Kategorie-Archiv: Weltmeisterschaft

For the people

Fußball-WM 2022 findet in Katar
Unter optimalen Wetterbedingungen statt.
Chronische Nörgler,
Korruption bei der FIFA gibt es nicht!

Yakutsk ist die kälteste Großstadt der Welt
Orte wie diese eignen sich hervorragend
Um Austragungsort zu werden.

Findet jedenfalls der Blatter.
Ist ja auch sein gutes Recht.
Fußball ist schließlich für
Alle da
!

WM 2010: Deutschland – Spanien

Deutschland – Spanien 0:1

Aus der Traum vom vierten Stern. Die Spanier waren gestern eine Nummer zu groß für diese junge Mannschaft. Sicher kein Grund so richtig enttäuscht zu sein, denn das deutsche Team hat eine tolle WM gespielt. Die Siege gegen Argentinien und England und die Art und Weise, wie sie herausgespielt wurden, werden noch lange nachhallen. In Südafrika wurde ein neues Fundament geschaffen, auf dem man für die nächsten 6 – 8 Jahre aufbauen kann.

Dank einer überraschenden taktischen Umstellung (Pedro statt Torres) konnten die Spanier ihr Kurzpassspiel wie gewohnt aufziehen und trotzdem für Gefahr über die Flügel sorgen. Defensiv kann man dem deutschen Team kaum einen Vorwurf machen, außer dass sie sich zu weit nach hinten drängen ließen. Das war schon 2008 das Problem. Spanien beherrscht es wie kein zweites Team bei dieser WM, seine Gegner hinten einzuschnüren. Man kann diese Spielweise mit scheinbar endlosen Ballstaffetten langweilig finden, weil sie gegen gute Gegner nicht zu einem allzu schnellen Spiel oder vielen Torchancen führt. Sie aber (wie Marcel Reif gestern abend) als schlecht zu bezeichnen, schießt deutlich am Ziel vorbei. Das Spiel war auf einem hohen Niveau und eines WM-Halbfinales absolut würdig. Mit Spanien hat es auch den verdienten Sieger gefunden.

Nach dem Spiel fühle ich mich ein bisschen bestätigt in meinen Aussagen bezüglich Spaniens Plan B. Die Taktik wurde für das Spiel leicht angepasst, aber die allgemeine Spielweise blieb über die gesamten 90 Minuten fast gleich. Als einzige Mannschaft schafften sie es, sowohl Özil aus dem Spiel zu nehmen (mein Man of the Match: Sergio Busquets) als auch die defensiven Mittelfeldspieler pausenlos unter Druck zu setzen. Nach dem Führungstor gaben die Spanier den Deutschen etwas mehr Ballbesitz, zogen sich jedoch nicht vollständig zurück, sondern störten den Spielaufbau weiterhin bevor er richtig gefährlich wurde. Eine wirkliche Ausgleichschance konnte sich die deutsche Mannschaft nicht erspielen. Wenn also eine Mannschaft einen Plan B benötigte, dann die Deutschen. Falls dieser Plan B die Einwechslung von Mario Gomez gewesen sein soll, dann ist sie kläglich gescheitert. Ein detaillierte taktische Aufarbeitung des Spiels gibt’s (wie immer) bei Zonal Marking. Dort steht eigentlich alles drin, was es dazu zu sagen gibt.

Gewurmt hat mich neben der passiven Herangehensweise, die man dieser jungen Mannschaft jedoch nicht vorwerfen sollte, die Entstehung des Führungstores. Wahrscheinlich hätte Spanien irgendwann auch aus dem Spiel heraus getroffen, zur Not in der Verlängerung. Trotzdem sollte man es dem Gegner nicht so leicht machen bei einer Standardsituation. Dieses Tor war kein Zufallsprodukt, sondern ein einstudierter Spielzug, den ich gestern nicht zum ersten Mal gesehen habe: Die Ecke wird auf Pique gespielt, der zum Kopfball hochsteigt, aber nicht zum Ball geht. Dadurch schirmt er den Ball vor den Verteidigern ab. Von hinten kommt dann ein anderer Spieler – in diesem Fall Puyol – und köpft den Ball rein. Das funktioniert natürlich nur gegen Mannschaften, die bei Standards Raumdeckung spielen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die deutschen Scouts das Team nicht auf diese Variante vorbereitet haben. Umso trauriger, dass Spanien auf so einfache Weise das Spiel entscheiden konnte.

Nun bin ich sehr gespannt, wie sich die Niederlande im Finale schlagen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie gegen Spanien von einem Rückstand zurückkommen können. Allerdings haben sie die Erfahrung und den Zynismus, die Spanier über 90 Minuten zu nerven und vielleicht einen entscheidenden Konter zu setzen. Ein schnelles Spiel sollte man auch hier nicht erwarten. Für Deutschland geht es gegen Uruguay zumindest um den dritten Platz, der zwar nur ein schwacher Trost, aber eine verdiente Belohnung für dieses tolle Turnier wäre. Löw hat sich die Spanier zum Vorbild genommen und seiner Mannschaft einen ähnlichen Stil beigebracht. Gestern hat sich das Original durchgesetzt. Spaniens goldene Generation hat ihren Zenit erreicht. Deutschlands goldene Generation steht noch am Anfang ihrer Entwicklung und ist dafür schon verdammt weit.

Die Sache mit dem Plan B

Ein Vorwurf, dem sich unser heutiger Gegner Spanien immer wieder ausgesetzt sieht, ist der, dass sie keinen Plan B haben. Ähnlich Vorwürfe gibt es auch immer wieder gegen den FC Barcelona, der ähnlich spielt. Die Teams, so der Vorwurf, seien nicht in der Lage, auf unvorhergesehene Situationen adäquat zu reagieren, indem sie ihre Spielweise umstellen.

Grundsätzlich sollte man die Frage stellen, warum ein “Plan B” hier überhaupt nötig ist. Ist eine Mannschaft, die im Jahr 1 nach der erfolgreichsten Saison der europäischen Vereinsfußballgeschichte den Rekord von 99 Punkten in der heimischen Liga aufstellt, mit ihrem Plan A nicht erfolgreich genug? Braucht eine Mannschaft, die amtierender Europameister ist, seit dem Titelgewinn bis WM-Beginn von 26 Spielen 25 gewonnen hat, in den letzten 43 Monaten nur zwei Fußballspiele verloren hat und nun im WM-Halbfinale steht, wirklich einen Plan B? Klingt doch nach einem ziemlich guten Plan A.

Die Idee des Plan B ist es, auf Situationen, in denen die Ausgangstaktik nicht funktioniert, reagieren zu können. Sei es durch eine Umstellung des Systems, der Spielweise oder durch Variationen. Hierbei wird schon deutlich, dass es sich beim Problem der Spanier wie Katalanen um ein Luxusproblem handelt. Die Ausgangstaktik funktioniert fast immer. Das liegt unter anderem daran, dass man im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften sowohl eine ausgereifte Spielidee als auch das passende Spielermaterial dazu hat. Das geniale an der Spielidee ist, dass sie sowohl als Offensiv- wie als Defensivkonzept taugt. Die Tormaschinen Spanien und Barcelona gehören zu den Teams, die mit die wenigsten Gegentore im europäischen Fußball kassieren. Das verstärkt einerseits natürlich die Wahrnehmung, dass es einen Mangel an Variation gibt, wenn die Spielweise bei 0:1 sich von der Spielweise bei 3:0 kaum unterscheidet. Andererseits ist es für die Spieler viel einfacher, weil sie sich nur marginal umstellen müssen. Die Änderungen erfolgen dann eher in Details, aber das große Ganze bleibt gleich.

Mir scheint es eher ein Wahrnehmungsproblem zu sein, als ein Versäumnis der Spanier. Die Gleichung Plan A = Plan B ist für manche Beobachter eben nicht zufriedenstellend. Dennoch hat z.B. der FC Barcelona in der vergangenen Saison versucht, seine Optionen zu erweitern und in Zlatan Ibrahimovic einen großen Mittelstürmer eingekauft. Wenn man so will ist das ein Plan B im eigentlichen Sinne. Interessant ist dabei, dass genau in den Spielen, die gemeinhin als Paradebeispiel für den fehlenden Plan B angeführt werden – die Champions League Partien gegen Inter Mailand – diese Variante nicht funktionierte. Besonders im Rückspiel wurde Barcelona erst dann richtig torgefährlich, als Ibrahimovic vom Feld ging und der eigentliche Plan A zum Einsatz kam. Interessant ist auch, dass Inter in diesem Rückspiel keinerlei Plan B im Gepäck hatte und mit einem ultradefensiven Plan A zum Erfolg kam. Nur: Der Erfolg bestand in einer 0:1 Niederlage, die billigend in Kauf genommen wurde. Selbst ein fast ausnahmslos gegen den Ball arbeitendes Inter Mailand konnte Barcas Torgefahr nicht vollständig stoppen. Die spannende Frage ist nun: Hätte Barcelona mit einem anderen Konzept, also in diesem Fall einem Plan C, bessere Chancen auf ein Weiterkommen gehabt?

Dieser Aspekt wird bei der Diskussion um den Plan B gerne vergessen: Die Erfolgswahrscheinlichkeit des Plan A. Wenn Spanien 95% der Spiele wie gegen die Schweiz mit seinem Plan A zumindest nicht verliert, wie sinnvoll ist dann eine Umstellung auf einen wie auch immer gearteten Plan B? Als Beobachter hat man den Vorteil, den Ausgang des Spiels abwarten zu können und dann eine Aussage darüber zu treffen. Als Trainer muss man die Entscheidung vor oder während des Spiels treffen, was wesentlich schwieriger ist. Die Zielsetzung kann es daher gar nicht sein, eine zu 100% richtige Entscheidung zu treffen (was unter Unsicherheit sowieso nicht möglich ist), sondern die Erfolgswahrscheinlichkeit zu maximieren. Das klappt sowohl bei der spanischen Auswahl als auch beim FC Barcelona seit Jahren hervorragend, führt aber eben nicht zu einer Siegesgarantie. Gerade bei einem Turnier mit K.O.-Spielen macht das den Reiz aus, weil ein Ausrutscher nicht ausgeglichen werden kann (und ergo nicht immer die “beste” Mannschaft das Turnier gewinnt).

Im Hinblick auf das Spiel heute Abend habe ich keine Angst vor einem spanischen Plan B, sondern viel mehr davor, dass Plan A zu dem Ergebnis führt zu dem er meistens führt: zu einem spanischen Sieg. Allerdings hoffe ich, dass die deutsche Mannschaft schon so gut ist, dass sie mit ihrem eigenen Plan A (einen Plan B habe ich da nämlich ebenfalls nicht entdecken können) auch die Spanier ausschalten kann.

Inspiriert von Marcel Reif und diesem Beitrag bei allesaussersport

Schweinsteiger, Klose und Löw

Ich habe der deutschen Mannschaft diesen Erfolg nicht zugetraut. Wobei, stimmt nicht so ganz. Ich habe die Mannschaft ins Finale (gegen Argentinien) getippt. Aber ich habe ihr nicht zugetraut, einen solchen Fußball zu spielen. Und das ist der große Erfolg dieser Mannschaft, den ihr schon jetzt niemand mehr nehmen kann. Vielleicht reicht es am Ende für den Titel, vielleicht nicht. Es ist nicht weiter schlimm. In den letzten 3 1/2 Wochen wurden alle dunklen Vorahnungen, alle Zweifel, alle Kritik, alle Nörgelei hinweggefegt von einer über weite Strecken bravourös spielenden deutschen Nationalmannschaft.

Man kann alle Einzelteile dieser Mannschaft hervorpicken und beleuchten und so ihren Anteil am Erfolg deutlich machen, aber für mich stehen heute im Mittelpunkt drei Figuren, vor denen ich besonders den Hut ziehen muss. Weil ich an ihnen gezweifelt habe. Weil sie mich eines besseren belehrt haben.

Als Bastian Schweinsteiger bei der EM 2004 seine ersten Einsätze bestritt, konnte man sehen, dass er ein talentierter Spieler ist. Er stach durch seine technischen Fähigkeiten und Jugendlichkeit aus dieser alten Mannschaft hervor. Einerseits. Andererseits dachte ich: was ein egoistischer Schaumschläger! Wo ist die Übersicht, das Gefühl für die Spielsituation und die Mitspieler? 2006 hatte sich das schon deutlich geändert. Schweini und Poldi waren Teenie-Idole, die aber auch der Mannschaft weiterhalfen. Es schien der Beginn einer tollen Entwicklung zu sein. War es aber nicht. Schweinsteiger verharrte auf einem hohen, aber nicht herausragenden Niveau. Als Spielmacher funktionierte er nicht wirklich, auf der Außenbahn klappte es auch nicht so recht. Und dann kam Ribery zu den Bayern. Schweinsteigers Stern beim Rekordmeister war am Sinken. Vor einem Jahr konnte er sich nicht mal sicher sein, ob er eine Chance auf einen Stammplatz hat. Doch es kam nicht nur Robben, sondern auch van Gaal, der Schweinsteiger zu dem machte, was aus heutiger Sicht ganz sicher seine beste Rolle ist: Ein kreativer Defensivallrounder. Ein Spieler mit innerer Ruhe, Zweikampfstärke und dem Blick für das Spielgeschehen vor sich. Dazu die technischen Fähigkeiten, die es braucht um ein Spiel zu lenken. Es ist unwahrscheinlich, dass van Gaal ihm in 8 Monaten alles beigebracht hat, was er nun bei der Weltmeisterschaft zeigt. Es ist viel mehr wahrscheinlich, dass er als Erster gesehen hat, was in Schweinsteiger steckte, in ihm schlummerte und nun für alle Welt offensichtlich ist. Damit hat er nicht nur Joachim Löw die Augen geöffnet, sondern auch mir. Chapeau, Herr Schweinsteiger!

Von Miroslav Kloses Fähigkeiten brauchte mich niemand mehr zu überzeugen. Die hat er in Bremen drei zweieinhalb Jahre lang vorgeführt und auch wenn der Abschied schmerzhaft war, hat das an meiner grundsätzlichen Meinung über den Fußballer Klose nichts geändert. Es wäre sicher auch falsch, Kloses Zeit bei den Bayern als verschwendet zu bezeichnen, denn in seiner ersten Saison machte er lange vieles richtig und auch im Jahr darauf hatte er zumindest in der Champions League eine starke Torquote. Mit der Zeit hatte sich aber auch eine gewisse Lethargie in seinem Spiel breitgemacht. Wo er früher im richtigen Augenblick Übersicht und Mannschaftsdienlichkeit an den Tag gelegt hatte, um seine Mitspieler einzusetzen, war er plötzlich nur noch selbstlos, aber es diente der Mannschaft nicht mehr. Im Grunde war mir schon klar, dass er im richtigen Umfeld wieder zu alter Stärke finden könnte und ganz sicher noch kein Fall fürs Altersheim ist, aber in der vergangenen Saison wurden die Zweifel größer. Drei Tore nur in der Bundesliga und nun, ein paar Wochen später sollte er das Nationalteam als einzige Spitze anführen? Das schien mir dann doch etwas unrealistisch. Doch nun ist genau das eingetreten. Klose spielt eine sehr gute WM, hat in dreieinhalb Spielen mehr Tore geschossen, als für Bayern in einem Jahr und steht jetzt auf einer Stufe mit Gerd Müller auf Platz 2 der ewigen WM-Torjägerliste. Und wisst ihr was? Auch wenn ich mich bei 90% aller Werderfans unbeliebt mache: Ich freue mich für ihn! Drei Jahre lang war Klose auch bei mir eine Persona non grata und ich werde ihn ganz sicher nie wieder so richtig mögen, aber ich habe meinen Frieden mit ihm gemacht. Chapeau, Herr Klose!

Joachim Löw ist in Bremen vermutlich noch unbeliebter als Miro Klose. Frings zuhause gelassen, Wiese verschmäht und dann diese seltsamen Nominierungen angeblich mittelmäßiger Spieler des VfB Stuttgart? Was erlauben Löw! Langsam gehen einem die Argumente aus. So richtig vermisst wird Frings jedenfalls nicht, Neuer kann man kaum mehr als falsche Nummer 1 bezeichnen und vom VfB Stuttgart steht mit Khedira nur ein Spieler in der Startformation (und das zu Recht!). Der Rest kommt aus München, Bremen, Hamburg, Köln, Berlin und sogar Gelsenkirchen. Keine ausgeprägte Blockbildung mit Ausnahme der naheliegenden Überrepräsentierung der bayerischen Champions League-Finalisten. An Löws fachlicher Eignung hatte ich eigentlich nie großen Zweifel, an seiner menschlichen Eignung dagegen schon. Ich bin auch jetzt noch der Meinung, dass er gewisse Dinge anders und besser hätte lösen können. Dennoch: Er ist seinen Weg konsequent gegangen und hat sich nicht davon abbringen lassen. Sturheit ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Trainers. Vielleicht brauchte er genau diesen Widerstand, um zu seiner eigenen Höchstform zu finden. Was im Hintergrund abläuft, lässt sich aus der Ferne ohnehin nur unvollständig erkennen. Was sich jedoch klar erkennen lässt: Löw holt momentan aus seinen Spielern das Beste heraus und hat sie zu einer verschworenen Einheit geformt. Das bedeutet natürlich nicht, dass Löw unfehlbar ist. Entscheidend ist aber das große Ganze und da gibt es an Löws Entscheidungen bei dieser WM nichts zu rütteln. Chapeau, Herr Löw!

Ist Spanien das Deutschland der 70er?

Zur WM werden ja immer gerne Parallelen zu früheren Turniern gezogen. Spieler X erinnert an Spieler Y und Mannschaft A ist noch besser als Mannschaft B vor 16 Jahren. Ebenfalls beliebt sind bestimmte wiederkehrende Muster, nach denen sich der kommende Weltmeister ganz zweifelsfrei vorhersagen lässt. Ich springe jetzt einfach mal auf den fahrenden Zug auf und sage: Spanien wird Weltmeister!

Der Grund ist nicht ihr tolles Passspiel oder die Qualität ihrer Spieler, sondern, viel banaler: Spanien ist Deutschland 1974*! Als amtierender Europameister haben sie sich in den letzten Jahren viel Bewunderung erspielt und wurden vor dem Turnier als einer der großen Favoriten gehandel. Dann geriet ihr Motor jedoch irgendwie ins stocken. Die Vorrunde war ok, jedoch kein Glanzstück und dann gab es diese peinliche Niederlage gegen einen Fußballzwerg. In der K.O.-Phase erholte man sich langsam und spielte erfolgreichen, wenn auch nicht begeisternden Fußball. Im Halbfinale trifft man nun auf die Überraschungsmannschaft des Turniers und muss sich ernsthafte Sorgen machen, das Finale gegen die Holländer nicht zu erreichen. Dank eines Unwetters reicht es dann aber am Ende doch und das Finale wird auf äußerst schmeichelhafte Weise ebenfalls gewonnen.

Ob Del Bosque wohl schon Regentänze für Mittwoch einstudiert hat?

* Um die Analogie komplett zu machen: Deutschland ist Polen, die Schweiz ist die DDR und die Holländer sind die Holländer (wenn auch ganz anders).

WM 2010: Deutschland – Argentinien

Deutschland – Argentinien 4:0

Unwirklich. Ein 4:0 gegen das Argentinien von Messi, Higuain, Tevez, Mascherano in einem WM-Viertelfinale ist unwirklich. Zum Glück ist es auch das Argentinien von Demichelis, Otamendi, Romero und so ist es wiederum nicht mehr ganz so unwirklich. Und es ist das Argentinien des Diego Maradona, der gestern unter Beweis gestellt hat, dass er kein Taktik-Genie ist.

Wie erwartet spielte Argentinien im 4-4-2 mit Raute, wobei Rodriguez und di Maria auf den Halbpositionen nie so ganz glücklich wirkten. Die offensivschwachen Außenverteidiger Otamendi und Heinze kamen nur wenig mit nach vorne und so waren die argentinischen Außenpositionen in der deutschen Hälfte praktisch unbesetzt. Die beiden Stürmer standen sich und Messi auf den Füßen und machten es den beiden deutschen Viererketten in der Defensive relativ einfach, ihre Angriffe abzufangen. Das eigentlich erstaunliche war, dass Bastian Schweinsteiger neben seiner nicht gerade einfachen Aufgabe Messi zu bewachen, auch noch Zeit und Muße hatte das deutsche Offensivspiel zu beleben.

Überhaupt Schweinsteiger! Vor einem Jahr schien er bei Bayern keinen Platz mehr in der ersten Elf zu haben und nun ist er einer der besten Spieler auf seiner Position weltweit. Mit Mascherano auf Özils Füßen (der eine gelungene Schachzug von Diego) fiel mehr Verantwortung auf Schweinsteiger auch kreativ tätig zu werden. Das lässt sich in der Statistik ablesen: Während Özil eine sehr gute Passquote hatte, war Schweinsteigers deutlich unter seinem Durchschnitt. Dies ist ein Resultat der vertauschten Rollen, bei dem Özil die Bälle unter Bewachung quer auf die Flügel spielte, während sich Schweinsteiger an riskanteren Pässen in die Spitze versuchte. Für den freien Raum im Zentrum darf er sich bei Maradona bedanken. Selbst Argentinien kann es sich nicht erlauben, gleich drei Spieler von Defensivaufgaben zu entbinden. Sobald Lahm und/oder Boateng die Mittellinie überschritten, hatte Deutschland Überzahlspiel im Mittelfeld und setzte sich immer wieder gefährlich über die Außen durch. Gleich dreimal war es in der zweiten Halbzeit die linke deutsche Seite, von der Tore vorbereitet wurden. Am Ende wirkte es fast wie ein Trainingsspiel. Allein das sagt viel über die beiden Mannschaften.

Nun geht es im Halbfinale gegen Spanien, das nicht so dominant auftritt, wie man es nach den letzten Jahren erwarten durfte. Ein Freifahrtschein ist das jedoch bei weitem nicht. Gegen Paraguay gab es zwar wenig zu sehen, das Löw große Sorgen bereiten müsste, aber allein die Selbstverständlichkeit, mir der die Spanier ihre Spiele gewinnen, gibt ihnen alle Chancen sich gegen das junge deutsche Team durchzusetzen. Kurios waren die drei Elfmeter. Zuerst verschießt Paraguay, dann trifft Spanien, doch der Schiedsrichter lässt wiederholen. Dabei hätte auch der Elfmeter der Südamerikaner wiederholt werden müssen. Der dritte Elfmeter wird dann wieder gehalten und eigentlich hätte es direkt danach einen Vierten geben müssen. Unglaubliche Szenen, die über das etwas statische Spiel hinwegtrösteten. Von einer südamerikanischen Dominanz ist damit bei dieser WM nicht mehr viel übrig geblieben. Im Halbfinale stehen zwei Ex-Weltmeister und zwei Teams, die das Scheitern auf hohem Niveau perfektioniert haben. Die Rollen scheinen dabei vor allem bei Deutschland und den Niederlanden vertauscht. Schon allein deshalb könnte ich einer Neuauflage des Finals von ’74 viel abgewinnen.

WM 2010: Vor dem Viertelfinale

Die Geschichte des England-Spiels ist inzwischen mehr als durch, dazu brauche ich nichts mehr schreiben außer: Glückwunsch an das Team und den Trainer! Langsam bildet sich eine Achse heraus, bestehend aus Friedrich, Schweinsteiger, Özil und tatsächlich auch Klose. Inzwischen dürfte auch jeder Werderfan gesehen haben, warum Frings nicht Teil dieser Mannschaft ist. Nicht, weil er zu schlecht ist, sondern weil er weder die Rolle von Khedira, noch die von Schweinsteiger spielen könnte. Einen Platz auf der Bank hätte ich ihm trotzdem gegönnt.

Nun gibt es also die Revanche von 2006. Deutschland trifft auf Argentinien und bei mir kommen die Erinnerungen an Argentiniens Kombinationsfußball, Riquelmes viel zu frühe Auswechslung, Kloses Ausgleich, Lehmanns Zettel im Stutzen und die Handgreiflichkeiten nach dem Spiel wieder hoch. Auch Bastian Schweinsteiger scheint sich bestens an das Spiel zu erinnern und gießt mit ein paar verallgemeinernden Aussagen über die argentinische Mentalität noch einmal etwas Öl ins Feuer. Der argentinische Fan nimmt also anderen im Stadion den Sitzplatz weg. Ungeheuerlich! Zum Glück verhalten sich die Fans unserer Mannschaft immer und überall völlig anständig, man frage mal bei Herrn Nivel nach. Das spielt für TAFKAS (The artist formerly known as Schweini) und seine Aussagen natürlich keine Rolle, denn hier geht es um gezielte Provokation vor einem Fußballspiel und nicht um Kulturanthropologie.

Viel interessanter als das verbale Vorgeplänkel ist ein Blick auf die beiden Teams, die ihre jeweiligen Achtelfinalbegegnungen (jeweils begünstigt durch eine grobe Fehlentscheidung des Schiedsrichters) souverän gewonnen haben. Während Deutschland gegen England ein spielerisches Feuerwerk abbrannte und nur kurzzeitig vor und nach der Pause ins Wanken geriet, hatte Argentinien gegen Mexiko eine härtere Nuss zu knacken. Das 3:1 am Ende spiegelte kaum die gezeigten Leistungen wider, doch die Mexikaner taten sich unglaublich schwer damit, gute Angriffen in veritable Torchancen umzuwandeln. Argentinien kann im Angriff dagegen auf eine hervorragende Auswahl an Spielern zurückgreifen, die allesamt vor dem Tor eiskalt sind. Da ist es selbst zu verschmerzen, dass Lionel Messi bislang nicht getroffen hat.

Wer nun am Samstag ein Offensivspektakel erwartet, dürfte wieder einmal enttäuscht werden. Denn auch wenn beide Mannschaften sich kaum ganz auf ihre Defensive verlassen können, werden sie sich hüten, dem Gegner auch nur annähernd so viel Platz zu lassen, wie England es beispielsweise gegen Deutschland tat. Gegen Australien, England und auch teilweise gegen Ghana ging Löws Taktik bislang auf. Bei den verbleibenden Gegnern kann ich mir kaum vorstellen, dass noch ein Team Mesut Özil so vernachlässigen wird. Bei Argentinien wird er in Mascherano einen unbequemen Gegenspieler finden. Wenigstens nicht Cambiasso, mag man denken. Özil wird also wie gegen England viel rotieren müssen, um seinen Gegenspieler von seiner Position wegzulocken. Im Zusammenspiel mit Müller war das eine tötliche Waffe gegen die Engländer. Dazu hat man vorne endlich wieder einen Klose in Topform. Gegen England war das schon wieder sehr nah an dem Niveau, mit dem er 2006 Torschützenkönig wurde.

Auf Schweinsteiger und Khedira kommt der bislang schwerste Test bei dieser WM zu. Die Schlüsselfrage dabei wird sein: Wer kümmert sich um Messi? Bislang war Schweinsteiger der Defensivere der beiden, doch er ist mehr ein Lenker als ein Zerstörer. Es könnte auch sein, dass Löw Khedira defensiver spielen lässt, damit Schweinsteiger sich mehr um das Aufbauspiel kümmern kann. Dann fehlen Khediras Läufe in die Spitze jedoch als Überraschungsmoment. Nach dem Spiel gegen einen richtig guten offensiven Mittelfeldspieler wird man wissen, ob Deutschlands Defensivduo im Mittelfeld wirklich so gut ist, wie es bislang erscheint. Argentinien spielte in den letzten Spielen ein 4-4-2 mit Raute, bei dem Messi die offensivste Position einnimmt. Diese Formation – für Werderanhänger nichts neues – ist auf ein Übergewicht im zentralen Mittelfeld ausgerichtet. Das hat zur Folge, dass die argentinischen Außenverteidiger eigentlich weit aufrücken müssten, um im Angriffsdrittel für die nötige Breite zu sorgen. Das tun sie jedoch nur sehr selten. Für Müller und Podolski bedeutet dies einerseits, dass sie nicht viel Platz für ihre Flügelläufe bekommen werden und andererseits, dass weniger Defensivarbeit auf sie zu kommt. Die Deutschen Außenverteidiger haben bei diesem System keine direkten Gegenspieler, werden aber immer wieder von Messi auf die Probe gestellt werden, der gerne über die Flügel ausweicht. Um Phillipp Lahms Offensivdrang wird sich Carlos Tevez kümmern, der sich nicht scheut weite Wege mit nach hinten zu gehen. Jerome Boateng könnte hingegen mehr Platz haben, doch es ist fraglich, ob er sich häufiger mit nach vorne traut.

Kann Deutschland diesen Gegner schlagen? Mit schnellem, direktem Offensivspiel kann man der argentinischen Defensive sicher besser beikommen, als mit hohen Bällen und physischer Härte. Solange Özil sich nicht komplett aus dem Spiel nehmen lässt, sollte es zu einigen guten Chancen reichen. Lässt man sich von den Argentiniern zu sehr hinten rein drängen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die individuelle Klasse der Offensivspieler zum Torerfolg führt. Dafür ist die deutsche Viererkette zu behäbig. Auch wenn Mertesacker sich gegen England deutlich gesteigert hat, wirkt er immer noch verunsichert und allein diesen Umstand werden die Argentinier ausnutzen. Andersherum kann man das aber auch von Martin Demichelis in der argentinischen Innenverteidigung sagen. Trotzdem ist Argentinien insgesamt die etwas bessere Mannschaft und vor allem in der Offensive mit absoluten Weltklassespielern besetzt. Ich traue der deutschen Mannschaft dennoch einen Sieg zu, wenn sie sich defensiv weiter festigen und offensiv die bisher gezeigten Stärken erneut ausspielen kann.

Faszinierend dürfte das Spiel sowohl aus taktischer wie auch aus spielerischer Hinsicht werden, wenn beide Teams an die eigene Stärke glauben. Es könnte jedoch auch sein, dass beide Mannschaften aus Angst vor eigenen Fehlern und fehlendem Vertrauen in die Defensive nur wenig riskieren und wir ein Spiel mit angezogener Handbremse erleben. Letztlich sind sich beide Mannschaften in den jeweiligen Mannschaftsteilen sehr ähnlich. Als einziger größerer Unterschied ist das Flügelspiel zu nennen, wo bei Deutschland Müller und Podolski von den Außen nach innen ziehen, während bei den Argentiniern keine nominellen Außenstürmer im Kader sind und dafür Tevez und Messi auf die Flügel ausweichen. Mein Tipp: 3:2 für Argentinien. Don’t jinx it!

WM 2010: Nach Ghana und vor England

Ghana – Deutschland 0:1

Zittersieg, sagen viele. Gezittert wurde nur bis zum 1:0, danach war das Spiel gelaufen. Ghana tat wenig, um das Spiel noch zu drehen. Der Rückstand der Serben brachte dann die Gewissheit, dass es reichen würde. Es war nicht die Art Spiel, bei der es um Eleganz und spielerische Finessen geht, sondern um Effizienz. Es gibt nicht viele Spieler, die es sich erlauben können, eine solche Torchance zu vergeben, wie Mesut Özil in der ersten Hälfte. Beim Führungstor zeigte er seine ganze Klasse. Lässt man ihm in Strafraumnähe Raum (und damit Zeit), wird man bestraft. Der Schuss war großartig, einer der besten im Turnier bislang. Er ist Beleg der Entwicklung, die Özil in den letzten zwei Jahren durchgemacht hat.

Zwar ist seine Körpersprache noch immer die eines Schönwetterfußballers, doch man sollte sich davon nicht täuschen lassen. Wie im Mai auf Schalke war Özil eigentlich lange nicht wirklich präsent im Spiel. Scheinbar entnervt schlägt er dann eiskalt zu, wenn sich die Gelegenheit bietet. Capello wird wissen, dass seine Engländer ihm diese Gelegenheit nicht geben dürfen. Ghana hat mit Annan einen der besten defensiven Mittelfeldspieler des Turniers in seinen Reihen, doch stellte ihn Özil nicht als direkten Gegenspieler auf die Füße, sondern presste auf das defensive Mittelfeld um Bastian Schweinsteiger, den (mittlerweile) stillen Lenker. Während Özil schon jetzt eine Ausnahme in der deutschen WM-Geschichte ist, hat sich Schweinsteiger genau zu dem Typ Spieler entwickelt, der deutsche Teams schon immer ausgezeichnet hat: Der ballsichere Taktgeber vor der Abwehr. Früher in Gestalt des Libero (Beckenbauer, Matthäus, Sammer), später als defensive Mittelfeldspieler (Hamann, Ballack). Diese Tradition führt Schweinsteiger nun fort. Er spielt unauffällig, ruhig, mit Übersicht. Von seiner Position aus gewinnt man keine Spiele, aber man formt das Gesicht einer Mannschaft.

Die Gegner in der Vorrunde schienen sich nicht ganz sicher zu sein, welchen der beiden Regisseure man stoppen muss. Australien und Ghana probierten es mit Pressing auf die defensiven Mittelfeldspieler. Mesut Özil hatte dadurch den Platz zwischen Mittelfeld und Abwehrkette, den er braucht. Australien bestrafte er mit einer Galavorstellung. Gegen Ghana kam er weniger gut ins Spiel, doch letztlich gab auch hier der ihm gebotene Platz den Ausschlag für den Sieg. Serbien versuchte es eine Nummer defensiver, stellte Özil mit Stankovic einen direkten Bewacher auf die Füße und verlagerte die Verantwortung so auf die Außenpositionen der deutschen Mannschaft. Dies scheint mir momentan die effektivere Taktik gegen Deutschland zu sein. England spielt jedoch bevorzugt im 4-4-2 mit Barry und Lampard in der Zentrale. Bei dieser Ausrichtung wird Barry Schwerstarbeit verrichten müssen, um Özil im Griff zu behalten.

Das deutsche Flügelspiel bleibt mir ein Rätsel. Alles was im ersten Spiel so gut geklappt hat, ist Schritt für Schritt zur Problemzone geworden. Während Müller, der seine Stärken eher in der Mitte hat, an der rechten Außenlinie klebt, zieht Podolski bei jeder Gelegenheit in die Mitte. Hier frage ich mich, ob das Anweisung ist oder taktische Naivität. Im ersten Fall verstehe ich nicht, warum Podolski nicht auf der rechten Seite spielt, von wo aus er seinen guten Linksschuss besser einsetzen kann (zumal mit Lahm ein Außenverteidiger auf der Seite spielt, der ständig hinterläuft und so die Außenposition besetzt). Ist letzteres der Fall, hätte Löw Podolski längst aus der Mannschaft nehmen müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Löw die offensiven Außen im Spiel gegen England neu besetzt, daher wird es nun verstärkt darauf ankommen, dass es auf Podolskis Position nicht zu großen Lücken kommt (um Müller mache ich mir keine Sorgen), erst recht wenn Schweinsteiger ausfallen sollte, der dort bislang viele Löcher gestopft hat.

Eine weiteres Problem ist in der deutschen Hintermannschaft zu finden und es gefällt mir überhaupt nicht. Per Mertesacker war gegen Ghana der Schwachpunkt. Dass er auf dem Boden gegen kleine, quirlige Stürmer Probleme hat ist nichts Neues, aber die Wackler im Stellungsspiel und auch in der Luft ist man so nicht von ihm gewohnt. Bislang konnte das Team im Verbund die individuellen Fehler noch ganz gut kompensieren, vor allem dank Arne Friedrich. Gegen stärkere Gegner, die vor dem Tor kaltblütiger agieren als die Ghanaer, könnte das schwer werden. Fragt sich bloß, ob England in der momentanen Verfassung ein solcher Gegner ist.

WM 2010: Deutschland – Serbien

Deutschland – Serbien 0:1

Eine Niederlage gegen Serbien und man fragt sich warum. Waren die Serben jetzt wirklich so stark? Abgesehen von einer guten defensiven Organisation und dem naheliegenden Wechsel zu einer 4-5-1-Formation habe ich nicht viel Beeindruckendes gesehen auf Seiten des Gegners. Zigic ist durch seine Größe eine imposante Erscheinung und sorgte auch einige Male im Spiel für Gefahr (zumal wiederholt gegen Lahm im Kopfballduell!!!). Ansonsten klemmte es mächtig im Offensivspiel der Serben. Dass Badstuber gegen einen wuseligen Außenspieler Probleme bekommen würde, war schon vor der WM klar. Er bekam Krasic nicht in den Griff, was ich eher auf seine Unzulänglichkeiten, denn auf eine herausragende Leistung des Serben zurückführe. Einiges hätte hier für eine Einwechslung Aogos gesprochen.

Deutschland hatte die eigene Defensive bis zum Platzverweis ebenso gut im Griff, war nach vorne aktiver, tat sich aber enorm schwer, gegen die drei defensiv ausgerichteten Mittelfeldspieler Durchschlagkraft zu entwickeln. Der Schiedsrichter trug mit seiner kleinlichen Linie und seinen unsinnigen Verwarnungen dazu bei, das eigentlich faire Spiel in eine unschöne Richtung zu lenken. Die gelb-rote Karte gegen Klose war meiner Meinung nach deutlich zu hart, vor allem die erste Gelbe ein schlechter Witz. Ein erfahrener Spieler sollte sich vielleicht besser im Griff haben, wenn er schon verwarnt ist, aber wie soll die Lehre bei solch einem Schiedsrichter aussehen? Bloß den Zweikampf meiden, damit es mich nicht erwischt? Etwas weiter gedacht, können die gelben Karten für das Achtelfinale – sofern man es erreicht – bitter werden. Im Alles-oder-nichts-Spiel gegen Ghana könnte man sich leicht eine weitere Gelbe und damit ein Spiel Sperre einfangen. Auch wenn der Platzverweis das Spiel zweifellos entscheidend beeinflusst hat, gab es für das deutsche Team genügend Möglichkeiten, mehr aus dem Spiel herauszuholen.

Beim 10 gegen 11 hielt Löw lange an der ursprünglichen Formation fest, mit Özil an vorderster Front und den Flügelspielern Müller und Podolski, die bei Ballbesitz die diagonalen Wege in die Spitze suchen sollten. Damit entging Özil zwar etwas der direkten Bewachung durch Stankovic, was sich in einer auffälligeren Leistung in Halbzeit 2 bemerkbar machte, doch es fehlten die Anspielstationen vor ihm. Lediglich Podolski zog mit seinen Sprints immer wieder an Ivanovic vorbei Richtung Strafraum und hatte so Anteil an Özils beiden besten Szenen um die 60. Minute herum. Leider zeigte sich Podolski nicht sonderlich zielsicher und verfehlte mit seinen Abschlüssen ein ums andere Mal das Tor. Der einzige Schuss, der das Ziel traf, war der Elfmeter, der leider weder hart geschossen noch sonderlich schwer für den Torhüter zu erahnen war. Die Enttäuschung war ihm im weiteren Spielverlauf deutlich anzumerken.

Umso ratloser machen mich daher Löws Auswechslungen. Anstatt spätestens jetzt auf 4-3-2 umzustellen, beließ es Löw beim 4-2-3/4-4-1-System und brachte Cacau für Özil.* Damit war der Spieler, der die durchstartenden Flügelspieler mit Abstand am besten in Szene setzen kann, draußen und das Kreativspiel weitgehend eingestellt. Özil hatte nicht annähernd so viele lichte Momente, wie gegen Australien, aber in seiner Position kann man das gegen gut organisierte Gegner auch nicht erwarten. Der lange Flachpass auf Podolski war die beste deutsche Offensivaktion und der kam von Özil. Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer und zu der taktisch fragwürdigen Entscheidung kamen ein Totalausfall von Cacau und viel zu wenige Läufe zur Grundlinie des eingewechselten Marin hinzu. Die späte Umstellung auf eine Dreierkette hinten und Gomez Einwechslung für Badstuber konnten am Ende auch nichts mehr bewirken, zumal sich Marin und Podolski links auf den Füßen standen, während rechts Lahm allein auf weiter Feld und Flur war.

Was nimmt man aus dieser Niederlage mit? Zum Glück kam sie im zweiten Spiel, wo man noch Lehren aus ziehen kann und nicht schon im Flieger nach Hause sitzt. Zum einen weiß man spätestens jetzt, wie taktisch naiv Australien agiert hat und dass dies sicher keinem weiteren Gegner bei diesem Turnier passieren wird. Offensiv hat Deutschland vieles gut gemacht, Podolski hat gute Laufwege, muss seine Abschlüsse aber aufs Tor bringen. Das Turnier hat gezeigt, dass auch vermeintlich haltbare Bälle die Torhüter vor Probleme stellen. Özil wird wenig Platz bekommen, was die Rolle von Sami Khedira als Verbindungsmann zwischen Defensive und Offensive aufwertet. Mit seinen Vorstößen kann er für Überraschungsmomente sorgen und vielleicht auch Özil den nötigen Raum (und damit die nötige Zeit) verschaffen, damit dieser sich drehen und den entscheidenden Pass spielen kann. In Kloses Abwesenheit gegen Ghana muss sich zudem Cacau im Vergleich zu heute deutlich steigern, dann behält er den Platz vielleicht bis zum Ende der WM.

Ein wirklicher Test für die deutsche Defensive steht noch an, da war auch Serbien kein Gradmesser. Auch wenn das Turnier bislang keine Sternstunde des Angriffsfußballs war, werden im Laufe des Turniers noch Gegner kommen, die sich in der Offensive nicht nur auf die (Körper-)Größe ihres Mittelstürmers und die Schwäche des gegnerischen linken Verteidigers verlassen. Zunächst ist es jedoch erst einmal wichtig, das Weiterkommen gegen Ghana sicherzustellen. Dafür reicht vermutlich ein Unentschieden, mit einem Sieg sollte man mit großer Wahrscheinlichkeit Gruppensieger werden. Ghana ist entgegen des europäischen Klischees eine disziplinierte und taktisch hervorragend eingestellte Mannschaft. Falls Ghana morgen keinen Kantersieg gegen Australien herausschießt, werden sie gegen Deutschlanf einen Sieg brauchen, um weiterzukommen. Das sollte den Deutschen in die Hände spielen. Allerdings hatte man das vor dem Spiel gegen Serbien auch gedacht.

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*Ich hätte es bevorzugt, wenn Özil auf seiner Position als offensiver Mittelfeldspieler geblieben wäre, und dafür Podolski und Müller in etwas zentralere und offensivere Positionen gerückt wären. Die zusätzliche Laufarbeit bei Vorstößen der  gegnerischen Außenverteidiger hätte ich den beiden zugetraut (bzw. sie hätte ggf. später durch Auswechslungen aufgefangen werden können). Dafür hätte man im Angriffsspiel mehr Präsenz gezeigt und die Viererkette der Serben richtig unter Druck setzen können. Zudem wäre man im Mittelfeld nicht in Unterzahl geraten und hätte so Schweinsteiger und Khedira den Spielaufbau erleichtert. Das ist allerdings keinesfalls als Generalkritik an Löw zu verstehen, denn hinterher und vor dem Fernseher analysiert sich ein Spiel immer leichter, als in der Hitze des Gefechts.

Update: Bin offenbar nicht der Einzige, der dass so sieht.

WM 2010: Deutschland – Australien

Deutschland – Australien 4:0

Ein bisschen verwundert habe ich mir schon die Augen gerieben. Ich hatte zwar damit gerechnet, dass Deutschland in der Offensive einen Gegner wie Australien ziemlich auseinander nehmen könnte, aber ich war schon überrascht, dass es gleich so ein überragender Auftakt wurde. Australien hat fünf Minuten lang mitgehalten, dann riss die deutsche Mannschaft erst die Ballkontrolle und wenig später das gesamte Spiel an sich. Das 4:0 war am Ende fast noch ein bisschen schmeichelhaft für die biederen Australier.

Genügend Sorgenkinder hatte es im Vorfeld des Spiels noch gegeben. Den in der Vorbereitung schwachen Klose, die Wundertüte Podolski und die unklare Besetzung des rechten Flügels. Die letztliche Startaufstellung hatte sich in der zweiten Halbzeit des Bosnien-Spiels herauskristallisiert. Wie erhofft konnten gestern tatsächlich alle Wackelkandidaten ein Ausrufezeichen setzen und ihre Nominierung rechtfertigen. Ein Sieg gegen Australien war im Vorfeld erwartet worden und alles andere wäre eine große Enttäuschung gewesen. Gegen solche Defensivbollwerke kann man sich aber auch ganz schön die Zähne ausbeißen und mir fallen spontan nicht viele Teams der deutschen WM-Geschichte ein, die Australien so spielend leicht zerlegt hätten.

Von den bisherigen WM-Teilnehmern hat keiner das 4-2-3-1 so variabel und offensiv eingesetzt, wie die deutsche Mannschaft. Klose ließ sich immer wieder fallen, um die Viererkette auseinander zu ziehen. Özil ging konsequent mit in die Spitze, spielte phasenweise vor Klose und die Flügelzange mit Podolski und Müller habe ich in dieser Form noch nie bei einer deutschen Nationalmannschaft gesehen. Beide mit grandiosen Leistungen, viel Zug zum Tor und darüber hinaus auch mit mehr als passablem Defensivpensum. Dazu kam noch ein Sami Khedira, der zwischendurch Sprints in die Sturmspitze einlegte und so die australische Defensive völlig überforderte. Es stimmte einfach alles. Auch das ruhige Aufbauspiel mit viel Ballgeschiebe innerhalb der Viererkette trug seinen Teil dazu bei, den Gegner zu verwirren, weil es sich mit Tempofußball im Angriffsdrittel abwechselte.

Die Defensivleistung mag man ob der australischen Ungefährlichkeit gar nicht richtig bewerten. Wie sicher ist die linke Seite mit Badstuber wirklich? Wie kommen Mertesacker und Friedrich mit technisch beschlagenen Stürmern klar? Wie sieht es um Podolskis taktische Disziplin gegen hoch aufrückende Außenverteidiger aus (um Müller mache ich mir da keine Sorgen)? Kann sich das zentrale Mittelfeld auch gegen Weltklasseteams behaupten? Die wirklichen Prüfungen werden noch kommen. Für den Moment freuen wir uns lieber über dieses Fußballfest und das Ausrufezeichen, dass die deutsche Mannschaft gesetzt hat.

Für Nebengeräusche sorgte ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die in der Halbzeitpause davon sprach, dass Kloses Tor “ein innerer Reichsparteitag” für ihn gewesen sei. Ich habe davon nur über Twitter erfahren, da ich das Spiel bei Sky geschaut habe. Die Formulierung mag nicht sonderlich klug gewählt sein*, aber den Vorwurf der Nutzung von “Nazi-Jargon” finde ich dann doch übertrieben. Da sollte eine einfache Erklärung der Moderatorin ausreichen (falls sie das nicht sowieso schon getan hat). Wegen der Äußerung ihre Entlassung zu fordern ist way over the line.

* Allein die Tatsache, dass etwas eine “geläufige Redewendung” ist, macht es noch lange nicht zu gutem Stil. Mir fallen spontan 3-4 “Redewendungen” ein, die ich niemals nutzen würde, weil sie rassistisch sind.