Party like it’s 2004

Champions League Qualifikation, Hinspiel: Werder Bremen – UC Sampdoria 3:1

So darf eine Saison gerne losgehen. Dem zwar einigermaßen souveränen, aber wenig überzeugenden Auftritt gegen Ahlen folgte gegen Sampdoria eine Leistung, die man in dieser frühen Phase der Saison noch nicht erwarten konnte. Werders Spielweise gestern erinnerte an die Spielweise der Ära-Micoud, wenn dieser mal nicht dabei sein konnte. Die Verantwortung war auf viele Spieler verteilt und besonders das Mittelfeld wirkte sehr ausgewogen. Keine Spur mehr von fehlender Balance zwischen Offensive und Defensive. So konnte man gegen einen erwartet starken Gegner das Spiel über weite Strecken kontrollieren, ohne jedoch eine Vielzahl hochkarätiger Chancen herauszuspielen.

Bis zur Halbzeit war es ein engagierter und geduldiger Auftritt, mit gelegentlichen Wacklern in der Viererkette. Prödl und Pasanen je einmal mit einem Katastrophenpass im Aufbau und ein kollektiver Tiefschlaf bei einer schlauen Freist0ßfinte durch Palombo, doch ansonsten sah Werder auch gegen die gut strukturierten Gegenstöße Sampdorias meistens gut aus. Das 0:0 war zu diesem Zeitpunkt trotzdem leistungsgerecht, weil Werder es versäumte, sich gute Abschlussmöglichkeiten zu erspielen. Durch die Mitte kam man nicht ans Ziel, weshalb es die Grün-Weißen häufig mit Fernschüssen und Flanken von außen probierte. Werders beste Chance in Halbzeit 1, Almeidas Kopfball an die Latte, kam jedoch durch einen tollen Pass von Clemens Fritz in die Nahtstelle der Viererkette zustande. Ansonsten verteidigte Sampdoria sehr sicher und gut organisiert, weshalb solche Situationen die Ausnahme blieben.

In der zweiten Hälfte hatte Werder Glück, dass Sampdoria mit einem Fehler entgegen kam und Tissone den Ball für Fritz perfekt auflegte. Dessen Schuss mit links in den Winkel war phänomenal, den hätte auch Robben nicht besser hinbekommen. Nach dem Tor spielte Werder wie gewohnt weiter nach vorne und behielt zunächst auch die Spielkontrolle. Sampdoria versuchte in der Folge jedoch ebenfalls mehr nach vorne zu spielen und brachte mit Poli und Guberti zwei neue Spieler. Gefährlich wurde es meistens über Cassano, der ein gutes Spiel machte, aber mit zunehmender Spieldauer immer ungeduldiger und damit unkonzentrierter wurde. Fünf Minuten lang wirkte Werder verunsichert, was Pazzini mit seinem Pfostenschuss fast bestraft hätte. Danach kam wieder Sampdoria den Bremern entgegen und Werder nutzte die Situation eiskalt aus. Erst verwandelte Frings den Elfmeter nach Lucchinis Foul an Prödl und nur zwei Minuten später kombinierten sich Fritz, Pizarro und Almeida mit Doppelpässen durch Sampdorias dezimierte Hintermannschaft. Pizarro schloss den schönsten Angriff des Spiels mit einem abgefälschten Schuss ins kurze Eck ab.

Danach schien das Spiel gelaufen. Werder verwaltete geschickt und brachte mit Boenisch, Marin und Arnautovic drei Spieler, die noch nach ihrer Bestform suchen. Hätte Werder in dieser Phase noch etwas konsequenter den Abschluss gesucht, wäre das Ergebnis vielleicht noch höher ausgefallen. Wichtiger war es jedoch, hinten die Null zu halten. In der letzten Minute durfte Stankevicius aus dem Halbfeld flanken und Pazzini erzielte unbedrängt von Mertesacker per Kopf den Anschlusstreffer. Aus Werdersicht ein ärgerlicher und vermeidbarer Gegentreffer, auch wenn sich Sampdoria ein Tor verdient hatte. Pazzinis Kopfballstärke ist bekannt, aber von einem Spieler wie Mertesacker darf man in dieser Situation schon ein besseres Stellungsspiel erwarten. Das Ergebnis ist immer noch eine gute Ausgangslage für das Rückspiel am Dienstag in Genua, aber für Sampdoria braucht es nun kein Fußballwunder mehr, sondern “nur” ein 2:0. Sollte Werder die Leistung aus dem Hinspiel einigermaßen konservieren können, braucht man sich aber keine großen Sorgen zu machen. Vor eineinhalb Jahren hat man sich im UEFA-Cup gegen Udinese Calcio in eine fast identische Situation gebracht und musste im Rückspiel lange zittern. Eine ähnliche Zitterpartie bleibt uns diesmal hoffentlich erspart.

Werders Mittelfeld hat mich gestern auf allen vier Positionen überzeugt, während die Stürmer einen schweren Stand hatten, jedoch mit großer Einsatzfreude agierten. Die Viererkette zeigte hingegen einige Mängel. Hier war nur Fritz voll auf der Höhe und bestätigte seine starke Form. Prödl hat noch ein paar Probleme, zeigt jedoch seine guten Ansätze. Mit zunehmender Matchpraxis wird er hoffentlich auch die Nervosität ablegen können. Arnautovic und Marin werden es zunächst schwer haben in die erste Elf zu rücken, gerade wenn es beim 4-4-2 mit Raute bleibt. Allerdings liegt es auch an ihnen, dieses zu ändern. Mit Marin und Arnautovic in Topform bietet sich ein 4-2-3-1 geradezu an. Werder kann sich glücklich schätzen diese Spieler im Kader zu haben, denn gestern wurde auch deutlich, dass das Kombinationsspiel in dieser Formation sehr gut klappt, jedoch häufig die unerwartete, geniale Einzelaktion fehlt, um einen Angriff gegen einen gut organisierten Gegner zum Abschluss zu bringen. Das war auch ein Manko der Micoud-Ära, wenn der große Meister mal fehlte.

Was gestern ebenfalls deutlich wurde: Der große Unterschied zwischen Diego und Özil. Während Diego das Werderspiel beherrschte, das gesamte Spiel ab Zeitpunkt des Ballgewinns auf sich zog, war mit Özil die Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt. Vor einem Jahr spielte Werder erst richtig überzeugend, als neben Özil auch Hunt und später Marin in Form waren und Verantwortung übernahmen. Zwar war auch Özil ein zentraler Spielgestalter, nur war das Spiel viel weniger auf ihn zugeschnitten. Hunt fehlt noch etwas das Timing für den entscheidenden Pass, aber ansonsten konnte er gestern fast nahtlos in Özils Rolle schlüpfen. Diegos Dominanz war Fluch und Segen zugleich für Werder.* Langfristig ist es für ein Mannschaft aber besser, nicht zu abhängig von einem Spieler zu sein. Bei allen Fähigkeiten, die Özil hat, war Werder mit ihm nie ein Ein-Mann-Team. Deshalb wundert es mich nicht, dass Werder nach seinem Weggang nicht in ein temporäres Leistungsloch fällt. Dennoch habe ich mit so einem starken Auftritt nicht gerechnet.

Unterm Strich steht deshalb ein sehr erfreuliches Ergebnis, das die Vorfreude auf die Bundesligasaison noch erhöht hat.

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* Für mich sind das allerdings auch die Gründe, warum Diego auf vielen seiner bisherigen Stationen Probleme hatte. Er braucht diese herausragende Stellung in der Mannschaft, um seine Leistung voll abzurufen. Özil scheint mir da aufgrund seiner hohen Spielintelligenz anpassungsfähiger. Deshalb traue ich ihm auch eine erfolgreichere internationale Karriere zu. Das aber nur am Rande.

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