Kategorie-Archiv: Von der Trainerbank

Robin Dutt und die Suche nach der Balance

Es hat sich nicht unbedingt angedeutet, dass nach nur fünf Spieltage dieser Saison eine Trainerdiskussion beginnt. Nachdem Robin Dutts Team in den bisherigen Spielen mehr Fragen als Antworten aufgegeben hat, scheint es jedoch ohnehin nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Diskussion den Verein erreicht.

Lost in transition

Wirklich schlecht hat Werder bislang kaum gespielt in dieser Saison. Im Pokal war die Leistung über weite Strecken schwach. Gegen Hertha schien sich diese zu bestätigen, doch immer wieder konnte Werder zulegen und war insgesamt spielerisch mit den Gegnern auf Augenhöhe – Leverkusen einmal außen vor. Dennoch hat Werder in dieser Saison wieder etwas sehr Fragiles an sich, das man letzte Saison (trotz der insgesamt 66 Gegentore) überwunden glaubte. Der unverkennbare offensive Fortschritt steht auf tönernen Füßen. Robin Dutt sieht den Grund für die 13 Gegentore nicht in der offensiveren Spielweise und in der Tat war es nur selten so, dass Werder ausgekontert wurde oder sich hinten in Unterzahl befand. Und doch ist Robin Dutt bislang den Beweis schuldig geblieben, dass er mit seiner Mannschaft auch dann erfolgreich sein kann, wenn der Fokus nicht komplett auf der Defensive liegt.

Zu Beginn der letzten Saison und zu Beginn der Rückrunde zeigte Werder jeweils erschreckende fußballerische Mängel, konnte jedoch mit konzentriertem und sehr simplem Defensivfußball genügend Punkte holen, um sich aus dem gröbsten Abstiegssumpf herauszuhalten. Es gab auch zu jener Zeit Spiele, in denen Werder völlig unterging. Schön anzusehen war der Stil ohnehin nicht. Aber er war pragmatisch genug, um trotz spielerischer Unterlegenheit genügend Punkte zu holen. Dazwischen gab es eine Phase, in der Dutt mehr Offensive gewagt hat und damit kräftig auf die Nase gefallen ist. Zwischen dem 10. und dem 16. Spieltag kassierte man 25 Gegentore (3,6 pro Spiel). Gängige Meinung damals: Der Schritt kam zu früh für die Mannschaft, also kehrte man zum Defensivstil zurück. Im letzten Saisondrittel gab es einen erneuten Versucht und diesmal schien der Weg erfolgreicher zu sein. Mit dem Rückenwind des fast sicheren Klassenerhalts steigerte sich Werder spielerisch. Es bildeten sich mehr feste Abläufe in Werders Spiel. Dutt hielt an einem System und einem Kreis von 13-14 Spielern fest. Es war der Anfang einer fußballerische Entwicklung, die man lange Zeit in der Saison vermisst hatte.

Eine Fortführung dieser Entwicklung war für diese Saison erhofft worden und eigentlich kann man nicht bestreiten, dass Werder sich diesbezüglich auf eine recht guten Weg befindet – wenn die alten Defensivschwächen nicht aufgetreten wären. Es wäre falsch, diese ausschließlich auf individuelle Fehler zu schieben, doch es ist schon frappierend, wie häufig Werder in Situationen Gegentore kassiert, in denen das Team eigentlich recht geordnet steht. Das Tor zum 1:1 in Augsburg war ein gutes Beispiel hierfür. 20 Meter vor dem eigenen Tor einen ballführenden gegnerischen Spieler nicht unter Druck zu setzen, kann man sich in der Bundesliga nicht erlauben. Dass Fritz seinen Gegenspieler aus den Augen verliert, nachdem Augsburg von der ersten Minute an versucht hatte, die Bälle in seinen Rücken zu spielen, kommt erschwerend hinzu.

O captain, my captain

Hier wären wir leider auch schon beim nächsten Problem: Der Kapitän hat einen Punkt erreicht, an dem er eigentlich spielerisch nicht mehr tragbar ist für seine Mannschaft. So wichtig er im sozialen Gefüge des Teams sein mag, so sehr trägt er in der Defensive zur Verunsicherung der Mannschaft bei. Bereits im ersten Spiel der Saison in Illertissen verschuldete Fritz auf erschreckende Weise ein Gegentor. Das Tor war exemplarisch für die Schwächen, die sich wie ein roter Faden durch die letzten beiden Jahre ziehen. Selbst im Strafraum wird der aktive Zweikampf gescheut, getreu dem Motto: Lieber den Gegner schießen lassen, als von ihm ausgetanzt zu werden. Das ist Alibifußball, den man sich als Kapitän nicht erlauben darf.

Es ist ohnehin frappierend, wie häufig Fritz offenkundig abschaltet, schon bevor das Gegentor gefallen ist, wie zum Beispiel beim 0:1 gegen Hoffenheim, als Fritz zunächst fragwürdig einrückte und dann an der Strafraumgrenze stehen blieb, statt auf einen eventuellen Abpraller zu spekulieren. In Berlin gab es eine ähnliche Szene beim 0:1. In beiden Fällen hätte Fritz das Gegentor nicht mehr verhindern können, doch dass er dies schon vorher als gegeben sieht und an der Stelle das Mitspielen einstellt, ist ein schlechtes Zeichen an die Mannschaft. Nicht zufällig wird von den meisten Gegnern inzwischen Werders rechte Abwehrseite von den Gegnern gezielt angespielt und auch Dutts Präferenz für einen sehr linkslastigen Angriffsstil dürfte unter anderem darauf abzielen, für ein wenig Entlastung auf den Schultern des Kapitäns zu sorgen.

Die ersten Saisonspiele haben deutlich gemacht, dass der Wechsel hin zu Busch (bzw. Zander) eher früher als später erfolgen muss. Zumindest aber braucht Fritz wie in der letzten Saison viel Unterstützung vom Spieler vor ihm. Ein Konterspieler wie Bartels ist da nicht ideal. Gut denkbar daher, dass Busch zunächst die Rolle von Selassie aus der letzten Saison übernimmt und zusammen mit Fritz die rechte Seite dicht machen soll.

Aufs falsche Pferd gewettet?

Bartels könnte somit auf die andere Seite hinüber wechseln, wo Eljero Elia weiterhin sein bekanntes, phlegmatisches Spiel an den Tag legt. Den immer wieder durchschimmernden starken Aktionen folgen genauso regelmäßig absurde Fehler und zeitweiliges Abtauchen. Dazu kommen die bekannte Abschlussschwäche (die Werder gegen Schalke eines der schönsten Kontertore der letzten Jahre verwehrte) und die mentale Anfälligkeit, die ihn gegen Augsburg und Schalke völlig aus dem Spiel brachte. Für einen Spieler seiner Gehaltsklasse und mit seiner Erfahrung ist das viel zu wenig.

Umso erstaunlicher ist es, dass Dutt den in der U23 groß aufspielenden Aycicek genauso wenig beachtet, wie den in Ungnade gefallenen Obraniak. Aycicek wurde durch die Ausfälle am Dienstag zumindest in den Kader gespült und kam zu seinem ersten Saisoneinsatz. Obraniak scheint nur noch gebraucht zu werden, um den freien Platz auf der Bank auszufüllen. Es müsste wohl schon einiges passieren, damit der Pole noch einmal ins Team rutscht. Da auch Neuzugang Hajrovic noch weit davon entfernt ist, die Mannschaft spielerisch zu beleben, bleibt ein riesiger Berg an Verantwortung auf Zlatko Junuzovics Schultern liegen. Als offensiverer (oder auf vertikaler) Sechser ist er Werders wichtigster Umschaltspieler, der – auch systembedingt durch das Fehlen eines 10ers im 4-4-2 – einen riesigen Raum zwischen Abwehrkette und Sturmspitze beackern muss. Ein wenig erinnert dies an seine Rolle vor zwei Jahren in Schaafs 4-1-4-1- System. Anders als damals hat er heute jedoch einen weiteren Sechser neben bzw. hinter sich. Leider zeigt Gálvez in der Position trotz vielversprechender Ansätze bisher mehr Schatten als Licht. Insbesondere im Zweikampfverhalten tut sich der gelernte Innenverteidiger in der ungewohnten Rolle noch schwer.

Viel Richtiges im Falschen

Die Gefahr der drei Unentschieden zu Beginn war immer, dass sie im Licht der folgenden Ergebnisse gedeutet werden würden. Vor acht Tagen war Werder noch ohne Niederlage, heute ist man fünf Spiele sieglos. Solche Serien haben Auswirkungen auf den mentalen Zustand der Mannschaft. Gegen Schalke hatte Werder zum ersten Mal nach dem Rückstand nichts mehr gegenzusetzen. Die individuellen Fehler von Wolf und Galvez wogen zu schwer, als dass Werder gegen die folglich selbstbewussteren Schalke eine erneute Aufholjagd starten konnten. Die Gewissheit, Rückstände drehen zu können, die sich in den Köpfen der Spieler verfestig zu haben scheint, beginnt spätestens jetzt zu bröckeln. Es war ohnehin klar, dass dies nicht über längere Zeit möglich sein würde – wer ständig in Rückstand gerät, verliert die meisten Spiele.

Nun droht sie die Entwicklung zu verselbstständigen, wie so häufig im Fußball. Ich halte Dutt für einen geeigneten Trainer, um dagegen zu lenken. Seine größte Stärke war bislang sein Pragmatismus, der in Bremen schon für einige Verwirrung gesorgt hat. Vielleicht muss Dutt dazu jedoch erneut von seinem eingeschlagenen Weg abweichen und würde somit zum zweiten Mal eingestehen, dass Werders spielerischer Entwicklung das Fundament fehlte. Eine Rückkehr zum Stil der letzten Saison wünscht sich vermutlich niemand, doch ich glaube nicht, dass Dutt davor zurückschrecken würde, wenn er es für den einzigen Weg aus dem Tabellenkeller hielte. Eine erneute Niederlage heute gegen Wolfsburg könnte den entscheidenden Anstoß dafür liefern, denn dann wird auch Dutt wissen, dass all seine Bemühungen ein Spiel auf Zeit sind, solange Werder im Tabellenkeller steht.

Solange der größte Trumpf des Teams, die immer wieder betonte “Mentalität” der Mannschaft, nicht zu bröckeln beginnt, wird Dutt intern meiner Auffassung nach den nötigen Rückhalt bekommen. Die Mannschaft machte auf mich bislang nicht den Eindruck, dass ihr grundsätzlich etwas fehle, um in der Bundesliga mitzuhalten. Auch gegen Schalke machte man vieles richtig und hätte gegen die taktisch nicht überzeugenden und spielerisch verunsicherten Gäste durchaus gewinnen können. Zum Abschluss ein sinngemäßes Zitat, das ich vor kurzem im Worum aufgeschnappt habe und das ich sehr treffend finde: Es sind schon häufiger Mannschaften aus der Bundesliga abgestiegen, die vieles richtig gemacht haben, in der letzten Saison zum Beispiel Nürnberg. Es kommt vielmehr darauf an, wenig falsch zu machen.

Treffender kann man Werders derzeitige Probleme in zwei Sätzen kaum beschreiben.

Saisonvorschau – Der Trainer

Robin Dutt geht in seine zweite Saison als Werders Cheftrainer und die Vorzeichen sehen besser aus als noch vor einem Jahr. Werder hinterlässt in diesem Sommer nicht mehr den Eindruck eines Vereins, der alles auf den Kopf stellen muss, um die Negativentwicklung der letzten Jahre umzukehren. Es hat sich langsam ein Fundament herausgebildet, auf dem nun aufgebaut werden soll. Vieles wirkt eingespielter, auf und neben dem Rasen. Dementsprechend werden langsam auch die Ziele offensiver formuliert. Daran ändert auch der schwer zu kompensierende Abgang von Aaron Hunt nichts. Nicht mehr der Kampf ums reine Überleben steht im Mittelpunkt, sondern der nächste Entwicklungsschritt, der gemacht werden und an dessen Ende möglichst ein einstelliger Tabellenplatz stehen soll.

Vom Basisarbeiter zum Entwickler

Durch diese veränderte Maßgabe ändert sich auch die Rolle des Trainers. In der letzten Saison wurde immer wieder betont, dass vor allem an den “Basics” gearbeitet werden müsse. Das Team war zwischenzeitlich so verunsichert, dass selbst einfache fußballerische Abläufe nicht mehr funktioniert haben. Der Aufbau einer eigenen spielerischen Identität war zu dieser Zeit noch sehr weit weg. Dies änderte sich im letzten Saisondrittel, als Werder dem Klassenerhalt immer näher kam und Dutt sowohl eine feste Formation als auch eine mehr oder weniger feste Startelf gefunden hatte. Auch wenn in jener Phase nur in Ansätzen schöner Fußball von Werder zu sehen war, konnte man immerhin einen Plan erkennen, wie Werder das eigene Spiel aufziehen wollte. Man könnte auch sagen: Spieler und Trainer haben zusammengefunden.

In dieser Saison stellt sich die Situation anders dar. Dutt und seine Co-Trainer haben sich inzwischen gut im Verein akklimatisiert, kennen die Stärken und Schwächen der Spieler besser und können auf ein etabliertes Mannschaftsgerüst zurückgreifen. Ist also damit zu rechnen, dass Werder in der kommenden Saison vielleicht nicht nur einen sondern sogar zwei Schritte vorwärts (sprich: in Richtung Europa League) macht? Ausschließen muss man diese Möglichkeit nicht, doch es wäre vermessen darauf zu setzen. Zu viele Faktoren müssten dazu zusammenkommen, die sich vor der Saison schlecht prognostizieren lassen.

Unwägbarkeiten und Kadertiefe

Werders Kader ist auf den ersten Blick breit aufgestellt, auf den zweiten Blick lassen sich einige Positionen erkennen, auf denen es mit der Kaderdichte nicht allzu weit her ist, bzw. in denen Werder auf deutliche Leistungssteigerungen der Protagonisten angewiesen ist. Zu nennen wären hier die Außenverteidiger-Positionen, auf denen nur zwei Spieler mit Bundesligaerfahrung zur Verfügung stehen und mit Marnon Busch und Luca Zander zwei hoffnungsvolle Talente dahinter warten. Nicht ganz so eng sieht es im offensiven Mittelfeld  und im Angriff aus, doch auch dort ist die Personaldecke an gestandenen Bundesligaprofis noch dünn. Es braucht wohl nicht viele Verletzungen und Werders Ersatzbank besteht zu 50% aus Nachwuchsspielern. Das muss selbstredend kein Nachteil sein, kann sich im Gegenteil sogar als Glücksfall für den Verein erweisen, wenn Spieler wie Aycicek oder Kobylanski den nächsten Entwicklungsschritt machen. Wenn dieser jedoch ausbleibt – diese Gefahr besteht bei jungen Spielern nun einmal – hätte dies vermutlich größere Auswirkungen auf Werders Saison als bei anderen Vereinen.

Die Stärke der Konkurrenz ist ebenfalls ein Punkt, der eine allzu optimistische Prognose verhindert. Die Teams, die sich mit Werder beim Kampf um die gesicherten Mittelfeldplätze auf Augenhöhe befinden sollten, haben fast alle mehr Geld in ihren Kader investiert als Werder. Bleibt zu hoffen, dass Werder cleverer investiert hat als viele von ihnen und somit dennoch konkurrenzfähig bleibt. Hinter den 5-6 großen Teams, die die internationalen Plätze wohl unter sich ausspielen werden, gibt es eine große Gruppe an Vereinen, die sich um die Plätze 7-16 streiten. Klare Abstiegskandidaten lassen sich diese Saison kaum festmachen. Es dürfte also wieder mal auf Kleinigkeiten ankommen, die den Unterschied zwischen einem gesicherten Mittelfeldplatz und einer Saison in latenter Abstiegsgefahr ausmachen. Um eine realistische Chance auf Platz 9 zu haben, wird Werder ungefähr 45 Punkte benötigen. Das mag nicht wie ein großer Schritt erscheinen, ist in einer Liga mit hoher Leistungsdichte in den unteren zwei Dritteln jedoch auch kein Katzensprung. Voraussetzung dafür ist es, die taktische und spielerische Lücke zu Vereinen wie Mainz oder Augsburg zu schließen.

Defensive und offensive Problemfelder

Die Sorgen um die Defensive sind trotz der erneut viel zu großen Anzahl an Gegentoren etwas geringer geworden. Das liegt zum einen an der geänderten Verteilung der Gegentore: Ein knappes Drittel aller Spiele ging “zu Null” aus, was für Werder in der letzten Saison essentiell für den Klassenerhalt war: In diesen Spielen holte Werder 24 Punkte. Zum anderen liegt es daran, dass Werder den Gegentorschnitt im Verlaufe der Saison deutlich senken konnte. An den letzten 14 Spieltagen gab es 21 Gegentore, also nur noch 1,5 pro Spiel, während Werder an den 20 Spieltagen davor 45 Gegentore kassierte (2,25 pro Spiel).* Der Trend zeigt zumindest in die richtige Richtung und man darf davon ausgehen, dass Werder in der kommenden Saison die Zahl der Gegentore deutlich unter 60 senken kann.

Auch wenn Robin Dutt die Anzahl der Gegentore als Hauptproblem ausgemacht hat, war auch die Anzahl der geschossenen Tore nicht zufriedenstellend: 1,24 Tore schoss Werder pro Spiel, nur vier Teams erzielten weniger – zwei davon stiegen ab. So war man sehr davon abhängig, die Null zu halten. Schaffte man dies nicht, war die Siegwahrscheinlichkeit sehr gering (lediglich drei Spiele mit Gegentor wurden gewonnen). Zwar wurde Werder im letzten Saisondrittel langsam torgefährlicher, doch ist man hier noch nicht auf einem Niveau angelangt, das ausreicht, um einen einstelligen Tabellenplatz anpeilen zu können. Deshalb gilt es nicht nur, die Entwicklung fortzusetzen (was durch Hunts Abgang ohnehin nur begrenzt möglich ist), sondern neue spielerische Elemente in Werders Spiel zu integrieren. Es ist zu begrüßen, dass weiterhin viel Wert auf das Gegenpressing gelegt wird, doch auch das eigene Passspiel sollte verbessert werden. Die extreme Linkslastigkeit und die vielen hohen Bälle in der Spieleröffnung dürften nach und nach weniger werden, wenn Werders Ballrotation im Mittelfeld sicherer wird. Ganz entscheidend wird zudem sein, wie das Team die eigene Torgefahr erhöhen kann. Der Kader ist nicht unbedingt gespickt mit Spielern, denen man eine zweistellige Torausbeute zutraut (der einzige Spieler im Kader, der dies überhaupt je geschafft hat, ist meines Wissens Nils Petersen).

Zwischen Nachwuchsförderung und Mannschaftsentwicklung

Die Torgefahr muss somit auf mehrere Schultern verteilt werden, bzw. die vorhandenen Waffen der Spieler gilt es besser auszunutzen. Wie bringt man besipielsweise Hajrovic möglichst oft in gute Schusspositionen in Strafraumnähe, aus denen er mit seinem starken linken Fuß abschließen kann? Wie nutzt man die Kopfballstärke von Prödl, Galvez, Caldirola und Garcia bei Standards geschickt aus? Kann Di Santo neben einem spielstarken zweiten Stürmer noch ein Goalgetter werden? Diese und einige andere Fragen wird sich Dutt im Sommer gestellt haben. Die Testspiele deuten schon an, dass sich Werders Spielanlage etwas geändert hat und weniger reaktiv ist als letzte Saison. Die ersten Pflichtspiele werden zeigen, ob sie auch unter Druck funktioniert oder der Coach erneut umdenken muss. Dutt ist bekanntlich ein sehr pragmatischer Trainer, was in der letzten Saison ein klarer Vorteil war. In dieser Saison muss er zeigen, dass er die Entwicklung seiner Mannschaft vorantreiben kann.

Von vielen wird Dutt daran gemessen, ob er es schafft, möglichst viele Nachwuchsspieler ins Team zu integrieren. Für mich ist dieses Thema nicht unwichtig, aber im Vergleich zu anderen Aufgaben doch etwas nachrangig. Werders Jugendarbeit krankt(e?) an vielen Stellen und nur der letzte Schritt davon ist die Integration von Talenten in die Profimannschaft. Dutt kann letztlich nur integrieren, was er aus dem Jugendbereich geliefert bekommt und hier klafft gelegentlich eine größere Lücke zwischen der allgemeinen Begeisterung für einen talentierten Jungspieler und dessen tatsächlicher Leistungsstärke. Der Trainer muss seinen gesamten Kader im Blick behalten und die Spieler individuell wie mannschaftlich weiterentwickeln. Die Viererkette kann hier als Beispiel dienen, wie dies aussehen kann: Durch eine veränderte Taktik wurde zunächst der Druck von den spielerisch nicht überragenden Akteuren genommen, so dass diese sich voll auf ihre Stärken konzentrieren konnten. Dies dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, dass sich Prödl und auch Lukimya im letzten Jahr so sehr steigern konnten. Und ohne Spieler wie Luca Caldirola von außen hinzuzukaufen und in Bremen zu entwickeln wird es auch zukünftig nicht gehen, denn ich kann mich an keinen Innenverteidiger von vergleichbarer Qualität erinnern, den Werders Nachwuchs in diesem Jahrtausend hervorgebracht hätte.

In diesem Jahr steht Dutt in der Offensive vor einer ähnlichen Aufgabe. Auf der Suche nach einer spielerischen Identität muss er die richtige Zusammensetzung seiner Offensivabteilung finden, dabei Spieler wie Obraniak und Hajrovic (und eventuell Ruiz) integrieren und gleichzeitig das Leistungsvermögen der Nachwuchsleute richtig einschätzen. Dabei geht er bislang ebenfalls den pragmatischen Weg: Ein Nachwuchsspieler muss besser sein als sein Konkurrent, nur dann spielt er. Nach Talentförderung ihrer selbst Willen klingt das nicht unbedingt. Dieser Punkt unterstreicht, dass Werder noch nicht auf dem Status etwa eines SC Freiburg angekommen ist, der notfalls auch mal ein Jahr in die zweite Liga gehen kann, um mit einer neuen Generation Talente zurückzukehren. Dutt steht unter größerem Ergebnisdruck und muss im Einzelfall abwägen, ob es sich lohnt, einem Nachwuchsspieler längere Einsatzzeiten zu geben, wenn dafür ein aktuell besserer Profi draußen bleibt. Denn nicht ohne Grund wird im Verein immer wieder betont, dass es ein Ziel ist, zukünftig ein Drittel des Kaders aus dem eigenen Nachwuchs zu beziehen. Das dürfte jedoch weniger Dutts Maßgabe für die aktuelle Saison sein als ein langfristiges Ziel für den gesamten Verein. Die jüngsten Entwicklungen der U23 wecken Hoffnung, dass der Verein sich langsam in die Richtung bewegt.

* Der Vergleichszeitraum ist natürlich etwas willkürlich, doch ich habe den Schnitt bewusst zu der Zeit gemacht, da Dutts taktische Marschroute in der Rückrunde langsam zu greifen begann.

Gedanken zu Werders System 2014/15

Wohin geht die Reise bei Werder in dieser Saison? Im Verein gibt man sich betont optimistischer als in der letzten Saison. Ein Mittelfeldplatz soll her, möglichst ein Einstelliger. Die Zeichen dafür sehen trotz des Abgangs von Aaron Hunt nicht schlecht aus. Mit Galvez und Hajrovic hat Eichin zwei starke Transfers zum Nulltarif eingetütet und dazu mit Bartels eine brauchbare Alternative verpflichtet. Das Gerüst des Kaders steht, auch wenn es noch Positionen gibt, auf denen Werder etwas dünn besetzt ist. In der zweiten Reihe wird es daher auch darauf ankommen, dass zwei bis drei Spieler aus dem Nachwuchs den Anschluss schaffen. Aussichtsreichste Kandidaten hierfür sind Zander und Aycicek, aber auch dem bei der U19-EM auftrumpfenden Selke kann man Chancen einräumen.

Eine sehr wichtige Frage ist auch, wie Robin Dutt in der kommenden Saison das Team taktisch weiterentwickeln möchte. In der letzten Saison war viel Basisarbeit gefragt, deren Erfolg erst gegen Ende der Saison sichtbar wurde. Darauf gilt es nun aufzubauen. Präferiertes System scheint dabei weiterhin die im letzten Saisondrittel gut funktionierende Raute zu sein. In der Vorbereitung wurde auch schon mit einer Dreierkette getestet, die spätestens seit der WM wieder im Mainstream angekommen ist. Möglich ist auch, dass Dutt ohne Hunt auch noch einmal sein früher präferiertes 4-3-3/4-3-2-1 auspackt. Ein 4-2-3-1 scheint hingegen eher unwahrscheinlich.

Dutts Raute

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Es ist noch nicht lange her, dass die Raute als Auslaufmodell galt, vor allem in Bremen. Das lag natürlich vor allem an Werders Defiziten in den letzten Jahren unter Schaaf, die allerdings nicht nur im Rautensystem, sondern auch im 4-2-3-1 und 4-1-4-1 zum Vorschein kamen. In der letzten Saison zeigte sich dann auch in Bremen, dass Raute nicht gleich Raute ist. Vor allem im Spiel gegen den Ball wurde dies deutlich, namentlich im Pressing und Gegenpressing. Die Raute wird nun ähnlich wie bei Tuchels Mainzern dazu verwendet, den Gegner früh auf eine Seite zu locken und dort anzupressen. Die Überzahl im Zentrum (bspw. gegen ein 4-2-3-1) wird für mehr Kompaktheit genutzt. Das von mir in der Vergangenheit gerne kritisierte Loch vor der Viererkette taucht nur noch selten auf.

Dennoch lässt die Raute der letzten Saison noch Wünsche offen. Das Flügelspiel war bestenfalls durchschnittlich, wobei die Stürmer gegen Ende der Saison hier klar aufsteigende Tendenz zeigten und häufiger im richtigen Moment den Weg auf die Flügel suchten. Hier steht Dutt nun vor der Frage, ob er die Außenverteidiger noch offensiver agieren lassen will (wie vor einem Jahr versucht) oder lieber auf eine konservativere Ausrichtung setzt. Letzte Saison spielte Garcia häufig offensiver als Fritz auf der anderen Seite, sodass eine Asymmetrie entstand, die sich mit Werders linkslastiger Ausrichtung deckte. Luca Zander böte auf der rechten Seite sicherlich andere Möglichkeiten, was das Offensivspiel angeht.

In Ballbesitz lässt sich der Sechser häufig zwischen die Innenverteidiger fallen, so dass im Aufbau ein 3-4-1-2 entsteht. Spielen beide Außenverteidiger offensiv, kommt es nicht nur auf die Abstimmung mit den außen absichernden Innenverteidigern an – die links mit Caldirola und Garcia schon sehr gut funktioniert – sondern auch auf die Rolle der beiden Achter. Ihnen kommt in dieser Auslegung der Raute die wohl wichtigste Funktion im Team zu. Sie müssen sowohl die Flügel als auch den Sechser absichern, situativ in die Spitze vorstoßen, die richtige Balance beim Pressing finden und zum Überladen die Seiten wechseln. Für Dutt besteht die Herausforderung darin, die richtige Mischung aus kreativen und destruktiven Spielern zu finden. Wohl auf keiner Position hat er soviel Auswahl: Mit Bargfrede, Makiadi, Selassie, Obraniak, Aycicek, Junuzovic und Bartels kommen gleich sieben Spieler für zwei Positionen in Frage.

Das Aufbauspiel, das letzte Saison zwar gute Ansätze zeigte, jedoch kaum weiterentwickelt wurde, ist eine weitere Baustelle. Spielerisch war das Mittelfeld zu schwach, um per Kombinationsspiel ins Angriffsdrittel zu gelangen. Die langen Bälle auf den linken Flügel erwiesen sich als probates Mittel, waren jedoch eher aus der Not geboren und machten Werder sehr ausrechenbar. Das soll in der neuen Saison anders werden. Der Schlüssel hierzu ist in der Raute der Sechser, der von ganz hinten die Bälle verteilt und somit das Aufbauspiel dirigiert. Hier steht mit Kroos ein talentierter, aber noch kein richtig guter Ballverteiler zur Verfügung. Bargfredes Passspiel ist besser als von vielen behauptet, aber er hat seine stärken eher im Kurzpassspiel als in der strategischen Spieleröffnung. Gut möglich daher, dass Dutt hier auf Neuzugang Galvez setzt, der von einem der passsichersten Vereine Europas kommt. Dies wird auch davon abhängen, ob Prödl noch verkauft wird und Glavez in der Innenverteidigung benötigt wird. Seine Ansätze im Testspiel gegen Bilbao waren jedenfalls vielversprechend.

Das Weltmeister-System

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Auch wenn es in nahezu allen deutschen Medien ab dem Viertelfinale falsch dargestellt wurde: Deutschland spielte bis zu Kramers Verletzung im Finale bei der WM durchgängig ein 4-3-3. Nun ist Werder in puncto Passspiel und Pressingresistenz nicht annähernd auf vergleichbarem Niveau wie die Nationalmannschaft und kann sich deren Spielweise nicht als Vorbild nehmen. Dutts 4-3-3/4-3-2-1 System, mit dem er bei Freiburg, Leverkusen und auch zu Beginn in Bremen agieren ließ, weist dennoch einige Parallelen zum deutschen WM-System auf. Hierzu zählen die Asymmetrie auf dem Flügel, die einrückenden Außenspieler und der Fokus auf die Kontrolle des Zentrums. In der letzten Saison konnte Dutt seinen wichtigsten Offensivspieler Aaron Hunt nicht sinnvoll in dieses System einbauen. Zudem verfügte er nicht über einen geeigneten Mittelstürmer für ein Ein-Stürmer-System. Nach Hunts Abgang und Di Santos Formanstieg scheint der Weg für das 4-3-3 in dieser Saison frei zu sein. Gegenüber der Raute hat das System den Vorteil, dass die Flügel in der Offensive besser genutzt sowie Elia und Hajrovic gemeinsam eingebaut werden können.

Das 4-3-3 dürfte wohl vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn in der Raute keiner der Kandidaten für die 10er-Position überzeugen kann und man ein direkteres Spiel über die Flügel bevorzugt. Defensiv ändert sich durch die 4-3-Stellung von Abwehr und Mittelfeld nicht viel, doch das System hat den Vorteil, dass aufrückende Außenverteidiger einen direkten Gegenspieler haben. Anders als in Schaafs 4-1-4-1 vor zwei Jahren gehen die Außenstürmer jedoch nicht mannorientiert jeden Weg mit, sondern es wird insgesamt schmaler gestanden und der Gegner erst dann gestellt, wenn der Ball bereits auf dem Flügel ist (vgl. Pressingfalle). Auch schalten sich die Achter nur selten ins Angriffspressing ein.

Schwachpunkt des Systems ist die Vernachlässigung des 10er-Raums. Hier muss es zwischen Außenstürmern und Achtern eine gute Abstimmung geben, da ansonsten eine Lücke im offensiven Zentrum klafft und der Mittelstürmer isoliert wird. Wie man es richtig macht, zeigte bspw. Atletico Madrid in der letzten Saison, die in einem flachen 4-4-2 trotzdem ständig Anspielstationen im Zehnerraum schufen. Defensiv kann die Formation dann problematisch werden, wenn sich die Außenstürmer unzureichend am Defensivspiel beteiligen und der Gegner das Dreiermittelfeld auseinander ziehen kann.

Experiment Dreierkette

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Der Taktiktrend der WM hinterlässt Spuren im Vereinsfußball: Louis Van Gaal versucht gerade sein 3-5-2-System zu Manchester United zu importieren und Pep Guardiola experimentiert wie vor drei Jahren in Barcelona mit einem 3-4-3. Nicht weiter verwunderlich also, dass auch bei Werder ein System mit Dreierkette diskutiert wird, zumal man mit Galvez einen passstarken Innenverteidiger verpflichtet hat, der eigentlich zu stark für die Ersatzbank ist. Neben der Option, Galvez im defensiven Mittelfeld einzusetzen, bleibt auch die Möglichkeit, ihn zwischen Prödl und Caldirola als dritten Innenverteidiger aufzubieten. Im Spielaufbau dürfte dies auch in den anderen Systemen häufig zu dieser Aufstellung kommen, warum also die Abwehr nicht gleich zu einer Dreierreihe umformieren?

Besonders wichtig ist in diesem System die Rolle der Außenspieler, Wingbacks genannt, die sowohl in der Offensive für die Breite sorgen als auch defensiv die Dreierkette unterstützen müssen. Ihre Rolle ist der in einer Raute nicht unähnlich, nur dass sie noch mehr offensive Verantwortung tragen und defensiv zumindest theoretisch besser durch die Innenverteidiger abgesichert werden können. Garcia liegt diese Spielweise sicherlich eher als Fritz, sodass neben Newcomer Zander auch Gebre Selassie eine Alternative als rechter Wingback wäre. Das Risiko eines solchen Systems besteht darin, dass man von passsicheren Gegnern mit starken Außenstürmern weit nach hinten gedrängt werden kann und dann Probleme bekommt, das 5-3-2 wieder aufzulösen. Im Extremfall werden auch noch die Sechser weit nach hinten gedrängt (wie es etwa den Niederlanden bei der WM gegen Mexiko passierte), sodass bis zu sieben Spieler auf einer Linie stehen.

Eine wichtige Frage wäre dann noch, ob Dutt im Mittelfeld die in Raute und 4-3-3 verwendete “1-2-Stellung” im Mittelfeld bevorzugt (also ein Sechser und zwei Achter) oder ob man lieber mit einer “2-1-Stellung” spielt. Letztere ist die gebräuchlichere Variante, die im Ballbesitz (auch hier eine Parallele zur Raute) zu einem 3-4-1-2 wird. Das 3-3-2-2, das im erstgenannten Fall entsteht, ist risikoreicher, bietet in der Offensive aber mehr Möglichkeiten. Konsequent wäre die 2-1-Variante, weil durch den dritten Innenverteidiger ein Einrücken eines Mittelfeldspielers in die Abwehrkette nicht mehr nötig ist – der Sechser des 1-2-Mittelfelds steht quasi schon eine Reihe weiter hinten. Für die beiden Sechserpositionen kommen dann auch Spieler wie Makiadi und Selassie in Frage, die eigentlich eher Box-to-Box Spieler sind als klassische Sechser. Eine Variante mit nur einem Stürmer (3-3-3-1 bzw. 3-3-1-3) halte ich für äußerst unwahrscheinlich.

Ohnehin dürfte das 3-5-2 zunächst nur eine taktische Alternative sein, nicht jedoch der Plan A des Trainers. Bei Werder hätte das System wohl vor allem den Zweck, die Defensive zu verstärken und nicht (wie etwa bei Bayern oder Chile) mehr Spieler im Mittelfeld zu haben. Man kann es sich nicht leisten, die Wingbacks im Stile von Außenstürmern agieren zu lassen und wäre so noch mehr von der individuellen Stärke der Offensivleute abhängig. Das kann angesichts des Substanzverlusts der letzten Jahre in diesem Bereich nicht das Ziel sein. Eine WM, die nur einen Monat lang andauert und bei der jedes Gegentor das Aus bedeuten kann, ist dann eben doch etwas anderes, als eine Bundesligasaison, in der die Gegner viel Zeit haben, sich auf ihre Gegner einzustellen und in der man ein Defensivsystem im Laufe der Spielrunde. Dennoch: Das 3-5-2 ist eine spannende Option, die Werder mit dem aktuellen Personal gut spielen kann.

Das 4-2-3-1 als Notlösung

werder-4-2-3-1

Vorbei die Zeiten, in denen das 4-2-3-1 die automatische Default-Taktik im Weltfußball war. Eine Entwicklung, die vor vier Jahren noch nicht ersichtlich war, die jedoch wieder einmal beweist, dass keine Formation der anderen per se überlegen ist, sondern immer in Abhängigkeit zum jeweiligen Entwicklungsstand des Fußballs steht. Es wäre allerdings falsch zu behaupten, dass das 4-2-3-1 und seine nahen Verwandten, das 4-4-2 und das 4-4-1-1 gegen den Ball, ausgedient haben. Und auch wenn derzeit nichts daraufhin deutet, dass Dutt einer Rückkehr zum 4-2-3-1 plant, sollte man diese Variante nicht ausschließen. Ein paar Vorteile bietet dieses System nämlich schon noch. Es gehört inzwischen zur Grundausbildung des Fußballs und wird von allen Spielern verstanden, sodass es keiner großen Umstellung bedarf, auf ein 4-2-3-1 umzustellen. Daher kann es auch im Laufe der Saison oder auch im Laufe eines Spiels problemlos eingesetzt werden, wenn es die Umstände erfordern. Diese Umstände dürften dann eher im defensiven Bereich oder der Taktik des Gegners begründet sein, denn in der Offensive scheint dieses System auch weiterhin nicht optimal zu Werders Personal zu passen.

Wofür entscheidet sich Dutt?

Derzeit deutet alles darauf hin, dass Dutt sich zum Saisonbeginn für die Raute entscheidet. In den nächsten Wochen kann zwar noch viel passieren, doch es müsste wohl schon einiges schief laufen, damit Dutt von der Taktik abweicht. Weitere Abgänge und/oder Neuverpflichtungen könnten dabei ebenfalls eine Rolle spielen. Das Gerüst des Teams steht jedoch und solange keine tragenden Säulen den Verein verlassen, wird Dutt daran festhalten. Offene Planstellen sind derzeit eigentlich nur im Mittelfeld zu finden, wo die Auswahl groß ist und kein Spieler als gesetzt gilt. Hier bleibt abzuwarten, ob sich bis zum Saisonauftakt eine klare Hackordnung herausbildet oder Dutt in den ersten Pflichtspielen noch puzzelt.

Dutt ist jedoch kein Trainer, der stur an einem System festhält. Es würde mich schon sehr überraschen, wenn die Raute die komplette Saison über verwendet würde. Werders taktische Flexibilität ist mit den Neuverpflichtungen gewachsen und abhängig von Gegner, Spielstand und aktueller Form wird Dutt sicherlich die Formation anpassen. Gut möglich also, dass wir alle vier hier vorgestellten Varianten früher oder später zu sehen bekommen. Wichtig bleibt vor allem, dass Dutt mit seinem System den geeigneten Rahmen schafft, in dem er die taktischen Feinheiten und das Passspiel seiner Mannschaft weiterentwickeln kann. Denn 2014/15 dürfte für Werder eine “Trainersaison” werden, eine Spielzeit, in der es sehr auf die Entwicklung der Mannschaft ankommt, wenn man sich tatsächlich von Anfang an aus dem Abstiegskampf heraushalten möchte.

Ist Dutt in Bremen schon am Ende?

In meinem letzten Beitrag habe ich anklingen lassen, dass die Luft für Robin Dutt als Werder-Trainer langsam dünn wird und mein Vertrauen darin, dass er Werder zurück auf den richtigen Weg führen kann, schwindet. Dafür wurde mir von manchen Lesern ein zu hartes und von manchen ein zu weiches Urteil vorgeworfen. Deshalb soll es hier statt um die wie erwartet deutliche Niederlage gegen Borussia Dortmund um eine etwas detailliertere Bewertung von Robin Dutts Arbeit gehen. Dabei sind für mich zwei Punkte entscheidend: Wie groß ist Dutts Anteil an der sportlich schlechten Situation und welche Argumente sprechen noch für den Trainer?

Ist das Fußball oder kann das weg?

Spielerisch gehört Werder in dieser Saison zu den schlechtesten Mannschaften der Bundesliga. Bei Ballbesitz und Passquote liegt das Team auf dem letzten Platz. Gerade Werder ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, dass gute Werte bei Ballbesitz und Passquote keinen Erfolg garantieren, bzw. nur begrenzt als Qualitätsbeweis taugen. In der Vergangenheit wurde Werder oft genug von Mannschaften geschlagen, die deutlich schlechtere Passquoten und wesentlich weniger Ballbesitz hatten. Das Paradebeispiel dafür war FSV Mainz, die bei ihren Auswärtssiegen in Bremen 2013/14 (69% Passquote, 43% Ballbesitz) und 2011/12 (64% Passquote, 35% Ballbesitz) in diesen Kategorien jeweils deutlich schlechter abschnitten, als ihr Gegner.

Die schlechten Werte sind nicht nur Resultat einer allgemeinen Verschlechterung des Bremer Passspiels, sondern auch einer Abkehr von Schaafs Kurzpassfußball hin zu einem reaktiven Stil. Dieser Stilwechsel kam nicht überraschend und ich halte ihn auch nach wie vor für richtig. Die Grundlagen, die Werder in den letzten Jahren der Ära Schaaf fehlten, und die noch immer fehlen, waren eher im taktischen Bereich und in der Defensivorganisation zu suchen, während man spielerisch noch immer konkurrenzfähig war. Man geht nun also bewusst einen Schritt zurück. Der Aufbau einer neuen spielerischen Identität, so das Kalkül dahinter, braucht weitaus mehr Zeit, als die Vermittlung einer pragmatischen Spielweise, die mangelnde Klasse durch hohe Bälle und viel Kampf zumindest vorübergehend wettmachen kann. Deshalb ist die desolate spielerische Verfassung der Mannschaft für mich derzeit nicht der Maßstab, um Dutts bisherige Arbeit zu bewerten – wohl aber seine zukünftige Arbeit, sofern er in der nächsten Saison noch Trainer ist, denn die momentane Spielweise darf nur eine Momentaufnahme, ein Mittel zum Zweck sein.

Verzweifelt gesucht: Defensive Stabilität

Ist also alles Gut im Werder-Land? Nein, denn die Ausführung der beschriebenen pragmatischen Spielweise lässt noch zu wünschen übrig. Bei 45 Gegentoren in 20 Spielen lässt sich nicht von einer defensiven Stabilisierung sprechen. Normalerweise müsste diese Bilanz in Verbindung mit den oben genannten spielerische Schwächen dazu führen, dass Werder chancenlos absteigt. Warum aber steht Werder auf dem 13. Platz? Zum einen liegt es an der Schwäche der Konkurrenz. Am gleichen Spieltag der Vorsaison hätten Werders 20 Punkte den Relegationsplatz bedeutet. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass Werder allen Gegentoren zum Trotz bereits sechs Mal ohne Gegentor blieb, was seit vier Jahren nicht mehr gelungen ist.

Diese Spiele ohne Gegentor sind der (einzige?) Schlüssel zum Erfolg in dieser Saison. 14 der 20 Punkte wurden in diesen Spielen geholt. Es versteht sich von selbst, dass Spiele ohne Gegentor zu Erfolg führen, doch für Werder gilt dies in besonderem Maße, weil offensiv so wenig Gefahr ausgestrahlt wird, dass es kaum möglich ist, einen Rückstand aufzuholen. Darum verwundert es umso mehr, dass Dutt zur Hälfte der Hinrunde vom bis dahin recht erfolgreichen Defensivstil abwich und sich an einer offensiveren Ausrichtung versuchte. Statt tief zu verteidigen wollte man nun im Mittelfeld das Gegenpressing suchen und dadurch zu höheren Ballgewinnen kommen. Wenn schon kaum einmal drei Pässe in Folge ankommen, dann soll wenigstens der Ball höher auf dem Spielfeld gewonnen werden, um den Weg zum Tor gering zu halten. Paradebeispiel dafür war Kroos Tor auf Schalke. Zwischen dem 11. und dem 16. Spieltag erzielte Werder die Hälfte aller Saisontore. Allerdings kassierte man zu dieser Zeit auch die Hälfte aller Saisontore. Bei einem Torverhältnis von 24:45 kann das nicht wünschenswert sein.

Bitte Umschalten

Im letzten Spiel vor der Winterpause korrigierte Dutt seinen Fehler und stellte sein Team gegen Bayer Leverkusen wieder sehr defensiv ein. Werder gewann das Spiel nicht einmal unverdient und besiegte damit zum ersten Mal seit Mai 2011 wieder ein Team aus den Top 4 der Tabelle. Dennoch scheint Dutt nicht richtig davon überzeugt zu sein, es bis auf weiteres bei dieser Spielweise zu belassen. Gegen Braunschweig zuhause erwies sie sich als ungeeignetes Mittel, in Augsburg bewegte ihn erst Garcias Platzverweis dazu. Gegen Dortmund pendelte Junuzovic in einer Rolle zwischen zweitem Sechser und vorderstem Angreifer im Pressing. Es gehört im heutigen Fußball zur Normalität, dass Teams zwischen verschiedenen Systemen wechseln. Dutt täte aus meiner Sicht jedoch gut daran, sein Team vorerst in einem einfachen System aufzustellen und es bei der besagten defensiven Spielweise zu belassen (wie es nebenbei bemerkt auch Schaaf am Ende der letzten Saison getan hat, was mMn. ein wichtiger Faktor für den Klassenerhalt war).

Zu den wichtigsten Eigenschaften erfolgreicher reaktiver Mannschaften gehört im modernen Fußball ein gutes Umschaltspiel. Dies ist aus meiner Sicht Werders größtes Versäumnis in dieser Saison. Wer wenig Ballbesitz hat, sich also nicht aus dem eigenen Aufbau in den gegnerischen Strafraum kombinieren kann, muss andere Wege finden, um zu Torchancen zu kommen. Ein hohes Pressing kann Werder nicht riskieren, wie die zweite Hälfte der Hinrunde gezeigt hat. Die Lösung müsste daher ein schnelles und direktes Umschaltspiel sein, bei dem der Ball über wenige Stationen direkt in die Spitze geleitet wird. Hierzu scheint Werders Kader nicht geeignet besetzt zu sein. Elia und Petersen sind zwar schnell, doch ihnen mangelt es an Spielintelligenz und cleveren Laufwegen. Im defensiven Mittelfeld fehlt dazu ein zuverlässiger Umschaltspieler. So ist es meistens Aaron Hunt, der gesucht wird. Mit seiner für Werder einzigartigen Technik und Ballbehauptung kann er in der gegnerischen Hälfte Bälle verarbeiten, die sonst meistens verloren gehen. Allerdings geht dabei zumeist das Tempo verloren. Der Ball wird mangels direkter Anspielstationen gehalten und bis Spieler nachrücken wurde Hunt bereits gedoppelt.

Ich könnte mir vorstellen, dass Werders Schwächen im Umschaltspiel der Hauptgrund dafür sind, dass Dutt nicht konsequenter auf ein tiefes Defensivsystem setzt. Vor diesem Hintergrund erscheint die Verpflichtung von Fin Bartels vielversprechend.

Leitwölfe und Nachwuchsspieler

Derzeit spalten sich die Fans zunehmend in diejenigen, die Dutt die (Haupt-)Schuld an Werders schlechter Saison geben und diejenigen, die Werders Kader als zu schwach ansehen, um sich aus dem Abstiegskampf heraushalten zu können. Ich halte Werders Kader für bestenfalls durchschnittlich, aber nicht so schwach, dass Platz 13 das höchste aller Gefühle ist. Ich teile Thomas Eichins Einschätzung, dass mit dem Kader Platz 8 bis 14 realistisch ist. Das Hauptproblem, gerade im Vergleich zu Mittelklasseteams wie Augsburg oder Mainz, ist, dass Werders Kader nicht gut ausgewogen erscheint. Während auf einigen Positionen ein Überangebot an Alternativen vorhanden ist, können andere über Monate nur notdürftig besetzt werden. Hervorzuheben wäre hier die Position des defensiven, sprich: aufbauenden Sechsers. Hier ist Felix Kroos die einzige echte Option, während für die Position des offensiveren Sechsers (oder Achters, Box-to-Box Spielers, wie auch immer man ihn nennen will) mit Makiadi, Bargfrede, Junuzovic und Ignjovski gleich vier Spieler zur Auswahl stehen. Mit Di Santo spielte lange Zeit ein Mittelstürmer auf der linken Außenbahn. Spieler wie Elia und Petersen sind trotz ihrer oben angesprochenen Schwächen gesetzt.

Trotz der beschränkten Möglichkeiten hat Dutt einige riskante Personalentscheidungen in dieser Saison getroffen. Die Ausbootung von Mielitz mag man menschlich für hart und sportlich für falsch halten, sie wird aber keinen allzu großen Einfluss auf den Saisonverlauf haben. Das Festhalten an Fritz und Makiadi hingegen ist bzw. war ein Risiko. Zwar hat keiner von beiden in der Hinrunde durchgehend schlecht gespielt (bei Fritz wird gerne seine starke Form zu Saisonbeginn übersehen), doch die von Dutt auserkorenen Führungsspieler sind in dieser Saison keine Leistungsträger. Das Zögern des Trainers ist an dieser Stelle verständlich, da solche Wechsel mehr als nur sportliche Auswirkungen haben. Ich sehe es aber als positives Zeichen, dass Dutt Makiadi gegen Dortmund auf die Bank gesetzt hat, allein schon als Signal, dass sich die Mannschaft nicht von selbst aufstellt und die Lieblinge des Trainers eine Einsatzgarantie haben.

Ein weiterer Kritikpunkt an Robin Dutt ist sein zögerliches Einbinden des eigenen Nachwuchses. Vor der Saison wurde die Wichtigkeit der Nachwuchsarbeit für Werders Zukunft propagiert und Dutts Fähigkeiten in diesem Bereich gepriesen. Verständlich also, dass die bislang nur partielle Einbindung von Jugendspielern für Irritationen sorgt. Allerdings sollte man dabei nicht übersehen, dass mit Kobylanski, Lorenzen, Selke und Aycicek bereits vier Spieler unter Dutt ihr Bundesligadebut gaben und auch andere Spieler wie von Haacke, Zander, Hilßner und Rehfeldt bereits im Kader standen. Mir erscheint die Kritik aber ohnehin zu kurz gedacht, denn das Heranführen der vorhandenen Jugendspieler an den Profibereich ist nur eines der Probleme in Werders Jugendarbeit. Mindestens ebenso wichtig ist die strukturelle Überarbeitung der Abteilung, die bereits begonnen hat und die mittelfristig zu Ergebnissen führen sollte. Die Vorgehensweise, junge Spieler erst bei den Profis reinschnuppern zu lassen und sie dann in der Folgesaison zu verleihen (siehe Füllkrug und Wurz), damit sie Spielpraxis auf höherem Niveau sammeln, scheint mir ebenfalls sinnvoll, um den Sprung aus der A-Jugend bzw. der Regionalliga in die Bundesliga zu schaffen.

Should he stay or should he go?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich weiterhin hinter Dutt stehe oder nicht. Zieht man die nüchternen Fakten heran, muss man klar zu dem Schluss kommen, dass Dutt den Erwartungen hinterherhinkt. Werder kassiert nicht weniger Gegentore als in den letzten Jahren, ist spielerisch so schwach wie noch nie zu meiner Zeit als Fußballfan und rückt immer näher an die Abstiegsplätze heran. Was also spricht noch für Dutt?

Der grundsätzliche Weg, den Werder vor einem Jahr mit dem Dienstantritt von Thomas Eichin eingeschlagen hat, ist nach wie vor richtig. Es war eine bewusste Entscheidung, sich von Thomas Schaaf zu trennen und einen Trainer zu verpflichten, der seine Stärken im analytischen und taktischen Bereich hat. Ich sehe Dutt noch immer als passenden Trainer für die Aufgabe, Werder zunächst taktisch und dann spielerisch wieder flott zu machen. Das wichtigste sportliche Ziel dieser Saison, der Klassenerhalt, ist zwar in Gefahr, aber noch nicht so akut, dass es ein Eingreifen der Geschäftsführung zwingend erforderlich macht. Das kann sich im Fußball schnell ändern, doch Eichin hat mit seinem letzten Treueschwur noch einmal deutlich gemacht, dass er einen Wechsel auf der Trainerbank nicht anstrebt.

Ob er diese Haltung bis zum Ende der Saison durchhalten kann, wird sich in den nächsten 5-6 Wochen entscheiden. Nach dem Spiel gegen Gladbach kommen gleich fünf Partien gegen direkte Konkurrenten (Frankfurt, Hamburg, Nürnberg, Stuttgart, Freiburg), in denen man sich entweder Luft verschaffen oder ganz tief in den Abstiegskampf rutschen kann. Übersteht Dutt diese Phase, wird er die Chance bekommen, die Mannschaft weiter nach seinen Vorstellungen zu formen und im Sommer weiter an der Neuaufstellung des Kaders zu arbeiten.

Auch wenn ich nicht zu einem endgültigen Urteil komme, ob Dutt weiterhin Trainer bleiben soll, muss ich feststellen, dass mir diese Frage gar nicht so wichtig ist. Entscheidend ist für mich, dass Werder den eingeschlagenen Weg weitergeht. Damit ist weniger das derzeitige Geschehen auf dem Platz gemeint, als die Umstrukturierung der wichtigen Bereiche im Verein: Die Vorbereitung auf den Abschied der alten Hasen Fischer und Lemke, die Anpassung der Jugendarbeit an die Anforderungen des Vereins oder auch die Neubesetzung im Scouting. Kurz: Die Beantwortung der Frage, wie Werder nach der Konsolidierung zu einem Mittelklasseverein wieder nach oben kommen kann, erscheint mir wichtiger, als die Trainerfrage. Deshalb war eine der wichtigsten Nachrichten der letzten Monate aus meiner Sicht auch diese hier.

Gedanken zu Dutts Werdersystem

Vor dem zweiten Saisonspiel gegen Augsburg ein paar Gedanken zu Werders System und Dutts Umstellungen:

“Einfach so wie Barcelona”

Gegen Ende der vorletzten Saison, als Werder unter Thomas Schaaf noch mit der Raute spielte, sagte Taktikexperte Martin Rafelt von spielverlagerung.de im Grünweiß-Podcast, dass Werder zur Not einfach immer noch so spielen könne wie Barcelona. Gemeint war damit folgendes: Aus der Grundformation der Raute lässt sich mit ein paar Anpassungen ein ähnliches Spielsystem aufziehen, wie es der FC Barcelona aus einer 4-3-3 Grundordnung heraus praktiziert. Schaut man sich das System an, das Robin Dutt im Pokal angewendet hat, lässt sich eine große Ähnlichkeit hierzu erkennen: Mit Hunt stand ein Offensivallrounder in der Spitze, der seine Position ständig verließ und überall auf dem Feld anzutreffen war. Die Flügelstürmer agierten eher eng und stießen immer wieder in den von Hunt hinterlassenen Raum vor. Dahinter stand ein Dreiermittelfeld, das aus einem defensiven und zwei eher offensiv orientierten Spielern zusammengesetzt war. Gemeinsam mit den hoch aufrückenden Außenverteidigern und dem einrückenden Sechser finden wir also viele Elemente, die der FC Barcelona unter Guardiola und Vilanova (mit Ausnahme der Saison 2011/12) in seinem Spiel hatte.

Genauso kann man jedoch das System in die Gegenrichtung auseinander nehmen: Die Grundstellung in Abwehr und Mittelfeld unterscheidet sich nicht von der einer Raute (bzw. einem 4-3-1-2). Es braucht nicht viel Phantasie, sich die “falsche 9″ Hunt als flexiblen Zehner und die beiden “Außenstürmer” Füllkrug und Petersen als Doppelspitze vorzustellen. Et voila, schon haben wir eine moderne Version der Raute. Das sind selbstverständlich nur taktische Spitzfindigkeiten, doch es stellt sich schon die Frage, wo Dutt mit Werder taktisch hin möchte. Das Spiel in Braunschweig war hier sehr aufschlussreich. Auf dem Papier waren die Umstellungen minimal, doch durch die noch engere Stellung der Flügelspieler und die zurückhaltenderen Außenverteidiger lagen die Schwerpunkte an anderen Stellen und jede Ähnlichkeit zu Barcelonas 4-3-3 oder einer Raute war verschwunden. Dies deutet darauf hin, dass Dutt ein System etablieren möchte, das möglichst flexibel und anpassungsfähig an den Gegner ist.

Proaktiv oder Reaktiv?

Im vorletzten Grünweiß-Stammtisch sprachen wir davon, dass Werder in dieser Saison mehr aus der Position des Underdogs agieren und reaktiver spielen kann. In Braunschweig war dies jedoch nicht der Fall. Werder hatte zwar nicht deutlich mehr Ballbesitz als der Gegner, war jedoch das Team, das häufiger den Ball durch die eigenen Reihen schob, während der Gegner abwartete und auf schnell Umschaltmomente lauerte. Auch in der Bewertung wurde deutlich, dass Werder in diesem Spiel als die proaktive Mannschaft wahrgenommen wurde, denn während Braunschweig in der ersten Halbzeit vor allem als “vorsichtig” beschrieben wurde, bekam Werder das negativere Attribut “ideenlos” verliehen (wohingegen zweifellos beide Mannschaften sowohl vorsichtig als auch ideenlos gespielt haben). Die Ausgangslage war klar: Werder sollte das Spiel machen und die Akzente setzen. In der zweiten Halbzeit änderte sich der Spielverlauf und Werder war nun die reaktivere Mannschaft, während Braunschweig sich ab der 60. Minute aus der Deckung traute. Auch wenn Werder in dieser Phase einige Probleme bekam, fiel letztlich auch das Siegtor aus dieser Situation heraus: Ein schneller Konter gegen einen aufgerückten Gegner.

Man darf daher auch weiterhin die Frage stellen, ob Werder derzeit ein reaktiver Stil (zumindest von den Ergebnissen her) besser zu Gesicht steht. Es ist allerdings auch davon auszugehen, dass Robin Dutt sich nicht damit begnügen wird, Werder zu einer reinen Kontermannschaft zu formen. Dies gibt der momentane Kader auch nicht wirklich her. Dutt ist bekannt als ein Trainer, der sein System immer auch am Gegner ausrichtet. Dafür spricht sowohl das fluide Dreiermittelfeld als Kernpunkt seiner Systeme als auch die verschiedenen Zusammensetzungen der Offensivreihe. Bis zu einem gewissen Grad wird seine Mannschaft daher vermutlich immer darauf ausgerichtet sein, die Stärken des Gegners zu neutralisieren. In Heimspielen und gegen schwächere Teams dürfte Dutt jedoch darüber hinaus seine eigene Spielidee entwickeln wollen. Somit darf man gespannt sein, wie Werder dies gegen Augsburg versucht. Der FCA reist ungeachtet der letzten Ergebnisse als Underdog nach Bremen und wird sicherlich nicht scharf darauf sein, das Spiel zu machen.

Mehr Breite gegen Augsburg?

Gegen Braunschweig stand die Dominanz im Zentrum im Vordergrund. Gegen Augsburg könnte sich dieser Fokus wieder mehr auf die Außen verlagern, sowohl offensiv als auch defensiv. Augsburg spielte zuletzt in einem 4-1-4-1, bei dem mit Holzhauser und Hahn zwei Spieler die offensiven Außenbahnen besetzen, die ihrem Team Breite geben. Vor allem Hahn sucht sein Glück gerne in Flankenläufen.  Holzhausers Spiel ist direkter und er wird sicherlich häufig den Weg vom Flügel in/an den Strafraum suchen. Zusammen steuerten beide gegen Dortmund sieben Flanken bei, zu denen noch fünf weitere Flanken der Außenverteidiger kamen. Auch gegen Werder erwarte ich einen Fokus auf Angriffe über die Flügel. Hier stellt sich die Frage, ob Dutt es seinen Außenverteidigern zumutet, zusätzlich zu dieser erhöhten Defensivarbeit auch alleine für die offensive Breite zu sorgen. Gegen Saarbrücken spielten auf den Flügeln zwei Mittelstürmer, gegen Braunschweig zwei Mittelfeldspieler. Gut möglich, dass Dutt gegen Augsburg hier auf “echte” Außenstürmer (Elia, Arnautovic, Yildirim) zurückgreift oder (was ich mir eher vorstellen könnte) asymmetrisch aufstellt. Dies wäre z.B. der Fall, wenn links Elia oder Yildirim den Flügel besetzen und Hunt auf der rechten Seite so eingerückt spielt wie in Braunschweig.

Dazu wurde mit Franco Di Santo rechtzeitig vor dem Spiel ein neuer Offensivspieler verpflichtet, der zumindest theoretisch gegen Augsburg schon im Kader stehen könnte. Bei ihm stellt sich die Frage, welche Rolle er zukünftig in Dutts System ausfüllen soll. Di Santo ist nicht gerade als Goalgetter bekannt, käme aber für die Position als Spitze oder “falsche 9″ ebenso in Frage, wie für die beiden (eingerückten) Außenpositionen. Ebenso denkbar wäre ein Einsatz als hängende Spitze hinter einem Stoßstürmer wie Petersen. Ein 4-4-2 hat Werder in der Vorbereitung schon getestet. Es könnte zumindest als Alternativsystem in Frage kommen. Di Santos Verpflichtung sehe ich sehr positiv. Er bringt all die Fähigkeiten mit, die Petersen bislang abgehen: Gute Ballbehauptung und -verarbeitung, starke Technik und ein Gespür für Räume. Diese Fähigkeiten fehlten Werders Angriff in letzter Zeit mehr als Vollstreckerqualitäten (die Petersen trotz seine Torflaute in der letzten Rückrunde zweifellos hat).

Werder Bremen vor der Saison 2013/14

Am Sonntag beginnt für Werder in Saarbrücken die Saison Eins nach Thomas Schaaf. Nachdem die letzten drei Jahre – egal wie man es dreht und wendet – die in Kombination erfolglosesten seit dem Wiederaufstieg 1981 waren, soll unter der Leitung von Robin Dutt und Thomas Eichin alles besser werden. Dabei werden die beiden neuen Entscheidungsträger nicht müde zu betonen, dass eine Umkehr der sportlichen Talfahrt Zeit braucht. Wird die kommende Saison also nicht mehr als ein Aussähen der Erfolgsspur für kommende Jahre?

“Besser als letzte Saison”

Sowohl der neue Trainer als auch der neue Sportdirektor wissen nur zu gut, dass sie es sich nicht leisten können, rein auf zukünftige Erfolge zu spekulieren, wenn in der Gegenwart der Abstiegskampf droht. Sie haben keinen Erfolgsbonus aus der Vergangenheit, der Schaaf und Allofs lange Zeit vor übermäßiger Kritik schützte. Andererseits hat sich die Erwartungshaltung in Bremen inzwischen der neuen Realität angeglichen. Kaum jemand erwartet für die Saison 2013/14 ernsthaft mehr als einen gesicherten Mittelfeldplatz oder würde einen solchen gar als Misserfolg bewerten. Deshalb tun Dutt und Eichin derzeit auch gut daran, die Erwartungen nicht grundlos zu schüren und jenseits des “besser als letzte Saison” kein offizielles Saisonziel auszuloben. Wie schnell aus einer trostlosen Stimmung eine Euphorie entstehen kann, die Werder auf dem Weg zurück in die Champions League Ränge sieht, haben wir zu Beginn der letzten Saison festgestellt.

In dieser Sommerpause ist die allgemeine Stimmungslage wohl mit “vorsichtig optimistisch” am besten beschrieben, wobei sich der Optimismus vor allem darauf bezieht, nicht erneut bis kurz vor Saisonende gegen den Abstieg kämpfen zu müssen. An einer überzogenen Erwartungshaltung wird man in dieser Spielzeit gewiss nicht scheitern. Nicht einmal die zwischenzeitliche Niederlagenserie in der Vorbereitung sorgte – außerhalb der einschlägig bekannten Medienerzeugnisse – für großen Wirbel. Zwar ist die Verunsicherung als Folge der miserablen letzten Rückrunde noch immer spürbar, doch die Bereitschaft der meisten Fans, dem neuen Trainer Zeit beim Formen seiner Mannschaft zugewähren, scheint ungebrochen.

Drahtseilakt für Dutt und Eichin

Dies kann sich freilich schnell ändern, wenn der Saisonbeginn ähnlich schwache Ergebnisse bereithält. Nicht umsonst hört man in diesem Sommer noch häufiger als sonst die Floskel, dass es auf einen guten Saisonstart ankomme. Hierbei wird jedoch auch der Drahtseilakt offensichtlich, den Dutt und Eichin zu bewältigen haben. Einer der Kritikpunkte lautete zuletzt immer wieder, dass junge Spieler bei Werder zu wenig Chancen und Einsatzzeit bekämen. Ein Vorwurf, der mit der Verjüngung des Kaders in den letzten Jahren nur bedingt ausgeräumt werden konnte. Denn problematisch war weniger eine generelle Vernachlässigung junger Spieler als eine zu geringe Durchlässigkeit zwischen eigenem Nachwuchsbereich und Profiteam. Dies zu ändern ist eine Aufgabe, die nur langfristig und mit großen Anstrengungen des gesamten Vereins gemeistert werden kann. Die Jugendarbeit soll verbessert und unter ein einheitliches Konzept gestellt werden, die U23 sich von Ihrem Image als Talentfriedhof befreien und die Profiabteilung den jungen Spielern mehr Einsatzzeiten ermöglichen. Gleichzeitig muss aber auch noch eine Bundesligasaison absolviert werden, in der klare Verbesserungen zumindest zur letzten Rückrunde erkennbar sein sollen.

Während bei der Jugendarbeit jedem noch so ungeduldigen Kritiker klar sein dürfte, dass die Erfolge der ergriffenen Maßnahmen frühestens in einigen Jahren beurteilt werden können, setzt in der Bundesliga schnell das ein, was als “Gesetzmäßigkeit der Branche” bezeichnet wird: Nur wer gewinnt hat recht. Solange Werder sich aus der Abstiegszone fernhält, wird die B-Note für die Bewertung von Robin Dutts Arbeit herangezogen: Wie entwickelt sich das Team? Wie funktioniert das neue System? Sind Verbesserungen im individual- und mannschaftstaktischen Bereich erkennbar? Stimmt die Einstellung? Gerät Werder jedoch erneut in den Abstiegsstrudel ist es schnell vorbei mit dem Blick für die Details. Dann werden erneut Fragen nach der Qualität des Kaders aufkommen und ob es nicht ein viel zu hohes Risiko war, erneut mit einer solch jungen Mannschaft in die Saison zu starten. Eichin wird sich für fehlende Transfers verantworten müssen und Dutt für die Fehler in seinem System.

Weichenstellungen für die Zukunft

Ich persönlich gehe mit einer gehörigen Portion Optimismus in die neue Saison. Nicht, weil ich glaube, dass nun, wo Schaaf nicht mehr Trainer ist, automatisch alles besser wird. Auch nicht, weil ich einen kometenhaften Aufstieg in den kommenden Jahren erwarte (der Vergleich mit dem BVB von 2008 hält sich hartnäckig), sondern weil Werder Bremen im Jahr 2013 etwas geschafft hat, was ihm viele Kritiker – und da will ich mich nicht ausnehmen – nicht mehr zugetraut haben: Der Verein hat sich von selbst erneuert. Es wurde mit Eichin ein Geschäftsführer von Außen hinzugeholt, der einen distanzierteren Blick auf die sportliche Situation hatte und somit frei von Sympathiebonus und Dankbarkeit für vergangene Erfolge Entscheidungen treffen konnte. Mit Dutt wurde ein Trainer verpflichtet, der sowohl zur jungen Generation der “Konzepttrainer” zählt, als auch schon Erfolge im Bundesligafußball vorweisen kann. Dazu kommen einige Personalentscheidungen im Nachwuchsbereich sowie die Einbindung des noch immer recht neuen Aufsichtsratsmitglieds Marco Bode, der sich die Jugendförderung auf die Fahnen geschrieben hat.

Häufiger habe ich in den letzten Monaten die Meinung gehört, Werder habe durch die Trennung von Thomas Schaaf sein Gesicht verloren. Dahinter steht jedoch auch immer die Chance, sich ein neues Gesicht anzueignen. Ich glaube, dass in diesem Jahr die entscheidenden Weichen dafür gestellt wurden. Vereine, die aufgrund ausbleibender Erfolge hauptberuflich in Erinnerungen an vergangene Heldentaten schwelgen, gibt es im deutschen Fußball wahrlich genug. Werder Bremen soll nicht einer von ihnen werden.

In diesem Sinne: Auf eine schöne und erfolgreiche Saison 2013/14!

Rückrundenzeugnisse 2013

Die Sommerpause ist – vor allem aus Bremer Sicht – nun schon ein paar Tage alt und es hat sich längst ein vorsichtiger Optimismus, vielleicht sogar eine Aufbruchstimmung, in jedem Fall aber eine gewisse Vorfreude auf die neue Saison breit gemacht. Bevor es hier jedoch um Dutt, Neueinkäufe und Ausblicke geht, soll die abgelaufene Saison noch entsprechend gewürdigt werden. Beginnen wir mit der Einzelkritik, wie schon in der Hinrunde ohne (ohnehin völlig sinnlose) Noten:

1 – Sebastian Mielitz

In der Rückrunde schwächer als in der Hinrunde. Hatte in Werders größter Schwächephase selbst eine Krise. Zum Ende der Saison wieder stabilisiert. Insgesamt war seine erste Saison als Stammtorwart schwächer als erwartet. In der nächsten Saison hoffe ich auf eine Steigerung, weil er in vielen Belangen eine Bereicherung für Werders Spiel ist. Hat durch seine Abwürfe sicher 8-10 Torchancen direkt eingeleitet.

4 – Mateo Pavlovic

Hat gute Anlagen und könnte sich nächste Saison zum Stammspieler entwickeln. In der Spieleröffnung klar Werders bester Innenverteidiger (was Affolter vor einem Jahr allerdings auch nicht geholfen hat). Hatte ein halbes Jahr Zeit, um sich an die Bundesliga zu gewöhnen und das hat er auch gebraucht. Von ihm erwarte ich mir viel in der kommenden Saison.

5 – Assani Lukimya

In Erinnerung bleiben vor allem seine drei katastophalen Fehler in Folge. Hat sich dadurch leider schnell wieder aus der Mannschaft gespielt. Im Winter musste man sich noch fragen, warum er trotz Prödls Fehlerquote so wenige Einsätze bekommen hat. In der Rückrunde war er selbst ein Unsicherheitsfaktor. Dennoch glaube ich, dass er zumindest eine gute Nummer 3 in der Innenverteidigung ist.

6 – Kevin de Bruyne

Tolle Rückrunde. Hatte großen Anteil daran, dass Werder letztlich den Klassenerhalt geschafft hat. Sprühte nur so vor Spielfreude und riss das Spiel immer mehr an sich. Im Winter hatte ich noch ein paar Zweifel, aber jetzt halte ich ihn definitiv für bereit, den nächsten Schritt zu einem europäischen Top-Team zu machen. Wenn Chelsea ihn nicht will, wird sich jemand anders finden.

7 – Marko Arnautovic

Auf die starke Hinrunde folgte eine enttäuschende Rückrunde. War zu Jahresbeginn außer Form und verfiel dann wieder zu oft in seine alten Muster (erst übermotiviert, dann entnervt). Verhielt sich im Abstiegskampf unprofessionell, wurde zurecht suspendiert. Mal sehen, ob Werder ihm noch eine Chance gibt und wie er mit Dutt klar kommt. Ich tippe eher auf einen Wechsel. Schade um sein Talent wäre es allemal.

8 – Clemens Fritz

Brauchte lange, bis er in der Rückrunde seine Form fand. Gegen Saisonende gefiel er mir wieder ganz gut. Seine Formschwäche hatte sicher auch mit seinen Verletzungsproblemen zu tun. Ich habe meine Zweifel, ob er in der neuen Saison noch als Führungsspieler vorangehen kann. Andererseits hat er eigentlich die fußballerischen Fähigkeiten dazu. Wenn er fit bleibt, who knows?

10 – Mehmet Ekici

Auch in der Rückrunde ein Rätsel. Zunächst sah es so aus, als habe er endlich seine Rolle unter Schaaf gefunden. Landete dennoch schnell wieder auf der Bank und findet noch immer keine schnellen Lösungen in seinem Spiel. Deshalb passte Werders wohl bester Passer paradoxerweise nicht in Werders kurzpasslastiges Spiel. Ein weiterer Spieler, dessen Zukunft bei Werder unklar ist.

11 – Eljero Elia

In der Hinrunde mehr solider Arbeiter als Kämpfer, in der Rückrunde oft völlig verunsichert. Pendelte zwischen Bank und Startelf und hatte dabei nur wenige Lichtblicke. Ansonsten: Siehe Arnautovic.

13 – Lukas Schmitz

Spielte eine durchwachsene Rückrunde. Der Spielaufbau lief unverständlicherweise häufig über ihn, auch Mielitz’ Abwürfe landeten vorzugsweise bei ihm. Ansonsten bleibe ich bei meiner Einschätzung: Brauchbare Aktionen nach vorne, hinten teilweise mit Stellungsfehlern und durch seine Einfüßigkeit limitiert im Spielaufbau. Müsste irgendwann von einem der Talente aus den eigenen Reihen (Hartherz, Röcker) überholt werden.

14 – Aaron Hunt

Das Niveau aus der Hinrunde konnte er nicht ganz halten. Seine Rückrunde war aber dennoch sehr anständig. Hält den Ball teilweise zu lange, ist aber ansonsten in puncto Spielintelligenz gewachsen. Ein Abgang wäre sehr bitter für Werder, denn eigentlich käme ihm in der nächsten Saison ohne De Bruyne eine noch wichtigere Rolle im Mittelfeld zu.

15 – Sebastian Prödl

Insgesamt eine Saison zum Vergessen. Spielte sich immer wieder aus der Mannschaft, kam aber durch Lukimyas Platzverweise und Fehler und Pavlovics Eingewöhnungszeit immer wieder zurück ins Team. Wenn man Prödls Entwicklung in seinen fünf Jahren bei Werder anschaut, fällt es schwer, sich große Hoffnungen auf eine Verbesserung zu machen. Er sollte in Bremen zum Abwehrchef reifen, macht aber immer noch die gleichen Fehler, wie zu seiner Anfangszeit. Funktionierte zum Saisonende hin etwas besser, als zwei defensive Mittelfeldspieler vor ihm standen.

16 – Zlatko Junuzovic

War der große Leidtragende des Systems der Hinrunde. Werders Probleme im defensiven Mittelfeld wurden von vielen an ihm festgemacht, dabei hat er trotz ungewohnter Position durchgehend auf hohem Niveau gespielt. Als alleiniger Sechser war er dennoch überfordert (die Gründe dafür würden hier den Rahmen sprengen). In der Rückrunde auf offensiveren Positionen überzeugend. Seine Vielseitigkeit in der Offensive wird auch in der kommenden Saison gefragt sein.

17 – Aleksandar Ignjovski

In der Rückrunde kam er durch seine Vielseitigkeit wieder häufiger zum Einsatz und zeigte meistens brauchbare Leistungen. Ich habe bei ihm immer noch das Gefühl, dass er eigentlich noch eine Klasse besser spielen könnte, wenn er mehr Ruhe in seine Aktionen bekommt.

18 – Felix Kroos

Im Sommer zum Innenverteidiger umgeschult kam er über ein paar Nominierungen für den 18er-Kader nicht hinaus. In der zweiten Hälfte der Rückrunde spielte er plötzlich als Teil einer Doppelsechs sehr solide vor der Abwehr. Ich hatte ihn bei Werder schon abgeschrieben, aber jetzt hat er zurecht einen neuen Vertrag bekommen und wird hoffentlich zu einer echten Alternative im Mittelfeld.

19 – Joseph Akpala

Alle Hoffnungen auf Besserung wurden durch seine schwache Vorbereitung in der Winterpause zerstört. Verletzte sich dann und ist eigentlich kaum zu bewerten. Seine Stärken kamen bislang jedenfalls nicht groß zum Vorschein.

22 – Sokratis Papastathopoulos

Gute Rückrunde, gewohnt kämpferisch, aber auch an ihm ging die Rückrundenkrise nicht spurlos vorüber. Durfte neben seiner Stammposition auch als Rechtsverteidiger, Linksverteidiger und Sechser aushelfen, was das Team nicht unbedingt stabilisierte. Die Organisation einer Viererkette gehört nicht zu seinen Stärken. Rieb sich häufig in verbissenen Zweikämpfen auf und hatte mit den häufigen Fehlern seiner Nebenleute zu kämpfen. Dürfte in Dortmund den Sprung machen, den er diese Saison bei Werder nicht machen konnte.

23 – Theodor Gebre Selassie

Durfte in genau einem Saisonspiel den offensiven Außenverteidiger geben, der wohl am ehesten seinen Qualitäten entspricht – am 34. Spieltag, nach Schaafs Abgang. Ansonsten war er insgesamt solide, wenn auch defensiv noch der ein oder andere Wackler zu viel dabei ist.

24 – Nils Petersen

Von seinen Qualitäten blieb über weite Strecken der Rückrunde nur noch sein Spiel gegen den Ball übrig. Spielerisch ist und bleibt er limitiert, verarbeitet Zuspiele in die Spitze zu schlecht und ist erstaunlicherweise auch bei langen, hohen Bällen eher schwach. In der Hinrunde konnte er das durch seine Trefferquote kompensieren, in der Rückrunde nicht. Allerdings ist es nicht seine Schuld, dass Werder keine Alternative im Angriff hatte und vom Einsatz her kann man ihm keinen Vorwurf machen, ganz im Gegenteil. Neben dem Platz ein absoluter Sympathieträger. Seine feste Verpflichtung freut mich und ich hoffe, dass er in der nächsten Saison zurück zur Treffsicherheit findet und an seiner Ballverwertung arbeitet.

25 – Tom Trybull

Vor der Saison Hoffnungsträger, dann aufgrund von körperlichen Problemen kein Thema mehr für den Profikader. Mitte der Rückrunde kam er zurück ins Team und zeigte gleich wieder, dass er ein ganz wichtiger Spieler für Werder werden kann. Leider verletzte er sich dann direkt wieder. Insgesamt daher leider ein verschenktes Jahr.

27 – Johannes Wurtz

Kam nur zu einigen Kurzeinsätzen, zeigte da aber, dass er grundsätzlich in der Bundesliga mithalten kann. War aber viel zu inkonstant und konnte sich in der Regionalliga auch nur selten empfehlen. Von ihm hatte ich mir mehr erhofft.

32 – Özkan Yildirim

Einer der Lichtblicke der Rückrunde. Gerade erst von einer 18-monatigen Verletzung erholt, schaffte er direkt den Anschluss an den Profikader und kam immerhin auf acht Einsätze. Seine Vertragsverlängerung ist ein wichtiges Zeichen, dass man in Zukunft stärker auf den eigenen Nachwuchs setzen will und Yildirim ist einer der talentiertesten Offensivspieler, die Werder in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

34 – Aleksandar Stevanovic

Zwei Kurzeinsätze in der Rückrunde, nachdem die Leihe nach Zwolle im Winter nicht geklappt hat. Ich verstehe noch immer nicht, was Werder mit ihm (und seinem Bruder) vorhat. Talent ist zweifellos vorhanden, aber er wirkt noch immer wie ein Schüler, der sich zu den Profis verlaufen hat. Körperlich scheint es einfach nicht zu reichen.

41 – Niclas Füllkrug

Die gesamte Rückrunde über verletzt. Hoffentlich bekommt er in der kommenden Saison endlich eine Chance in der Spitze. Halte ihn für talentierter und spielstärker als Petersen. Könnte in den nächsten 1-2 Jahren ein moderner Mittelstürmer auf hohem Bundesliganiveau werden.

44 – Philipp Bargfrede

Eine Saison voller Verletzungssorgen. Half nach seiner Rückkehr in der zweiten Hälfte der Rückrunde dabei, Stabilität vor die Abwehr zu bekommen. Ich hoffe er erholt sich nächste Saison von seiner Stagnation in den letzten 18 Monaten, denn eigentlich halte ich ihn noch immer für einen potentiell ziemlich guten Sechser.

Thomas Schaaf

Seine große Aufgabe in der Rückrunde hieß: Defensive Stabilisierung. Sie gelang erst zum Ende der Saison. Auf dem Weg dorthin gingen Werder viele der positiven Entwicklungen der Hinrunde verloren. Letztlich hat Schaaf vermutlich sogar mehr richtig gemacht, als in den beiden Jahren davor, doch immer wieder stellte sich Werder mit einfachen Fehlern selbst ein Bein. Unterm Strich musste Schaaf 2012/13 Werders zweitschlechteste Bundesligasaison, die schlechteste Rückrunde und die meisten Gegentore seit 1980 verantworten.

Thomas Eichin

Kam man bislang kaum beurteilen. Wirkt sehr souverän im Umgang mit den Medien, bei den anstehenden Vertragsverlängerungen und auch bei der Trainersuche. Sein Job beginnt aber erst.

Trainer Baade liest in Bremen

Drama Queens in kurzen HosenFür alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Heute, also am Dienstag, kommt der hoch geschätzte Trainer Baade nach Bremen und liest aus seinem Programm “Drama Queens in kurzen Hosen”. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr und dauert 2 x 45 Minuten plus Nachspielzeit. Das Ganze findet im Eisen statt, also im Herzen des Bremer Viertels (Sielwall 9).

Ich glaube ich brauche hier nicht mehr groß die Werbetrommel für Trainer Baade zu rühren (das haben wir außerdem schon beim letzten Grünweiß-Stammtisch getan), dieser Beitrag ist mehr als Erinnerung gemeint für alle Kurzentschlossenen. Falls ihr also heute Abend noch nichts ganz wichtiges vor habt, kommt ins Eisen – der Eintritt ist kostenlos!

Thomas-Schaaf-Nachfolge-Diskussionen

…wird es hier im Blog nicht geben.

Ich kann es nicht mehr hören. Diese ganzen Namen, die derzeit durchs Dorf getrieben und die ganzen Säue, die gehandelt werden – ich will das nicht. Vielleicht bin ich durch 14 Jahre – quasi mein gesamtes Erwachsenenleben – mit nur einem Trainer verweichlicht. Für Fans anderer Vereine mag das Alltag sein, dass ihr Verein jeden Tag mit einem anderen Trainer in Verbindung gebracht wird; mir ist es zu viel.

Alles, was ich zu dem Thema derzeit zu sagen habe, sage ich beim Grünweiß-Stammtisch. Die Boulevardmechanismen der ewigen Spekulationen und Gerüchte und Dementis und Dementis von Gerüchten, die nur nötig waren, weil überhaupt Gerüchte in die Welt gesetzt wurden und dann unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt als weitere spektakuläre Schlagzeile verkauft werden, diese Mechanismen also, die selbsttätig eine sogenannte “Absagewelle” für Werder generieren, die sich wiederum als Schlagzeile oder noch besser Bilder-Klickstrecke zweitverwerten lässt, die Mechanismen, die unser aller Neugier und Voyeurismus, aber auch unser aufrichtiges Interesse an der sportlichen Zukunft unseres Vereins bedienen und von ihm bedient werden, möchte ich hier im Blog nicht bedienen.

Wenn ihr also auf der Suche nach Informationen oder Spekulationen zur Schaaf-Nachfolge seid, wendet euch an die üblichen Verdächtigen. Ich weiß nicht, wer nächste Saison auf Werders Trainerbank sitzen wird und ich werde hier auch nicht über einen der genannten Namen spekulieren, bis es eine offizielle Vollzugsmeldung gibt.

Was es hier in den nächsten Tagen aber geben wird, sind ein Saisonrückblick, eine Einzelkritik und eine Fehleranalyse der abgelaufenen Spielzeit.

Doch zunächst zu den Breaking News…

Abschied von Thomas Schaaf

Was soll ich schreiben? Thomas Schaaf verlässt Werder Bremen nach 14 Jahren als Cheftrainer, 13 Jahren als Nachwuchstrainer, die sich mit seiner 17-jährigen Profikarriere überschnitten, sowie insgesamt 41 Jahren Vereinszugehörigkeit. Bis auf den Pokalsieg 1961 und die Meisterschaft 1965 war Thomas Schaaf an jedem großen Erfolg des Vereins als Spieler oder Trainer beteiligt. Dazu zählen drei Deutsche Meisterschaften, fünf DFB-Pokalsiege und ein Europapokalsieg der Pokalsieger.

Ich halte die Trennung (vom merkwürdigen Zeitpunkt einmal abgesehen) für richtig, wie ich hier seit längerer Zeit geschrieben habe. Trotzdem macht mich die Meldung ein Stück weit sprachlos. Eigentlich hatte ich für den Tag der Tage einen längeren Blogpost vorgesehen, inklusive Rückblick auf Schaafs Amtszeit in Bremen. Dazu bin ich im Moment nicht in der Lage. Im Moment spüre ich nur Trauer und Dankbarkeit. Und da diese Saison de facto für Werder gelaufen ist, nehme ich mir Zeit bis zu einer Einordnung, einem Rückblick oder gar einem Ausblick.

Heute möchte ich nur eines sagen: Danke, Thomas Schaaf!