scheinen für ihn beliebig austauschbar zu sein und keinerlei festen, objektiv messbaren Wert zu besitzen. In diesem Fall belehrt er mich jedoch eines besseren. Nach weniger als zwei Stunden hält der Bus im Ortskern von Capo D‘Orlando an. Wir steigen aus und werden von Alessio, meinem zweiten sizilianischer Mitbewohner aus der University Residence, in Empfang genommen. Alessio ist ein kleiner, vor Energie strotzender, junger Mann, der uns freudig begrüßt und es gar nicht fassen kann, uns tatsächlich in seinem Heimatort anzutreffen. Es werden Umarmungen und Küsse ausgetauscht und die Stimmung ist so gelöst und überschwänglich, wie seit unserer Busfahrt zum Hafen von Valetta nicht mehr.

Wir schlendern durch die Straßen Capo D‘Orlandos, angeführt von Valerio und dem in einer Tour plappernden Alessio, reißen flache Mafiawitzchen und freuen uns auf den vor uns liegenden Urlaub. Der Ort liegt malerisch an der Nordküste Siziliens am Thyrrhenischen Meer. Bei schönem Wetter kann man vom Strand aus bis zur Vulkaninsel Stromboli hinüber gucken, deren gleichnamiger Vulkan von den Sizilianern wegen seiner Ausbruchsfreudigkeit „Stronzoli“ genannt wird. Nach kurzem Fußweg erreichen wir die Ferienwohnung von Valerios Eltern, die sie uns für die drei Tage unseres Aufenthalts netterweise kostenlos zur Verfügung stellen. Um diese Jahreszeit seien hier noch nicht viele Touristen, erklärt uns Valerio. Die Wohnung sei den ganzen April über noch ohne Reservierung, weshalb wir uns keine Gedanken über einen etwaigen Verdienstausfall seiner Eltern machen bräuchten, die uns diese Wohnung wirklich überaus gerne für die Dauer unseres Aufenthalts, die, so Gott will, doch länger als drei Tage sein möge, überlassen.

Unsere Unterkunft liegt direkt an der Strandpromenade, im zweiten Stock eines Neubaus. In der Etage unter uns wohnt ein litauischer Basketballprofi, der beim örtlichen Erstligaclub Orlandina Baskets spielt, dem ganzen Stolz Capo D‘Orlandos. Ein Dorfverein in der obersten italienischen Basketballliga, wie mir Valerio beim Gang durch das Treppenhaus mit einem Funkeln in den Augen erzählt. Katie, Michael und ich sind beeindruckt, als Valerio die Tür unseres Domizils aufschließt. Die Wohnung ist geräumig, mit komfortabel geschnittenen Zimmern und geschmackvoller, wenn auch etwas karger Einrichtung. Ein großes Schlafzimmer für Katie und mich, ein kleines Schlafzimmer für Michael, ein großes Wohnzimmer und ein Balkon mit Blick auf das Meer. Viel schöner kann man in Capo D‘Orlando nicht wohnen. Das Hotel nebenan kommt mir mit seinen dicht gestaffelten Fenstern und engen Balkonen dagegen vor, wie ein großes Gefängnis. So lässt es sich gut aushalten, denke ich.

Katie und ich verstauen unsere Koffer in unserem Zimmer und entschließen uns, vor dem Mittagessen noch ein kleines Sonnenbad einzulegen. Warum bei dem schönen Wetter niemand am Strand sei, möchte ich von Valerio wissen. Er zuckt mit den Schultern. Es sei schließlich erst April und 25 Grad seien nun wirklich keine Temperatur, bei der man sich hier an den Strand lege. Draußen an der Strandpromenade hupen die Motorroller. Laute Gespräche und Gelächter dringen zu uns auf den Balkon. Auf den Bänken am Straßenrand sitzen kleine Gruppen Jugendlicher, die im Laufe der Zeit immer größer werden und nach und nach zu einer einzigen großen Gruppe verschmelzen. Der Däne Michael, die schwedisch-stämmige Katie aus dem deutsch-skandinavisch geprägten Minnesota und ich, der Norddeutsche, beobachten vom Balkon die lebhaften Sizilianer. Ich fühle mich fremd, doch in guter Gesellschaft.

Von Äpfeln und Birnen

Schafft der deutsche Vereinsfußball im nächsten Jahr endlich den Sprung aus der Krise? Mit Bayern München und Borussia Dortmund schicken sich zwei Vereine an, die 38-jährige Durststrecke für den deutschen Fußball zu beenden.

Nach zwei Finalpleiten in Folge (2010 gegen Inter, 2012 gegen Chelsea) soll beim FC Bayern 2014 alles besser werden. Doch befindet sich der Verein wirklich auf dem richtigen Weg? Für Stirnrunzeln sorgte die Entscheidung des Vereins, im Sommer trotz überwiegend grandioser Leistungen in der Qualifikation Trainer Jupp Heynckes in Rente zu schicken und den noch titellosen Pep Guardiola als Nachfolger zu verpflichten. Guardiola brachte den FC Barcelona zwischen 2008 und 2012 wieder zurück in die europäische Spitze, scheiterte in den Turnieren 2010 und 2012 jedoch jeweils im Halbfinale an den späteren Siegern und Bayern-Bezwingern. Heynckes gewann immerhin 1998 mit Real Madrid einen Titel.

Die ersten Spiele der Bayern unter Guardiola deuten großes Potential an, was angesichts Heynckes starker Vorarbeit nicht überrascht. Als Top-Favorit wird sein Team im Sommer 2014 jedoch auf eine harte Probe gestellt. Überhaupt scheint sich der Katalane mit Favoritenrollen schwer zu tun. Unter Guardiolas Führung ragte Barcelona jeweils in der Qualifikation heraus, startete auch durchaus ansprechend in die folgenden Turniere, konnte in den entscheidenden Spielen allerdings nie die erhoffte Leistung bringen. So verließ Guardiola Barcelona nach vier Jahren, ohne den Erfolg seines Vorgängers Frank Rijkaard aus dem Jahre 2006 wiederholen zu können. Superstar Lionel Messi haftet seitdem der Beinahme “Der Unvollendete” an.

Gänzlich anders sieht die Lage bei Borussia Dortmund aus. Wie alle anderen deutschen Vereine außer dem FC Bayern noch ohne Titelgewinn, können die Dortmunder befreit aufspielen. Nach längerer Abstinenz qualifizierte man sich mit einer jungen Mannschaft und mitreißendem Fußball für das Turnier 2012. Dort enttäuschte die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp zwar auf voller Linie, konnte jedoch wertvolle Erfahrung sammeln, die sich im kommenden Turnier noch als nützlich erweisen dürfte. Im letzten Jahr zeigte sich der BVB jedenfalls gefestigt und hatte keinerlei Mühe, sich für das kommende Turnier zu qualifizieren. Den Außenseiterstatus haben die Dortmunder dadurch erst einmal verspielt, doch steht man dank der bayerischen Dominanz weiterhin außerhalb des Fokus. Hört man sich im Verein um, scheint dies niemanden zu stören – ganz im Gegenteil. Die Verantwortlichen hoffen darauf, im Schatten der Bayern ohne Druck in das Turnier gehen zu können, um dort dann groß aufzutrumpfen.

Positive Auswirkungen vom sich abzeichnenden Aufschwung des deutschen Fußballs erhofft sich Bundestrainer Joachim Löw. Zwar liegt der letzte Titel der deutschen Nationalmannschaft im Sommer mit 18 Jahren nur vergleichsweise kurz zurück, doch waren die Auswirkungen der deutschen Vereinsfußballkrise lange Zeit auch in der DFB-Auswahl spürbar. In den letzten Jahren hat sich dies jedoch geändert. Der deutsche Fußball produziert wieder hochtalentierte Nachwuchsspieler, die auch der Nationalmannschaft zu Gute kommen. So stehen die Chancen nicht schlecht, dass Deutschland bei der kommenden WM in Brasilien mal wieder einen Titel gewinnt.

Dass die Nationalmannschaft dabei nicht unbedingt auf den Erfolg des deutschen Vereinsfußball angewiesen ist, zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher: Seit dem letzten Vereinstitel 1976 konnte die DFB-Auswahl immerhin drei große Titel gewinnen (1980, 1990 und 1996). Traditionell ist Deutschland eher ein Land des Verbandsfußballs, wo man mit je drei Welt- und Europameistertiteln zu den weltweit erfolgreichsten Fußballnationen zählt. Im Vereinsfußball lautete das Motto abgesehen vom Höhenflug der Bayern 1974 und 1976 eher: Dabei sein ist alles.

Woran es liegt, dass viele deutsche Spieler im Verein oftmals nicht die gleiche Leistung abrufen können, wie in der Nationalmannschaft, konnte trotz intensiver Bemühungen noch nicht herausgefunden werden. Gerade in den wichtigen Spielen scheinen die Spieler auf Vereinsebene dem Druck nicht gewachsen zu sein. Das beste Beispiel hierfür ist das letztjährige Finale der Bayern gegen den FC Chelsea, das trotz deutlicher spielerischer Überlegenheit ins Elfmeterschießen ging und dort mit einem Fehlschuss von Bastian Schweinsteiger entschieden wurde. Auf Verbandsebene gehört das Elfmeterschießen seit jeher zu den großen deutschen Stärken. Die letzte Niederlage in dieser Disziplin gab es genau in dem Jahr, in dem Bayern den letzten Titel holte. Dass damals ein bayerischer Spieler und heutiger Präsident des Vereins den entscheidenden Elfmeter verschoss, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Häuslebauer – Die Rauten-Parabel

“Vielleicht ist da etwas in den letzten Jahren verglüht oder abgekühlt. Aber wir setzen gerade alles in Bewegung, um wieder Funken zu entfachen.”

- Thomas Eichin

Wir leben auf einer Baustelle. Lange Zeit hatten wir ein schönes Haus, eine prächtige Villa, in der sich fast jeder Besucher wohlgefühlt hat. Viel Lob haben wir bekommen, für die durchdachte Architektur, für die stilvolle Bauweise, für die unkonventionelle, aber geschmackvolle Einrichtung. Für manchen Puristen waren die Zimmer etwas zu verspielt in ihrer Gestaltung, doch damit konnten wir gut leben. Es war so schön dort zu wohnen, dass wir es manchmal für selbstverständlich gehalten haben, aber eigentlich war uns klar, dass wir es mit unserem Haus sehr gut getroffen hatten und mit niemandem tauschen wollten.

Wir fühlten uns wohl. So wohl vielleicht, dass wir nicht einmal merkten, als es langsam anfing zu knistern und zu rieseln, als die ersten Risse in den Wänden und im Fundament sichtbar wurden. Normale Abnutzungserscheinungen, weiter nichts. Wir dekorierten um, hier und da mal etwas neues. Auch als das Dachgebälk begann zu knarzen, wurden wir nicht hellhörig, sondern verpassten dem Haus einen neuen Anstrich. So machten wir weiter, bis uns irgendwann klar wurde, dass unser Haus durch kleine kosmetische Eingriffe nicht mehr zu retten war. Nun nahmen wir das Haus genauer unter die Lupe, durchsuchten den Dachboden und den Keller. Überall fielen uns die Risse, Löcher und Sprünge auf und wir versuchten wirklich bis zuletzt unser Haus zu retten.

Wer von außen an unserem Haus vorbei kam, bemerkte nicht einmal, dass es kurz vor dem Einsturz stand. Gut, es strahlte nicht mehr ganz so sehr, wie in seinen besten Tagen. Dazu kam, dass in der Zwischenzeit in unserer Straße einige ebenso schöne und noch modernere Häuser gebaut wurden, die etwas die Aufmerksamkeit von unserem Domizil lenkten. Aber hey, da waren auch einige Bauherren mit größerem Portemonnaie am Werk, die sich nun mal mehr Luxus erlauben konnten. Alles in allem hatten wir bald den Ruf von verwöhnten Gören, die nur nach links und rechts auf die tollen Häuser schielten und ihr eigenes Privileg nicht wertschätzten. Sollen Sie doch froh sein, dass sie in so einem schönen Haus wohnen dürfen, in der exklusivsten Straße weit und breit! Unsere Hinweise, dass wir Angst um unsere Zukunft hätten, weil unser Haus massiv Einsturz gefährdet sei, wurden mit einem müden Lächeln quittiert.

Im Sommer haben wir das Haus dann abreißen lassen. Wir taten uns sehr schwer mit der Entscheidung, haben bis zuletzt hin und her überlegt und warteten so lange, bis uns die Bude fast über den Köpfen eingestürzt wäre. Der Wiederaufbau wird eine ganze Zeit dauern, das war uns vorher klar: Trümmer beseitigen, Architekten und Baufirma beauftragen, Grundriss festlegen, Fundament gießen, Mauern hochziehen und so weiter und so fort. Keiner konnte uns so genau sagen, wann wir das Richtfest feiern können werden. Wir müssen wohl lernen, geduldig zu sein. Aber das ist es uns wert, wir wollen schließlich, dass das neue Haus ebenso schön wird, wie das alte mal war.

Manchmal haben wir aber doch noch unsere Zweifel, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Haben wir den richtigen Architekten gewählt? Ist der Grundriss so, dass wir später mit unseren Zimmern zufrieden sein werden? Arbeiten die Handwerker auch zuverlässig? Mit jedem Tag, der verstreicht, werden wir ungeduldiger und schauen ganz genau hin, was auf unserer Baustelle passiert. Vieles können wir nicht richtig einordnen. Braucht denn das Fundament wirklich so lange wie es der Vorarbeiter sagt? Kann man das nicht schneller machen? Vor kurzem kamen wir auf die Baustelle und keiner hat gearbeitet, alle standen in der Ecke rum und haben Bier getrunken. Bekommt man heutzutage wirklich kein besseres Personal? Aber unser Geldbeutel ist halt auch nicht mehr so prall gefüllt wie damals.

Ab und zu kommen Passanten an unserer Baustelle vorbei und wundern sich, wo das Haus abgeblieben ist, das dort mal gestanden hat. Dann müssen wir uns bösen Spott und bissige Kommentare anhören, aber da stehen wir drüber, denn wir wissen ja, dass es auf unserer Baustelle derzeit nicht schön aussieht und wir noch etwas warten müssen, bis das erste Lob für unseren Neubau kommt. Man kann den Passanten schließlich nicht vorwerfen, dass sie sich nicht für unsere Baupläne interessieren, solange dort kein Haus sichtbar wird. Trotzdem werden wir dann etwas melancholisch und denken an die Zeiten, als man uns noch Bewunderung für unser Heim entgegenbrachte. Dann vermissen wir unser altes Haus, auch wenn wir wissen, dass es nicht mehr lange stehengeblieben wäre.

Und so verharren wir wartend auf unserer Baustelle, ohne Gewissheit wann unser Haus fertiggestellt wird und ob wir den Tag überhaupt erleben werden. Wir schauen uns um, sehen wie das Fundament gegossen wird und fragen uns, ob das alles so seine Richtigkeit hat. An einem Tag lassen wir uns beschwichtigen und blicken optimistisch in die Zukunft, am nächsten gucken wir wieder misstrauisch zu den Handwerkern hinüber. Lohnt es sich überhaupt, schon an das fertige Haus zu denken? Ach komm, wir wählen schon mal die Inneneinrichtung aus. Wird aber auch von Jahr zu Jahr teurer. Brauchen wir das überhaupt, wenn die Mauern krumm und schief werden? Diese Gefühlsschwankungen werden wohl erst verschwinden, wenn das Gebäude langsam Gestalt bekommt und wir es uns von allen Seiten anschauen können. Irgendwann werden wir vielleicht in unserer Villa sitzen und darüber lachen, dass wir so ängstlich waren.

Bis dahin müssen wir damit leben, dass wir obdachlos sind, Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert. Und braut sich da im Norden nicht gerade der nächste Orkan zusammen? Oder ist es nur ein laues Lüftchen, das unserem Fundament beim Trocknen hilft? Kommt, wir holen lieber unsere Regenschirme.

Krise? Ja – aber welche?

Die Bundesliga hat noch nicht mal begonnen und schon macht das Wort “Krise” die Runde, wenn über Werder Bremen berichtet wird. Ist es wirklich angebracht, nach nur einem verlorenen Pflichtspiel direkt wieder die Krisenrhetorik auszupacken?

Thomas Schaaf pflegte sich in solchen Situationen gerne darüber zu echauffieren, wie schnell die Medien dazu neigen, trotz weniger gespielter Partien bereits Abstiegskandidaten und sichere Meisterschaftsanwärter zu benennen. Das waren allerdings auch noch Zeiten, in denen Werder um die Champions League Plätze mitspielte und ein 2:2 in Bochum noch ein peinlicher Ausrutscher war. Ein Erstrundenaus im DFB-Pokal gegen einen Drittligisten gehört hingegen so langsam zum Bremer Fußballalltag. Deshalb stellt sich die berechtigte Frage: Ist das noch Krise oder ist das schon Normalzustand? Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd: Die Krise ist Normalzustand geworden.

An dieser Stelle stellt sich die Frage nach einer Begriffsdefinition. In der boulevardesken Welt des Fußballjournalismus wird die Etikettierung an den letzten drei Ergebnissen festgemacht: Drei Mal verloren? Krise! Drei Mal gewonnen? Höhenflug! Mit dieser, auf kurzfristige Effekte fokussierten Betrachtungsweise kommen wir hier jedoch nicht zum Ziel. Wir drehen uns munter im Kreis und konstatieren mal eine Testspielkrise her, mal eine Pokalkrise dort. Immer in der Hoffnung, dass nun bitte der “Befreiungsschlag” kommen möge, der dem ganzen Spuk eine Ende bereitet. Aber weder war die Krise der Vorsaison mit dem Beginn der Sommervorbereitung vorbei, noch kann man davon ausgehen, dass sie es bei einem Sieg in Braunschweig wäre. Werder befindet sich vielmehr in einer strukturellen Krise. Diese Krise hat sich über Monate und Jahre mal mehr, mal weniger schleichend im Verein ausgebreitet und wird sich nicht in kurzer Zeit vertreiben lassen. Sollte Werder am Samstag in Braunschweig gewinnen, so ist das kein Befreiungsschlag, sondern lediglich eine (wenngleich wichtige) Genugtuung in Reaktion auf das Pokalaus.

Dies soll nicht die Wichtigkeit der Partie herunterspielen. Bei einer erneuten Niederlage droht die ohnehin schon angespannte Stimmung vollends zu kippen. Fans haben in der Regel ein ganz gutes Gespür dafür, ob ihre Mannschaft in einem Spiel alles gibt oder eher ein Pflichtprogramm herunter spult. In sportlich mageren Zeiten sind sie besonders dafür sensibilisiert. Wenn es schon keinen schönen Fußball zu bestaunen gibt, dann sollen die Herren Profis wenigstens Gras fressen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Mannschaft Fans und Umfeld wieder auf ihre Seite bekommt. Nur darauf lassen sich spielerische und taktische Feinheiten aufbauen, die aus Werder wieder mehr als nur ein Team aus dem unteren Tabellendrittel machen können.

Anders als in der Schlussphase der letzten Saison geht es derzeit nicht darum, den Karren noch schnell aus dem Dreck zu ziehen, bevor der Abstieg unvermeidlich wird. So mag die Angst vor einer Saison, in der der Klassenerhalt erneut erzittert werden muss, begründet sein. Deshalb von “Abstiegskampf ab dem 1. Spieltag” zu sprechen wäre dennoch falsch. Werder muss nicht nach vier Spieltagen zu drastischen Maßnahmen greifen, um das Ruder noch irgendwie rumreißen zu können. Vielmehr ist Robin Dutt gefordert, seinem Team nach und nach sein System so gut einzutrichtern, dass es funktioniert. Selbst ein Verein wie Augsburg hat vorgemacht, wie man trotz eines miserablen Starts mit fußballerischen Mitteln (selbstredend auf Grundlage großer Kampfbereitschaft) wieder nach oben kommen kann.

Wir können lange in Selbstmitleid versinken, weil unser Kader so schwach ist und keinen gehobenen Ansprüchen mehr genügt. Das ist der Stand heute, und er war schon vor der Saison ebenso bekannt wie der Umstand, dass nicht viel Geld vorhanden ist, um daran etwas zu ändern. Die Altlasten des Kaders lassen sich nicht in nur einer Transferperiode loswerden, wie Thomas Eichin treffend feststellte. Lautstark war in letzter Zeit eine bessere Einbindung der Jugendspieler gefordert worden, welche nun mangels Alternativen in der zweiten Reihe sicherlich kommen wird.

Wie lange wird es dauern, bis Werder die Krise hinter sich gelassen hat? Und befindet man sich noch im Abwärts- oder schon wieder im Aufwärtstrend? Das wird man erst mit etwas Abstand feststellen können. Wie bereits in meinem Post zum Saisonauftakt geschrieben, bin ich der Meinung, dass Werder die richtigen Weichen bereits gestellt hat. Doch Fußballvereine in langandauernden Krisen sind sensible Gebilde. Manch ein Verein hat sich nie mehr davon erholt. Werder hat sich immer durch Geduld und eine gewisse Gelassenheit ausgezeichnet, sowohl was die Vereinsführung als auch was die Fans angeht. Beides wird es auf dem schwierigen und mutmaßlich langen Weg zurück nach oben brauchen. Die Geduld gegenüber Leistungen wie beim Spiel in Saarbrücken ist hingegen am Ende.

Fußballbloggerlesungen

Sie: “Wo warst du gestern Abend?”
Ich: “Bei einer Fußballlesung.”
Sie: “Einer Fußballlesung?”
Ich: “Naja, einer Lesung über Fußball halt.”
Sie: “Eine Lesung über Fußball? Was liest man denn da? Ergebnisse?”
Ich: “Nein, Texte über Fußball.”
Sie: “Ach so, aus einem Buch?”
Ich: “Nein, aber so ähnlich. Aus einem Blog.”
Sie: “Blog?”
Ich: “Ja, der Autor schreibt Texte und stellt sie ins Internet. So wie ich auch.”
Sie: “Ja ja, ich weiß schon was ein Blog ist. Ich wusste nur nicht, dass man damit eine Lesung machen kann.”
Ich: “Wenn man gut ist und genügend Texte hat schon.”
Sie: “Kommt der denn aus Bremen?”
Ich: “Nein, aus Duisburg.”
Sie: “Ach so, und er macht jetzt eine Deutschlandtour?”
Ich: “Ja, so etwas in der Art.”
Sie: “Was es heutzutage alles gibt.”
Ich: “Tja.”
Sie: “Und reicht das, also lebt der davon?”
Ich: “Nein, er hat auch noch einen richtigen Job.”
Sie: “Ah ja. Warum gehst du nicht mal auf Lesetour?”
Ich: “Meine Texte sind ja mehr so Spielberichte und Analysen, das lässt sich schlecht vorlesen.”
Sie: “Und was schreibt er?”
Ich: “Geschichten rund um den Fußball.”
Sie: “Aha.”
Ich: “Also nicht wirklich rund um den Fußball. Es geht schon um Fußball, aber ohne wirklich um Fußball zu gehen.”
Sie: “Hä?”
Ich: “Das Thema ist meistens eines aus dem Bereich Fußball, aber aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachtet, als man es so gewohnt ist.”
Sie: “Hm.”
Ich: “Oder ein Thema, dass sonst in den Medien nicht aufgegriffen wird.”
Sie: “Was denn zum Beispiel?”
Ich: “Also ein Text handelt vom Fußballgott, der in Wirklichkeit eine Kuh ist.”
Sie: “Aha, und weiter?”
Ich: “Die Kuh läuft im Fußballhimmel über ein Feld und bestimmt die Abschlusstabelle der Bundesliga dadurch, wo sie ihre Fladen fallenlässt.”
Sie: “Das ist aber schon ein bisschen albern.”
Ich: “Ja, so wie ich das jetzt erzählt habe schon. Aber der Text ist in Wirklichkeit viel besser.”
Sie: “Also ist das so eine Art Comedy, ja?”
Ich: “Nein.”
Sie: “Hm, dann verstehe ich das glaube ich nicht so richtig.”
Ich: “Die Texte sind schon teilweise komisch, aber Comedy ist es nicht.”
Sie: “Und was gehen da für Leute hin?”
Ich: “So Leute wie ich.”
Sie: “Also sind das alles Fußballfans?”
Ich: “Nicht alle, aber viele.”
Sie: “Aha.”
Ich: “Die Texte sind aber auch was für Leute, die sich nicht so für Fußball interessieren. Und manche Fußballfans würde das gar nicht interessieren.”
Sie: “Das ist aber schon ein bisschen blöd.”
Ich: “Warum?”
Sie: “Naja, wenn es irgendwie um Fußball geht und dann auch wieder nicht und die Texte irgendwie für Fußballfans sind und dann auch wieder nicht, für wen ist es denn dann?”
Ich: “Tja…”
Sie: “Wenn nicht mal du genau weißt, was da für Leute hingehen.”
Ich: “Also so meinte ich das eigentlich gar…”
Sie: “Da kann man dann ja auch nicht erwarten, dass da die Leute in Scharen kommen.”
Ich: “Tun sie ja auch nicht. Das war in einer kleinen Kneipe im Viertel.”
Sie: “Ach.”
Ich: “Das ist natürlich ein Nischenthema, aber es war schon recht gut besucht. Also für die Größe der Kneipe.”
Sie: “Kneipe? Und ich dachte, dass war eine richtig große Veranstaltung.”
Ich: “Wie kommst du denn darauf?”
Sie: “Naja, wenn du da so ein Bohei drum machst.”
Ich: “Ich? Ich hab doch nur…”
Sie: “Also was waren das denn nun für Leute da?”
Ich: “Fußballnerds.”
Sie: “Du bist komisch.”
Ich: “Tja.”
Sie: “Tja.”

Thomas-Schaaf-Nachfolge-Diskussionen

…wird es hier im Blog nicht geben.

Ich kann es nicht mehr hören. Diese ganzen Namen, die derzeit durchs Dorf getrieben und die ganzen Säue, die gehandelt werden – ich will das nicht. Vielleicht bin ich durch 14 Jahre – quasi mein gesamtes Erwachsenenleben – mit nur einem Trainer verweichlicht. Für Fans anderer Vereine mag das Alltag sein, dass ihr Verein jeden Tag mit einem anderen Trainer in Verbindung gebracht wird; mir ist es zu viel.

Alles, was ich zu dem Thema derzeit zu sagen habe, sage ich beim Grünweiß-Stammtisch. Die Boulevardmechanismen der ewigen Spekulationen und Gerüchte und Dementis und Dementis von Gerüchten, die nur nötig waren, weil überhaupt Gerüchte in die Welt gesetzt wurden und dann unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt als weitere spektakuläre Schlagzeile verkauft werden, diese Mechanismen also, die selbsttätig eine sogenannte “Absagewelle” für Werder generieren, die sich wiederum als Schlagzeile oder noch besser Bilder-Klickstrecke zweitverwerten lässt, die Mechanismen, die unser aller Neugier und Voyeurismus, aber auch unser aufrichtiges Interesse an der sportlichen Zukunft unseres Vereins bedienen und von ihm bedient werden, möchte ich hier im Blog nicht bedienen.

Wenn ihr also auf der Suche nach Informationen oder Spekulationen zur Schaaf-Nachfolge seid, wendet euch an die üblichen Verdächtigen. Ich weiß nicht, wer nächste Saison auf Werders Trainerbank sitzen wird und ich werde hier auch nicht über einen der genannten Namen spekulieren, bis es eine offizielle Vollzugsmeldung gibt.

Was es hier in den nächsten Tagen aber geben wird, sind ein Saisonrückblick, eine Einzelkritik und eine Fehleranalyse der abgelaufenen Spielzeit.

Doch zunächst zu den Breaking News…

Meine Top 10 der Hinrunde

Zum Jahresabschluss noch ein kleiner Countdown: Meine Top 10 Themen der Hinrunde

10. Tim Wiese

Für Wiese war es eine katastrophale Hinrunde, mit einer Flut von Gegentoren, etlichen Patzern, Verletzungen und letztlich dem Verlust des Stammplatzes. Das Kapitel Hoffenheim könnte schon bald vorbei sein. Die Häme aus Bremen geht mir aber fast schon etwas zu weit. Im Sommer regt man sich über die “blöden Hamburger” auf, die Elia unnötigerweise auspfeifen, und ein paar Monate später singt man Tim Wiese in die zweite Liga? Guter Stil geht anders.

9. Pyrotechnik

Allein heute Nacht werden sich wieder mehr Menschen an Feuerwerkskörpern verletzen, als in der gesamten Bundesligageschichte. Das soll kein Plädoyer für Pyrotechnik im Stadion sein, nur die absurden Ausmaße aufzeigen, die dieses eigentlich kleine Thema inzwischen erreicht hat. Ich wünsche mir für 2013 ein wenig mehr Sachlichkeit von allen Beteiligten beim Thema Stadionsicherheit.

8. Schiedsrichterdiskussionen

Ein leidiges Thema. Diskussionen über den Schiri gehörten schon immer zum Fußball, aber die hysterischen Züge, die sie in dieser Saison annahmen, gingen zu weit und waren am Ende einfach nur noch nervig. Grundtenor: Fehler macht jeder mal, aber bitteschön nicht gegen meine Mannschaft! Vielleicht sollten sich Spieler und Trainer zur Abwechslung mal selbst hinterfragen, ob und wie sie durch ihr ständiges täuschen, lamentieren und diskutieren zu der von ihnen kritisierten Situation beitragen.

7. Eintracht Frankfurt

Die (neben Freiburg) Überraschungsmannschaft kommt aus Frankfurt. Als Aufsteiger in die Bundesligaspitze vorgedrungen, lange Zeit Verfolger Nummer 1 der Bayern gewesen und dabei schönen Offensivfußball gespielt. Vehs Ansatz ist für die Bundesliga eher untypisch. In den letzten Jahren waren es eher die defensivstarken und offensiv effizienten Mannschaften mit gutem Umschaltspiel, die die Liga aufmischten. Frankfurt zeigt, dass es auch anders geht. Mal sehen wie lange.

6. Thomas Eichin

Kurz vor Jahresende wurde dann doch noch der neue Geschäftsführer Sport vorgestellt. Letztlich hat Werder hier vieles richtig gemacht, kühlen Kopf bewahrt, zunächst die wichtigsten internen Entscheidungen (Filbry, Baumann) getroffen und sich dann einen externen Mann mit gutem Profil dazu geholt. Schon bei den anderen Kandidaten hat sich gezeigt, dass man nicht weiter im eigenen Saft garen will, sondern dass frischer Wind von außen erwünscht ist. Dass Eichin erst nach Beendigung der DEL-Saison kommt, weil er dort noch seine “Mission zu Ende führen” will, macht ihn nicht unsympathischer.

5. 12:12

Die Stille war beeindruckend, fast schon beängstigend. Ein völlig neues Gefühl in einem Bundesligastadion, das an Sonntagnachmittage auf Amateurplätzen erinnerte. Beeindruckend auch, dass die Fans verfeindeter Vereine durchaus zusammenhalten, wenn es um eine gemeinsames Ziel geht. Beim letzten Heimspiel in Bremen kam es jedoch zu Auseinandersetzungen zwischen Unter- und Oberrang der Ostkurve, die sich gegenseitig auspfiffen.

4. Die deutsche Champions League

Alle drei deutschen Teams als Gruppensieger weiter. Wer hätte das nach der Auslosung schon gedacht? Die Bayern bis auf den Aussetzer gegen BATE gewohnt souverän, Schalke lässt Arsenal hinter sich und Dortmund macht endlich den Qualitätssprung auf internationaler Ebene. Sehr erfreulich für den deutschen Fußball. Auch wenn ich international nicht per se zu den deutschen Teams halte, gönne ich zumindest Schalke und Dortmund den Erfolg und hoffe, dass sie möglichst weit im Wettbewerb kommen.

3. Bayerischer Verfolgungswahn

Souveräner Herbstmeister. In Pokal und Champions League problemlos weiter. Dennoch wird man bei den Bayern das Gefühl nicht los, dass sie die Situation kaum genießen können. Nervöse Blicke über die Schultern, ob da nicht doch ein Klopp oder ein Di Matteo aus dem Windschatten heran gerauscht kommt. Dabei könnte man sich über das Erreichte durchaus jetzt schon freuen, denn nach dem Vize-Triple letzte Saison war das (trotz großem Portemonnaie) nicht selbstverständlich.

2. SC Freiburg

Absolut beeindruckend, was man in nur einem Jahr als Trainer bewirken kann. Streich hat sein Team innerhalb kurzer Zeit zu einer echten Pressingmaschine gemacht, die zuletzt ein bis zwei Klassen über der individuellen Stärke der Spieler agierte. Ich habe mir Streich im Sommer als Werdertrainer gewünscht und könnte mir immer noch gut vorstellen, dass sein System gut zu den Spielern hier passen würde. Zu der Hinrunde kann man Streich und den Freiburgern jedenfalls nur gratulieren.

1. Klaus Allofs

Erfüllte sich seinen Kindheitstraum und wurde Manager beim VfL Wolfsburg, in dessen Bettwäsche er große Teile seiner Jugend verbracht hatte. Hilft nun anderen Wölfe-Fans (Hecking, Arnautovic, De Bruyne) dabei, sich ebenfalls ihre Kindheitsträume zu erfüllen. Herzlichen Glückwunsch!

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen guten Rutsch und ein tolles, grünweißes Jahr 2013!

Jahresrückblickstöckchen 2012

Da man zwischen den Feiertagen die Blogleser einzeln mit Namen begrüßen könnte, gibt es die Fortsetzung zu meinem Hinrundenfazit erst im kommenden Jahr. Stattdessen nehme ich zur Überbrückung das Jahresrückblicksstöckchen von nedfuller auf:

Welches war das beste Spiel deines Vereins?

Das 4:0 gegen Borussia Mönchengladbach war ziemlich stark und einer der wenigen deutlichen Siege. Der Sieg in Hamburg käme eventuell auch noch in Frage. Gab selten so wenig Auswahl wie in diesem Jahr.

Welches das schlechteste?

Puh, da gab es vor allem in der ersten Jahreshälfte viele. Das Heimspiel gegen Mainz letzte Rückrunde war übel, das Spiel in Stuttgart auch. In dieser Saison ist das Spiel in Augsburg ein heißer Kandidat. Das Pokalaus war für mich aber die größte Enttäuschung, von daher fällt meine Wahl auf das Spiel in Münster.

Bester Spieler deines Vereins?

Der Kader hat sich im Laufe des Jahres so stark geändert, dass das gar nicht so einfach ist. Hunt war fast ein halbes Jahr verletzt und fast alle anderen, die sich in dieser Saison hervorgetan haben, waren in der letzten Rückrunde noch nicht dabei oder schwach. Daher bleibt wohl nur Sokratis wegen der starken letzten Saison, obwohl er eine eher durchwachsene Hinrunde gespielt hat. Gefolgt von Arnautovic.

Schlechtester Spieler?

Auch hier gar nicht so einfach. Ekici ist sicher die größte Enttäuschung, aber er hat in den letzten 9 Monaten keine wirkliche Chance bekommen. Entweder trainiert er unterirdisch oder er ist bei Schaaf unten durch. Ähnliches gilt für Affolter. Von Akpala hab ich mir mehr erhofft, als er bei seinen zahlreichen Kurzeinsätzen bislang gezeigt hat. Elia war selten schwach, aber rechtfertigt noch nicht seinen hohen Kaufpreis.

“Gewinner” ist für mich aber Clemens Fritz, leider.

Wie war(en) dein(e) Trainer?

Ein halbes Jahr lang erschreckend ratlos. Im Sommer dann immerhin mutig, was neues auszuprobieren. Fortschritte waren zu erkennen, dennoch insgesamt das schwächste Jahr seiner Amtszeit, was die Ergebnisse angeht. Was seine Arbeit angeht war das letzte halbe Jahr wohl besser als die zwei Jahre davor. Bei einem leistungsorientierten Verein sollte die kommende Rückrunde seine letzte Chance sein.

Hat dein Verein sich in diesem Jahr verbessert oder verschlechtert?

Verschlechtert, aber einen schwierigen (wenn auch selbstverschuldeten) Umbruch insgesamt gut hinbekommen.

Wie zufrieden bist du mit der Jugendarbeit in diesem Jahr?

Jüngster Kader der Liga, aber kaum Eigengewächse im Team. Von den ganzen hoffnungsvollen Talenten der letzten Jahre hat sich nur Füllkrug bislang bei den Profis festgespielt. Kann die Jugendarbeit nicht so im Detail beurteilen, aber ich habe den Eindruck, dass der Verein mehr für den Übergang von der Jugend zu den Profis tun müsste und die U23 eher Sammelbecken als Sprungbrett ist.

Wie oft warst du im Stadion?

Siebenmal.

Warst du auswärts unterwegs?

Nein.

Was war dein bewegendster Moment?

Der hatte nichts mit Fußball zu tun.

Aufbaugegner? Welcher Aufbaugegner?

Es ist allgemein bekannt, dass Werder Bremen ein beliebter Aufbaugegner für kriselnde Clubs ist. Zumindest unter Werderfans:

“Werder spielt gegen einen krisengeschüttelten Club. Seit einer gefühlten Ewigkeit eine eindeutige Angelegenheit: Werder dient als Aufbaugegner.”

- Werder Exil, “Gegen den Trend”

und

“Ein Spiel gegen einen Krisenclub löst bei mir nicht allzu viel Begeisterung aus. Nur allzu oft dient sich der SVW als gerne gesehener Aufbaugegner an.”

- Papierkugel Blog, “Der dreifache Marko”

Fragt man hingegen die Schalker, bekommt man eine überraschend andere Antwort zu hören:

“Eintracht Frankfurt kommt, seit einem 1:0 gegen Borussia Dortmund am 18. Dezember auf größtmögliche Art erfolglos. Da kommt die Reise zu einem notorischen Aufbaugegner wie Schalke 04 genau richtig.”

- Königsblog, “Fußball ist auch wichtig”

Doch das Duell um den Titel des besten Aufbaugegners des Landes scheint eigentlich ein Dreikampf zu sein:

“Nach Düsseldorf kommt mit dem Club der nächste dankbare Aufbaugegner.”

- Clubfans United, “Zum Dank ab an die Medizinbälle”

Wenn es um Titel geht, ist es aber eigentlich klar, dass auch die Bayern ein Wörtchen mitreden möchten:

“Schlimm, dass wir hier unsere Bundesliga-Lieblingsrolle geben mussten: Aufbaugegner.”

- Breitnigge, “Zwei Minuten auf Platz 2 oder Außer Arjen könnt ihr alle gehen!”

Andere Vereine entziehen sich der großen Konkurrenz und besetzen lieber eine Nische. Sie sind beispielsweise Aufbaugegner für einen ganz bestimmten Verein:

“Bayer ist immer sowas wie ein Aufbaugegner für die Bayern. Ich fass es nicht!”

catenaccio, “Live: Bayern München – Bayer Leverkusen”

An dieser Stelle muss ich eine kleine Pause einlegen, obwohl sich die Liste noch eine ganze Weile lang fortführen ließe. Mir ist schwindelig. Wer ist denn nun der ultimative Aufbaugegner der Liga? Mal die allwissende Tante Google fragen:

Werder Bremen Aufbaugegner hat 10.800 Suchergebnisse. Übertroffen wird das erwartungsgemäß von den Bayern, denn die Suchanfrage Bayern München Aufbaugegner kommt auf 14.600 Ergebnisse. Unser Nordrivale schneidet noch besser ab: 20.100 Treffer liefert die Suche nach Hamburger SV Aufbaugegner. Mit Abstand die Nummer 1 im Norden ist jedoch der kleine HSV, mit 49.200 Suchergebnissen für Hannover 96 Aufbaugegner. Überraschend knapp fällt hingegen das Revierderby aus: Schalke 04 Aufbaugegner weist stolze 59.700 Treffer auf, wird aber von Borussia Dortmund Aufbaugegner mit 62.000 Hits noch überboten. Damit liegt der Deutsche Meister der letzten beiden Jahre auch in dieser Wertung ligaweit vorne.

Erstaunlich dabei ist auch, dass jeder andere Bundesligist mehr Suchergebnisse liefert, als Werder Bremen. Sind wir also am Ende vielleicht gar kein so gern gesehener Aufbaugegner für die kriselnde Mannschaften? Ein Blick auf die Ergebnisse dieser Saison könnte Aufschluss geben. Vier der bisherigen sechs Werderniederlagen in dieser Saison kamen gegen die derzeitigen Top-4 der Liga zustande. Eine weitere setzte es gegen die zum damaligen Zeitpunkt ganz und gar nicht kriselnden Hannoveraner. Gegen andere krisengeschüttelte Clubs gab es hingegen Siege: Gegen den HSV, gegen Borussia Mönchengladbach oder zuletzt gegen Hoffenheim. Bleibt unterm Strich nur eine magere Niederlage gegen den FC Augsburg. In der letzten Saison setzte es 11 der 14 Niederlagen gegen Gegner, die am Ende vor Werder platziert waren.

Man ist eben doch nur so sehr Aufbaugegner, wie man sich fühlt.