Squirrel!

Champions League, 1. Spieltag: Werder Bremen – Tottenham Hotspur 2:2

Ein Heimsieg gegen Tottenham wäre ein perfekter Start und wichtig für den weiteren Verlauf dieser Gruppenphase gewesen. Nach einer halben Stunde schien selbst ein Unentschieden nicht mehr im Bereich des Möglichen. In dieser Rolle fühlt sich Werder allem Anschein nach am wohlsten und holte am Ende ein 2:2, das mehr Fragen offen lässt als es beantwortet.

Fehler im System oder nur in der Umsetzung?

Das 4-4-2 mit Raute sollte es im Heimspiel wieder einmal richten. Es zeichnet sich langsam ab, dass dies momentan Schaafs Vorstellung ist: Zuhause die Raute und auswärts das 4-2-3-1. Tottenhams Trainer Redknapp hatte schon vor dem Spiel die Lehren aus Werders Heimsieg gegen Sampdoria und der eigenen Pleite in Bern gezogen und sein System vom klassischen 4-4-2 auf eine Art 4-5-1 umgestellt. Huddlestone gab dabei einen sehr tief stehenden Ausputzer vor der Abwehr und vor ihm spielten vier Spieler leicht versetzt: Jenas in der Mitte (der einen guten Job machte, abwechselnd auf Werders Aufbau zu pressen und Räume zuzulaufen), Lennon auf rechts, Bale auf links etwas offensiver und van der Vaart überall zwischen den Linien. Es lässt sich im Nachhinein nicht einmal sagen, ob diese Taktik Werder den Zahn gezogen hat, denn von Anfang an war das Bremer Mittelfeld nicht richtig sortiert.

Werder begann das Spiel, wie schon so oft in letzter Zeit: Unkonzentriert und fehlerhaft. Thomas Schaaf hatte vor dem Spiel auf die Frage, ob Werder mit Raute spiele geantwortet: “Wenn wir es hinkriegen.” Sie kriegten es nicht hin. Wesley machte seine Sache auf der linken Seite der Raute insgesamt gut, doch ihm fehlt noch etwas die Abstimmung mit den Kollegen. Auf der anderen Seite musste Bargfrede immer wieder Fritz gegen den überragenden Bale unterstützen. Marin zog es wie zu erwarten immer wieder auf die linke Außenbahn, so dass hinter den Spitzen ein großes Loch klaffte, das Frings nach dem Rückstand immer wieder zu schließen versuchte. So fehlten schon im Aufbau für die Innenverteidiger die Anspielstationen. Erst nach der Einwechslung von Hunt für Bargfrede und der Systemumstellung auf 4-2-3-1 bekam Werder einen Dreh in das Spiel.

Wichtiger Rollentausch

Es ist vielleicht die entscheidende Stärke von Werder, auch nach desaströsen Auftritten noch irgendwie zurück in die Spur zu finden und aus bereits verloren geglaubten Spielen noch etwas mitzunehmen. Almeidas Anschlusstreffer war zur Pause schmeichelhaft, doch vor allem ein Zeichen dafür, dass die Umstellung die richtige Entscheidung war. Hunt spielte die Rolle im zentralen offensiven Mittelfeld um Längen besser als Marin, der dafür vom linken Flügel seine Stärken ausspielen konnte. Werder ersparte sich zudem eine Zitterpartie, da Marin schon kurz nach der Pause den Ausgleich erzielte und bei den Spurs van der Vaart verletzt ausgewechselt werden musste. Mit Keane kam ein zweiter Stürmer, den Werder besser im Griff hatte als den Holländer. Das defensive Mittelfeldduo Frings und Wesley machte seine Sache ganz gut, dafür dass man während des Spiels umstellen musste. Wesley hat nun in zwei Spielen auf drei unterschiedlichen Positionen gespielt und auf jeder gute Ansätze gezeigt. Allerdings war er auf keiner von ihnen so stark, dass man sagen kann: Das ist es! Er braucht sicherlich weitere Eingewöhnungszeit und es werden noch Gegner kommen, die sich zum Einspielen besser eignen als Bayern und die Spurs.

Was mich am meisten überraschte, war die Tatsache, dass Mikael Silvestre auf seiner Seite gegen den doppelt so schnellen Lennon deutlich weniger Probleme hatte, als Fritz mit den Flankenläufen von Bale. Für Werder war es ein Glück, denn da auch Fritz sich zurück ins Spiel kämpfte, konnte die Bedrohung über außen in der zweiten Hälfte in Grenzen gehalten werden. Nach dem Ausgleich hatte Werder das Spiel eine Viertelstunde lang im Griff, bis sich Tottenham aus der Umklammerung löste und wieder eigene Chancen herausspielte. Das Siegtor hätte beiden Mannschaften gelingen können, doch letztlich war kein Team konsequent genug vor dem Tor. Das Unentschieden war daher für beide Mannschaften am Ende verdient, was für Werders Steigerung in der zweiten Hälfte spricht. Das Ergebnis spricht insgesamt aber eher für die Spurs, die nun zumindest im direkten Vergleich schon ein kleines Plus stehen haben. Die Gruppe könnte am Ende enger werden als vorher erwartet, doch Favorit auf den Sieg ist Werder eigentlich nur noch im Heimspiel gegen Twente Enschede. Für diese Mannschaft muss das aber kein Nachteil sein.

Warum fehlt die Konzentration?

Welche Erkenntnisse bringt das Spiel? Marko Marin ist kein Spielmacher, doch das hätte Schaaf schon vorher klar sein müssen. In der Kombination aus Formation und Personalauswahl hat er sich verzockt und seinen Fehler zum Glück nach 35 Minuten korrigiert. Die verfehlte Taktik kann jedoch nur eine Teilerklärung für Werders unglaubliche Passivität in der ersten halben Stunde sein. Ähnliche Situationen kommen so häufig vor, dass man eher auf ein generelles Problem mit der Konzentration schließen kann. Vielleicht ist Werder wie der Hund aus dem Film Up.* Es ist endlich wieder Champions League, das Flutlicht ist an, die Hymne erklingt, jeder will alles besonders gut machen, ist voll konzentriert auf seine Aufgabe. Und dann kommt das Eichhörnchen. Wer hat das bloß mit ins Stadion gebracht?

* Die Idee habe ich aus dieser Folge der Daily Show übernommen.

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    5 Gedanken zu „Squirrel!

    1. Ich glaube, Tottenham hat sich schon vor dem Spiel bewusst überlegt, über die Seite von Fritz zu kommen. Man wusste, dass dieser in der Defensive manchmal zu langsam ist und hat dementsprechend schon im Mittelfeld viele Bälle nach links gespielt. Auffällig war deshalb auch, dass vdV oftmals halblinks war, um genau auf dieser Seite Druck zu machen.
      Ansonsten ein klasse Bericht, den ich nur unterschreiben kann!

    2. @Tobstar:
      Ich halte (teilweise) dagegen: Fritz dürfte wesentlich schneller als Silvestre sein. In Sachen VDV geb ich dir Recht, denn er ist auf links einfach stärker als auf rechts. Dazu kommt m.E., dass Bale auf rechts gestern einfach WESENTICH stärker war als Lennon auf links.
      Zu dem Konzentrationsproblem: Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen Werder von Anfang an im Spiel war. Phasenweise war das sogar eine Qualität. Ich würde ein konsequentes Pressing in den ersten 10-15 Minuten anstreben, damit dem Gegener die Luft zum Atmen genommen wird. Funktioniert hat diese Taktik z. B. im Spiel in Bayern. Hier war Werdwer direkt im Spiel und nach 15 Minuten zumindest Punktsieger.

    3. @Matze: Das mit dem Pressing funktioniert aber eben nur mit der dazugehörigen Konzentration. Und die war ja eben gestern nicht da. Ansonsten läuft man Gefahr, dass das Pressing ins Leere geht und man offen ist wie ein Scheunentor. Prinzipiell denke ich nicht, dass es gestern daran gelegen hat, kein Pressing gespielt zu haben, sondern dass es mehr als 30 Minuten gedauert hat, bevor die Mannschaft am Spiel teilgenommen hat.

    4. @Stephen: Ich gebe dir Recht, Pressing klappt wirklich nur, wenn jeder konzentriert ist. Aber als alter Fußballer weiß ich, dass ich immer dann besonders konzentriert war, wenn es hieß, dass am Anfang gepresst wird. Da muss JEDER seine Aufgabe erfüllen, sonst Scheunentor. Meist hat das dann auch geklappt. Ich sehe eine Art Kettenreaktion innerhalb der Mannschaft, wenn der eine sieht, dass der andere läuft, weiß er was die Stunde geschlagen hat… Zuwenig “man soll nicht von sich auf Andere schließen”?

    5. Mit dem Pressing in den Anfangsminuten sind wir in den letzten Jahren ja auch des öfteren auf die Nase gefallen. Ich kann mich gerade in der vorletzten Saison an einige Spiele erinnern, in denen Werder losgelegt hat wie die Feuerwehr und nach den ersten Fehlpässen schon nach 3-4 Minuten völlig eingebrochen ist. Mir wäre es eigentlich lieber, wenn man die Anfangsminuten dazu nutzt den Gegner auszugucken, das Kombinationsspiel in Gang zu setzen und Sicherheit zu gewinnen. Die Bayern machen das unter van Gaal fast ausschließlich so. Gegen so einen Gegner ist es dann schon ein gutes Mittel in der Anfangsphase durch aggressives Pressing und hohes Tempo für Konfusion zu sorgen. Ansonsten habe ich bei Werder das Gefühl, dass man damit eher sich selbst schadet. Mir fehlt bei Werder ein wenig das Gespür für die Form des Gegners. Ist er gut drauf? Ist er verunsichert? Kann man ihn überrennen oder ist Geduld gefragt? Vielleicht bräuchte es dazu auch einfach noch etwas mehr Vertrauen in die eigene Stärke.

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