Teufelskerle

Champions League, Qualifikation, Rückspiel: UC Sampdoria – Werder Bremen 3:2 n.V.

Werder steht in der Champions League. Warum? Weil Werder Werder ist. Ein Spiel zum alle Haare einzeln rausreißen. Rausgerissen hat sich am Ende auch Werder. Am eigenen Schopf.

Dennoch war am Dienstag mehr als nur ein Haar in der Bremer Champions League Suppe zu finden. Werder spielte eine erste Halbzeit, die man eigentlich gegen keinen Gegner spielen darf, wenn man Profifußball betreibt. Es lief nichts, aber auch wirklich gar nichts zusammen. Kein vernünftiges Aufbauspiel aus dem Zentrum, kein Kombinationsspiel, keine gelungenen Soloaktionen von Marin auf der linken Seite, von Borowski sowieso nicht und erst recht keine Torgefahr von den Stürmern. Dazu nahm sich die Viererkette kollektive Auszeiten, in denen sie ihren Gegenspielern völlig planlos hinterherlief. Nach fünf engagiert geführten Minuten von Werder brach das fragile System in sich zusammen und brauchte eine gute Stunde, um wieder einigermaßen funktionstüchtig zu werden.

Werders 4-2-3-1 zog seine Stärken in der Offensive aus dem Wechselspiel zwischen Hunt, Özil und Marin, die trotz unterschiedlicher Anlagen doch alle variabel in der Mitte und auf den Flügeln agieren können. Mit Marin, Pizarro und Borowski hatte man drei völlig unterschiedliche Spielertypen, die die Positionen relativ statisch hielten und lange Zeit ihr eigenes Süppchen kochten. Wagner war alleine im Sturmzentrum überfordert, was man ihm kaum vorwerfen mag. Auch in der zweiten Halbzeit, als Werder sich peu a peu gegen ein passives Sampdoria zurück ins Spiel arbeitete, war das Fehlen einer ordnenden Hand deutlich erkennbar. Mit Arnautovics Einwechslung bekam Werders Offensivspiel mehr Gleichgewicht. Er hat zum ersten Mal richtig gezeigt, was für ein guter Fußballer er ist. Wenn Werder es schafft ihn richtig ins Team zu integrieren, dann wird er ein herausragender Spieler. Da sich auch Marin auf der anderen Seite nach einer unsäglichen ersten Halbzeit steigerte, kam Werder häufiger in die Angriffszone, ohne sich jedoch viele Torchancen herauszuspielen.

Sampdoria zeigte auf der anderen Seite, dass sie aus dem Hinspiel gelernt hatten. Das statische 4-4-2 wurde durch einige geschickte Rotationen aufgewertet, mit denen sich Werder lange nicht zurecht fand. Der linke Mittelfeldmann Guberti – neu im Team für den Flügelspieler Mannini – zog häufig in die Mitte, während sich Cassano nach außen fallen ließ. Clemens Fritz kam damit in der Anfangsphase überhaupt nicht zurecht und ohne den Platz (und die Zeit) aus dem Hinspiel hatten Frings und Bargfrede vor der Abwehr große Probleme beim Spielaufbau. Auf Sampdorias rechter Seite spielte Semioli einen wesentlich konservativeren Part auf der Außenbahn und wurde von Stankevicius häufig unterstützt. Bevor Werder sich so richtig auf Sampdorias System eingestellt hatte, stand es schon 2:0 für die Gastgeber. Pazzini ist ein wirklich sehr geschickter Strafraumstürmer, der nur schwer in den Griff zu bekommen ist. Dennoch ist die Lufthoheit des 180 cm Manns nur durch unzureichendes Stellungsspiel und Timing der Bremer Verteidiger zu erklären. Beim ersten Gegentor zögert auch Wiese zu lange. Die Flanke war sehr lange in der Luft, die hätte er abfangen können. Beim zweiten Gegentor hatte sich auch Clemens Fritz dann endgültig an das Niveau der restlichen Abwehr angepasst. Pazzini läuft ihm bei einem Freistoß im Rücken weg und darf im Strafraum mit dem Fuß zum Ball. Ein wirklich schöner Schuss, den man auf diesem Niveau aber niemals zulassen darf.

Werder verdiente sich die Verlängerung am Ende durch eine gute Schlussphase gegen deutlich nachlassende Italiener. Zumindest von der Einstellung her funktioniert die Mannschaft. Das 3:0 fünf Minuten vor dem Ende hätten viele Teams als endgültigen Knock-Out hingenommen. Werder bewies wie schon so oft in der letzten Saison große Moral und kam noch zum 1:3. Sampdoria kam nach Rosenbergs Tor nicht mehr zurück auf die Beine. In der Verlängerung dominierte Werder das Spiel um den nun überragenden Marin fast nach Belieben. Daher ist das Ergebnis nach insgesamt 210 Minuten gerecht, auch wenn man in Genua mit dem eigenen Schicksal hadern wird. Werder stolpert also in die Gruppenphase, fällt aber nicht. Vielleicht ist diese Erkenntnis für das Team ebenso wichtig, wie die erneut deutlich aufgezeigten Schwachpunkte.

Gegen Köln kann man sich nach dieser Partie fast alles vorstellen, von einer Fortsetzung des Hoffenheim-Debakels bis zu einem Schützenfest für Grün-Weiß. Werder scheint im Spätsommer 2010 noch in einer frühen Entwicklungsphase. Wohin die Reise geht? Die Achterbahnfahrt hat wohl gerade erst begonnen.

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    2 Gedanken zu „Teufelskerle

    1. Die Kritik an Wiese kann ich nicht ganz nachvollziehen, hab ich auch beim Live-Spiel nicht ganz verstanden. Der Ball wird ja nur bedingt quer zum Tor gespielt, mehr so von der Strafraumkante, insofern ist der Ball eigentlich erst in Reichweite (sowohl Höhe als auch Entfernung), als er Pazzini erreicht. Ich halte es fast für ausgeschlossen, dass ein Torwart in der Rückwärtsbewegung (vom kurzen Pfosten kommend), so einen Ball gut koordiniert wegfausten kann. Dann doch lieber auf der Torlinie bleiben, da stolpert er wenigstens nicht rückwärtslaufend über einen Verteidiger.
      Imho hätte er den Ball auf der Linie aber in 7 von 10 Spielen gehalten, aber nun gut.

    2. Hab mir das Tor noch ein paar Mal angeschaut. Cassano spielt den Ball direkt rein, von daher hast du vielleicht recht, weil nicht viel Zeit zum Antizipieren bleibt. Grundsätzlich denke ich aber schon, dass ein Torwart auch bei solch einer Flugkurve rauskommen kann, wenn er den Ball rechtzeitig sieht. Ob Wiese dafür der geeignete Spieler wäre, steht sowieso auf einem anderen Blatt. Und ja, auch auf der Linie sollte er den eigentlich abwehren können.

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